Martin Compart


SÖLDNER: EIN FAST VERGESSENES DOKUMENT by Martin Compart
27. Juli 2011, 9:24 am
Filed under: Söldner | Schlagwörter: ,

Der Mediziner Dr.Hans Germani gehörte zu den Figuren, wie es sie in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik reichlich gab: Abenteuerlustig und hysterisch anti-kommunistisch. Letzteres gibt es heute noch en masse – ersteres kaum. Er gehörte zu den Journalisten, die dahin gingen, wo es wirklich weh tut. Er trieb es nicht so wild wie Scholl-Latour – aber er kam auch rum und wurde 1956 in seiner SPIEGEL-Zeit während des Ungarn-Aufstandes gar verwundet. Seine große Liebe war Afrika. Er arbeitete in Kairo, war einer von Peter von Zahns „Reporter der Windrose“ in Nairobi und ab 1976 Südafrikakorrespondent der Springer-Presse, die er mit Pamphleten zur Rechtfertigung des Apartheidstaates versorgte. Dort starb der 1927 in Triest geborene im August 1983 in Johannesburg.


Er war u.a. Afrikakorrespondent der WELT und nahm als Feldarzt 1961 und 1963 bis 1965 an den Kongo-Kriegen teil. Diese Erfahrungen hat das schlichte Gemüt zu einem faszinierenden, weil authentisch, Bericht verarbeitet. Der erschien 1966 als Ullstein-Taschenbuch unter dem romantischen Titel WEISSE SÖLDNER IM SCHWARZEN LAND. Germani ist kein Scholl-Latour, der – hoch gebildet – aktuelle Ereignisse in historische Zusammenhänge zu stellen weiß. Germani ist ein Tagesreporter, vollgemüllt mit nach Bestätigung heischenden Vorurteilen, und kann nicht mal zwischen Kommunismus, Staatskapitalismus, real-existierenden Sozialismus oder Maoismus unterscheiden. Dies alles bedenkend bleibt ein faszinierender Einblick in die Situation im Kongo nach der Unabhängigkeit unter dem besonderen Blickwinkel eines Deutschen, der die Söldner in Aktion erlebte und an ihren Feldzügen teilnahm. Seine naiven Portraits einiger dieser Gestalten werden fast ungefiltert vermittelt. Ohne die Grausamkeiten zu verheimlichen, entlarvt er die Dämonisierung von Mad Mike Hoare und seinem 5.Kommando, die man bis heute rezipiert und die an Executive Outcomes erinnert, als Ideologie einer vermeintlich liberalen Presse. Seine Einlassungen über die UNO-Truppen (unfähige Vergewaltiger, Mörder und Diebe), weltfremde Karrierepolitiker und Kindersoldaten („Die Jugendgruppen waren die Schlimmsten.“) lesen sich hoch aktuell und wären Zierden aktueller Postillen. Hinterfragungen der Ursachen für diese brutalen Auseinandersetzungen werden mit den damalig vorherrschenden Ideologien beantwortet, die Germani zum großen Teil den O-Tönen von Zeitzeugen entnimmt. Er benennt auch Psychopathen unter den Söldner, aber dank Mike Hoarses gnadenloser Disziplin unterscheidet sich die Mehrzahl wohltuend vom medialen Bild der Schreibtischhängste. Unterschwellig belegt er, dass bereits damals eine Ursache der Kriege das ist, was sich als eines der größten Probleme des 21.Jahrhunderts erweist: Die Arbeitslosigkeit und der gesellschaftliche Ausschluss der jungten Männer und die daraus folgende Aggression und Barbarei. Das können wir inzwischen, dank Kohl, Schröder und Merkel, auch in deutschen Städten beobachten (dank unseres verlotterten Bildungssystem und der Atomisierung der Gesellschaft durch die Volksempfänger sind die Präkariatskinder noch nicht dazu in der Lage, effektive Barbarenverbände wie die Simbas oder die RUF zu organisieren).
Nach einigen Gegenchecks bestätigten sich Germanis Schilderungen. Neben dämonisierende Portraits der Protagonisten (etwa Lumumba), die er persönlich kennen gelernt hatte, erfährt man eine Menge über die Taktik im Dschungelkrieg, die Grausamkeit der Beteiligten und die Auflösung des Kollonialismus. WEISSE SÖLDNER ist ein Zeitdokument ersten Ranges, dass es wieder zu entdecken und kritisch zu würdigen gilt. Die emotionalen Momente berühren auch nach über fünfzig Jahren. Dank des effektiveren Neo-Kolonialismus der Konzerne kann man nach der Lektüre Germanis frustriert sagen: Im Kongo nichts neues.

Hans Germani:
WEISSE SÖLDNER IM SCHWARZEN LAND
Ullstein TB 622, 1966. 177 Seiten, 6 Fotos des Autors u.5 Lageskizzen.


P.S.: Schön auch, wie er die großen Heldentaten à la OPERATION DRAGON ROUGE relativiert:

„Die operation Stanleyville, so genial sie Vandewalle auch geplant hatte, hat die Rebellion nicht beendet. Nicht er war daran schuld, sondern die ewige Halbheit des Westens. Nur wenige hundert Fallschirmjäger sprangen in Stanleyville ab, und nur am rechten Ufer, am linken konnten die Rebellen in aller Ruhe die Geiseln massakrieren. Fallschirmjäger sprangen über der zweitgrößten Stadt des Ostens, Paulis, ab, um sie am nächsten Tag mit den befreiten Geiseln per Luft zu evakuieren. Die Armee mußte Zeit und Kräfte vergeuden, um Paulis wieder zu erobern. Erfahrene Offiziere sagten mir in Stanleyville: >Hätte Belgien nicht fünfhundert, sondern tausendfünfhundert Fallschirmjäger eingesetzt, und zwar zu gleicher Zeit am rechten und am linken Ufer, in Paulis, aber auch in Bunia und Faradje, wo es Flugplätze gibt, und diese Städte bis zum Eintreffen der Armee gehalten, wären noch einige hundert weitere Geiseln gerettet worden, außerdem hätte im Anschluß an die Eroberung Stanleyvilles die Armee die wesentlichen Zentren des Nordostens besetzen und die sudanesische und ugandische Grenze abriegeln können.< Damit wäre der beginnende Waffenzustrom unterbunden gewesen…“

Naja, ersterem ist sicher zuzustimmen. Aber Germani lässt auch keine Möglichkeit aus, den erbärmlichen Zustand der Kongolesischen Armee zu beschreiben. Die hat sich von den Simbas aus jedem Ort vertreiben lassen. Manchmal genügte ein Funkspruch oder Telefonanruf, in dem die Simbas ihr Kommen ankündigten – schon entsetzten die Soldaten den Ort in Rekordgeschwindigkeit.


2 Kommentare so far
Hinterlasse einen Kommentar

Hallo,

vielen Dank für diesen wertvollen Literatur-Tipp. Ich bin momentan auf der Suche nach Zeitdokumenten, die sich mit der Lage Afrikas zu Beginn (bis Mitte) der 60er Jahre auseinandersetzten – ob seriös oder tendenziös ist mir im ersten Moment egal. Ich habe demnächst vor mich mit dem Film „Africa Addio“ – in Ihrem verlinkten Video sind Szenen aus dem Film zu sehen – wissenschaftlich auseinanderzusetzen und suche deshalb dringend nach Quellen zu allen möglichen Themen (Dekolonisation, Söldnertum usw.). Beiträge direkt zum Film wären natürlich am besten.

Ich wollte Sie Fragen, ob sie vielleicht noch weitere Tipps für mich hätten?

Beste Grüße,
S.F.

Kommentar von Simon F.

Hallo!
Zu diesen Themen finden Sie eine Menge auf KRIEGSREISENDE.DE (siehe meine Blog-Liste). Dort gibt es auch eine Aufstellung von Büchern und Filmen. Beste Grüsse, MC

Kommentar von Martin Compart




Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: