Martin Compart


Neue Hörbücher: HANS GRUHL – EIN DEUTSCHER KLASSIKER by Martin Compart
23. August 2012, 10:14 am
Filed under: Hans Gruhl, Hörbücher, Krimis, Rezensionen | Schlagwörter: ,

Es wurde genussvoll geraucht und gesoffen, dass man es heute kaum noch nachvollziehen kann. Es wurden chauvinistische Sprüche abgelassen und keine politische Unkorrektheit ausgelassen. Frauen wussten, wo sie hingehören und Männer tranken jeden Tag bei jeder Gelegenheit Kognac – wenn sie nicht gerade mordeten oder Mörder überführten. Und nichts davon wurde wirklich so ernst genommen wie die grünlackierten Toscana-Faschisten ihr Rauchverbot ernst nehmen um die restliche Kneipenkultur zu zerstören. Zitate gefällig?
“ Ich war so besoffen, ich hätte den Wagen nicht mal mehr auf allen Vieren erreicht. An Autofahren war also nicht mehr zu denken.“

„Sie war zu alt für diese Zeit.“

„Es ist das Ende des Abendlandes, wenn der Mann abwäscht.“

So war die Welt von Hans Gruhl in vier Hörspielserien, die zum besten gehört, was je als Hörspielkrimi in Deutschland produziert wurde. Gruhl stand in der Tradition von Francis Durbridge und Paul Temple. Aber er konnte besser schreiben und seine Plots waren besser. Alle basierten auf Romanen, die zu den wenigen Klassikern der deutschen Kriminalliteratur der 1950er- und 1960er Jahre gehören. Alle wurden von Hans Georg Berthold vorbildlich für den Funk aufgearbeitet und immer sprach der großartige Martin Hirthe (1921-1981) den Protagonisten und Ich-Erzähler. Durchgehend ist auch der großartige Arnold Marquis als Kommissar Nogees dabei! Die Hörspielserien wurden vom SFB mit dem WDR von 1964 bis 1969 produziert und sind über die Unterhaltung hinaus ein leicht verspätetes Sittengemälde der Wirtschaftswunderjahre. Bis auf das erste, NIMM PLATZ UND STIRB, spielen alle weitgehend im Mediziner-Milieu. In NIMM PLATZ UND STIRB spricht – nein: spielt! – Hirthe einen Drehbuchautor. Der Dreiteiler ist im Filmmilieu angesiedelt und macht sich bestens über dieses lustig („Es gibt nur zwei Arten von Filmen. Ich mache Filme für München, nicht für Bielefeld!“).
Das hoerspieltipps.net schrieb über ihn: „Hörspiele nach den Romanen von Hans Gruhl sind Klassiker des deutschen Kriminalhörspiels. Obwohl es hier für einen Krimi – aus heutiger Sicht – sehr gediegen zugeht, unterhält dieses insgesamt mehr als dreistündige Hörspiel wirklich sehr, sehr gut. Gerade die entschleunigte Erzählweise macht einen ganz besonderen Reiz der Geschichten aus. Die Atmosphäre des Filmmilieus wird von diesem Hörspiel sehr glaubwürdig eingefangen; Ein gutes Dialogspiel, passende Zwischenmusiken, eine dezente Geräuschkulisse und die im Timing perfekte Geschichte machen diese Produktion sehr empfehlenswert.“

Hans Gruhl, der eigentlich Hans Gruhl-Braams hieß, wurde am 25. Dezember 1921 in Bad Altheide, Schlesien, geboren. Über sein Leben ist wenig bekannt, was eine Schande ist. Er promovierte zum Dr. med. und Dr. phil und arbeitete als Röntgenfacharzt. Nebenher begann er zu schreiben. 1957 erschien sein erster Kriminalroman: DAS VIERTE SKALPELL. Im Jahr darauf kam der große Erfolg mit seinem ersten Buch um den Dackel Blasius. Das, „Liebe auf krummen Beinen“ wurde 1959 nach einem Drehbuch von Herbert Reinecker mit Walter Giller, Liesl Karlstadt, Sonja Ziemann verfilmt. Bis heute werden „Liebe auf krummen Beinen“ und „Ehe auf krummen Beinen“ von Rowohlt immer wieder neu aufgelegt (seit 2012 gibt es auch ein Hörbuch). Damit war Gruhl einer der bestverkauften Autoren Deutschlands und sofort streckte die Filmindustrie ihre Gichtfinger nach ihm aus. So schrieb er dann für die Filme „Ich schwöre und gelobe“ (1959) und „Heute kündigt mir mein Mann“ (1964) die Drehbücher. Seine Erfahrungen mit der Filmindustrie verarbeitete er 1964 in seiner ersten Hörspielserie NIMM PLATZ…(die Romanversion erschien erst 1967 bei Heyne). Aber spätestens mit dem Erfolg des Sozio-Krimis kam Gruhl aus der Mode und wurde zum Geheim-Tipp (besonders unter Hörspiel-Fans).

Hans Gruhl starb 11. Oktober 1966 in München durch, so die offizielle Verlautbarung, „wahrscheinlich unabsichtliche Selbsttötung“. „…an der Schreibmaschine, bei der Arbeit an einem neuen Kriminalroman. Wohl um sich in eine entscheidende Szene seiner Geschichte zu versetzen – so wurde später Freunden berichtet – hielt er sich seine Pistole an die Schläfe. Das Magazin hatte er vorher entleert, man fand die Patronen später im Wollflausch seines Teppichs. Aber er hatte offenbar nicht bedacht, daß sich eine Patrone noch im Lauf befand. Er wurde zu spät gefunden. Tot. Kaum 50jährig.“ (Autorennotiz von Radio 88.8)
Ich weiß nicht, ob Gruhl im Krieg war oder sonst wie Erfahrungen mit Waffen hatte. Als Mediziner wird er jedenfalls ihre Auswirkungen gekannt haben. Bei der Nummer mit der „vergessenen Patrone“ wird wahrscheinlich jeder Krimileser argwöhnisch. Ich weiß auch so gut wie nichts über sein Leben.. War er depressiv? Könnte es Selbstmord gewesen sein, der aus versicherungstechnischen Gründen wie ein Unfall aussehen sollte? Oder war es gar ein erfolgreicher Mord? Der Stoff aus dem die Mythen sind. In jedem anderen Land wäre er schon alleine deswegen in der Krimiszene ein allgemein bekannter Autor. Leider hat er den nachhaltigen Erfolg der Rundfunkadaptionen seiner Bücher, die Radiogeschichte geschrieben haben, nur zu Beginn erlebt. Vielleicht hilft die Neuausgabe seiner Hörserien bei Pidax ihn wiederzuentdecken. Pidax geht aber nicht das „Wagnis“ ein, alle vier Serien sofort heraus zu geben. Man hat bereits FÜNF TOTE ALTE DAMEN veröffentlicht und NIMM PLATZ… angekündigt.
http://www.pidax-film.de/product_info.php?info=p214_Nimm-Platz-und-stirb—-Hoerspiel-Klassiker.html

Nach seinem Tod erschienen seine Krimis bis in die 1980er hinein. Darunter auch Erstausgaben: Die lange Spur (1975), Nichts sprach für Mord (1975),Die Boten des Todes (1975).
Der Bastei Verlag versuchte seine Neuausgaben mit dem schwachsinnigen Etikett „Psychokrimis“ unters Volk zu bringen. Genauso gut könnte man sie „Boulevard-Thriller“ nennen. .Sein Klassiker, DAS VIERTE SKALPEL wurde 1973 sogar in den Niederlanden als Hörspiel produziert, wie ein Jahr später auch „Ga zitten en sterf“. Es dürfte nicht viele deutsche Kriminalliteraten geben – wenn überhaupt – die es ins holländische Radio geschafft haben.

BIBLIOGRAPHIE (nach WIKIPEDIA):

Kriminalromane:

Das vierte Skalpell (1957)
Fünf tote alte Damen (1960)
Tödlicher Cocktail (1965)
Nimm Platz und stirb (1967)
Der Feigling (1969)
Ganz in Weiß mit einem Totenstrauß (Romanheft, gekürzte Fassung von Das vierte Skalpell) (1969)
Mit Mördern spielt man nicht (1969)
Die letzte Visite (1973)
Die lange Spur (1975)
Nichts sprach für Mord (1975)
Die Boten des Todes (1975)
Tödlicher Cocktail – Vier Meisterpsychos (Sammelband mit: Tödlicher Cocktail, Nichts sprach für Mord, Die lange Spur, Mit Mördern spielt man nicht) (1985)

Andere Bücher:

Liebe auf krummen Beinen (1958)
Ehe auf krummen Beinen (1959)

Hörspieladaptionen:

Nimm Platz und stirb (1964) SFB, 187 Minuten, Bearbeitung: Hans Georg Berthold. Regie: Curt Goetz-Pflug.
Fünf tote alte Damen (1965) SWF/WDR, 234 Minuten, Bearbeitung: Hans Georg Berthold. Regie: Curt Goetz-Pflug.
Das vierte Skalpell (1968) SFB/WDR, 190 Minuten, Bearbeitung: Hans Georg Berthold. Regie: Curt Goetz-Pflug
Die letzte Visite (1969) SFB/WDR, 190 Minuten, Bearbeitung: Hans Georg Berthold. Regie: Friedhelm von Petersson.
Ga zitten en sterf (1974) VARA (Niederlande), 5 Teile, 190 Minuten, Regie: Klaus Mehrländer, nach dem Roman Nimm Platz und stirb von Hans Gruhl

Verfilmungen und Drehbücher:

Liebe auf krummen Beinen (1959) Regie: Thomas Engel, Drehbuch: Herbert Reinecker und Utz Utermann nach dem gleichnamigen Roman von Hans Gruhl

Ich schwöre und gelobe (1959) Regie: Geza von Radvanyi Drehbuch: Stefan Olivier, Peter Goldbaum, Hans Gruhl nach einem Roman von Ernst Ludwig Ravius; mit Wolfgang Lukschy.

Heute kündigt mir mein Mann (1962) Regie: Rudolf Nussgruber, Drehbuch: Peter Goldbaum, Hans Gruhl; mit Gert Fröbe, Hilde Krahl (nach Somerset Maugham).

Zu FÜNF TOTE ALTE DAMEN:

„Hans Gruhls Krimis sind in ihrer Radioumsetzung schon seit langem mehr als Geheimtipps. Die Geschichten, die meist im Milieu des Arztwesens zu Hause sind, warten nicht nur mit einer exzellenten Krimigeschichte, sondern auch mit viel Humor, exzellenten Dialogen und sehr, sehr guten Sprechern auf. Gruhl bietet in Fünf tote alte Damen ein Zehn kleine Negerlein-Spiel, was einen sehr eingeschränkten Verdächtigenkreis bedingt. Aber Hans Gruhl schafft es, dass man bis zum Schluss im Dunkeln tappt und von diesem wendungsreichen Krimi immer wieder überrascht wird. Kennern erzähle ich hier nichts Neues, allen anderen lege ich diesen Krimi nochmal deutlich ans Herz. Wieder mal ein richtig guter Klassiker!“ – hoerspieltipps.net

Mitwirkende:
Martin Hirthe, Erika von Thellmann, Annamarie Boehme, Edith Wöber, Wolfgang Kühne, Edith Wöber, Manfred Grote, Paul Wagner, Otto Braml, Arnold Marquis, Dorothea Thiess

Autor: Hans Gruhl
Bearbeitung: Hans-Georg Berthold
Komponist: Hans-Martin Majewski
Regie: Curt Goetz-Pflug

1 CD im Jewelcase
Laufzeit: ca. 240 Minuten
Tonformat: MP3 Dolby 2.0 Mono
Sprache: Deutsch

Produktion: Koproduktion von SFB (heute:rbb) und WDR, Deutschland 1965


1 Kommentar so far
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Da kann ich nur zustimmen – angeregt durch den Blog habe ich mal wieder meine 4 Gruhl-Krimis gelesen, unter anderem das „Vierte Skalpell“ und die großartigen „Fünf toten alten Damen“. Der Alkohol- und Zigarettenkonsum ist wirklich verblüffend, vermutlich war Gruhl diesen Genüssen auch nicht abgeneigt.
Sein Tod bleibt mysteriös – ob der Autor der heiteren Dackel-Romane doch ein depressiver Mensch war?
Nun, ich will jetzt auch das Hörspiel über die alten Damen versuchen.
Übrigens: auch der früher sehr viel gelesene, aber heute fast vergessene Hansjörg Martin hätte eine kleine Renaissance verdient. Jahrzehntelang mochte ich ihn nicht besonders, aber die erneute Lektüre von „Rechts hinter dem Henker“ und „Einer fehlt beim Kurkonzert“ war nostalgisch-unterhaltsam, viel Atmosphäre „Kein Schnaps für Tamara“ ist vor einiger Zeit neu aufgelegt worden…

Kommentar von Rolf




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