Martin Compart


ALIBI – EINE LEGENDE VERSCHWINDET UND EIN MYTHOS ENTSTEHT by Martin Compart
25. September 2012, 8:31 am
Filed under: Bücher, Crime Fiction, Krimis, Manfred Sarrazin, NEWS | Schlagwörter: , ,

Nun ist es doch passiert: Die Kölner Krimi-Buchhandlung ALIBI (eine der beiden ältesten in Deutschland) schließt die Pforten zu fiktionalen Höllenqualen. Und damit wird eine legendäre Institution zu Grabe getragen.

22 Jahre gab es ALIBI in Köln an verschiedenen Standorten. An zweien gehörte ALIBI zu den schönsten Buchhandlungen der Stadt und hob sich wohltuend von atmosphärelosen Großbaustellen wie THALIA oder MAYERSCHE ab.
Für die Atmosphäre war ein Mann zuständig: Manfred Sarrazin (vom Schicksal gestraft mit dem Bruder Theo). Manni gehört zu den umfangreichsten Kennern der Kriminalliteratur; wahrscheinlich kennt er von uns allen die meisten Titel. Denn er muss sich jeden Scheiß reinziehen, der gerade en vogue ist und von irgendwelchen Krimilemuren verlangt wird. Kein Subgenre, in dem Manni sich nicht auskennt. Unter vielen anderen verdanke ich ihm die Entdeckung von Stephen Hunter (was ich aber nie zugeben werde). In Köln läuft kein Crime-Afficionado rum, der ihm nicht mindestens einen Lieblingsautor verdankt.
Als er 1990 in der Engelbertstrasse 11 das erste ALIBI aufmachte, war er in einer ähnlichen Situation wie ein katholischer Missionar des 19.Jahrhunderts im Kongo. Er brachte das Wort. Anders als Missionare verkaufte er aber keine spinnerten Normen, sondern Ratio und Aufklärung (Denn der Krimi ist in seinen guten Werken nicht nur Kind sondern auch aktueller Vertreter der Aufklärung). Echte Kernerarbeit, die nur einer mit stählernen Nerven durchsteht. Und große Unterstützung durch die Kölner Medien bekam er dabei (bis auf den WDR ) nicht. Er musste den Job alleine erledigen – wie Charles Bronson oder Alain Delon.

Und Manni ließ es krachen: Er überzeugte die Buchhalter Kölner Kultur zur Mitfinanzierung von Lesungen der Elite der internationalen Kriminalliteratur: Ross Thomas, Lee Child, James Ellroy, George V.Higgins – um nur einige, wenige zu nennen. Alle waren in Köln und Manni hatte immer die Finger im Spiel.
Seit einigen Jahren macht er bei WDR5 alle zwei Monate bei der „telefonischen Mordsberatung“ mit. Und er ist der einzige Grund, sich dieses Krimistadl anzuhören, das sich ansonsten nur durch abstoßenden Frohsinn auszeichnet.

Das zehnjährige bestehen feierte ALIBI in der Ehrenstrasse. Zwar war dort das zweitschönste ALIBI, aber auch eine Gegend mit fürchterlichen Läden und elender Laufkundschaft, die eher darauf abzielt, ihre Wildschweinkörper in modisch-geschmacklose Outfits pressen zu lassen. ALIBI wirkte dort weite Trails lang wie Fort Apache in der Bronx. Die schönste ALIBI-Version war übrigens die auf dem Ring. Aber vielleicht meine ich das auch nur, weil Manni dort sein umfangreichstes Antiquariat hatte und mir zu fairen Preisen Paperback Originals überließ, nach denen ich ewig gefahndet hatte.

Neben der halbverblödeten Laufkundschaft („Der Herr Mankell schreibt so menschlich tief, nicht?“) lungerten im ALIBI zum Glück auch immer gute Freaks und vorlaute Stammkunden herum. Das sorgte dafür, dass die Kaffeemaschine nicht still stand, wir Stammtischkapazitäten uns über Manchette die Köpfe heiß redeten und jeden Zufallskäufer zu vergraulen drohten. Aber irgendwie wuselte Manni dazwischen hin und her um das Niveau einer Joy Fleming-Leserin auf die nächste Evolutionsstufe zu heben. Dort sind so manche Freundschaften und einige Stammtische begründet worden. Aber auch Loser wie Peer Steinbrück haben Mannis Regale besudelt und eingekauft.

Es wäre natürlich ungerecht zu unterschlagen, dass Mannis Partner großen Anteil an Erfolg und Mythos von ALIBI hatten; Vor allem seine Frau Barbara hielt ihrem genialischen Ehemann den Rücken frei. Und Michael Möhrke sorgte dafür, dass die betriebswirtschaftliche Komponente nicht unter der Begeisterung platt gedrückt wurde.

Aber der Star bei ALIBI war Manfred Sarrazin.

Manni, ich vermisse Deinen Laden jetzt schon und wünsche Dir nur das Allerbeste. Vor allem vermisse ich, wie wir uns dort oft gefetzt haben, da Du ja nie kapieren wolltest, dass ich alles besser weiß. Auch meinen Vorschlag, dass man ALIBI nicht ohne polizeiliches Führungszeugnis und einen von mir ausgestellten Geschmacksnachweis betreten dürfe, hast Du schmählich abgelehnt. Und Du hast auch mittags nie abgesperrt, um mit mir in Ruhe eine Flasche Whisky zu trinken.


8 Kommentare so far
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Das kann man alles unterschreiben!
Wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge ist natürlich das Foto mit Simon Becketts Chemie des Todes – das sollte man unbedingt noch editieren…

Kommentar von Michael Möhrke

Auch ich gehörte zur Kundschaft,wurde zu Chester Himes ,Andrew Vachss,Bill Pronzinis“Nameless“ und anderen geführt.Möge seine nächste Welt eine Mischung aus McBains 87.Revier/vanWeterings Amsterdam/Himes Harlem und Pronzinis San Francisco sein,mindestens!
Gute Reise.

Kommentar von dermehler

Ich muss sagen ich hab Bücher gelesen die ich mir nie gekauft hätte wenn Manfred Sarrazin nicht so spannend darüber berichtet hätte. Niemand kann das so gut wie er. Wenn ich zur Türe rein kam da wusste er schon was ich wollte( kein Polittriller nichts mit Kindern) ,ich selber hab schon gar nicht mehr ein Buch für mich ausgesucht. Gute Reise, ich werde sie vermissen.

Kommentar von Alexandra von der Osten

Ich bedanke mich beim besten Buchhändler der Stadt für unmengen von unfaßbar guten Bücher (Crumley, Lehane, Lansdale, Child, Winslow, um nur einige zu nennen) und für immer interessante Gespräche. Welch ein Ende für einen Krimi, der Held bekommt am Ende Krebs. Fuck!
Alles Gute Manfred Sarrazin.

Kommentar von Udo Rüttgers

Ich war höchstens zweimal in der Buchhandlung, na gut in jeder der drei Läden zweimal, aber Manfred Sarrazin hat mich dennoch eng begleitet, in der „literarischen Mordsberatung“ in WDR 5. Seine außerordentliche Stimme werde ich mein Lebtag mit engagierter Krimibesprechung verbinden.
Danke Manfred Sarrazin

Kommentar von Michael Krumbe

Hallo Martin,

auch mir fehlt Manfred Sarrazin. Ich habe ihn sehr geschätzt und seine Buchhandlung in Köln oft besucht. Wie er mit seiner Krankheit umgegangen ist, hat mich tief berührt.

Deine politkorrekt-hysterische Einlassung zu seinem Bruder Thilo teile ich jedoch nicht. Ich finde es, im Gegenteil, ziemlich bizarr, dem Leser dieses Blogs gleich vornudeln zu wollen, wie er Manfreds Bruder zu beurteilen habe.

Beste Grüße,
CS

Kommentar von C.S.

Als politisch korrekt bin ich lange nicht bezeichnet worden. Ich betreibe allerdings meinen Blog auch, um meine Meinung und Haltung zu verkünden.

Kommentar von Martin Compart

Danke für die humorvolle und punktgenaue Hymne auf die Alibi Buchhandlung. Egal wo ich gewohnt habe, China, Holland, Kanada und Dänemark, wenn immer ich eine Chance hatte das Alibi und seinen interessanten, allwissenden und netten Buchhändler zu besuchen habe ich dort wunderbare Stunden verbracht. Die Nachricht der Krankheit hat mich sehr verletzt und ich habe bis zuletzt gehofft, dass ein so starker und herzlicher Mensch allem begegnen und alles überstehen kann. Vielen Dank für die wunderbaren Stunden Manfred Sarrazin die ich im Alibi oder mit Ihren spannenden Büchern verbringen konnte. In Gedanken, Katharina

Kommentar von Katharina




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