Martin Compart


IAN FLEMING – DER MANN MIT DER GOLDENEN SCHREIBMASCHINE by Martin Compart
5. März 2009, 8:45 am
Filed under: Ian Fleming, James Bond, Porträt | Schlagwörter: , ,

Zum 100.Geburtstag von Ian Fleming

Wenn man 1965 unter 16 Jahren alt war, dann war das verdammt schlimm! Eine echte Qual. Ausschluss aus der Gemeinschaft derer, die wirklich am Leben teil nahmen. Dadurch konnten Grundlagen für Depressionen gelegt werden, die nie wieder gut zu machen wären.

Der Grund?

In die Kinos kam GOLDFINGER!

Ich gehörte zu den misshandelten Kreaturen, die sich an den Glaskästen der Kinos die Nase platt drückten und auf Szenenbilder blickten, wie man sie aus keiner Jugendvorstellung kannte. Ich gehörte zu den Unglücklichen, die um den lebensgroßen Aufsteller von SeanCopnnery mit der Pistole an der Wange herum schlichen und wussten, dass man ihn nicht klauen konnte ohne an der nächsten Straßenecke wieder eingefangen zu werden. Eine unglaubliche Werbekampagne hatte eingesetzt und machte jedem klar, dass man zu den Blöden gehörte, wenn man diesen Film nicht gesehen hatte. Nach der Deutschlandpremiere in Köln wurde Connery hysterisch umjubelt wie die Beatles oder Rolling Stones, die zeitgleich Deutschland aufmischten und endgültig die 50er Jahre zu den Akten legten. Wie jeder unter-16-jährige tat auch ich alles, wirklich alles, um in diesen verdammten Film zu kommen. Vergeblich. Demütigend war es, an der Kasse abgewiesen zu werden und höhnisch hinterher gerufen zu bekommen: Komm wieder, wenn du ein paar Jahre älter bist, Kleiner. Das hier ist noch nichts für dich! Ich fand sogar eine mitleidende Nachbarin und bekennende Bond-Fan, die mich mitnehmen wollte. In Begleitung von Erwachsenen kam man nämlich problemlos in jeden miesen Film. Nützte nichts, da sie zuvor die Erlaubnis meiner Mutter einholen wollte. Und die reagierte auf diesen Vorschlag so, als wolle man mich mit zu Mick Jagger auf eine Hasch-Orgie nehmen.

Aber ich will nicht länger über mein ungerechtes Schicksal klagen. Irgendwann sah ich also den Film, der heute durch jedes Kinderzimmer in Wiederholungen flimmert. Zuvor hatte ich den literarischen 007 entdeckt und heimlich die großartigen Bond-Romane aus dem Scherz-Verlag verschlungen. Es war der Beginn einer lebenslangen Liebe zu dieser unvergleichlichen Pop-Ikone, geschaffen von einem Mann, der vor 100 Jahren geboren wurde , nämlich Ian Lancaster Fleming.

Mit dem Geheimagenten Ihrer Majestät schuf er eine Figur, die inzwischen zur Milliarden-Industrie wurde und von der man nur noch in Superlativen sprechen kann. Fleming selbst hat nur noch den Beginn des Welterfolges seiner Schöpfung miterleben können. Er starb, nur 56 Jahre alt 1964 während der Dreharbeiten GOLDFINGER. In England wird dieser Geburtstag natürlich gebührend gefeiert. Das Imperial War Museum etwa widmet Bond eine eigene Ausstellung. Das hat es noch nie für eine fiktive Figur gegeben. Obwohl Bond natürlich genau in diesen Rahmen passt. Denn niemand sonst hat im Weltbewusstsein den Niedergang des einstigen Empires stärker aufgehalten als 007. Bei dieser Veranstaltung wird es nicht bleiben. Zu den Highlights des Jubiläumsjahrs gehört die Veröffentlichung eines neuen Bond-Romans, DEVIL MAY CARE von Sebastian Faulks. Faulks ist bereits der fünfte Autor, der Flemings Figur literarisch am Leben erhält. Zuvor hatte auch der britische Hochliterat und bekennende Bond-Fan Kingsley Amis einen Bond-Roman geschrieben. Leider muss man sagen, dass keiner von Flemings literarischen Nachfolgern dem Meister das Wasser reichen konnte. Der absolute Höhepunkt des Bond Jahres wird aber sicherlich die Premiere des neuen 007-Films QUANTUM OF SOLACE, zum zweiten Mal mit Daniel Craig in der Bond-Rolle.

Ein guter Anlass, sich einmal mehr diese Pop-Ikone genauer anzusehen.

Ian Fleming war sowohl ein freundlicher, mitfühlender Mann, wie auch ein echter Snob ohne aber zur Aristokratie zu gehören, wie der Großteil seiner Kumpane mit denen er ein ausschweifendes Leben führte. Er hatte einiges mit Bond gemeinsam. Wie seine Romanfigur interessierte er sich vor allem für schöne Frauen, schnelle Autos, starke Drinks, Kartenspiele, Tauchen und Golf. Die schönen Künste langweilten ihn. Selbst der Film. Dem Produzenten Cubby Broccoli hatte er zu dessen Entsetzen gestanden, er wäre das letzte Mal zu VOM WINDE VERWEHT ins Kino gegangen. Aber Fleming war auch ein weltoffener Mann, der sich für fremde Kulturen interessierte, viel reiste, Männerfreundschaften pflegte und Bücher und Pornographie sammelte. Snobby war auch sein Erscheinungsbild: Selten sah man ihn ohne Fliege und langer Zigarettenspitze, mit der er affektiert herum wedelte als wolle er mit ihr Fliegen verjagen.

Geboren wurde er am 28.Mai 1908 als zweiter von vier Söhnen in Mayfair in London. Einer seiner Brüder, Peter Fleming, wurde ein berühmter und kompetenter Reiseschriftsteller, der lange vor ihm ein gefeierter Buchautor wurde. Er besuchte Eton und Sandhurst und fiel dort vor allem als guter Sportler auf. Anschließend begann er ein Studium der Psychologie in Genf und in München. Er lebte 1928 ein ganzes Jahr in München und lernte fließend Deutsch zu sprechen und zu lesen.. In dieser Zeit entdeckte er den österreichischen Autor Leo Perutz. Fleming war so begeistert, dass er Perutz einen Brief schrieb und sich in England für die Übersetzung des Autors einsetzte. Er wurde Korrespondent der Presseagentur Reuters und berichtete 1933 aus Moskau über einen Spionageprozess gegen sechs britische Ingenieure. Die Spionage sollte sein Schicksal werden: Während des 2.Weltkriegs diente er im Geheimdienst der Marine, und diese Erfahrungen flossen in die Bond-Romane ein. Er war als britischer Verbindungsoffizier beteiligt am Aufbau des amerikanischen Geheimdienstes OSS, dem Vorläufer der CIA. Und er nahm in Spanien an einer Geheimoperation teil, die unter dem Code-Namen „Goldeneye“ durchgeführt wurde. Später nannte er sein Haus auf Jamaica „Goldeneye“. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als hochdotierter Journalist. Seine Freizeit bestand aus endlosen Partys, Golfpartien, Autos und Frauengeschichten. Verglichen mit einem Durchschnittsbürger war er wohlhabend. Aber verglichen mit seinen Party-Kumpanen war er ein Bettler, denn er musste für seinen Lebensunterhalt arbeiten. 1952 heiratete er und behauptete später gerne, er habe den ersten Bond-Roman angefangen, um sich von der bevorstehenden Hochzeit abzulenken.

Während Elvis noch im Verborgenen die Hüften kreisen ließ, setzte sich Ian Fleming im Januar 1952 in seinem Haus Goldeneye auf Jamaika vor die Schreibmaschine und tippte 007s Geburtsurkunde:

„James Bond wusste plötzlich, dass er erschöpft war. Er wusste immer, wenn Körper oder Geist genug hatten, und er richtete sich auch danach. Es half ihm, jegliche Überanstrengung zu vermeiden – aber auch jene gefühlsmäßige Dumpfheit, aus der Fehler entstehen.“

Der Anfang von CASINO ROYALE.

Das Schreiben ging dem routinierten Journalisten leicht von der Hand. CASINO ROYALE schrieb er in vier Wochen. Er war ein disziplinierter Schriftsteller mit einem genau eingehaltenen Tagesablauf: Jeden Morgen schrieb er drei bis vier Stunden, dann schwamm oder tauchte er, aß etwas und schlief eine Stunde. Nachmittags überarbeitete er, was er am Vormittag niedergeschrieben hatte. Den markanten Namen seines Helden hatte er einem Ornithologen entliehen, der ein Buch über die Vogelwelt Jamaicas geschrieben hatte. Fleming traf ihn später und befreundete sich mit ihm. Geheimnisumwitterter ist die Herkunft der Code-Nummer 007. Einige Bond-Experten vertraten gar die Theorie, sie basiere auf John Dee, der Astrologe und Geheimagent von Königin Elizabeth I. gewesen war und seine Berichte mit der Ziffer „007“ zeichnete. Wie so oft, ist die Wahrheit prosaischer: Fleming selbst sagte, er habe die Nummer nach der Postleitzahl von Georgetown, Washington D.C. ausgewählt. Ein Ortsteil von Washington, in dem viele CIA-Mitarbeiter wohnen. Sie lautet: 20007. Nachdem Fleming das Manuskript zu CASINO ROYALE abgeschlossen hatte, belohnte er sich selbst durch den Kauf einer neuen Schreibmaschine. Aber wie es sich für einen echten britischen Snob gehörte, war es natürlich nicht irgendeine Schreibmaschine: Für die ungeheure Summe von 174 Pfund erstand er eine vergoldete Royal Quiet de Luxe. Auf ihr schrieb er alle weiteren Abenteuer Bonds. 1995 wurde sie bei Christies versteigert. Erstanden wurde sie vom damaligen Bond-Darsteller Pierce Brosnan für 50.000 Pfund!

CASINO ROYALE wurde nicht der erhoffte große Erfolg.Es wurden nur 4750 Exemplare gedruckt. Über die Hälfte der Auflage wurde an Bibliotheken und Leihbüchereien verkauft. Deshalb ist es schwierig für bibliophile Fleming-Fans, heute ein gut erhaltenes Exemplar des viel gesuchten Buches aufzutreiben. In den 90er Jahren musste man dafür mindestens 4000 Dollar hinlegen. Im renommierten Antiquariat Adrian Harrington werden die Erstausgaben aller 14 Bond-Bücher als Schnäppchen für 30 000 Pfund angeboten!

Mit jedem Buch wurde die Auflage leicht erhöht, aber erst der vierte Roman, DIAMANTENFIEBER, hatte eine Startauflage von über 10 000Exemplaren.

Selbst nach vier Romanen hatte es Bond nicht auf die Bestsellerliste geschafft. Immerhin kaufte die Film-Gesellschaft Rank für 5000 Pfund die Rechte an MOONRAKER, ließ sie dann aber verfallen. Bei soviel Instinktsicherheit zwingt sich der Vergleich mit der Musikindustrie auf, als die Plattenfirma Decca es ablehnte, die Beatles unter Vertrag zu nehmen.

Ohne die Amerikaner wäre 007 nicht der große Welterfolg geworden: Bereits 1954 adaptierte der Fernsehsender CBS den ersten Bond-Roman „Casino Royale“ für den Bildschirm. Bond wurde von dem heute längst vergessenen B-Picture-Darsteller Barry Nelson gespielt, sein Gegenspieler Le Chiffre immerhin von Peter Lorre. Erst nachdem sich Präsident Kennedy 1961 im „Life Magazine“ öffentlich als Bond-Fan bekannt hatte, jagten die Verkaufszahlen von Flemings Büchern in ungeahnte Höhen.

Nach Kennedys Bekenntnis als Bond-Fan nahm das Interesse an Flemings Büchern über Nacht zu und katapultierte die Verkaufszahlen in Bestsellerregionen. Jetzt war auch das Kino ernsthaft interessiert, und die Produzenten Harry Saltzman und Cubby Broccoli sicherten sich die Rechte. Fleming bekam für jeden Roman 100 000 Dollar auf die Hand und wurde mit 5% an den Netto-Einnahmen der Filmverwertungen beteiligt. Das sollte sich als Lizenz zum Gelddrucken erweisen, in deren Genuss vor allem die Erben kamen und kommen. Denn Ian Fleming konnte den Welterfolg nicht lange genießen. Im Juli 1964 besuchte er noch die Dreharbeiten zu GOLDFINGER. Einen Monat später, am 12. August, starb er an seinem zweiten Herzinfarkt. Zu viele Drinks, zu viele Zigaretten und ein überzeugtes obsessives Leben hatten den Preis gefordert. Zum Zeitpunkt seines Todes waren weltweit 30 Millionen Bond Bücher verkauft, zwei Jahre später waren es bereits 60 Millionen.

Auch wenn es nur wenigen auffiel, als James Bond 1953 die literarische Bühne betrat, war die Figur etwas neues: Ein neuer fiktionaler Typus, der Cold-War-Hero, der hochspezialisierte Geheimagent mit der Lizenz zum töten.

Mit einem Schlag waren die Freizeit-Geheimagenten alter Schule, von John Buchans Richard Hannay über Sappers Bulldog Drummond bis hin zu den Clubland-Heroes eines Dornford Yates, Schnee von gestern. Fossilien ohne Sex-Appeal, chancenlos im Kampf gegen den neuen Brutalo. Der Gentleman-Agent hatte abgewirtschaftet; der „begabte“ Amateur gehörte einer anderen Zeit an und wirkte lächerlich. Die Ritter vom Secret Service kämpften jetzt auch in der Fiktion als Profis mit schmutzigen Tricks gegen den Drachen des Weltkommunismus. Es gab keine veralteten Regeln mehr. Alles ist erlaubt, wenn du auf der richtigen Seite der bist; großbürgerliche Ideale spielten keine Rolle mehr.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Gräueln von Auschwitz konnte man dem Publikum nicht länger vorlügen, dass der Westen sich nach den Regeln des Marque von Queensbury duellierte, um die Feinde im Osten fertig zu machen.

Der Romancier John LeCarré bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Ich habe Bond nie wirklich als Spion gesehen. Ich halte ihn eher für ein Wirtschaftswunderkind des Westens, mit der Lizenz, sich im Interesse des Kapitals extrem schlecht zu benehmen.“

Fleming selbst hatte keine zu hohe Meinung von seinen Büchern. Er schrieb 1956 an Raymond Chandler, der sich als Bond-Fan geoutet hatte, dass er nicht viel von den Bond-Romanen halte und sie vielleicht ernster nehmen sollte.

Andere Kreise hatten eine sehr hohe Meinung von 007: Die Geheimdienste lernten ihn lieben.

Allan Dulles, der damalige Direktor des amerikanischen Geheimdiensts CIA, der von seinen Technikern verlangte, die technischen Spionageapparate aus den Agenten-Kinoschlagern – Gadgets genannt – auf ihre Machbarkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu entwickeln.

Ausserdem sorgte Bond für eine Image-Aufwertung der Geheimagenten, die in keinem Verhältnis zur Realität stand. Die Kosten von Geheimdiensten stehen bekanntlich in keinem Verhältnis zum Nutzen, und die Unterlegenheit der Westspione im Vergleich zu ihren östlichen Sportskameraden wurde zumindest in der Fiktion umgedreht. Den Gegner verteufeln, um die eigenen Positionen zu rechtfertigen – das konnte Bond besser als jeder CIA-Stratege. Neben Pop-Star wurde Agent in den 60ern zum Traumberuf. Geheimagent sein hieß glamouröses Leben, freier Sex, herumreisen und jeden abknallen zu dürfen, den man nicht mochte. Zumindest in der Phantasie konnte sich ein wildgewordener Kleinbürger austoben. Man muss sich nur einmal verdeutlichen, dass man für Bond mit dem Slogan vom „berühmtesten Geheimagenten der Welt“ warb. Eine Figur, die so einen Widerspruch aushält, hält so ziemlich alles aus und ist zu Recht Mythos.

Kritiker übersehen gerne, dass der literarische Bond über ein kompliziertes Innenleben verfügt und Entwicklungen durchmacht. In GOLDFINGER aus dem Jahre 1959 etwa stellt Bond geradezu neurotisch seine Motivation in Frage. In FEUERBALL ist er zu Anfang ein körperlich und seelisches Wrack, dass von M in die Klinik geschickt wird. Zwei Jahre später, in IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT, will er den Dienst quittieren und ist völlig am Ende als seine frisch angetraute Frau ermordet wird. Im darauffolgenden Roman DU LEBST NUR ZWEIMAL rächt er sie zwar, bleibt aber völlig traumatisiert zurück. Dieser geradezu surreale Roman ist der düsterste der Serie. Fleming war fertig mit seinem Helden. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der von Krankheit gezeichnete Autor setzte sich noch einmal an die goldene Schreibmaschine und schrieb den letzten und schwächsten Bond-Roman: DER MANN MIT DEM GOLDENEN COLT, der allerdings die höchste Startauflage von allen verbuchen konnte. Bemerkenswert ist der Anfang, der in einem Bond-Film bisher undenkbar wäre: Nach seinem Japan-Abenteuer wurde Bond von den Russen umgedreht und versucht nun M zu ermorden. Mit der Filmversion von DU LEBST NUR ZWEIMAL begann die neue Formel der Bondfilme, in denen Ausstattung und spektakuläre Stunts wichtiger waren als die literarischen Vorlagen. Tatsächlich könnte man alle Bond-Filme seit IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT völlig neu drehen, wenn man sich ernsthaft an die literarischen Vorlagen hielte. Heraus kämen völlig andere Filme, die lediglich noch Titel und ein paar Personen mit den alten Filmen gemeinsam hätten.

Der Sex in Romanen und Filmen wirkt heute harmloser als in manchem Fernsehfilm. Aber in den 50er und frühen 60er Jahren war er schockierend: Bond schlief mit Frauen aus reiner Lust und ohne Trauschein. Zur selben Zeit lehrte sein Verbündeter Hugh Hefner in den USA in seiner Illustrierten „Playboy“, in der nicht von ungefähr mehrere Bond-Geschichten vorabgedruckt wurden, Sex als reueloses Konsumgut. James Bond war das perfekte Männerideal der „Playboy“-Leser, die sich voll und ganz mit ihm identifizieren konnten. Hefner und Bond erklärten der Mittelschicht, was sie unter gutem Leben zu verstehen habe: Sex ohne Verpflichtung, schnelle Autos, den Konsum teurer Markenartikel und die weite Welt als Abenteuerspielplatz. Das war natürlich nicht umsonst zu haben. Der Preis dafür war und ist die Aufgabe der Selbstbestimmung und die völlige Unterordnung unter Vorgesetzte, die einem das Denken und die Entscheidungen abnehmen. Aber immerhin bekam man auch die Lizenz zum Töten.

Flemings Bond war auch ein Rassist und Chauvinist. Ihm galten alle Völker, selbst die europäischen, den Briten unterlegen. Nach der begeisterten Lektüre des Manuskripts von LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU merkte Flemings Lektor an, dass die Russen in dem Buch etwas dumpf und schwerfällig geschildert wären. Fleming antwortete darauf: „Das liegt daran, dass die Russen dumpfe und schwerfällige Leute sind.“ Bonds dümmliche rassische Überlegungen wurden zum großen Teil aus den deutschen Übersetzungen getilgt. Nur die weißen Vettern in den USA kamen etwas glimpflicher weg – und sie dankten es ihm.

Fleming war lange vor Uwe Johnson und anderen der erste Literat, der Konsumgüter als Product-Placement in seine Romane einführte. Ein Zitat:

„Bond nahm eine eiskalte Dusche und wusch sein Haar mit Pinaud Elixier, dem Prinzen unter den Haarwaschmitteln.“ Die Auswahl von Konsumartikeln, die Bond meisterlich beherrscht, ist eine der letzten großen Freiheiten in einer kaputten Gesellschaft. Allerdings hatte diese Fetischisierung von Produkten in den Romanen auch die Funktion, durch Realitätsbezüge die phantastischen Geschehnisse glaubwürdiger zu machen. Die Filme und das Merchandising perfektionierten dann die Konsumgeilheit und machten Bond selbst zu einem Markenzeichen, um das herum ganze Produktpaletten entstanden. Der Film übernahm dankbar Fleminfs Methode. Den Anfang des gezielten Product Placements machte GOLDFINGER. Unerreicht, wie der Aston Martin DB 5 durch diesen Film zum Mythos gaufgebauscht wurde. Aber es gab noch mehr in GOLDFINGER: Jedesmal wenn Bond der körperlichen Hygiene huldigt, stehen gut sichtbar Produkte der Firma Gillette im Bild. Broccoli hatte den Werbevertrag ohne Wissen des Regisseurs abgeschlossen. Der wunderte sich dann, als er den Rasierschaum in die Kulisse gestellt bekam.

James Bond ist natürlich mehr als ein Werbeträger. Er ist eine Pop-Ikone und hatte im Westen viele Jahre immensen Einfluss auf Mode und Haltungen. Er war die Symbolfigur des Kalten Krieges, der moderne, westliche Nachkriegsmann, in dem sich ein neues Wertesystem verdichtete. Die sogenannte sexuelle Revolution und die gesellschaftliche Emanzipation der 60er Jahre hatten zwei wichtige kulturelle Weichenstellungen: Rock´n´Roll und James Bond.

Bond war auch mehr als ein kalter Krieger. Er ist die mythische Figur der Angestelltengesellschaft, die in den 50er Jahren eine dramatische Veränderung durchlief. Gefragt war nicht länger der bescheidene Handlanger, der seine Freizeit im Kreis der Familie verbrachte. Die neue Konsumgesellschaft verlangte von ihren Mitgliedern andere Fähigkeiten als in früheren kapitalistischen Phasen: Statt Treue zum Arbeitsplatz war nun Mobilität erforderlich, statt sklavischer Ausführung von Anordnungen brauchte man jetzt den mitdenkenden Facharbeiter, und statt Bescheidenheit war verschärfter Konsum gefragt. Anders als zuvor wurde der hedonistische, konsumfreudige Weltmann heroisiert, der seine Bedürfnisse frei auslebt. Das hohe Lied der Vereinzelung wurde angestimmt; gefördert wurden ideologisch gefestigte Handlanger, die konsumierten, bis die Schwarte krachte.

Bonds massenmedialer Erfolg verlief parallel mit dem Aufstieg der westlichen Mittelstandsgesellschaft, der bekanntlich momentan durch die Globalisierung des Großkapitals die Gurgel zugedrückt wird. In den Filmen verkörpert sich noch mehr als in den manchmal ziemlich düsteren Büchern der Irrglaube ans ewige Wachstum. Jeder neue Bond-Film muss noch größer, aufwendiger und teurer werden als der vorige.

Dabei kämpfte Bond schon früh gegen kapitalistische Auswüchse wie multinationale Konzerne oder weltweite Gangstersyndikate. Zum Beispiel Blofields Organisation SPECTRE oder Hugo Drax´ Wirtschaftsiperium. Bonds Gegner waren immer wieder Giganten der der Hochfinanz. Zu Recht vermutete 007-Chef M hinter ihren respektablen Fassaden Machenschaften, die nicht darauf ausgerichtet waren, neue Arbeitsplätze zu schaffen oder Wirtschaftsstandorte zu sichern. Gegen ihren massiven Einsatz von Kapital in Materialschlachten konnte Bond nur seine individuellen Fähigkeiten und die Pfiffigkeit der Forschungs- und Entwicklungsabteilung unter Q setzen.

Im Dienste nationaler Interessen führt der Agent erfolgreich einen Kampf gegen Monopole und Großgangster, die angesehene Bosse von Konzernen sind. Das ist so, als würde der Kapitän der Titanic einen Mann mit einem Eimer losschicken, um das Schiff zu retten. Ein tröstliches, kleinbürgerliches Märchen.

Ein Grund, weshalb Bond auch heute noch funktioniert und die Massen anspricht, ist die kühne Behauptung, dass der Nationalstaat sich gegen die Macht des marodierenden Kapitals behaupten könne.

Der verstorbene Produzent der Bond-Filme, Cubby Broccoli, war Amerikaner und hatte von Anfang an den amerikanischen Markt im Auge.

Während die Filme mit Sean Connery James Bond auch Analphabeten nahe brachte, veränderte sich im literarischen Spionageroman einiges: Bond war überholt und nun selber Schnee von gestern. Inspiriert von Großmeister Eric Ambler schrieben Autoren wie John LeCarré oder Ross Thomas harte, realistische Romane, die den Zynismus der Politik genauso darstellten, wie sie den Agenten entmythologisierten. In ihren Büchern ist der Spion nur eine Schachfigur, die ihren Auftrag nicht mehr durchschaut. Im Hintergrund, in den Büros werden die Fäden gezogen, und der Frontagent ist nur noch ein kleines, austauschbares Rädchen im Getriebe. Die Staatsräson kann auch ihn opfern. Der Geheimagent bei LeCarré oder Len Deighton war kein toller Hecht, sondern ein sich irgendwie durchmogelndes Männchen, dass versuchte, nicht zwischen gegensätzlichen Interessen aufgerieben zu werden.

Während Bond im Kino noch den Optimismus der 50er Jahre träumte, war die Literatur wieder auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen. Die Wirtschaftswachstumsjahre gingen zu Ende; der Kleinbürger musste von seinen übertriebenen Hoffnungen Abschied nehmen. Connery gab die anachronistische Figur auf, und nach einem kurzen Zwischenspiel mit George Lazenby übernahm Roger Moore, der James Bond endgültig zum der Realität entrückten Comic-Strip machte. Die Altersbeschränkung für Bond-Filme wurde von sechzehn auf sechs Jahre herabgesetzt. Der Sex wurde weniger, dafür durften die Special-Effekts-Leute aber mehr kaputtmachen.

Mit Nachfolger Timothy Dalton wollte man dann wieder auf die alte, härtere Linie der Connery-Filme zurückschwenken. Aber Dalton war zu sperrig, und sein zweiter und letzter Film wirkte auch noch wie eine aufgeblasene Miami Vice-Episode. Also musste wieder ein neuer Darsteller her. Pierce Brosnan brachte Bond wohlbehalten durch die 90er Jahre. Dabei half, dass Bond inzwischen als Institution unantastbar geworden war. Menschen, die längst nicht mehr ins Kino gingen, besuchten den neuen Bond-Film genauso wie die neue Tournee der Rolling Stones. Die zweiten großen Überlebenden der Swinging Sixties!

Die Filme mit Pierce Brosnan sollten – so behauptete jedenfalls Regisseur Robert Spottiswoode – ebenfalls an die frühen Connery-Bonds anschließen. Andererseits wollte man auch nicht auf spektakuläre Spezialeffekte und die üblichen Materialschlachten verzichten. Also musste die Story so vereinfacht werden, dass man Action-Szene an Action-Szene reihen konnte. Alles lief schön geradlinig und voraussehbar ab, um das debile Action-Publikum nicht zu überfordern. Das fade Finale von TOMORROW NEVER DIES, das man so schon oft und besser gesehen hat, tröstete auch nicht über die Vergabe der guten Ausgangsidee weg. Diesmal musste Bond nämlich einem Medienmogul das Handwerk legen. Der Böse hatte sich der Maxime des amerikanischen Zeitungskönigs William Randolph Hearst verpflichtet, der 1898 einem Korrespondenten auf Kuba zum Spanisch-Amerikanischen Krieg gekabelt hatte: „Du lieferst die Bilder, ich liefere den Krieg.“ Der Medienmogul im Film versucht einen Krieg zwischen Großbritannien und China anzuzetteln, um damit Auflage und Quote zu machen. Typisch für den Niedergang James Bonds war dann auch, dass nicht er, sondern der Schurke die beste Zeile des Drehbuchs hatte: „Der Unterschied zwischen Genie und Wahnsinn definiert sich im Erfolg.“

Mit Teri Hatcher als ehemaliger Geliebter Bonds und Frau des Bösewichts hatte der Film die interessanteste „Bondine“ seit Diana Rigg in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ von 1969 und endlich mal wieder eine Frau mit Persönlichkeit. Leider nutzte der Film ihr Potential nicht, sie stirbt früh, da er sich lieber mit stupider Action auf die sichere Seite des Kassenerfolgs schlug.

Brosnan als Bond war lange nicht so selbstsicher und arrogant wie Connery oder Timothy Dalton. Aber er war auch nicht so selbstironisch wie Roger Moore, der auf durchaus sympathische Art durch seine Spektakelfilme schlenderte, als verbrächte er ein paar Stunden in einem Disneyland für Pubertierende. Brosnan hing irgendwo dazwischen, ohne richtigen Stand. Und das gilt wohl für die Figur James Bond überhaupt. Der Niedergang der westlichen Mittelstandsgesellschaft hat ihr härter zugesetzt als der Untergang der Sowjetunion. Gut vorstellbar, dass Bond seine Lizenz zum Töten einmal gegen einen britischen Premierminister nutzen muss, um mit dem finalen Rettungsschuss den Ausverkauf Britanniens ans marodierende Großkapital zu verhindern. Damit es nicht so weit kommt, ist man mit Daniel Craig in die Hysterie des Anti-Terrorkampfes eingestiegen. Craig hatte es nicht leicht. Im Internet und sonst wo riefen harte Bond-Fans zum Boykott auf.

Man las so schöne Behauptungen wie:

„Was ist James Bond nicht? Er ist keine Frau, kein Asiate, kein Schwarzer, kein Amerikaner, kein Engländer, sondern Schotte, kein Osteuropäer, kein literarisch gebildeter Mensch, kein rücksichtsvoller Autofahrer und kein wirklich freundlicher Zeitgenosse.

Aber eines ist er auf keinen Fall: BLOND!

Inzwischen hat er seine Kritiker eines besseren belehrt. CASINO ROYALE, mal wieder der erfolgreichste Bond-Film den es bisher gab, führte die Figur wieder stärker an die literarischen Wurzeln zurück. Und macht die Figur fit für das 21.Jahrhundert.

Wie lange wird uns Ian Flemings Schöpfung noch begleiten? Das lässt sich wohl kaum prognostizieren. Es gibt noch zwei langlebigere Pop-Ikonen in Literatur und Film: Sherlock Holmes und Tarzan. Und die sterben ebenfalls nie.

NACHTRAG: QUANTUM OF SOLACE-KEIN TROST FÜR BOND-FANS

Klar, ich gehörte auch zu den untoleranten Gralshütern, die Daniel Craig die Hölle heiß machten, bevor er mich nach CASINO ROYALE kleinlaut aus dem Kino schleichen sah. CASINO war top! Der beste Bond seit THE LIVING DAYLIGHTS und ON HER MAJESTY´S SECRET SERVICE. Rückkehr zum Original-Fleming-007 bedeutet immer ein Schritt in die richtige Richtung (vielleicht gibt es ja irgendwann mal eine Bond-TV-Serie, die in chronologischer Reihenfolge die Romane werkgetreu adaptiert). Craig führte Bond in die Tradition zurück, in der er steht: die des Byronschen Helden. Alles Angestaubte und langweilende wurde abgeschüttelt. Der katastrophale letzte Brosnan-Film fast verziehen.
Umso größer war die Erwartung gegenüber Craigs zweitem Auftritt.
Und um es gleich vorweg zu sagen: Das hat Craig nicht verdient!

Das Positive vorab: QUANTUM OF SOLACE ist das erste Mal, dass ein Film als direkte Fortsetzung (findet man auch in einigen Romanen) konzipiert wurde. Die Stimmung ist of düsterer als im Vorgänger. Die Stunts sind erstklassig und genauso erstklassig ist Daniel Craig. Und das war´s auch schon.
Also zu dem, was ich beschissen an dieser misslungenen Fußnote zu Casino Royale finde:

  1. Die ätzendste Bond-Musik seit langem. Ich bin kein großer White Stripes-Fan, was vielleicht mildernde Umstände ermöglicht.
  2. Ein glubschäugiger Franzose als Chef-Bösewicht. Der Junge ist so harmlos und unbedarft, der würde an keinem Türsteher einer Provinz-Disco vorbei kommen. Ihm traut man vielleicht noch zu, als Inhaber einer Lotto-Bude Lotteriescheine zu fälschen (und aufzufliegen). Und ganz übel: Sein qualvolles Ende wird lediglich behauptet und nicht gezeigt.
  3. Das aktuelle Bond-Girl (mit dem 007 verständlicher Weise nicht ins Bett geht) hat das Charisma eines H&M-Models. Das Beste, was man über ihre Attraktivität sagen kann, ist, dass sie hübscher und weniger dämlich ist als Sumpfhühner wie Claudia Schiffer oder Heidi Klump (verzeiht mir, ihr Hühner, die ihr in fernen Sümpfen euer Leben fristet).
  4. So etwas wie Regie beschränkt sich wohl auf das Second Unit-Team, das den Bond üblichen großartigen Job macht. Da tönen Produzenten und der Witzregisseur rum, dass kein Bond zuvor so viele Außenaufnahmen hatte. Na toll, dasselbe 3.Welt-Dorf musste für Haiti und Bolivien herhalten. Da kam soviel Atmosphäre rüber, wie bei einem Mallorcaurlaub-Dia-Abend in der Marktschänke. Und dann stellen sich Broccoli&Wilson auch noch hin, und jammern, dass dieser Mark Foster leider keinen zweiten Bond dreht. Wahrscheinlich haben sie sich beim Rohschnitt die Haare gerauft. Der kürzeste Bond aller Zeiten? Klar, um zu retten, was zu retten ging, hat man wahrscheinlich das ganze Ding so lange runtergekürzt, bis fast nur noch die Action-Szenen übrig geblieben sind. Bei der dünnen, immer vorhersehbaren Handlung, sicherlich das geringste Problem.
  5. Hundert Stuntmen und kein Drehbuchautor in Sicht. Paul Haggis hat die Produzenten offensichtlich hängen gelassen. Der dank CASINO ROYALE völlig überschätzte Haggis (das Beste, was er je geschrieben hat war die TV-Serie DUE SOUTH- Ein Mountie in Chicago) hinterließ wohl nur eine Kladde voller Geistesblitze, aus der dann andere Autoren irgendwas basteln mussten. Der Regisseur wird ja nicht müde zu erzählen, dass er oft den Drehtag ohne Drehbuch begann und sich erstmal mit Daniel Craig besprochen hat. Vielleicht hat Craig schlimmeres verhindert, aber mehr auch nicht.

Abhaken, ganz schnell vergessen und hoffen, dass Craig mit seinem dritten Bond wieder mehr Glück hat. Die Richtung stimmt weiterhin: Bei Fleming ist Bond düster und humorlos (aber sarkastisch).



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Daniel Craig als Bond … wie schon damals im Gespräch zu Casino Royal angemerkt: der physischste Bond überhaupt. Perfekt in Szene gesetzt in der Verfolgungsszene zu Beginn des Streifens – Bond bricht einfach durch die Wand. Das hätte ein Connery nie gemacht. Mit seinem blonden Schädel, den auffälligen Ohren und seiner Statur ist Craig für mich der Bond des Proletariats, ein Bond fürs Volk. Direkt nach Connery undenkbar, aber über dreißig Jahre später vermutlich das Beste, was Bond passieren konnte, um nicht als Agentenrelikt eingemottet zu werden.

Gruß
M.

Kommentar von mordlust.de




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