Martin Compart


Dr. Horror III: EMPIRES OF THE DEEP by Martin Compart
24. August 2010, 10:56 am
Filed under: China, Dr. Horror, Film, NEWS

Dilettantismus hat in Deutschland nicht nur Konjunktur, sondern auch einen Namen.
Hatte einen Namen.
Wir trauern um Christoph Schlingensief, der vor zwanzig Jahren dem wahrscheinlich größten Dilettanten der deutschen Geschichte mit dem Film Hundert Jahre Adolf Hitler ein unsterbliches Trash-Mahnmal setzte. Seitdem läuft Hitler in den Medien wieder gut. Schlingensiefs Leben währte derweil nicht mal 100, sondern nur 49 Jahre.
Müssen wir deshalb um das Ansehen des Dilettantismus in Deutschland und der Welt fürchten?
Zum Glück gibt es unsere chinesischen Freunde, in deren Heimat der Dilettantismus vermutlich wie so viele andere Kulturschätze erfunden wurde.
Da haben manche Filmemacher nicht nur kein Talent wie Schlingensief, sondern im Gegensatz zu diesem auch noch Geld wie Heu, um es unter Beweis zu stellen.
Jon Jiang aus Beijing hat seine Milliarden mit Immobiliengeschäften verdient.
Trotzdem fand er neben dem Geldscheffeln noch die Zeit, sich 4000 DVDs anzugucken und sich danach selbst zum Movie Tycoon auszurufen. Denn die ausufernde Passion endlosen Filmkonsums befähigt ihn jetzt, das bis dato teuerste Werk der chinesischen Filmgeschichte zu produzieren. Für umgerechnet 100 Millionen Dollar will er seine Favoriten Lucas, Spielberg, Peter Jackson und James Cameron ausstechen und auf die hinteren Plätze verweisen.
Dafür hat er einen schönen Stoff gefunden, der, wie er hofft, noch erfolgreicher sein wird als Gladiator, Pirates of the Caribbean und Avatar zusammen. Um ein geflügeltes Wort eines an eigener Selbstüberschätzung gescheiterten deutschen Möchtegern-SF-Regisseurs zu zitieren: „Wenn mein Film anläuft, müssen die Kinos anbauen.“
Die Rede ist von Empires of the Deep. Monica Bellucci oder Sharon Stone sollten die Hauptrolle spielen, aber irgendwie schien ihnen das Projekt nicht zu gefallen. Jetzt verkörpert Olga Kurylenko, ein ehemaliges Bond-Girl aus der Ukraine, die Königin der Seejungfrauen, die es darauf anlegen, alle Männer beim Sex umzubringen. In Nebenrollen treten auf: griechische Götter und Heroen (die angesichts des Offenbarungseids von EU-Mitglied Griechenland nach China ausgewandert sind und dort im Dutzend billiger zu haben waren: eine schöne Vorstellung), denn die Geschichte spielt im sagenhaften Hellas, dazu noch Piraten, Seeungeheuer sowie der finstere Dämon Mage. Die dazugehörigen Kostüme stammen wahrscheinlich aus dem Ausverkauf eines amerikanischen Partyverleihs. Der Regierung war das verständlicherweise nicht chinesisch genug, und darum hat Jon Jiang noch Drachenmenschen und den chinesischen Star Hu Jun (Hu Who?) als Drachenlord in die Geschichte verrührt, ganz so als koche er seine Zutaten im Wok.
Ansonsten mochte Herr Jiang aber nicht mit chinesischen Kreativen arbeiten: „I’m an international producer. I don’t want to make Chinese movies. I don’t know how movies are made in China.“ Denkbar ist, dass Jiang weder weiß, wie Filme in China entstehen, noch überhaupt sonstwo. Daher braucht er jede Menge Hilfe und hat bereits eine ganze Anzahl internationaler Autoren und Regisseure verschlissen, unter ihnen fragwürdige Zeitgenossen wie Pitoff (Catwoman mit Halle Berry), Jonathan Lawrence, Michael French und Scott Miller. Irvin Kershner, der Regisseur von The Empire Strikes Back, wurde vermutlich nur seines Namens wegen als Produzent an Bord geholt. 40 Mal wurde das Drehbuch inzwischen umgeschrieben.
Nachforschungen haben ergeben, dass Jon Jiang Schlingensief nicht kannte. Sonst hätte er ihn vermutlich zu Lebzeiten unter Vertrag genommen. Vielleicht versucht er es ja jetzt bei Lars von Trier. Und wenn der nicht will, sollte sich Jiang Kim Jong Il, „a fellow film buff“, zum Vorbild nehmen, der gelegentlich mal einen Filmregisseur nach Nordkorea entführen ließ, damit er ihm einen schönen Film dreht. Vielleicht hat Kim, wenn Jiang ihn freundlich bittet, neben einigen Leichen ja noch ein paar Regisseure im Keller…
Rolf Giesen
24. August 2010


1 Kommentar so far
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Schlingensief vermisse ich schon jetzt. Bestätigend, wie Drecksfeuilletons ihm plötzlich nachjammern, hat er sie doch immer ordentlich verarscht.
Auf den schönen Film freue ich mich aber sehr. Die gepflegte Pressekonferenz gibt ja zu den allerliebsten Hoffnungen Anlass. Ist das Zitat des ungenannten Regisseurs vielleicht von Roland Emmerich, dem Ed Wood des Legolandes? Dem Poeten des Präkariats? Dem Restaurator des restringierten Filmcodes? Dem Spätzle unter den Monomanen?

Kommentar von Martin Compart




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