Martin Compart


WEISE WORTE: “Der Spiegel” über “The Mick” von Martin Compart
20. Juli 2012, 9:56 vormittags
Einsortiert unter: Deutsches Feuilleton, Mickey Spillane, Weise Worte | Tags:

In Amerika, wo Spillanes grimmige Ergüsse in der “Signet”-Taschenbuchreihe (Motto: “Das gute Buch für jedermann”) erscheinen, wurden Hochschullehrer genau so wie Hausfrauen von der Hammer-Manie befallen. Kein Grad der Bildung schützt davor, denn er injiziert seine kannibalistische Sex-Soße mit teuflischer Treffsicherheit genau an dem Punkt, wo bei jedem gesetzesfürchtigen Bürger der Höhlenmenschen-Instinkt sitzt, eingesperrt in den Kerker der Konventionen, doch keineswegs verkümmert…
“Von Conant und Homer kann ich ja schließlich nicht leben”, entschuldigt sich Kurt Enoch, der aus Hamburg nach den USA ausgewanderte Verleger Spillanes, wie alle seine Kollegen aus der Branche, die glauben, sie könnten das gute Buch retten, indem sie schlechte verkaufen und sich dabei wie Retter der Kultur vorkommen…

Mickey Spillane, der hochbezahlte 35jährige Barbar mit Frau, zwei Kindern und einem Häuschen auf dem Land, ist stolz darauf, daß er eine Menge altmodischer Hemmnisse niedergewalzt hat – einschließlich des Zwanges, wenigstens grammatikalisch einwandfrei schreiben zu müssen. Als die Kritikerin Edith Walton ihm in einer Radio-Unterhaltung nachwies, daß er seine Foltermethoden auch gegen die Regeln der englischen Sprache anwende, erwiderte er: “Für das Geld, das ich mache, ermorde ich die Grammatik nicht nur: ich trample noch auf ihrer Leiche herum.”

Er (Mike Hammer)hat ein Gesicht, das eine Sonnenuhr zum Stillstand bringen würde, den Körper eines polnischen Hochofen-Stokers und das ethische Bewußtsein eines betrunkenen Kopfjägers. Er rast in einem hochgekitzelten Mercury-Wagen herum, ein selbsternannter Asphalt-Erzengel mit zwei Pistolen und dem sexuellen Appetit eines Eisenbahnwaggons voll griechischer Satyrn.
Wie Hammer es ausdrückt: “Holt die großen Bonzen und zeigt ihnen den langen Weg ins Nichts….

(aus DER SPIEGEL Nr.36/1953)



NOIR FRAGEN AN TOM TORN von Martin Compart

Thomas Griffith Torn III. wurde am 26. August 1937 in Brooklyn, New York, als Sohn von Edwin Torn und Selma Torn geboren. Der Vater war Journalist, die Mutter versuchte sich als Malerin. Ihre Bilder befinden sich heute im Marvin Dobb Museum in Brooklyn.
Torn fing bereits im frühen Alter an zu schreiben. Seine ersten Arbeiten reichte er bei diversen Magazinen ein. Nach Ablehnung der Arbeiten versuchte er sich als Journalist.

Er ließ sich von seinem Vater finanziell unterstützen und arbeitete an seinem ersten Roman „Calling Wilde“ (dt. “Jenseitsmusik”). Er brach die Arbeiten an dem Roman immer wieder ab. Der Erfolg für ihn kam 1970 mit der Veröffentlichung von „Jenseitsmusik“. Der Roman wurde in Auszügen im „New Yorker“ vorab gedruckt.
Zu Torn: http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Torn

Berufungen neben dem Schreiben?
Trinken

Film in Deinem Geburtsjahr?
Dead End

Was steht im Bücherschrank?
Zu viel, was ich endlich in den Mülleimer befördern müsste. Übrig blieben dann noch Jim Thompson, Ed Harlan, Hammett, Chandler, Spillane, Woolrich, einige Sachen von Hemingway

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Armitage Trails „Scarface“

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Der ständig abgebrannte Privatdetektiv. Erinnert mich an mein Leben.

Ein paar Film noir-Favoriten?
Der kleine Cäsar, The Public Enemy, Scarface

Und abgesehen von Noirs?
Scheiße! Da gibt es nichts.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Ich kann Cops nicht ausstehen. Und dann noch diese verfluchten Blondinen, die den Helden ständig in die Scheiße reiten wollen. Es gibt eine Menge Bastarde, die es verdient hätten. Schätze, das würde ein verfluchtes Massaker werden.

Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Ich wäre der Bogart-Typ. Ständig abgebrannt. Eine Kippe im Maul. Einen Drink in der Hand.

2. Und der Spitzname dazu?
Ein solcher Typ hat keinen Spitznamen. Und wenn du ihm doch einen verpasst, dann hast du ein echtes Problem.
3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Dashiell Hammett

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?
„Hast du dich schon mal im Spiegel angesehen? Wenn ich deine Fresse mit meinem Totschläger aufbereitet habe, wirst du deutlich mehr Chancen bei den Frauen haben.“

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Schwarzweiß!

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Adolph Deutsch

7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Barbara Stanwyck

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
In einem gestohlenen Polizeiwagen.

9. Und mit welcher Bewaffnung?
Thompson-Maschinengewehr

10. Buch für den Knast?
Verflucht. Was will ich da mit einem Buch? Ich nehme alles von Woolrich und Spillane mit

11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Ihr könnt mich alle mal …



JÖRG FAUSERS “SCHLANGENMAUL” 1/ von Martin Compart

Der komplette Text ist in meinem Essayband 2000 LIGHTYEARS FROM HOME zu finden.

Drei Tage vor dem Bruce-Springsteen-Konzert 1981
war ich auf Speed gegangen und hatte bei meiner Brandrodung
durch München einen neuen Rekord im Deckelmachen aufgestellt.
Noch Jahre später quälten mich Alpträume, in denen
ich nach München entführt wurde, um meine Deckel zu zahlen.
Nachts vor dem Konzert konnte ich nicht pennen. Das
Speed glühte nach. Da war doch noch dieses Buch, das ich
seit ’ner Weile lesen wollte: Marlon Brando von Fauser. Ein
bißchen was hatte ich von dem Typen schon im Stadtmagazin
Tip gelesen. Ich knallte es mir rein und konnte nicht
fassen, wie gut es war. Ich war elektrisiert und nahm mir fest
vor, Fauser kennenzulernen. Irgendwo hatte ich gelesen, daß
er in München wohnte. Später stellte sich heraus, daß wir in
München zur selben Zeit in dieselben Kneipen gegangen
waren. Wir hatten vielleicht am selben Tresen gestanden,
ohne ins Gespräch zu kommen. Weißbierkeller, Blaue Nacht,
rund um den Viktualienmarkt, das Glockenbachviertel …
Wahrscheinlich waren wir in denselben Nachtvorstellungen,
um französische Gangsterfilme zu sehen.

»Warum hast du mich nicht mal angerufen? Das haben andere
auch gemacht«, fragte mich Jörg später.
»Erstens habe ich mich das nicht getraut, zweitens hättest
du mich garantiert abserviert.«
»Nicht unbedingt.«
»Nee, nicht unbedingt.«

Trotz der durchlesenen Nacht, mit ordentlich Filz im
Maul, ging ich zu Springsteen in die Olympia-Halle. Damals
war er noch in Hochform, noch ein Geheimtip. Es war eines
der besten Konzerte meines Lebens. Als sie ihm um Mitternacht
den Strom abstellten und die Halle erleuchteten, machte er einfach akustisch weiter. Keiner hatte schlechte Laune nach dem Konzert.

Der Ullstein-Job brachte mich Mitte 82 nach Berlin. Die gelben Ullstein-Krimis las ich seit der Vorpubertät, seitdem ich eine Kiste mit diesen unglaublichen Taschenbüchern unterm Bett meiner Mutter gefunden hatte. Es war immer
meine Lieblingsreihe gewesen, und jetzt war ich ihr Herausgeber.
Daß man dafür noch bezahlt wurde, war, als würde man Kohle dafür kriegen, Joschka Fischer, Gerhard Schröder oder Schäuble in die Eier zu treten.

Tip-Chefredakteur Werner Mathes hatte ich schon persönlich
getroffen, aber Jörg noch nicht. Es muß Anfang August
82 gewesen sein, als Mathes mich zu einer Gaststätte bestellte,
um über den Literatur-Tip zur Buchmesse zu sprechen.
Themenschwerpunkt: Kriminalliteratur. Es war ein scheißheißer
Tag, und im Büro frittierte ich im eigenen Schweiß.
Mit einem Taxi durch das brütende Berlin zum Fronteinsatz.
Vor der Gaststätte saßen zwei Stoiker und tranken bei 30°im
Schatten Whisky. Mathes stellte Fauser und mich einander
vor. Fauser war cool und skeptisch. Der Kellner kam, um
meine Bestellung aufzunehmen. Whisky. Fauser grinste. Ich
konnte kein ganz Schlechter sein, wenn ich bei diesen Temperaturen
harte Sachen trank.

Zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, daß ich es den
zwei Stoikern Fauser und Mathes zu verdanken hatte, bei
Ullstein zum Vorstellungsgespräch geladen worden zu sein.

FORTSETZUNG FOLGT



PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie von Martin Compart von Martin Compart
21. April 2009, 8:23 vormittags
Einsortiert unter: Bücher, Film, Noir, Noir-Theorie, Politik & Geschichte | Tags: , ,

Was man in der romanischen und angelsächsischen Welt unter noir in bildender Kunst, Literatur oder Film versteht, spiegelt alles das wieder, was uns ängstigt. Ängste, die direkt aus dem Zustand der westlichen Industriekultur resultieren und manchmal ähnlich irrational sind, wie der Glaube an die Unendlichkeit des Wirtschaftswachstums. Die moralische, philosophische und materielle Zerstörung des Individuums in der Herdengesellschaft ist das Thema des Noir-Romans oder Film-noir. Noir verbindet ein kritisches Gesellschaftsbild mit einer durchdringenden Betrachtung der düstersten Seiten der menschlichen Psyche. Soziale und psychische Deformationen sind die Themen. Der Noir-Roman ist die Gothic Novel des Maschinenzeitalters, der Schauerroman der elektronischen Revolution. Viele der besten Noir Romane decken keine Verbrechen auf, sondern “führen uns in den Irrgarten unserer eigenen Existenz hinein, zu unseren Masken in einem Zeitalter der Masken” (Jerome Charyn).

pale

Was in Frankreich und England längst als Erkenntnis gesichert ist, scheint in Deutschland noch unbekannt zu sein: die Bedeutung des Schwarzen Romans, novella negra, noir-literature, dark suspense oder black novel als medienübergreifende Strategie des Existenzialismus. Noir-Roman oder Film noir wird bei uns fast ausschließlich mit Kriminalliteratur oder Kriminalfilm gleichgesetzt. Aber nicht jeder Kriminalroman ist ein Noir-Roman und nicht jeder Noir-Roman ist ein Kriminalroman. Auch nicht wenn man zum Beispiel Dostojewskis SCHULD UND SÜHNE oder Camus’ DER FREMDE, wie das zum Beispiel Patricia Highsmith und andere Theoretiker getan haben, als Kriminalroman definiert. In Charles R.Jacksons THE LOST WEEKEND kämpft ein Trinker gegen seine eigenen Dämonen und die Dämonen des urbanen Lebens. Sein Flirt am Abgrund wird vorgeführt, bis er hinabstürzt (im Film von Billy Wilder gehörten die letzten zehn Minuten mal wieder der Zensur). Wenn je eine Noir-Welt gezeigt wurde, dann hier. Der einzige kriminelle Akt besteht in dem, was Don Birnam sich selbst antut – oder wozu ihn unkontrollierbare Kräfte getrieben haben.

Im Unterschied zum klassischen Detektivroman berühren den Leser beim Noir-Roman die Verbrechen. Im klassischen Detektivroman werden Karikaturen mit kalter Logik umgebracht, um sowohl unmoralische wie auch rationale Ziele zu verfolgen. “Seine Rolle ist nicht, die Nachtseiten der Seelen zu sondieren, sondern mit der Präzision eines Uhrwerks Marionetten in Gang zu setzen” (Paul Morand). Der Noir-Roman zwingt den Leser ins Geschehen hinein, läßt den überlegenen Beobachterstandpunkt nicht zu, sondern konfrontiert ihn mit den eigenen Ängsten. Die Ursache dafür, daß der Noir-Roman sich hauptsächlich der Strukturen verschiedener Subgenres des Kriminalromans bedient, sind die präzisen Möglichkeiten, die diese bieten: düstere Charaktere am Rande der Gesellschaft zu beschreiben, in die Schattenseiten einzutauchen, wo die Regeln des Systems zusammenbrechen oder äußerst fragil sind, wo der Überlebenskampf zu zivilisatorischen Brüchen führt. Die Konventionen der Kriminalliteratur (oder die Verstöße gegen sie) sind das scheinbares Korsett, das dem Leser ein wenig Sicherheit vorgaukelt. Der Franzose Jean-Patrick Manchette, dem für die Entwicklung des Noir-Romans eine ähnlich wichtige Stellung als Innovator zukommt wie Hammett, sagte: “Wichtig ist die Frage des Stils im Noir-Roman. Durch die behaviouristische Schreibweise werden permanent Lügen aufgedeckt.”

pb6

Der Noir-Roman kann auch als Verschwörungsroman gelesen werden. Nicht im Sinne eines Polit-Thrillers, der die Verschwörer personalisiert und benennt, sondern im Sinne Ernst Blochs. Bloch wies darauf hin, daß unsere bürgerliche Gesellschaft wie ein großer Kriminalroman funktioniert. “Da rackert sich jemand ab in seinem kleinen Geschäft, und urplötzlich bricht dieses Geschäft aus geheimnisvollen Gründen zusammen (die Preise fallen, die Zinsen steigen, die Märkte schrumpfen), ohne daß er selbst Schuld daran trüge. Da plagt sich jemand mit seinem Job, gehorcht allen aufgezwungenen Regeln, strengt sich in der Tretmühle bis zum äußersten an – und wird trotzdem gefeuert. Schlimmer noch, man wird unerwartet von einer Rezession erwischt, von einer anhaltenden Depression, sogar von einem Krieg. Wer ist für all dies verantwortlich? Nicht man selbst. Auch nicht die Nachbarn oder Bekannten. Irgendwelche geheimnisvollen Verschwörer hinter den Kulissen müssen irgend etwas damit zu tun haben. Wenn wenigstens einige dieser Geheimnisse aufgeklärt sind, fühlt man sich weniger entfremdet” (Zitat nach Ernest Mandel: Ein schöner Mord; Athenäum, 1987, S.82). Auch Bert Brecht hat sich als Theoretiker der Verschwörungstheorie versucht, indem er die Mechanismen beschrieb, die den Kriminalroman so attraktiv machen:
“Wir machen unsere Erfahrungen im Leben in katastrophaler Form. Aus Katastrophen haben wir die Art und Weise, wie unser gesellschaftliches Zusammensein funktioniert, zu erschließen. Zu den Krisen, Depressionen, Revolutionen und Kriegen müssen wir, denkend die `inside story’ erschließen. Wir fühlen schon beim Lesen der Zeitungen (aber auch der Rechnungen, Entlassungsbriefe, Gestellungsbefehle usw.), daß irgendwer irgendwas gemacht haben muß, damit die offenbare Katastrophe eintrat. Was also hat wer gemacht? Hinter den Ereignissen, die uns gemeldet werden, vermuten wir andere Geschehnisse, die uns nicht gemeldet werden. Es sind dies die eigentlichen Geschehnisse. Nur wenn wir sie wüßten, verstünden wir.
Nur die Geschichte kann uns belehren über diese eigentlichen Geschehnisse – soweit es den Akteuren nicht gelungen ist, sie vollständig geheimzuhalten. Die Geschichte wird nach der Katastrophe geschrieben.
Diese Grundsituation in der die Intellektuellen sich befinden, daß sie Objekt und nicht Subjekt der Geschichte sind, bildet das Denken aus, das sie im Kriminalroman genußvoll bestätigen können. Die Existenz hängt von unbekannten Faktoren ab.”
Gege diese verschwörungstheoretischen Hintergründe wandte sich der Marxist Mandel vehement: “Nur eine von Grund auf kranke Gesellschaft kann davon ausgehen, daß die Welt durch Manipulation beherrscht sei…” Über den gesundheitlichen Zustand unserer Welt dürften inzwischen keine Zweifel mehr bestehen.

whip

Während der klassische Detektivroman die Perspektive des Untersuchenden einnimmt, der mit kaltem Intellekt der gesellschaftlichen Ruhestörung nachspürt, zelebriert der Noir-Roman, wie es Boileau/Narcejac so schön ausgedrückt haben, “den Bankrott des Denkens”. Indem der Noir-Roman Protagonisten vorführt, die oft Täter oder Opfer sind, macht er die Wirkung gesellschaftlicher Kräfte auf das Individuum schmerzhaft erfahrbar. Von orthodoxen Marxisten wie Mandel wird der Kriminalliteratur wegen ihrer Unterlassung bestimmter Propagandastrategien deshalb auch häufig Nihilismus und Bestätigung der Ausweglosigkeit vorgeworfen. Dies trifft auch zu. Dieselben Vorwürfe muß sich auch der Existenzialismus gefallen lassen. Man könnte die Schraube des philosophischen Subtextes des Noir-Romans noch etwas weiterdrehen: in der festen Überzeugung, daß marxistische, leninistische oder maoistische Heilslehren letztlich kapitalistischen Interessen dienen, entzieht sich der Noir-Roman einer propagandistischen Stellungnahme und zeigt ausschließlich die existenzielle Wirkung eines langfristig selbstzerstörerischen Ordnungsprinzips. Der Verfall bürgerlicher Normen wird in der Kriminalliteratur beschrieben und beklagt. Über mehrere historische Epochen hinweg können wir dies parallel zum Machtzuwachs des Monopol- und Staatskapitalismus entziffern. Das ausgerechnet heute, wo monopolkapitalistische Interessen mit nie gekannter Brutalität unter den Stichworten Globalisierung und moralischer Kriegsführung durchgesetzt werden, der Noir-Roman in neuer Blüte steht, verwundert wohl keinen. Auch nicht verwunderlich ist der erneute Erfolg der bestätigenden Kriminalliteratur des klassischen Detektivromans: als ideologische Strategie versucht er gesellschaftliche Sicherheit zu suggerieren, wo diese nicht mehr besteht.

walktalk

Dostojewski war der erste Autor, der unter die Haut seiner Charaktere glitt und uns ihre Qualen, Hoffnungen, Verzweiflungen von innen sehen ließ. Nachdem er sich von Gogols Einfluß befreit hatte und mit VERBRECHEN UND STRAFE (1866) seine eigene Stimme gefunden hatte, saugte er den Leser in die fast wahnsinnige Weltsicht Raskolnikovs und schrieb damit einen der ersten Romane, die uns die Ängste, Wut und Gedanken eines Mörders vorführten (man stellt nach der Lektüre fast überrascht fest, daß der Roman in der 3.Person geschrieben worden war). Dostojewski ging es darum, die Relativierung der Moral durch ihre Loslösung aus dem Religiösen zu zeigen. Die nihilistische Maxime vom Tode Gottes schwingt in vielen späteren Noir-Romanen unbewußt oder bewußt mit. So wie DIE DÄMONEN (eigentlich: DIE TEUFEL) ein politischer Schlüsselroman für die gesellschaftlichen Entwicklungen im 20.Jahrhundert ist, zeigt VERBRECHEN UND STRAFE in scharfsichtig vorausschauender Weise das ethische Dilemma des im Materialismus verstrickten Individuums. Denn alle sittlichen Grundlagen sind – wenn sie alleine in den eigenen Kräften des Menschen begründet sind – relativ.
Wenn uns VERBRECHEN UND STRAFE in Noir-Manier erstmals das Dunkle von innen sehen ließ, betrachtete Joseph Conrad in HEART OF DARKNESS (1899) die Finsternis von außen. Marlows Reise zu Kurtz den Kongo hinauf wird von düsteren Symbolen begleitet. Aber Marlow kann sie nicht entziffern. Er weiß, es ist da und sieht die Auswirkungen auf die Menschen um ihn herum, aber er versteht nicht. Am Rande bemerkt: Die Interpretationen von Dostojewski und Conrad nahmen einiges von Freuds Arbeit vorweg. Es war der Versuch, mit Rationalität an irrationale Phänomene des Unterbewußtseins heranzukommen, ganz im Sinne der TRAUMDEUTUNG (1900).

Die zunehmende Industrialisierung, die Verstädterung und die Ausformung einer Massengesellschaft jenseits des Schutzes, den bei allen Vorbehalten feudalistische Agrargesellschaften noch gaben, führten zu einer neuen Kultur und neuen Ängsten. Die Industriegesellschaft erschien/erscheint als Moloch, der nicht mehr kontrolierbar ist (oder, wie in den Verschwörungsgeschichten des Noir-Romans, von einigen, wenigen manipuliert wird). Frankensteins Monster ist aus dem Ruder gelaufen und zerstört den Schöpfer. Es waren die Expressionisten, die in der darstellenden Kunst dieses Lebensgefühl aufgriffen und mit neuen Techniken sichtbar machten.

munch_11

Edvard Munchs DER SCHREI (1893) könnte das definitive Cover für einen Noir-Roman sein. Die Verlorenheit der oft in sexuellen Situationen eingebetteten Menschen in den Bildern von Egon Schiele zeigt ihre Geschichtslosigkeit in einer verdinglichten Welt. Oscar Kokoschka sah in seinen Portraits hinter die Masken und zerrte die Ängste in den Blickpunkt. Der Einzelne, verloren in einer Welt brutaler Ausbeutung, war auch George Grosz’ Thema. Franz Kafka trieb die expressionistische Reflektion der Gesellschaft noch weiter und machte Heuchelei und Bürokratie zum zentralen Noir-Thema, zum düsteren Mittelpunkt des PROZESS (1925). Sein K. sitzt in der Falle einer surrealen Bürokratie. Er versucht gegen etwas zu kämpfen, daß er weder sehen noch berühren kann. Am Ende wird er für ein Verbrechen hingerichtet, das er nicht mal kennt. Ausgewiesene Noir-Autoren wie Cornell Woolrich, Fredric Brown oder David Goodis stehen ganz in dieser Tradition.

scarf-pb

Die amerikanischen Pulp-Autoren, dessen berühmtestes Organ das BLACK MASK-Magazin war, griffen eine neue Sprache auf: Die Sprache der Straße, die Sprache der Verlierer, Arbeiter, Gangster und Geschäftemacher. In dieser Sprache stellten sie realistisch eine Welt dar, die brutal, unmenschlich und nicht mehr zu beherrschen war. Die frühen Detektivhelden versuchen Gerechtigkeit im Kleinen zu erkämpfen, sind aber nicht einmal der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Bereits Dashiell Hammett, der herausragendste Vertreter der hard-boiled-school, glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit im Mikrokosmos und wird zum Chronisten der Düsternis der Städte. Autoren wie Hemingway (in A FAREWELL TO ARMS, 1929), Faulkner (in SANCTUARY, 1931) oder John O’Hara (in APPOINTMENT IN SAMARRA, 1934) griffen Sprache und Weltbild auf. Hammett beschrieb die Abkehr von allen zivilisatorischen Regeln indem er seine Helden, die oft im Dienste des amoralischen Kapitals standen, zu Richter, Geschworene und Henker gleichzeitig machte. Raymond Chandler fiel in dieser Hinsicht hinter Hammett zurück, indem er romantisierte und einen staubigen Ritter die mean streets einer korrupten Zivilisation durchstreifen ließ. Als echte Noir-Helden taugten die Privatdetektive von Chandler und seinen Nachfolgern nicht. Egal, was ihnen alles zustieß, am Ende überlebten sie. Sie waren im Gegensatz zum Leser nicht der totalen Zerstörung ausgesetzt. Sie konnten sogar an einem kleinbürgerlichen Ehrenkodex festhalten und diesen innerhalb einer wahnsinnig gewordenen Welt behaupten; und sei es nur für ihr eigenes Seelenheil.

pop12801

Für die Entwicklung der Noir-Literatur war ein Autor wichtig, der eine ganz eigene Schule hervorbrachte: James Malahan Cains Roman THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE von 1934 zeigte Protagonisten, die ins Verbrechen getrieben werden, weil sie nicht von ihren menschlichen Bedürfnissen lassen. Cains Werk ist defätistisch, denn wofür seine Charaktere auch kämpfen, sie verlieren es am Ende – sei es durch eigenes Verschulden oder ein unerbittliches Schicksal. Nie erfüllen sich ihre Träume und Hoffnungen. Noch einen Schritt weiter ging Horace McCoy, der über gewöhnliche Leute in ungewöhnlichen Situation mitten in der Depression schrieb. Seine Charaktere sind von Anfang an Geschlagene, die nicht mehr den Willen haben, den Kampf gegen die Welt aufzunehmen. Herumgestoßene, die nicht zurückschlagen können. Sein berühmtestes Buch, THEY SHOOT HORSES, DONT THEY?, 1935, zeigt eine perverse Gesellschaft, symbolisiert durch eine grausame “Sportart”, die sich Tanz-Marathon nannte: Solange die Ausgestoßenen und Armen mitmachen können, auf den Beinen bleiben, erhalten sie Essen; fallen sie um, können sie verrecken, zwischen den müden Beinen anderer Gequälter.

killerinsideme1

Mit Cain auf der einen Seite und Hammett und Chandler auf der anderen, trennen sich die beiden wichtigsten Strömungen der Noir-Literatur. Hammett und Chandler als Begründer der hard-boiled-school des Privatdetektivromans teilen die existentialistische Weltsicht. Chandler filtert sie aber durch die moralische Dimension einer Erlöserfigur. Für Cain und seine Nachfolger gibt es keine Erlösung, kein Glaube daran, daß Schicksal oder gesellschaftliche Kräfte sich überwinden lassen. In ihren Büchern wird das Individuum nicht nur angeschlagen und verstümmelt, sondern vernichtet.

doorway

Nicht Hollywood sondern Deutschland war in den 20er Jahren der Mittelpunkt der Filmwelt. Die Deutschen waren die Meister des Lichts, der special effects und ungewöhnlicher Kamerastandpunkte. Die Filmemacher nutzten Techniken des experimentellen Theaters und des Expressionismus um Spannung, Horror und das Gefühl totaler Verunsicherung auf die Leinwand zu bringen. Mit dem KABINETT DES DR.CALIGARI (1919) schufen sie das sowohl düsterste wie auch expressionistisch befremdlichste Werk der Epoche. Die Welt von Kafka durch die Kamera eines Expressionisten gesehen. Gleichzeitig revolutionierte Sergei Eisenstein in Rußland die Filmkunst mit einer neuen Schnittechnik. Das expressionistische Licht des deutschen Films und Eisensteins Schnittechnik wurden die entscheidenden Elemente des späteren Film noirs, der in den 40er- und 50er Jahren in Hollywood als Schwarze Serie stilbildend wirkte. Es waren fast ausschließlich Emigranten wie Fritz Lang, Billy Wilder oder Robert Siodmak, die in den 40er Jahren die pessimistische Grundhaltung der Amerikaner auf die Kinoleinwand brachten. Literarische Vorlagen fand man in den Pulp-Magazinen und den Romanen der Noir-Autoren: Geschichten über Menschen, die in aussichtslose Fallen gerieten, gesellschaftliche Außenseiter ohne Hoffnung und die Ausgegrenzten, die nur noch Chancen im Verbrechen sahen. Ihre handlungsbetonten Geschichten eigneten sich bestens für den Film. Die Crème der Noir-Autoren folgte dem Ruf Hollywoods und verdingte sich besser oder schlechter als Drehbuchautoren: Hammett, Chandler, Cain, McCoy, David Goodis, Frank Gruber, Jonathan Latiner, Peter Ruric, Jim Thompson und viele mehr.
Fritz Lang verfilmte Graham Greenes MINISTRY OF FEAR (1944), William P.McGiverns BIG HEAT (1953) oder Geoffrey Households ROGUE MALE als MANHUNT. Billy Wilder drehte Cains DOUBLE INDEMNITY (nach einem Drehbuch von Chandler), Robert Siodmak Woolrichs PHANTOM LADY (1944) und Edward Dmytryk Don Tracys CROSSFIRE oder Chandlers FAREWELL, MY LOVELY. Daß man Noir-Filme auch in Farbe drehen kann, weiß man seit 1958, als Nicholas Ray mit PARTY GIRL den ersten “bunten” Noir-Film vorlegte. Die Liste ist lang, und seit einigen Jahren erleben wir die Wiedergeburt des Noir-Films (er war nie wirklich tot: THEY SHOOT HORSES, GET CARTER, CHINATOWN, TAXI DRIVER, BLOOD SIMPLE, usw.) im Kino; jünstes Beispiel waren die erfolgreichen Umsetzungen von James Ellroys L.A. CONFIDENTIAL oder Scott Smiths A SIMPLE PLAN.

In diesen erschreckenden, gewalttätigen frühen Filmen (die manchmal aus Zensurgründen völlig unglaubwürdig das Ende der Vorlage ins Positive wandten) wurde der Einsatz der subjektiven Kamera perfektioniert, um den Zuschauer noch intensiver in die Leinwand zu saugen. Wie in den Romanen hatte der Zuschauer keine Chance seinen eigenen Ängsten zu entkommen. Ende der 50er Jahre wurden immer weniger Noir-Filme gedreht. Aber ihre Stilmittel wurden von anderen Genres aufgesaugt. In Frankreich erlebte der Noir-Film in den 6oer Jahren eine neue Blüte, besonders in den Gangsterfilmen von Jean-Pierre Melville, der einen eigenen Noir-Kosmos schuf und den Vergleich mit den besten Angelsachsen aushält oder übertrifft. Immer wieder tauchten bis in die 80er Jahre einzelne Noir-Film (HARPER, POINT BLANC, GET CARTER, THE MECHANIC, TAXI DRIVER, LAST GOOD FRIDAY, RUE BARBARE usw.) auf, aber es war ein Science Fiction-Film, der stilbildend für Noir-Welle der 90er Jahre werden sollte: BLADE RUNNER von Ridley Scott konnte überzeugend durch Licht, Atmosphäre und Productiondesign eine zeitgemäße Noir-Welt auf die Leinwand bannen (das war auch der französischen David Goodis-Verfilmung RUE BARBARE gelungen, aber leider ohne den weltweiten Erfolg).

Ende der 40er Jahre brach der Markt der Pulps zusammen. Anstelle der billigen Magazine traten billige Taschenbücher. Der ehemalige Pulp- und Comic-Verleger Fawcett begann als erster sogenannte Paperback Originals zu drucken, also keine Hardcover-Nachdrucke auf den Markt zu werfen. Seine Distributationsfirma hatte ihn dazu gezwungen, aus Konkurrenzgründen auf den lukrativen Nachdruckmarkt zu verzichten. Er machte aus der Not eine Tugend. Fawcett zahlte besser als Hardcoververlage und beließ den Autoren die Nebenrechte. Kein Wunder, daß sich viele Autoren auf den explodierenden Taschenbuchmarkt stürzten. Erstveröffentlichungen waren z.Bsp. William Burroughs JUNKIE oder Jack Kerouacs TRISTESSA. Eine ganze Reihe von “Dimestore Dostojewskis” stürzte sich auf das Medium Taschenbuch und machte es zum entscheidenden Noir-Medium der nächsten Jahrzehnte. Autoren wie David Goodis, Jim Thompson, Wade Miller, Harry Whittington, Peter Rabe, Bruno Fisher, Day Keene und viele mehr schufen einen neuen Kanon, der klar machte, daß das Ende des 2.Weltkrieges nicht das Ende des Schreckens bedeutete. Sie schilderten, wie die zivilisatorische Zerstörung durch alle Bereiche der westlichen (amerikanischen) Gesellschaft kroch. Das Jahrzehnt ist ein Höhepunkt der Noir-Kultur. Spillanes und Chandlers Erfolge lösen einen aberwitzigen Boom von Privatdektivromanen aus. Das Subgenre erstarrt bald in seinen Klischees, trotz großartiger Autoren wie Ross Macdonald, Howard Browne, Wade Miller, Thomas B.Dewey, William Campbell Gault oder Bart Spicer. Die Cain & Woolrich-Richtung erlebt ihr Goldenes Jahrzehnt mit Jim Thompson, der den großen amerikanischen Soziopathen vorführt, David Goodis, Charles Williams, Ed Lacy, Hal Ellson, John D.MacDonald oder Benjamin Appel.

sailor

Nachdem in den späten 50er eine Reihe von TV-Serien entstanden waren, die ästhetisch und inhaltlich als noir bezeichnet werden können (PETER GUNN, JOHNNY STACCATO, ASPHALT JUNGLE, UNTOUCHABLES usw.), war bis zu den 80er Jahren zumindest in den USA nichts ähnliches mehr produziert worden. Anders in England, wo etwa mit MAN IN A SUITCASE eine der besten Noir-Serien enstanden war. Die britische Noir-Tradition konnte sich überzeugend im Fernsehen etablieren und Publikumserfolge verbuchen. Bis heute ist noir im englischen Fernsehen ein Erfolgsgarant, wie in den 90er Jahren die Serie CRACKER (FÜR ALLE FÄLLE FITZ) bewies. Und in den letzten Jahren die Joel Surnow-Serien wie LA FEMME NIKITA oder 24.

Zumindest von ihrer Weltsicht her waren zwei US-Serien MIAMI VICE und WISEGUY aus den 80er Jahren noir. Dabei gelang es Michael Mann mit MIAMI VICE eine neue, zeitgenössische Noir-Ästhetik zu schaffen, die keine Kopie des wahrscheinlich einflußreichstem Noir-Filmes der letzten zwanzig Jahre, Ridley Scotts BLADERUNNER, ist. Michael Mann war mit der Thomas Harris-Verfilmung MANHUNTER nach RED DRAGON auch für den eigenwilligsten und besten Serienkillerfilm verantwortlich und schuf mit HEAT eine Synthese aus amerikanischem Gangsterfilm und dem Werk von Jean-Pierre Melville.

Sind Serienkillerromane à la Thomas Harris’ RED DRAGON oder SILENCE OF THE LAMBS Noir-Romane? Schließt man sich der Definition von Boileau & Narcejac, die im Noir den “Bankrott des Denkens zelebriert” sehen wollen, sicher nicht. Strukturell orientiert sich dieses Subgenre zu oft am klassischen Detektivroman (mit Einflechtungen aus der police procedural): Ein überlegener Geist, der sich der Technik und der Wissenschaft zu bedienen weiß, triumphiert über das Trieb oder sonstwie gesteuerte Ungeheuer – und mag es noch so intelligent sein. Es ist die romantische Vorstellung von der Überlegenheit des aufgeklärten rationalen Geist über dionysische, nihilistische oder satanische Naturen. Andererseits gibt die Darstellung der Killer und ihre meist nur unbefriedigend erklärtes Wesen auf schwarze Flächen im “rationalen Reich” hin, die weder mit Logik noch Wissenschaft oder Technologie in den Griff zu bekommen sind. Mit ihrem manichäischen Weltbild bieten diese Serienkiller fast soetwas wie eine primitive christliche Religiösität wie sie von den Katharern oder Albigensern vertreten wurde. Eben eine zweigeteilte Welt im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse.
Allerdings ist Thomas Harris, der mit RED DRAGON, dem nach wie vor besten Serienkillerroman, das Genre definiert hat, die Ausnahme: In HANNIBAL (1999) – einem nicht gerade umwerfend geplotteten Bestseller – übt er eine bisher nicht gekannte kulturpessimistische Zivilisationskritik; Der menschliche Gehirne schlürfende Dr.Lecter erscheint in einer völlig korrupten, dem Untergang geweihten Welt als einziger kultivierter Mensch. Seine frühkindlichen Verletzungen und sein Sinn für das Schöne scheinen jede Tat zu rechtfertigen. Der Serienkiller ist hier der letzte Mensch, der die Früchte der westlichen Zivilisation zu genießen weiß. Damit steht er weit über der aus niederen Beweggründen handelnden Masse. Es ist bemerkenswert und bezeichnend, daß sich dieser letzte große Noir-Roman dieses Jahrhunderts als update des Fin-de-siècle erweist. Harris hat mit Joris-Karl Huysmans hier mehr Gemeinsamkeiten als mit Woolrich, Goodis oder gar Chandler.

Die Renaissance der Noir-Literatur und ihr aktueller Boom in den USA wird von dem Noir-Autor Jams W.Hall wie folgt begründet: Ein Großteil der Leserschaft (und der neuen Autoren) gehören der Babyboom-Generation an. Diese habe eine interessante soziale Entwicklung hinter sich, “von Radikalen zu Konservativen, oder zumindest Liberalen. Wir sind heute weniger tolerant dem radikalen Verhalten gegenüber, das unsere Jugend mitgeprägt hat. Ich glaube, das kommt durch die vielen Gewaltakte, die wir miterlebt haben, und an denen wir gelitten haben oder bis heute leiden. Zum Beispiel die Ermordung der Kennedys und Martin Luther Kings. Auf dem Höhepunkt unserer romantischen Kindheitsträume erlebten wir das neue Camelot (wie die Regentschaft John F.Kennedys in den Staaten gerne genannt wird). Eine ähnliche zyklische Entwicklung kann man in den modernen Crime Novels erkennen: Männer und Frauen werden mit überwältigenden Gewaltakten konfrontiert, die die Helden bis ins Mark erschüttern. Durch sie zerbricht ihre romantische Weltsicht. Die Aktionen des Helden sind mythische Versuche, Gerechtigkeit wieder herzustellen und die eigenen Chimären zu überwinden. Die richtigen Helden der Crime Fiction wie Travis McGee oder Spenser sind romantische Rächer, die alle Dramen ausleben und die Werte leben, an die wir in unserer Jugend geglaubt haben.” Hall spricht damit einen Aspekt der Noir-Literatur an, den etwa ein Autor wie Loren D.Estleman nicht gelten läßt. Für Estleman ist Robert B.Parkers Spenser keine Noir-Figur: “Wie bei Mike Hammer ist sein Panzer viel zu dick, und er selbst ist unverwundbar. Er macht keine existenziellen Angsterfahrungen. Noir stellt verstörende, beunruhigende, grundlegende Fragen, oft ohne darauf Antworten zu liefern. Spenser beantwortet jede Frage sofort mit seinen Fäusten (oder Hawks Kanone).”

guilty2

Noir-Themen und Noir-Sound sind bis heute ein wesentlicher Bestandteil der populären Musik. Angefangen bei den Klagegesängen in Blues und Gospel. In der amerikanischen Folkmusik (etwa bei Woody Guthrie) entwickelte sich etwas, daß man als country noir bezeichnen könnte; ein Begriff, der heute auch auf die Literatur (Daniel Woodrell) angewendet wird. Vor allem der Jazz als Großstadtmusik entwickelte musikalische Noir-Muster, die (um das unschöne Wort Klischee zu vermeiden) noch heute Signalcharakter haben. Berühmtestes Beispiel ist wahrscheinlich HARLEM NOCTURNE von Earl Hagen, einem schmälich vernachlässigten Komponisten.

In den 50er Jahren trieben sich die europäischen Existentialisten in den Noir-Clubs der Jazz-Szene herum und entwickelten eine ganz neue Noir-Ästhetik, deren Protagonist der Kritiker, Musiker und Schriftsteller Boris Vian wurde. Sujetbedingt war es besonders die Filmmusik, die einen Kanon von Noir-Phrasen stilisierte: Angefangen bei Adolph Deutschs wunderbarer Musik zum MALTESER FALKEN. Für FAHRSTUHL ZUM SCHAFFOTT schrieb Miles Davis einen oft kopierten Jazz-noir-Soundtrack. Ennio Morricones Musiken für Western und Gangsterfilme atmen ebenfalls diesen Geist. Nicht zu vergessen die elegischen Klangstrukturen von Francois de Roubaix, Bernard Gérard oder Eric de Marsan, ohne die den Melville-Filmen ein wichtiges Element fehlen würden. Aber besonders die Rock-Musik ist ohne Noir-Elemente nicht vorstellbar. Schon bei Johnny Burnette & the Rock’n Roll Trio (BLUES STAY AWAY FROM ME u.a.) und Elvis (HEARTBREAK HOTEL) geht es noir zur Sache (erst recht dann bei Johnny Cash). Selbst die fröhliche High-School-Musik bleibt wird düster in der paranoiden Welt von Del Shannon (STRANGERS IN TOWN). Doors, Velvet Underground oder Bob Dylan verstehen sich von selbst. Und James Sallis nennt nicht zufällig Bruce Springsteen, der vor und nach den Konzeptalben NEBRASKA und THE GHOST OF TOM JOAD immer wieder Noir-Topoi aufgreift und eine düstere Musik dazu schreibt. Regelrechte Noir-Gruppen kann man bis heute im Rock finden: Sisters of Mercy, Nirvana, Nick Cave & Bad Seeds, um nur einige zu nennen. Tom Waits oder Scott Walker sind ohne Noir-Elemente genauso wenig vorstellbar wie Grunge oder Rap. Man kann sehr weit gehen, wenn man will: I see a red door and I want it painted black.




Mickey Spillane: Ich, der Rächer von Martin Compart
7. März 2009, 11:13 vormittags
Einsortiert unter: Mickey Spillane, Noir, Rezensionen | Tags: ,

Diese Rezension ist von 1990:

Mickey Spillane: Ich, der Rächer
(The Killing Man, 1989)
Deutsch von Walther Ahlers.
Heyne. 301 Seiten, DM 24,80.

“Manche Tage hängen über Manhattan wie eine riesige unsichtbare Zange, die der Stadt allmählich den Hals zudrückt. Ein dumpfes Donnergrollen hallte bis hinunter in die Schlucht der Fifth Avenue, und ich schaute dort hinauf, wo am 71. Stockwerk des Empire State Buildings der Himmel begann. Ich konnte den Regen riechen. Es war die Art Regen, der über den geordneten Betonmassen hing, bis er mit Staub und Dreck vollgesogen war, und wenn er dann fiel, war es kein Regen mehr, sondern der Schweiß der Stadt.”

Mit diesen Worten meldet sich nach 19 Jahren Feuerpause der böse Bube der Kriminalliteratur, der ultraharte Privatdetektiv Mike Hammer in dem Roman ICH, DER RICHTER zurück. Als 1947 das Buch I, THE JURY des ehemaligen Comic-Texters und Flugausbilder Mickey Spillane erschien, hatte der Kriminalroman seine Unschuld verloren. Zwar hatten schon zuvor Autoren wie Dashiell Hammett, James Malahan Cain und Raymond Chandler knallharte Geschichten aus einer realistisch gezeichneten, korrupten Welt erzählt, aber was Mickey Spillane und sein Ich-Erzähler Mike Hammer Lesern und Kritikern hinwarf, übertraf an Brutalität und paranoider Weltsicht alles bisherige. Die Figur des edlen Privatdetektivs war zu einem düsteren Racheengel mutiert, der mit der 45er in der Hand in den düsteren Schluchten New Yorks mordend eine blutige Spur übelster Selbstjustiz hinter sich her zog. Die Kritik verkündete den endgültigen Untergang der Zivilisation und die Leser, die gerade aus einem Weltkrieg heimkehrten und brutaleres hinter sich gelassen hatten als selbst Spillanes Phantasie ausbrüten konnte, machten das Buch zu einem Mega-Seller. Bis heute wurden alleine von Spillanes Erstling 9 Millionen Exemplare verkauft. Es ist damit der zweiterfolgreichste Kriminalroman aller Zeiten(die Nummer Einsist nach wie vor DER PATE von Mario Puzo) und nimmt unter den meistverkauften Romanen aller Zeiten Platz 18 ein; unter den meistverkauften Büchern überhaupt den 39.Platz. Insgesamt hatten seine 23 Romane, vier Jugendbücher und fünf Kurzgeschichtenbände 1984 eine Gesamtauflage von 160 MillionenExemplaren. Davon verkaufte Spillane das Meiste in den 5oer und 6oer Jahren, in denen er der meistgehehaßte Autor der Literaturkritik war. Ob Pornographievorwurf oder Faschismus – in seinen Büchern konnten liberale Kritiker all das propagiertfinden, was sie ablehnten: Fanatische Selbstjustiz und die Darstellung von Frauen als vollbusige Sexobjekte deren höchstes Ziel die sexuelle Befriedigung Mike Hammers ist, Spillane ließ nichts aus. “Die Kritiker sind großartig. Je mehr sie mich niedermachen, umso mehr Bücher verkaufe ich”, verkündete der Missverstandene, der 1951 den Zeugen Jehovas beitrat, mehr aus Selbstschutz. Denn wer ihn kennt weiß, dass unter der rauen Schale ein weicher Kern steckt, der trotz gegenteiliger Großmäuligkeiten unter der Verachtung der Kritiklitt und erst in den 80er Jahren durch die Aktivitäten einiger junger amerikanischer Krimiautoren, darunter Max Allan Collinsder zusammen mit James L.Traylor ein bemerkenswertes Buch überden ungekrönten König der Vigilantenliteratur schrieb, rehabilitiert wurde. Zu den Verteidigern Spillanes gehörten auch so unterschiedliche Schriftsteller wie Dylan Thomas und Jörg Fauser, dessen 1985 im “Spiegel” veröffentlichte Apologetik noch für Aufregung sorgte. In der Bundesrepublik war Spillane der “Liebling” der antiquierten Bundesprüfstlle für jugendgefährdende Schriften; in den 5oer Jahren indizierte siedie ersten sieben Mike Hammer-Romane (und I THE JURY ist wohl der einzige Roman, der in drei verschiedenen Übersetzungen von den Jugendschützern aus dem Verkehr gezogen wurde). Noch in den 8oer Jahren, in denen man Bücher und Filme gesehen hatte gegen die Spillanes Blutopern wie Botschaften aus der guten alten Zeit wirkten, wurden mehrere Romane indiziert mit der Begründung, das sie den “Jugendlichen sittlich-ethisch desorientieren” könnten.


Der 1918 in Brooklyn geborene Autor sorgte auch außerhalb seiner sex & crime-Epen für Schlagzeilen: Mit dem FBI ging er auf Dealerjagd (was ihm eine Schussverletzung einbrachte), im Zirkus trat er als menschliche Kanonenkugel auf – und er spielte sich selbst in einem Film und seinen Helden Mike Hammer in der von Roy Rowlands in England gedrehten Verfilmungseines Romans THE GIRL HUNTERS. Spillane tat alles um den Eindruck zu erwecken, er sei ebenso wie seine Schöpfung ein knallharter Bursche der mehr mit hart arbeitenden Fabrikarbeitern gemein hat, als mit Millionären und dünnblütigen Literaten.


1970 hatte er seinen letzten Mike Hammer-Roman veröffentlicht; seinen letzten Kriminalroman, den ebenfalls inder BRD in den 80er Jahren indizierten Polizei/Mafia-Roman THELAST COP OUT, 1973. Danach hatte sich Spillane nach einer turbulenten Ehe mit dem Ex-Modell Sherri, die als erste Nacktedas Cover eines amerikanischen Hardcovers auf Spillanes ebenfalls indizierten THE ERRECTION SET (SEXBOMBER) schmückte, scheiden lassen und zum dritten Mal geheiratet. Er machte in den USA äußerst populäre Werbespots für eine Biersorte und schrieb seit 1979 – man glaubt es kaum! – Jugendbücher. Das erste, THEDAY THE SEA ROLLED BACK, wurde sogar mit dem Junior Literary Guild Award ausgezeichnet, die einzige literarische Auszeichnung, die er bisher erhalten hat.

In den 8oer Jahren gab es so etwas wie eine Renaissance des Privatdetektivromans. Im Schatten des Riesenerfolges des “linksliberalen Mickey Spillanes” Robert B.Parker, begannen unzählige Autoren neue Privatdetektive in Trenchcoats zu stecken und durch die düsteren Großstadtschluchten zu schicken. Die mythische Figur des private eye übte nach Jahrendes Niedergangs eine große Anziehungskraft auf Leser und Autoren aus. Dabei wirkt diese Figur heute genauso anachronistisch wie ihr direkter Vorfahre, der Cowboy. Ausgerechnet das kriminalliterarische Subgenre Privatdetektivroman, das durch Hammett und Chandler Realismus in den Kriminalroman brachte, ist heute die wahrscheinlich unglaubwürdigste, irrationalste und unrealistischste Spielart des Krimis geworden. Die Figur des edlen Kleinunternehmers derals Erzengel der Gerechtigkeit schießend, saufend und prügelnddurch die Gegend zieht um für sozialen Ausgleich im Kleinen zu sorgen, wirkt heute mindestens so überholt wie etwa der Heros des Kalten Krieges und der Angestellten James Bond.

Eine Fernsehserie um einen auf TV-Maßstäbe zurechtgestutzten Mike Hammer mit Stacy Keach in der Titelrolle weckte neues Interesse an Spillanes legendären Helden. Und eine Folge für diese Serie war auch der Ausgangspunkt für Spillanes neuen Roman: “Ich fand die Idee viel zu gut, um sie in einer Serienfolge zu verheizen.” Wieder einmal wird Mike zum Rächer, als er einen furchtbar verstümmelten Toten und seine halbtotgeschlagene geliebte Sekretärin Velda in seinem Büro vorfindet. Und wieder gerät Mike zwischen alle Fronten- von den Geheimdiensten bis hin zur Staatsanwaltschaft, die seit den 5oer Jahren vergebens versucht, Mikes Lizenz als Privatdetektiv einzuziehen. Die neurotische Kraft der frühen Romane ist seit den 6oer Jahren gebremster. Spillane und Hammer scheinen sich besser unter Kontrolle zu haben – bis sie in eine explosive Situation geraten. Spillane weiß immer noch eine spannende Geschichte kraftvoll zu erzählen. Und auch seine poetischen Einschübe über die Atmosphäre der Stadt New York, in der es immer zu regnen scheint, sind stark wie früher. Die Gewalt & Sex-Diskussion um Spillane hat immer den Blick verstellt auf die Qualitäten eines äußerst dynamischen und originellen Erzählers. Die Mike Hammer-Romane waren und sind auch immer die Romane New Yorks. Und für diese Stadt hat Spillane ein hinreißendes Gefühl:

“Sonntagmorgen in New York ist mit keiner anderen Zeit zu vergleichen. Vom Morgengrauen bis zehn hat die Stadt etwas von einem ungeborenen Fötus. Die leisen Geräusche und Störungen sind kaum wahrnehmbar, winzige Bewegungen gehen vonstatten, Formen verschmelzen ineinander, aber es passiert nichts. Es ist die Zeit, in der die ungewohnte Leere es einem ermöglicht, schnell mal von einem Ort zum anderen zu gelangen.”

NACHRUF VON 2006
Er war der meistgehaßte Autor seiner Generation – und der erfolgreichste. Für seine Fans war er gnadenloser Stoff, für die Kritiker ein Schwein, das mit Sadomaso-Pistolengeschichten in die Charts kam. Die jahrzehntelange Hatz beeindruckte ihn null:

Kritiker interessieren mich nicht. Die müssen für die Bücher nicht bezahlen.

Spillane wurde 1918 in Brooklyn geboren. Zu schreiben begann er Mitte der 30er Jahre, für Pulps und Comic-Books (“Captain America”, “Human Torch”). Er war dreimal verheiratet und hatte vier Kinder.

1947 schrieb er 28jährig in 9 oder 19 Tagen den ersten Mike-Hammer-Roman, “I, The Jury”, für 1000 Dollar Vorschuß. Danach war die Welt der Literatur eine andere. Das Hardcover verkaufte lächerliche 7000 Exemplare, aber von der Taschenbuchausgabe wurden bis 1955 bereits 4,5 Millionen abgesetzt: der vierterfolgreichste Bestseller der amerikanischen Verlagsgeschichte. Kein Krimi vor Puzos “Paten” hat das geschafft.

Spillane war mit dafür verantwortlich, daß sich das Taschenbuch als Massenmedium etablieren konnte. Er verkaufte Bücher an Millionen von Rednecks, die in ihren Trailer-Parks ums Verrecken nicht mit bedrucktem Papier erwischt werden wollten – es sei denn, mit einer Anzeige wegen Körperverletzung. Von den zehn Romanen, die bis 1967 in den USA die höchsten Auflagen erreichten, hatte er alleine sieben geschrieben und war nach Lenin, Tolstoi und Jules Verne der meistübersetzte Autor. “Eines Tages quatschte mich auf einer Party so ein Kritiker an und sagte: ‘Es ist eine Schande für die lesenden Amerikaner, daß Sie mit sieben Büchern auf dieser Liste sind.’ Ich sagte zu ihm: ‘Sei doch froh, daß ich nicht noch drei schreibe.’ ” Für die Kritiker war der wahre Bösewicht der Mike-Hammer-Romane Spillane selbst. “Niemand hat je so gemein über Mike Hammer geschrieben wie über mich. Wahrscheinlich haben sie zuviel Schiß vor ihm.”

Mike Hammer ist ein Privatdetektiv, der keine Klienten hat, nur tote Freunde, die er rächt. Seine Abenteuer sind Rache-Epen. Mickey nannte Dumas´ “Graf von Monte Christo” als einen seiner größten literarischen Einflüsse. Kein anderer Privatdetektiv vor ihm hat mehr Blut vergossen. Und alle Rächer nach ihm sind irgendwie Epigonen, auch Andrew Vacchs´ Burke (der denselben Namen hat wie der Held in Spillanes Cop-Thriller “The Last Cop Out”). Von Mike bekam jeder sein Fett weg: Kommunisten, korrupte Politiker, Mob, Killer, Millionäre. Und wenn es eine Frau verdient hatte, bekam sie es auch.

Um mit Manchette zu reden (der diese Bemerkung auf einen anderen Autor bezog): Es sind Bücher des Wahnsinns, die versuchen, ihren Wahnsinn zu exorzieren. Zu Mikes vornehmsten Eigenschaften gehörte es, in jeder Situation soviel Streß wie möglich zu verbreiten. Mike einigte sich immer außergerichtlich und pustete seine Feinde kopfüber in die Hölle. Immer nur als rechts und faschistoid eingeordnet, ist er aber ganz schön Anti-Establishment: Dauernd hat er Ärger mit Staatsanwälten, die ihm seine Lizenz entziehen wollen. Für FBI-Agenten hat er nur Verachtung übrig. Seine Freunde sind Huren, Obdachlose, Straßenhändler, Outcasts aus der Unterschicht – und Mike sagt: “Ich gehöre zu ihnen.” Der Sex der frühen Romane wirkt heute harmlos. Der Spillane-Held benimmt sich wie ein präpubertärer Bube, dem die Ansicht eines weiblichen Körpers wichtiger ist als die Berührung. Wie oft haut Mike ab, wenn sich eine scharfe Blondine entblättert hat, um sich ihm hinzugeben! Lieber genießt er voyeuristisch; es ist der 50er-Jahre-Voyeurismus des PLAYBOY. Später ließ sich Spillane unglaublich bizarre Sachen einfallen – etwa eine Nymphomanin, die ihre Jungfräulichkeit für die Ehe bewahrt, indem sie es nur anal oder oral treibt. Da kam indirekt die Zeit als Comic-Texter durch.

Er schrieb nie länger als vier Wochen an einem Roman, den er mit zwei Fingern auf einer alten Smith Corona mit braunem Farbband runterknallte. Er überarbeitete nie. Die erste Fassung war die letzte Fassung. Und er begann immer mit dem Ende.

Niemand liest ein Buch wegen der Mitte. Sie lesen, um zum Ende zu kommen, und das muß befriedigen, um die investierte Lesezeit zu rechtfertigen.

Daß er in Deutschland nicht nur als einer der durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften meistindizierten Crime-Autoren angesehen wird, ist Jörg Fauser zu verdanken. Für eine Ullstein-Neuauflage von “Gangster” hatte Jörg ein Nachwort geschrieben, daß der SPIEGEL (dank Karasek) vorabdruckte. Da war natürlich die Hölle los, und das Feuilleton wußte endgültig, was für ein Arschloch er doch war.

Wie Fauser festgestellt hat, Mickey konnte schreiben:

Niemand ging über die Brücke in so einer einsamen Nacht wie dieser. Der Regen hing fast wie Nebel in der Luft, es war ein kalter, grauer Vorhang, der mich von den blassen Schemen der Gesichter absperrte, die hinter den beschlagenen Fenstern der vorbeizischenden Autos zu sehen waren. Sogar das Lichtmeer, das Manhattan sonst bei Nacht ist, war nur noch ein müdes, gelbes Glühen in weiter Entfernung.

Dort drüben irgendwo hatte ich meinen Wagen stehen lassen und war losgegangen, den Kopf tief in den hochgeschlagenen Kragen des Regenmantels gesteckt, eins mit der Nacht, die ich wie eine Decke um mich zog. Ich lief, ich rauchte, ich schnippte die Stummel fort und sah zu, wie sie in einem Bogen aufs Pflaster fielen und dann nach einem letzten Aufglimmen verloschen. Falls hinter den Fenstern der Häuser auf beiden Straßenseiten Leben war, so merkte ich nichts davon. Die Straße gehörte mir, mir allein. Man überließ sie mir gern und wunderte sich höchstens, warum ich sie für mich allein haben wollte. Ich folgte dem harten Pflaster durch die tiefen Einschnitte zwischen den Wolkenkratzern und merkte gar nicht, wie die steilen Wände aus Beton und Stahl zurückblieben und dann ganz verschwanden an der Auffahrt zum stählernen Spinnennetz der George-Washington-Brücke, die zwei Staaten verbindet.

Ich ging bis zur Mitte des Riesenbogens und stand dann gegen das niedrige Geländer gelehnt da, mit einer Zigarette zwischen den Fingern. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen, bis sich alles wieder klärte. (aus “One Lonely Night”)

Der Mann, der die Melancholie des regnerischen, nächtlichen New York so wunderbar einfangen konnte, haßte seine Geburtsstadt: “ein Scheißhaufen, ein Abfalleimer”. Das letzte Mal war er 1958 mit der New Yorker U-Bahn gefahren. Dann zog er in den Süden. “South Carolina war okay, als ich dort der einzige Yankee war. Damals konnte man glauben, der Süden hätte gewonnen.”

Er war der “working class hero” unter den Krimiautoren, auch privat. Nie ließ er seinen unvorstellbaren Reichtum raushängen (ich erlebte ihn 1995 in Berlin – aber das ist eine andere Geschichte). Er aß am liebsten Hackbraten und fuhr mit einem Ford-Pickup durch seinen Heimatort Murrells Inlet in South Carolina, wo es keine Villen gibt und auch kein Mike-Hammer-Graceland. Selten sah man ihn in seinem 1956er-Jaguar, den er einst von John Wayne geschenkt bekam, weil er für ihn ein Drehbuch in drei Tagen umgeschrieben hatte. Der Film, in dem Mickey auch mitspielte, hieß “Ring of Fear” und war durch nichts zu retten. Aber seinen größten Auftritt hatte er in dem in England produzierten “The Girl Hunters”, in dem er selbst Mike Hammer spielte. Und er war große Klasse! Seinem Image entsprechend machte er 19 Jahre lang Bierwerbung für Miller Lite. “Ich machte Miller zum zweitgrößten Bier der Welt, und alle sagen: Das Zeug rühre ich nicht an.”

Fauser liebte und bewunderte Mickeys Professionalität. Spillane bezeichnete seine Käufer als Kunden und ließ Sätze ab wie “Der erste Satz verkauft das Buch, der letzte Satz das folgende” oder “Ich bin kein Autor, ich bin ein Schreiber. Autoren wollen in die Unsterblichkeit eingehen, ich will, daß der Schornstein qualmt” oder “Ich laß mir doch nicht von Lektoren erzählen, was die Leute lesen wollen” oder “Diese Kennedys waren alle Scheißkerle. Und dann dieser junge Kennedy, der mit dem Flugzeug abgestürzt ist. Er hat ein verdammt gutes Flugzeug auf dem Gewissen.”

Die späte Anerkennung (1995 erhielt er gar den Grand Master Award der verlogenen Mystery Writers of America) verdankte Mickey dem unermüdlichen Trommeln des Multitalents Max Allan Collins. Dafür bedankte er sich, indem er in einem von Max´ Autorenfilmen mitspielte. Wie sagte mir der eher intellektuelle Max: “I love that man. I love his personality.” Tatsächlich war Mickey ein komplexer Typ: Er liebte Waffen, haßte aber die Jagd. Er war begeisterter Hochseeangler, fing aber nur, was er auch essen konnte. “Scheiß-Stierkampf. Ich bin auf Seiten des Stieres. Ich hoffe immer, er bringt diesen Schwachsinnigen im Clownskostüm um. Ich hasse Tierquälerei.” Mickey war Schatztaucher, trieb sich mit Alkoholschmugglern rum, fuhr Autorennen und reiste mit dem Barnum & Bailey-Zirkus mit; da ließ er sich als menschliche Kugel aus einer Kanone schießen. Er hatte eine jahrelange Fehde mit Hemingway, der ihm seinen Erfolg neidete. Mickey holte eine Menge Meilen aus seinem Leben raus. Zu den wenigen Sachen, die mir auf den Geist gingen, war sein Rumgemache mit den Zeugen Jehovas, denen er 1952 beigetreten war und die ich nur seinetwegen einige Male zu bescheuerten Diskussionen reingelassen habe.

Mickey starb im Alter von 88 Jahren.

Bei seinem Tod war seit Jahren kein einziges Buch mehr lieferbar – Folge der Zerstörung einer Verlagsstruktur durch Fusionen und Übernahmen, durchgeführt von Killern mit Kindergesichtern. Mickey war ein Dinosaurier, der wußte, daß der Meteor unterwegs ist. Man hatte ihn nach dem Ende des Kalten Krieges abgestellt, zusammen mit dem Rest der westlichen Zivilisation.

Mach´s gut, Mickey. Grüß Jörg, Ulf, Jean-Patrick, Ross, Gavin und die anderen von mir.




Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.