Martin Compart


CORMAC MCCARTHYS BLOOD MERIDIAN – DES SCHWEIGERS REISE DURCH DIE HÖLLE by Martin Compart
22. Dezember 2010, 11:38 am
Filed under: Bücher, Cormac McCarthy, Film, Noir, Porträt

Foto von Jim Herrington!

Kein Schweigen war lauter als das von Cormac McCarthy. Der Mann, der den Amerikanern archaisches Bewußtsein vermittelt, gab in der Regel keine Interviews. Mit Homer verbindet ihn mehr als mit Hemingway. Bis vor wenigen Jahren verkauften sich seine Bücher schlechter als schlecht. Leben konnte er von Preisgeldern und Stipendien. Dann outete sich Oprah Winfrey als Anbeterin und der Schweiger kam zum Interview und von da an fliesst das Geld in Strömen – überschaubaren Strömen, aber genug um seinem jungen Sohn ein sorgenfreies Erbe zu hinterlassen.

Mittlerweile ist Hollywood heiß auf den Schweiger und richtet seine grandiosen Romane hin. Da beruhigt nur eine Anekdote des seligen James Malahan Cain. Auf die Frage, ob er nicht erbost darüber sei, was Hollywood seinen Büchern angetan hat, deutete er mit dem Daumen auf das Buchregal hinter sich und sagte:
Hollywood hat meinen Büchern gar nichts angetan. Da stehen sie genauso, wie ich sie geschrieben habe.
Aber dieser Vorwurf gegenüber McCarthy-Verfilmungen wäre nicht gerecht: Die Coen-Brüder haben mit ihrer Verfilmung von NO COUNTRY FOR OLD MAN einen guten Job gemacht. Und auch die Verfilmung von THE ROAD kann man noch als werkgetreu durchlassen (wer würde es nicht verzeihen, eine Rolle zu erweitern oder rein zu schreiben, wenn diese für Charlize Theron ist?).

Und für 2011 ist einmal mehr der Film nach BLOOD MERIDIAN angekündigt.Ursprünglich hatte sich Tommy Lee Jones die Rechte an McCarthys düsterstem Roman gesichert, zwischenzeitlich war das Projekt an Ridley Scott gegangen, und nun ist der Film wohl von Todd Field (u.a. realisierte er einige Folgen der Depressions-TV-Serie CARNIVALE) fertig gestellt worden. Da der Roman zu meinen absoluten Favoriten gehört, hier nochmals meine Betrachtung.

„Blood Meridian“ („Die Abendröte im Westen“; Rowohlt) – eine Höllenfahrt, gegen die Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ wie ein Ausflug auf einem Vergnügungsdampfer erscheint:

„Ein andermal sahen sie eine schaurige Horde auf unbeschlagenen Indianermustangs halb trunken die Straßen entlangreiten, bärtig, barbarisch, in mit Sehnen vernähte Felle gehüllt, reich bewaffnet mit überschweren Revolvern, schwertgroßen Bowiemessern, kurzen doppelläufigen Büchsen von daumendickem Kaliber, der Sattelschmuck aus Menschenhäuten gefertigt, das Zaumzeug aus Menschenhaaren gewoben und mit Menschenzähnen verziert, die Reiter trugen Schulterbinden oder Halsschmuck aus verdorrten, schwärzlich verfärbten Menschenohren, die ungezähmten Pferde rollten mit den Augen und bleckten die Zähne wie bissige Hunde, mit dabei waren noch ein paar halbnackte, im Sattel wankende Wilde, bedrohlich, schmutzig, martialisch, das Ganze wie eine Heimsuchung aus einem unzivilisierten Land, wo sich die Reiter und ihresgleichen von Menschenfleisch nährten.“

Grauenhaft! Einfach grauenhaft! Aber das Schlimmste ist, daß dies nicht die Bösen sind, sondern die „Helden“ in Cormac McCarthys Roman. Dagegen wirken Stephen Kings Monster wie ein fröhlicher Haufen Disney-Enten. Totenschädel, verbleichende Knochen, dazwischen blutige Skalps und Bäume mit erhängten Kindern in der monströsen Landschaft des amerikanischen Südwestens und Nordmexikos – das ist McCarthys Vision von der glorreichen Landnahme.

Der Roman folgt seinem jugendlichen Helden – immer nur „der Junge“ genannt – als Mitglied der Skalpjäger-Gang, die im Auftrag des Gouverneurs die Grenzregion Nordmexikos von Indianern „reinigen“ soll: eine blutrünstige und magisch-realistische Parodie auf die literarische Form der Quest, der Abenteuerreise zur Selbstfindung. McCarthy beschreibt großartige Landschaften, die er immer vor der Niederschrift besucht: „Neun Tage, nachdem sie Chihuahua verlassen hatten, ritten sie durch eine Bergspalte und dann einen Pfad hinunter, der wie eingemeißelt an der massiven Felswand eines Steilhangs dreihundert Meter über den Wolken entlanglief. Ein großes Steinmammut blickte von den grauen Felswänden auf sie herab. Im Gänsemarsch zogen sie bergabwärts. Sie passierten einen in den Fels gehauenen Tunnel; auf der anderen Seite, meilenweit unten in einer Schlucht, waren die Dächer einer Stadt zu sehen.“

Es ist eine Reise durchs Inferno, in der McCarthy seinen Gewaltkosmos als die normalste Sache der Welt kartographiert. Er versucht gar nicht erst, das Böse zu erklären, sondern führt dessen Unausweichlichkeit vor. Er schreibt die Greueltaten nicht nieder, um Gewalt zu erklären, sondern um deren immerwährende Existenz zu behaupten. Die Mörderbande nutzt jede Gelegenheit zum Plündern, Vergewaltigen und Abschlachten. Jedes Dorf, das sie betritt, hinterläßt sie als qualmende Ruine.

„Viele der Einwohner waren in die Kirche geflohen, hielten sich kniend am Opfertisch fest, wurden jammernd fortgezerrt, einer nach dem anderen erschlagen und auf dem Altarboden skalpiert.“

Moral oder Sympathie für Menschen, Opfer und Unschuldige existiert nicht. Es ist ein Amoklauf, in dem Gewalt und Korruption die Währung sind für ein sinnloses Dasein als Schlächter und Verräter an der Menschlichkeit. Nachts lagern die Kujone in den Ruinen einer uralten Kultur, in der Lovecrafts Ungeheuer bestenfalls ein harmloser Lagerfeuerspaß wären. „Im Dunkeln kauerten sie in ihren schlichten Hütten und lauschten der aus den Felsen sickernden Angst.“ So ziehen sie marodierend dahin „wie eine Patrouille, dazu verdammt, einen uralten Fluch zu erfüllen“. Die symphonische Gewalt betäubt, lähmt, entsetzt. Kein Fernsehbericht könnte uns besser vorführen als dieser Roman, wie es in Bosnien oder im Kosovo wirklich zugegangen ist.

„Bei Einbruch der Dunkelheit erhob sich inmitten der Hingemetzelten wie durch ein Wunder eine einzelne Menschenseele und stahl sich im Mondschein davon. Der Boden, auf dem er gelegen hatte, war getränkt mit Blut und mit Urin aus den entleerten Blasen; besudelt und übelriechend wie ein stinkender Abkömmling der fleischgewordenen Mutter des Krieges trottete er dahin.“

Politisch völlig unkorrekt, sind Indianer hier nicht nur Opfer, sondern auch Täter. „Vieles war rätselhaft in der Welt, nicht aber die Grenzen dieser besonderen Welt, denn sie kannte weder Maß noch Schranke, in ihr lebten grausame Geschöpfe, Menschen von anderer Hautfarbe, Wesen, die keiner jemals gesehen hatte und die dennoch nicht fremder waren, als einem sein eigenes Herz fremd sein konnte, ganz gleich, welche Wildnis, welche Bestie es barg.“

Die eigentliche Hauptperson ist Richter Holden, der wahrscheinlich der Teufel oder ein Dämon ist und höhnisch fragt: „Wenn Gott die Entartung der Menschheit aufhalten wollte, hätte er es nicht längst getan?“ Dann wiegt er einen Apachenknaben zärtlich auf den Knien, um ihn kurz darauf zu skalpieren. „Alles, was in der Schöpfung ohne mein Wissen existiert, existiert ohne mein Einverständnis. Die Erde ist meine Domäne. Und doch gibt es überall noch Schlupfwinkel voll autonomem, ungebundenen Leben. Damit ich es mir untertan machen kann, darf nichts ohne meine direkte Einflußnahme geschehen.“ Auch wenn er davonzukommen droht – er soll sich nicht zu früh freuen: Das Land ist noch nicht fertig mit ihm.

In „Blood Meridian“ gelingt McCarthy für die Indianerkämpfe das, was Daniel Woodrell in „The Woe To Live On“ für den Bürgerkrieg getan hat: die Zertrümmerung aller zuckersüßen mythischen Verklärungen. Mit einem Buch löscht der Autor Jahrzehnte von Hollywoods Western-Sozialisation beim Leser aus. Die Szene, in der bekloppte Freischärler von Komantschen niedergemacht werden, die gestohlene Rinder und Pferde als Deckung vor sich hertreiben, vernichtet jede Indianerattacke von John Ford oder sogar Sam Peckinpah (dem einzigen Hollywood-Regisseur, der McCarthy gerecht worden wäre).

„Gott hat die Welt erschaffen, aber nich so, daß alle sich drin zurechtfinden, stimmts?“ sagt ein alter Mann. In diesem blutrünstigen Kosmos hätte sich auch John Wayne nicht zurechtgefunden.
Hat man sich erstmal auf die hypnotische Sprache eingelassen, dann wird das verdammte Buch zum Pageturner, und man kann es nicht mehr aus der Hand legen. Und am Ende weiß man zumindest eines: Es gibt keinen amerikanischen Traum, es hat ihn nie gegeben. Und wenn es doch einen gab oder gibt, dann heißt er: Gier und Blutdurst. Langsam begreift man, daß die USA von Gesindel begründet wurde, das man aus Europa rausgeworfen hat. „Blood Meridian“ ist mit Blut geschrieben.

„Mittags stießen sie ein Stück weiter flußaufwärts auf die Reste eines von der Cholera dezimierten Goldsuchertrecks. Die Überlebenden trotteten zwischen den Kochfeuern umher oder lugten mit hohlem Blick den abgerissenen, hinter den Weiden auftauchenden Reitern entgegen. Ihre Sachen lagen im Sand verstreut; die ärmliche Habe der Toten hatte man ausgesondert, um sie dann irgendwann zu verteilen. Ein paar Yuma-Indianer hielten sich im Lager auf. Die Männer hatten sich mit Messern die Haare zurechtgestutzt oder mit Schlamm an die Schädel geklatscht; sie tappten durchs Gelände, in ihren Händen baumelten schwere Keulen. Die Frauen waren bis auf die aus Weidenrinde geflochtenen Röcke nackt; viele waren hübsch, noch viele mehr von der Syphilis gezeichnet.“

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen.
rororo; 3.Auflage, 1998. Blendend übersetzt von Hans Wolf.


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