Martin Compart


Die Crux mit dem Hauptwerk: Grundsätzliches über Michael Moorcock von Alexander Martin Pfleger by Martin Compart
26. Oktober 2010, 10:37 am
Filed under: Bücher, Michael Moorcock, Politik & Geschichte, Porträt, Science Fiction | Schlagwörter: , ,

Grundsätzliches über Michael Moorcock – anlässlich einer Neuübersetzung seiner „Imitatio Christi“

Dietmar Dath bezeichnete Michael Moorcock im Sommer 1994 anlässlich der Ankündigung des Erscheinens des vierten und letzten Colonel Pyat-Romans als den „Schriftsteller des Urbanen“, von dessen 80 Büchern zwar 60 Schrott seien, „aber noch im Schlechtesten findet sich ein Wort zum Tage. Selbst wenn er will, kann er nicht miserabel schreiben, denn so miserabel er dann häufig wirklich schreibt: er denkt zu heftig dabei. Moorcock, einer von den Allergrößten in diesem Jahrhundert“. Wenngleich diese Charakteristik nicht frei von typisch Dath’schen Übertreibungen ist, berührt sie doch den Kern der Problematik, mit welcher sich konfrontiert sieht, wer den Autor Moorcock im Wortsinne beim Worte zu nehmen sucht.
Wer sich ernsthaft mit der literarhistorischen Entwicklung der Science Fiction und der Fantasy auseinandersetzen möchte, wird an der Gestalt des 1939 geborenen Engländers Michael Moorcock in der Tat nicht vorbeikommen können. Moorcock, der bereits mit drei Jahren lesen konnte, als Siebzehnjähriger Redakteur einer Comicheftreihe war, jahrelang als Bluessänger und Gitarrist Europa und Nordamerika bereiste und nebenbei eine schier uferlose schriftstellerische Aktivität entwickelte und in den verschiedensten Sparten reüssierte – von der Science Fiction bis zum Spionage Thriller und vom historischen Roman bis zur Fantasy – ist seit Jahrzehnten eine der einflussreichsten wie umstrittensten Persönlichkeiten der modernen phantastischen Literatur.
Im Jahr 1964 übernahm Moorcock von Ted Carnell die Herausgeberschaft des bis dato eher biederen britischen SF-Magazins „New Worlds“ und löste schon bald eine kleine literarische Revolution aus, da sich unter seiner Ägide „New Worlds“ zum Zentralorgan der angloamerikanischen „New Wave“ entwickelte, deren Vertreter die Science Fiction für experimentelle Schreibweisen einerseits und stärkeres politisches Engagement andererseits zu öffnen bestrebt waren. In ihrer zum Teil harschen Ablehnung eines Grossteils der marktbeherrschenden traditionellen Science Fiction, die immer noch vorwiegend durch die Person John W. Campbell jrs. geprägt war, der als Herausgeber des legendären Magazins „Astounding“ in den vierziger Jahren das „Golden Age“ der primär naturwissenschaftlich orientierten US-amerikanischen Science Fiction eingeläutet hatte, dem man in späteren Jahren aber immer häufiger vorwarf, in reaktionären Positionen erstarrt zu sein, brachten Moorcock und seine Mitstreiter viele Leser gegen sich auf, weshalb „New Worlds“, trotz seiner Bekanntheit, die es auch dem Protest verschiedener konservativer Politiker verdankte, deren Ablehnung sich nicht nur an provokanten Inhalten wie etwa Norman Spinrads Wahlkampfthriller „Bug Jack Barron“, sondern auch an der zeitweiligen Subventionierung des Magazins durch den „Arts Council“ entzündete, immer wieder am Abgrund des Bankrotts balancieren sollte, bis es schliesslich 1970 eingestellt wurde.

Die hitzigen Debatten der Vergangenheit sind längst Literaturgeschichte; Klassiker brachten, wie Alfred Elton van Vogt einmal formulierte, sowohl die Grossen Denker des „Golden Age“ als auch die Großen Herzen der „New Wave“ hervor, wie es auch auf beiden Seiten genügend Erzeugnisse gab, die der, teils berechtigten, teils ungerechtfertigten, Vergessenheit anheimfielen. Unter den Autoren der „New Wave“ nahm Michael Moorcock stets eine Sonderstellung ein. Seine Bedeutung für einen Wandel des literarischen Bewusstseins innerhalb der Science Fiction ist gewiss unbestritten – allerdings in erster Linie als Anreger und Herausgeber. Moorcocks eigenes literarisches Werk, insbesondere das der 60er und 70er Jahre, wurde trotz oder gerade aufgrund seiner Vielseitigkeit und Popularität von der Kritik überwiegend skeptisch aufgenommen.

Da Moorcock bereits Mitte der 60er Jahre erkannte, dass sein kompromissloser Kurs finanzielle Risiken barg, sicherte er seine editorischen Tätigkeiten durch Einnahmen aus seiner schriftstellerischen Arbeit ab. Um die zunächst wenig Gewinn versprechenden Experimente der „New Wave“ zu finanzieren, musste Geld durch Texte hereinkommen, die ein Massenpublikum zu begeistern wussten, dabei jedoch keinen Verrat an Moorcocks herausgeberischen Idealen darstellten. Insbesondere mit seinen Fantasy-Zyklen um den „Ewigen Helden“, eine Art Sinnbild des Menschen im Spannungsfeld der abstrakten Prinzipien von Ordnung und Chaos, welche beide in ihrer Totalität als gleichermassen lebens- wie menschenfeindlich sich erwiesen und zwischen denen sich der Held in zahlreichen Inkarnationen – am bekanntesten sind hiervon sicherlich die Romane um Dorian Falkenmond, den Herzog von Köln, um Prinz Corum Jhaelen Irsei von den Vadagh und vor allem um den Albino Elric von Melnibone mit seinem seelentrinkenden Schwert Sturmbringer – in den verschiedensten Welten zu behaupten sucht, verhalfen Moorcock zu einem enormen ökonomischen Erfolg und etablierten ihn auch rasch als Klassiker der modernen, nachtolkien´schen Fantasy. Gleichwohl sollte sich insbesondere an ihnen die Kritik am Autor Moorcock entzünden.
Weitgehend unbestritten war, dass Moorcock sich in diesen Romanen auf durchweg redliche Weise bemühte, die Stereotypen der trivialeren Spielarten der Heroic Fantasy, der sogenannten „Sword and Sorcery“, als Chiffren für eine tragische Weltsicht zu verwenden, die der Umbruchsituation der 60er und 70er Jahren angemessen erschien. Anders als viele Repräsentanten des damals erst allmählich in die Gänge kommenden Fantasybooms, deren Helden in missverstandener Nachfolge Robert Ervin Howards und dessen Conan allzu häufig zu reinen Totschlägern mutierten, erwiesen sich die Inkarnationen von Moorcocks „Ewigem Helden“ überwiegend als Anti-Helden, „mehr der Kithara als dem Schwert ergeben“, wie Pylades seinen Freund Orest in Gerhart Hauptmanns „Elektra“ der Titelfigur gegenüber charakterisiert. Seine Figuren geraten meist erst durch Schockerfahrungen mit dem Phänomen der Gewalt in Berührung und können oft nur unter Drogeneinfluss oder im Banne magischer Schwerter zu mehr oder weniger eigenständigen Kämpfern werden, die sich aber letztlich in der Regel früher oder später selbst zugrunderichten, da ihre Siege hauptsächlich Pyrrhussiege sind, oder die sterben müssen, wenn die Welt ihrer nicht mehr bedarf.

FORTSETZUNG FOLGT


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