Martin Compart


JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL 5/ by Martin Compart
17. Februar 2010, 5:08 pm
Filed under: Bücher, Crime Fiction, Jörg Fauser, Noir, Politik & Geschichte, Porträt | Schlagwörter: ,

Vergangenheit ist nie zu Ende ist der Titel eines Romans von Ted Allbeury. Eine Erkenntnis, die sich mir einmal mehr bewies, als eines Abends die Bullen bei mir klingelten. Ein Strafbefehl war offen – alter Scheiß aus München, den ich
längst begraben wähnte.
Ich sollte umgehend im Beisein der Cops am Bahnhof Zoo 400 DM auf die Münchener Gerichtskasse einzahlen, oder ich käme in Beugehaft. Soviel Kohle hatte ich nicht bar, noch verfügte ich über Eurochecks oder ähnlich neumodischen Kram. Ganz bestimmt würde ich am nächsten Tag noch vor dem Zähneputzen die Überweisung tätigen. Nix da. Entweder sofort zum Zoo oder sofort in den Knast.
Ich hatte an diesem Abend echt was Besseres vor. Hat man nicht immer Besseres als Knast vor? Ob ich einen Bekannten aufsuchen könnte? Der Springer-Ausweis wirkte damals in der Frontstadt manche kleine Wunder. Die Cops waren einverstanden
und führten mich zu Jörg ins 13. Arrondissement. Da Jörg Gäste hatte, mußte er zu Hause sein. Was für ein Partyknaller.
Ich klingelte, berichtete, und Jörg zog den Trench an, fuhr mit zum Bahnhof Zoo, hob Geld ab, gab es mir, ich zahlte ein, und die Bullen wünschten uns noch einen schönen
Abend. Gibt wohl nicht viele Autoren, die ihren Lektor vor dem Knast bewahrt haben.

Gelegentlich war Jörg etwas aufgebracht, wenn wir uns trafen.
Ein feuilletonistischer Streuner, Haß in der Feder, hatte ihn angepinkelt. Das sezierten wir gerne minutiös, um einmal mehr festzustellen, wie gering doch der Verstand sein muß, um bei bestimmten Postillen schreiben zu dürfen. Zeit seines Lebens wurden Jörg und sein literarisches Konzept unter Wert behandelt. Aber Hemingway hatte ja gesagt:
»Kritiker haben noch jeden Schriftsteller, der sie liest, ruiniert«.
Jörg nicht. Das Leben auf der Straße hatte ihn viel zu sehr gepanzert. Sie kamen mit ihren Abrißbirnen nicht an ihn ran. Wirklich geärgert haben wir uns nur, wenn Name,
Titel oder Verlag falsch geschrieben waren. Da war Jörg ganz der Meinung von Mickey Spillane: Nur das zählt. Aber die Schiedsrichter des Konformismus versuchten es immer wieder, ließen nicht locker wie tollwütige Frettchen. Oft genug spürte man aus ihren krummen Zeilen Haß auf Jörgs Überlegenheit, den Haß darauf, daß er ihren Spießerkanon nicht anerkannte und übernahm, den Haß darauf, daß er in
jedem Genre – ob Reportage oder Songtext – Gold schürfte, Haß darauf, daß er nicht mit ihnen fraternisierte, letztlich den Haß auf ihre eigene Unzulänglichkeit. Noch
heute gibt es ja solche ewigen Buben (oft mit den Namen von Comic-Witzfiguren), die mit dem traditionellen Lockruf der Sauhirten ihre Gefolgsleute herbeizitieren, weil sie Jörgs Wirkungsgeschichte nicht verkraften und krampfhaft ein Kastensystem zu erhalten suchen, das von Fauser zu kalter Asche heruntergebrannt worden ist. »Wenn ein wirklich großer Schriftsteller in Deutschland erscheint, kann man ihn
untrüglich daran erkennen, daß sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden«, kann als leicht verändertes Hemingway-Zitat für die Fauser-Rezeption gelten. Jedenfalls zu seinen Schaffenszeiten.

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