Martin Compart


Die Crux mit dem Hauptwerk: Grundsätzliches über Michael Moorcock 2/ von Alexander Martin Pfleger by Martin Compart
28. Oktober 2010, 8:07 am
Filed under: Bücher, Michael Moorcock, Politik & Geschichte, Porträt, Science Fiction | Schlagwörter:

Grundsätzliches über Michael Moorcock – anlässlich einer Neuübersetzung seiner „Imitatio Christi“

Problematisch erschien jedoch den meisten Kritikern die formale Beliebigkeit dieser Geschichten. Moorcock legte hier keine exemplarische, wohldurchdachte und abgewogen auskomponierte Version seiner Fantasy-Konzepte vor – eine solche durchaus vollbracht zu haben, attestierte man ihm später vereinzelt angesichts seiner Spenser-Travestie „Gloriana“ – , sondern sich in ihrer thematischen Struktur häufig ähnelnde, je nach Belieben um einzelne Episoden zu straffende oder auszudehnende Romanzyklen, denen nicht allein die letzte künstlerische Entschiedenheit fehlte, sondern die zudem stets Gefahr liefen, in ihrem Bestreben, die Stereotypen der „Sword and Sorcery“ und die Rezeptionshaltung der Mehrzahl ihrer Leser subtil zu unterlaufen, zu subtil zu geraten und in ihrem subversiven Anspruch verkannt zu werden, da die entsprechenden Anspielungen häufig zu raffiniert verborgen waren und schlichtweg übersehen und folglich die entsprechenden Bücher als typische Produkte dessen wahrgenommen wurden, was sie produktiv zu überwinden beanspruchten.
Immerhin war es ihm auf diese Weise möglich, den stets zu verebben drohenden Kassenpegel von „New Worlds“ halbwegs im schwarzen Bereich und somit ein Forum für unkonventionelle und vorwiegend jüngere SF-Autoren am Leben zu halten – neben dem schon erwähnten Norman Spinrad vor allem James Graham Ballard, Brian W. Aldiss, David I. Masson, Langdon Jones, M. John Harrison, Gene Wolfe, Roger Zelazny, Thomas M. Disch, John T. Sladek, Michael Butterworth, Pamela Zoline und natürlich sich selbst.
Die Einschätzung von Moorcocks dezidiert anspruchsvolleren Werken aus jener Zeit ist ebenfalls keineswegs einhellig positiv. Gerade sie schienen vielfach nur zu bestätigen, dass der Autor Moorcock in offensichtlich experimentellen, sozialkritischen und Genrekonventionen kompromisslos überrennenden Texten nur selten die Ansprüche des Herausgebers und Kritikers Moorcock einigermassen adäquat umzusetzen wusste. Abgesehen davon blieben die meisten dieser Bücher recht unpopulär, mit Ausnahme der Chroniken um Jerry Cornelius, die rasch Kultstatus erlangten und Elric und Corum zeitweise durchaus Konkurrenz zu machen verstanden – und seines ursprünglich als Erzählung publizierten und später auf die Länge eines kurzen Romans erweiterten Textes „Behold the man“, im deutschen Sprachraum unter dem Titel „I.N.R.I. oder die Reise mit der Zeitmaschine“ bekannt.
Dieses ein weitverbreitetes feuilletonistisches Bedürfnis nach einem chef d´oeuvre offensichtlich befriedigende Opus repräsentiert weltweit bei vielen Lesern und Kritikern seit bald 40 Jahren den „anspruchsvollen“ und zugleich bei der Verwirklichung seiner künstlerischen Zielsetzungen auch tatsächlich erfolgreichen Michael Moorcock. Es brachte ihm in beiden Fassungen einen Hugo Gernsback Award und einen Nebula Award ein. Brian W. Aldiss rühmte es in seinem „Billion Year Spree“ als „das stärkste Argument“ gegen die Ansicht, Moorcock habe kläglich bei der Umsetzung dessen versagt, was er von der Kanzel von „New Worlds“ herab verkündete, und auch der gewiss von sämtlichen Musen liebkoste Verfasser des Deckblatttextes der bei Piper erschienenen Neuübersetzung versichert, man habe es hier mit einem visionären Klassiker zu tun, dem bedeutendsten Zeitreiseroman seit H. G. Wells „Zeitmaschine“ und einem der wichtigsten phantastischen Werke des 20. Jahrhunderts.
Erzählt wird die Geschichte Karl Glogauers, Sohn eines aus Hitlerdeutschland nach England emigrierten jüdischen Elternpaares, der nach der Trennung seiner Eltern sowohl unter seiner dominanten Mutter als auch den Attacken seiner „native born“ britischen Altersgenossen zu leiden hat, sich als Student in zahllose erotische Abenteuer stürzt und den Sinn des Lebens sucht, auf dessen Spur er zumindest in den Schriften C. G. Jungs stösst. Glogauer, von dem man übrigens in anderen Büchern erfährt, dass er eine weitere Inkarnation des Ewigen Helden darstellt, nutzt nach dem Bruch mit seiner langjährigen Freundin Monica die Chance, das Geheimnis Jesu Christi zu ergründen: Als Jude in christlicher Umwelt schon seit Kindertagen von der Gestalt Jesu fasziniert, bietet er sich einem verkrachten Wissenschaftler, der ihm zuvor auch eine homosexuelle Beziehung offerierte, die Glogauer allerdings ablehnte, als lebendes Versuchskaninchen für dessen Zeitexperimente an und lässt sich mit einer Zeitmaschine ins Jahr 29 nach Christus versetzen.
Nachdem das Vehikel bei der Ankunft unwiderruflich in die Brüche gegangen ist, sucht Karl den Ort Nazareth auf, wo er tatsächlich den Zimmermann Joseph antrifft, zu dessen zurückgebliebenem Sohn Jesus schon öfters Fremde pilgerten, die in seinem Stammeln orakelhafte Aussprüche und Offenbarungen göttlicher Weisheit vermuteten. Dieser Jesus, von dessen Mutter, der ehrgeizigen und alles andere als jungfräulichen Maria, Glogauer anlässlich eines Beischlafs erfährt, dass er die Frucht eines Seitensprunges ist, kann unmöglich der Messias sein. Gab es überhaupt keinen Jesus von Nazareth, wie ihn uns das Neue Testament überliefert, oder ist Glogauer in einem Paralleluniversum gelandet, dessen Geschichte hier einen anderen Verlauf zu nehmen beginnt als die Geschichte unserer Welt?

Desillusioniert zieht der Zeitreisende durch die Lande, verblüfft alle Leute mit seinen Kenntnissen der heiligen Schriften und gerät immer mehr selbst in die Rolle des Jesus von Nazareth hinein. Systematisch sucht er nach den zwölf Aposteln und versucht, der Geschichte genau den aus den Evangelien bekannten Verlauf zu geben. Sein charismatisches Auftreten fesselt die Massen bei seinen Predigten und hilft ihm, im heutigen Sprachgebrauch an psychosomatischen Beschwerden leidende Menschen zu heilen. Den Verrat des Judas und seine Festnahme leitet er selbst in die Wege, und noch am Kreuze hängend, vermag seine Ausstrahlung zu überzeugen: Sein Flehen, ihn doch bitte wieder herunterzuholen, gerät in den Ohren der Anwesenden zu einer Anrufung des Elias oder zur Bitte an seinen himmlischen Vater, den Menschen zu vergeben, da diese nicht wüssten, was sie täten.

Eine literarische Revolution oder gar ein erzählerisches Meisterwerk hat Moorcock mit dieser Geschichte nicht vorgelegt, wohl aber ein Stück Literatur, dem man auf weite Strecken durchaus Solidität zu bescheinigen vermag, das indes an anderer Stelle den Eindruck unfreiwilliger Schaumschlägerei erweckt. Die besondere Stärke der Romanfassung zeigt sich vor allem in Moorcocks Handhabung einer durchaus komplexen Erzählstruktur: Der Roman erzählt zum einen linear die Ereignisse von Glogauers Ankunft in der Vergangenheit an bis zur Kreuzigung, springt dabei aber immer wieder zur – gleichfalls weitgehend linearen – Schilderung seines Lebens im 20. Jahrhundert um, was in diesem Fall unaufgesetzt und gekonnt wirkt. In jeder Hinsicht aufgesetzt und gewollt tiefsinnig wirken hingegen die zahllosen und vielleicht auch wahllos eingesetzen inneren Monologe Glogauers sowie die fundiert klingenden, im Gesamtzusammenhang aber nur mit Worten klingelnden Gespräche und Reflexionen über Religion, Philosophie, Psychologie und deren Kulmination im Werke Carl Gustav Jungs, gewollt provokant und folglich auf geradezu lächerliche Weise altbacken wiederum die zahlreichen sexuellen Details, die Moorcock in der Erzählungsfassung zu seinem und unserem Glück ausgespart hatte.

Die Nicht-SF-Handlung im 20. Jahrhundert, subtrahiert man Sex und (Pseudo-) Tiefsinn, birgt ansonsten die meisten Qualitäten des Werks. Aufgrund ihrer Krassheit überzeugen die Schilderungen der Demütigungen Karls durch Spielkameraden, Mitschüler und Erwachsene, seines Leidens unter mangelnder Mutterliebe und seiner Trauer um den verlorenen Vater – liegt die Eindringlichkeit dieser „naturalistischen“ Passagen zwar überwiegend im rein Thematischen begründet, so dürfte doch kaum zu bestreiten sein, dass solcherlei Naturalismus sich auf die Dauer als beständiger bestätigen dürfte denn sämtliche Exkurse über Archetypen oder Satinhöschen.

FORTSETZUNG FOLGT


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