Martin Compart


JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL 2/ by Martin Compart

Die evangelische Akademie in Loccum lud immer mal gerne
die Krimiszene zu Tagungen ein, deren inhaltliche Öde durch
abendliche Trinkgelage kompensiert wurde. Hier trafen sich
überwiegend Autoren der bescheidenen Kategorie zu lärmender
Ausgelassenheit und stupiden Katerforen. Da rannten sie
ein paar Tage wild onanierend durch die Gegend. 1982
waren Jörg und ich dabei. Zuvor hatten wir uns nur ein paar
Mal persönlich gesehen. Ausquartiert in einen unbewohnten
Seitenflügel hatte man uns karge Klausen zugewiesen, die unserem
Außenseiterstatus entsprachen. Als frischgebackener
Ullstein-Herausgeber hatte ich bei den meisten anwesenden
Deutschschreibern gleich mal meine Popularität auf Null
gebracht, indem ich kategorisch verkündete, daß ich keine
deutsche Regionalliga in der Gelben Reihe machen würde,
solange mir angelsächsische Weltklasse zur Verfügung stünde.
Zu Jörgs großer Freude war ich damit sofort unten durch. Er
hatte Ullstein den richtigen Mann empfohlen. Was da rumschlich
und Dummheiten zur Kriminalliteratur verkündete,
waren die Gründerväter einer Organisation namens »Syndikat
«, die angebliche Krimiautoren vertrat. Der Verein schadete
ähnlich stark wie die Gruppe 47. Jörg verachtete diese
sozialliberalen Kleinbürger. Und sie wiederum ließen keine
Gelegenheit aus, Jörg ans Bein zu pinkeln. Folgerichtig haben
sie ihm vor ein paar Jahren posthum einen Preis verliehen
und damit das letzte Stadium der Geschmacklosigkeit
erreicht. Trotzdem gab es keine Rotationsphänomene auf
dem Münchener Friedhof. Zu unwürdig, um im Jenseits
wahrgenommen zu werden. In seinem Essay »Leichenschmaus
in Loccum« hatte Jörg die Veranstaltung gewürdigt:
»Ich blickte mich um. Lauter Tote, die sich tote Themen und
toten Fraß in ihre leichenstarren Münder stopften. Loccumer
Leichenschmaus. Ich wollte nicht tot sein. Ich flüchtete in die
Kneipe.«

Statt unsachgemäße Podiumsdiskussionen zu besuchen,
überließen wir sie weitgehend ihrem Elend. Jörg, Peter
Schmidt (damals einziger deutscher Autor derUllstein-
Krimis) und ich erkundeten lieber die örtliche Gastronomie.
Schmitti und Jörg bekundeten lauthals ihre John-le-Carré-
Bewunderung. Jörg: »Hier fielen drei, vier fremde Herren
nicht sehr auf, die den neuen deutschen Kriminalroman bis
auf Haut und Knochen abnagten und mit Pils herunterstürzten,
wobei sie fast rhythmisch rituelle Urlaute ausstießen:
Greene! Oder: Himes! Oder: le Carré!« Das war wohl der Tag
der Zeugung der GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE, die etwa
neun Monate später zur Welt kam.
Beim Auspacken bekam ich mit, daß Jörg vorausschauend
zwei Flaschen Whisky im Gepäck hatte. Das brachte uns
über den ersten Tag. In der Nacht darauf ging uns der Stoff
aus, und alle Kneipen waren bereits dicht. Mutlos nuckelte
ich an dem evangelischen Dosenbier, als Jörg zum Plündern
aufbrach. Er kam mit einer vollen Flasche Whisky zurück.
Wie hatte er das wieder hingekriegt? Er schrieb nicht nur wie
kein zweiter deutscher Autor, er löste auch Nachschubprobleme
mit links. Später haben Schmidt und ich es aus ihm
rausgelockt. Jörg war durch ein offenes Fenster in die Dorfkneipe
eingestiegen, hatte Licht gemacht und dann lautstark
Bedienung eingefordert. Der verblüffte Wirt war im Schlafanzug
aus dem ersten Stock heruntergetapert und hatte ihm
anstandslos eine Pulle verkauft. Wenn Jörg Durst hatte, gab
es keine Mauern.

1983 gründeten Schmitti, Jörg und ich die GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE
mit Programm, Pressekonferenz und dem
ganzen Scheiß. Am nächsten Tag war ein Besuch in Ostberlin
angesagt. Treffpunkt Kochstraße, mit der U-Bahn zur Friedrichstraße.
Ich hatte in der Nacht keine Gelegenheit gehabt,
nach Hause zu gehen, und führte das OBERBAUM-Manifest
in der israelischen Kampfjacke mit. Jörg und Schmitti kamen
unbelästigt durch den Checkpoint. Mich krallten sie sich und
zogen das subversive Programm aus der Brusttasche. Das
war’s. Man verfrachtete mich in eine Zelle ohne Wasser. Nach
durchzechter Nacht ganz klar ein Verstoß gegen die Genfer
Konvention. Bautzen oder Sibirien? Ob Markus Wolf einen
Schläfer bei Ullstein gebrauchen könnte? Ich würde die nächste
Programmplanung verraten und mich damit freikaufen.
Stunden später wurde ich entlassen. Das Papier dürfe ich bei
der Ausreise aus der DDR wieder abholen. Die geschah innerhalb
von zehn Minuten. Ich hatte für heute die Schnauze
voll vom Arbeiter-und-Bauern-Staat. Schmitti und Jörg hatten
eine Stunde gewartet, bevor sie allein lostobten. Jörg hatte
zu Schmitti gesagt: »Jetzt hat er es in der Hand. Wenn sie ihn
nach ein paar Jahren Gulag freikaufen, kommt er in den
Vorstand von Springer.« Ja, ein guter Freund denkt auch ans
berufliche Vorwärtskommen seiner Kumpel. Ich verzog mich
umgehend in mein Domizil in der Kantstraße und legte mich
hin. Abends wurde Sturm geklingelt. Ich torkelte zur Gegensprechanlage,
und Jörg fragte aufgeregt: »Haben sie dich
wieder laufen lassen? Wurdest du gefoltert?« Wir gingen einen
trinken. Jörg war neben der Spur. Der Nachmittag mit
Schmitti hatte Prellungen hinterlassen. Sie hatten ab Friedrichstraße
einen Stasi im Schlepptau, der sie »unauffällig«
beschattete. Den beiden machte das Spaß. Einmal klatschte
Schmitti seine Hand mit voller Wucht gegen einen Baum und
brüllte: »Jetzt klingeln der Stasi wieder die Ohren.« In den
Kneipen bestellten sie Wodka, bekamen zur Antwort, daß es
nur Korn gäbe. »Aber auf der Flasche steht Wodka, kannste
nicht lesen? Gib uns Wodka!« Kein Feingefühl für die Russenressentiments
der DDR-Brüder.


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