Martin Compart


NEWS: DIE ERSTEN E-BOOKS by Martin Compart
7. Januar 2012, 11:23 vormittags
Einsortiert unter: E-BOOKS, Keith Richards, NEWS, Rolling Stones, Sodom Kontrakt | Schlagwörter: , , ,

Meine ersten E-Books sind erschienen und bei Amazon im Kindle-Shop verfügbar. Es handelt sich um das lange vergriffene Buch über die Rolling Stones (überarbeitete Fassung) und den ersten Gill-Roman DER SODOM KONTRAKT.

http://www.amazon.de/gp/product/B006UJXY76

2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Eine Zeitreise mit den Rolling Stones unter:

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2000 LIGHTYEARS FROM HOME-Eine Zeitreise mit den Rolling Stones by Martin Compart
16. August 2010, 8:19 vormittags
Einsortiert unter: Bücher, Politik & Geschichte, Porträt, Rolling Stones | Schlagwörter: ,

Dieser Auszug stammt aus meinem Buch 2000 LIGHT YEARS FROM HOME – Eine Zeitreise mit den Rolling Stones. Eine erste Fassung wurde 2004 im Verlag Robsie Richter veröffentlicht und ist vergriffen. Die überarbeitete Neuauflage ist Bestandteil meines Buches 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – STONES,FAUSER & ANDERE VERBRECHEN. Essays zur populären Kultur.

1. DIE 60er JAHRE oder BEI ADOLF HÄTTE ES DAS NICHT GEGEBEN!

Wie war das noch mit den Fifties?
Mandolinen im Mondenschein, fette Wirtschaftsbosse im Daimler, die nur kurz innehielten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewundern, Halbpension in Rimini, singende Seemannsschwuchteln, Conny packte Peters vollgewichste Badehose ein, Streifenpolizisten wie bewaffnete Briefträger, alte Nazis, die den Krieg nicht wirklich verloren hatten und für die ein Käseigel der Gipfel des Hedonismus war. Amoralische Spießer krochen aus den Bombenlöchern, um das Wirtschaftswunder zu erfinden. Hoffnung gab nur die atomare Bedrohung. Blue Jeans und Lederjacken waren Werkzeuge des Teufels, und Rock’n’ Roll war seine Musik. Das Land gehörte weiterhin den Kreaturen, die die Barbarei wissenschaftlich gemacht hatten. Die Bundesrepublik war nicht die Nachfolgerin der Weimarer, sondern der Friedhof des 3.Reichs, auf dem die Zombies tanzten.

2000 Lightyears from home

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In den Staaten hatte 1956 der Reverend John Carroll von der Erzdiözese Boston früh und weitsichtig erkannt, welche Gefahren von dieser Stimmungsmusik um Radkappen zu stehlen ausgeht: „Der Rock´n´Roll entflammt und erregt die Jugend wie Dschungeltrommeln, die Krieger zum Kampf aufrufen und vorbereiten. Ein falsches Wort, ein Missverständnis, und alles geht in Flammen auf. Die zweideutigen Texte dieser Musik sind Angelegenheit der Gerichte und der Polizei.“ Viele Bibel feste Amerikaner standen ihm zur Seite. Aufrechten Amerikaner wie Disc-Jockey Dick Whittingill vom Los Angeleser Sender KSFR (Ich wurde meine Sucht nach Junk-Musik los, indem ich KSFR zuhörte.) hinter sich: „Nein, ich werde WHITE CHRISTMAS von Elvis nicht spielen. Das wäre, als überreichte Tempest Storm meinen Kindern die Weihnachtsgeschenke.“ Man wurde in der Not als Jugendlicher nicht alleine gelassen. Man bekam wertvolle Tipps. Etwa in CONTACTS, der Zeitung des Catholic Youth Center: „Vernichte die Platten, die du besitzt, wenn sie heidnische Kultur und heidnische Lebensweise repräsentieren. Überprüfe vorher, welche Platten bei einer Hausparty oder einem Schulfest gespielt werden sollen… Rufe einen DJ an oder schreibe ihm, wenn er lausige Platten vorstellt. Schalte dein Radio aus oder suche eine andere Station, wenn du anzügliche Songtexte hörst.“ Aber irgendwie kriegten sie es nicht hin, dass Elvis annulliert wurde. Stattdessen löste sich der Respekt der Jugendlichen vor den Weltkriegsveteranen in der Säure des Rock´n´Roll auf. Im selben Jahr meinte Mitch Miller: „Es gibt keine Platte, die einem Kind mehr zufügen kann, als dessen Elternhaus schon getan hat.“ Was für ein dreckiger Roter!
Dann begannen die Sixties: Der Rock’n’ Roll war nicht ganz tot, aber sauber kastriert. Legionen von Rickys, Johnnys und Frankies belagerten die Hit-Paraden und sangen saubere Lieder für saubere Teenager mit sauberen Tampons. Es war das Niemandsland zwischen Elvis und den Beatles, das Schwarze Loch der Pop-Musik (das in dieser Zeit eine Menge hervorragende Musik gemacht wurde, gehört nicht hierher). Die letzte Rebellion war gezähmt und die nächste noch nicht in Sicht, die 50er noch nicht zu Ende und die 60er noch nicht gestartet. Fröhlichkeit und Langeweile warfen bleiche Schatten. Picknicks, Autokinos, Milchbars, Dates, Kirmes, Telefonorgien. Keine Trendgurus, keine Rock-Lexika, keine Fachleute, die einem halfen, die Vergangenheit zu interpretieren, die Gegenwart zu reflektieren oder die Zukunft des Pop zu prognostizieren. Es gab nicht mal Pop-Radio. Der endlos lange cruel summer der Teenager. Politisches Vakuum. Das große Nichts…

“Rock’n'Roll erwischte England wie die Bombe von Hiroshima”, sagte Keith. Dann kamen die Beatles und Europas Teenager begannen durchzudrehen; 1963. 1964 kehrte der Rock in die USA zurück mit der großen British Invasion: Alle englischen Bands wurden von Bomber Harris in ein Flugzeug in die Staaten gesetzt und zerbombten die US-Hitparaden. Mit Gitarren wie Kalaschnikovs schossen die Brit-Bands den Frankies & Rickys die Eier weg. Die Kulturrevolution trat in die entscheidende Phase.

.All der Hass auf die Welt und ihren Nachwuchs ergoss sich nun über die Rolling Stones, die noch schmutziger als ein Stripklub waren. EVENING STANDARD vom 21.3.64: “Sie haben in der Musikszene Schreckliches angerichtet; sie haben sie an die acht Jahre zurückgeworfen. Als wir unsere Popsänger gerade soweit hatten, dass sie alle sauber, ordentlich und nett aussahen, da kamen die Stones daher und sahen aus wie Beatniks. Sie haben das Image der Popsänger der sechziger Jahre ruiniert.” Und zur ersten Australien-Tournee stellte der SYDNEY MORNING HERALD fest: “Ein unverhohlen sexueller Akt, auf den die keuschen Beatles unsere zarten Teenager nicht vorbereitet hatten.”
Die fett gewordenen Weltkriegsveteranen und Wirtschaftswunderspießer wussten genau, wie man mit solchen Burschen verfahren musste: Erst mit dem Schlauch abspritzen und dann erschießen. Liberalere Geister erwogen noch Arbeitsdienst oder ein paar Monate in einem gut geführten KZ. Sie hatten es aber auch verdammt schwer. Erst mal kam diese verdammte Anti-Babypille, die Frauen angstfreien Sex garantierte. „Die Pille verautomatisiert die Liebe und versaut die Moral.“ Unterstützt wurde diese Schweinerei noch durch die Mode. „Die Mini-Mode ist so aufreizend, dadurch kommen so viele Sexualverbrechen.“ Gut erzogene Frauen waren ebenfalls nicht begeistert und verstanden die Qualen ihrer rotgesichtigen Ehemänner: „Manche haben nur ein paar Fetzen dran, da kann man den ganzen Hintern sehen. Und da sollen die Männer nicht verrückt werden?“
Die Stones waren fast so schlimm wie Pille und Minirock („Denen verdanken wir das doch! Das ging los mit langen Haaren und Affenmusike.“).
Außerdem hörte, sah und las man, was bei den Konzerten dieser Beknackten (“Die nennen das Konzert!”) so abging:


“Die spastischen Bewegungen des Bruders, Märtyrers und Gottes auf der Bühne pflanzen sich wie eine Welle durch die Bankreihen des Saales fort. Immer zwingender wird der Rhythmus, immer hektischer werden die Bewegungen im Saal. Hier und da springen die Burschen auf, reißen sich die Hemden vom Körper; ihre stumpfen Augen lassen nicht erkennen, ob sie die Umwelt noch wahrnehmen, nur der Über-Rhythmus scheint sie noch voranzutreiben. Man hat das Gefühl, als ob man den Riten irgendeines obskuren Stammes von Wilden beiwohnt, dessen Kommunikationsmittel einem unbegreiflich bleiben. Ein erwachsener Mensch kann sich regelrecht fürchten. Zu recht forderten Würdenträger der römisch-katholischen Kirche den Boykott der `beleidigenden Musik’. In den Straßen geht der Veitstanz weiter. Erst kurz vor Mitternacht sind die letzten grölenden Gruppen verstreut.”
Jugendliche brüllten auf Stones-Konzerten wie Bauerntölpel, deren Gehänge sich im Stacheldraht verfangen haben.

Jetzt begann ich, was in der Familie hysterische Weinkrämpfe und Exekutionsdrohungen auslöste (“Du wirst von der Schule genommen und gehst zur Müllabfuhr.”), BRAVO zu lesen. Damals ein wirklich obszönes Blatt, das Marie Versini oder Elke Sommer im Bikini zeigte und schamlos über erste Zungenküsse berichtete (“Kriege ich jetzt ein Kind?”). Ich konnte mich gerade noch damit rausreden, dass ich den Pierre-Brice-Starschnitt sammelte und wegen Winnetou und Old Shatterhand dieses sittlich desorientierende Magazin in die Hand nähme. Mit einer Erinnerung von Pierre Brice über seine Zeit in Indochina im Kampf gegen die Viets konnte man sogar bei den männlichen Autoritäten milde Hoffnung erwecken (“Steht nicht nur Mist drin.”). DER LANDSER hatte eben keinen Winnetou-Starschnitt. Natürlich war die BRAVO längst auf die üblich anscheißerische und abwiegelnde Art auf den Zug aufgesprungen und berichtete – anfangs durchaus verdattert – über Jagger & Co: “Sie haben die längsten Haare und den härtesten Beat.” Gut waren immer die Prognosen: “Rolling Stones verspielen Weltkarriere. Bald will sie keiner mehr hören.” Über die KINKS textete BRAVO mal: “Für viele sind sie hinter BEATLES und ROLLING STONES schon die große Nummer Drei!” Aber der Abschuss war ein Interview mit Brian Jones in LUPO MODERN:
FRAGE: Wer sind die besten Sänger?
JONES: Ganz klar die Italiener. Denen liegt das Singen so im Blut wie uns Engländern das gute Benehmen.
Neben Berichten über Beat-Musik und wie der alte Pierre im Dschungel von Asien aufgeräumt hatte, gab es zum Glück in BRAVO noch genug anderen Mist, auf den man sich rausreden konnte: Jeden Tag übt Hugh O’Brian (Wyatt Earp) vor dem Spiegel das schnelle Ziehen. Da lernte man was fürs Leben.
In der Penne tobte indes das vereinigte Lehrerkollegium gegen Beat-Musik (“Macht aggressiv, taub und verblödet.”) und Comics (“Machen aggressiv, blind und verblöden.”) – Stichwort Tornisterkontrolle. Samstags dann Bücherverbrennung, wo man einen Schwung edler Wäscher-Comics gegen ein pädagogisch wertvolles Jugendbuch eintauschen konnte. Zum Beispiel H.V.Pahlen: DER PAVIANEXPRESS mit den schönen Zeilen: Wenn der Neger erstmal das Morden anfängt, hört er so schnell nicht auf. Dann konnte man zusehen, wie ein Berg voller Comics (wo bekamen die die Hefte bloß immer her? Ich kannte keinen, der seine AKIMs abgegeben hätte) in Flammen aufging. Jeder Generation ihre Bücherverbrennung. Manchmal versuchte man sogar ein Himmelfahrtskommando, auf das Skorzeny oder Sepp Dietrich stolz gewesen wären: Man robbte sich an den Scheiterhaufen, um ein paar (fehlende) Hefte zu klauen. Erwischten sie einen, wurde man mitverbrannt.

Bevor der ganze 68er-Terror losbrach, hatten sich die Stones erstmal ihren Ritterschlag zum Bürgerschreck Nr.1 geholt: Sie wurden vor Gericht gestellt und mussten ein paar Tage in den Knast, weil man sie mit Dope erwischt hatte – Jagger, Richards und Jones. Die Nummer auf Keith Richards Landsitz mit dem mythischen Marsriegel. In jeder guten Stones-Biographie ausführlich nachzulesen. Man hatte die Party erst gesprengt, als sich die anwesenden Beatles verdrückt hatten. „Weißt du, das ist der Unterschied zwischen den Beatles und den Rolling Stones: Die Stones werden verhaftet, wenn die Beatles gegangen sind“, brachte es George Harrison auf den Punkt. Im Gefängnis von Brixton schrieb Jagger 2000 LIGHT YEARS FROM HOME. Kein Trost, aber immerhin war er hinter Gittern. Das ließ die Spießer frohlocken: “Dann ist der Spuk ja bald vorbei. Gibt es in England noch die Todesstrafe? Hoffentlich kriegen sie lebenslänglich.” Aber auch Verzweiflung: “Nicht nur diese Haare und diese scheußliche Musik, sie nehmen auch Drogen. Sie sind Vorbilder und hauen sich die Hucke voll mit Drogen! Kein Wunder, dass sie auf ihren Instrumenten nicht richtig spielen. Jetzt gehören sie aber wirklich eingesperrt. Nur zu ihrem Besten. Damit sie zur Vernunft kommen.” Mütter weinten um ihre Kinder, die in kurzer Zeit im Straßengraben enden würden (dann doch lieber zur Müllabfuhr). Verzweifelte Spießer entrollten in Berlin auf einer riesigen Anti-Studentenunruhen-Demonstration ein Plakat mit ihrem epochalen Statement: WIR WOLLEN UNSERE RUHE HABEN! Wie war es im Knast, Keith? “Mir sagt weder die Unterbringung noch die Mode auch nur im Geringsten zu. Ich mag etwas mehr Platz und eine separate Toilette; ich hasse es, wenn man mich aufweckt. Gefängnis bringt’s einfach nicht.”
Also ging wieder die Kontrolle los. Statt nach TIBOR oder NICK wurde nach Drogen gefahndet. “Was hast du da in der Tasche? Ach, nur Silberpapier vom Kaugummi. Zeig die Pupillen!” Die waren immer zu groß oder zu klein.
NEUE REVUE, BILD und QUICK bildeten die alte Generation zu Haschhunden und Experten für freie Liebe aus (Komische Gerüche im Kinderzimmer?).
’67 dann der nächste Raubzug durch das Wirtschaftswunderland. Wieder begleitet von großartigem Journalismus! ACHIMER KREISBLATT: “Die neueste, fast tragisch-komische Offenbarung der Rolling Stones auf die Frage, was sie nach dem Ende des Beat-Booms zu tun gedächten: `Wir werden alle wieder Diebe’.” BRAVO: “Den Rolling Stones kann keiner helfen. Ist ihre Zukunft im Qualm der Marihuana-Zigaretten aufgegangen?” WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU: “Sie sehen allesamt aus wie Frankensteins kleine Brüder. Es sind keine Jungen, denen Mütter ihre Töchter anvertrauen möchten. Ungeniert tragen sie ihre Wünsche vor: Let’s spend the night together.”
Und nun setzte sich auch noch die Langspielplatte durch. Keine Singles mehr, deren Schrecken nach vier Minuten erledigt war. Jetzt musste man eine ganze halbe Stunde oder länger das Gedröhn in verschiedenen Variationen hören. Der Erfolg der LP basierte in erster Linie darauf, dass man nicht mehr dauernd neue Platten auflegen musste, wenn man bekifft in der Ecke lag.




NEWS: TIERDIEBSTAHL UND ESSAYS ZUR POPULÄREN KULTUR by Martin Compart

Alexandra und ihre Mitkämpfer haben ein neues Forum gegründet, dass ich allen ans Herz lege, die Kriminalität gegen Tiere nicht unberührt lässt. Zwar ursprünglich für den süddeutschen Raum, deckt es jetzt jeden Postleitzahlenbereich ab:
www.pit.community4um.de/

Nun ist es endlich lieferbar: Mein erstes Book on Demand: 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Stones, Fauser und andere Verbrecher. Essays zur populären Kultur. Neben dem überarbeiteten Buch EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES enthält es längere Aufsätze und Essays zu Jean-Pierre Melville, Jörg Fauser, Krays u. Chandler. Es hat 256 Seiten und kostet 16,90 Euro. Die zu machenden Erfahrungen werden mir sicherlich Erkenntnisse über diesen neuen Publikationsmarkt ermöglichen. Aber sicherlich ist es was völlig anderes, ob man ein special interest-Produkt anbietet, als in dieser Form einen Roman zu veröffentlichen.

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JÖRG FAUSERS “SCHLANGENMAUL” 1/ by Martin Compart

Der komplette Text ist in meinem Essayband 2000 LIGHTYEARS FROM HOME zu finden.

Drei Tage vor dem Bruce-Springsteen-Konzert 1981
war ich auf Speed gegangen und hatte bei meiner Brandrodung
durch München einen neuen Rekord im Deckelmachen aufgestellt.
Noch Jahre später quälten mich Alpträume, in denen
ich nach München entführt wurde, um meine Deckel zu zahlen.
Nachts vor dem Konzert konnte ich nicht pennen. Das
Speed glühte nach. Da war doch noch dieses Buch, das ich
seit ’ner Weile lesen wollte: Marlon Brando von Fauser. Ein
bißchen was hatte ich von dem Typen schon im Stadtmagazin
Tip gelesen. Ich knallte es mir rein und konnte nicht
fassen, wie gut es war. Ich war elektrisiert und nahm mir fest
vor, Fauser kennenzulernen. Irgendwo hatte ich gelesen, daß
er in München wohnte. Später stellte sich heraus, daß wir in
München zur selben Zeit in dieselben Kneipen gegangen
waren. Wir hatten vielleicht am selben Tresen gestanden,
ohne ins Gespräch zu kommen. Weißbierkeller, Blaue Nacht,
rund um den Viktualienmarkt, das Glockenbachviertel …
Wahrscheinlich waren wir in denselben Nachtvorstellungen,
um französische Gangsterfilme zu sehen.

»Warum hast du mich nicht mal angerufen? Das haben andere
auch gemacht«, fragte mich Jörg später.
»Erstens habe ich mich das nicht getraut, zweitens hättest
du mich garantiert abserviert.«
»Nicht unbedingt.«
»Nee, nicht unbedingt.«

Trotz der durchlesenen Nacht, mit ordentlich Filz im
Maul, ging ich zu Springsteen in die Olympia-Halle. Damals
war er noch in Hochform, noch ein Geheimtip. Es war eines
der besten Konzerte meines Lebens. Als sie ihm um Mitternacht
den Strom abstellten und die Halle erleuchteten, machte er einfach akustisch weiter. Keiner hatte schlechte Laune nach dem Konzert.

Der Ullstein-Job brachte mich Mitte 82 nach Berlin. Die gelben Ullstein-Krimis las ich seit der Vorpubertät, seitdem ich eine Kiste mit diesen unglaublichen Taschenbüchern unterm Bett meiner Mutter gefunden hatte. Es war immer
meine Lieblingsreihe gewesen, und jetzt war ich ihr Herausgeber.
Daß man dafür noch bezahlt wurde, war, als würde man Kohle dafür kriegen, Joschka Fischer, Gerhard Schröder oder Schäuble in die Eier zu treten.

Tip-Chefredakteur Werner Mathes hatte ich schon persönlich
getroffen, aber Jörg noch nicht. Es muß Anfang August
82 gewesen sein, als Mathes mich zu einer Gaststätte bestellte,
um über den Literatur-Tip zur Buchmesse zu sprechen.
Themenschwerpunkt: Kriminalliteratur. Es war ein scheißheißer
Tag, und im Büro frittierte ich im eigenen Schweiß.
Mit einem Taxi durch das brütende Berlin zum Fronteinsatz.
Vor der Gaststätte saßen zwei Stoiker und tranken bei 30°im
Schatten Whisky. Mathes stellte Fauser und mich einander
vor. Fauser war cool und skeptisch. Der Kellner kam, um
meine Bestellung aufzunehmen. Whisky. Fauser grinste. Ich
konnte kein ganz Schlechter sein, wenn ich bei diesen Temperaturen
harte Sachen trank.

Zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, daß ich es den
zwei Stoikern Fauser und Mathes zu verdanken hatte, bei
Ullstein zum Vorstellungsgespräch geladen worden zu sein.

FORTSETZUNG FOLGT



Rolling Stones – Auszug by Martin Compart
9. März 2009, 9:21 vormittags
Einsortiert unter: Bücher, Politik & Geschichte, Porträt, Rolling Stones, TV | Schlagwörter: , , , , ,

Dieser Auszug stammt aus meinem Buch 2000 LIGHT YEARS FROM HOME – Eine Zeitreise mit den Rolling Stones. Eine erste Fassung wurde 2004 im Verlag Robsie Richter veröffentlicht und ist vergriffen. Die überarbeitete Neuauflage ist Bestandteil meines Buches 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – STONES,FAUSER & ANDERE VERBRECHEN. Essays zur populären Kultur.

1. DIE 60er JAHRE oder BEI ADOLF HÄTTE ES DAS NICHT GEGEBEN!

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Wie war das noch mit den Fifties?
Mandolinen im Mondenschein, fette Wirtschaftsbosse im Daimler, die nur kurz innehielten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewundern, Halbpension in Rimini, singende Seemannsschwuchteln, Conny packte Peters vollgewichste Badehose ein, Streifenpolizisten wie bewaffnete Briefträger, alte Nazis, die den Krieg nicht wirklich verloren hatten und für die ein Käseigel der Gipfel des Hedonismus war. Amoralische Spießer krochen aus den Bombenlöchern, um das Wirtschaftswunder zu erfinden. Hoffnung gab nur die atomare Bedrohung. Blue Jeans und Lederjacken waren Werkzeuge des Teufels, und Rock’n’ Roll war seine Musik. Das Land gehörte weiterhin den Kreaturen, die die Barbarei wissenschaftlich gemacht hatten. Die Bundesrepublik war nicht die Nachfolgerin der Weimarer, sondern der Friedhof des 3.Reichs, auf dem die Zombies tanzten.
In den Staaten hatte 1956 der Reverend John Carroll von der Erzdiözese Boston früh und weitsichtig erkannt, welche Gefahren von dieser Stimmungsmusik um Radkappen zu stehlen ausgeht: „Der Rock´n´Roll entflammt und erregt die Jugend wie Dschungeltrommeln, die Krieger zum Kampf aufrufen und vorbereiten. Ein falsches Wort, ein Missverständnis, und alles geht in Flammen auf. Die zweideutigen Texte dieser Musik sind Angelegenheit der Gerichte und der Polizei.“ Viele Bibel feste Amerikaner standen ihm zur Seite. Aufrechten Amerikaner wie Disc-Jockey Dick Whittingill vom Los Angeleser Sender KSFR (Ich wurde meine Sucht nach Junk-Musik los, indem ich KSFR zuhörte.) hinter sich: „Nein, ich werde WHITE CHRISTMAS von Elvis nicht spielen. Das wäre, als überreichte Tempest Storm meinen Kindern die Weihnachtsgeschenke.“ Man wurde in der Not als Jugendlicher nicht alleine gelassen. Man bekam wertvolle Tipps. Etwa in CONTACTS, der Zeitung des Catholic Youth Center: „Vernichte die Platten, die du besitzt, wenn sie heidnische Kultur und heidnische Lebensweise repräsentieren. Überprüfe vorher, welche Platten bei einer Hausparty oder einem Schulfest gespielt werden sollen… Rufe einen DJ an oder schreibe ihm, wenn er lausige Platten vorstellt. Schalte dein Radio aus oder suche eine andere Station, wenn du anzügliche Songtexte hörst.“ Aber irgendwie kriegten sie es nicht hin, dass Elvis annulliert wurde. Stattdessen löste sich der Respekt der Jugendlichen vor den Weltkriegsveteranen in der Säure des Rock´n´Roll auf. Im selben Jahr meinte Mitch Miller: „Es gibt keine Platte, die einem Kind mehr zufügen kann, als dessen Elternhaus schon getan hat.“ Was für ein dreckiger Roter!
Dann begannen die Sixties: Der Rock’n’ Roll war nicht ganz tot, aber sauber kastriert. Legionen von Rickys, Johnnys und Frankies belagerten die Hit-Paraden und sangen saubere Lieder für saubere Teenager mit sauberen Tampons. Es war das Niemandsland zwischen Elvis und den Beatles, das Schwarze Loch der Pop-Musik (das in dieser Zeit eine Menge hervorragende Musik gemacht wurde, gehört nicht hierher). Die letzte Rebellion war gezähmt und die nächste noch nicht in Sicht, die 50er noch nicht zu Ende und die 60er noch nicht gestartet. Fröhlichkeit und Langeweile warfen bleiche Schatten. Picknicks, Autokinos, Milchbars, Dates, Kirmes, Telefonorgien. Keine Trendgurus, keine Rock-Lexika, keine Fachleute, die einem halfen, die Vergangenheit zu interpretieren, die Gegenwart zu reflektieren oder die Zukunft des Pop zu prognostizieren. Es gab nicht mal Pop-Radio. Der endlos lange cruel summer der Teenager. Politisches Vakuum. Das große Nichts…

Als E-Book erhältlich bei: http://www.amazon.de/2000-LIGHTYEARS-HOME-Zeitreise-ebook/dp/B006UJFVUO/ref=sr_1_4?ie=UTF8&qid=1325934716&sr=8-4

All der Hass auf die Welt und ihren Nachwuchs ergoss sich nun über die Rolling Stones, die noch schmutziger als ein Stripklub waren. EVENING STANDARD vom 21.3.64: “Sie haben in der Musikszene Schreckliches angerichtet; sie haben sie an die acht Jahre zurückgeworfen. Als wir unsere Popsänger gerade soweit hatten, dass sie alle sauber, ordentlich und nett aussahen, da kamen die Stones daher und sahen aus wie Beatniks. Sie haben das Image der Popsänger der sechziger Jahre ruiniert.” Und zur ersten Australien-Tournee stellte der SYDNEY MORNING HERALD fest: “Ein unverhohlen sexueller Akt, auf den die keuschen Beatles unsere zarten Teenager nicht vorbereitet hatten.”
Die fett gewordenen Weltkriegsveteranen und Wirtschaftswunderspießer wussten genau, wie man mit solchen Burschen verfahren musste: Erst mit dem Schlauch abspritzen und dann erschießen. Liberalere Geister erwogen noch Arbeitsdienst oder ein paar Monate in einem gut geführten KZ. Sie hatten es aber auch verdammt schwer. Erst mal kam diese verdammte Anti-Babypille, die Frauen angstfreien Sex garantierte. „Die Pille verautomatisiert die Liebe und versaut die Moral.“ Unterstützt wurde diese Schweinerei noch durch die Mode. „Die Mini-Mode ist so aufreizend, dadurch kommen so viele Sexualverbrechen.“ Gut erzogene Frauen waren ebenfalls nicht begeistert und verstanden die Qualen ihrer rotgesichtigen Ehemänner: „Manche haben nur ein paar Fetzen dran, da kann man den ganzen Hintern sehen. Und da sollen die Männer nicht verrückt werden?“
Die Stones waren fast so schlimm wie Pille und Minirock („Denen verdanken wir das doch! Das ging los mit langen Haaren und Affenmusike.“).
Außerdem hörte, sah und las man, was bei den Konzerten dieser Beknackten (“Die nennen das Konzert!”) so abging:


“Die spastischen Bewegungen des Bruders, Märtyrers und Gottes auf der Bühne pflanzen sich wie eine Welle durch die Bankreihen des Saales fort. Immer zwingender wird der Rhythmus, immer hektischer werden die Bewegungen im Saal. Hier und da springen die Burschen auf, reißen sich die Hemden vom Körper; ihre stumpfen Augen lassen nicht erkennen, ob sie die Umwelt noch wahrnehmen, nur der Über-Rhythmus scheint sie noch voranzutreiben. Man hat das Gefühl, als ob man den Riten irgendeines obskuren Stammes von Wilden beiwohnt, dessen Kommunikationsmittel einem unbegreiflich bleiben. Ein erwachsener Mensch kann sich regelrecht fürchten. Zu recht forderten Würdenträger der römisch-katholischen Kirche den Boykott der `beleidigenden Musik’. In den Straßen geht der Veitstanz weiter. Erst kurz vor Mitternacht sind die letzten grölenden Gruppen verstreut.”
Jugendliche brüllten auf Stones-Konzerten wie Bauerntölpel, deren Gehänge sich im Stacheldraht verfangen haben.




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