Martin Compart


BRIT NOIR: SIMON KERNICK – SPEEDKING 3/ by Martin Compart

Eines von Kernicks liebsten Stilmitteln ist der „cliffhanger“: Auf dem Höhepunkt des Suspense wird auf eine andere Handlungsebene überblendet. Auch das wurde von „24“ für das Fernsehen perfektioniert (und verdankt den TV-Melodramen fast soviel wie den Pulps; der „Tarzan“-Schöpfer Edgar Rice Burroughs war ein Meister dieser Technik). Virtuos ist auch seine Darstellung von Action jeglicher Art – von Schießereien bis Autojagden. Kein zeitgenössischer Literat bringt physische Aktion filmischer zu Papier.

Zur wie auch immer gearteten Unterstützung seiner Gehetzten bringt Kernick gerne Profis ein: die Polizisten Mike Bolt oder Tina Boyd. Dabei führt er vor, daß die Logistik durch staatliche Institutionen nie ausreicht, um den Gefahren und Problemen zu begegnen. Entweder ist sie nicht effektiv oder – schlimmer noch – korrupt. Bei aller Konzentration auf physische Aktion (die freie Entscheidungsmöglichkeiten suggeriert) wurzeln Kernicks Thriller, wie Woolrichs, in einer klassischen Noir-Welt. Also in der Realität. Sein London hat nichts Gemütliches oder Idyllisches. Es ist ein zertrümmerte Stadt im Niedergang, beherrscht von penetranten Überwachungskameras, Gangs, skrupellosen Neubauten, Terroristen und drei einsatzbereit lauernden Hubschraubern, die in geringer Höhe über die Stadt knattern, um die Einwohner an Orwells faschistoide Zukunftsvision zu erinnern. Eine Welt von nur scheinbarer Geborgenheit im infantilen Luxus des familiären Mittelschichtmilieus. Die typische westliche Metropole des neuen Jahrtausends, in der die Straßen von einem Moment zum anderen zu Schlachtfeldern werden können. Kernick zeigt eine kranke Gesellschaft, die von Manipulationen und Verschwörungen beherrscht wird.

Disziplin ist auch für Kernick die wichtigste Autorentugend: „Ich schreibe jeden Wochentag, manchmal auch während des Wochenendes. Mittags eine große Pause. Mein Ziel sind 2000 Worte pro Arbeitstag. Die Planung und Vorbereitung für ein Buch dauert etwa zwei Monate. Das Schreiben weitere sechs. Heute recherchiere ich nicht mehr soviel wie früher. Ich glaube nämlich, daß man auch zuviel recherchieren kann.“

In der Regel bevorzugt er die erste Person als Erzählerperspektive. Die ist bei seiner Art von Thrillern sehr effektiv, da sie den Leser unmittelbar in die Geschichte saugt. Aber Kernick experimentiert auch gerne mal und nicht weniger überzeugend: In „Instinkt“ wechselt er vom Ich-Erzähler zum allwissenden Erzähler (der Tina Boyds Handlungen begleitet). In „The Murder Exchange“ erzählen die beiden Hauptcharaktere, Ex-Söldner Iversson und DS Gallan, in der ersten Person. „Das war schwierig. Ich mußte immer wieder feilen und feilen, damit jeder mit seiner eigenen Stimme sprach und nicht beide dieselben Phrasen droschen.“

Kernicks Frauen sind genauso stark und überzeugend dargestellt wie die Männer. Auch Opfer wie Andrea in „Deadline“ sind keine Weibchen, sondern selbstbewußte Frauen, die sich gesellschaftlich hochgeboxt haben und ebenso selbstbewußt mit ihrer Sexualität umgehen. Sie sind genauso weder schwarz noch weiß gezeichnet – wie seine männlichen Helden. Alle haben dunkle und helle Seiten, ohne deshalb zu grauen Mäusen zu degenerieren. Es sind diese ökonomisch kalkulierten und knappen Charakterstudien, die von der oberflächlichen Kritik gerne übersehen werden. Aber ohne ihre Effektivität würden seine Page-Turner nicht funktionieren. Kernick muß im Leser zumindest Empathie für seine Figuren wecken, wenn der ihnen auf den Höllentrips folgen soll.

Inzwischen kann er es sich leisten, auch einmal zu seinen Wurzeln zurückzukehren: In „Payback“, (2011) bringt er DI Tina Boyd und Milne zusammen in einer mörderischen Rachejagd von London über Hongkong zu den Philippinen. Tina Boyd, genannt „die schwarze Witwe“ (denn ihr Nahestehende haben meist ein kurzes Leben) hat auch einen Cameo-Auftritt in „Siege“ und wichtige Rollen in „Deadline“ und „Target“, Es scheint, daß Kernick in eine dritte Phase eintritt, die eine Synthese aus den frühen Noir-Romanen und seinen Speed-Thrillern formt. „Meine frühen Bücher, die Cop-Noir-Romane, waren viel brutaler als meine Thriller. Ich glaube, die Menschen wollen nicht mehr so gewalttätiges Zeug lesen wie vielleicht noch vor zehn Jahren. Wir haben soviel extreme Gewalt in der Realität.“ Naja, der Bodycount in „Todesangst“ kann auch einen McNab-Fan „befriedigen“. Und den Psycho-Terror, den Kernick verbreitet, macht ein Verhör durch Jack Bauer zum adretten Folterspiel. Er hat die Fähigkeit, den Leser aufs perfideste durch die Mangel zu drehen. Es gibt auch keine peinlichen Pornoszenen (ohne den Sex zu negieren): „Als Kind war ich natürlich scharf auf Sexszenen in Krimis. Aber heute als Autor glaube ich nicht mehr daran. Sex ist überall verfügbar, und wer das will, braucht nur ins Internet zu gehen oder sich einen Pornofilm einzulegen. Ich mache das lieber ganz romantisch und blende ab einem bestimmten Moment aus. Alles sehr geschmackvoll.“

Ihn interessiert vor allem Gerechtigkeit. Wie es sich meistens gehört, bekommen die Bösen am Ende seiner Thriller ihre gerechte Strafe. „Jeder weiß doch, daß in der Realität die Bösen oft genug gewinnen. Das Schöne am Schreiben ist, daß ich in den Büchern Gerechtigkeit herstellen kann. Das macht Spaß. Andererseits wird man selbst immer paranoider, wenn man in diesem Genre arbeitet.“

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Hah, endlich mal ein Artikel, der diesen Autor würdigt. Wer Schneckentempo hasst, ist bei Kernick gut aufgehoben. Der Mann weiß nicht einmal, wie Stillstand geschrieben wird. Er ist allerdings auch schlecht für Leute, die ihren Schlaf brauchen, denn wenn man am Abend zu einem seiner Romane greift, dann bleibt das Licht noch lange an. Eben wegen seiner „beschissenen“ Cliffhanger. Man will das Buch ja weglegen, aber verdammt, man will dann doch wissen, wie es weiter geht. Ein Vorbild auf jeden Fall, einer, von dem man echt was lernen kann, wenn man sich selbst ein bisserl in Spannungsgefilden herumtreibt…

Kommentar von Christian Lukas




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