Martin Compart


GET LEWIS – TED LEWIS UND BRIT-NOIR 9/ by Martin Compart

Elemente der britischen Noir-Literatur lassen sich auf Thriller von Autoren wie Leslie Chateris, Sidney Horler oder Peter Cheyney zurückführen, die alle bezeichnenderweise in dem englischen Pulp-Magazin The Thriller in den 20er- und 30er Jahren Geschichten um gesellschaftliche Außenseiter veröffentlichten. Natürlich waren diese Autoren keine Noir-Autoren im heutigen Sinne. Aber ihre atmosphärische Darstellung der Vorkriegszeit hatte etwas Beklemmendes und Düsteres. Robin Cook alias Derek Raymond sieht die Urväter des Noir-Romans durchaus in Autoren wie Shakespeare, der die dunklen Gefilde der Seele ausleuchtete, William Godwin, dessen CALEB WILLIAMS wohl die erste hard-boiled novel ist und die Pulp- oder Black-Mask-Revolution vorwegnahm, Henry Fielding mit seiner Gangsterbiographie JONATHAN WILDE und natürlich Charles Dickens, der den Horror der urbanen Industriegesellschaft wie kein anderer einfing. Interessierten sei Derek Raymonds autobiographisches Buch, das gleichzeitig eine brillante Betrachtung der Noir-Literatur ist, empfohlen: DIE VERDECKTEN DATEIEN (erschien 1999 als erster Band der DUMONT NOIR-Reihe).
Das vielleicht verbindliche Geburtsjahr des modernen britischen Noir-Romans war 1939. In diesem Jahr debütierte Rene Raymond alias James Hadley Chase (1906-85) mit seinem ultrabrutalen, in einem mythischen Amerika angesiedelten Roman NO ORCHIDS FOR MISS BLANDISH (KEINE ORCHIDEEN FÜR MISS BLANDISH; zuletzt im Ullstein Verlag 1989). Obwohl er später harte Geschichten aus der Londoner Unter- und Halbwelt erzählte, kehrte er immer wieder in sein fiktionales Amerika zurück. Wie andere große Autoren schuf sich Chase einen eigenen Kosmos um die fiktive Stadt Paradise City. Chase, der die USA nur von einem einzigen Kurztrip kannte, ließ seine besten Romane in Chase County spielen, in dem er den Sozialdarwinismus der kapitalistischen Gesellschaft ungeschminkt vorführen konnte. Er erzählte schmutzige, schnelle Geschichten über wenig sympathische Menschen, die für Sex, Macht und Geld alle gesellschaftlichen Normen brechen. Er zeichnete ein düsteres Bild der westlichen Zivilisation, in der jeder der Wolf des Mitmenschen ist, wenn er nicht untergehen will. Initialzündung für seinen Kosmos war James M.Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE (WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT; Heyne 1987). Später schrieb Chase manch besseren Cain-Romane als Cain selbst.
1941 erschien ein weiterer Meilenstein: A CONVICT HAS ESCAPED von Jackson Budd, einem Pseudonym von William John Budd (1898-?). Der Roman zeigt ein beeindruckendes Bild der Londoner Eastend-Unterwelt während des Krieges. Dem Helden werden Schiebereien und Schwarzmarktgeschäfte zum Verhängnis. Das Buch wurde 1947 von Alberto Cavalcanti mit Trevor Howard unter dem Titel THEY MADE ME A FUGITIVE verfilmt. Ein harter und düsterer Film ohne Happy End, der die Handlung in die Nachkriegszeit verlegte. Budd hatte bereits in den frühen 30er Jahren Kriminalromane zu schreiben begonnen, aber keines seiner Bücher übertraf diesen Noir-Klassiker.
Autoren wie Jackson Budd, Gerald Kersh, David Craig, James Barlow, Jack Monmouth und andere schrieben finstere London-Novels über die Unterwelten der Metropole bis in die 60er Jahre hinein.

Der erste Autor, der auch die Organisation eines Geheimdienstes beschrieb, war Peter Cheyney mit seiner DARK-Serie. Zuvor hatten die Gentlemanagenten lediglich mit einem nicht weiter ausgeführten Spionageapparat zu tun. Cheyney war der erste, der den Geheimdienst als strukturierte Organisation von Spezialisten beschrieb. Der Autor, der mit fiktiven amerikanischen Slangabenteuern um den FBI-Agenten Lemmy Caution einen Welterfolg hatte, zeigte das Geheimdienstspiel angesichts des zweiten Weltkriegs brutaler und zynischer als seine Vorgänger. In den Dark-Büchern gibt es wiederkehrendes Personal, dass in dem einen Roman eine Haupt- und im nächsten Roman eine kleine Nebenrolle spielt. Die integrierende Figur ist Agentenführer Quayle, der seine Leute von Marokko bis Florida gegen die Deutschen einsetzt. Wie in seinen Lemmy Caution-Romanen gibt es Doppel- und Dreifachspiele zwischen den handelnden Personen. Niemand ist, was er zu sein vorgibt. Cheyney war wohl der erste Spionageautor, der auch der „richtigen“ Seite Skupellosigkeit unterstellte.

Reginald Southouse Cheyney, der sich selbst später Peter Evelyn Cheyney nannte, wurde am 22.2.1896 in London geboren. Er wuchs im Eastend auf, wo seine Mutter ein Korsettgeschäft in Whitechapel betrieb und sein Vater in Billingsgate am Fischmarkt arbeitete. Cheyney besuchte die Mercers School und studierte an der Londoner Universität Jura. Während des 1. Weltkriegs diente er beim Royal Warwickshire Regiment und wurde im Krieg verwundet. Nach dem Krieg führte er kurze Zeit eine Anwaltspraxis. Er versuchte sich mit geringen Erfolgen als Buchmacher, Privatdetektiv, Liedertexter und Politiker; er war Mitglied der faschistischen Partei von Sir Oswald Mosley, was ihm die ohnehin nicht wohlgesonnenen Kritiker immer wieder vorhielten. Cheyney war geradezu ein psychopathischer Patriot. So war er bereit jeden zum Duell zu fordern, der Britannien oder die königliche Familie beleidigte.1933 war er für ein Jahr Redakteur beim „Sunday Graphic“. In dieser Zeit begann er abenteuerliche Kurzgeschichten und Serials für Magazine wie „The Thriller“ zu schreiben, die er zum Teil unter Pseudonymen veröffentlichte. Sein erster Held war der ganz deutlich von Leslie Chateris‘ „The Saint“ beeinflußte Alonzo MacTavish. 1936, als Vierzigjähriger, veröffentlichte er seinen ersten Roman, THIS MAN IS DANGEROUS, der auch der erste Roman mit seinem erfolgreichsten Helden Lemmy Caution war. Bis zu seinem Tod veröffentlichte er 34 Romane, 31 Bände mit Kurzgeschichten und schrieb unzählige Stories und eine Reihe von Hörfunkserien. Er hatte irrsinnigen Erfolg. 1944 verkaufte er mehr als zweinhalb Millione Bücher, ab 1946 pro Jahr mindestens 1 Million. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität verkaufte er allein in Frankreich jährlich 9000000 Bücher und in den USA, dem Handlungsort zahlreicher Romane, den er nie besuchte, 300000 Exemplare. Er starb am 26.Juni 1951 in London.


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