Martin Compart


FLASHMAN-FAN ALAN FURST by Martin Compart
14. November 2014, 1:56 nachmittags
Filed under: FLASHMAN, John D.MacDonald, Spythriller | Schlagwörter: , , ,

Er begann als “junger Wilder” mit einer Sex&Drugs&Rock´n Roll-Trilogie (von der er heute nichts mehr wissen will, die aber in gewissen Kreisen Kultstatus genießt), bevor er sich mit SHADOW TRADE (deutsch in den 1980ern alle bei Ullstein) dem Polit-Thriller zuwandte. Heute gilt er als moderner Klassiker des Historischen Spionageromans.

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Whom do you consider your literary heroes?

I was raised on John D. MacDonald’s Travis McGee series. Something about this genre — hard-boiled-private-eye-with-heart-of-gold — never failed to take me away from whatever difficulties haunted my daily world to a wonderful land where I was no more than an enthralled spectator. The hero went through hell, but by the last paragraph the bad guy got what was coming to him. Well, good. As a kid I knew it wasn’t always so, but the justice fantasy was addictive.

Skipping ahead some years, my present-day favorite is Harry Flashman, a regimental officer involved in every campaign during the days of the 19th-century British Empire. These are historical novels, and their author, George MacDonald Fraser, with all the rogerings of royal ladies and chases through snow or desert, was a serious historian. I guess the link between Travis McGee and Harry Flashman is that like many readers, I am drawn to extravagant characters who live flamboyant lives — at least in novels.

http://www.nytimes.com/2014/06/01/books/review/alan-furst-by-the-book.html?_r=0



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: METZGER´S DOG von THOMAS PERRY by Martin Compart

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Chinese Gordon ist ein ehemaliger Contractor, der inzwischen mit seiner Freundin Margaret und seinem Kater Dr.Henry Metzger in Los Angeles lebt. Zusammen mit seinen Kumpels Kepler und Immelmann dreht er Dinger, die sich durch militärische Präzision auszeichnen. In seinen Kastenwagen hat er zur besonderen Verwendung eine Flugzeugkanone eingebaut, mit der lässt er es so richtig kachen, dass es Bruce Willis & Co grün vor Neid wird. Für einen mexikanischen Drogenhändler holt er für eine Million Dollar Kokain aus einer Forschungsabteilung der Universität (den Stoff hatte man dem Drogenhändler abgenommen und der Uni zur Verfügung gestellt). Bei dem Coup fallen ihm geheime Papiere der CIA in die Hände, die eine neue Strategie der psychologischen Kriegsführung in Lateinamerika dienen sollen und von der sich die Firma viel verspricht. Erstes Ziel ein Umsturz in Mexiko (der Roman ist von 1983, was aber für seine Zeitlosigkeit keine wirkliche Rolle spielt). Gordon erpresst die CIA und bekommt es mit einem alten Hasen zu tun, der selber an der Inkompetenz des eigenen Ladens verzweifeln könnte. Die Besprechungen der CIA-Analytiker gehören zum Komischsten, das Ross Thomas nie geschrieben hat. Es ist bezeichnend, daß Carl Hiaasen die Einführung zur letzten Neuauflage geschrieben hat. Denn Hiaasens schräger Humor hat einiges mit Perry gemeinsam.

Natürlich ist das kein Katzen-Krimi (obwohl jeder Fan der Spezies begeistert auf seine Kosten kommt).. Das Buch funktioniert auf mehreren Ebenen:

  • Als spannender Thriller mit überraschenden Wendungen.
  • Als satirische (wirklich?) Beschreibung der CIA.
  • Als Lehrbuch für Aufbau und Stil eines nahezu perfekten Thrillers.

4153z1g2yhL._SL500_SY300_[1]Es ist etwas unverständlich, dass Perry nicht einen ähnlichen Stellenwert genießt wie Elmore Leonard. Denn seine Romane verfügen über vergleichbar originelles Personal (auch wenn sie weniger eitel im Dialog sind), präzise Plots, die mit überraschenden Wendungen einhergehen (Perrys schlechteste Plots sind besser als Leonards schlechteste Plots) und ökonomische Erzählweise. In seinen Polit-Thrillern erinnert Perry häufig an Ross Thomas.

An einen Ross Thomas on dope.

 

Am erfolgreichsten sind bisher die sieben Bände seiner Serie um die indianische Escape-Expertin Jane Whitefield Seine Trilogie über den Killer Butchers Boy ist im Gespräch für eine TV-Serie (die beiden ersten Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt; aber seit längerer Zeit hat Thomas Perry, wie so viele großartige US-Autoren, keinen deutschen Verlag mehr). Auch in der besseren amerikanischen Sekundärliteratur sucht man seinen Namen meist vergeblich. Er scheint tatsächlich, trotz seines Erfolges, eines der bestgehütetsten Geheimnisse der US-Crime Fiction zu sein. Vielleicht liegt es aber auch darin begründet, dass er sich oft zwischen alle Stühle gesetzt hat: Er hat häufig den Polit-Thriller und Noir-Roman mit Comedy verbunden, was Kritiker dazu bewegte, den  unvermeidbaren Vergleich mit Donald Westlake heraus zu grölen. Dabei ist Perry ist seinen besten Werken so einzigartig und originell, daß man ihn vortrefflich als sein eigenes Genre bezeichnen darf.

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Perry stammt aus einer Lehrerfamilie. Zusammen mit einer Schwester und einem Bruder wuchs er in Tonawanda, Nex York, in der Nähe der Niagara-Fälle auf. „Ich verbrachte einige Zeit mit ziemlich harten Burschen, ohne selber einer zu sein. Aber ich lernte, die Dinge durch ihre Augen zu sehen. Ich bin zwischen Buffalo und Niagara Falls aufgewachsen. Das war immer Mafia-Gebiet. Als ich aufwuchs herrschte ein brutaler Krieg zwischen zwei Familien, der erst bei dem berühmten Treffen auf der Ranch in Apalachin 1957 beigelegt wurde. Als ich anfing über diese Leute zu schreiben, erinnerte ich mich an diese Geschichten aus meiner Jugend und recherchierte sie genauer.“

Er studierte Englisch in Cornell und machte an der Universität von Rochester seinen Abschluss. Dann arbeitete er als Fischer und in einigen anderen Jobs, die etwas mit dem richtigen Leben zu tun haben. Schließlich zog er nach Santa Barbara und ging an die Universität von Kalifornien um in der Verwaltung zu arbeiten. Dort traf er die Englisch-Dozentin Jo Anne Lee, die er 1980 heiratete.

In den 1980ern arbeitete er auch als Drehbuchautor und Producer für Serien wie SIMON & SIMON (für die sogar Ross Thomas zwei Episoden schrieb), 21 JUMP STREET und STAR TREK: THE NEXT GENERATION. Bei SIMON & SIMON war er auch als Co-Produzent tätig.

 

Geschrieben hat er seit der Kindheit, darunter auch ein paar unveröffentlichte Romane. „Ich bemühte mich vergeblich etwas zu schreiben, das nicht langweilig war.“ Bei seiner Dissertation über William Faulkner war Perry auf Chandler gestoßen, den Faulkner als einen seiner Lieblingsautoren bezeichnet hatte. „Ich las Chandler und entdeckte die Kriminalliteratur.“ Perry kannte das Genre kaum und liest auch heute nur wenige Thriller. Vielleicht war es gerade diese Unbedarftheit, die es ihm ermöglichte mit einem neuen Ton ins Genre einzusteigen. „Ich versuche immer wieder etwas anderes um die Sachen interessant zu machen.“ Hätte Perry von Anfang an auf eine Serie gesetzt, wäre er heute sicherlich noch erfolgreicher. Aber selbst für die Whitefield-Romane galt oder gilt, dass er der Serienheldin einen neuen Aspekt abgewinnen muss um ein weiteres Buch über sie zu schreiben. Das erklärt auch die zehnjährige Pause zwischen dem fünften und sechsten Roman.

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Sein Erstling, THE BUTCHER´S BOY, für den er den EDGAR bekam, schlug 1982 ein wie eine Bombe. Es war sofort erkennbar, dass sich eine neue, originelle Stimme im Thriller zu Wort meldete. Eine von Perrys Spezialitäten ist die multiple Erzählerperspektive, die er meisterhaft beherrscht. Obwohl er immer in der dritten Person erzählt, führt er den Leser in die nachvollziehbaren Gedankengänge der jeweiligen Figur, egal wie verrückt sie sind. Trotz dieser inneren Monologe ist sein Werk voller filmischer Action, was sicherlich seiner Arbeit als Drehbuchautor geschuldet ist. Diese Mischung, gepaart mit einer großen Portion Zynismus, machen sein Werk originell und einzigartig in der Kriminalliteratur. Was wahrscheinlich auch eine Erklärung dafür ist, dass es seit langem nicht mehr auf Deutsch veröffentlicht wird.

 

P.S.: Momentan arbeitet Dante Harperr (Edge of Tomorrow) an einem Drehbuch nach METZGER´S DOG.

 

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Ein Leipziger Autor stellt sich und sein Debüt vor by Martin Compart
2. September 2014, 6:13 vormittags
Filed under: Alexander Trabert, Crime Fiction, E-BOOKS, Krimis | Schlagwörter: , ,

Gelesen habe ich schon immer gerne und viel, erst historische Abenteuerromane und ab meinem fünfzehnten Lebensjahr Thriller und Krimis. Besonders angetan hatten es mir damals die Tatsachenromane und Thriller von Harry Thürk, deren Handlungsort Asien war.

Nach der Wende 1989/90 entdeckte ich dann die Bücher von Marc Olden, Elmore Leonard, Jack Higgins, Robert Daley, Mai Sjöwall/Per Wahlöö, Joseph Wambaugh, Olov Svedelid, Eugene Izzi und Ed McBain. Nachdem ich die Romane des „World Class Detroiters“ Elmore „Dutch“ Leonard und seines Kollegen Eugene Izzi aus Chicago gelesen hatte, erwachte in mir der Wunsch auch Geschichten, deren Protagonisten Gangster, Polizisten und gesellschaftliche Verlierer sind und in dem Erzählstil der beiden Autoren zu schreiben, ohne jedoch diese billig zu kopieren.

Doch lange Zeit tat sich in Punkto Schreiben nicht viel bei mir. Um die Jahrtausendwende begann ich einen Thriller, aber leider brachte ich damals nicht mehr als eine A 4-Seite zustande und das ist ja für einen Thriller ein bisschen wenig. Mehr als eine Seite hatte ich auch nicht geschrieben, als ich Mitte der Achtziger einen historischen Abenteuerroman, der zu der Zeit, als sich die Griechen und die Römer um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum bekriegten, spielen sollte, zu Papier bringen wollte.

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Dann begann im Mai 2007 im Südosten des wiedervereinigten Deutschlands eine der schmutzigsten Affären Mitteldeutschlands nach der Wende. Die Affäre erlangte unter dem Titel „Sachsensumpf“ deutschlandweit traurige Berühmtheit. Plötzlich drangen Informationen über alte und neue Verbrechen, die seit Anfang der Neunziger im Freistaat Sachsen begangen worden waren, wieder an die Öffentlichkeit. Für die Opfer dieser Verbrechen und deren Angehörige war dies natürlich überhaupt nicht gut und für die Täter selbstverständlich auch nicht, doch mein Mitleid mit den Letzteren hält sich sehr, sehr in Grenzen oder ist gar nicht vorhanden. Für mich aber, der zu dieser Zeit mit dem Gedanken spielte, ein Sachbuch über die Entwicklung der Organisierten Kriminalität in Leipzig seit der Wiedervereinigung zu schreiben, waren diese Informationen äußerst interessant. Ich begann wie ein Besessener Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zu dieser Affäre zu sammeln und tue es auch heute noch, obwohl sie zuletzt ja irreführend lapidar nur eine „Aktenaffäre“ genannt und von der sächsischen CDU äußerst ungeschickt abmoderiert wurde.

Als ich dann aber merkte, wie sich der Wind ab Juni 2007 drehte und ab 2009 zu recht kritische Journalisten, ehemalige Opfer und fähige und engagierte Staatsdiener vor Gericht gezerrt wurden, verwarf ich den Gedanken, das obenerwähnte Sachbuch zu schreiben. Ich beschloss nun den „Sachsensumpf“ und den „Diskokrieg“, der Leipzig in den Jahren 2008 und 2009 in Unruhe versetzte, als Vorlagen für einen harten Thriller zu nehmen, den ich schon schreiben wollte seit ich 18 geworden bin.

So begann ich im Juli 2008 mit der Arbeit an meinen Debütroman. Da ich mich, während ich an dem Buch schrieb, um so „nebensächliche“ Dinge wie Studium und Arbeit, um selbiges und den Lebensunterhalt zu finanzieren, kümmern musste, und ich auch noch ein Privatleben habe, dauerte es bis zum Mai diesen Jahres, bis ich das Buch veröffentlichen konnte. Jetzt ist es als E-Book und auch als Druckausgabe bei Amazon.de unter dem Titel „L.E. 2007“ erhältich.

Lest selbst und bildet euch ein Urteil! Kundenkritiken könnt ihr natürlich auch schreiben. Konstruktive Kritik, nett formuliert, höre ich immer gerne.

Alexander Trabert, im August 2014

 

L.E. 2007: Ein Thriller aus Leipzig

L.E. 2007: Ein Thriller aus Leipzig

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CALEB CARR – NEW YORKER MISANTHROP by Martin Compart

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Ein Serienkiller, der es auf sich prostituierende Knaben abgesehen hat, treibt in New York sein Unwesen. Nichts ungewöhnliches, wenn man die Unterhaltungsindustrie der letzten 30 Jahre betrachtet. Aber THE ALIENIST (DIE EINKREISUNG; Heyne 1994) holte etwas neues aus diesem  nervigen Subgenre.

Ungewöhnlich an diesem Roman sind aber Personen, Schauplatz und die literarische Umsetzung. Die Personen sind zum Teil fiktional, zum Teil reale Figuren der Geschichte. 3453158830_l[1]Der Schauplatz ist New York 1896 und ein Beleg dafür, dass die Vergangenheit die Gegenwart nicht bestimmt, sondern verflucht. Die literarische Umsetzung geschieht mit leichter Hand, fie Brillanz von Caleb Carrs stil ist erst auf dem zweiten Blick sichtbar, denn er findet für seinen Ich-Erzähler einen Ton, der sowohl modern ist, wie auch vergangene Eigenheiten berücksichtigt und beides zu einer Synthese führt.

Polizeichef Theodore Roosevelt, der spätere Präsident der USA, setzt eine Sonderkommission ein um den Killer zu finden. Wegen der ungeheuren Korruption in der Polizei(lange vor SERPICO), müssen die Ermittler unabhängig vom Apparat agieren. Die Sonderkommission wird von dem Psychologen Dr. Laszlo Kreisler geleitet und ihm assistiert ein Team interessanter Figuren, die höchst amüsant und informativ die zeitgenössischen Entwicklungen der Kriminalistik nutzen. „An der Person Roosevelt hat mich fasziniert, dass er sein ganzes Leben an seinen Kindheitsidealen festgehalten hat. Solche Personen inspirieren mich. Als Historiker versuche ich die realen Figuren mit ihren eigenen Worten sprechen zu lassen und sie so authentisch wie möglich zu zeichnen. Ich missbrauche sie nicht, um einen Standpunkt von mir zu verdeutlichen, der vielleicht ins Romankonzept passt.“Carr+Die-Einkreisung[1]

Neben der spannenden Handlung ist es das facettenreiche Bild New Yorks, eigentlich Manhattans, das den Roman zum modernen Klassiker macht. Die Atmosphäre der Stadt, deren Zeitgeist überzeugend eingefangen erscheint, ist nicht nur grimmig und gemein, sie ist bedrohlich böse. Ich kenne keine überzeugendere, alle Schichten und Interessen durchleuchtende, Darstellung des historischen Manhattan. New York als Zentrum des Verbrechens: „In New York sind Korruption und Sittenverfall kein vorübergehendes Unglück, sondern ein Dauerzustand.“ Carr beschäftigt sich besonders eindringlich mit homosexueller Kinderprostitution: „New York war vielleicht die Hauptstadt des Verbrechens in den USA, vor allem bei Gewalt gegen Kinder, aber auch der Rest der Staaten bemühte sich um eine ausgeglichene Statistik… Man hielt Kinder damals für kleine Erwachsene. Wenn sie ihr Leben dem Laster widmmen wollten, dann war das nach den Gesetzen des Jahres 1896 ihre Sache, und niemand konnte sie daran hindern.“ Mir fällt lediglich Herbert Asburys Sachbuch THE GANGS OF NEW YORK von 1927 ein, das ein ähnlich beeindruckendes Sittenbild der Metropole zeichnet. Und das ist, wie gesagt ein Sachbuch, noch dazu in geringerer zeitlicher Distanz entstanden.

Carr gelingt es, die komplexesten Themen in die Handlung zu integrieren. Dies funktioniert so gut, weil sein Ich-Erzähler, der Journalist Moore, eine überzeugende Tonlage triff, die den Leser in seine Zeit und Welt hinein saugt.islandofvice[1] Mit der weiblichen Figur Sara, die unbedingt Kriminalistin werden will, schafft er eine ebenso außerordentliche wie überzeugende Heldin (im Sequel arbeitet sie als Privatdetektivin). „Ich wollte ein Buch schreiben, in dem die Frau nicht die übliche Funktion hat, sich zu verlieben oder mit jemanden ins Bett zu gehen.“ Man könnte Dr.Kreisler als einen Holmes-Nachfolger sehen oder ihn in die Tradition der „großen Detektive“ des klassischen Detektivromans einordnen. Aber das stimmt nicht, denn im Gegensatz zu den großen Detektiven des Golden Age antizipiert Kreisler die Kriminalpsychologie des 20.Jahrhunderts, zu der Holmes & Co. noch keinen Zugang hatten. „Kreisler kann Verbrechen aufklären, die Holmes nie hätte lösen können, da sie nicht alleine durch das Analysieren physischer Indizien gelöst werden können; es bedarf forensischer Psychologie.“ Diese Einkreisung des bestialischen Mörders nimmt den Leser auf einen historischen Bildungstrip, der keine Sekunde langweilt. Kreisler und sein Team benutzen alle kriminalistischen (Fingerabdrücke) und psychologischen Möglichkeiten, die ihnen in der Zeit zur Verfügung stehen, um sich über ein Profil dem Mörder zu nähern. „Eine der größten Herausforderungen war das Studium der damaligen psychologischen Wissenschaftsliteratur. Meine Charaktere durften nicht mehr wissen als den aktuellen Stand der Dinge. Damals hatte Freud gerade sein erstes Buch veröffentlicht.“ Der Begriff Psychopath oder psychopathischer Killer existierte noch nicht. Ebenso wenig eine Architektur des Bösen, die von sozio-psychologischen Grundlagen ausging. Dieses Herantasten an neue Erkenntnisse, die im nächsten Jahrhundert eine so wichtige Rolle spielen würden, verleiht dem Roman zusätzlich aufklärerische Spannung. Die Passagen, in denen die Ermittler neue Fakten oder Erkenntnisse analysieren, sind die unterhaltsamsten Pro-Seminare forensischer Medizin, die man sich vorstellen kann. Sie konterkarieren ihre düsteren Expeditionen in den Bauch von Manhattan.   Nicht nur die Morde werden brutal und erbarmungslos gezeigt, die ganze Stadt ist von bösartiger Rücksichtslosigkeit. Alles ist zu kaufen, alles steht im Schaufenster: Sex mit Kindern und allen anderen, Drogen, Politik und Kultur. Das Bild der Stadt verbreitet genau so durchdringenden Horror, wie der Serienkiller. Viktorianische Kriminalität und Geschäftemacherei mit der Barbarei der Neuen Welt. Dem Historiker und dem Romancier ist eine perfekte Synthese aus Geschichtsbetrachtung und Detektivroman gelungen.

„Über die Vergangenheit zu schreiben, wiegt den Leser in Sicherheit und gibt ihm ein wohliges Gefühl. Denn – egal wie schlimm das ist, was man beschreibt – es ist ja bereits passiert. Es ist Vergangenheit.“

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Dank seiner unerfreulichen Kindheit ist der Autor fasziniert von Mördern, die sich mit ihren Taten von erlittenen Qualen befreien wollen. „ Ein Autor hat zwei Jobs: zu lehren und zu unterhalten. Ich bin nicht daran interessiert, als so genannter ernsthafter Schriftsteller anerkannt zu werden, aber ich bin an dem interessiert, was schreiben leisten sollte. In einem Land, in dem die Bildung ständig abnimmt, erscheit es mir wichtig, das man aus Büchern etwas lernt. Natürlich auf unterhaltsame Weise.“

Carr bot das Buch seinem Agenten und dem Verlag als Non-fiction an, da er damals für sie als Sachbuchautor eine erkennbare Größe als Militärhistoriker war und man sich von ihm keinen Roman vorstellen konnte. Random House bot schließlich einen Vorschuss von 60.000 Dollar und die Taschenbuchrechte wurden für 1.001.000 Dollar versteigert.

ALIENIST war 24 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Von der Taschenbuchausgabe wurden 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Es wurde in 20 Sprachen übersetzt.

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Über seinen zweiten Kreisler-Roman, ANGEL OF DARKNESS, über eine Frau, die ihr Kind und andere umbringt, sagt er: „Serienkiller sind Stars, denen die Öffentlichkeit zu Füßen liegt. Ganz anders ist es mit Müttern, die ihre eigenen Kinder töten. Das verschwindet ganz schnell aus den Medien. Es ist die ultimative Obszönität. Ich wollte herausfinden, was eine Frau und Mutter dazu bringt. Eine gute Mutter zu sein ist ja für Frauen die Konditionierung schlechthin.“

Während ALIENIST von dem trinkfreudigen Journalisten Moore erzählt wurde, ist in DARKNESS Stevie der Ich-Erzähler. Stevie war ein jugendlicher Rabauke und Straftäter in ALIENIST, der von Dr.Kreisler unter seine Fittiche genommen wurde. Das Buch spielt drei Jahre später und Stevie ist inzwischen ein gewitzter Teenager. „Er steht mir näher als Moore. Ursprünglich wollte ich eine Serie schreiben, in der in jedem Roman eine andere Figur die Geschichte erzählt. Für den ersten Roman wählte ich Moore als Erzähler, weil er der modernste Charakter des Romans ist. Mit ihm sollten die Leser die wenigsten Schwierigkeiten haben. Stevie ist auch für mich eine Herausforderung, denn er ist natürlich nicht so wortgewandt. Er hat eine andere Sicht auf New York, da er von ganz unten kommt. Er entspricht meinen eigenen Erfahrungen. Wo ich aufgewachsen bin, kamen die reichen Kinder nur hin um Drogen zu kaufen. Auch in diesem Roman verwendet Carr wieder eine ganze Reihe historischer Personen, u.a. Clarence Darrow. „Ich nutzte Darrow als Charakter und Leser dachten, er sei eine fiktive Figur. Was wird eigentlich in amerikanischen Schulen unterrichtet? Aber wir bewegen uns in eine Epoche, in der alle Fortschritte und Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre zurückgedreht werden.“ ANGEL hatte nicht denselben Erfolg. Einige Kritiker und Leser bemängelten, den blumigeren Ich-Erzähler und.den weniger gelungenen Plot. Die renommierte „Kirkus Review“ bemängelte und lobte: „…and disastrously slows down the otherwise absorbing courtroom scenes by including needless detailed summaries of cases of child murder offered as precedents. But these are minor blemishes. Carr has learned to plot since The Alienist, and this novel usually moves at a satisfyingly rapid pace.”

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Durch den Verkauf der Filmrechte kam er in Kontakt mit der Filmindustrie. Er schrieb mehrere Drehbücher und musste deshalb natürlich auch nach Los Angeles. Als er die Drehbücher zu EXORCIST: THE BEGINNING und DOMINION: PREQUEL TO THE EXORCIST, das der Autor des Ur-Romans, William Peter Blatty, sehr lobte, schrieb, war er oftdort. Und diese Stadt mag er noch weniger als das heutige New York. „Ich war in Beverly Hills während des Northridge-Erdbebens. Keiner kam aus seinem Haus um nach den Nachbarn zu sehen. Die Kalifornier sind größtenteils gemeine, hässliche Leute, die bereit sind, dir jederzeit ein Messer in den Rücken zu jagen. In New York kümmert sich niemand um dich, wenn alles normal läuft. Aber wenn dir was Schlimmes passiert, versuchen sie zu helfen. Anders herum in Kalifornien: Solange alles gut für dich läuft, und du keine Hilfe brauchst, sind die Leute nett zu dir. In Los Angeles spürst du überall diese Konkurrenzkultur. 99% der Männer sind außerdem kindische sexuelle Neurotiker. Die Hälfte der Frauen, die hierher zieht, wird lesbisch und die andere Hälfte jammert herum. Dass sie keine Männer abkriegen. Südkalifornien ist das Hinterletzte.“

Zum Bücher schreiben musste er zurück nach New York, die entscheidende Inspiration für Carrs Noir-Detektivromane. Selbst als er eine halbe Million Dollar für die Filmrechte erhielt, blieb er in seiner alten Wohnung. Inzwischen hat sich das geändert und Carr hat New York verlassen. „Ich hasse, was aus New York geworden ist. Sie haben den Charakter der Stadt getötet. Die Straßen sind zwar sauberer und sicherer, aber alle sind gleich langweilig.“

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Die inzwischen Jahrzehnte andauernde Geschichte der Verfilmung von THE ALIENIST ist ein Paradebeispiel für den Mist, der seit den 1980ern in Hollywood abläuft: Produzent Scott Rudin kaufte für Paramount die Rechte an dem noch nicht veröffentlichten Roman für eine halbe Million Dollar. Das Drehbuch des Dramatikers David Henry Hwang gefiel dem Regisseur nicht. Dann setzten sich Regisseur Curtis Hanson und Autor Steven Katz hin, um ein neues Drehbuch zu schreiben. Dabei zerstritt sich Hanson mit Rudin. Der neue Regisseur Phillip Kaufman wollte nun ebenfalls sein eigenes Drehbuch und.. und… und… Inzwischen gibt es mindestens neun Drehbücher zu THE ALIENIST. Bis 1997 hatte Paramount bereits zwei Millionen Dollar für unbrauchbare Skripte ausgegeben. Carr gelang es nicht, ins Spiel zu kommen. Er wollte sogar selbst Regie führen. „Das Projekt ist tot. Ich glaube, die wissen nicht mal, warum sie das Buch gekauft haben. Es hat nichts, was diese Typen mögen: Es ist ein Ensemble-Stück ohne Liebesgeschichte. Nichts für Hollywood.“

Mit Rudin hatte Carr bereits Ende der 1980er zu tun. Damals arbeitete er eine Weile im New Yorker Büro der Paramount als Stoffentwickler. 1991 wurde sein Drehbuch BAD ATTITUDE als TV-Movie umgesetzt und „komplett in den Sand gesetzt“. Danach begann er mit der Arbeit an THE ALIENIST. Aber „meine große Liebe ist das Kino. Man findet nicht viele Autoren, die das Kino so sehr lieben wie ich. Filme formen die meisten Bilder in meinen Romanen. Sprache interessiert mich nicht besonders. Ich liebe Filme mehr als Bücher. Ich bin Geschichtenerzähler, kein Schriftsteller.“

Da inzwischen TV-Serien wie RIPPER STREET, COPPERS, BOARDWALK EMPIRE oder PENNY DREADFULS als period pieces Erfolge feiern und Paramount unbedingt in den lukrativen Serienmarkt einsteigen will, holte man die Rechte an THE ALIENIST wieder hervor. 2014 wurde angekündigt, dass man zusammen mit Anonnymous Content (der Produktionsfirma der Erfolgsserie TRUE DETECTIVE) eine Serie entwickelt, die auf THE ALIENIST beruht.

 

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Caleb Carr wurde am 2.August 1955 als zweiter von drei Söhnen von Lucien Carr und Francesca von Hartz in New York geboren. Er wuchs in einet üblen Ecke Manhattans in einer ziemlich bizarren Familie auf. Sein Vater, Lucien Carr, gehörte bereits früh zum Umfeld der Beats. Er war zwar selber kein Schriftsteller, aber er machte Jack Kerouac, Allan Ginsberg und William S. Burroughs miteinander bekannt und war bis zu deren Lebensende mit ihnen eng befreundet. „Diese Beats waren lärmende Säufer. Ich wollte um nichts auf der Welt wie sie Schriftsteller werden.“ 1944 hatte Lucien Carr einen Mann namens David Kammerer erstochen, der ihn wohl sexuell belästigt hatte. Kerouac half ihm dabei, die Tatwaffe zu beseitigen und das Verbrechen zu vertuschen. Vergeblich. Carr kam zwei Jahre wegen Totschlags hinter Gitter.

Carrs Eltern ließen sich früh scheiden. Er war acht Jahre alt und lebte mit seiner Mutter Francesca und seinen beiden Brüdern mit Francescas zweitem Mann, dem Romancier John Speicher, in Lower Manhattan. Sein Stiefvater, ebenfalls Alkoholiker, brachte drei Töchter mit. „Man nannte uns dark Brady Bunch.“ Sie wohnten im Block 14th Street zwischen Second und Third Street, damals eine der übelsten Gegenden in Manhattan. „Ich sah meinen ersten Mord mit elf. Auf der Straße gegenüber wurde ein Mann abgestochen, wegen eines Drogen-Deals.“ Häusliche und urbane Gewalt bestimmten seine Kindheit. „Ich bin das einzige Kind in meiner Familie, das sich nicht umbringen wollte… Wahrscheinlich, weil ich glaubte, irgendjemand wird das schon für mich besorgen.“

Zu seinem Vater hatte er kein enges Verhältnis. Wenn er ihn besuchte, hingen die Beat-Autoren dort rum und soffen oder nahmen Drogen. Als Kind empfand er das, verständlicher Weise, als eher verstörend. Die schönste Zeit seiner Kindheit waren die Sommer auf der Farm der Großmutter, nördlich von New York. Später sollte er ein angrenzendes Grundstück kaufen, auf dem er jetzt lebt.

„Ich war ein ziemlich wütendes Kind. Um diese Wut in den Griff zu bekommen, begann ich mich für Militärgeschichte zu interessieren. Es rührte meine Mutter zu Tränen; für sie war es fast dasselbe wie töten.“

Dank eines kleinen Familienvermögens, das die Großmutter verwaltete, konnten er und seine Brüder eine teure Privatschule besuchen und Carr anschließend am Kenyon College in Ohio und an der New Yorker Universität Geschichte studieren. Seine Bewerbung für Harvard war abgelehnt worden, weil seine Lehrer in die Unterlagen geschrieben hatten, er „sei sozial problematisch“. Nach dem Studium stellte ihn 1977 ausgerechnet das umstrittene Council of Foreign Relations als Redakteur ihres vierteljährlichen Magazins ein. Anschließend arbeitete er in den 1980ern als freier Journalist mit dem Schwerpunkt auf Zentralamerika. 1980 erschien sein erster Roman, CASING THE PROMISED LAND, den er aus seiner Bibliographie getilgt hat und als „blöden Roman“ bezeichnet „voll mit dem Zeugs, das junge Autoren schnell aus dem System kriegen sollten.“  0024582a_medium[1] Erste internationale Aufmerksamkeit als Autor weckte er mit der Biographie von Frederick Townsend Ward, des amerikanischen Söldnerführers im Taiping-Aufstand: THE DEVIL SOLDIER, 1992 (deutsch: DER VERGESSENE HELD; Diana Verlag, 1999). 2002 erschien seine Studie zum Terrorismus, THE LESSONS OF TERROR (TERRORISMUS – DIE SINNLOSE GEWALT; Heyne, 2002), in der er dieser Gewaltstrategie seit dem Römischen Reich nachgeht und nachweist, dass Terrorismus langfristig erfolglos bleibt. Egal, ob von Extremisten oder nationalen Armeen angewandt. Seine Analysen (ausführlich der Mittlere Osten), kamen in Washington nicht besonders gut an und lösten eine Kontroverse aus. Als Historiker und politisch bewusster Zeitgeschichtler faszinierte ihn der Bush-Gore-Wahlkampf. 41nUVqeBecL._SY300_[1]„Der Schlüssel war Florida, der korrupteste Staat der Union mit dem Bush-Bruder Jeb als Gouverneur. In der Wahlnacht, als sich abzeichnete, das Bush verlieren würde, griff man zum Telefon und rief Jeb an. Sie sagten ihm, dass sie hinten lägen, aber nur ein bisschen. Jeb schickte sofort die State Trooper los um 20 000 Stimmen einzukassieren. So etwas passiert dauernd, im ganzen Land.“ Von den Medien erwartete er nichts: „Das sind bezahlte Diener der Konzerne, die ja auch die Politik bestimmen und wer gewählt wird.“ Aber auch von der Militärmacht USA ist der Militärhistoriker nicht besonders überzeugt: „Wie lange hat es gedauert, bis sich die USA von den 58 000 toten Soldaten in Vietnam erholt hat? Wenn man wirklich eine imperiale Macht sein will, muss man auf Dauer schon etwas mehr wegstecken können.“

Zynisch ist auch sein dystopischer SF-Roman KILLING TIME (DIE TÄUSCHUNG; Heyne 2001), veröffentlicht 2000, nachdem er zuvor dem Magazin „Time“ als Fortsetzungsroman erschienen war.511CPVorHGL._SY300_[1] SF ist ein weiteres Genre, das er sehr liebt. „Ich sage gerne, SF sind period pieces, die in der Zukunft spielen. Ob historische Stoffe oder SF – beides spiegelt werde Vergangenheit noch Zukunft, nur die Zeit, in der sie geschrieben werden. Ich liebe Geschichte und Science Fiction, also die Vergangenheit und die Zukunft. An der Gegenwart bin ich nicht besonders interessiert. Ich habe schon als Kind eher in der Vergangenheit gelebt. Sowohl ästhetisch wie ethisch bin ich vergangenheitsorientiert.“ 2012 hat er mit THE LEGEND OF BROKEN einen voluminösen Fantasy-Schinken vorgelegt, den er auch als eine Parabel verstanden haben möchte. Für viele eine Enttäuschung. Carr bedient sich zwar geschickt bei Tolkien Geogre Martin, aber im Vergleich bleiben seine Charaktere zweidimensional, Aber wer braucht eigentlich diesen sich unentwegt wiederholenden Fantasy-Mist?

Sein Sherlock Holmes-Roman, THE ITALIAN SECETARY (DAS BLUT DER SCHANDE; Heyne 2006), 2005 erschienen, ist seiner Katze Suki gewidmet, seiner konstantesten Gefährtin, mit der er jetzt alleine auf einem Berg in einem eine Million Dollar teuren Haus auf einer riesigen Farm lebt, 180 Meilen nördlich von New York.1404031804_1202953_n[1] Der nächste Ort, Cherry Plain, hat ein Postamt und eine Kirche und nicht viel mehr. Für ihn hängt die erneute Sherlock Holmes-Renaissance nach 9/11 mit einem steigenden Bedürfnis nach Rationalität zusammen. „Wir sind in eine Epoche eingetreten, in der alle Fortschritte und Errungenschaften der letzten zweihundert Jahre zurückgedreht werden.“ Inzwischen gibt es etwa 4000 Holmes-Romane, Geschichten und Film- und TV-Serien, die nicht von Conan Doyle sind. „Publishers Weekly“ stellte zum Erscheinen von Carrs kurzem Holmes-Buch fest: „Eine Sherlock Holmes-Geschichte zu schreiben, scheint für viele Autoren dasselbe zu sein, wie für männliche Schauspieler einmal den Hamlet zu geben; eine Herausforderung, der wenige widerstehen und viele bereuen… Nicht Carr… Er hat ein tiefes Verständnis für die Figur und macht nichts falsch.“ Ein weiteres Holmes-Pastiche ist nicht geplant.

 

Carr arbeitet nachts und monomanisch. „Wenn ich arbeite, gibt es für mich nichts anderes als das Buch, an dem ich gerade schreibe. Sonst nichts. Ich schreibe nachts. Es fällt mir leicht, mich in eine vergangene Epoche zu versetzen. Aber natürlich mache ich auch spezielle Recherchen. Für die Kreisler-Romane hieß das: Fünf Monate Recherche und fünf Monate schreiben.“ Im Gegensatz zu seinen Sachbüchern, bestimmen historische Begebenheiten nicht seine Vorgehensweise bei der Fiktion: „Ich habe immer zuerst die Story, die historischen Details kommen an zweiter Stelle. Eine gute Geschichte funktioniert fast in jeder Epoche.“ Carr ist nicht auf ein Genre festgelegt, wie sein Oeuvre zeigt.

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„Ich habe es jahrelang versucht zu verdrängen, aber ich bin ein Misanthrop. Ich lebe nicht umsonst alleine auf diesem Berg namens Misery Mountain.“ Er liebt die Einsamkeit hier, gelegentlich unterbrochen durch Frauenbesuche, obwohl er doch so mit New York verwurzelt ist. „Es heißt: Hollywood zerstört dich und dein Talent. Aber die Literatenszene in New York macht dasselbe.“ Er bevorzugt jüngere Frauen, ist aber zu ungeduldig um eine längere Beziehung aufzubauen. „Mein Lieblingsregisseur ist, was viele wundert, Preston Sturges, denn mein Liebesleben ist eine screwball comedy.“ Seine Beziehungsprobleme begründet er mit seinen Kindheitserfahrungen: „Wer häuslicher Gewalt durch betrunkene Väter ausgesetzt war, tut sich schwer damit, anderen Menschen zu vertrauen.“

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HOMEPAGE: http://17thstreet.net/

Zu den Schauplätzen gibt es eine schöne Page unter: http://theboweryboys.blogspot.de/2014/03/the-alienist-by-caleb-carr-released-20.html

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BYE, BYE, FREDERICK FORSYTH by Martin Compart
14. Dezember 2013, 1:19 nachmittags
Filed under: Frederick Forsyth, Politik & Geschichte, Spythriller, thriller, Waffenhandel | Schlagwörter: , , , ,

Es ist immer schmerzhaft, wenn ein Jugendidol verblödet und man den Niedergang miterlebt. Beispiele dafür gibt es für jeden Geschmack. Mit Bestürzung beobachte ich seit Jahrzehnten, wie Mick Jagger immer noch gerade die Kurve kratzt, um nicht komplett als alternder Rock´n Roll-Dandy zu verpeinlichen.

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Richtig schlimm war für mich dieses Jahr der endgültige Absturz von Frederick Forsyth. Freddie war politisch ja immer ein anständiger britischer Konservativer. In der Jugend ein rebellischer Journalist (anti-britisch im Biafra-Krieg), wandelte er sich im Laufe der Jahre immer mehr zum Krämer-Sohn, der Anerkennung durch die herrschenden Schichten suchte. Gelegentlich bemerkte er noch, dass die mächtiger werdenden Neo-Cons alles verraten, was sowohl Konservativen wie auch Sozialisten wichtig ist. Leider verwirrte sich sein politisch ohnehin nie sonderlich entwickelter Verstand in den letzten Jahren immer mehr. Dies schlägt sich in seinen devoten Thrillern COBRA und TODESLISTE betrübendst nieder. Natürlich hat es der alte Faktensammler und Indizienfetischist noch immer drauf, einen spannenden Thriller zu entwickeln. Noch immer gräbt er Faktisches aus, das einem schwer zugängliche Informationen vermittelt. Noch immer kann er wunderbar seinen journalistischen Stil präsentieren (allerdings meilenweit entfernt von seinen literarischen Meisterwerken DER AFGHANE oder IN IRLAND GIBT ES KEINE SCHLANGEN). die-todesliste-072179523[1] In der TODESLISTE ist er nun endgültig auf die Lügen der Verbrecher in New York, dem Pentagon, Maryland und Downing Street hereingefallen und zum Troubadour des ewigen Kampfes gegen den Terrorismus verschleimt. Vielleicht ein letzter Versuch, noch den Ritterschlag zu erkriechen. Wenn man seinen letzten Roman gelesen hat, sollte man als Korrektiv unbedingt zwei Bücher zur Hand nehmen, die Freddie bei seiner Recherche wohl nicht berücksichtigen konnte: Mark Mazzettis KILLING BUSINESS (Berlin Verlag) und Jeremy Scahills SCHMUTZIGE KRIEGE (Verlag Antje Kunstmann). Beide zeigen detailliert (Scahills Buch ist mit 718 Seiten das umfangreichere, das detailversessenere; leider aber auch ohne Register) die Entwicklung der CIA (und der Killerbrigade JSOC) von einem miesen Verein, der vor Mord nicht zurück schreckte, zu einer regelrechten Killer- und Folterorganisation mit fast unbegrenzten Mitteln im persönlichen Auftrag des wirtschaftlich-militärischen Blocks. Ganz nebenbei erfährt man, wie das Tanzäffchen Obama brav und folgsam in über 70 Ländern verdeckte Kriege eingerichtet hat. Dank der Drohnen, die lange nicht so präzise sind (oder ist das gewollt?), wie Freddie uns einreden will, kommt es dabei unter Zivilisten zu unfassbaren „Kollateralschäden“. Und diese produzieren natürlich anti-amerikanischen Nachwuchs. Dieser dient dann wiederum den destruktiven US-Interessen, da sich die Verantwortlichen auf weiterhin zunehmendes Bedrohungspotential berufen könnenn um den Krieg weiter auszudehnen. Im Windschatten profitiert auch die deutsche Rüstungsindustrie, die dank der Heloten Schröder und Merkel inzwischen zum mindestens drittgrößten Waffenlieferanten aufgestiegen ist.

9783827011749[1]All diese Hintergründe bleiben vom großen alten Mann des Thrillers völlig unbedacht. Ihn faszinieren nur die Zwischenhändler und Endverbraucher des Todes. Einseitige Gehirnverkalkung.

Ach, Freddie! Ich habe Jahrzehnte lang (seit Deinem Erstling) jedem neuen Buch von Dir entgegen gefiebert. Manche waren besser, manche nicht ganz so toll (aber immer ein Lesevergnügen). Aber DIE TODESLISTE ist, trotz des Kotaus mancher widerwärtiger liberaler Medienkellner, eine dirty-old-man-novel.

Bye, bye, Freddie. Du warst einer der Besten. Dein Platz im Pantheon des Thrillers bleibt unangefochten.

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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: INTERFACE von JOE GORES by Martin Compart

„Ein Rattennest aus Junk, Alkohol und Sittenlosigkeit“, überschrieb der Futura-Verlag den Klappentext zur englischen Taschenbuchausgabe von Joe Gores INTERFACE. Und der Roman fängt gleich richtig böse an: Vietnamkriegsveteran Docker legt einen mexikanischen Dealer um und schnappt sich eine Ladung Junk und gleich dazu auch noch das Übergabegeld. Dann zieht er los, um in San Francisco richtig einen drauf zu machen. Darunter versteht Docker, eine schöne Blutspur durch die Bay Area zu ziehen. Gleichzeitig wird der nicht minder sympathische Privatdetektiv Neil Fargo von einem Plutokraten beauftragt dessen Tochter Roberta zu suchen, die sich in miesen Kaschemmen verkauft um ihre Sucht zu finanzieren.
Und damit öffnet sich für den Leser das Höllentor zu einem San Francisjo jenseits der Postkartenromantik der Golden Gate.

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Gores widmete INTERFACE Donald Westlakes Serien-Gangster Parker „because he´s such a beautiful human being“. Tatsächlich hat Gores Romanheld, der Privatdetektiv Neil Fargo, mehr gemein mit Parker als mit Lew Archer oder Phil Marlowe. Fargo ist studierter Jurist, ein Ex-Football-Profi und ein ehemaliger Special Force. INTERFACE wurde mal als der „Italo-Western unter den Privatdetektivromanen“ genannt. So wie der Italo-Western den klassischen Hollywood-Western dekonstruktuiert, zertrümmert Gores in seinem Roman jedes Stereotyp der Private-Eye-novel.Interface[1]

INTERFACE gehört zu den richtungweisenden Romanen der Noir-Literatur der 1970er. Auf derselben Ebene wie Higgins´ FRIENDS OF EDDIE COYLE, Crumleys LAST GOOD KISS, Robert Stones DOG SOLDIERS oder Thornburgs CUTTER AND BONE. Wie die genannten Bücher ist INTERFACE tief verwurzelt in der durch Vietnam, Watergate, den politischen Attentaten und der Sixties-Rebellion traumatisierten US-Gesellschaft. Wie diese Romane ist auch Gores Roman ein Lageplan der Müllkippe, zu der der „amerikanische Traum“ herunter gebrannt ist.

Erzählt ist INTERFACE in der dritten Person in einem ähnlich brutal-objektiven Stil wie Hammetts MALTESE FALCON. Wie Hammett geht auch Gores nie in die Gedankenwelt seiner Figuren und charakterisiert sie behavioristisch durch ihre Handlungen.

Stark-Eine-Falle-fuer-Parker[1]Wenn heute von modernen Klassikern der Kriminalliteratur, hard-boiled novel oder Noir-Thrillern die Rede ist, fällt sein Name seltener als zum Beispiel die von Donald Westlake, Lawrence Block oder gar Robert B.Parker. Irgendwie scheint Joe Gores ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Das ist umso erstaunlicher, da keinem mir bekannten Autor seit Dashiell Hammett so viele Innovationen im Genre gelungen sind:

Mit HAMMETT (1975) schrieb er wohl die erste Private-Eye-Novel als period piece, die auf realen Figuren basiert (Max Allan Collins perfektionierte mit der Nate-Heller-Serie in den 1980ern dieses Sub-Genre).

Mit A TIME OF PREDATORS (1969) antizipierte er vor Brian Garfield und Don Pendleton den modernen Vigilanten, der das Kino und den Kriminalroman der 1970er Jahre folgenschwer mitprägte.

Mit seiner Serie um die Privatdetektivagentur „Dan Kearney and Associates“ übertrug er die police-procedural-Elemente des Polizeiromans à la Ed McBain, nämlich Team und genau geschilderte Ermittlungsarbeit, auf den Privatdetektivroman.

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Gores war sein Leben lang besessen von Dashiell Hammett, mit dem sein Leben mehr Parallelen hatte als nur beider Tätigkeiten für Privatdetektivagenturen.
Man mag kaum an Zufall glauben, verdeutlicht man sich den Todestag von Joe Gores: Er starb mit 79 Jahren am 10. Januar 2011 – auf den Tag genau 5o Jahre nach Dashiell Hammett!
Geboren wurde Joseph Nicholas Gores Weihnachten 1931 in Rochester, Minnesota. Als großer Comic-Fan wollte er ursprünglich Comic-Zeichner und Erzähler werden. Seine Vorbilder war die absolute Weltklasse des Zeitungs-Strips: Milton Caniff, Burne Hogarth, Hal Foster und Alex Raymond.

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“When I was 6, my Ma said I could read anything I could reach, so she made sure on the bottom shelves was Lives of the Saints, The Pilgrim’s Progress. But he quickly figured out how to climb to the top shelf, where Ma Gores kept the hard stuff: Agatha Christie, Sherlock Holmes and, of course, Hammett… I still remember opening The Dain Curse. At 6 years old, you don’t know that much, but ‘It was a diamond all right…’ was the first line of that novel, and I thought, ‘Oh, God, wow!’

Gores studierte Literaturwissenschsften in Notre Dame und dann in Stanford. “You become very highbrow when you are in college.. I was writing the kind of stuff you write in graduate school, which is, you know, ‘the girl with the ponytail commits suicide.’” Eines Tages fiel ihm ein Band mit Lew Archer-Kurzgeschichten von Ross Macdonald in die Hand und die erste Zeile von GONE GIRL erwischte ihn genauso hart wie schon als Kind die erste Zeile von THE DAIN CURSE: . “The opening line of ‘Gone Girl’ was ‘I was tooling home from the Mexican border in a light blue convertible and a dark blue mood. And I thought ‘My God, that is the way I want to write! . . . That kind of tightness, that kind of directness, no nonsense, no navelgazing. You are in there to create vivid characters who are doing extremely interesting things and that’s it.”

9782743621698[1]1954 wollte er seine Masterarbeit über Hammett, Chandler und Ross Macdonald schreiben. Aber das Thema wurde mit der Begründung abgelehnt, es handele sich dabei “um Autoren, die so schreiben würden, als wollen sie ihre Bücher verkaufen“. Also könne es sich bei ihnen nicht um Literatur handeln und infolge dessen könne man über sie auch keine „Master´s Thesis“ verfassen. Dann stellte er fest, dass die meisten Autoren, die über die Südsee schrieben, Pulp-Autoren waren. Mit drei offensichtlichen Ausnahmen: „In 1961, Stanford University granted me a Master’s Degree in English Lit. because it had to. My thesis was on the Literature of the South Seas; my advisor had read only Conrad, Maugham, and Melville of my 50 authors, so he could not say it was wrong to write about the other 47.”

Will Ready, sein Professor für kreatives Schreiben in Stanford, gab ihm einen Rat, den Gores für den wichtigsten Rat für sein Schreiben empfand: Alles runterkochen.

Zusammen mit einem Freund heuerte er auf einen Frachter an und fuhr nach Haiti.manhunt_195312[1] „Damals fing ich ernsthaft zu schreiben an und verkaufte meine erste Geschichte 1957 an das letzte übrig gebliebene Pulp Magazin MAN HUNT.” Anschließend erwischte ihn die Army. Dort endete er als Schreiber von Generals-Biographien. Er blieb also dem Crime-Thema treu. Dann ging er zurück nach Stanford um sein Diplom zu machen. Nebenbei schrieb er und arbeitete als Privatdetektiv. In einem Jahr bekam er über 300 Ablehnungsschreiben, mit denen er sein Badezimmer tapezierte. Drei Jahre lebte er in Kenia um zu unterrichten. „ Ich war als Kind ein großer Tarzan-Fan und wollte Afrika kennen lernen.“ Bis Ende der 1960er arbeitete er abwechselnd oder gleichzeitig als Autor und als Privatdetektiv in San Francisco. Kein Autor seiner Generation kannte San Francisco besser als Gores. „ Als Repo-Man fuhr ich manchmal 5000 Meilen im Monat – ohne die Stadt zu verlassen. San Francisco war in den 1970er Jahren noch in den größten Teilen so wie die Stadt war, als Hammett über sie schrieb.“
1967 war er mit Kurzgeschichten, die auch im renomierten ELLERY QUEEN´S MYSTERY MAGAZINE erschienen, ganz gut im Geschäft. Die legendäre Krimi-Herausgeberin Lee Wright, damals bei Random House, schrieb Gores: „Falls Sie jemals einen Roman schreiben, wäre ich daran interessiert, ihn zu veröffentlichen.“ Also setzte sich Gores hin und schrieb A TIME OF PREDATORS und gewann einen Edgar-Allan-Poe-Preis der Mytery Writers of America.

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Hammett war ganz klar der größte Einfluss für Gores. Wenn Otto Penzler meint, „Hammetts Welt ist zynisch und unsentimental; Gores ist wärmer und positiver“, hat er wohl vergessen, was Gores in INTERFACE geschrieben hat: Dieser “Italowestern unter den Privatdetektiv-Romanen“ ist genauso kalt und distanziert formuliert wie Hammett. Wenn Hammett mit RED HARVEST und den MALTESE FALCON die bösartigsten und härtesten Romane seiner Generation geschrieben hat, dann schuf Gores mit INTERFACE eine nie wieder genutzte Blaupause für den Privatdetektivroman des 21.Jahrhunderts. Eine zynische Abrechnung mit den USA, nachdem auch für die Naivsten die Putschblase „Land der Freien“ zerplatzte.Stark-Richard-Harte-Zeiten-weiche-Knie[1]
Neil Fargo ist Richard Starks Parker als Privatdetektiv… Nein, der Typ ist noch viel schlimmer. Gores war gut mit Donald Westlake befreundet. Das drückte sich auch darin aus, dass beide Autoren dieselbe Szene nur aus anderen Blickwinkeln für zwei ihrer Romane nutzten: Gores lässt seinen Serienhelden Dan Kearny in DEAD SKIP, 1972, kurz auf Westlake/Starks Parker treffen. Westlake greift dieselbe Szene dann in PLUNDER SQUAD auf (ähnliches machten sie dann noch mal mit Westlakes Figur Dortmunder in DROWNED HOPES und 32 CADILLACS).

Gores gehörte neben seinem Freund Donald E.Westlake und William L.DeAndrea zu dem Trio, das in drei verschiedenen Kategorien mit dem Edgar Allan Poe-Preis ausgezeichnet wurde. Gores bekam ihn für den besten Erstling (A TIME OF PREDATORS, 1969), die beste Kurzgeschichte (GOODBYE, POPS, 1970) und für das beste Drehbuch einer TV-Serie (KOJAK: NO IMMUNITY FOR MURDER, 1975).

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P.S.:
Die Ullstein-Ausgabe wurde 1975 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften mit der Entscheidung Nr.2572 indiziert. In der Begründung hieß es u.a.: “Insgesamt lehrt das vorliegende Taschenbuch die grundsätzliche Hinnahme von Gewalt, die Heroisierung des Verbrechers und allg. destruktives Verhalten aus Machtgier oder neurotischer Mordlust… ´Wirklich einmal etwas Neues`, sagt der Verlag auf dem Titelblatt. So macht man Rechtsbrecher salonfähig, oder um es lerntheoretisch auszudrücken, schafft man für labile Jugendliche…”

Wo ist er bloß geblieben – der tiefe Glaube an die Macht der Literatur?



WILLIAM BOYD IST IAN FLEMING IN “SOLO” by Martin Compart
8. Oktober 2013, 3:56 nachmittags
Filed under: Ian Fleming, James Bond, Rezensionen, Spythriller, thriller, William Boyd | Schlagwörter: , , , , ,

Bond ist der Alptraum aller Grünen:
Er ist macho, ein begeisterter und rücksichtsloser Nutzer von Verbrennungsmotoren, raucht wie ein Schlot, ermordet Arschlöcher, säuft wie ein Loch, lässt sich nicht von Phrasendreschern beeindrucken, isst was und wann er will und vögelt die schönsten Frauen (ohne auch nur an Vaterschaftsurlaub zu denken oder mit der Frau einen Selbstfindungskurs zu machen). Wäre er nicht so autoritätshörig und ein Helot (ursprünglicher) konservativ-nationaler Interessen, wäre er ein richtig guter Typ. Für James Bond, Geheimagent Ihrer Majestät 007, ist die ganze Welt eine Plattform der Strategiespiele, die sein Chef M für ihn aussucht.

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Rechtzeitig zum 60.Jubiläum des ersten 007-Romans, CASINO ROYALE, erscheint ein weiteres Bond-Abenteuer, das die Fans mit den bisherigen Sequels versöhnen könnte. Geschrieben wurde der neue Bond, Titel, SOLO, von dem etablierten und anerkannten Schriftsteller William Boyd, den die Kritik auch gerne in Zusammenhang mit Graham Greene bringt. Auf die Frage, warum Boyd Schriftsteller geworden sei, hat er eine vernünftige Antwort:

„I suspect that I saw a film which had a writer in it…. And as he got up from his typewriter, mixed himself a drink and stepped onto a balcony and looked out at Malibu beach or something, I thought: That is the life for me!”

Boyds Verbindung mit Fleming und Bond ist weit reichend: Sein Vater machte ihn in den 1960ern mit Flemings Büchern bekannt und er las sie seit seinem elften Lebensjahr alle und wurde zum lebenslangen Fan (sein Lieblings-Roman ist FROM RUSSIA WITH LOVE). Er schrieb mehrere Essays über Fleming und machte ihn zur Schlüsselfigur in seinem Spionageroman ANY HUMAN HEART (2002). Für drei Bond-Darsteller schrieb er Drehbücher, bzw. adaptiert er seine Romane: Sean Connery in A GOOD MAN IN AFRICA, Pierce Brosnan in MR.JOHNSON und Daniel Craig in THE TRENCH (bei dem Boyd auch Regie führte). Unabhängig von seiner Freundschaft zu Craig nennt er Daniel Day-Lewis als den heute bestmöglichen Bond-Darsteller. Worüber sich streiten lässt, da Day-Lewis inzwischen zu alt sein dürfte.

Jedenfalls erfüllte sich für den Fleming-Fan ein Lebenstraum. Das merkte man ihm bei der Präsentation an und bei der weitergehenden PR-Arbeit für SOLO (u.a. schrieb er ein fiktives Interview für den „Guardian“, in dem er bei einer Zeitreise als Journalist James Bond besucht und befragt). Trotzdem gibt es erstes Gejammer: So verkaufte Boyd in der ersten Woche „nur“ etwa 10.000 Exemplare, während Sebastian Faulks von seinem Bond-Roman DEVIL MAY CARE 2008, also im Jahr des100.Geburtstages von Fleming und mit dem dementsprechenden Rummel im Rücken, in der ersten Woche 44.000 Bücher verkauft hatte.

Insgesamt hält Boyd aber von den Filmen längst nicht soviel wie von Flemings Romanen. Tatsächlich ist der Film-Bond im Vergleich zum literarischen Bond in einem puerilen Paralleluniversum daheim.

you-only-live-twice-james-bond-ian-flemming-book-cover[1]Ausgehend von Bonds Nachruf in der Times, den Fleming in YOU ONLY LIVE TWICE veröffentlicht hatte, entschied Boyd, seinen Roman 1969 anzusiedeln, beginnend mir Bonds einsamen 45.Geburtstag. Konsequent legt ihn Boyd an den späten Bond an, der sich nach dem Tod von Tracy nicht mehr richtig erholt hat. Nach seiner Rache an Blofeld, die ihn durch YOU ONLY LIVE TWICE trug, und der Gehirnwäsche durch die Russen, hatte sich 007 bereits bei Fleming verändert.
Bei Boyd ist Bond nachdenklicher und empathischer geworden, scheint seine Schicksalsschläge bewältigt zu haben. Aber er ist immer noch die alte Kampfmaschine und der überzeugte Genießer körperlicher Freuden. Bond war nie, wie Kingsley Amis schon festgestellt hatte, der Womanizer zu dem ihn die Filme gemacht haben. Er hatte sich fast immer über den Sex hinaus für seine Partnerinnen interessiert und immer wieder versucht, eine funktionstüchtige Beziehung aufzubauen. Was bekanntlich für Geheimagenten noch schwieriger ist als für Monteure im internationalen Außendienst. Kritiker hatten Fleming noch zu dessen Lebenszeit vorgeworfen, der Bond aus ON HER MAJESTY´S SECRET SERVICE sei nicht mehr der Bond aus CASINO ROYALE ODER MOONRAKER. Treffend bemerkt. Der Vorwurf fällt letztlich auf diese Kritiker zurück, die der Entwicklung einer Thriller-Figur nicht folgen wollen oder können. Es sind dieselben Idioten, die zwischen U- und E-Kultur unterscheiden.

„I think there’s good writing and bad writing. I think you can very easily distinguish between good writing and bad writing with a simple test: Just look at the number of stereotypes employed. Stereotypes of plots, stereotypes of characters, stereotypes of language; the more stereotypes there are, the worse the book. That’s my touchstone for evaluation. So, if you write well – and it doesn’t mean you have to write in a stylish way, but if you write well, and your characters are real, and your plots are ingenious, then I don’t see the distinction between literary fiction and genre fiction. Raymond Chandler is a superb writer of novels, John le Care is a very important contemporary novelist, but he happens to write spy novels and Chandler wrote detective novels. I think that if the writing is good then the genre is irrelevant. Many, many so called “literary” novelists have written a spy novel, me included – I’ve written two – Ian McEwan has written two, John Banville has written a spy novel. Joseph Conrad wrote two, Graham Greene wrote several. There’s absolutely no reason why, if you think of yourself as a literary novelist, you shouldn’t venture into a genre – just write as well as you can.”

Nur ungebildete, bürgerliche Feuielletonisten schreien heute noch begeistert in die Welt hinaus, dass sie nach Jahrzehnten des ungelenken Bemühens, die für sie schwierige Schullektüre endlich verstehen (wie unlängst etwa Georg Büchner, der vom medialen Messdiener Mattussek im SPIEGEL vermeintlich verstanden wurde – was keinesfalls gegen Büchner spricht).

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Für Boyd, der 1969 erstmals nach England kam und in Ghana und Nigeria aufwuchs, war es ein besonders intensives Jahr:

„…the thing about 1969 that I remember, and I was seventeen in 1969, was that it was the first time I came to London. I grew up in Africa and ’69 was my summer in London. I remember watching the moon shot in a horrible flat in Pimlico, I remember the music, and I remember the fashions. So, it was great for me to go back to my seventeen-year-old self and imagine the world I was going to put Bond in. There was a lot going on in ’69. It was a very interesting period, and of course London was also at the height of it’s “Swinging London” coolness. We think of the 60s and London, but actually “Swinging London” didn’t really begin until ’65, ’66. So, to think of Bond in London in ’69 is very intriguing. I can remember it vividly… going back to 1969 is blissful. There’s not even security checks at the airport. You can smoke everywhere! So, it was fun to time travel.”

Eine Zeit des Umbruchs. In der „ein intelligenter Mann wie Bond die gesellschaftlichen Veränderungen wahrnimmt“. Es war auch die Zeit der Gräuel des Biafra-Krieges, die Boyd sicherlich besonders intensiv wahrgenommen hat. Perverser Weise waren sowohl Briten wie Sowjets auf Seiten Nigerias um ihre Öl-Interessen zu sichern. Ein anderer großer Thriller-Autor, Frederick Forsyth, war zur selben Zeit als junger Kriegskorrespondent in Biafra und verlor seinen Job, weil er Partei für die Sezessionisten ergriffen hatte (Freddies erstes Buch war ein Sachbuch über den Biafra-Krieg).2358903[1]

Boyd greift in SOLO auf diesen Ölkrieg zurück, dem wir den schönen Begriff „Biafra-Kind“ verdanken (Boyd führt dieses Bild im Roman auf und deprimiert nicht nur den Leser, sondern auch 007); ein Synonym für verhungernde Kinder, die bereits verreckt sind, wenn ihre Fototos in den Verursacherländern für heuchlerische Betroffenheit sorgen. Boyd verschlüsselt Nigeria und Biafra mit fiktiven Ländernamen (Zamzarin und Dahum), folgt aber weitgehend den damaligen Realitäten. Bond kommt genau in den Moment ins fiktive Biafra, als ich die Fronten 1969 festgefressen hatten. „Ich muss meine Romane zeitlich und örtlich genau verankern. Egal, ob sie im Wien von 1914 oder auf den Philippinen 1902 spielen.“ Das bringt einen interessanten, neuen Aspekt in die Bond-Saga: Bisher hatte man 007 nur in reinen Kommando-Unternehmen gesehen, Boyd zeigt ihn in heißen Kriegshandlungen. Sowohl in Afrika, wie auch in Erinnerungen im 2.Weltkrieg.

Wenn Bond zum Autohändler geht um den damals, ich erinnere mich noch gut an dieses Geschoss, hoch geschätzten Jensen Interceptor zu begutachten, vermittelt Boyd dieselbe naive Freude an außergewöhnlicher Konsumtechnologie, die auch Fleming so faszinierend vermitteln konnte: Die kindliche Unschuld einer vergangenen, unbewussten Zeit, das kindliche bestaunen der Geschenke unterm Weihnachtsbaum.

Manchmal glaubt man den Meister selbst aus dem Grab zu hören, so genau trifft Boyd den amüsanten und arroganten Stil Flemings: „Bond hatte sich von den anderen abgesondert und ließ das drohende Chaos eines kleinen Landes auf sich wirken, das nach einer flüchtigen Phase der Selbstbehauptung dem Untergang geweiht war.“

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Boyd war nicht daran interessiert, Bond zu modernisieren oder akzeptabler für ein politisch korrektes Publikum zu machen. „Er ist ein Mann seiner Epoche. Er raucht und trinkt und macht alles, was der klassische Bond gemacht hat.“ Vom Film-Bond ist er so weit entfernt wie die TAGESSCHAU von politischer Analyse. Allerdings verzichtet Boyd auch auf den antiquierten Chauvinismus und gelegentlichen Rassismus, den man bei Fleming findet und der ihn so leicht angreifbar machte (dabei sollte man berücksichtigen, dass Fleming ein Kind seiner Zeit und seiner sozialen Schicht war).
Kommen wir zum Fazit:
Hat mich der neue Bond so gepackt wie ein Roman von Ian Fleming?

Nein.

Aber was man mit 13 Jahren liest, hat nun mal eine andere Durchschlagskraft, wie etwas, das man mindestens tausende Thriller später gelesen hat. Boyds Bond-Roman ist der Beste seit Kingsley Amis´ COLONEL SUN. Ihn unterscheiden Welten von dem Quatsch eines John Gardner oder Jeffrey Deaver. Boyd hat mir für ein paar Stunden etwas von meiner Kindheit zurück gegeben – was kein Bond-film schafft.

Endlich wurde für den deutschen Markt auch wieder mal ein Thriller übersetzt, der nicht zum Gähnen langweilig ist (worauf sich ja viele Verlage spezialisieren) und sogar das fast verdorrte Pflänzchen „männlicher Leser“ mit einem fiktionalen Text erreichen könnte.

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William Boyd: SOLO. Berlin Verlag, 2013; 365 Seiten; 19,99 Euro.
Blendend übersetzt von Patricia Klobusiczky.

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Die vier Vorsitzenden der “Anti-Hedonismus-Liga” diskutieren nicht den Roman von Boyd und kommen zu einem vernichtenden Urteil über Ian Fleming.
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Von links nach rechts: Hugo Drax, Rosa Klebb, Buonapart Ignace Gallia und Irma Bunt.




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