Martin Compart


PETER HIESS: Vorwort zu NAZI ISLAND MYSTERY 1/ by Martin Compart
27. Mai 2010, 9:03 am
Filed under: Bücher, Crime Fiction, Krimis, Nazi | Schlagwörter: , ,

Ich habe das große Vergnügen, in meinem Blog Peter Hiess´ Vorwort zu NAZI ISLAND MYSTERY in mehreren Teilen zu veröffentlichen. Wer danach nicht Lust auf erfrischenden Schmutz & Schund hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Neben erfreulichen Bemerkungen zur zeitgenössischen Kriminalliteratur erfährt der Leser im Interview im Anhang des Romans auch eine Menge zur Entwicklungsgeschichte der Okkupation des Internets durch deutschsprachige Pop-Pioniere . In unserer Ära reduzierter Erwartungen kann ein retrospektiver Blick zur Ursachenerkenntnis führen.

Terror, Trips & tote Tiger
von Peter Hiess

Haben Sie in letzter Zeit einen Krimi gelesen? Na grüß Gott …
Es muß ja nicht einmal einer von diesen skandinavischen Kriminalromanen sein, die aus unerfindlichen Gründen immer noch angesagt sind – diese unwahrscheinlich öden Berichte aus der Psyche des Nordmenschen, in der noch dazu die gesamte Umgebung des Ermittlers, ob urban oder ländlich, bis in die kleinste Einzelheit beschrieben wird. Und auch keine Donna Leon, deren behäbiger Commissario Brunetti nur mehr ein Held für alternde Grüne und Sozialdemokraten ist, die zum Sterben in die Toskana gehen.
Es genügt schon der durchschnittliche europäische Kriminalroman, der sich gern als Literatur verkleidet und unseres angeblichen Alltags annimmt, zumindest so, wie das AutorIn ihn sieht. Besagter Alltag hat aber im Regelfall leider gar nichts mit der potentiell spannenden Korruption und endlosen Perversion der Mächtigen in Brüssel zu tun, auch nicht mit echter Wirtschaftskriminalität, der Ostmafia oder der von oben verordneten Hilflosigkeit der Polizei – und schon gar nicht mit dem realen Kleinkrieg in den Städten unseres alten Kontinents, der mit Gewalt zu einem neuen umgeformt werden soll.
Nein, nein, das wäre ja alles politisch unkorrekt, käme nie in den Genuß einer staatlichen Förderung und würde vom Feuilleton bestenfalls ignoriert werden. Da befaßt man sich als hoffnungsvoller Kriminalautor doch lieber mit dem, was man aus dem Fernsehen kennt. Soll heißen: In jedem Heuschober werden Kinder geschändet und traumatisiert, in großbürgerlichen Villen mißhandelt immer irgendeiner Frauen und traumatisiert sie noch schwerer, sogar die Serienkiller haben alle ihr Psycho-Packerl zu tragen – und hinter jedem Strauch lauert irgendein alter Nazi, oder auch ein neuer, oder gar eine ultrarechte Verschwörung, die unbedingt das zwölfjährige Reich wieder zurückbringen will.
Und das, meine Damen und Herren, war schon am Anfang ein bißchen öd, wird aber in der x-ten Wiederholung mehr als langweilig.
Die Amerikaner haben es da viel leichter: sie müssen sich nicht ewig mit demselben winzigen Ausschnitt der Geschichte herumschlagen, sondern dürfen sich im Krimi mehr erlauben. Deshalb kommen aus den USA – neben Schema-F-Schnitzeljagden à la Dan Brown – auch realistische Großstadtschilderungen, packende Agententhriller, großartige Serien über einsame Ex-Militärpolizisten und exzentrische FBI-Agenten, herrlich ungute Geschichten aus dem Hinterland und ebenso schnell wie glaubwürdig geschriebene Romane über versoffene Privatdetektive, knallharte Bullen und romantische kleine Gauner.
Warum das so ist? Weil man sich in den Vereinigten Staaten nicht für seine Pulp-Vergangenheit geniert – im Gegensatz zu unsereinem, der durch allerlei „Schmutz & Schund“-Kampagnen und die abfällige massenmediale Betrachtung der „Trivialliteratur“ geschädigt ist. Die Amis sind mit Comics und absurden Fernsehserien aufgewachsen. Sie haben billige Taschenbücher verschlungen, auf deren Cover immer ein harter Hund mit Hut und Pistole sowie eine leichtbekleidete Femme fatale zu sehen sein mußten. Und wenn in ihrer Popkultur Nazis vorkamen, dann nur in der Hogan’s Heroes-Variante: böse und doch irgendwie saublöde Deutsche in schwarzen Uniformen, die dauernd „Jawoll, mein Führer!“ oder „Schneller, Shveinhundt“ sagen und bei ihren Welteroberungsplänen gern mit verrückten Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Wie im wirklichen Leben halt …
Genauso geht es auch in r.evolvers Roman The Nazi Island Mystery zu. Natürlich gibt’s darin jede Menge Nazis, das kündigt ja schon der Titel an, und die haben – zehn Minuten in der Zukunft – auch ihr Viertes Reich, aber das ist eigentlich nicht mehr als eine Dauerwerbe-Show mit blutigen „pseudohistorischen“ Spektakeln, Doppelgängern längst verstorbener Prominenter und schmierigen Typen, die sich am liebsten zu noch schmierigeren Exploitation-Pornos selbst befriedigen. Hitlerland, sozusagen; ein direkter Abkömmling unserer gegenwärtigen Entertainment-Industrie, das überzogenste Reality-TV seit Caligula. Daß diese üblen Charaktere auf ihrer streng geheimen Insel was besonders Hinterhältiges aushecken, ist klar und gehört auch in so einen Roman; daß die Leiterin des dort ansässigen Labors eindeutig nach dem Muster der legendären Ilsa (She Wolf of the SS) geschnitten ist, freut wiederum den Fan trashiger Spezialitäten.


1 Kommentar so far
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Der erste Teil des Vorwortes klingt ja schon mal nicht schlecht und ist auch ziemlich witzig. Besonders die Ankündigung einer Figur, die nach „der legendären Ilsa […] geschnitten ist“,
lässt auf guten und gutgemachten Trash hoffen.
Was mich allerdings ein wenig stört, ist der Umstand,dass auf dem zeitgenössischen europä-ischen Krimi so rumgehackt wird. Ich finde so schlecht, wie er in den Zeilen da oben gemacht wird ist er gar nicht. Autoren wie Petros Mar-karis, Andrea Camilleri, die leider schon verstorbene Magdalen Nabb, Veit Heinichen, Leif GW Persson, der leider auch schon verstorbene Michael Dibdin und auch die gute,alte Donna Leon sind den hier so hochgelobten us-amerikanischen Krimischreibern durchaus ebenbürtig.

Kommentar von Alexander




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