Martin Compart


NEWS: TIERDIEBSTAHL UND ESSAYS ZUR POPULÄREN KULTUR by Martin Compart

Alexandra und ihre Mitkämpfer haben ein neues Forum gegründet, dass ich allen ans Herz lege, die Kriminalität gegen Tiere nicht unberührt lässt. Zwar ursprünglich für den süddeutschen Raum, deckt es jetzt jeden Postleitzahlenbereich ab:
www.pit.community4um.de/

Nun ist es endlich lieferbar: Mein erstes Book on Demand: 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Stones, Fauser und andere Verbrecher. Essays zur populären Kultur. Neben dem überarbeiteten Buch EINE ZEITREISE MIT DEN ROLLING STONES enthält es längere Aufsätze und Essays zu Jean-Pierre Melville, Jörg Fauser, Krays u. Chandler. Es hat 256 Seiten und kostet 16,90 Euro. Die zu machenden Erfahrungen werden mir sicherlich Erkenntnisse über diesen neuen Publikationsmarkt ermöglichen. Aber sicherlich ist es was völlig anderes, ob man ein special interest-Produkt anbietet, als in dieser Form einen Roman zu veröffentlichen.

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JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL – Nachtrag by Martin Compart
3. März 2010, 6:16 nachmittags
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7.
Irgendwann in den Neunzigern ging ich dummerweise mal
zu einem Monatstreffen der Kölner Drehbuchautoren. Im
Gespräch mit einer damals gefeierten Edelfeder fiel auch
Jörgs Name. Da er öfters für die Bavaria arbeitete, fragte ich
die »Edelfeder«, wie lange die noch mit ihrem fetten Arsch
auf den Verfilmungsrechten vom Schlangenmaul sitzen wolle,
ohne zu produzieren. »Unverfilmbar! Daran haben sich
schon jede Menge Autoren versucht. Unmöglich zu adaptieren.
Da war es wieder: dieses Sich-in-Dumpfheit-und-Unfähigkeit-
Verschanzende, das Jörg und ich so oft kichernd
kommentiert hatten. Die deutsche Kulturindustrie als Vollidiotenbranche
voller Gestalten, die mit einer Halbautomatik
russisches Roulette spielen würden. Die »Edelfeder« beklagte
den Plot, nicht wissend, daß es im Film vor allem um
Szenen geht. Aber vielleicht sahen sich er und seine Gesellen
ja Howard Hawks Chandler-Verfilmung wegen des ebenso
stringenten wie nachvollziehbaren Plots an …



JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL 5/ by Martin Compart
17. Februar 2010, 5:08 nachmittags
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Vergangenheit ist nie zu Ende ist der Titel eines Romans von Ted Allbeury. Eine Erkenntnis, die sich mir einmal mehr bewies, als eines Abends die Bullen bei mir klingelten. Ein Strafbefehl war offen – alter Scheiß aus München, den ich
längst begraben wähnte.
Ich sollte umgehend im Beisein der Cops am Bahnhof Zoo 400 DM auf die Münchener Gerichtskasse einzahlen, oder ich käme in Beugehaft. Soviel Kohle hatte ich nicht bar, noch verfügte ich über Eurochecks oder ähnlich neumodischen Kram. Ganz bestimmt würde ich am nächsten Tag noch vor dem Zähneputzen die Überweisung tätigen. Nix da. Entweder sofort zum Zoo oder sofort in den Knast.
Ich hatte an diesem Abend echt was Besseres vor. Hat man nicht immer Besseres als Knast vor? Ob ich einen Bekannten aufsuchen könnte? Der Springer-Ausweis wirkte damals in der Frontstadt manche kleine Wunder. Die Cops waren einverstanden
und führten mich zu Jörg ins 13. Arrondissement. Da Jörg Gäste hatte, mußte er zu Hause sein. Was für ein Partyknaller.
Ich klingelte, berichtete, und Jörg zog den Trench an, fuhr mit zum Bahnhof Zoo, hob Geld ab, gab es mir, ich zahlte ein, und die Bullen wünschten uns noch einen schönen
Abend. Gibt wohl nicht viele Autoren, die ihren Lektor vor dem Knast bewahrt haben.

Gelegentlich war Jörg etwas aufgebracht, wenn wir uns trafen.
Ein feuilletonistischer Streuner, Haß in der Feder, hatte ihn angepinkelt. Das sezierten wir gerne minutiös, um einmal mehr festzustellen, wie gering doch der Verstand sein muß, um bei bestimmten Postillen schreiben zu dürfen. Zeit seines Lebens wurden Jörg und sein literarisches Konzept unter Wert behandelt. Aber Hemingway hatte ja gesagt:
»Kritiker haben noch jeden Schriftsteller, der sie liest, ruiniert«.
Jörg nicht. Das Leben auf der Straße hatte ihn viel zu sehr gepanzert. Sie kamen mit ihren Abrißbirnen nicht an ihn ran. Wirklich geärgert haben wir uns nur, wenn Name,
Titel oder Verlag falsch geschrieben waren. Da war Jörg ganz der Meinung von Mickey Spillane: Nur das zählt. Aber die Schiedsrichter des Konformismus versuchten es immer wieder, ließen nicht locker wie tollwütige Frettchen. Oft genug spürte man aus ihren krummen Zeilen Haß auf Jörgs Überlegenheit, den Haß darauf, daß er ihren Spießerkanon nicht anerkannte und übernahm, den Haß darauf, daß er in
jedem Genre – ob Reportage oder Songtext – Gold schürfte, Haß darauf, daß er nicht mit ihnen fraternisierte, letztlich den Haß auf ihre eigene Unzulänglichkeit. Noch
heute gibt es ja solche ewigen Buben (oft mit den Namen von Comic-Witzfiguren), die mit dem traditionellen Lockruf der Sauhirten ihre Gefolgsleute herbeizitieren, weil sie Jörgs Wirkungsgeschichte nicht verkraften und krampfhaft ein Kastensystem zu erhalten suchen, das von Fauser zu kalter Asche heruntergebrannt worden ist. »Wenn ein wirklich großer Schriftsteller in Deutschland erscheint, kann man ihn
untrüglich daran erkennen, daß sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden«, kann als leicht verändertes Hemingway-Zitat für die Fauser-Rezeption gelten. Jedenfalls zu seinen Schaffenszeiten.



JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL 4/ by Martin Compart
2. Februar 2010, 1:53 nachmittags
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Berüchtigt waren die Trinkgelage bei Ullstein. Vor den
halbjährlichen Vertreterpartys sammelte sich die Clique in
meinem Büro: Rolf Giesen (vollgestopft mit den neuesten
Gemeinheiten über die Filmszene), Wolfgang Proll (der im
Auftreten wieder in seine undurchsichtigen Zeiten beim
Diplomatischen Korps zurückfiel), Jürgen Behrendt (in freudiger
Erwartung der Freidrinks), Ronald M. Hahn (als
Science-Fiction-Lektor extra aus Wuppertal angereist) und
Jörg (im besten Zwirn). Dann war Lärm im Maschinenraum.
Die Nacht endete meistens mit einer Roomparty im Excelsior,
wo unsere Vertreter Domizil nahmen. Es muß wohl in
der Suite von Ekkart Müller gewesen sein. Christiane
Bertoncini hatte sich ins Bad geflüchtet, war dort – wie
häufig – wahrscheinlich eingeschlafen. Jörg hämmerte gegen
die Badezimmertür und forderte beständig: »Machen Sie auf,
Madame! Lassen Sie mich für heute Nacht Ihr Gatte sein!«

Gern trafen wir uns im Musik-Café am Olivaer Platz (dort
begann auch die Entbindung von Rohstoff). Die Kundschaft
bestand hauptsächlich aus vergnügungssüchtiger Mittelschicht,
die sich wie ein Song von Culture Club stylte. Wir
machten Wallfahrten zu den Puffs in der Giesebrecht- (Salon
Kitty) und Clausewitzstraße (hier verkehrte James Bond) und
anderen Heiligtümern. Wir suchten den Zauber der Großstadtnacht
in Ruinen, in Bars, beim Flanieren, in zugigen Neuköllner Hinterhöfen, in einer düsteren Spelunke tief
unter dem Anhalterbahnhof, in Mitternachtsvorstellungen
mit Eastwood, Delon und Bronson, in koreanischen Stehausschänken
oder auf Kiezfesten. Das war eine Welt jenseits
der dreisten Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft.
Dann wurde bei der Zeit der Pausenknopf gedrückt.

Nachdem Jörg in die Krumme Straße gezogen war, hingen
wir gelegentlich bei ihm ab. Er hatte eine Wohnung im
13. Stockwerk eines Hochhauses, die wir das 13. Arrondissement
nannten. Wenn es stürmte, wackelte der schmale Balkon,
der sich um die Wohnung zog, und der Wind rüttelte an
den Fenstern. Mit einer Dose Beck’s stellten wir uns ans
Geländer, darauf bedacht, nicht über die Brüstung geweht zu
werden. Wie an eine Reling gelehnt, machten wir eine Sturmfahrt
über das in Donner und Blitz getauchte Berlin unter
uns. Ein Joint half dabei. Während eines heißen Sommers
zeigte ich Jörg, wie man in der Karibik Bier trinkt, um den
Kater zu bekämpfen. Das wurde zum regelmäßigen Ritual, für
das Jörg Paletten Beck’s-Büchsen und zentnerweise Zitronen
einkaufte. Dann saßen wir in der Hitze auf der Terrasse, einen
großen Krug mit frisch gepreßtem Zitronensaft, Salz und
eiskaltes Bier daneben. Salz wurde vor den Öffnungsschlitz
gestreut, Zitronensaft bis zum Büchsenrand drauf und dann
alles zusammen in die Kehle. Das kam gewaltig, und nach der
dritten Büchse wich der Kater einem neuen, euphorischen
Rausch. Möglichst an Tagen, an denen wir im DDR-Fernsehen
Umzüge ansahen und so schöne Plakate entdeckten wie
»Wir danken der Partei für ihre kluge Politik«. Unser Schinto-
Schrein war der Videorecorder, munitioniert mit Melville-
Filmen. Wenn wir nachts aus den Kneipen wankten, war
immer noch Zeit für einen Joint bei Un flic. Manchmal telefonierte
Jörg mit seiner Tochter in England. Der Tonlage nach
mußten die beiden ein gutes Verhältnis zueinander haben.
Kritiker haben Jörg immer mal wieder vorgeworfen, er hätte
Probleme gehabt, mit Gefühlen umzugehen, sei unnahbar
und arrogant gewesen, habe sich hinter einer Männerwelt verschanzt.
Gerade aufs Schlangenmaul bezogen hat man das
öfters gehört und gelesen. Alles völlig verblödeter Unsinn
kontaktgestörter Stubenhocker. Der Preis für Autonomie ist
Isolation. Jörg konnte äußerst warmherzig und sensibel sein.
Genauso konnte er eiskalt und arrogant gegenüber Arschlöchern
sein. Diese Krakeeler können es nur nicht begreifen,
daß es Menschen gibt, die ihre schleimige Gefühlswelt nicht
teilen. Jörg schrieb über Männerwelten, weil er diese kannte
und sich in ihnen bewegte. Für diese unwürdigen Soldschreiber
ist das exotischer als eine Reise mit der Enterprise. Dieselben
kastrierten Marketender der Literatur haben Hemingway
vorgeworfen, daß er über Stierkampf, Krieg oder das
Fischen schrieb. Oder Dashiell Hammett, daß er die harte
Welt der Pinkertons kannte. Diese geistigen Hinterlader finden
ihre schlichten Freuden wohl nur bei lästigen Autoren, für
die Rolf Giesens unsterblicher Satz über den deutschen Film
gilt: »Wenn sie schon nichts erlebt haben, warum müssen sie
dann Filme darüber drehen?« In ihren Betriebszeitschriften
schreiben sie alles hoch, was bedeutungslos, langweilig, unerotisch
und fade ist. Eben alles, was wie sie selber ist.



JÖRG FAUSERS SCHLANGENMAUL 2/ by Martin Compart
14. Januar 2010, 4:23 nachmittags
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Die evangelische Akademie in Loccum lud immer mal gerne
die Krimiszene zu Tagungen ein, deren inhaltliche Öde durch
abendliche Trinkgelage kompensiert wurde. Hier trafen sich
überwiegend Autoren der bescheidenen Kategorie zu lärmender
Ausgelassenheit und stupiden Katerforen. Da rannten sie
ein paar Tage wild onanierend durch die Gegend. 1982
waren Jörg und ich dabei. Zuvor hatten wir uns nur ein paar
Mal persönlich gesehen. Ausquartiert in einen unbewohnten
Seitenflügel hatte man uns karge Klausen zugewiesen, die unserem
Außenseiterstatus entsprachen. Als frischgebackener
Ullstein-Herausgeber hatte ich bei den meisten anwesenden
Deutschschreibern gleich mal meine Popularität auf Null
gebracht, indem ich kategorisch verkündete, daß ich keine
deutsche Regionalliga in der Gelben Reihe machen würde,
solange mir angelsächsische Weltklasse zur Verfügung stünde.
Zu Jörgs großer Freude war ich damit sofort unten durch. Er
hatte Ullstein den richtigen Mann empfohlen. Was da rumschlich
und Dummheiten zur Kriminalliteratur verkündete,
waren die Gründerväter einer Organisation namens »Syndikat
«, die angebliche Krimiautoren vertrat. Der Verein schadete
ähnlich stark wie die Gruppe 47. Jörg verachtete diese
sozialliberalen Kleinbürger. Und sie wiederum ließen keine
Gelegenheit aus, Jörg ans Bein zu pinkeln. Folgerichtig haben
sie ihm vor ein paar Jahren posthum einen Preis verliehen
und damit das letzte Stadium der Geschmacklosigkeit
erreicht. Trotzdem gab es keine Rotationsphänomene auf
dem Münchener Friedhof. Zu unwürdig, um im Jenseits
wahrgenommen zu werden. In seinem Essay »Leichenschmaus
in Loccum« hatte Jörg die Veranstaltung gewürdigt:
»Ich blickte mich um. Lauter Tote, die sich tote Themen und
toten Fraß in ihre leichenstarren Münder stopften. Loccumer
Leichenschmaus. Ich wollte nicht tot sein. Ich flüchtete in die
Kneipe.«

Statt unsachgemäße Podiumsdiskussionen zu besuchen,
überließen wir sie weitgehend ihrem Elend. Jörg, Peter
Schmidt (damals einziger deutscher Autor derUllstein-
Krimis) und ich erkundeten lieber die örtliche Gastronomie.
Schmitti und Jörg bekundeten lauthals ihre John-le-Carré-
Bewunderung. Jörg: »Hier fielen drei, vier fremde Herren
nicht sehr auf, die den neuen deutschen Kriminalroman bis
auf Haut und Knochen abnagten und mit Pils herunterstürzten,
wobei sie fast rhythmisch rituelle Urlaute ausstießen:
Greene! Oder: Himes! Oder: le Carré!« Das war wohl der Tag
der Zeugung der GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE, die etwa
neun Monate später zur Welt kam.
Beim Auspacken bekam ich mit, daß Jörg vorausschauend
zwei Flaschen Whisky im Gepäck hatte. Das brachte uns
über den ersten Tag. In der Nacht darauf ging uns der Stoff
aus, und alle Kneipen waren bereits dicht. Mutlos nuckelte
ich an dem evangelischen Dosenbier, als Jörg zum Plündern
aufbrach. Er kam mit einer vollen Flasche Whisky zurück.
Wie hatte er das wieder hingekriegt? Er schrieb nicht nur wie
kein zweiter deutscher Autor, er löste auch Nachschubprobleme
mit links. Später haben Schmidt und ich es aus ihm
rausgelockt. Jörg war durch ein offenes Fenster in die Dorfkneipe
eingestiegen, hatte Licht gemacht und dann lautstark
Bedienung eingefordert. Der verblüffte Wirt war im Schlafanzug
aus dem ersten Stock heruntergetapert und hatte ihm
anstandslos eine Pulle verkauft. Wenn Jörg Durst hatte, gab
es keine Mauern.

1983 gründeten Schmitti, Jörg und ich die GRUPPE OBERBAUMBRÜCKE
mit Programm, Pressekonferenz und dem
ganzen Scheiß. Am nächsten Tag war ein Besuch in Ostberlin
angesagt. Treffpunkt Kochstraße, mit der U-Bahn zur Friedrichstraße.
Ich hatte in der Nacht keine Gelegenheit gehabt,
nach Hause zu gehen, und führte das OBERBAUM-Manifest
in der israelischen Kampfjacke mit. Jörg und Schmitti kamen
unbelästigt durch den Checkpoint. Mich krallten sie sich und
zogen das subversive Programm aus der Brusttasche. Das
war’s. Man verfrachtete mich in eine Zelle ohne Wasser. Nach
durchzechter Nacht ganz klar ein Verstoß gegen die Genfer
Konvention. Bautzen oder Sibirien? Ob Markus Wolf einen
Schläfer bei Ullstein gebrauchen könnte? Ich würde die nächste
Programmplanung verraten und mich damit freikaufen.
Stunden später wurde ich entlassen. Das Papier dürfe ich bei
der Ausreise aus der DDR wieder abholen. Die geschah innerhalb
von zehn Minuten. Ich hatte für heute die Schnauze
voll vom Arbeiter-und-Bauern-Staat. Schmitti und Jörg hatten
eine Stunde gewartet, bevor sie allein lostobten. Jörg hatte
zu Schmitti gesagt: »Jetzt hat er es in der Hand. Wenn sie ihn
nach ein paar Jahren Gulag freikaufen, kommt er in den
Vorstand von Springer.« Ja, ein guter Freund denkt auch ans
berufliche Vorwärtskommen seiner Kumpel. Ich verzog mich
umgehend in mein Domizil in der Kantstraße und legte mich
hin. Abends wurde Sturm geklingelt. Ich torkelte zur Gegensprechanlage,
und Jörg fragte aufgeregt: »Haben sie dich
wieder laufen lassen? Wurdest du gefoltert?« Wir gingen einen
trinken. Jörg war neben der Spur. Der Nachmittag mit
Schmitti hatte Prellungen hinterlassen. Sie hatten ab Friedrichstraße
einen Stasi im Schlepptau, der sie »unauffällig«
beschattete. Den beiden machte das Spaß. Einmal klatschte
Schmitti seine Hand mit voller Wucht gegen einen Baum und
brüllte: »Jetzt klingeln der Stasi wieder die Ohren.« In den
Kneipen bestellten sie Wodka, bekamen zur Antwort, daß es
nur Korn gäbe. »Aber auf der Flasche steht Wodka, kannste
nicht lesen? Gib uns Wodka!« Kein Feingefühl für die Russenressentiments
der DDR-Brüder.



JÖRG FAUSERS “SCHLANGENMAUL” 1/ by Martin Compart

Der komplette Text ist in meinem Essayband 2000 LIGHTYEARS FROM HOME zu finden.

Drei Tage vor dem Bruce-Springsteen-Konzert 1981
war ich auf Speed gegangen und hatte bei meiner Brandrodung
durch München einen neuen Rekord im Deckelmachen aufgestellt.
Noch Jahre später quälten mich Alpträume, in denen
ich nach München entführt wurde, um meine Deckel zu zahlen.
Nachts vor dem Konzert konnte ich nicht pennen. Das
Speed glühte nach. Da war doch noch dieses Buch, das ich
seit ’ner Weile lesen wollte: Marlon Brando von Fauser. Ein
bißchen was hatte ich von dem Typen schon im Stadtmagazin
Tip gelesen. Ich knallte es mir rein und konnte nicht
fassen, wie gut es war. Ich war elektrisiert und nahm mir fest
vor, Fauser kennenzulernen. Irgendwo hatte ich gelesen, daß
er in München wohnte. Später stellte sich heraus, daß wir in
München zur selben Zeit in dieselben Kneipen gegangen
waren. Wir hatten vielleicht am selben Tresen gestanden,
ohne ins Gespräch zu kommen. Weißbierkeller, Blaue Nacht,
rund um den Viktualienmarkt, das Glockenbachviertel …
Wahrscheinlich waren wir in denselben Nachtvorstellungen,
um französische Gangsterfilme zu sehen.

»Warum hast du mich nicht mal angerufen? Das haben andere
auch gemacht«, fragte mich Jörg später.
»Erstens habe ich mich das nicht getraut, zweitens hättest
du mich garantiert abserviert.«
»Nicht unbedingt.«
»Nee, nicht unbedingt.«

Trotz der durchlesenen Nacht, mit ordentlich Filz im
Maul, ging ich zu Springsteen in die Olympia-Halle. Damals
war er noch in Hochform, noch ein Geheimtip. Es war eines
der besten Konzerte meines Lebens. Als sie ihm um Mitternacht
den Strom abstellten und die Halle erleuchteten, machte er einfach akustisch weiter. Keiner hatte schlechte Laune nach dem Konzert.

Der Ullstein-Job brachte mich Mitte 82 nach Berlin. Die gelben Ullstein-Krimis las ich seit der Vorpubertät, seitdem ich eine Kiste mit diesen unglaublichen Taschenbüchern unterm Bett meiner Mutter gefunden hatte. Es war immer
meine Lieblingsreihe gewesen, und jetzt war ich ihr Herausgeber.
Daß man dafür noch bezahlt wurde, war, als würde man Kohle dafür kriegen, Joschka Fischer, Gerhard Schröder oder Schäuble in die Eier zu treten.

Tip-Chefredakteur Werner Mathes hatte ich schon persönlich
getroffen, aber Jörg noch nicht. Es muß Anfang August
82 gewesen sein, als Mathes mich zu einer Gaststätte bestellte,
um über den Literatur-Tip zur Buchmesse zu sprechen.
Themenschwerpunkt: Kriminalliteratur. Es war ein scheißheißer
Tag, und im Büro frittierte ich im eigenen Schweiß.
Mit einem Taxi durch das brütende Berlin zum Fronteinsatz.
Vor der Gaststätte saßen zwei Stoiker und tranken bei 30°im
Schatten Whisky. Mathes stellte Fauser und mich einander
vor. Fauser war cool und skeptisch. Der Kellner kam, um
meine Bestellung aufzunehmen. Whisky. Fauser grinste. Ich
konnte kein ganz Schlechter sein, wenn ich bei diesen Temperaturen
harte Sachen trank.

Zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, daß ich es den
zwei Stoikern Fauser und Mathes zu verdanken hatte, bei
Ullstein zum Vorstellungsgespräch geladen worden zu sein.

FORTSETZUNG FOLGT




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