Martin Compart


ZEN-MEISTER DES THRILLERS: TREVANIAN 3/ by Martin Compart
17. Juni 2011, 8:15 am
Filed under: Krimis,die man gelesen haben sollte, Porträt, thriller, Trevanian | Schlagwörter:

„The Trevanian Buff is a strange and wonderful creature: an outsider, a natural elitist, not so much a cynic as an idealist mugged by reality, not just one of those who march to a different drummer, but the solo drummer in a parade of one“, bemerkte Trevanian einmal. Trevanian-Buffs sind nicht nur verrückt nach seinen Stories und Charakteren, sie lechzen auch nach jedem Satz des Meisters, beten seinen Stil an, der zynisch und poetisch ist. Seine Wut auf die Konsumgesellschaft, die auch Leben als Ware ansieht, gibt diesem Stil seine durchschlagende Wirkung. SHIBUMI ist der kompromisslose Höhepunkt seiner Poesie der Wut und Verachtung.

„Wie sich herausstellte, übte (Hels Sammlung von Kiyonobu- und Sharaku-Drucken) einen gewissen Einfluss auf den Niedergang der gleichmacherischen Kunst Amerikas aus. Der Offizier, der sie beschlagnahmt hatte, schickte sie nach Hause, wo sein geistig minderbemittelter Sohn die freien Flächen prompt mit Buntstiften ausmalte und sich dabei so genial innerhalb der vorgegebenen Linien hielt, dass die liebevolle Mutter in ihrer Überzeugung von der Kreativität des Kindes bestärkt wurde und seine Erziehung auf die Kunst ausrichtete. Dieser begabte Knabe wurde später aufgrund seiner mechanischen Präzision bei der Darstellung von Lebensmittelkonservendosen ein führender Künstler der Pop-Art-Szene.“

Für viele deutsche Leser sind Trevanians kultivierte und gleichzeitig ironisch bösartige Formulierungen wohl wenig goutierbar. Zuviel Schund hat sie zu Thriller-Pisaisten gemacht. Sätze, in denen wunderbare Apercus aufblitzen, überfordern sie: „Im Laufe der Monate, während der er im Auftrag der Muttergesellschaft alle CIA-Aktivitäten im Zusammenhang mit den Interessen der ölproduzierenden Länder überwachte, hatte er erfahren müssen, dass Männer wie Starr trotz ihrer institutionalisierten Unfähigkeit keineswegs wirklich dumm waren.“

Wer schon durch Robert Ludlum oder Ross Thomas überfordert ist, der sollte die Finger von diesem komplexen Roman lassen; für diese Klientel gibt es hinreichend Lektüre von Matthew Reilly bis James Rollins. SHIBUMI ist was für Feinschmecker, die jede – manchmal zeitlupenhaft gedehnt – Szene genießen, die wahnwitzigen Tempiwechsel beklatschen und sich an Charakteren erfreuen, die in der Literatur außerhalb von Trevanians Kosmos nicht zu finden sind.
Bereits in den Hemlock-Romanen hatte er mit parodistischen und humoristischen Mitteln gearbeitet und eine seltsame Mischung aus Realismus, Komik und tragischen Elementen entwickelt. Manchmal hat es sogar etwas von den allerbesten Meisterwerken der Marvel-Comics (Stan Lee gelang in seinen guten Momenten auch diese Ausgewogenheit zwischen in den Wahnsinn gesteigerter Fiktion, Realismus und persönlicher Tragödie).

Trevanian nahm in SHIBUMI den modernen Techno-Thriller von Clancy &Co. (nicht den traditionellen, der wohl mit Adam Hall und Len Deighton begann) vorweg und schuf gleichzeitig seine ideologische Anti-These.
Gegenüber stehen sich der Supergeheimdienst der „Muttergesellschaft“ und der Einzelkämpfer Nikolai Hel. Der Dienst kontrolliert seine Technik kaum noch, sondern wird von ihr beherrscht. Als bürokratische Vertreter der am Horizont aufscheinenden IT-Gesellschaft pflegen sie die Technologie in der Erwartung, dass diese ihre Probleme löst.
Hel dagegen strebt mit Erkenntnis dem Ideal des autonomen Individuums nach, geprägt durch eine alte Kultur, deren Spiritualität er als Waffe und Existenzverwirklichung nutzt. Man könnte den philosophischen Subtext endlos durchdeklinieren: Degenerierte Zivilisation gegen Natur, West gegen Ost, Masse gegen Individuum, kurzfristiges, egoistisches Erfolgsdenken gegen langfristige Konzepte, Mentalität von Maschinisten und Krämern gegen unabhängiges denken.

Was man SHIBUMI zu Recht vorwerfen kann, ist Trevanians Glorifizierung der japanischen Kultur. Die unerträglichen Grausamkeiten dieser Krieger- und Unterwerfungsmentalität spart er aus (wer fiktional und literarisch auf hohem Niveau deren Absurdität und Menschenverachtung erleben möchte, sollte unbedingt Stephen Beckers DER LETZTE MANDARIN lesen). Die Arroganz dieser Kultur zeigt Trevanian sympathisch überhöht in Nikolai.

Im Gegensatz zu dümmlichen Verschwörungstheoretikern lässt Trevanian keinen Zweifel daran, dass die Menschen verachtende Muttergesellschaft und die ihr übergeordneten Interessen nicht der Grund für den moralischen und ökonomischen Niedergang des Westens und der von ihm dominierten Regionen ist, sondern das Resultat.

Natürlich kann sich Winslow weder literarisch noch thematisch mit Trevanian vergleichen. Aber er macht einen ganz guten Job, hat die Fakten richtig und ist weitgehend in Hels Charakter und Weltsicht eingetaucht. Aber er verfügt weder über Trevanians Eleganz, noch über seinen politischen Zynismus. Besonders der zweite Teil in Indochina wirkt etwas lustlos routiniert, während Winslow im ersten Teil wohl noch von seinem Enthusiasmus für dieses einmalige Unternehmen getragen wurde. Trotzdem ist SATORI ein guter Thriller – nur eben kein Trevanian. Zum Glück nie so peinlich wie Robert B.Parkers Marlowe-Romane oder John Gardners restringierte Fleming-Sequals. Winslow fehlt diese letzte Portion Gnadenlosigkeit in der Weltsicht, die Trevanian als Stilelement einsetzt und Nebensächlichkeiten originell wirken lassen.



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1 Kommentar so far
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„Shibumi“ von Trevanian habe ich noch nicht gelesen. Doch ich wollte hier noch einen weiteren Meister des Fernost-Thrillers nennen. Sein Name ist Marc Olden und ich finde ihn richtig gut. Vielleicht könnte er hier auch mal gewürdigt werden. „Shibumi“ und „Sartori“ werde ich jedenfalls auch irgendwann mal lesen

Kommentar von Alexander




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