Martin Compart


CALEB CARR – NEW YORKER MISANTHROP by Martin Compart

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Ein Serienkiller, der es auf sich prostituierende Knaben abgesehen hat, treibt in New York sein Unwesen. Nichts ungewöhnliches, wenn man die Unterhaltungsindustrie der letzten 30 Jahre betrachtet. Aber THE ALIENIST (DIE EINKREISUNG; Heyne 1994) holte etwas neues aus diesem  nervigen Subgenre.

Ungewöhnlich an diesem Roman sind aber Personen, Schauplatz und die literarische Umsetzung. Die Personen sind zum Teil fiktional, zum Teil reale Figuren der Geschichte. 3453158830_l[1]Der Schauplatz ist New York 1896 und ein Beleg dafür, dass die Vergangenheit die Gegenwart nicht bestimmt, sondern verflucht. Die literarische Umsetzung geschieht mit leichter Hand, fie Brillanz von Caleb Carrs stil ist erst auf dem zweiten Blick sichtbar, denn er findet für seinen Ich-Erzähler einen Ton, der sowohl modern ist, wie auch vergangene Eigenheiten berücksichtigt und beides zu einer Synthese führt.

Polizeichef Theodore Roosevelt, der spätere Präsident der USA, setzt eine Sonderkommission ein um den Killer zu finden. Wegen der ungeheuren Korruption in der Polizei(lange vor SERPICO), müssen die Ermittler unabhängig vom Apparat agieren. Die Sonderkommission wird von dem Psychologen Dr. Laszlo Kreisler geleitet und ihm assistiert ein Team interessanter Figuren, die höchst amüsant und informativ die zeitgenössischen Entwicklungen der Kriminalistik nutzen. „An der Person Roosevelt hat mich fasziniert, dass er sein ganzes Leben an seinen Kindheitsidealen festgehalten hat. Solche Personen inspirieren mich. Als Historiker versuche ich die realen Figuren mit ihren eigenen Worten sprechen zu lassen und sie so authentisch wie möglich zu zeichnen. Ich missbrauche sie nicht, um einen Standpunkt von mir zu verdeutlichen, der vielleicht ins Romankonzept passt.“Carr+Die-Einkreisung[1]

Neben der spannenden Handlung ist es das facettenreiche Bild New Yorks, eigentlich Manhattans, das den Roman zum modernen Klassiker macht. Die Atmosphäre der Stadt, deren Zeitgeist überzeugend eingefangen erscheint, ist nicht nur grimmig und gemein, sie ist bedrohlich böse. Ich kenne keine überzeugendere, alle Schichten und Interessen durchleuchtende, Darstellung des historischen Manhattan. New York als Zentrum des Verbrechens: „In New York sind Korruption und Sittenverfall kein vorübergehendes Unglück, sondern ein Dauerzustand.“ Carr beschäftigt sich besonders eindringlich mit homosexueller Kinderprostitution: „New York war vielleicht die Hauptstadt des Verbrechens in den USA, vor allem bei Gewalt gegen Kinder, aber auch der Rest der Staaten bemühte sich um eine ausgeglichene Statistik… Man hielt Kinder damals für kleine Erwachsene. Wenn sie ihr Leben dem Laster widmmen wollten, dann war das nach den Gesetzen des Jahres 1896 ihre Sache, und niemand konnte sie daran hindern.“ Mir fällt lediglich Herbert Asburys Sachbuch THE GANGS OF NEW YORK von 1927 ein, das ein ähnlich beeindruckendes Sittenbild der Metropole zeichnet. Und das ist, wie gesagt ein Sachbuch, noch dazu in geringerer zeitlicher Distanz entstanden.

Carr gelingt es, die komplexesten Themen in die Handlung zu integrieren. Dies funktioniert so gut, weil sein Ich-Erzähler, der Journalist Moore, eine überzeugende Tonlage triff, die den Leser in seine Zeit und Welt hinein saugt.islandofvice[1] Mit der weiblichen Figur Sara, die unbedingt Kriminalistin werden will, schafft er eine ebenso außerordentliche wie überzeugende Heldin (im Sequel arbeitet sie als Privatdetektivin). „Ich wollte ein Buch schreiben, in dem die Frau nicht die übliche Funktion hat, sich zu verlieben oder mit jemanden ins Bett zu gehen.“ Man könnte Dr.Kreisler als einen Holmes-Nachfolger sehen oder ihn in die Tradition der „großen Detektive“ des klassischen Detektivromans einordnen. Aber das stimmt nicht, denn im Gegensatz zu den großen Detektiven des Golden Age antizipiert Kreisler die Kriminalpsychologie des 20.Jahrhunderts, zu der Holmes & Co. noch keinen Zugang hatten. „Kreisler kann Verbrechen aufklären, die Holmes nie hätte lösen können, da sie nicht alleine durch das Analysieren physischer Indizien gelöst werden können; es bedarf forensischer Psychologie.“ Diese Einkreisung des bestialischen Mörders nimmt den Leser auf einen historischen Bildungstrip, der keine Sekunde langweilt. Kreisler und sein Team benutzen alle kriminalistischen (Fingerabdrücke) und psychologischen Möglichkeiten, die ihnen in der Zeit zur Verfügung stehen, um sich über ein Profil dem Mörder zu nähern. „Eine der größten Herausforderungen war das Studium der damaligen psychologischen Wissenschaftsliteratur. Meine Charaktere durften nicht mehr wissen als den aktuellen Stand der Dinge. Damals hatte Freud gerade sein erstes Buch veröffentlicht.“ Der Begriff Psychopath oder psychopathischer Killer existierte noch nicht. Ebenso wenig eine Architektur des Bösen, die von sozio-psychologischen Grundlagen ausging. Dieses Herantasten an neue Erkenntnisse, die im nächsten Jahrhundert eine so wichtige Rolle spielen würden, verleiht dem Roman zusätzlich aufklärerische Spannung. Die Passagen, in denen die Ermittler neue Fakten oder Erkenntnisse analysieren, sind die unterhaltsamsten Pro-Seminare forensischer Medizin, die man sich vorstellen kann. Sie konterkarieren ihre düsteren Expeditionen in den Bauch von Manhattan.   Nicht nur die Morde werden brutal und erbarmungslos gezeigt, die ganze Stadt ist von bösartiger Rücksichtslosigkeit. Alles ist zu kaufen, alles steht im Schaufenster: Sex mit Kindern und allen anderen, Drogen, Politik und Kultur. Das Bild der Stadt verbreitet genau so durchdringenden Horror, wie der Serienkiller. Viktorianische Kriminalität und Geschäftemacherei mit der Barbarei der Neuen Welt. Dem Historiker und dem Romancier ist eine perfekte Synthese aus Geschichtsbetrachtung und Detektivroman gelungen.

„Über die Vergangenheit zu schreiben, wiegt den Leser in Sicherheit und gibt ihm ein wohliges Gefühl. Denn – egal wie schlimm das ist, was man beschreibt – es ist ja bereits passiert. Es ist Vergangenheit.“

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Dank seiner unerfreulichen Kindheit ist der Autor fasziniert von Mördern, die sich mit ihren Taten von erlittenen Qualen befreien wollen. „ Ein Autor hat zwei Jobs: zu lehren und zu unterhalten. Ich bin nicht daran interessiert, als so genannter ernsthafter Schriftsteller anerkannt zu werden, aber ich bin an dem interessiert, was schreiben leisten sollte. In einem Land, in dem die Bildung ständig abnimmt, erscheit es mir wichtig, das man aus Büchern etwas lernt. Natürlich auf unterhaltsame Weise.“

Carr bot das Buch seinem Agenten und dem Verlag als Non-fiction an, da er damals für sie als Sachbuchautor eine erkennbare Größe als Militärhistoriker war und man sich von ihm keinen Roman vorstellen konnte. Random House bot schließlich einen Vorschuss von 60.000 Dollar und die Taschenbuchrechte wurden für 1.001.000 Dollar versteigert.

ALIENIST war 24 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Von der Taschenbuchausgabe wurden 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Es wurde in 20 Sprachen übersetzt.

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Über seinen zweiten Kreisler-Roman, ANGEL OF DARKNESS, über eine Frau, die ihr Kind und andere umbringt, sagt er: „Serienkiller sind Stars, denen die Öffentlichkeit zu Füßen liegt. Ganz anders ist es mit Müttern, die ihre eigenen Kinder töten. Das verschwindet ganz schnell aus den Medien. Es ist die ultimative Obszönität. Ich wollte herausfinden, was eine Frau und Mutter dazu bringt. Eine gute Mutter zu sein ist ja für Frauen die Konditionierung schlechthin.“

Während ALIENIST von dem trinkfreudigen Journalisten Moore erzählt wurde, ist in DARKNESS Stevie der Ich-Erzähler. Stevie war ein jugendlicher Rabauke und Straftäter in ALIENIST, der von Dr.Kreisler unter seine Fittiche genommen wurde. Das Buch spielt drei Jahre später und Stevie ist inzwischen ein gewitzter Teenager. „Er steht mir näher als Moore. Ursprünglich wollte ich eine Serie schreiben, in der in jedem Roman eine andere Figur die Geschichte erzählt. Für den ersten Roman wählte ich Moore als Erzähler, weil er der modernste Charakter des Romans ist. Mit ihm sollten die Leser die wenigsten Schwierigkeiten haben. Stevie ist auch für mich eine Herausforderung, denn er ist natürlich nicht so wortgewandt. Er hat eine andere Sicht auf New York, da er von ganz unten kommt. Er entspricht meinen eigenen Erfahrungen. Wo ich aufgewachsen bin, kamen die reichen Kinder nur hin um Drogen zu kaufen. Auch in diesem Roman verwendet Carr wieder eine ganze Reihe historischer Personen, u.a. Clarence Darrow. „Ich nutzte Darrow als Charakter und Leser dachten, er sei eine fiktive Figur. Was wird eigentlich in amerikanischen Schulen unterrichtet? Aber wir bewegen uns in eine Epoche, in der alle Fortschritte und Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre zurückgedreht werden.“ ANGEL hatte nicht denselben Erfolg. Einige Kritiker und Leser bemängelten, den blumigeren Ich-Erzähler und.den weniger gelungenen Plot. Die renommierte „Kirkus Review“ bemängelte und lobte: „…and disastrously slows down the otherwise absorbing courtroom scenes by including needless detailed summaries of cases of child murder offered as precedents. But these are minor blemishes. Carr has learned to plot since The Alienist, and this novel usually moves at a satisfyingly rapid pace.”

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Durch den Verkauf der Filmrechte kam er in Kontakt mit der Filmindustrie. Er schrieb mehrere Drehbücher und musste deshalb natürlich auch nach Los Angeles. Als er die Drehbücher zu EXORCIST: THE BEGINNING und DOMINION: PREQUEL TO THE EXORCIST, das der Autor des Ur-Romans, William Peter Blatty, sehr lobte, schrieb, war er oftdort. Und diese Stadt mag er noch weniger als das heutige New York. „Ich war in Beverly Hills während des Northridge-Erdbebens. Keiner kam aus seinem Haus um nach den Nachbarn zu sehen. Die Kalifornier sind größtenteils gemeine, hässliche Leute, die bereit sind, dir jederzeit ein Messer in den Rücken zu jagen. In New York kümmert sich niemand um dich, wenn alles normal läuft. Aber wenn dir was Schlimmes passiert, versuchen sie zu helfen. Anders herum in Kalifornien: Solange alles gut für dich läuft, und du keine Hilfe brauchst, sind die Leute nett zu dir. In Los Angeles spürst du überall diese Konkurrenzkultur. 99% der Männer sind außerdem kindische sexuelle Neurotiker. Die Hälfte der Frauen, die hierher zieht, wird lesbisch und die andere Hälfte jammert herum. Dass sie keine Männer abkriegen. Südkalifornien ist das Hinterletzte.“

Zum Bücher schreiben musste er zurück nach New York, die entscheidende Inspiration für Carrs Noir-Detektivromane. Selbst als er eine halbe Million Dollar für die Filmrechte erhielt, blieb er in seiner alten Wohnung. Inzwischen hat sich das geändert und Carr hat New York verlassen. „Ich hasse, was aus New York geworden ist. Sie haben den Charakter der Stadt getötet. Die Straßen sind zwar sauberer und sicherer, aber alle sind gleich langweilig.“

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Die inzwischen Jahrzehnte andauernde Geschichte der Verfilmung von THE ALIENIST ist ein Paradebeispiel für den Mist, der seit den 1980ern in Hollywood abläuft: Produzent Scott Rudin kaufte für Paramount die Rechte an dem noch nicht veröffentlichten Roman für eine halbe Million Dollar. Das Drehbuch des Dramatikers David Henry Hwang gefiel dem Regisseur nicht. Dann setzten sich Regisseur Curtis Hanson und Autor Steven Katz hin, um ein neues Drehbuch zu schreiben. Dabei zerstritt sich Hanson mit Rudin. Der neue Regisseur Phillip Kaufman wollte nun ebenfalls sein eigenes Drehbuch und.. und… und… Inzwischen gibt es mindestens neun Drehbücher zu THE ALIENIST. Bis 1997 hatte Paramount bereits zwei Millionen Dollar für unbrauchbare Skripte ausgegeben. Carr gelang es nicht, ins Spiel zu kommen. Er wollte sogar selbst Regie führen. „Das Projekt ist tot. Ich glaube, die wissen nicht mal, warum sie das Buch gekauft haben. Es hat nichts, was diese Typen mögen: Es ist ein Ensemble-Stück ohne Liebesgeschichte. Nichts für Hollywood.“

Mit Rudin hatte Carr bereits Ende der 1980er zu tun. Damals arbeitete er eine Weile im New Yorker Büro der Paramount als Stoffentwickler. 1991 wurde sein Drehbuch BAD ATTITUDE als TV-Movie umgesetzt und „komplett in den Sand gesetzt“. Danach begann er mit der Arbeit an THE ALIENIST. Aber „meine große Liebe ist das Kino. Man findet nicht viele Autoren, die das Kino so sehr lieben wie ich. Filme formen die meisten Bilder in meinen Romanen. Sprache interessiert mich nicht besonders. Ich liebe Filme mehr als Bücher. Ich bin Geschichtenerzähler, kein Schriftsteller.“

Da inzwischen TV-Serien wie RIPPER STREET, COPPERS, BOARDWALK EMPIRE oder PENNY DREADFULS als period pieces Erfolge feiern und Paramount unbedingt in den lukrativen Serienmarkt einsteigen will, holte man die Rechte an THE ALIENIST wieder hervor. 2014 wurde angekündigt, dass man zusammen mit Anonnymous Content (der Produktionsfirma der Erfolgsserie TRUE DETECTIVE) eine Serie entwickelt, die auf THE ALIENIST beruht.

 

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Caleb Carr wurde am 2.August 1955 als zweiter von drei Söhnen von Lucien Carr und Francesca von Hartz in New York geboren. Er wuchs in einet üblen Ecke Manhattans in einer ziemlich bizarren Familie auf. Sein Vater, Lucien Carr, gehörte bereits früh zum Umfeld der Beats. Er war zwar selber kein Schriftsteller, aber er machte Jack Kerouac, Allan Ginsberg und William S. Burroughs miteinander bekannt und war bis zu deren Lebensende mit ihnen eng befreundet. „Diese Beats waren lärmende Säufer. Ich wollte um nichts auf der Welt wie sie Schriftsteller werden.“ 1944 hatte Lucien Carr einen Mann namens David Kammerer erstochen, der ihn wohl sexuell belästigt hatte. Kerouac half ihm dabei, die Tatwaffe zu beseitigen und das Verbrechen zu vertuschen. Vergeblich. Carr kam zwei Jahre wegen Totschlags hinter Gitter.

Carrs Eltern ließen sich früh scheiden. Er war acht Jahre alt und lebte mit seiner Mutter Francesca und seinen beiden Brüdern mit Francescas zweitem Mann, dem Romancier John Speicher, in Lower Manhattan. Sein Stiefvater, ebenfalls Alkoholiker, brachte drei Töchter mit. „Man nannte uns dark Brady Bunch.“ Sie wohnten im Block 14th Street zwischen Second und Third Street, damals eine der übelsten Gegenden in Manhattan. „Ich sah meinen ersten Mord mit elf. Auf der Straße gegenüber wurde ein Mann abgestochen, wegen eines Drogen-Deals.“ Häusliche und urbane Gewalt bestimmten seine Kindheit. „Ich bin das einzige Kind in meiner Familie, das sich nicht umbringen wollte… Wahrscheinlich, weil ich glaubte, irgendjemand wird das schon für mich besorgen.“

Zu seinem Vater hatte er kein enges Verhältnis. Wenn er ihn besuchte, hingen die Beat-Autoren dort rum und soffen oder nahmen Drogen. Als Kind empfand er das, verständlicher Weise, als eher verstörend. Die schönste Zeit seiner Kindheit waren die Sommer auf der Farm der Großmutter, nördlich von New York. Später sollte er ein angrenzendes Grundstück kaufen, auf dem er jetzt lebt.

„Ich war ein ziemlich wütendes Kind. Um diese Wut in den Griff zu bekommen, begann ich mich für Militärgeschichte zu interessieren. Es rührte meine Mutter zu Tränen; für sie war es fast dasselbe wie töten.“

Dank eines kleinen Familienvermögens, das die Großmutter verwaltete, konnten er und seine Brüder eine teure Privatschule besuchen und Carr anschließend am Kenyon College in Ohio und an der New Yorker Universität Geschichte studieren. Seine Bewerbung für Harvard war abgelehnt worden, weil seine Lehrer in die Unterlagen geschrieben hatten, er „sei sozial problematisch“. Nach dem Studium stellte ihn 1977 ausgerechnet das umstrittene Council of Foreign Relations als Redakteur ihres vierteljährlichen Magazins ein. Anschließend arbeitete er in den 1980ern als freier Journalist mit dem Schwerpunkt auf Zentralamerika. 1980 erschien sein erster Roman, CASING THE PROMISED LAND, den er aus seiner Bibliographie getilgt hat und als „blöden Roman“ bezeichnet „voll mit dem Zeugs, das junge Autoren schnell aus dem System kriegen sollten.“  0024582a_medium[1] Erste internationale Aufmerksamkeit als Autor weckte er mit der Biographie von Frederick Townsend Ward, des amerikanischen Söldnerführers im Taiping-Aufstand: THE DEVIL SOLDIER, 1992 (deutsch: DER VERGESSENE HELD; Diana Verlag, 1999). 2002 erschien seine Studie zum Terrorismus, THE LESSONS OF TERROR (TERRORISMUS – DIE SINNLOSE GEWALT; Heyne, 2002), in der er dieser Gewaltstrategie seit dem Römischen Reich nachgeht und nachweist, dass Terrorismus langfristig erfolglos bleibt. Egal, ob von Extremisten oder nationalen Armeen angewandt. Seine Analysen (ausführlich der Mittlere Osten), kamen in Washington nicht besonders gut an und lösten eine Kontroverse aus. Als Historiker und politisch bewusster Zeitgeschichtler faszinierte ihn der Bush-Gore-Wahlkampf. 41nUVqeBecL._SY300_[1]„Der Schlüssel war Florida, der korrupteste Staat der Union mit dem Bush-Bruder Jeb als Gouverneur. In der Wahlnacht, als sich abzeichnete, das Bush verlieren würde, griff man zum Telefon und rief Jeb an. Sie sagten ihm, dass sie hinten lägen, aber nur ein bisschen. Jeb schickte sofort die State Trooper los um 20 000 Stimmen einzukassieren. So etwas passiert dauernd, im ganzen Land.“ Von den Medien erwartete er nichts: „Das sind bezahlte Diener der Konzerne, die ja auch die Politik bestimmen und wer gewählt wird.“ Aber auch von der Militärmacht USA ist der Militärhistoriker nicht besonders überzeugt: „Wie lange hat es gedauert, bis sich die USA von den 58 000 toten Soldaten in Vietnam erholt hat? Wenn man wirklich eine imperiale Macht sein will, muss man auf Dauer schon etwas mehr wegstecken können.“

Zynisch ist auch sein dystopischer SF-Roman KILLING TIME (DIE TÄUSCHUNG; Heyne 2001), veröffentlicht 2000, nachdem er zuvor dem Magazin „Time“ als Fortsetzungsroman erschienen war.511CPVorHGL._SY300_[1] SF ist ein weiteres Genre, das er sehr liebt. „Ich sage gerne, SF sind period pieces, die in der Zukunft spielen. Ob historische Stoffe oder SF – beides spiegelt werde Vergangenheit noch Zukunft, nur die Zeit, in der sie geschrieben werden. Ich liebe Geschichte und Science Fiction, also die Vergangenheit und die Zukunft. An der Gegenwart bin ich nicht besonders interessiert. Ich habe schon als Kind eher in der Vergangenheit gelebt. Sowohl ästhetisch wie ethisch bin ich vergangenheitsorientiert.“ 2012 hat er mit THE LEGEND OF BROKEN einen voluminösen Fantasy-Schinken vorgelegt, den er auch als eine Parabel verstanden haben möchte. Für viele eine Enttäuschung. Carr bedient sich zwar geschickt bei Tolkien Geogre Martin, aber im Vergleich bleiben seine Charaktere zweidimensional, Aber wer braucht eigentlich diesen sich unentwegt wiederholenden Fantasy-Mist?

Sein Sherlock Holmes-Roman, THE ITALIAN SECETARY (DAS BLUT DER SCHANDE; Heyne 2006), 2005 erschienen, ist seiner Katze Suki gewidmet, seiner konstantesten Gefährtin, mit der er jetzt alleine auf einem Berg in einem eine Million Dollar teuren Haus auf einer riesigen Farm lebt, 180 Meilen nördlich von New York.1404031804_1202953_n[1] Der nächste Ort, Cherry Plain, hat ein Postamt und eine Kirche und nicht viel mehr. Für ihn hängt die erneute Sherlock Holmes-Renaissance nach 9/11 mit einem steigenden Bedürfnis nach Rationalität zusammen. „Wir sind in eine Epoche eingetreten, in der alle Fortschritte und Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre zurückgedreht werden.“ Inzwischen gibt es etwa 4000 Holmes-Romane, Geschichten und Film- und TV-Serien, die nicht von Conan Doyle sind. „Publishers Weekly“ stellte zum Erscheinen von Carrs kurzem Holmes-Buch fest: „Eine Sherlock Holmes-Geschichte zu schreiben, scheint für viele Autoren dasselbe zu sein, wie für männliche Schauspieler einmal den Hamlet zu geben; eine Herausforderung, der wenige widerstehen und viele bereuen… Nicht Carr… Er hat ein tiefes Verständnis für die Figur und macht nichts falsch.“ Ein weiteres Holmes-Pastiche ist nicht geplant.

 

Carr arbeitet nachts und monomanisch. „Wenn ich arbeite, gibt es für mich nichts anderes als das Buch, an dem ich gerade schreibe. Sonst nichts. Ich schreibe nachts. Es fällt mir leicht, mich in eine vergangene Epoche zu versetzen. Aber natürlich mache ich auch spezielle Recherchen. Für die Kreisler-Romane hieß das: Fünf Monate Recherche und fünf Monate schreiben.“ Im Gegensatz zu seinen Sachbüchern, bestimmen historische Begebenheiten nicht seine Vorgehensweise bei der Fiktion: „Ich habe immer zuerst die Story, die historischen Details kommen an zweiter Stelle. Eine gute Geschichte funktioniert fast in jeder Epoche.“ Carr ist nicht auf ein Genre festgelegt, wie sein Oeuvre zeigt.

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„Ich habe es jahrelang versucht zu verdrängen, aber ich bin ein Misanthrop. Ich lebe nicht umsonst alleine auf diesem Berg namens Misery Mountain.“ Er liebt die Einsamkeit hier, gelegentlich unterbrochen durch Frauenbesuche, obwohl er doch so mit New York verwurzelt ist. „Es heißt: Hollywood zerstört dich und dein Talent. Aber die Literatenszene in New York macht dasselbe.“ Er bevorzugt jüngere Frauen, ist aber zu ungeduldig um eine längere Beziehung aufzubauen. „Mein Lieblingsregisseur ist, was viele wundert, Preston Sturges, denn mein Liebesleben ist eine screwball comedy.“ Seine Beziehungsprobleme begründet er mit seinen Kindheitserfahrungen: „Wer häuslicher Gewalt durch betrunkene Väter ausgesetzt war, tut sich schwer damit, anderen Menschen zu vertrauen.“

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HOMEPAGE: http://17thstreet.net/

Zu den Schauplätzen gibt es eine schöne Page unter: http://theboweryboys.blogspot.de/2014/03/the-alienist-by-caleb-carr-released-20.html

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BYE, BYE, FREDERICK FORSYTH by Martin Compart
14. Dezember 2013, 1:19 nachmittags
Filed under: Frederick Forsyth, Politik & Geschichte, Spythriller, thriller, Waffenhandel | Schlagwörter: , , , ,

Es ist immer schmerzhaft, wenn ein Jugendidol verblödet und man den Niedergang miterlebt. Beispiele dafür gibt es für jeden Geschmack. Mit Bestürzung beobachte ich seit Jahrzehnten, wie Mick Jagger immer noch gerade die Kurve kratzt, um nicht komplett als alternder Rock´n Roll-Dandy zu verpeinlichen.

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Richtig schlimm war für mich dieses Jahr der endgültige Absturz von Frederick Forsyth. Freddie war politisch ja immer ein anständiger britischer Konservativer. In der Jugend ein rebellischer Journalist (anti-britisch im Biafra-Krieg), wandelte er sich im Laufe der Jahre immer mehr zum Krämer-Sohn, der Anerkennung durch die herrschenden Schichten suchte. Gelegentlich bemerkte er noch, dass die mächtiger werdenden Neo-Cons alles verraten, was sowohl Konservativen wie auch Sozialisten wichtig ist. Leider verwirrte sich sein politisch ohnehin nie sonderlich entwickelter Verstand in den letzten Jahren immer mehr. Dies schlägt sich in seinen devoten Thrillern COBRA und TODESLISTE betrübendst nieder. Natürlich hat es der alte Faktensammler und Indizienfetischist noch immer drauf, einen spannenden Thriller zu entwickeln. Noch immer gräbt er Faktisches aus, das einem schwer zugängliche Informationen vermittelt. Noch immer kann er wunderbar seinen journalistischen Stil präsentieren (allerdings meilenweit entfernt von seinen literarischen Meisterwerken DER AFGHANE oder IN IRLAND GIBT ES KEINE SCHLANGEN). die-todesliste-072179523[1] In der TODESLISTE ist er nun endgültig auf die Lügen der Verbrecher in New York, dem Pentagon, Maryland und Downing Street hereingefallen und zum Troubadour des ewigen Kampfes gegen den Terrorismus verschleimt. Vielleicht ein letzter Versuch, noch den Ritterschlag zu erkriechen. Wenn man seinen letzten Roman gelesen hat, sollte man als Korrektiv unbedingt zwei Bücher zur Hand nehmen, die Freddie bei seiner Recherche wohl nicht berücksichtigen konnte: Mark Mazzettis KILLING BUSINESS (Berlin Verlag) und Jeremy Scahills SCHMUTZIGE KRIEGE (Verlag Antje Kunstmann). Beide zeigen detailliert (Scahills Buch ist mit 718 Seiten das umfangreichere, das detailversessenere; leider aber auch ohne Register) die Entwicklung der CIA (und der Killerbrigade JSOC) von einem miesen Verein, der vor Mord nicht zurück schreckte, zu einer regelrechten Killer- und Folterorganisation mit fast unbegrenzten Mitteln im persönlichen Auftrag des wirtschaftlich-militärischen Blocks. Ganz nebenbei erfährt man, wie das Tanzäffchen Obama brav und folgsam in über 70 Ländern verdeckte Kriege eingerichtet hat. Dank der Drohnen, die lange nicht so präzise sind (oder ist das gewollt?), wie Freddie uns einreden will, kommt es dabei unter Zivilisten zu unfassbaren „Kollateralschäden“. Und diese produzieren natürlich anti-amerikanischen Nachwuchs. Dieser dient dann wiederum den destruktiven US-Interessen, da sich die Verantwortlichen auf weiterhin zunehmendes Bedrohungspotential berufen könnenn um den Krieg weiter auszudehnen. Im Windschatten profitiert auch die deutsche Rüstungsindustrie, die dank der Heloten Schröder und Merkel inzwischen zum mindestens drittgrößten Waffenlieferanten aufgestiegen ist.

9783827011749[1]All diese Hintergründe bleiben vom großen alten Mann des Thrillers völlig unbedacht. Ihn faszinieren nur die Zwischenhändler und Endverbraucher des Todes. Einseitige Gehirnverkalkung.

Ach, Freddie! Ich habe Jahrzehnte lang (seit Deinem Erstling) jedem neuen Buch von Dir entgegen gefiebert. Manche waren besser, manche nicht ganz so toll (aber immer ein Lesevergnügen). Aber DIE TODESLISTE ist, trotz des Kotaus mancher widerwärtiger liberaler Medienkellner, eine dirty-old-man-novel.

Bye, bye, Freddie. Du warst einer der Besten. Dein Platz im Pantheon des Thrillers bleibt unangefochten.

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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: INTERFACE von JOE GORES by Martin Compart

„Ein Rattennest aus Junk, Alkohol und Sittenlosigkeit“, überschrieb der Futura-Verlag den Klappentext zur englischen Taschenbuchausgabe von Joe Gores INTERFACE. Und der Roman fängt gleich richtig böse an: Vietnamkriegsveteran Docker legt einen mexikanischen Dealer um und schnappt sich eine Ladung Junk und gleich dazu auch noch das Übergabegeld. Dann zieht er los, um in San Francisco richtig einen drauf zu machen. Darunter versteht Docker, eine schöne Blutspur durch die Bay Area zu ziehen. Gleichzeitig wird der nicht minder sympathische Privatdetektiv Neil Fargo von einem Plutokraten beauftragt dessen Tochter Roberta zu suchen, die sich in miesen Kaschemmen verkauft um ihre Sucht zu finanzieren.
Und damit öffnet sich für den Leser das Höllentor zu einem San Francisjo jenseits der Postkartenromantik der Golden Gate.

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Gores widmete INTERFACE Donald Westlakes Serien-Gangster Parker „because he´s such a beautiful human being“. Tatsächlich hat Gores Romanheld, der Privatdetektiv Neil Fargo, mehr gemein mit Parker als mit Lew Archer oder Phil Marlowe. Fargo ist studierter Jurist, ein Ex-Football-Profi und ein ehemaliger Special Force. INTERFACE wurde mal als der „Italo-Western unter den Privatdetektivromanen“ genannt. So wie der Italo-Western den klassischen Hollywood-Western dekonstruktuiert, zertrümmert Gores in seinem Roman jedes Stereotyp der Private-Eye-novel.Interface[1]

INTERFACE gehört zu den richtungweisenden Romanen der Noir-Literatur der 1970er. Auf derselben Ebene wie Higgins´ FRIENDS OF EDDIE COYLE, Crumleys LAST GOOD KISS, Robert Stones DOG SOLDIERS oder Thornburgs CUTTER AND BONE. Wie die genannten Bücher ist INTERFACE tief verwurzelt in der durch Vietnam, Watergate, den politischen Attentaten und der Sixties-Rebellion traumatisierten US-Gesellschaft. Wie diese Romane ist auch Gores Roman ein Lageplan der Müllkippe, zu der der „amerikanische Traum“ herunter gebrannt ist.

Erzählt ist INTERFACE in der dritten Person in einem ähnlich brutal-objektiven Stil wie Hammetts MALTESE FALCON. Wie Hammett geht auch Gores nie in die Gedankenwelt seiner Figuren und charakterisiert sie behavioristisch durch ihre Handlungen.

Stark-Eine-Falle-fuer-Parker[1]Wenn heute von modernen Klassikern der Kriminalliteratur, hard-boiled novel oder Noir-Thrillern die Rede ist, fällt sein Name seltener als zum Beispiel die von Donald Westlake, Lawrence Block oder gar Robert B.Parker. Irgendwie scheint Joe Gores ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Das ist umso erstaunlicher, da keinem mir bekannten Autor seit Dashiell Hammett so viele Innovationen im Genre gelungen sind:

Mit HAMMETT (1975) schrieb er wohl die erste Private-Eye-Novel als period piece, die auf realen Figuren basiert (Max Allan Collins perfektionierte mit der Nate-Heller-Serie in den 1980ern dieses Sub-Genre).

Mit A TIME OF PREDATORS (1969) antizipierte er vor Brian Garfield und Don Pendleton den modernen Vigilanten, der das Kino und den Kriminalroman der 1970er Jahre folgenschwer mitprägte.

Mit seiner Serie um die Privatdetektivagentur „Dan Kearney and Associates“ übertrug er die police-procedural-Elemente des Polizeiromans à la Ed McBain, nämlich Team und genau geschilderte Ermittlungsarbeit, auf den Privatdetektivroman.

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Gores war sein Leben lang besessen von Dashiell Hammett, mit dem sein Leben mehr Parallelen hatte als nur beider Tätigkeiten für Privatdetektivagenturen.
Man mag kaum an Zufall glauben, verdeutlicht man sich den Todestag von Joe Gores: Er starb mit 79 Jahren am 10. Januar 2011 – auf den Tag genau 5o Jahre nach Dashiell Hammett!
Geboren wurde Joseph Nicholas Gores Weihnachten 1931 in Rochester, Minnesota. Als großer Comic-Fan wollte er ursprünglich Comic-Zeichner und Erzähler werden. Seine Vorbilder war die absolute Weltklasse des Zeitungs-Strips: Milton Caniff, Burne Hogarth, Hal Foster und Alex Raymond.

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“When I was 6, my Ma said I could read anything I could reach, so she made sure on the bottom shelves was Lives of the Saints, The Pilgrim’s Progress. But he quickly figured out how to climb to the top shelf, where Ma Gores kept the hard stuff: Agatha Christie, Sherlock Holmes and, of course, Hammett… I still remember opening The Dain Curse. At 6 years old, you don’t know that much, but ‘It was a diamond all right…’ was the first line of that novel, and I thought, ‘Oh, God, wow!’

Gores studierte Literaturwissenschsften in Notre Dame und dann in Stanford. “You become very highbrow when you are in college.. I was writing the kind of stuff you write in graduate school, which is, you know, ‘the girl with the ponytail commits suicide.’” Eines Tages fiel ihm ein Band mit Lew Archer-Kurzgeschichten von Ross Macdonald in die Hand und die erste Zeile von GONE GIRL erwischte ihn genauso hart wie schon als Kind die erste Zeile von THE DAIN CURSE: . “The opening line of ‘Gone Girl’ was ‘I was tooling home from the Mexican border in a light blue convertible and a dark blue mood. And I thought ‘My God, that is the way I want to write! . . . That kind of tightness, that kind of directness, no nonsense, no navelgazing. You are in there to create vivid characters who are doing extremely interesting things and that’s it.”

9782743621698[1]1954 wollte er seine Masterarbeit über Hammett, Chandler und Ross Macdonald schreiben. Aber das Thema wurde mit der Begründung abgelehnt, es handele sich dabei “um Autoren, die so schreiben würden, als wollen sie ihre Bücher verkaufen“. Also könne es sich bei ihnen nicht um Literatur handeln und infolge dessen könne man über sie auch keine „Master´s Thesis“ verfassen. Dann stellte er fest, dass die meisten Autoren, die über die Südsee schrieben, Pulp-Autoren waren. Mit drei offensichtlichen Ausnahmen: „In 1961, Stanford University granted me a Master’s Degree in English Lit. because it had to. My thesis was on the Literature of the South Seas; my advisor had read only Conrad, Maugham, and Melville of my 50 authors, so he could not say it was wrong to write about the other 47.”

Will Ready, sein Professor für kreatives Schreiben in Stanford, gab ihm einen Rat, den Gores für den wichtigsten Rat für sein Schreiben empfand: Alles runterkochen.

Zusammen mit einem Freund heuerte er auf einen Frachter an und fuhr nach Haiti.manhunt_195312[1] „Damals fing ich ernsthaft zu schreiben an und verkaufte meine erste Geschichte 1957 an das letzte übrig gebliebene Pulp Magazin MAN HUNT.” Anschließend erwischte ihn die Army. Dort endete er als Schreiber von Generals-Biographien. Er blieb also dem Crime-Thema treu. Dann ging er zurück nach Stanford um sein Diplom zu machen. Nebenbei schrieb er und arbeitete als Privatdetektiv. In einem Jahr bekam er über 300 Ablehnungsschreiben, mit denen er sein Badezimmer tapezierte. Drei Jahre lebte er in Kenia um zu unterrichten. „ Ich war als Kind ein großer Tarzan-Fan und wollte Afrika kennen lernen.“ Bis Ende der 1960er arbeitete er abwechselnd oder gleichzeitig als Autor und als Privatdetektiv in San Francisco. Kein Autor seiner Generation kannte San Francisco besser als Gores. „ Als Repo-Man fuhr ich manchmal 5000 Meilen im Monat – ohne die Stadt zu verlassen. San Francisco war in den 1970er Jahren noch in den größten Teilen so wie die Stadt war, als Hammett über sie schrieb.“
1967 war er mit Kurzgeschichten, die auch im renomierten ELLERY QUEEN´S MYSTERY MAGAZINE erschienen, ganz gut im Geschäft. Die legendäre Krimi-Herausgeberin Lee Wright, damals bei Random House, schrieb Gores: „Falls Sie jemals einen Roman schreiben, wäre ich daran interessiert, ihn zu veröffentlichen.“ Also setzte sich Gores hin und schrieb A TIME OF PREDATORS und gewann einen Edgar-Allan-Poe-Preis der Mytery Writers of America.

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Hammett war ganz klar der größte Einfluss für Gores. Wenn Otto Penzler meint, „Hammetts Welt ist zynisch und unsentimental; Gores ist wärmer und positiver“, hat er wohl vergessen, was Gores in INTERFACE geschrieben hat: Dieser “Italowestern unter den Privatdetektiv-Romanen“ ist genauso kalt und distanziert formuliert wie Hammett. Wenn Hammett mit RED HARVEST und den MALTESE FALCON die bösartigsten und härtesten Romane seiner Generation geschrieben hat, dann schuf Gores mit INTERFACE eine nie wieder genutzte Blaupause für den Privatdetektivroman des 21.Jahrhunderts. Eine zynische Abrechnung mit den USA, nachdem auch für die Naivsten die Putschblase „Land der Freien“ zerplatzte.Stark-Richard-Harte-Zeiten-weiche-Knie[1]
Neil Fargo ist Richard Starks Parker als Privatdetektiv… Nein, der Typ ist noch viel schlimmer. Gores war gut mit Donald Westlake befreundet. Das drückte sich auch darin aus, dass beide Autoren dieselbe Szene nur aus anderen Blickwinkeln für zwei ihrer Romane nutzten: Gores lässt seinen Serienhelden Dan Kearny in DEAD SKIP, 1972, kurz auf Westlake/Starks Parker treffen. Westlake greift dieselbe Szene dann in PLUNDER SQUAD auf (ähnliches machten sie dann noch mal mit Westlakes Figur Dortmunder in DROWNED HOPES und 32 CADILLACS).

Gores gehörte neben seinem Freund Donald E.Westlake und William L.DeAndrea zu dem Trio, das in drei verschiedenen Kategorien mit dem Edgar Allan Poe-Preis ausgezeichnet wurde. Gores bekam ihn für den besten Erstling (A TIME OF PREDATORS, 1969), die beste Kurzgeschichte (GOODBYE, POPS, 1970) und für das beste Drehbuch einer TV-Serie (KOJAK: NO IMMUNITY FOR MURDER, 1975).

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P.S.:
Die Ullstein-Ausgabe wurde 1975 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften mit der Entscheidung Nr.2572 indiziert. In der Begründung hieß es u.a.: “Insgesamt lehrt das vorliegende Taschenbuch die grundsätzliche Hinnahme von Gewalt, die Heroisierung des Verbrechers und allg. destruktives Verhalten aus Machtgier oder neurotischer Mordlust… ´Wirklich einmal etwas Neues`, sagt der Verlag auf dem Titelblatt. So macht man Rechtsbrecher salonfähig, oder um es lerntheoretisch auszudrücken, schafft man für labile Jugendliche…”

Wo ist er bloß geblieben – der tiefe Glaube an die Macht der Literatur?



WILLIAM BOYD IST IAN FLEMING IN “SOLO” by Martin Compart
8. Oktober 2013, 3:56 nachmittags
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Bond ist der Alptraum aller Grünen:
Er ist macho, ein begeisterter und rücksichtsloser Nutzer von Verbrennungsmotoren, raucht wie ein Schlot, ermordet Arschlöcher, säuft wie ein Loch, lässt sich nicht von Phrasendreschern beeindrucken, isst was und wann er will und vögelt die schönsten Frauen (ohne auch nur an Vaterschaftsurlaub zu denken oder mit der Frau einen Selbstfindungskurs zu machen). Wäre er nicht so autoritätshörig und ein Helot (ursprünglicher) konservativ-nationaler Interessen, wäre er ein richtig guter Typ. Für James Bond, Geheimagent Ihrer Majestät 007, ist die ganze Welt eine Plattform der Strategiespiele, die sein Chef M für ihn aussucht.

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Rechtzeitig zum 60.Jubiläum des ersten 007-Romans, CASINO ROYALE, erscheint ein weiteres Bond-Abenteuer, das die Fans mit den bisherigen Sequels versöhnen könnte. Geschrieben wurde der neue Bond, Titel, SOLO, von dem etablierten und anerkannten Schriftsteller William Boyd, den die Kritik auch gerne in Zusammenhang mit Graham Greene bringt. Auf die Frage, warum Boyd Schriftsteller geworden sei, hat er eine vernünftige Antwort:

„I suspect that I saw a film which had a writer in it…. And as he got up from his typewriter, mixed himself a drink and stepped onto a balcony and looked out at Malibu beach or something, I thought: That is the life for me!”

Boyds Verbindung mit Fleming und Bond ist weit reichend: Sein Vater machte ihn in den 1960ern mit Flemings Büchern bekannt und er las sie seit seinem elften Lebensjahr alle und wurde zum lebenslangen Fan (sein Lieblings-Roman ist FROM RUSSIA WITH LOVE). Er schrieb mehrere Essays über Fleming und machte ihn zur Schlüsselfigur in seinem Spionageroman ANY HUMAN HEART (2002). Für drei Bond-Darsteller schrieb er Drehbücher, bzw. adaptiert er seine Romane: Sean Connery in A GOOD MAN IN AFRICA, Pierce Brosnan in MR.JOHNSON und Daniel Craig in THE TRENCH (bei dem Boyd auch Regie führte). Unabhängig von seiner Freundschaft zu Craig nennt er Daniel Day-Lewis als den heute bestmöglichen Bond-Darsteller. Worüber sich streiten lässt, da Day-Lewis inzwischen zu alt sein dürfte.

Jedenfalls erfüllte sich für den Fleming-Fan ein Lebenstraum. Das merkte man ihm bei der Präsentation an und bei der weitergehenden PR-Arbeit für SOLO (u.a. schrieb er ein fiktives Interview für den „Guardian“, in dem er bei einer Zeitreise als Journalist James Bond besucht und befragt). Trotzdem gibt es erstes Gejammer: So verkaufte Boyd in der ersten Woche „nur“ etwa 10.000 Exemplare, während Sebastian Faulks von seinem Bond-Roman DEVIL MAY CARE 2008, also im Jahr des100.Geburtstages von Fleming und mit dem dementsprechenden Rummel im Rücken, in der ersten Woche 44.000 Bücher verkauft hatte.

Insgesamt hält Boyd aber von den Filmen längst nicht soviel wie von Flemings Romanen. Tatsächlich ist der Film-Bond im Vergleich zum literarischen Bond in einem puerilen Paralleluniversum daheim.

you-only-live-twice-james-bond-ian-flemming-book-cover[1]Ausgehend von Bonds Nachruf in der Times, den Fleming in YOU ONLY LIVE TWICE veröffentlicht hatte, entschied Boyd, seinen Roman 1969 anzusiedeln, beginnend mir Bonds einsamen 45.Geburtstag. Konsequent legt ihn Boyd an den späten Bond an, der sich nach dem Tod von Tracy nicht mehr richtig erholt hat. Nach seiner Rache an Blofeld, die ihn durch YOU ONLY LIVE TWICE trug, und der Gehirnwäsche durch die Russen, hatte sich 007 bereits bei Fleming verändert.
Bei Boyd ist Bond nachdenklicher und empathischer geworden, scheint seine Schicksalsschläge bewältigt zu haben. Aber er ist immer noch die alte Kampfmaschine und der überzeugte Genießer körperlicher Freuden. Bond war nie, wie Kingsley Amis schon festgestellt hatte, der Womanizer zu dem ihn die Filme gemacht haben. Er hatte sich fast immer über den Sex hinaus für seine Partnerinnen interessiert und immer wieder versucht, eine funktionstüchtige Beziehung aufzubauen. Was bekanntlich für Geheimagenten noch schwieriger ist als für Monteure im internationalen Außendienst. Kritiker hatten Fleming noch zu dessen Lebenszeit vorgeworfen, der Bond aus ON HER MAJESTY´S SECRET SERVICE sei nicht mehr der Bond aus CASINO ROYALE ODER MOONRAKER. Treffend bemerkt. Der Vorwurf fällt letztlich auf diese Kritiker zurück, die der Entwicklung einer Thriller-Figur nicht folgen wollen oder können. Es sind dieselben Idioten, die zwischen U- und E-Kultur unterscheiden.

„I think there’s good writing and bad writing. I think you can very easily distinguish between good writing and bad writing with a simple test: Just look at the number of stereotypes employed. Stereotypes of plots, stereotypes of characters, stereotypes of language; the more stereotypes there are, the worse the book. That’s my touchstone for evaluation. So, if you write well – and it doesn’t mean you have to write in a stylish way, but if you write well, and your characters are real, and your plots are ingenious, then I don’t see the distinction between literary fiction and genre fiction. Raymond Chandler is a superb writer of novels, John le Care is a very important contemporary novelist, but he happens to write spy novels and Chandler wrote detective novels. I think that if the writing is good then the genre is irrelevant. Many, many so called “literary” novelists have written a spy novel, me included – I’ve written two – Ian McEwan has written two, John Banville has written a spy novel. Joseph Conrad wrote two, Graham Greene wrote several. There’s absolutely no reason why, if you think of yourself as a literary novelist, you shouldn’t venture into a genre – just write as well as you can.”

Nur ungebildete, bürgerliche Feuielletonisten schreien heute noch begeistert in die Welt hinaus, dass sie nach Jahrzehnten des ungelenken Bemühens, die für sie schwierige Schullektüre endlich verstehen (wie unlängst etwa Georg Büchner, der vom medialen Messdiener Mattussek im SPIEGEL vermeintlich verstanden wurde – was keinesfalls gegen Büchner spricht).

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Für Boyd, der 1969 erstmals nach England kam und in Ghana und Nigeria aufwuchs, war es ein besonders intensives Jahr:

„…the thing about 1969 that I remember, and I was seventeen in 1969, was that it was the first time I came to London. I grew up in Africa and ’69 was my summer in London. I remember watching the moon shot in a horrible flat in Pimlico, I remember the music, and I remember the fashions. So, it was great for me to go back to my seventeen-year-old self and imagine the world I was going to put Bond in. There was a lot going on in ’69. It was a very interesting period, and of course London was also at the height of it’s “Swinging London” coolness. We think of the 60s and London, but actually “Swinging London” didn’t really begin until ’65, ’66. So, to think of Bond in London in ’69 is very intriguing. I can remember it vividly… going back to 1969 is blissful. There’s not even security checks at the airport. You can smoke everywhere! So, it was fun to time travel.”

Eine Zeit des Umbruchs. In der „ein intelligenter Mann wie Bond die gesellschaftlichen Veränderungen wahrnimmt“. Es war auch die Zeit der Gräuel des Biafra-Krieges, die Boyd sicherlich besonders intensiv wahrgenommen hat. Perverser Weise waren sowohl Briten wie Sowjets auf Seiten Nigerias um ihre Öl-Interessen zu sichern. Ein anderer großer Thriller-Autor, Frederick Forsyth, war zur selben Zeit als junger Kriegskorrespondent in Biafra und verlor seinen Job, weil er Partei für die Sezessionisten ergriffen hatte (Freddies erstes Buch war ein Sachbuch über den Biafra-Krieg).2358903[1]

Boyd greift in SOLO auf diesen Ölkrieg zurück, dem wir den schönen Begriff „Biafra-Kind“ verdanken (Boyd führt dieses Bild im Roman auf und deprimiert nicht nur den Leser, sondern auch 007); ein Synonym für verhungernde Kinder, die bereits verreckt sind, wenn ihre Fototos in den Verursacherländern für heuchlerische Betroffenheit sorgen. Boyd verschlüsselt Nigeria und Biafra mit fiktiven Ländernamen (Zamzarin und Dahum), folgt aber weitgehend den damaligen Realitäten. Bond kommt genau in den Moment ins fiktive Biafra, als ich die Fronten 1969 festgefressen hatten. „Ich muss meine Romane zeitlich und örtlich genau verankern. Egal, ob sie im Wien von 1914 oder auf den Philippinen 1902 spielen.“ Das bringt einen interessanten, neuen Aspekt in die Bond-Saga: Bisher hatte man 007 nur in reinen Kommando-Unternehmen gesehen, Boyd zeigt ihn in heißen Kriegshandlungen. Sowohl in Afrika, wie auch in Erinnerungen im 2.Weltkrieg.

Wenn Bond zum Autohändler geht um den damals, ich erinnere mich noch gut an dieses Geschoss, hoch geschätzten Jensen Interceptor zu begutachten, vermittelt Boyd dieselbe naive Freude an außergewöhnlicher Konsumtechnologie, die auch Fleming so faszinierend vermitteln konnte: Die kindliche Unschuld einer vergangenen, unbewussten Zeit, das kindliche bestaunen der Geschenke unterm Weihnachtsbaum.

Manchmal glaubt man den Meister selbst aus dem Grab zu hören, so genau trifft Boyd den amüsanten und arroganten Stil Flemings: „Bond hatte sich von den anderen abgesondert und ließ das drohende Chaos eines kleinen Landes auf sich wirken, das nach einer flüchtigen Phase der Selbstbehauptung dem Untergang geweiht war.“

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Boyd war nicht daran interessiert, Bond zu modernisieren oder akzeptabler für ein politisch korrektes Publikum zu machen. „Er ist ein Mann seiner Epoche. Er raucht und trinkt und macht alles, was der klassische Bond gemacht hat.“ Vom Film-Bond ist er so weit entfernt wie die TAGESSCHAU von politischer Analyse. Allerdings verzichtet Boyd auch auf den antiquierten Chauvinismus und gelegentlichen Rassismus, den man bei Fleming findet und der ihn so leicht angreifbar machte (dabei sollte man berücksichtigen, dass Fleming ein Kind seiner Zeit und seiner sozialen Schicht war).
Kommen wir zum Fazit:
Hat mich der neue Bond so gepackt wie ein Roman von Ian Fleming?

Nein.

Aber was man mit 13 Jahren liest, hat nun mal eine andere Durchschlagskraft, wie etwas, das man mindestens tausende Thriller später gelesen hat. Boyds Bond-Roman ist der Beste seit Kingsley Amis´ COLONEL SUN. Ihn unterscheiden Welten von dem Quatsch eines John Gardner oder Jeffrey Deaver. Boyd hat mir für ein paar Stunden etwas von meiner Kindheit zurück gegeben – was kein Bond-film schafft.

Endlich wurde für den deutschen Markt auch wieder mal ein Thriller übersetzt, der nicht zum Gähnen langweilig ist (worauf sich ja viele Verlage spezialisieren) und sogar das fast verdorrte Pflänzchen „männlicher Leser“ mit einem fiktionalen Text erreichen könnte.

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William Boyd: SOLO. Berlin Verlag, 2013; 365 Seiten; 19,99 Euro.
Blendend übersetzt von Patricia Klobusiczky.

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Die vier Vorsitzenden der “Anti-Hedonismus-Liga” diskutieren nicht den Roman von Boyd und kommen zu einem vernichtenden Urteil über Ian Fleming.
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Von links nach rechts: Hugo Drax, Rosa Klebb, Buonapart Ignace Gallia und Irma Bunt.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: CUTTER AND BONE by Martin Compart

CUTTER AND BONES von Newton Thornburg (1929-2011) ist ein großer, viel zu lange ignorierter Noir-Thriller, für den heutigen Noir-Roman so wegweisend wie einst James M. Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE für die 1940er und 1950er Jahre. Als der Roman 1976 veröffentlicht wurde, schrieb die NEW YORK TIMES: “the best novel of its kind for ten years”.

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Der Aussteiger Richard Bone kommt zehn Jahre zu spät, um den Hippie-Traum zu leben. Ihm steht nur noch eine fragwürdige Form der alternativen Müllkippe zur Verfügung. Trotz gelegentlicher Zweifel zieht er diese aber der systemimmanenten Karriere, die er hinter sich gelassen hat, vor: „Er war sich mit dreißig plötzlich wie ein eingesperrtes Tier vorgekommen. Aus irgendeinem Grund war seine Frau Ruth zu einer Personifizierung unüberbietbarer Langeweile geworden, eine Glucke, die höllisch über ihren kostbaren Küken wachte. Was zwischen ihnen an Sex vorkam, war im Grunde nur gegenseitige Masturbation, bei der sie ihm jede zweite oder dritte Nacht ihren Körper als eine Art Auffangbecken überließ…Mit einemmal sah er das üppige Büro und die ach so beneidenswerte Position nur als eine Treppe, die keineswegs zu schönen und besseren Dingen führte…“

Richard Bone ist der Protagonist des Romans CUTTER AND BONE, den der Erzähler in der dritten Person fast ausschließlich aus seinem Blickwinkel erzählt. Er lebt als ein Strand-Casanova in Santa Barbara und ernährt sich durch die Zuwendungen begatteter Frauen, kleiner Jobs und der Großzügigkeit von Barbetreibern.

Ihn verbindet eine merkwürdige Freundschaft mit dem invaliden Vietnamveteranen Alex Cutter, der in seiner Desillusioniertheit, gepaart mit Zynismus und Selbstmitleid, bereits in der heraufdämmernden Zeit der nächsten Jahrzehnte angekommen ist. Cutter, seine von Drogen aufrecht gehaltene Frau Mo („So fraß Mo morgens, mittags und abends nichts als diese Tabletten – nicht zu viele, aber genug, um dem Leben die scharfen kanten zu nehmen.“), und sein kleiner Sohn krebsen ebenfalls am Existenzminimum herum. Cutters Kaputtheit belastet die Ehe genauso wie andere menschlichen Kontakte. „Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Gesunden. Ich sehe das Leben, wie es ist. Und Verzweiflung gegenüber dem Leben ist die einzig gesunde Haltung, die es gibt.“ Vietnam hat beide zerstört – und Bone die Logistik, das Marketing für ein System, das diese Kriege braucht. Die enttäuschten Veteranen des Krieges und der Revolte verlieren sich an Drogen, Zynismus und Apathie. Cutter und Bones „Heldentum“ besteht darin, über den Tag zu kommen indem sie genug Betäubungsmittel auftreiben.

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In einer Regennacht beobachtet Bones zufällig, wie ein Mörder die Leiche einer jungen Frau beseitigt. Er meint, den Mörder in einem Zeitungsbild wieder zuerkennen. Bemerkenswert dabei ist, dass Bone den Mörder an seiner Arroganz, die sich in seiner Körperhaltung ausdrückt, wieder zuerkennen meint. Wir sind Lichtjahre vom klassischen Detektivroman entfernt. Es handelt sich um den ekeligen Wirtschaftstycoon J.J.Wolfe. Zusammen mit der Schwester der Ermordeten beschließen Bones und Cutter ihn zu erpressen. Nur Bones kommen Bedenken. „In dieser Welt. Dieser Grube aus Pisse und Elend! Da hältst du es für unmoralisch, von so einem mörderischen Philister wie Wolfe ein bisschen tägliches Brot zu borgen?“ Wolfe gehört zu diesen Wirtschaftsharpyien, die nach dem ersten Ölschock begierig die Globalisierung anvisieren. Für Cutter symbolisiert Wolfe den schuldigen Kapitalisten, schuldig am Krieg, der sein Verhängnis wurde, und schuldig an den systemimmanenten Verbrechen, die Umwelt und Menschen ins Verderben stürzen. Ob er der Mörder der jungen Prostituierten ist, bleibt dabei bis zum Ende unklar.

Wie bei allen Noir-Autoren ist die Pazifikküste kein Ort an dem die Träume wahr werden, sondern der Ort, in dem sie jämmerlich krepieren. „Gott, er hasste Kalifornien, diese überbevölkerte Theaterlandschaft, wo Amerika unermüdlich Zukünftiges ausprobierte und gleich wieder auswechselte; da blieb nie etwas lang im Verkaufsangebot.“ Kalifornien ist lediglich die letzte Grenze der Lügen und Hoffnungen. Oder wie es Lew Welch in THE SONG MOUNT TAMALPAIS SINGS ausdrückte: „This is the last place. There is nowhere else to go“.

Sie lösen Mechanismen aus, die ihre Welt endgültig zur Jauchegrube der Sixties macht. Anders als die Verfilmung von Ivan Passer (1981 als CUTTER´S WAY), endet der Roman im völligen Nihilismus. Nach den Hoffnungsträger-Morden, nach Altamont und Charles Manson sind die am Tunnelende (um mal wieder eine meiner Lieblingsmetapher zu gebrauchen) geschwenkten Feuerzeuge endgültig erloschen. Thornburg reflektiert, dass individueller Aktionismus, ob von den Weatherman oder etwa der Baader-Gruppe, zu keiner politischen Lösung führen kann, aber sehr wohl die faschistischen Elemente des Systems beflügelt

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Der Roman, 1976 erstveröffentlicht, spiegelt eine Zeitenwende der westlichen Kultur, speziell der amerikanischen Gesellschaft: Nämlich die Katerstimmung nach der kurzen Phase der Euphorie, die in den 1960er Jahren eine gerechtere Ordnung suggerierte. Mitte der 1970er Jahre sind die Ideale verglüht, statt Marihuana hat der Markt härtere Drogen durchgesetzt und jeder sieht zu, wo er noch einen Platz findet.

Es ist die Zeit zwischen Watergate und Reagan, das Todeszucken der 60er-Rebellion, bevor die Neo-Cons im darauf folgenden Jahrzehnt damit begannen, den Planeten endgültig zugrunde zu richten. „Die Aktienkurse waren schon seit geraumer Zeit gefallen und unbeständig, die Arbeitslosenzahl stieg, und in jeder Bar hockten Pessimisten, die eine Katastrophe vorhersagten.“ Die Erinnerung an den ersten „postmodernen Krieg“ verdeutlicht den Beginn der neuen Phase des amerikanischen Imperialismus(vorbereitet seit den 1940ern, wie die PENTAGON PAPERS belegen). Der Vietnamkrieg war viel zu unpopulär um ihn durch höhere Steuern zu finanzieren. Er war der Anfang der Schuldenspirale, die sich bis heute immer schneller dreht und nur durch extreme Aggression des Establishment nach Außen und Innen aufrecht erhalten werden kann. “Cutter and Bone did come out strongly against the Vietnam war. So to that extent I don’t mind it being (interpreted as) leftist.”

Neben Crumleys Romanen (Pelecanos zählt auch noch Kem Nunn dazu) war es wohl Newton Thornburgs Meisterwerk, das für die amerikanische Noir- Literatur der nächsten Jahrzehnte richtungweisend war, indem es diese Kulturwende thematisierte und das Kommende antizipierte. Woody Haut nennt ihn bewusst und mit bestechender Argumentation im direkten Zusammenhang mit Robert Stones DOG SOLDIER, eine der Noir-Fanfaren für die 1970er.
Thornburg: “I’ve never considered myself a pure crime writer. Cutter and Bone is a straight novel, no matter how you look at it – strong characterisations, simple plot. I don’t like novels with private eyes you know, formula ones. I like crime stories, but I like them to be about ordinary people not crime professionals.”

Ekkehard Knörer schrieb über den Roman: „Einzig die Romane Cormac McCarthys lassen sich mit Thornburgs Meisterwerk verlgeichen. Auch in seiner freilich weniger wuchtig daher kommenden Sprachgewalt muss sich Thornburg vor McCarthy nicht verstecken, ihm gelingen so präzise wie (im besten Sinne) poetische Momentaufnahmen. Der Katastrophe wie des Glücks, das bald vorüber sein wird. Der Schuld, die nichts als Sprachlosigkeit zurück lässt. Der untergründigen Bedrohung, der die Katastrophe unweigerlich folgen wird.“

Ich persönlich sehe stilistisch zwar wenige Gemeinsamkeiten mit Cormac McCarthy, aber zweifellos ist der Roman ein literarisches Ausnahmewerk, das diesen Vergleich nicht zu scheuen hat. CUTTER AND BONE funktioniert auf mehreren Ebenen, beschreibt unter dem überspannenden Dach der Melancholie viele Stimmungen. Kein falsches Wort und nur richtige Sätze, die vom Leben selbst berührt sind. Ein großer Noir-Roman und ein großer Roman des 20. Jahrhunderts, dem die Zeit nichts von seiner Wahrhaftigkeit nehmen kann. Cutter, Bones und Mo sind Figuren der Weltliteratur, die man nie vergisst und die echter sind als so manche Büro- oder Kneipenlemuren, denen man im Paralleluniversum des “wirklichen Lebens” begegnet.

„Regardless of how they finish the novel, Cutter and Bone bear the burden of future noir protagonists, whose fate will be to investigate the culture whatever the cost.” (Woody Haut in NEON NOIR).

Der Ethos des Wilden Westens („erst schießen, dann fragen“) wurde durch den Vietnamkrieg zu einer Lizenz zum töten für Soldaten, Cops, Vigilanten und Psychos. Das spiegelt sich in der Pop-Kultur der 1970er wider, von Filmen wie DIRTY HARRY bis zu Paperback Original-Serien wie THE EXECUTIONER.
Nachhall und Erinnerung an den Vietnamkrieg, der die westlichen Gesellschaften spaltete, als eine der Hebammen der modernen Neo-Noir-Kultur. Die dunklen Mächte, die uns ins Verderben jagen, sind ausgemacht: man betrachtet fatalistisch ihre Zerstörungswut.

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“I always thought the characterization and cast was good. But the plot broke down halfway through.I think the characterisations are fine, the main characters and so on. But before the end, it just got absurd.” (Thornburg)

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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: WILLIAM WINGATE, DON DER PROFI-KILLER by Martin Compart

41G+olO9z7L._SY300_[1]In HONGKONG: LET CANDICE GO (VERSCHOLLEN IN HONG KONG) ,1985, verschwindet die 14jährige Tochter des Ex-Marine Anthony Rice spurlos aus einem Hongkonger-Kaufhaus. Bald stellt sich heraus, dass die Triaden die hübsche Candice entführt haben um aus ihr eine Sexsklavin zu machen. Wie so üblich, wenn Bürger in Not sind, nützen die Institutionen gar nichts, weder Konsulat noch Polizei. Denn HongKong hat etwa 200 kleinere und größere Inseln und Candice könnte zur „Ausbildung“ auf jede dieser Inseln verschleppt worden sein. Absolut brillant schildert Wingate durch seinen Ich-Erzähler die Atmosphäre der Stadt und den Zorn und die Hilflosigkeit in dieser Situation. Aber Rice hat noch einen Trumpf im Ärmel: Seit der Evakuierung Saigons 1975 schuldet ihm der CIA-Mann Tarrant einen Gefallen. Und den fordert Rice jetzt ein. Tarrant schickt ihm seien unheimlichsten Mann: den bulgarischen Überläufer und Profi-Killer Yazov, alias Crystal, alias Hardacre, alias Miami Slim. Der hat einen ganz einfachen Plan: den Triaden so lange in den Arsch treten und sie mit biblischen Plagen zu überziehen, bis sie Candice entnervt freiwillig heraus geben.

Das klingt wie ein primitiver Action-Film, ist es aber natürlich nicht. Denn Wingate ist ein großartiger Schriftsteller und spätestens mit diesem, seinen fünften Roman um Yazov, den neben Trevanians Nikolai Hel besten Profi-Killer der Kriminalliteratur, auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Er verleiht seinem Ich-Erzähler eine ganz eigene Stimme, die den Leser von Anfang an in den Bann zieht und mitempfinden lässt. Wie der wütende Ex-Marine mit einer für ihn kaum durchschaubaren Kultur konfrontiert ist, wie seine nervige Frau durchdreht (und er damit auch noch zurecht kommen muss), dass ist schriftstellerisches Können auf hohem Niveau und deshalb auch spannende Unterhaltung. Das William Wingate seit 1986 keinen weiteren Roman mehr geschrieben hat, ist für jeden Thriller-Afficionado ein herber Verlust. Der unglaublichen Dämlichkeit der Verlagsindustrie (und Hollywood) ist es zu verdanken, dass er aufgehört hat. Der HongKong-Roman ist übrigens nur auf deutsch 1989 bei Ullstein erschienen und erlebte kürzlich seine englischsprachige Erstveröffentlichung als eBook! Wingate: “Only Germans were tough enough to buy the book. It was never published in English..Other publishers made promises, but wanted changes to make the book more ‘politically correct’. One disliked the idea of ‘gooks’ being used to describe an incident in the war in Vietnam, another hated that one of the major villains was a gay Chinese torturer.
My publishers and I could not agree.So, Thank you Charles Darwin—of Survival of the Fittest fame—that the day of the High & Mighty Publisher is over. Publishing has ‘evolved’ beyond ‘High &Mighty’ publishing.In the bad old days you really had to ‘suck around’ and ‘toe the line’.And if you couldn’t do that, then you were out of luck.Thank Amazon/Kindle that I don’t have to do that any longer.The Internet has broken the power of the traditional High & Mighty Publishers…”

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William Wingate ist eines der bestgehütesten Geheimnisse des Thrillers. Trotz gewisser Erfolge (eine Hollywood-Verfilmung) hat er unbegreiflicher Weise nie den verdienten Durchbruch zum internationalen Bestsellerautor geschafft. Vielleicht hat er auch zu früh demoralisiert aufgegeben: Seine fünf Crystal-Romane erschienen zwischen 1977 und 1989. Über ihn ist wenig bekannt. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der 1939 geborene südafrikanische Jurist Ronald Ivan Grbich. Er ist ein begeisterter Pokerspieler, wie das 2011 veröffentlichte eBook „Wake up late, read This … Play Winning Poker before Noon“ beweist. Außerdem kennt er sich mit Macchiavelli aus, wie das witzige Sachbuch „The Don: How to Run a Mafia Family“ belegt.
Mehr weiß man nicht. Ich selbst hatte Mitte der 1980er nur ein kurzes, angenehmes Telefonat mit ihm. Aber statt Mr.Grbich auszufragen, habe ich ihm nur enthusiastisch seine Romane erklärt. Mann, ich muss damals einige Autoren wirklich amüsiert haben.

Wingates Romane sind nicht gerade dünn, aber auch nicht so retardierend und umfangreich wie die seiner Bestsellerkollegen Tom Clancy, Clive Cussler, Dan Brown, David Baldacci Adler Olson oder Ken Follett (die retardierend sein müssen, da sie für ein Publikum arbeiten, dass nur über ein geringes Kurzzeitgedächtnis verfügt). Aber jeder Satz sitzt. Selbst ein ganz ordentlicher Autor wie Vince Flynn verliert sich zu oft in langweiliger Minutiösität. Dagegen ist Wingate immer temporeich. Selbst wenn er innehält um einen Ort, Charakter, eine Atmosphäre oder eine Technologie zu beschreiben, gelingt es ihm, zu faszinieren.
Besonders in den beiden Romanen, die er in der ersten Person verfasst hat, zeigen sich seine Fähigkeiten. Er treibt darin nicht nur Spannung und Setting voran, sondern entwirft auch die packenden Charakterstudien einer 15jährigen Hinterwäldlerin und eines verzweifelten Vaters und Ex-Marine.

51en0xw5FqL[1]Sein Held Yazov, alias Crystal oder Hardacre, ist ein völlig amoralischer Killer ohne goldenen Herzen. Er kennt weder Liebe noch Loyalität und ist nur an seinem Überleben und Lohn interessiert. Oder wie Rice sagt: “Er war der unvergeßlich gefährlichste Typ, dem ich je begegnet bin. Vielleicht hatte er zu diesem oder jenem Zeitpunkt für alle Agencys gearbeitet, Gottes Arbeit getan, die Bevölkerungsstatistik in Grenzen gehalten. Er war nur mit der Kneifzange anzufassen.” Wen Yazov Mauern niederreißt, interessiert es ihn ein en Dreck ob es sich dabei um tragende Wände handelt. Eine interessante Figur, die Entfremdung als Autarkie definiert.
Eingeführt wurde er im ersten Roman FIREFLY (FEUERSPIEL), 1977. Das Buch spielt Anfang der 1970er auf der Höhe des Kalten Krieges. Angeregt wurde Wingate durch einen realen U-Boot-Unfall der Sowjets, den der große Journalist Seymour Hersh damals für die International Herald Tribune aufgearbeitet hatte. Ein mit der neuesten Technologie ausgestattetes Atom-U-Boot sinkt nach einem Unfall im Pazifik. Im Gegensatz zu den Amerikanern verfügen die Sowjets nicht über die Möglichkeit das Schiff zu orten. Die CIA will natürlich das Wrack bergen um es auszuwerten. Dazu benötigt sie die Hilfe durch einen an Howard Hughes orientierten Konzernchef, der nicht alle Tassen im Schrank hat. Als das Bergungsunternehmen anläuft, verrät es der engste Mitarbeiter des Tycoons. Und nun kommt Yazov, der beste Mann der Russen ins Spiel und dreht die Handlung ins aberwitzige.
Wingate hatte kein Problem, seinen Erstling umgehend an den ersten Verlag zu verkaufen. Es war auf der Höhe der Thrillermanie der 1970er Jahre und Forsyth, LeCarré, Higgins, Trevanian, Deighton oder Follett hatten die Bestsellerlisten fest im Griff. Tatsächlich liest sich FIREFLY sehr an Forsyth orientiert. Erst mit dem Einführen von Yazov entwickelt sich sein eigener Ton. „But English-world best-sellerdom was not to be. Fireplay did not become thriller of the year and I was not the new Frederick Forsyth. See, again in retrospect, Fireplay had one great flaw. Men don’t read novels much, mostly women do. At least in big numbers that matter to markets. And in its essentially all-male spy world, Fireplay lacked a major female heroine. Q.E.D. And so, among other improvements in this ebook version, I have revised Fireplay to create such a major female character. John Mallory becomes JoAnn Mallory. Elementary, my dear Watson…If only I had known that, done that, then…”

Auch BLOODBATH (BLUTBAD), 1978,3548103073[1] wurde von der Realität inspiriert: die Entführung der Air France durch Deutsche und Palästinenser nach Entebbe und diie Geiselbefreiung durch ein israelisches Kommando-Unternehmen. Diesmal soll Yazov den Diktator von Uganda umlegen. „In the novel, Idi Amin was thinly disguised as Obama Okan, two names common enough in East Africa. Since then, time has moved on, and it is probably more politic to write of Idi Okan rather than Obama Okan. And so I have“, sagt Wingate zur Neuausgabe als eBook.

In HARDACRE´S WAY/SHOTGUN (DIE VERGELTUNG DES FREMDEN), 1980, wechselte Wingate erstmals von der Perspektive des allmächtigen Erzählers zum Ich-Erzähler. Der Roman ist eine Noir-Version von Jack Schaefers klassischen Western SHANE. Yazov kommt in ein kleines Nest in Tennessee und räumt mit einem sich dort niedergelassenen alten Mafioso und seiner Gang auf. Der Roman könnte fast eine Blaupause für Lee Childs Rearcher gewesen sein (allerdings ist Reacher ein harmloser Messdiener im Vergleich zu Yazov). Der alte Don hat ein Auge auf die 15jährige Lou geworfen, die die Autowerkstatt in Schwung hät, in der Yazov mit seinem kaputten VW Käfer gelandet ist. Der Roman wird aus ihrer Perspektive erzählt. Also wird Yazov in die ganze Geschichte hinein gezogen.Ym4yNzk2[1] Zwei Killer des Don, deren Dialoge einen Kritiker an die aus Hemingways THE KILLERS erinnerte, wollen Yazov, der sich hier Hardacre nennt, umlegen – und so beginnt der blutige Reigen. SHOTGUN war Wingates erfolgreichstes Buch und wurde mit Burt Reynolds und Cliff Robertson als MALONE mittelprächtig verfilmt. „It wasn’t a bad movie. Only I wish they had stuck more closely to the last third of the book—and my ending, not their own. Mine was much, much better. At least, I think so.” An dem Film war der Autor dieser Zeilen wohl nicht ganz unbeteiligt: Kurz nach dem ich meinen Job als Herausgebe bei Ullstein begonnen hatte, schickte ich das Buch an Adel-Productions, die Produktionsfirma von Alain Delon (in Frankreich wurde es nicht veröffentlicht, dabei hätten die Franzosen einen Autor wie Wingate sofort goutiert). Ich war (und bin) der Meinung, es war ein perfekter Filmstoff für Delon. Außerdem hätte man die Handlung problemlos nach Frankreich oder Spanien transponieren können. In der Delon-Firma lag es dann eine Weile mit vielen anderen möglichen Projekten herum. Schließlich griff es sich der Drehbuchautor Christopher Frank, mit dem Delon an seinem Film LE BATTANT zusammen gearbeitet hatte, und machte – wahrscheinlich mit Delons Einverständnis – einen Hollywood-Deal. Zwar wurde auch SHOTGUN nicht der erhoffte internationale Bestseller, aber immerhin erleichterte der Film-Deal Wingates künftiges Leben: „I used the upfront money for Malone in a crazy investment nobody with half a brain would have looked at twice. And when the investment, by some miracle or two, actually worked out I got paid only half the money the folks I invested with were supposed to pay me. But that is another story…Anyway, half or not, it helped me quit my day job and not really have to do much more after that—like having to wake up every day and do something real for a living. So I am grateful to Malone and Burt Reynolds. Only I wish the investment people had stuck more closely to the deal first agreed—our agreement, not their own.”

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Als vorletzter Roman erschien 1983 CRYSTAL, vielleicht neben HONG KONG mein Lieblingsroman von Wingate. Diesmal räumt der Killer unter den Drogenbossen der French-Connection auf. „I did much research for Crystal, and visited most of the cities that figure in the book, including the docks of Istanbul, Marseille and New York. So, in the end, I believe the novel has an authentic sense of place and time.And in the end too, I could have grown, treated and made heroin myself. Much of the detail about how heroin gets from poppy planting in Turkey to the pretty, white crystalline stuff on the docks of New York is largely true, though I fudged some of the chemistry to avoid problems with crazies.”!BqgdU-QBmk~$(KGrHqUOKiEEuZqSK+ryBLvyeD!Hrw~~_35[1]

Wer auf literarisch gute Polit-Thriller steht und keine Probleme mit extremer Gewalt und Sex hat, der sollte nicht auf die Lektüre von Wingate verzichten. Im Gegensatz zu manch anderen Autoren kann er nämlich extreme Situationen schreiben. Er ist ein harter, böser Zyniker, fernab von jeder politischen Naivität. Bei ihm brennt höchstens Napalm am Ende des Tunnels. Und keiner seiner Romane gleicht vom Plot her den anderen – ausgenommen darin, dass Yazov es in jedem richtig krachen lässt. Man bekommt alle seine Bücher noch antiquarisch oder eben jetzt als kostengünstige eBooks. Allerdings wird man nach der Lektüre des „real McCoy“ Probleme mit aktuellen Bluffern haben. Nie waren Polit-Thriller so noir…

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HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – ZUM BACKWOOD-GENRE by Martin Compart

„Der Gruselschauder ist masochistisch und letzten Endes weiblich, In ihm unterwirft sich die Phantasie einer überwältigenden Übermacht… Der Horrorfilm entfesselt die vom Christentum unterdrückten Mächte – das Böse und das Barbarische der Natur. Horrorfilme sind Rituale in einem heidnischen Gottesdienst.“

Camille Paglia: Die Masken der Sexualität

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1.
GENRE

Das Backwood-Genre ist nicht ausschließlich ein Subgenre der Weird Fiction oder des Horrors. Horror dominiert dieses Genre, aber die Topoi des Backwood-Horrors lassen sich auch mit anderen verbinden (siehe auch „Wurzeln“). Das wohl herausragendste Werk, James Dickeys DELIVERANCE, ist schwerlich dem Horror-Genrer zuzuordnen. Die Romane und Filme, in denen es um die Konfrontation zwischen städtischen Eindringlingen und Rednecks geht, sind eher dem Thriller zuzuordnen als dem Horror-Genre. Auf den ersten Blick geht es bei Backwood-Thrillern um die völlige Entfremdung des städtischen Individuums von der Natur. Aber es steckt doch etwas mehr dahinter. Nämlich eine Illustration zum anthropologischen Pessimismus.

BurroughsTarzanLost[1]2.
WURZELN

Das Backwood-Genre verdankt einiges dem „Lost Race“ oder „Lost Valley“-Motiv.
Dieses wurde prominent bis in die 1950er Jahre vornehmlich von der Fantasy oder der Abenteuer-Literatur eingesetzt. Autoren, die es besonders häufig und effektiv nutzten waren Rider Haggard, Edgar Rice Burroughs und Abraham Merritt. Burroughs verwendete das „Lost Race“-Motiv gerne und zahlreich in seinen Tarzan-Romanen. Immer wieder entdeckt der Herr des Dschungels bei seinen Streifzügen Lost Valleys, in denen bestimmte Kulturen isoliert von der Außenwelt existieren oder überlebt haben. Tarzan oder Rider Haggards Helden (Alan Quartermain) finden aber meist vergleichsweise Hochkulturen. Ob Mayas, Wikinger, Römer oder Kreuzritter, Burroughs lässt nichts aus. Aber sie treffen nie, wie in den Backwood-Thrillern, auf Redneck-Kannibalen.

Auch von den „Post-Doomsday“-Geschichten der Science Fiction übernimmt das Backwood-Genre etwas: nämlich das Konzept, dass keine bürgerlichen Normen mehr existieren oder durchgesetzt sind. Die „Post-Doomsday“-Stories beschreiben häufig eine Welt nach dem Zusammenbruch, in der wir wieder in die Barbarei zurückgefallen sind. Eine Barbarei, die noch über die technologischen Möglichkeiten der zerstörten Zivilisation verfügt (wie es etwa in den MAD MAX-Filmen gezeigt wird).jz2UhI1sIgTp4Xc[1]

Im Backwood-Subgenre verbindet sich Weird-Fiction oder Horror mit dem Thriller zum Terror-Movie oder zur Terror-Novel. Die Bedrohung muss dabei nicht übernatürlich sein, also von Horror, SF- oder Fantasy-Elementen getragen. In einigen der besten Backwood-Thrillern, wie DELIVERANCE von James Dickey, OPEN SEASON von David Osborn, einigen Ketchum-und Lansdale-Romanen. geht die Todesgefahr von degenerierten Mitmenschen aus, die dieselbe Mentalität wie Wirtschaftsbosse und Politiker teilen: Maßlose Gier nach Befriedigung ihrer perversen Bedürfnisse durch die Ausübung überlegener Gewalt.
Ein Aspekt der Faszination, die vom Terror-Genre ausgeht, ist das Aufzeigen der Brüchigkeit unserer Zivilisation und die Ohnmacht gegenüber brutale Gewalt, sei sie physisch, psychisch, ökonomisch (Bentley Little) oder politisch. Es spiegelt unsere Realität wieder. Erleben wir doch gerade, wie unter dem Begriff „Globalisierung“ auf die gemeinste Weise die Gewalt privilegierter Cliquen gegenüber Mensch und Natur ausgeübt wird. Firmen wie Monsanto zeichnen sich durch unbeschwerte Genmanipulation aus, die “Patente ” für Nahrungsmittel besorgen. Eine Perversion an sich. Chemiefabriken flössen ihren Abfall in die Nahrungskette ein und zerstören wie Ölfirmen rücksichtslos die Lebensgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen. Atomverseuchte Abfälle werden skrupellos in Afrika oder den Weltmeeren entsorgt. Die vergiftete Natur wird gerne und plausibel als Erklärung für die Degeneriertheit der Hinterwäldler angeboten.Most-Dangerous-Game_400

3.
INSEL

Schutz- und hilflos in einer fremden Umgebung Kräften ausgeliefert zu sein, die man nicht kontrollieren kann, ist eine der stärksten Ängste, die man mobilisieren kann. In unserer urbanen Zivilisation werden diese Ängste besonders intensiv wahrgenommen, wenn unzivilisierte Regionen zum Schauplatz werden. Dies gilt besonders für Kannibalen- und Backwood-Filme.
Die als Genre definierten Kannibalen-Filme spielen an entlegenen Orten, in die Figuren bewusst anreisen und deren Gefahren im vornherein bekannt sind – zumindest zum Teil. Daraus hat sich eine Spielart heraus gebildet, die man vielleicht als „Insel-Thriller“ bezeichnen könnte. Ihre Topoi lassen sich zum Großteil auf zwei Klassiker zurück führen: Richard Connells Kurzgeschichte THE MOST DANGEROUS GAME (1924), deren erfolgreiche Verfilmung von 1932 stilbildend war. Hier geht es darum, dass Menschen auf einer isolierten Insel als Jagdwild herhalten müssen. William Goldmans Roman LORD OF THE FLIES (1954) erzählt von gestrandeten Jugendlichen, die zwei sich bekämpfende Gruppen bilden. Goldings Subtext ist für das gesamte Genre bestimmend: Gewaltbereitschaft ist dem Menschen angeboren und ohne zivilisatorische Regeln herrscht das Gesetz des Stärkeren.
Moderne Varianten sind Richard Laymons ISLAND (1991) oder Brian Keenes CASTAWAYS (2009).

4.
ERFOLG

Der anhaltende Erfolg des Backwood-Genres geht wohl auf zwei Filme zurück:
John Boormans Adaption von Dickeys DELIVERANCE und Tobe Hoopers THE TEXAS CHAIN MASSACRE (1974). Dieses relative kostengünstig zu produzierende Filmgenre explodierte geradezu und wurde besonders seit den 1970er Jahren bis in die 1990er Jahre als B-Pictures genutzt. Schriftsteller wie Jack Ketchum, Richard Laymon und Joe R.Lansdale popularisierten den Backwood-Thriller seit den 1980er Jahren als literarische Form, die bis heute bedient wird und sich beständiger Beliebtheit erfreut.6037666
Vielleicht ist die These etwas gewagt, aber man könnte Robert Blochs Ed Gein-Interpretation PSYCHO ebenso als Backwood-Thriller wie als Serienkiller-Roman auffassen. Einige Theoretiker rechnen auch Algernon Blackwoods Natur-Horrorstories THE WILLOWS (1907) oder THE WENDIGO (1910) dem Genre zu.

5.
STADT GEGEN LAND

Im Backwood-Genre kommen Gefahr und Horror unerwartet und nichts weist auf künftige Gefährdungen hin. Die Opfer/Protagonisten begeben sich im Hochgefühl zivilisatorischer Überlegenheit an diese Orte, deren Dynamik sie weder kennen noch einzuschätzen wissen. Die Backwoods liegen hinter unseren urban kultivierten Plätzen, nicht weit entfernt von der vertrauten Umgebung. Aber einmal falsch abgebogen und schon sieht man sich einem Terror ausgesetzt, dem man mit seinen zivilisatorischen Mitteln nicht begegnen kann.

Ein Topos ist der Städter, der sich dem Backwood-Terror ausgesetzt sieht und alle zivilisatorischen Hemmungen und Konditionierungen abwerfen muss um zu überleben. Die bekannten Verteidigungstechnologien, vom Auto bis zur Schusswaffe, werden in diesem Genre meistens außer Kraft gesetzt oder dienen als eine Art Gral, den die Protagonisten zu erreichen trachten und oft in letzter Sekunde zur finalen Lösung nutzen. Letztlich überwiegt aber das Misstrauen gegenüber technischen Lösungen (ist es nicht oft der technologische Fortschritt, der durch Umweltvergiftung aus debilen Hillybillys völlig durchgeknallte Kannibalen macht? – wie etwa in WRONG TURN 2). Erst wenn der Städter alle zivilisatorischen Schichten abgeschält hat und zur bösartigen Kreatur wird, hat er eine Chance im ruralen Inferno zu bestehen.richard-laymon-in-den-finsteren-waeldern-200x311[1]

“Und er konnte es tun – er konnte es wirklich tun. In dieser Nacht hatte er bereits drei oder vier dieser Leute getötet. Warum nicht zwei mehr?…
Er hatte Angst.
Angst vor dem Vergewaltiger und Mörder, der in seiner Haut lauerte.”

(aus Laymon: IN DEN FINSTEREN WÄLDERN, Festa 2011.)

Je mehr die Industrialisierung fortschreitet, umso intensiver wird auch eine Urbanisierung (die Zuwanderung in die Großstädte der 3.Welt, was zu unfassbaren Slums führt), deren zivilisatorischer Anspruch längst umgekippt ist. Für den Städter ist der Landbewohner inzwischen mental einer fremden Kultur zugehörig, sein Wertesystem kaum nachvollziehbar. Denken wir nur an die gerne im TV vorgeführten Jugendlichen, die kein Gemüse mehr identifizieren können. Der Landbewohner, so er denn nicht dem Flötenspiel der industriellen Rattenfänger folgt, hat kaum noch Bezüge zu den Stadtbewohnern. Sein Leben hat einen anderen Rhythmus, der stärker von den Unwägbarkeiten der Natur abhängig ist. Inzwischen sind verslumte Vororte und verslumte Stadteile neben dem Land auch zu Backwoods geworden (so gesehen könnte man auch Walter Hills THE WARRIORS als einen urbanen Backwood-Thriller werten). Die Förderung landwirtschaftlicher Großbetriebe stärkt nicht humanitären Fortschritt, sondern brutalisiert ökonomische Barbarei (Stichwort Massentierhaltung).

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6.
ORTE

Das bedrohliche Hinterland mit sinistren Gebäuden ist kein wirklich neues Thema der Weird Fiction. Wenn man denn will, könnte man auch den ersten Teil von Stokers DRACULA mit Jonathan Harkers Reise in die Karpaten zu Draculas Schloss als Backwood-Thrill interpretieren.Innsmouth2

Unheimliche Orte, die man besser nicht besucht, gab es in der Weird Fiction und in der Gothic Novel immer. Man wird gewarnt, diese nicht aufzusuchen. So auch der Erzähler in Lovecrafts SHADOWS OVER INNSMOUTH. Die Bedrohlichkeit dieser Orte ist zwar nicht in all ihren Dimensionen bekannt, aber es besteht vorab soviel Wissen, dass man erahnen kann, warum man sie besser meidet. Es ist die Naivität oder das übersteigerte Selbstbewusstsein der Protagonisten dieser Weird Fiction, die sie aller Warnungen zum trotz diese „unheiligen“ Orte taufsuchen lässt.
Ganz anders nähert man sich den Wäldern oder Dörfern der Backwood-Thriller. In sie fährt oder wandert man hinein, ohne die geringste Vorsicht oder den Hauch von Wissen um ihre Existenz. In der Regel will man diese nicht als Orte des Schreckens kartographierte Regionen nur durchqueren, auf dem Weg von einem bekannten urbanen Platz zum anderen. Man bemerkt gar nicht die Grenze, die man überschreitet, wenn man die vertraute Welt verlässt um in die rurale Barbarei zu geraten. Und dann platzt ein Reifen, oder man biegt falsch ab, oder man will in diesem merkwürdigen Ort nur schnell etwas essen… Schlagartig wird man mit einer archaischen Welt konfrontiert, in der alle erlernten Fähigkeiten nichts zur Überlebenssicherung beitragen. Auch die mitgebrachte Technologie funktioniert nicht („Ich kriege kein Netz.“). in dieser Welt verknüpft sich das Unheimliche nicht domestizierter Natur mit genetischen Katastrophen der eigenen Spezies. In der ungezähmten Wildnis tobt der Abschaum Pans in unkontrollierter Macht.

Zivilisatorische Normen haben weder Sinn noch Durchsetzungskraft.photo-main Die Bewohner huldigen undurchschaubaren Riten, Stammesregeln (wenn überhaupt), die nur für sie gelten. Der Fremde steht außerhalb jeder positiven Sanktion. Sie meiden Kontakte mit Menschen außerhalb ihrer inzestuösen Gruppe. Ausgenommen als Jagd-und Ritualopfer, Nahrung oder Sklaven. Fremde sind Nutztiere oder Spielzeuge für ihre erschreckenden Vorlieben. Ob sie durch Abwesenheit von Geschichte, Umweltverschmutzung oder sonst was degeneriert sind, ist sekundär. Primär sind sie aggressiv böse, ohne zivilisatorische Kruste. Sie sind weniger das, was wir vielleicht einmal waren, als das was wir fürchten, sein zu können. Sie verkörpern nicht die ungehinderte Natur, sondern die entartete Gattung. offspringSie sind das Gegenteil von Rousseaus edlem Wilden. Eher der Beweis für Freuds These, dass wir alle Mörder und Kinder Kains sind. Sie weisen darauf hin, was passieren kann, wenn unsere zivilisatorischen Lichter ausgehen und wir im Dunkel der entsolidarisierten Gesellschaft versinken: Atomisiert in kleinen Rotten, die nur sich selbst verpflichtet sind, gibt es beim Überlebenskampf keine Gnade. Töten ist genau so selbstverständlich wie essen. Quälen so genussvoll wie Sex. Diese Hinterwäldler werden mental gerne auf einer Stufe mit nicht sozialisierten Kindern dargestellt. Musterbeispiel sind einmal mehr die WRONG TURN-Filme mit ihren infantilen Menschenfressern.Wie diese den Fliegen die Flügel ausreißen, reißen sie den Fremden vergnügt Arme und Beine aus dem Körper.

Ein Subtext des Genres ist: Ohne urbane Zivilisation ist der Mensch barbarisch und böse. Dieser anthropologische Pessimismus ist seit den 1980ern (Reagen, Thatcher, Kohl und der Raubtierkapitalismus der Neo-Cons) als Genresubtext aktuell und attraktiv. Jeder spürt ja den bevorstehenden Zusammenbruch des kapitalistischen Lemmingsystems, der alle erreichten zivilisatorischen Errungenschaften zerbröselt.

Und dann sind wir alle in den Backwoods.

(FORTSETZUNG FOLGT)

Die folgenden Buchtipps sollen lediglich einen Überblick verschaffen um dieses Genre oder Subgenre in seiner Spannbreite zu illustrieren.
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DELIVERANCE (BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE, Rowohlt) von James Dickey

Der Klassiker; dazu noch ein „literarisch anerkanntes“ Buch (was immer das bedeuten mag).
Bevor eine ganze Wald- und Flussregion als Stausee versinkt, wollen vier Städter noch mal den Genuss an der urwüchsigen Natur genießen und dem Wasserlauf befahren. Und dann kriegen sie Ärger mit den einheimischen Rednecks. Die Vergewaltigungsszene eines der Städter war damals nicht nur extrem schockierend, sie setzte auch die Maßstäbe für die vorherrschende sexuelle Brutalität des Genres.

RIVER GIRL (DAS MÄDCHEN VOM FLUSS, Heyne) von Charles Williams$(KGrHqF,!pUFCjwyEzmnBQtMPdKlcQ~~60_35[1]

…ist ein Beispiel für den Noir-Thriller als Backwood-Story: Die Leidenschaft zu einer verheirateten Hinterwäldlerin treibt einen Cop in den Kreislauf der Noir-Tragödie. Williams Backwood-Romane haben weniger mit den Horror-Geschichten von heute zu tun. Diese Paperback Originals sind eher von den Southern-Romanen Erskine Caldwell beeinflusst.
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JAGDZEIT (Pendragon) von David Osborn

Auch hier hatte der Roman das Glück einer exzellenten Verfilmung (von Peter Collinson mit Peter Fonda und dem unterschätztesten Hollywood-Star überhaupt, William Holden). Ein Update der klassischen Graf Zaroff-Geschichte von Richard Connell. Nur sind es diesmal durchgeknallte Vietnam-Veteranen, die aus der Stadt das Unheil aufs Land bringen.

RAMBO (Heyne) von David Morell

Nicht nur der erste Rambo-Film war hervorragend (im Gegensatz zu den Sequals), auch die Romanvorlage ist ein moderner Klassiker des Thrillers.
Der Vietnamveteran Rambo gerät mit Rednecks aneinander und trägt den Guerilla-Krieg dorthin, wo er hingehört.
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OFF SEASON (BEUTEZEIT, Heyne) von Jack Ketchum

Ketchum gehört wie Joe Lansdale zu den Autoren, deren schwächere Bücher immer noch weit über dem Durchschnitt liegen. Und die außerdem immer wieder für ein Meisterwerk gut sind.
Nicht so furchtbar wie EVIL, ist OFF SEASON einer der stilbildendsten Romane des Genres und der Klassiker des Kannibalen-Backwood-Thrillers, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Ketchums Brutalität ist erschreckender und glaubwürdiger als der pubertäre Horror, den Laymon verbreitet.

THE WOODS ARE DARK (IN DEN FINSTEREN WÄLDERN, Festa) von Richard Laymon

Dieser frühe Roman (1982) gehört zu Laymons schwächeren Büchern. Aber in ihm ist geradezu beispielhaft angelegt, wie die Klischees des Kannibalen-Backwoods funktionieren. Als Roman eher bescheiden, ist das Buch so etwas wie eine „idealtypische“ Drehbuchvorlage für ein genrespezifisches B-Picture.

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CREEKERS (Festa Verlag) von Edward Lee

Man kann über diesen unbeständigen Autor denken, was man mag, aber dieser 1994 veröffentlichte Roman ist ein herausragendes Werk der Gattung.
Phil Straker, einst erfolgreicher Großstadtbulle, ist zurück „im guten alten Crick City, der Welthauptstadt der Idioten“. Und hier hat er es nicht nur mit einigen verkommenen Hillybillys zu tun, sondern auch mit den Creekers, einem Clan, der sich unter primitivsten Bedingungen seit Jahrhunderten durch Inzucht degeneriert.20762116z[1]

ISLAND (DIE INSEL) von Richard Laymon

Natürlich erreicht Laymon auch hier nicht die Dimensionen von William Golding. Aber dies ist ein überzeugender Insel-Backwood. Mit dem eigenwilligen Ich-Erzähler gelingt es Laymon hier seinen üblichen pubertären Sex & Torture-Kram glaubwürdiger und erschreckender darzubieten.

JOE R.LANSDALE – DER BOSS IM HINTERWALD

Ob Horror-Geschichten, Weird-Western oder Thriller – bei Joe Lansdale spielen die Backwoods von Ost-Texas fast immer eine entscheidende Rolle. Er ist der König des Backwood-Thrillers, da er das Genre am effektivsten und immer wieder originell zu nutzen weiß. Erschwerend kommt hinzu, dass er einer der besten Thriller-Autoren überhaupt ist und immer wieder frische, unverbrauchte Erzählungen aus bekannten Klischeegenres gewinnt. Es ist alleine schon beeindruckend, wie er bei seiner ungewöhnlich hohen Produktivität sein Niveau beibehält und immer wieder steigert.

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PAINT IT BLACK - über Noir-Fiction

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Rezensionen, Essays, Portraits, Lesetipps und Analysen zur Noir-Fiction. In diesem mit selten gesehenen Bildern ausgestatten Noir-Reader veröffentlicht Compart Einblicke in die Welt der Noir-Literatur. Wer sich für düstere Kriminalliteratur und existenzialistische Thriller interessiert, bekommt nicht nur Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Genres, sondern auch Lektüre-Tipps von jemand, der sich fast sein Leben lang mit allen Facetten der Noir- und Kriminalliteratur beschäftigt.
Martin Comparts Arbeiten sind dafür bekannt, dass sie ebenso unterhaltsam wie analytisch und provokant sind.

Aus dem Inhalt:
On the Noir Road: Die schmutzigen Straßen des JAMES CRUMLEY,
CHARLES WILLEFORD: Keine Hoffnung für die Lebenden, Der Texaner: JOE R.LANSDALE, EVIL von JACK KETCHUM, Es war einmal in Washington: GEORGE P.PELECANOS, Queneau in den Mean Streets: JAMES SALLIS, Stadtführer für Perverse: MATTHEW STOKOES Roman HIGH LIFE oder Noir goes mainstream, ,PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie, HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum Backwood-Genre, WAS IST PULP?, LEO MALETS Schwarze Trilogie und der Neo-Polar, Noir-Abenteurer: PIERRE MACORLAN und vieles mehr.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: JOHN D.MACDONALDs TRAVIS McGEE by Martin Compart

MacD

Schon längere Zeit (also etwa ein Jahr) hatte ich nichts mehr von ihm in der Hand gehabt, ihn aber bereits mehrfach Michael Krause empfohlen. Nun hatte Michael endlich meine Empfehlung erhört und sich den ersten John D.MacDonald zugelegt. Und bei allen zeitlich bedingten Einschränkungen, sprang der Funke über. Das war mir ebenfalls Anlass, mich mal wieder etwas in John D. zu vertiefen, der so was wie eine fast lebenslange Krimi-Liebe von mir ist. Außerdem scheint in den USA eine kleine Renaissance bevor zu stehen, denn er wird dort endlich wieder aufgelegt.

48_A Deadly Shade of Gold 1965 Entdeckt habe ich Jaydee, wie wir Fans zu sagen pflegen, Ende der 1960er bei Heyne, die dankenswerter Weise damals auch die genialen Fawcett-Cover übernahmen. Gleich mein erster Travis McGee schlug bei mir ein wie eine Bombe. Endlich ein hard-boiled-Protagonist, der nicht in „der Tradition von Hammett und Chandler“ stand. Bei aller Liebe zu den Großmeistern, waren diese doch in vielen Dingen antiquiert und brachten mit Sicherheit nicht den Zeitgeist der 1960er Jahre (wie hätten sie auch können?) auf den Noir-Punkt.

43 Non-Series-Romane, 21 McGee-Romane, 3 Sciene Fiction-Romane, 4 Sachbücher (darunter mit THE HOUSE GUESTS eines der besten über Katzen) und etwa 500 Kurzgeschichten. Das Meiste auf hohem Niveau. Wer kann da ein bis drei Bücher auswählen, die man unbedingt gelesen haben sollte. Ich versuche es trotzdem: The Deep Blue Good-by (1964), Darker than Amber (1966), Dress Her in Indigo (1969 The Turquoise Lament (1973), The Empty Copper Sea (1978), gehören zu meinen McGee-Favoriten. THE EXECUTIONERS/CAPE FEAR (1962) oder END OF THE NIGHT (1960), oder NEON JUNGLE… oder, oder… oder…

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J.D.war der erste amerikanische Kriminalliterat, der sich mit Umwelt- und Wirtschaftsverbrechen beschäftigte. Mit der Zeit wurden seine Kommentare zum american way of death immer schärfer und verzweifelter. Da ihm die Perspektive einer (sozialistischen) Alternative fehlte, bemerkte er zum Schluss nur noch zynisch wie die verdammenswerte Konsumgesellschaft den Planeten zerstörte und in den Abgrund führte. Er wurde nie müde, die freie Marktwirtschaft, deren Axiome er lange unterstützte, in ihren Auswüchsen zu beklagen. Allerdings gelang er selten zu der Erkenntnis, dass eben diese Auswüchse konsequente Folge des unkontrollierten kapitalistischen Systems sind. Für MacDonald versagt nicht das System, sondern die menschliche Moral. Heute wären für ihn Banker und Politiker noch mehr als zu seiner Zeit Symbole des Bösen.

Kein anderer Autor (außer Ed McBain) führte die amerikanische Kriminalliteratur thematisch und mental so gründlich in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kein anderer zeitgenössischer Autor der 1950er bis 1970er behandelte die neuen Themen so breit und intensiv wie er: Jugendkriminalität, Stadtflucht, Umweltzerstörung, Rassismus, Entwurzlung der Kriegsveteranen, Wirtschaftskriminalität, Verknüpfung der Organisierten Kriminalität mit der legalen Wirtschaft, Konsumterror, Drogen, Suburbia-Neurosen, Revolte usw. Außerdem war er einer der ersten Noir-Autoren, die die Großstädte verließen um in der Provinz den Schrecken zu beschreiben. Er fügte Florida der Noir-Landkarte hinzu und war der Begründer des „Sunshine State Noir“, heute vertreten u.a. von so großartigen Autoren wie Carl Hiaasen, Randy Wayne White und James W.Hall (besonders letztere verdankten JD und Travis McGee eine Menge).
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In den 50er Jahren gab es erstmals auf breiter Ebene das Phänomen der Jugendrevolte. Die in Freiheit und Wohlstand aufwachsende junge Generation begann die Werte der Eltern nicht nur in Frage zu stellen, sondern auch erste Ansätze einer Gegenkultur zu entwickeln. Eine Tatsache, die MacDonald zutiefst beunruhigte.. Als einer der ersten Autoren – zu nennen wären auch noch Ross Macdonald, Ed McBain, Hal Ellson, Thomas B.Dewey und die zahlreichen Schreiber so genannter “juvenile delinquents” – beschäftigte er sich mit diesem Thema. Mit großer Skepsis sah er die Entwicklungen und die Verbrechen der Mansion-Family Ende der 6oer Jahre muss ihm wie eine Bestätigung für seinen fast prophetischen Roman END OF THE NIGHT vorgekommen sein. MacDonald schrieb in der Regel auch keine Detektiv- oder PI-Romane; er schrieb amerikanische Thriller, oft Noir-Thriller.

Wirkliches Verständnis für die jugendliche Subkultur hatte er nicht – trotz des ehrenwerten Versuches in DRESS HER IN INDIGO. Als Libertärer hatte er allerdings auch kein Verständnis für die staatliche Repression gegenüber Drogen: “Der Besitz von Marihuana ist ein Kapitalverbrechen. Egal ob Marihuana nun so harmlos ist, wie viele glauben, oder so schlecht und schädlich wie andere meinen… Die selbstherrlichen Säulen der Gesellschaft und der Kirche glauben, den Rauschgiftgenuß damit verhindern zu können, indem sie den Besitz zum Kapitalverbrechen stempeln… Diese Strafe ist zu hart. Sie verschließt zu viele Türen. Diese Strafe zerstört einem jungen Menschen – der ein kleines Experiment gemacht hat – das ganze Leben…” (“Der Hippie im Indigo-Dress”; München 1970, Seite 18ff.)
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Seine Sprache erscheint auf den ersten Blick weniger kunstvoll. Das täuscht gewaltig, denn er ordnet jeden Satz der Geschichte oder seines kapitalismuskritischen Kommentar unter. Das unglaubliche Können, das sein Handwerk zu echter Kunst erhebt, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen. Man muss sich zum Beispiel im ersten Kapitel von A DEADLY SHADE OF GOLD das Telefonat zwischen McGee und Taggert ansehen. Auf zwei Seiten Dialog zeichnet J.D. ein genaues Psychogramm des alten Freundes, setzt den Plot, beschwört Vergangenheit und Beziehung herauf und legt die erste Schicht für die Atmosphäre, die den Roman durchzieht. Angesichts dieses Kunsthandwerks… Nein, angesichts dieser Kunst kann man nur in die Knie gehen vor einem Autor, der mit einem simples Telefonat dreidimensionale Figuren schafft und dabei noch den Suspense eröffnet.
Seine Stimme als Autor – der ganz bestimmte, unvergleichliche Erzählerton – kommt nicht aus der hard-boiled-Tradition des Genres. Viel mehr Gemeinsamkeiten hat sie mit Scott Fitzgerald oder John O’Hara, den MacDonald sehr bewunderte. Auch Graham Greene kommt einem bei der Lektüre manchmal in den Sinn. Er machte keine großen stilistische Experimente, sondern konzentrierte sich auf den Aufbau seiner Geschichten und auf die Erzählerstimme. Deshalb bleibt mehr noch als die vielen hinreißenden Charaktere, originellen Szenen und teuflischen Plots eben diese besondere Stimme in der Erinnerung. MacDonalds unnachahmlicher Ton gab den Takt an für seine höllischen Orchester. MacDonald ist ein komplexer Autor, der alle Aspekte der amerikanischen Gesellschaft aus einer kritischen, wertkonservativen Position heraus kommentierte und oft Weitsicht bewies. In der amerikanischen Kriminalliteratur steht er als Original völlig einzigartig da. Mit Travis McGee gelang ihm eine der komplexesten Serienfiguren des gesamten Genres.

Der ehemalige Harvard-Business-Schüler begann mit Ende vierzig seinen Magnum Opus; die Travis McGee-Serie. Er war eher konservativ, besser gesagt, ein Libertärer. Aber er beäugte den Markt genauso skeptisch wie den Staat. Als Bestseller-Autor war er spätestens Mitte der 1950er etabliert. Sein bis dahin ambitioniertester Roman, THE DAMNED, hatte 2 Millionen Exemplare verkauft. Bis 1963 weigerte sich John D. eine Serie zu schreiben. Aber dann überwarf sich sein Lektor bei Fawcett mit dem politischen Blindgänger Richard S.Prather. 22851732Dessen Shell Scott-Serie gehörte zu den erfolgreichsten Produkten des Verlages, aber der McCarthyismus von Prather störte Lektor Knox Burger zunehmend und er strich den verballhornten Namen eines demokratischen Politikers, den Prather einem Antagonisten gegeben hatte, aus dem Manuskript. Prather war sauer und bekam gleichzeitig ein Angebot für seine Erfolgsserie von Fawcetts Konkurrenten Pocket Books. Burger war in Schwierigkeiten. Die Verlagsleitung war sauer, dass er die Milchkuh auf eine andere Weide laufen ließ. Also wandte er sich an J.D., mit dem er inzwischen befreundet war (und der ihm als Autor von Dell zu Fawcett gefolgt war). Um die Sache kurz zu machen: J.D. schrieb erstmal drei Romane über einen Dallas McGee, bevor er meinte, er käme mit einer Serie zurecht. Wegen der Ermordung Kennedys in Dallas (so hat doch alles etwas gutes) wurde dann Dallas zu Travis.

Mit Travis McGee schüttelte JD endgültig den Trenchcoat vom amerikanischen Noir-Helden ab. McGee ist kein Privatdetektiv, also kein idealisierte Kleinunternehmer. Er lebt auf einem Hausboot in Fort Lauderdale und arbeitet nur, wenn er muss oder es sich lohnt. Denn er ist der Meinung, erst das Vergnügen und dann die Arbeit.

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McGee löst lieber Bikini-Oberteile als knifflige Fälle, feiert, trinkt und angelt gern. Ein Hedonist, der mit den Jugendlichen der Sechziger mehr gemein hat als mit der Generation ihrer Eltern (zu der JD gehörte). Im Gegensatz zu Marlowe und Spade und Hammer behandelte er Frauen mit Respekt und Gleichberechtigung. Er ist ein guter Freund und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ein Leben als Angestellten-Lemure kommt ihm schon gar nicht in den Sinn. Dazu liebt er die Freiheit zu sehr. Aber er weiß natürlich, dass Freiheit in der kapitalistischen Gesellschaft ein teures Gut ist. Deshalb macht er „Bergungsjobs“(„salvage consultant”). Er kümmert sich also um Geld oder Vermögenswerte, die jemanden legal, aber nicht legitim, geraubt wurden oder die durch sonstige kriminelle Machenschaften den Besitzer gewechselt haben. Für die Hälfte holt ihnen McGee das Geraubte zurück. Davon legt er dann was für später zurück und von dem anderen Teil lebt er in den Tag hinein, bis es mal wieder eng wird und er den nächsten Job erledigt. Natürlich ist sein Kodex nicht immer mit dem Gesetz deckungsgleich. Da empfindet er ähnlich wie seine Vorläufer. Nur scheint er intelligenter, empfindsamer und hat mehr Interessen. Wenn es hart auf hart geht, weiß er natürlich zu kämpfen, muss aber oft verdammt viel einstecken. Und oft genug hat es Travis mit Burschen zu tun, die mit Dämonen aus der Hölle verwandt sind.Image.ashx

Das Böse in seiner mythischen und irrationalen Vorstellung existierte für John D.MacDonald. Es manifestierte sich in vielen seiner Romane in dämonisch skrupellosen Figuren, die nicht nur von Macht- Geld- oder Sexgier angetrieben werden, sondern einen Teil ihrer Motivation und Kraft aus der Hölle direkt beziehen. Nick Cady aus den EXECUTIONERS oder Junior Allen, Boo Waxwell und Ans Terry – um nur einige Kontrahenten von McGee zu nennen – sind das personifizierte Böse, dem man- laut MacDonald – mit soziologischen oder psychologischen Erklärungsmodellen nur unzureichend beikommen kann. Diesem anthropologischen Pessimismus bringt er in seinem vorletzten Travis McGee-Roman auf den Punkt, wenn er seinen Helden und Sprachrohr mit dem Freund Meyer streiten lässt: “Du gehst davon aus, dass jeder erst einmal unschuldig und rein ist, und dann passiert irgendwas, das ihn verändert. Du gehst von dem Konzept aus, dass die Menschen erst einmal gut sind, und was wir als Gesellschaft dann verstehen sollen, sind die Gründe, durch die sie verdorben werden. Verstehen und versuchen zu heilen. Ich dagegen glaube, dass es so etwas gibt wie das Böse, dass das auch ohne Grund existiert. Das schwarze Herz, dem es Spaß macht, schwarz zu sein…”(Zimtbraune Haut, München 1983, Seite 139) 07_25_2010_05_47_27PM

Bis zum 17, Band, THE EMPTY COPPER SEA, waren die Romane alle “stand alones”, die man in beliebiger Reihenfolge lesen konnte. Ab diesem Roman intensivierte MacDonald das serielle Erzählen. Jetzt nahm jeder Roman auf den vorhergehenden Bezug oder baute darauf auf. Bei aller erzählerischen Kraft, ließ aber meines Erachtens von nun an MacDonalds Fähigkeit zum plotten deutlich nach.

comfort23Seit einiger Zeit geistert das Gerücht herum, dass diCaprio McGee in einer Verfilmung von THE BEEP BLUE GOOD-BYE spielen wird. Bisher gab es eine ganz akzeptable Verfilmung von DARKER THAN AMBER und ein TV-Movie nach THE EMPTY COPPER SEA. Beide, sonst von mir geschätzte, Schauspieler konnten mich nicht als Travis überzeugen. Der junge Robert Redford oder Ray Liotta kämen meinen Vorstellungen näher.
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John Dann MacDonald wurde am 24 Juli 1916 in Sharon, Pennsylvania geboren. Als er 12 Jahre alt war, zog seine Familie nach Utica, New York. Kurz darauf wurde er schwer krank und musste ein ganzes Jahr lang das Bett hüten. In dieser Zeit las er wie ein Besessener, um vor Krankheit und Monotonie zu fliehen. 1934 schrieb er sich an der Wharton School of Finance an der Universität von Pennsylvania ein. Nach dem Studium ging er nach New York und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Natürlich arbeitete er auch als Tellerwäscher – das darf wohl in keiner amerikanischen Erfolgsbiographie fehlen! Später landete er an der Universität von Syracus, wo er Betriebswirtschaft studierte und mit Diplom abschloss. MacDonald gehört zu den ganz wenigen Schriftstellern, die eine Ausbildung in Ökonomie machten. Ein Aspekt, der sich in seinem Werk niederschlagen sollte. An der Universität lernte er die Kunststudentin Dorothy Prentiss kennen, die er 1937 heiratete. Anschließend zogen beide nach Massachusetts, wo MacDonald an der wirtschaftlichen Fakultät von Harvard seine Studien vertiefte. 1939 beendete er endgültig seine Studien; in diesem Jahr wurde auch sein Kind, Maynard John, geboren. Nach wenig befriedigenden Jobs in der Wirtschaft trat er 1940 in die Armee ein. Im Juni 1943 wurde er nach Neu-Delhi ins Hauptquartier für den hinterindischen Kriegsschauplatz als Stabsoffizier versetzt. Dort wurde er auch dem Office of Strategic Service(OSS), dem direkten Vorläufer der CIA, zugeteilt. In dieser Funktion war er direkt an den Guerilla-Aktionen der Amerikaner gegen die Japaner in China und Hinterindien beteiligt und an der Planung der Burma-Offensive, die die Kriegswende zu Gunsten der Amerikaner mit einleitete, involviert. Wegen der strengen Geheimhaltungsvorschriften des OSS unterlag selbst seine Post an die Familie strengen Zensurmaßnahmen. Deshalb schrieb MacDonald für seine Frau einmal eine 2100 Worte lange Kurzgeschichte über sein Leben in Neu Delhi, statt eines Briefes. Ohne MacDonald zu fragen, verkaufte Dorothy diese Impression an das Magazin “Story” für 25 Dollar.john d. macdonald 60s Die Story wurde im Sommer 1946 unter dem Titel INTERLUDE IN INDIA veröffentlicht und gehört zu den gesuchtesten Raritäten der MacDonald-Fans. Im September 1945 kehrte John nach New Jersey, wo seine Familie inzwischen lebte, zurück, und Dorothy überreichte ihrem verblüfften Mann den Scheck des “Story-Magazins”. Erstmals dachte er darüber ernsthaft nach Schriftsteller zu werden. Zumindest schien ihm das eine gute Gelegenheit um sich langsam in die Nachkriegsgesellschaft wieder einzuleben. “In den nächsten vier Monaten schrieb ich etwa 800 000 unverkäufliche Worte. Es war die klassische learning-by-doing-Methode. Hätte ich damit begonnen, einen Roman pro Jahr zu schreiben, hätte es zehn Jahre gedauert bis ich das Handwerk gelernt hätte. So saß ich vier Monate wöchentlich 80 Stunden an der Schreibmaschine, schrieb und lernte. Ungefähr 25 bis 30 Kurzgeschichten von mir zirkulierten ständig zwischen den Magazinen.”mystery_book_1949sum Fünf Monate später verkaufte er seine zweite Geschichte für 40 Dollar an das Pulp-Magazin “Detective Tales”. Anfang 1947 hatte er bereits 23 Geschichten an alle möglichen Magazine verkauft und konnte seine Familie mit der Schriftstellerei ernähren. In den nächsten Jahren war MacDonalds Ausstoß an Kurzgeschichten geradezu atemberaubend: Er verkaufte 1947 mindestens 35, 1948 etwa 50 und 1949 sogar 73 Geschichten. 1950, das Jahr, in dem er Romane zu schreiben begann, veröffentlichte er 52 Short Stories. Er schrieb alle Arten von Geschichten: Sportstories, Abenteuergeschichten, Western, Science Fiction, Fantasy und Kriminalgeschichten – immer mehr Kriminalgeschichten, bis in die frühen 50er Jahre über 160 Crime Stories. Er veröffentlichte so viele Geschichten, dass manchmal mehrere im selben Magazin erschienen. In der 1949er Juli-Ausgabe von “Fifteen Sports Stories” etwa, erschienen vier gleichzeitig. Deshalb musste er sich eine Reihe von Pseudonymen zulegen; so schrieb er als John Wade Farrell, Robert Henry, John Lane, Scott O’Hara, Peter Reed und Henry Rieser. Trotzdem verkaufte er nichtmal alle Geschichten. Später erzählte er, wie er einen Nachmittag damit verbrachte seinem elfjährigen Sohn zuzuschauen, wie dieser zwei Millionen unverkaufte Worte verbrannte. JDM-Brass1951 zogen die MacDonalds in den Bundesstaat, dessen genauester Chronist er werden sollte: nach Florida. Zuvor hatte er aber mit THE BRASS CUPCAKE bei “Gold Medal Books” seinen ersten Roman, eine Taschenbuchoriginalausgabe, veröffentlicht. Anfang der 50er Jahre war das große Sterben der Pulp-Magazine nicht mehr zu übersehen. Neue Medien, wie Fernsehen und Taschenbuch, verdrängten die jahrzehntelang für die Literaturgenres eine innovative Rolle spielenden Pulps in der Gunst der Leserschaft. Keine Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane in großformatigen Magazinen waren jetzt noch gefragt, sondern schnelle, spannende Romane in billigen, kleinen Taschenbüchern, die sich auf den täglichen Fahrten mit Bus oder Bahn aus den Vororten in die Stadt zügig runterlesen ließen. Der Ökonom MacDonald erkannte die Trendwende ziemlich rasch und warf sich auf das neue Medium “Taschenbuchoriginalroman”. Von den 42 Romanen zwischen 1950 und 1964, die MacDonald vor dem ersten Serienroman um Travis McGee geschrieben hat, gelten heute viele als Klassiker. Wie kaum einem anderen amerikanischen Autor gelingt ihm ein facettenreiches Bild der US-Gesellschaft im Umbruch. Auf dem Höhepunkt der MacDonald-Renaissance Anfang der 1990er, waren in den USA wieder alle Non-MacGees lieferbar.
Bis auf zwei Ausnahmen, deren Wiederveröffentlichung er noch vor seinem Tod ablehnte: die James M.Cain-Imitation WEEP FOR ME aus dem Jahre 1951 (die von verschiedenen Fans hochgeschätzt wird) und die Novellisierung eines Judy Garland-Films.

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Da MacDonalds Romane meistens als Taschenbuchoriginalausgaben erschienen, wie gleichzeitig die Bücher von Jim Thompson, David Goodis oder Charles Williams, wurden sie bei Erscheinen von der Kritik wenig beachtet. Lediglich Anthony Boucher, der große Mann der amerikanischen Kriminalliteraturkritik, besprach und lobte seine Bücher regelmäßig. Er verglich ihn sogar mit Simenon, was den großen Ausstoß (in den 5oer Jahren durchschnittlich vier Romane im Jahr) und das gleichmäßig hohe Niveau angeht. Im Laufe der Jahre wurde MacDonald mit mehreren literarischen Ehrungen bedacht: 1955 erhielt seine Story THE BEAR TRAP den “Benjamin-Franklin-Preis” der Universität von Illinois als beste Short Story des Jahres. Der Roman A KEY TO THE SUITE wurde 1964 in Frankreich mit dem “Grand Prix de la Littérature Policière” ausgezeichnet. Sein Roman THE LAST ONE LEFT wurde 1967 für den “Edgar-Allan-Poe-Preis” nominiert; mal wieder typisch für die amerikanische Kriminalschriftstellervereinigung und ihrer Ostküstenklüngelpolitik, dass MacDonald ebenso wenig wie Mickey Spillane, E.S.Gardner, Rex Stout, Ed McBain, Chester Himes, Gavin Lyall, Len Deighton, Desmond Bagley und, und, und, einen “Edgar” für den besten Roman des Jahres verliehen bekamen. 1972 gabenihm die Mystery Writers of America, wie in solch peinlichen Situationen üblich, dann aber noch ihren “Grand Master Award”.

Er starb am 28. Dezember 1986 in Milwaukee.

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P.S.: Die Berufsbezeichnung seines Protagonisten in Jörg Fausers DAS SCHLANGENMAUL war übrigens eine bewusste Reminiszenz an J.D.s großen Helden.

Auch wenn Rod nicht wirklich McGee ist, der Film ist ein kleines Juwel.

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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: DIE LOVEJOY-SERIE VON JONATHAN GASH by Martin Compart

Als 1977 mit THE JUDAS PAIR (LOVEJOYS DUELL) der erste Lovejoy-Roman von Jonathan Gash in England veröffentlicht wurde, ahnten sicherlich die wenigsten Kritiker und Leser, daß hier eine der erfolgreichsten Serienfiguren der Pop-Kultur sein Debut gab. 41msDJA-RPL._SL500_SS500_Zwar konnte man sofort erkennen, welche Potenz der liebenswerte Mistkerl hat, aber würde der bisher unbekannte Autor Jonathan Gash auch das Stehvermögen haben, auf diesem hohen Niveau regelmäßig weitere Abenteuer vorzulegen? Zu unser aller Glück gelang das Mr.Gash bis 2008 mit 23 Fortsetzungen (wobei nicht verschwiegen werden soll, daß auch die Lovejoy-Serie Höhen und Tiefen mit besseren und schlechteren Romanen durchläuft). Das Lovejoys erstes Auftreten gleich den John Creasey Award der Crime Writers Association als bester Erstling des Jahres erhielt, war nur noch eine Formsache. In den nächsten Jahren erschienen in immer höheren Auflagen weitere Romane und machten aus dem Antiquitätenhändler einen der populärsten fiktionalen Helden der angelsächsischen Literatur. Vielleicht nicht in derselben Liga wie Sherlock Holmes, James Bond, Phil Marlowe, Tarzan oder Flashman – aber sein Ruhm wächst ja noch. Nachdem er die Länder des Commonwealth erobert hat, ist sein Erfolg in den die USA, wo die TV-Serie äußerst erfolgreich im Kabel ausgestrahlt wurde und die Romane im renommierten Verlag Mysterious Press erscheinen, eher begrenzt. Die bisherigen Versuche, die Serie auch bei uns zu etablieren, sind leider gescheitert: Scherz veröffentlichte den ersten Lovejoy in der damaligen Krimi-Reihe (ohne weitere folgen zu lassen), und ich die ersten drei Romane in der DuMont-Noir-Reihe. Vielleicht ist die Mischung aus hartem Thriller, höherem Bildungsniveau und Zynismus nichts für das deutsche Publikum, das sich eher mit flachen Regionalkrimis oder tumben Serienkiller-Blutorgien erfreut. Gash ist eher etwas für Leser mit einem gewissen Anspruch (und die lesen wahrscheinlich sowieso nur die Originale).

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Lovejoy war eine neue Form des Antihelden, der einiges den angry young men der 50er Jahre verdankt. Ein Frauenheld, immer etwas schmuddlig, skrupellos und tierlieb. Ein Ich-Erzähler, der den Leser von der ersten Zeile an in den Bann schlägt und nicht mehr los lässt. Auch wenn die Plots des Autors Gash manchmal ziemlich schräg sind und gelegentlich auch schon mal weniger originell, legt man die Romane befriedigt aus der Hand. Denn letztlich liest man Lovejoys haarsträubende Abenteuer vor allem wegen des Tons und der Stimme des Ich-Erzählers, der einen mit Witz und Sarkasmus durch die Seiten jagt und dem es trotzdem gelingt atemlose Thrillerspannung aufzubauen. Es gibt zwar immer deduktive Elemente in den Romanen, aber sie sind doch eher dem Thriller als dem Detektivroman zuzuordnen. Gash ist großartig, wenn er Lovejoy durch physische Ausnahmesituationen jagt.

Jonathan Gash ist ein Pseudonym des britischen Autors John Grant (ein weiteres ist “Graham Gaunt”, unter dem er 1981 den Thriller THE INCOMER veröffentlichte). Er wurde am 30.September 1933 in Bolton, Lancashire geboren. Er studierte Medizin in London und absolvierte seinen Wehrdienst im Sanitätscorps, das er im Rang eines Majors verließ. Als Pathologe arbeitete er u.a. von 1962 bis 1965 in Hannover und Berlin. Anschließend führte ihn ein Lehrauftrag an die Universität von Hongkong. Er war von 1970 bis 1988 Mitglied der Royal Society of Medicine und war abt 1988 privater Spezialist für Infektions- und Tropenkrankheiten. 1955 heiratete er Pamela Richard, mit der er drei Töchter hat, die ihn bisher zum vierfachen Großvater machten. Seinen ersten schriftstellerischen Erfolg feierte er am Theater: 1976 wurde in Chester, Cheshire sein Stück TERMINUS aufgeführt. Ein Jahr später betrat sein Held Lovejoy die Bühne in seinem ersten Roman: LOVEJOYS DUELL (THE JUDAS PAIR).
205 Nach seiner Rückkehr aus Hongkong hatte Gash mit dem ersten Lovejoy-Roman begonnen. “Ich dachte an eines dieser Phantome, die durch die Literatur und Kunstwelt geistern: Shakespeares verloren gegangenes Stück oder die verschwundenen Tagebücher von Dr.Johnson. Und ich dachte an diese Antiquitätenjägerlegenden wie der zufällig auf einem Dachboden entdeckte Rembrandt. Das Judas-Paar ist so ein Mythos. Man weiß, dass Durs zwölf Paare Duellpistolen angefertigt hat, aber kein dreizehntes.” Gash wählte bewusst ein Pseudonym, da Ärzte damals keine Werbung für sich machen durften und auch die Veröffentlichung eines Buches als unerlaubter Wettbewerbsvorteil zu seinem Ausschluss aus der Ärztekammer hätte führen können. Der Slangausdruck “gash”, der unter den Antiquitätenhändlern des Eastends viel benutzt wurde, entsprang ursprünglich der Roma-Sprache des 18.Jahrhunderts und bedeutet soviel wie “absolut wertlos”.

Gashs Interesse für Antiquitäten entwickelte sich in jungen Jahren. Als Medizinstudent arbeitete er für einen Antiquitätenhändler in der Cutler Street, um sein Studium zu finanzieren. Hier traf er viele der merkwürdigen Typen, die später verschlüsselt als Charaktere in den Romanen wieder auftauchten. “In den 5oer Jahren war das Business in den Händen einiger wirklich harter Jungs. Ich nenne keine Namen, aber einige sind heute noch bekannt und berüchtigt. Wenn man für die arbeitete, musste man schnell lernen und durfte keinen Fehler machen. Sonst bekam man Ärger, schlimmen, lebensgefährlichen Ärger.” Einige der brutalsten Szenen in den Büchern sind nicht der Phantasie des Autors entsprungen, sondern der Realität entlehnt. Er begann sich auch dafür zu interessieren, wie Kunstwerke hergestellt werden, welche handwerklichen Voraussetzungen nötig sind. Er nahm Malunterricht bei Tom Keating, und er entwickelte ein Talent zum Aufspüren von Antiquitäten. Sein Doppelleben faszinierte ihn: “In der Medizin muss man einfach stur gewisse Dinge lernen. Weiß ist weiß und schwarz ist schwarz. Es gibt Gesetze, auf die man sich verlassen kann. Im Antiquitätengeschäft gilt das nur teilweise. Vieles hat mit Instinkt zu tun. Es gibt Leute, die brauchen einen Gegenstand nur anzusehen und wissen, ob er echt ist. Die machen keine Untersuchungen oder Spektralanalysen. Die wahren Könige der Szene. Ich wurde oft mit einem Stück zu so einem Kerl, Divvie genannt, geschickt. Manchmal sah er nur kurz aus den Augenwinkeln hin und schüttelte den Kopf. Das war’s dann. Er fasste es nichtmal an. Bis zu einem gewissen Grad verfüge ich ebenfalls über diese Fähigkeit. Aber sie läßt mit dem Alter nach.” gashrag

Jonathan Gash nimmt seine Lovejoy-Romane nicht besonders ernst. Das heißt nicht, dass er sich nicht sehr viel Mühe mit ihnen gibt. Aber das zunehmende Interesse durch Akademiker an der Figur verwundert ihn. “Es ist reine Unterhaltung. Aber heutzutage kann man ja schon eine Doktorarbeit schreiben, wenn man herausfindet, wo G.K.Chesterton seinen Tabak gekauft hat.” Da fröhnt ein großartiger englischer Autor dem typisch britischen understatement. Schließlich verlangt es einem Schriftsteller ein hohes Maß an Können ab, sich in eine Figur wie Lovejoy konsequent über hunderte von Seiten zu versetzen und die Welt durch seine Augen zu betrachten, den oft kunstvollen Handlungsaufbau gar nicht berücksichtigt. Gash erreicht, was nur den wirklich großen Autoren des Genres gelingt: eine völlig individuelle, unverwechselbare Figur erzählen zu lassen, die in ihrem Kosmos absolut glaubwürdig ist. Ohne Titel und Autor zu kennen, wüsste der Gash-Leser nach wenigen Sätzen, dass er einen Lovejoy-Roman vor sich hat.

Gash ist ein instinktiver Schriftsteller: “Ich plane nichts, mache keine Outline. Ich setze mich vor ein leeres Blatt Papier und weiß nicht, was dabei rauskommt”, sagt er. “Erst beim Schreiben überlege ich, was als nächstes passieren wird.” Er schreibt seine Bücher mit dem Füllfederhalter. Dann korrigiert er das Manuskript zuerst mit roter Tinte und bei einem zweiten Durchgang mit grüner. “Am Ende sieht es aus wie der Plan der Londoner U-Bahn.” Anschließend geht das Manuskript zum Abtippen. “Für meine medizinische Arbeit benutze ich einen Computer, aber einen Roman könnte ich nie darauf schreiben.”

In seiner spärlichen Freizeit ist er ein leidenschaftlicher Leser, der sich für alles interessiert. Auch Kriminalliteratur liest er gerne, nur keine police procedural mehr. “Wahrscheinlich habe ich zulange als Pathologe gearbeitet. Ich kann diese harten Sachen von Wambaugh und seinen Epigonen nicht mehr lesen. Ich liebe William Goldman und Elmore Leonard, und ich mag Colin Dexter und Ruth Rendell. Ich mag Trevanian sehr und Adam Halls Quiller-Romane. Und ich bewundere Mario Puzo, Morris West und James Hadley Chase. Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum Allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.” Der Schotte Philip Maitland Hubbard (1910-1980) konnte ähnlich schweißtreibende Menschenjagden erzählen wie Gash.

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Der Bestsellererfolg in der englischsprachigen Welt führte 1987 zu einer langlebigen Fernsehserie der BBC, in der Ian McShane bis 1994 in 90 Folgen einen gesofteten Lovejoy spielte. Selbst bei den Wiederholungen lockt die Serie in Großbritannien bis zu vierzehn Millionen Zuschauer an und ist damit eine der erfolgreichsten englischen TV-Serien. Es sagt viel über die deutsche Fernsehlandschaft mit ihren andauernden Wiederholungen der immer selben Serien aus, dass kein Sender diesen potentiellen Hit auf deutsche Bildschirme gebracht hat. “Anfangs hat mir das nicht gefallen. Sie haben einiges verändert, aber das Fernsehen gehorcht anderen dramaturgischen Prinzipien. Außerdem sind sie erfolgreich. Man muss sich damit abfinden, dass eine TV-Adaption eben eine Interpretation der Bücher ist. McShane ist nicht schlecht. Der Charakter von Lovejoy ist da, auch wenn es eine harmlosere TV-Version ist.” Gerade der Erfolg in den USA führte dazu, dass Lovejoys Charakter in der TV-Serie immer mehr verwässert wurde. Während er in den Büchern immer am Rande des völligen Bankrotts agiert, war der Volvo-Fahrer der Fernsehserie nie ohne Strom und Gas und nahm als anerkannter Weinkenner an den Polospielen der Windsor Castle-Elite teil. “Ich mag die Serie, weil sie das wunderschöne ländliche England zeigt. Ich mochte sie aus mehreren Gründen, aber keiner davon hat etwas mit den Originalgeschichten zu tun. Die Produzenten haben mich x-mal gebeten Drehbücher zu schreiben. Aber das ist eine Horrorvorstellung. Damit will ich nichts zu tun haben.” Trotz aller berechtigter Kritik: Für mich wird Lovejoy immer das Gesicht von Ian McShane haben.

Merkwürdigerweise sind die meisten Fans des nicht gerade angenehmen Weiberhelden Lovejoy Frauen. Gashs Verlag hatte vor einigen Jahren eine Untersuchung gemacht. Demnach werden seine Bücher zu 63% von Frauen und zu 37% von Männern gekauft. “Ich dachte schon, ich bin ein Autor für Frauen. In der Woche nach der Veröffentlichung eines neuen Romans bekomme ich ungefähr fünfzig Briefe; sie sind immer von Frauen. Ich glaube, Frauen kriegen genau mit, dass Lovejoy kein dumpfer Macho ist, sondern ein großer Junge. Wie die meisten Kerle tief in ihrem Inneren. Frauen durchschauen uns: Sie wissen, wann wir bluffen und den starken Mann markieren. Immer wieder fragt man mich in Interviews nach Lovejoys Chauvinismus. Es ist ein beharrliches Missverständnis, das offensichtlich nicht auszurotten ist. Er ist kein Chauvi, er ist das ganze Gegenteil davon. Und es sind immer Männer, die damit anfangen.”
Seit einigen Jahren schreibt Gash auch noch historische Romane und eine weitere Thriller-Serie um die Protagonistin Dr.Clare Burtonall,

DIE LOVEJOY-ROMANE:

1. LOVEJOYS DUELL (THE JUDAS PAIR), 1977
2. LOVEJOYS GOLD (GOLD FROM GEMINI), 1978.
3. LOVEJOYS GRAL (THE GRAIL TREE), 1979.
4. SPEND GAME, 1980.
5. THE VATICAN RIP, 1981.
6. FIREFLY GADROON, 1982.
7. THE SLEEPERS OF EDEN, 1983.
8. THE GONDOLA SCAM, 1983.
9. PEARLHANGER, 1985.
10. THE TARTAN RINGERS, 1986.
11. MOONSPENDER, 1986.
12. JADE WOMAN, 1988.
13. THE VERY LAST GAMBADO, 1989.
14. THE GREAT CALIFORNIA GAME, 1990.
15. THE LIES OF FAIR LADIES, 1992.
16. PAID AND LOVIN EYES, 1993.
17. THE SIN WITHIN HER SMILE, 1993.
18. THE GRACE IN OLDER WOMEN, 1995.
19 .POSSESSIONS OF A LADY, 1996.
20. THE RICH AND THE PROFANE, 1999.
21. A RAG, A BONE AND HANK OF HAIR, 1999
22. EVERY LAST CENT, 2001.
23. TEN WORD GAME, 2003.
24, FACES IN THE POOL, 2008.

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SPYTHRILLER/TV: GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE by Martin Compart

Zwar gab es bereits in den 1950er Jahren ein paar US-Serien, die Geheimagenten und die Welt der Spionage (etwa FORREIGN AFFAIRS) thematisierten, aber erst in den 1960ern, im Windschatten von 007, wurde der Geheimagent auch zur TV-Ikone. Und wie es sich für Spythriller gehört, machten die Briten den Anfang.

Ausgedacht hatte sich die Serie DANGER MAN der Australier Ralph Smart. Als Regisseur und Drehbuchautor hatte er in den 50er Jahren für die Produktionsgesellschaft von Lew Grade (der später auch für Hits wie THE SAINT, MAN IN A SUITCASE, PRISONER oder FRIENDLY PERSUADERS verantwortlich zeichnete) bei Serien wie ADVENTURES OF WILLIAM TELL, ROBIN HOOD oder THE INVISIBLE MAN mitgearbeitet. Ende der 1950er Jahre entwickelten sich Agentenromane zu einem der erfolgreichsten literarischen Genres. Ian Flemings beginnender Welterfolg sorgte für ein starkes Interesse am Spythriller. Die Geheimagenten lösten die harten Privatdetekltive in der Gunst der Krimileser ab. Smart und andere Produzenten erkannten dies. Aber noch bevor etwa MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE das Fernsehen eroberte oder JAMES BOND weltweit über die Leinwände raste, entwickelte Smart das Konzept für die erste Agentenserie modernen Stils für das Fernsehen. Ganz klar war er von Ian Flemings Bond-Romanen beeinflußt, als er Drake anlegte. Auch Drake reiste zu den exotischsten Orten, um im Auftrag des Westens für Ordnung zu sorgen. Lew Grade war sofort von der Serie angetan, mit der er den Sprung in den amerikanischen Prime Time-Markt schaffen wollte.

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McGoohan sollte für den Erfolg von DANGER MAN ähnlich wichtig werden wie Sean Connery für Bond (die deutsche Stimme ist die von Heinz Drache). Als Smart die Serie vorbereitete, hatte er keinen bestimmten Schauspieler im Auge. Erst als er McGoohan, der 1959 als bester Fernsehschauspieler und bester Bühnenschauspieler ausgezeichnet worden war, in dem TV-Film THE BIG KNIFE gesehen hatte, wußte er, wen er als John Drake haben wollte. McGoohan akzeptiert Grades und Smarts Angebot nur mit Vorbehalt: Die Drehbücher, die Drake im Stile Bonds als schießfreudigen Frauenhelden zeigten, mußten geändert werden. Er wollte keine unnötige Gewalt und vor allem keine “unmoralischen” Frauengeschichten für Drake. “Ich versuchte Drake so geheimnisvoll wie möglich zu machen. In der Hoffnung, daß kein Zuschauer sicher war, was Drake in der nächsten Sequenz anstellen würde. Seine gefährlichste Waffe sollte keine Pistole sondern seine Intelligenz sein”, erinnerte sich der Schauspieler. Aber natürlich konnte keine Action-Serie ohne physische Aktion auskommen. Aber statt unentwegt in Schießereien ließ man Drake so oft wie möglich in Prügeleien geraten. Heraus kamen dabei einige der wildesten Schlägereien der Fernsehgeschichte. Nicht selten flog der Gegner meterweit durch den Raum, wenn er Drakes Dampfhammer auf die Nase geknallt bekam. Trotz aller Unwahrscheinlichkeiten achtete man darauf, daß Drake nicht zum Superhelden wurde.

Auch die Geschichten waren relativ nahe an den politischen Gegebenheiten der Zeit: Drake infiltrierte ein IRA-Kommando, sicherte Öl-Interessen am Golf, beschützte Überläufer, ging gegen indische Giftgasfabriken vor oder destabilisierte Diktaturen, die dem Westen unfreundlich gesonnen waren. Seine Aufträge führten ihn um die ganze Welt: Ferner Osten, Paris, Afrika, Kashmir – nur exotisch mußte es sein. Gedreht wurde aber, abgesehen von Außenaufnahmen in Schottland oder englischen Grafschaften, in den Elstree-Studios. Vier Tage dauerte es, um eine Folge abzudrehen. Ein Second Unit-Team unter Regisseur John Schlesinger sorgte für die Außenaufnahmen und für Stock Shots von den exotischen Handlungsorten. Für die zweite Folge, VIEW FROM THE VILLA, wurden die Außenaufnahmen in Portmeirion gedreht, das hier als italienischer Handlungsort diente und als Village in NUMMER.6 (PRISONER) unsterblich wurde!

Am 11.September 1960 strahlte der kommerzielle Sender ITV die erste Folge aus. DANGER MAN wurde schnell ein Riesenerfolg im britischen Fernsehen, und Lew Grade konnte die Serie an das US-Network CBS verkaufen. Im Sommer 1961 ersetzte DANGER MAN auf CBS Steve McQueens Westernserie WANTED: DEAD OR ALIVE. Aber dieser Sommerersatz wurde von den amerikanischen Zuschauern kaum wahr genommen. Gerade war in England die 2.Season produziert worden, und Lew Grade, enttäuscht über die schlechte Resonanz in den USA, ließ DANGER MAN stoppen. Inzwischen waren aber die Auslandsverkäufe in Europa so gut angelaufen, daß man über eine Fortsetzung der Serie nochmals nachdachte. Bevor die Dreharbeiten aber wieder aufgenommen wurden, sollte einiges verändert werden: Künftig sollten die einzelnen Folgen doppelte Länge haben. Außerdem arbeitete Drake nicht mehr für die NATO, sondern für MI9, eine fiktive Abteilung des britischen Geheimdienstes. Die längeren Folgen erlaubten komplexere Geschichten und tiefere Charakterisierungen. Zwei Seasons wurden in dem neuen Format produziert, und noch heute geraten die Fans ins Schwärmen, wenn sie an diese Episoden denken. Leider hat man sie bei uns nie komplett ausgestrahlt. Die neue Serie begann am 13.Oktober 1964 und brachte es auf 45 Folgen. Es folgte noch der legendäre Zweiteiler KOROSHI, der in Farbe gedreht wurde und verschiedentlich als 90-Minüter gezeigt wurde. Aber McGoohan hatte, trotz des relativen Erfolges der neuen Serie in den USA, genug von DRAKE und besuchte Lew Grade mit dem Konzept zur späteren Kultserie PRISONER, die auf der Grundidee des Spionaromanautors und Drake-Storyeditors George Markstein basierte.

Der von der Serie inspirierte Song SECRET AGENT MAN von Phil Sloan und Steve Bass, gesungen von Johnny Rivers, schaffte es hoch in die Hit-Paraden zu kommen.

Consul-0802 Leslie Danger Man Hell for Tomorrow[1]Unter dem Namen Ralph Smart veröffentlichte der deutsche Signum Verlag einen John Drake-Roman, in dem Drake dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan ist und nichts mit der Serie zu tun hat: Ralph Smart: Mord auf Bestellung, Signum Krimi 105, 1962.

Weitere Romane:
W.Howard Baker: Departure Deferred, Consul Books 1965. Storm Over Rockall, Consul Books 1965.
Peter Leslie: Hell for Tomorrow, Consul Books 1965.
W.A.Ballinger: Exterminator, Consul Books 1966.
Wilfred McNeilly: No Way Out, Consul Books 1966.

Heftromane:
GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE: Marken Verlag, Köln. Nr.1, 1963 – Nr.390, 1976.

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Comics:
JOHN DRAKE: Bildschirm Vlg. Nr.1-2,1967.
DANGER MAN: Four Color Comic 1231, 1961.
SECRET AGENT: Gold Key, Nr.1-2, 1966, 1968.

Literatur:
Alain Carrazé & Héléne Oswald: The Prisoner, W.H.Allen 1990.
Dave Rogers: The Prisoner & Danger Man, Boxtree 1989.
Matthew White & Jaffer Ali: The Official Prisoner Companion, Warner Books 1988.

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