Martin Compart


ZEN-MEISTER DES THRILLERS: TREVANIAN 2/ by Martin Compart
10. Mai 2011, 9:38 am
Filed under: China, James Bond, Krimis,die man gelesen haben sollte, Porträt, Trevanian | Schlagwörter: , ,

Asien war immer ein attraktiver Schauplatz für Thriller. Besonders die seriellen Geheimagenten der 1950er und 1960er Jahre hatten immer wieder Einsätzen in Fernost – angefangen bei James Bond (YOU ONLY LIVE TWICE) über Adam Halls Quiller (THE 9th DIRECTIVE) bis hin zu diversen Aufträgen für Jean Bruces´ OSS 117, Edward S. Aarons Sam Durrell oder Phillip Atlees Joe Gill. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre entstand ein neues Interesse an asiatischen Schauplätzen, insbesondere Japan und China. Ängstlich mu7ssten die Europäer erkennen, dass der Pazifikraum für die verbündeten Amerikaner wirtschaftlich und geostrategischer wichtiger wurde als die Alte Welt. Die geradezu bedrohliche Wirtschaftsmacht Japan und der Aufstieg Chinas zur Weltmacht mussten Thriller-Autoren interessieren. 1977 machte John LeCarré in THE HONOURABLE SCHOOLBOY einen ersten Ausflug nach Hongkong, wo William Marshall bereits 1975 seine Yellowthread Street-Serie angesiedelt hatte. Adam Halls Quiller trieb sich in MANDARIN CYPHER (1975) ebenfalls in der Kronkolonie herum und untersuchte 1978 in SINKIANG EXECUTIVE das chinesische Atomtestgebiet bevor 1981 in PEKIN TARGET wieder ins Reich der Mitte eindrang. Selbst Roger L.Simons Privatdetektiv Moses Wine flog 1979 in PEKING DUCK nach China. Und Eric van Lustbader startete 1980 mit seinem ersten Nicholas Linnear-Thriller, THE NINJA, einen Trend für Japan-Thriller.
Nicht einer dieser großartigen Romane kann es mit SHIBUMI aufnehmen.

Als Trevanian diesen Roman, der umgehend wieder ein Welterfolg des Autors wurde, 1979 vorlegte, schien der Thriller neu definiert: Obwohl nur ein Drittel des Buches in Japan spielte, wurde die Kultur des Inselstaates seit Flemings YOU ONLY LIVE TWICE nie eindrucksvoller dargestellt.

Angeblich das einzige Foto von Trevanian (mit seiner Frau).


Trevanian war das Pseudonym des amerikanischen Professors für Filmkunst Rodney William Whitaker (1931-2005). Der Korea-Kriegsveteran und Fulbright-Stipendiat unterrichtete u.a. in den 1960er uns 1970er Jahren an Universitäten in Nebraska und Texas. Er war in ärmlichen Verhältnissen in Albany aufgewachsen und sein letztes Buch, THE CRAZYLADIES OF PEARL STREET, 2005, gilt als autobiographischer Roman dieser Zeit. Während seiner Studienjahre In England lernte er bei einem Paris-Besuch seine Frau Diane Brandon kennen, mit der er vier Kinder hat. Sein Pseudonym „Trevanian“ (eines unter mehreren) verdankt er seiner Frau, die ein großer Fan des englischen Historikers und Romanciers G.M.Trevelyan ist. Er war vierzig Jahre alt und unterrichtete in Austin als sein erster Roman veröffentlicht wurde: THE EIGER SANCTION (IM AUFTRAG DES DRACHEN) schlug 1972 wie eine Bombe ein und verkaufte eine Million Exemplare. Gedacht als eine Art Parodie auf die Agentenromane à la Bond, war der Roman mehr als das. Nämlich ein gebildetes, und selbstironisch reflektierendes Stück Genreliteratur, das nicht nur als intellektuelles Spiel mit den Möglichkeiten des Spionageromans spielte, sondern auch ungeheuer spannend war und eine damals seltene Amoralität vorstellte. 1975 wurde der Roman von und mit Clint Eastwood verfilmt und gehört leider zu den schlechtesten Werken des Regisseurs Eastwood. 1973 griff Trevanian seinen Protagonisten, den Kunstsammler und Killer Jonathan Hemlock noch einmal auf für den ebenso erfolgreichen Thriller THE LOO SANCTION (DER EXPERTE). In dem Buch beschreibt der Autor einen überaus cleveren Kunstraub, der anschließend von Gangstern in Italien haarklein in die Realität überführt wurde. Damit war der Name Trevanian als Bestsellermarke etabliert. Seine Intelligenz und sein wunderbarer Stil sorgten dafür, dass man ihn als den einzigen Autor von Airportbestsellern bezeichnete, den man sowohl mit Zola, Ian Fleming, Edgar Allan Poe und Chaucer vergleichen konnte. Er war der Bestsellerautor der denkenden Menschen. Als drittes versuchte er etwas völlig anderes und war ebenfalls erfolgreich: Der Roman eines Cops und seiner Stadt Montreal, THE MAIN (EIN HERZSCHLAG BIS ZUR EWIGKEIT), 1976, gehört heute noch zu den besten Polizeiromanen, Police Procedurals oder Cop Novels, die je geschrieben wurden. Für diesen Roman schlüpfte er in die Gestalt eines Franco-kanadischen Autors und legte sich auch ein entsprechendes Pseudonym zu. Aus rechtlichen und verlagstechnischen Gründen musste er das Buch dann aber unter „Trevanian“ veröffentlichen.


Und dann kam SHIBUMI!

„Nach SHIBUMI gab es für mich keine Möglichkeit mehr, den Agententhriller weiter zu treiben. Ich hatte das Genre komplett ausgelotet und es gab keinen Punkt mehr, den ich noch erreichen konnte.“
Trevanian lehnte den üblichen Bestsellerzirkus kompromisslos ab. Er trat nie in Talk-Shows auf, ging nie auf Lesereise und gab höchst selten Interviews (das erste erst 1979 der „New York Times“ auf Flehen seines Verlages Crown zur Unterstützung des Marketings zu SHIBUMI. Seine zunehmende Verachtung für die USA (die in seinen Romanen spürbar ist) und die kapitalistische Konsumgesellschaft ließ ihn sein Heimatland verlassen. Mit seiner Familie zog er ins französische Baskenland, dem Wohnort von Nikolai Hel. Wie Hel war auch Whitaker ein begeisterter Bergsteiger und Höhlenforscher. Diese Aura des Schweigers und mysteriösen Schriftstellers förderte seinen Mythos. Ganz selten antwortete er auf Leserbriefe. In seinen letzten Lebensjahren stellt er eine Homepage ins Internet, die Fragen seiner kultischen Verehrer zum Teil beantwortete: http://www.trevanian.com. Seine Tochter Alexandra, ebenfalls Schriftstellerin, hat diese Page aktualisiert

Nach dem „psychologischen Horrorroman“ THE SUMMER OF KATYA (DER SOMMER MIT KATYA) wurde es still um ihn. Er schrieb weiterhin – auch unter Pseudonym – veröffentlichte aber nur ein paar Kurzgeschichten als Trevanian. Erst 1998 erschien ein neuer Roman. Diesmal ein historisch genauer Western: INCIDENT AT TWENTY-MILE. Das Buch konnte keinen großen Erfolg verbuchen, aber die weltweite fanatische Trevanian-Fan-Gemeinde (zu der sich auch der Autor dieser Zeilen zählt)jaulte auf vor Glück. Sein nächster Roman, STREET OF THE FOUR WINDS, über Pariser Künstler, die in die 1848er Revolution verwickelt waren, fand keinen Verleger (und wird mit anderen Werken wohl in den nächsten Jahren herausgegeben werden). Ein weiteres Armutszeugnis für die degenerierende Buchverlagsszene.

Für sich hatte der Autor eine bemerkenswerte Technik entwickelt: Trevanian überlegte zuerst, welche Art von Geschichte er erzählen wollte. Dann entwickelte er wie ein Method Actor den perfekten Autor, der diese Story schreiben könnte und versetzte sich in ihn herein.

Trevanians Schreibtisch

Don Winslow, ebenfalls ein stilistisches Chamäleon, bekannte sich immer als großer SHIBUMI-Fan. Nach der ersten Lektüre lernte er sogar GO. Seine Kenntnisse des Orients, sein Wissen über Kampfsport und Militärgeschichte und seine stilistischen Fähigkeiten führten zu seiner „Berufung“ durch Trevanians Agenten und Familie. Es ist bemerkenswert, wie sicher er im Prequel mit dem Sujet zurecht kommt und wie gut er den Geist des Originals trifft. Was Trevanian-Fans befürchtet hätten, ist zum Glück nicht eingetreten; SATORI ist ein wunderbares Buch, dass Trevanians Vermächtnis würdigt und nicht befleckt. „Um dieses Buch schreiben zu können, musste ich nicht Trevanian werden – das wäre peinlich und dumm gewesen. Ich musste Nikolai Hel werden. Denn das hatte ich mit Trevanian gemeinsam. Solange ich die Welt mit Nikolais Augen sah, sah ich sie mit Trevanians Augen. Die Stimme, der Sound kam dann von selbst… Ich behaupte nicht, dass es leicht war. Trevanian hat eine ganz spezifische Welzsicht, die sich in Hel ausdrückt… Wenn ich nicht mehr weiter wusste, was häufig passierte, versuchte ich die Ziele von Hel durch seine Augen zu sehen. Wie reagierte er auf Herausforderungen? Was würde er für sich und sein angestrebtes Ziel Satori, Erleuchtung, zu erreichen daraus lernen? Die Aufgabe war ein großes Geschenk. Wenn man morgens weiß, dass man an einem Buch wie SATORI arbeiten wird, weiß man, dass man einen guten Tag hat.“ Winslow hat mit seinen eigenwilligen Romanen selbst tiefe Spuren im Noir- und Thriller-Genre hinterlassen. Spätestens seit seinem blendend recherchierten Drogenkrieg-Thriller POWER OF THE DOG (TAGE DER TOTEN; Suhrkamp) gehört er zu den Schwergewichtlern der Kriminalliteratur.

Durch SATORI erfahren wir ungeheuerliches: Kang Sheng, der Meister der Schatten, starb gar nicht 1975! Im Schatten Maos und der Viererbande war er einer der großen Strippenzieher; Begründer des chinesischen Geheimdienstes, Erfinder des Roten Buches, der Kulturrevolution und der Gulags. Wie Winslow heraus fand wurde er bereits 1951 von Nikolai Hel umgebracht! Also muss er anschließend durch einen Doppelgänger ersetzt worden sein. Die Geschichte muss einmal mehr neu geschrieben werden.


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