Martin Compart


SCARFACE – DER MYTHOS LEBT! by Martin Compart

Heiss erwartet und endlich da: die deutsche Ausgabe von Christian De Metters Interpretation von Armitage Trails Noir-Klassiker SCARFACE. Erschienen in der gnadenlosen Noir-Reihe von Schreiber & Leser in der gewohnt edlen Aufmachung, die den formalen Begriff „pulp“ Lügen straft. Gelegentlich bespreche ich die gesamte Reihe, die für jeden Noir-Fan unverzichtbar ist. Ich sage nur: Comicadaption von Manchettes BLUTPRINZESSIN…


Das Cover mit den plastisch wirkenden Einschusslöchern wäre ein tolles Poster.
Wie bei einer Filmadaption muss sich auch der Comic-Künstler beschränken, eine Auswahl treffen und eine eigene Struktur für seine Interpretation zu schaffen. De Metter bleibt eng an der Vorlage und nutzt alle Schlüsselszenen um eine werkgetreue Adaption zu schaffen.
De Metter taucht sein Chicago der 1930er Jahre in dunkle, grünlastige Pastelltöne und schafft so eine düstere Atmosphäre, die dem Sujet entspricht. Seine Panels sind deutlich an der Filmsprache des klassischen Gangsterfilms orientiert, ein Kaleidoskop der geradezu archetypischen Bilder des Genres.
SCARFACE wurde bereits mehrfach im Medium Comic behandelt: 2006 waren bei IDW in den USA fünf Hefte eines SCARFACE-Comics von John Laymon erschienen, der sich auf Brian dePalmas Film bezog. Danach gab es noch eine eindrucksvolle Version, DEVIL IN DISGUISE, von Joshua Jabqua und Alberto Dose, die ein Prequel zum Film von 1983 darstellte. Drehbuchautor David Ayer, der die grandiosen Neo-Noirs TRAINING DAY (fast eine Blaupause für die TV-Serie THE SHIELD) und DARK BLUE (mit James Ellroy im credit, obwohl von ihm kaum etwas in den Film kam) schrieb, arbeitet an einem neuen SCARFACE-Film.

Eine gute Gelegenheit, mal wieder den Mythos Scarface zu betrachten:

Die letzten Minuten im klassischen Gangsterfilm – und auch oft im Roman – gehörten der Zensur. Ob wir es glaubten, oder nicht, am Ende der Geschichte mussten sie alle ins Grass beißen, von Rico bis Tony. Entweder im Kugelhagel oder auf dem elektrischen Stuhl. Hollywood erzählte allen ernstes, dass das Gangstertum sich nicht lohne und von aufrechten Bullen oder gar Politikern (ein Widerspruch in sich) besiegt würde. Aber da es dauernd besiegt wurde und wird, bis heute, drängt sich der Verdacht auf, dass garnix besiegt wurde. Und das ist ja auch kein Wunder. Das organisierte Verbrechen war immer Bestandteil des amerikanischen Systems. Die brutalen Methoden der Vieh- oder Eisenbahn- und Stahlbarone der glorreichen Pionierzeit unterschieden sich nicht von denen eines Johnny Torrio, Al Capone oder Frank Nitti. Halt! Ein Unterschied ist auffällig: Kein Chisum oder Carnegie finanzierte Suppenküchen für die Armen, das tat aber Capone. Während sich die Räuberbarone als amerikanische Aristokratie etablieren konnten, da sie die Gesetzgebung weitgehend kontrollierten, mussten sich die Leute, die mit illegalen Substanzen und Dienstleistungen handelten, in eine mal mehr, mal weniger geduldete Gegenwelt abdrängen lassen. Der Gangster wurde zum „feudalistischen Kapitalist“ (seine Leute haben den Status von Leibeigenen und Unfreien, werden aber versorgt). Er ist im politischen und wirtschaftlichen Gefüge etabliert und als gesellschaftliche Kraft am politischen Entscheidungsprozeß (die Mafia bestimmte mit, dass Roosevelt und Kennedy ins Weiße Haus einzogen) hochgradig beteiligt.

Als extremer Vertreter eines Raubtierkapitalismus stand und steht das Organisierte Verbrechen der Wall Street und Washington immer näher als dem Gefängnis. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass Vertreter des Establishments wie Anwälte, Geschäftsleute, Banker oder Beamte im Gangster-Genre als schwächlich und korrupt dargestellt werden. Im Vergleich zum enthemmten Unternehmer, der der Gangsterboss schließlich ist, sind die Angehörigen einer auf der Kippe stehenden Sozialstruktur, die sich zumindest rudimentär an einen Gesellschaftsvertrag hält, Weicheier. Der Gangster-Unternehmer riskiert nämlich was, um sich hoch zu boxen. Dagegen sind die Staatsdiener lediglich die Schmarotzer des Systems. Was diesen frühen Beispielen (im Gegensatz zum Gangstergenre ab den 60er Jahren wie etwa bei Richard Stark) fehlt, ist die Umwandlung des patriarchalischen Prinzips in eine Managementorganisation, die geschäftlich unauffällig illegales Kapital in den legalen Wirtschaftskreislauf einspeist, legalisiert um so in etablierten Herrschaftsschichten aufzugehen.

Einer der ersten Autoren, die sich mit den Profiteuren der Prohibition (der Goldrausch des Organisierten Verbrechens) beschäftigten, war eben dieser Armitage Trail mit SCARFACE.

Armitage Trail war das Pseudonym von Maurice Coons. Sein Vater war ein Impressario, der als Road Manager für die New Orleans Opera Company arbeitete und auch noch Getreidesilos und Möbel herstellte. Sein Bruder war der humoristische Schriftsteller Hannibal Coons. Mit sechzehn Jahren ging Maurice von der Schule ab, um sich künftig ganz dem Schreiben zu widmen. Innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre hatte er sich als Autor von Stories für die Pulps etabliert. Unter verschiedenen Pseudonymen füllte er oft eine komplette Ausgabe von Detective-Story-Pulps. Ende der zwanziger Jahre lebte er in Chicago und kam mit verschiedenen sizilianischen Gangs in Berührung. Und natürlich beobachtete er auch wie Al Capone die Stadt beherrschte. Monatelang trieb sich Coons nachts zusammen mit einem befreundeten Anwalt in den Klubs des Chicagoer Ganglands herum. Tagsüber saß er in seiner Wohnung am Oak Park und schrieb an SCARFACE.

Coons hatte genau hingeschaut. Sein Roman strahlt eine Authentizität aus, die noch heute spürbar ist und fasziniert. Ja, seine Beschreibung einer durch und durch korrupten Welt, in der nur die skrupellosesten überleben, erscheint heute wieder aktueller denn je. Mit kalter Präzision führt er den urbanen Dschungel vor und jagt dem heutigen Leser manchen Eisesschauer über den Rücken. Im Gegensatz zu vielen späteren Autoren verklärt er nichts, sondern führt schonungslos ein erschreckendes Zeitbild vor. Es ist die Zeit der Bandenkriege und Prohibition, die für die wirtschaftliche Integration des Organisierten Verbrechens notwendige Voraussetzung war. Es ist die Zeit, für die ein Name steht: Al Capone. Der Roman wurde sofort ein großer Erfolg, da er den Zeitgeist widerspiegelte und Einblick in die Welt des Organisierten Verbrechens vermittelte. Der Normalbürger konnte in diesen Jahren kaum Berührung mit Gangstern vermeiden (trank er dazu noch Alkohol, verhielt er sich ja selbst wie ein Krimineller). Aber tieferen Einblick erhielt er über die Zeitungslektüre hinaus nicht. Da konnte nur die vermeintliche Fiktion nachhelfen, und W.R.Burnetts LITTLE CAESAR und Trails SCARFACE wurden als Schlüsselromane rezepiert. Es waren für die Gegenwart kalkulierte Bestseller, die zu Klassikern wurden. Auch heute noch überzeugt Trails frischer Stil. Trotz gelegentlicher Überlegungen, Phrasen und Anmerkungen, die von heutigen Autoren nicht mehr erzählt oder reflektiert würden, wirkt der Roman erstaunlich authentisch und modern. Aktuell ist auch die gesellschaftliche Beschreibung: Damals wie heute stellt die Organisierte Kriminalität eine Macht da, die ganze Staaten erschüttern oder zum Einsturz bringen kann (Rußland und Kolumbien augenscheinlich, Belgien und Italien ebenso). Das Organisierte Verbrechen als höchste Stufe des Kapitalismus, als Wirtschaftsliberalismus ohne Gesellschaftsvertrag. Hobbes hätte seine helle Freude an diesem Anschauungsmaterial gehabt.

Al Capone selbst, der die hauptsächliche Inspiration für seinen Roman war, lernte Coons nie persönlich kennen. Er lebte in New York, bevor er nach Hollywood ging, um eine Karriere als Drehbuchautor anzustreben. Trail bekam von Howard Hughes 25.000 Dollar für die Verfilmungsrechte von SCARFACE. Auf ziemlich miese und selbstgefällige Weise erinnerte sich William R.Burnett an seine Arbeit am SCARFACE-Film: „Trail war glücklich darüber, ein paar Dollar in der Tasche zu haben. Er brauchte immer Geld. Für den Rest seines Lebens war er nicht mehr nüchtern und starb an einer Herzattacke in Grauman’s Chinese Theatre. Hughes wollte im Grunde nur den Titel haben und etwas Material aus diesem Pulp-Ding. Bevor er mich verpflichtete, hatten sich ungefähr zwölf Autoren an dem Drehbuch versucht. Ich bekam 2000 Dollar die Woche und schrieb ein völlig neues Drehbuch.“
Coons war keine dreißig Jahre alt und wog dreihundert Pfund, als er an einer Herzattacke im Kino starb. Er lebte nicht lange genug, um den Film nach seinem Roman zu sehen. Außer SCARFACE ist nur ein weiterer Roman als Buchveröffentlichung bekannt: die hard-boiled-novel THE THIRTEENTH GUEST von 1929.
FORTSETZUNG FOLGT


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