Einsortiert unter: Andy McNab, Bücher, Crime Fiction, Fragebogen, Heftroman, Jim Thompson, Krimis, Noir, Porträt | Schlagwörter: Film Noir, Fragebogen, George T.Basier, Jim Thompson, Noir
Er gehört zu den wenigen deutschen Thriller-Autoren, die gegen den Strom schwimmen. Und das radikal und kompromisslos. Deswegen veröffentlicht er seine Bücher als Book on Demand, denn er hat keine Lust, sich von inkompetenten Lektoren kastrieren zu lassen. Und sein Erfolg beweist, dass man nicht unbedingt einen Publikumsverlag braucht um interessierte Leser jenseits frustrierter Mittelschichtshausfrauen zu finden. Vor dem Bünnagelschen Noir-Fragebogen also näheres zur Person:
„1969 in Wedel bei Hamburg geboren. Teilweise auf den Schiffen meines Vaters (Kapitän) aufgewachsen. Mutter ist als Köchin mitgefahren. Dadurch habe ich zum Beispiel als Jugendlicher in den frühen Achtzigern den Libanon von innen gesehen.
Nach dem Zivildienst habe ich erfolgreich zwei ingenieurwissenschaftliche Studiengänge in den Sand gesetzt. Finanziert habe ich das Vergnügen mit Jobs in der Alten- und Kinderpflege. Dann hat mir ein Professor geraten, es mal mit der Mathematik zu probieren. Was auch sehr gut gepasst hat. Nebenbei war ich längere Zeit in einer linksautonomen Gruppe aktiv und bin seit über zwanzig Jahren von einer massiven Sportsucht geplagt. Vier bis sechsmal in der Woche ins Fitnesscenter, drei mal Fahrradtraining, zwei mal Joggen, am Wochenende oft eine Mischung aus Wandern und Survivaltraining, oder Klettern und Fallschirmspringen. Gelegentliche Gewaltmärsche, wie etwa in vier Tagen von Hamburg nach Hannover (unter Umgehung von Straßen natürlich) oder ähnliche selbst auferlegte Prüfungen meiner Männlichkeit waren lange Zeit unumgänglich. Gewohnt habe ich immer in Hamburg. Viele Reisen führten mich aber in die Berge und in tropische Regionen, meist mit nur wenig mehr als Taschenmesser und BW-Poncho im Gepäck. Geführt hat mich diese permanente Suche nach meiner Männlichkeit aber nur in eine mittelgradige Depression und ins Schreiben. Vor drei Jahren bin ich mit meiner langjährigen Freundin, wir kennen und schätzen uns nun schon seit fast zwanzig Jahren, und heutigen Frau in die Nordheide aufs Land gezogen und suche nun meine Männlichkeit zwischen Windeln, Einkaufskörben und Herd. Sollte ich eine beschreibende Bezeichnung für mich selbst finden müssen, dann würde ich irgendwo zwischen recyceltem Punk und gescheitertem Mathematiker suchen.“
„Das Buch ist, wie ein Leser in einer Amazon-Rezension ganz richtig vermutet, als Adaption von Frank Millers „The Hard Goodbye“ angelegt. Erreichen wollte ich eine Art Technothriller, ohne die oft scharfe Trennung zwischen Gut und Böse. Wobei das Gute in dem Subgenre ja zu allem Überfluss auch noch oft von staatlichen Stellen kommt z.B. Clancy. Dabei lag mir sowohl der technischer Realismus, als auch das Scheitern, als Gegengewicht zu Hollywood, sehr am Herzen. Bei der Gewaltdarstellung wollte ich vor allem Entsetzen und Eckel erregen. Alles andere kann meiner Meinung nach nur verharmlosen. Das Buch entstand in einem zweiwöchigen Schreibrausch fast ohne Schlaf.“
„Jägers Fall“:
Dieses Buch ist so etwas wie meine „Abrechnung“ mit dem Krimigenre im Allgemeinen. Ich denke, dichter werde ich dem „Standardkrimi“ wohl nie wieder kommen. Schon die Perspektive des üblichen Krimis, Kriminalität als Objekt polizeilicher Arbeit, empfinde ich als falsch, weil es für mich einfach nicht das Wesentliche der Kriminalität zeigt. Die Geschichte ist für mich so etwas wie eine Reise in die kranke Psyche eines Monsters. Etwa so wie ein Gespräch mit einem Fremden auf einer Party, bei dem man im Verlauf langsam merkt wie durchgeknallt der Typ neben einem ist, und wie wenig klar es ihm selber ist.
Das Buch ist ganz anders als „Der Killer und die Hure“ entstanden. Ich habe Flussdiagramme für die Handlung gezeichnet und über längere Zeit hinweg Szene für Szene konstruiert. Erreichen wollte ich dabei auch eine gewisse „Künstlichkeit“, wie in einem Musikstück, deshalb auch Jägers „Refrain“. Überhaupt lasse ich mich gerne von Musik inspirieren. Am liebsten hätte ich noch eine Gebrauchsanweisung für den Leser vorweg gestellt: „Bitte wie ein Mann lesen! Also langsam, mit etwas schleppender Stimme und viel Atempausen.“ Ich glaube anders kann Jäger gar nicht richtig wirken.Man kann „Jägers Fall“ auch als eine Art Fortsetzung von „Der Killer und die Hure“ lesen. Obwohl ich finde, dass die beiden Bücher fast zu unterschiedlich sind. Darüber hinaus hatte ich bei beiden Büchern das Ziel, Leseerwartungen zu enttäuschen. Also den Helden scheitern zu lassen und den Kommissar mit dem Serienkiller zu verschmelzen. Müsste ich mir eine gemeinsame Überschrift, über alles was ich bisher geschrieben habe und alles was noch geplant ist suchen, würde ich sicher Männerwelten wählen.
NOIR-FRAGEN:
Name?
George T. Basier (was natürlich schon gelogen ist, keine Sau heißt wirklich so)
Berufungen neben dem Schreiben?
Familie, Wandern, Filme, Lesen, möglichst oft das Leben genießen (und das kann vieles heißen, von dem Glas Rotwein bis zum Sprung aus einem fliegenden Flugzeug).
Film in Deinem Geburtsjahr?
Ein Fressen für die Geier (Ein Film, den ich immer wieder gerne sehe).
Was steht im Bücherschrank?
Gustav Hasford (Eine Ausgabe von „Höllenfeuer“ mit Charlie Sheen und Tom Berenger auf dem Cover! Das meint man wohl mit Ignoranz!), Cormac McCarthy, Andrew Vachss, Jim Thompson, James Lee Burke, Robert B. Parker, Joe R. Lansdale, James Sallis, Daniel Woodrell, Andy McNab… und viele Fachbücher zu diversen Themen (von Konfliktforschung über Reisebeschreibungen bis hin zu Mathematik)
Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Ich glaube, so etwas hatte ich nie.
Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Das Harter-Mann-Schöne-Frau-Ding.
Ein paar Film noir-Favoriten?
Sin City – ihr könnt mich schlagen, aber gibt es etwas Plakativeres, etwas, wo der Kontrastregler weiter aufgedreht wurde?
Und abgesehen von Noirs?
Brazil, Naked Lunch, Harold and Maude, Barton Fink, Buffalo 66, Secretary, Fight Club, Dark Star, Tremors, Falling Down, Alien, Heat, Blade Runner, Die Brücken am Fluss, Hinter dem Horizont…das ist fast grenzenlos, ichglaube, es gibt für jede Stimmung einen Film, der mir gefällt.
Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Ein paar meiner Figuren zum Beispiel. Alleine dafür, dass sie in meinem Kopf herum geistern.
Internet?
Was mich gerade interessiert.
Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Das Omega-Männchen, das plötzlich durchdreht und alles kurz und klein haut.
2. Und der Spitzname dazu?
Butschi.
3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Frank Miller (vielleicht in Koproduktion mit Andy McNab).
4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World
Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
„Meinst du mich? Redest du mit mir?” Natürlich in Anlehnung an Taxi Driver.
5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Postkartographie in brillanten Farben. So brillant, dass jede Hautunreinheit auf meiner fettigen Stirn sichtbar wird.
6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Rummelsnuff.
7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Die freundliche Kassiererin von Aldi, die mich fast an das Gute imMenschen glauben lässt, mich dann aber verarscht.
8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
Geplant wäre ein Lada Niva, aber wahrscheinlich würde es ein uralter Fiat 500 werden, mit etwas Pech sogar in Lila, ich kenn mich doch!
9. Und mit welcher Bewaffnung?
Alles was in die klapperige Karre rein geht: HK MP7, HK416, FN Minimi, Glock 19.
10. Buch für den Knast?
Die Nackten und die Toten, damit ich weiß, wie gut es mir geht.
11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Ich fürchte: „Er hatte Schuhgröße 42!“:
Einsortiert unter: Crime Fiction, Dashiell Hammett, Film, Fragebogen, Jim Thompson, Krimis, Noir, Porträt | Schlagwörter: Film Noir, Gangster, Jim Thompson, Mickey Spillane, Noir, Tom Torn
Thomas Griffith Torn III. wurde am 26. August 1937 in Brooklyn, New York, als Sohn von Edwin Torn und Selma Torn geboren. Der Vater war Journalist, die Mutter versuchte sich als Malerin. Ihre Bilder befinden sich heute im Marvin Dobb Museum in Brooklyn.
Torn fing bereits im frühen Alter an zu schreiben. Seine ersten Arbeiten reichte er bei diversen Magazinen ein. Nach Ablehnung der Arbeiten versuchte er sich als Journalist.

Er ließ sich von seinem Vater finanziell unterstützen und arbeitete an seinem ersten Roman „Calling Wilde“ (dt. “Jenseitsmusik”). Er brach die Arbeiten an dem Roman immer wieder ab. Der Erfolg für ihn kam 1970 mit der Veröffentlichung von „Jenseitsmusik“. Der Roman wurde in Auszügen im „New Yorker“ vorab gedruckt.
Zu Torn: http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Torn
Berufungen neben dem Schreiben?
Trinken
Film in Deinem Geburtsjahr?
Dead End
Was steht im Bücherschrank?
Zu viel, was ich endlich in den Mülleimer befördern müsste. Übrig blieben dann noch Jim Thompson, Ed Harlan, Hammett, Chandler, Spillane, Woolrich, einige Sachen von Hemingway
Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Armitage Trails „Scarface“
Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Der ständig abgebrannte Privatdetektiv. Erinnert mich an mein Leben.
Ein paar Film noir-Favoriten?
Der kleine Cäsar, The Public Enemy, Scarface
Und abgesehen von Noirs?
Scheiße! Da gibt es nichts.
Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Ich kann Cops nicht ausstehen. Und dann noch diese verfluchten Blondinen, die den Helden ständig in die Scheiße reiten wollen. Es gibt eine Menge Bastarde, die es verdient hätten. Schätze, das würde ein verfluchtes Massaker werden.
Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Ich wäre der Bogart-Typ. Ständig abgebrannt. Eine Kippe im Maul. Einen Drink in der Hand.
2. Und der Spitzname dazu?
Ein solcher Typ hat keinen Spitznamen. Und wenn du ihm doch einen verpasst, dann hast du ein echtes Problem.
3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Dashiell Hammett
4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?
„Hast du dich schon mal im Spiegel angesehen? Wenn ich deine Fresse mit meinem Totschläger aufbereitet habe, wirst du deutlich mehr Chancen bei den Frauen haben.“
5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Schwarzweiß!
6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Adolph Deutsch
7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Barbara Stanwyck
8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
In einem gestohlenen Polizeiwagen.
9. Und mit welcher Bewaffnung?
Thompson-Maschinengewehr
10. Buch für den Knast?
Verflucht. Was will ich da mit einem Buch? Ich nehme alles von Woolrich und Spillane mit
11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Ihr könnt mich alle mal …
Einsortiert unter: Bücher, Crime Fiction, Fragebogen, Jim Thompson, Krimis, Noir, Porträt | Schlagwörter: Fragebogen, Guido Rohm, Jim Thompson, Noir
Guido Rohm wurde 1970 in Fulda geboren, wo er heute auch lebt und arbeitet.
Er schreibt u.a. Buchrezensionen für verschiedene Onlinemagazine. Dabei
entdeckte er auch den amerikanischen Kultautor Tom Torn für den
deutschsprachigen Raum. Nach der Kurzgeschichtensammlung »Keine Spuren« legt
er mit »Blut ist ein Fluss« seinen ersten Roman vor.
Berufungen neben dem Schreiben?
Eine Frau namens Annette
Meine Kinder
Auf dem Sofa mit geschlossenen Augen liegen und „innere“ Filme ablaufen lassen
Fluchen
Hände waschen (Sind inzwischen völlig ausgetrocknet)
Film in Deinem Geburtsjahr?
FIVE EASY PEACES (Ein Mann sucht sich selbst) von Bob Rafelson
Was steht im Bücherschrank?
Tom Torn, Jim Thompson, Ed Harlan, Ken Bruen, Daniel Woodrell, Cormack McCarthy, George P. Pelecanos …
Und dann noch viele andere Bücher, die mich meistens langweilen. Nur die Noir-Romane, die bleiben im Kopf und im Herz stecken. Das haben gut gezielte Geschosse so an sich.
Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Charles Laughtons „Die Nacht des Jägers“
Jim Thompsons „After Dark, My Sweet“
Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Der trunksüchtige Held.
Ein paar Film noir-Favoriten?
Get Carter, Point Blank, Night of the hunter, No country for old man, There will be blood (Ein echter Western noir)
Und abgesehen von Noirs?
Filme von Gaspar Noe, Haneke, Peckinpah, Lars von Trier („Antichrist“ ist großartig), Luis Bunuel, Orson Welles.
Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Den echten und den fiktiven Adolf Hitler.
Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Ein saufender Autor namens James Tippie, der seit Jahren kein Manuskript mehr untergebracht hat.
2. Und der Spitzname dazu?
Tippie
3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Ken Bruen und ich
4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?
„Ich habe mir echtes Blut immer ganz anders vorgestellt.“
James Tippie zu seiner Nachbarin Laura, die er gerade erst mit seiner Schreibmaschine erschlagen hat
5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Natürlich Schwarzweiß!
6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Tom Waits
7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Ihren Namen darf ich nicht schreiben. Aber ich liege jeden Abend neben ihr im Bett.
8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
In einem Mustang aus dem Jahr 1971
9. Und mit welcher Bewaffnung?
Eine Glock
10. Buch für den Knast?
Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“
11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Komme gleich wieder!
Einsortiert unter: Bücher, Crime Fiction, Drehbuch, Film, Jörg Fauser, Krimis, Noir, Politik & Geschichte, Porträt, Raymond Chandler, ROMAN | Schlagwörter: Drehbuchautoren, Film Noir, Gavin Lyall, Jörg Fauser, Jim Thompson, Mickey Spillane, Noir, Raymond Chandler, Rolling Stones, Ross Thomas
Der komplette Text ist in meinem Essayband 2000 LIGHTYEARS FROM HOME zu finden.
Drei Tage vor dem Bruce-Springsteen-Konzert 1981
war ich auf Speed gegangen und hatte bei meiner Brandrodung
durch München einen neuen Rekord im Deckelmachen aufgestellt.
Noch Jahre später quälten mich Alpträume, in denen
ich nach München entführt wurde, um meine Deckel zu zahlen.
Nachts vor dem Konzert konnte ich nicht pennen. Das
Speed glühte nach. Da war doch noch dieses Buch, das ich
seit ’ner Weile lesen wollte: Marlon Brando von Fauser. Ein
bißchen was hatte ich von dem Typen schon im Stadtmagazin
Tip gelesen. Ich knallte es mir rein und konnte nicht
fassen, wie gut es war. Ich war elektrisiert und nahm mir fest
vor, Fauser kennenzulernen. Irgendwo hatte ich gelesen, daß
er in München wohnte. Später stellte sich heraus, daß wir in
München zur selben Zeit in dieselben Kneipen gegangen
waren. Wir hatten vielleicht am selben Tresen gestanden,
ohne ins Gespräch zu kommen. Weißbierkeller, Blaue Nacht,
rund um den Viktualienmarkt, das Glockenbachviertel …
Wahrscheinlich waren wir in denselben Nachtvorstellungen,
um französische Gangsterfilme zu sehen.
![portrait-aelter-7-1984-od-85[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2010/01/portrait-aelter-7-1984-od-851.jpg?w=300&h=196)
»Warum hast du mich nicht mal angerufen? Das haben andere
auch gemacht«, fragte mich Jörg später.
»Erstens habe ich mich das nicht getraut, zweitens hättest
du mich garantiert abserviert.«
»Nicht unbedingt.«
»Nee, nicht unbedingt.«
Trotz der durchlesenen Nacht, mit ordentlich Filz im
Maul, ging ich zu Springsteen in die Olympia-Halle. Damals
war er noch in Hochform, noch ein Geheimtip. Es war eines
der besten Konzerte meines Lebens. Als sie ihm um Mitternacht
den Strom abstellten und die Halle erleuchteten, machte er einfach akustisch weiter. Keiner hatte schlechte Laune nach dem Konzert.
Der Ullstein-Job brachte mich Mitte 82 nach Berlin. Die gelben Ullstein-Krimis las ich seit der Vorpubertät, seitdem ich eine Kiste mit diesen unglaublichen Taschenbüchern unterm Bett meiner Mutter gefunden hatte. Es war immer
meine Lieblingsreihe gewesen, und jetzt war ich ihr Herausgeber.
Daß man dafür noch bezahlt wurde, war, als würde man Kohle dafür kriegen, Joschka Fischer, Gerhard Schröder oder Schäuble in die Eier zu treten.
Tip-Chefredakteur Werner Mathes hatte ich schon persönlich
getroffen, aber Jörg noch nicht. Es muß Anfang August
82 gewesen sein, als Mathes mich zu einer Gaststätte bestellte,
um über den Literatur-Tip zur Buchmesse zu sprechen.
Themenschwerpunkt: Kriminalliteratur. Es war ein scheißheißer
Tag, und im Büro frittierte ich im eigenen Schweiß.
Mit einem Taxi durch das brütende Berlin zum Fronteinsatz.
Vor der Gaststätte saßen zwei Stoiker und tranken bei 30°im
Schatten Whisky. Mathes stellte Fauser und mich einander
vor. Fauser war cool und skeptisch. Der Kellner kam, um
meine Bestellung aufzunehmen. Whisky. Fauser grinste. Ich
konnte kein ganz Schlechter sein, wenn ich bei diesen Temperaturen
harte Sachen trank.
Zu diesem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, daß ich es den
zwei Stoikern Fauser und Mathes zu verdanken hatte, bei
Ullstein zum Vorstellungsgespräch geladen worden zu sein.
FORTSETZUNG FOLGT
Einsortiert unter: Bücher, Crime Fiction, James Bond, Krimis, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir, Rezensionen | Schlagwörter: 007, Agatha Christie, Crime Fiction, Eric Ambler, Geoffrey Household, George V.Higgins, H.C.Bailey, Ian Fleming, Irvine Welsh, James Bond, James Hadley Chase, Jim Thompson, Krimis, Len Deighton, Nicholas Blake, Noir, Rex Stout, Thriller, Tim Willocks
Ausgehend von einer kleinen Serie, die ich vor einigen Jahren in der FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND veröffentlicht habe, möchte ich an dieser Stelle gelegentlich besondere Krimis vorstellen, Klassiker, die jeder Krimi-Fan in seiner Basis-Bibliothek haben sollte. Zwar sind einige Titel momentan nicht lieferbar (Schande über die Verlage), aber im Internet oder Antiquariaten sind sie leicht auffindbar, da sie meist in verschiedenen Ausgaben und hohen Auflagen veröffentlicht wurden. Es geht quer durch alle Subgenres der Kriminalliteratur.
DIE MASKE DES DIMITRIOS von Eric Ambler
Dimitrios hat es endlich erwischt! Keiner weint dem Gangster und Terroristen eine Träne nach, als man seine Leiche aus dem Bosporos zieht. Lang genug grub sich seine blutige Spur quer durch den Balkan. Der englische Krimiautor Latimer ist von Dimitrios’ Lebensgeschichte so fasziniert, dass er sie rekonstruieren will und damit eine Reise durch die politische Hölle Osteuropas in den 20er- und 30er Jahre beginnt.
Ambler verschachtelt komplexe Handlungen, zeitgeschichtliche Dokumente und Rückblenden zu einer atemberaubenden Menschenjagd. Seine Prosa ist ungemein modern in ihrer Effektivität. Aber dem Leser bleibt keine Zeit, die Qualität des Stils zu bemerken, denn die Story jagt mit hohem Tempo auf ihr dramatisches Finale zu. “Ich hatte Schwierigkeiten mit Dimitrios. Ich wußte, dass es etwas ganz Neues sein würde und dass ich nur das Beste abliefern dürfte”, schrieb der 1998 verstorbene Autor in seinen Memoiren.
Großkaliber wie John LeCarré, Gavin Lyall, Len Deighton oder Ross Thomas wären ohne die Innovationen von Ambler nicht vorstellbar. Er verband den Spionageroman mit politischer Aufklärung und machte zeitgleich mit Graham Greene ein eigenes Genre daraus. Und da sein politisches Bewusstsein immer auf Weitwinkel eingestellt war, erklärte er in seinen 19 Romanen dem Leser die Welt hinter den Schlagzeilen. Immer nach der Devise: Es kommt nicht darauf an, wer die Pistole abfeuert, sondern darauf, wer die Schützen bezahlt. Amblers Romane sind auch Handbücher für Putsche, Revolutionen oder Kriege. Die perfekte Synthese aus Roman und Sachbuch. Darüberhinaus wüssten wir ohne seine Osteuropa-Thriller noch weniger über den Balkan – was ihn gerade heute wieder aktuell macht. Mehr als einmal stockt man bei der Lektüre des 1939 erschienen Romans und erkennt Parallelen zur Gegenwart.
Eric Ambler: Die Maske des Dimitrios. Erstmals ungekürzte Neuübersetzung. Diogenes Verlag.
DIE HOTTENTOTTEN-VENUS von H.C.Bailey
Wenn man bei uns an die großen Detektive des Golden Age denkt, fällt den wenigsten der Name Reggie Fortune ein. Obwohl einer der wahren Giganten des Genres, wurde er bei uns lediglich durch eine inzwischen viel gesuchte Publikation in der frühen
Rowohlt-Thrillerreihe veröffentlicht
Bailey (1878-1961) war einer der Großmeister der klassischen Detektivgeschichte um den Great Detective und sein Held Reggie Fortune steht ganz in der Tradition der exzentrischen Amateurdetektive. Er ist dick, gemüt- und humorvoll und faul.
Er liebt große Autos, gutes Essen und Trinken und Varieteegirls. Er kann ungeheuer sentimental sein, aber auch wütend und bösartig. Baily hetzte das Dickerchen durch 85 Kurzgeschichten und neun Romane. Dabei erschrieb er der Form eine menschliche, ethische und moralische Dimension, die einigen Kritikern sogar als Chesterton überlegen gilt. Daneben verdient Bailey auch für einige der ausgeklügelsten und spannendsten Geschichten gelobt zu werden, die zusammen mit der Dreidimensionalität der Charaktere und dem feinen Gespür für Atmosphäre zum Allerbesten der Gattung zählen. Anders als seine zeitgenössischen Kollegen, verachtet Fortune, bzw. Bailey, den Snobismus der Oberschicht, die Klassenstrukturen der britischen Gesellschaft zwischen den Weltkriegen. Durch sein Mitfühlen wird er oft emotional in seine Fälle verwickelt – für die großen Detektive des Golden Age meist etwas unvorstellbares. Und der kleine Fettsack Reggie hat natürlich auch seine eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit, die sich nicht unbedingt
mit dem Strafgesetzbuch decken müssen. Um allen literarischen Ansprüchen zu genügen, schrieb Bailey relativ lange Kurzgeschichten, da er weder auf sorgfältige Charakterisierung, noch auf Atmosphäre verzichten wollte.![Ym4wMDcx[1] Ym4wMDcx[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/ym4wmdcx1.jpg?w=420)
Es ist dem Diogenes Verlag mal wieder zu danken, dass er diesen Klassiker ausgegraben hat. Aber leider hat das auch Wermutstropfen: dies ist der erste Band mit Fortune-Geschichten und Bailey ist noch weit von seiner Bestform entfernt (allerdings zwingt sich beim Lesen auch manchmal der Verdacht auf, dass man die Stories etwas flüssiger hätte
übersetzen können). Dieser Klassiker macht nämlich deutlich, was wir heute beim Lesen zeitgenössischer Kriminalliteratur zu oft vergessen: welch ungeheures Vergnügen
die wirklichen Meister des Golden Age bereiten können! Leider blieb es bei dem einen Band im Diogenes Verlag. H.C.Bailey wartet nach wie vor auf eine gepflegte deutsche Veröffentlichung. Die besseren Geschichten findet man im Rowohlt-Band, der Bailey auf der Höhe seines Könnens zeigt.
H.C.Bailey: Die Hottentotte-Venus(CallMr.Fortune,1920).Deutsch von Cornelia C.Walter. Diogenes Verlag;252 Seiten.
MEIN VERBRECHEN von Nicholas Blake
“Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten…”
So beginnt der 1938 erschienen Kriminalroman THE BEAST MUST DIE von Nicholas Blake, der neue Akzente setzte, von Claude Chabrol verfilmt wurde und noch heute gierig verschlungen wird.
Blake wiech mit diesem Buch von seinen sonstigen Detektivromane über Nigel Strangeways, die voller literarischer Anspielungen sind, ab. Indem er die Perspektive eines rächenden Vaters, der den Mörder seines Sohnes sucht um ihn zu töten, wählte, schrieb er einen psychologischen Thriller und keinen klassischen Detektivroman. Auf die Idee war er gekommen, als sein kleiner Sohn fast überfahren worden wäre. Der erste Teil wird von Felix Lane erzählt, einen Krimiautor, dessen Sohn überfahren wurde. Brillant ist die Detektivarbeit von Lane, mit der er die Identität des Fahrerflüchtigen ermittelt. ![BlakeNicholas[1] BlakeNicholas[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/blakenicholas1.jpg?w=420)
Cecil Day Lewis(1904-72), der Vater des Schauspielers Daniel Day Lewis, war Kommunist und ein bewunderter Lyriker, als er 1935 unter dem Pseudonym Nicholas Blake Kriminalromane zu schreiben begann. Der Grund? Er brauchte Geld um sein Dach reparieren zu lassen. Es folgten 15 höchst originelle Kriminalromane, die oft die Formel des klassischen Detektivromans durchbrachen oder originelle Milieus und Charaktere in den Mittelpunkt stellten.
Nicholas Blake: Mein Verbrechen. Diogenes Verlag, 1995.
KEINE ORCHIDEEN FÜR MISS BLANDISH von James Hadley Chase
Das Geburtsjahr des britischen Noir-Romans war 1939. In diesem Jahr debutierte Rene Raymond alias James Hadley Chase (1906-85) mit seinem ultrabrutalen, in einem mythischen Amerika
angesiedelten, NO ORCHIDS FOR MISS BLANDISH. Die Entführung einer Millionenerbin durch eine perverse Gangsterbande, die an Ma Barkers Gang erinnert, wurde für damalige Verhältnisse geradezu schockierend brutal erzählt. Angeblich war der Roman von William Faulkners SANCTUARY (1931) inspiriert. Die Realität ist eine andere: Chase arbeitete Mitte der 30er Jahre als Buchhandelsvertreter und erlebte den sensationellen Erfolg von James Malahan Cains Roman WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT hautnah mit. Er besorgte sich ein amerikanisches Slanglexikon, eine Schreibmaschine und legte los. Innerhalb von sechs Wochenenden schrieb er das Buch. Chase druckte eine hohe Auflage, bestückte jeden seiner Buchhändler mit sechs Freiexemplaren und organisierte ein Presseecho. Innerhalb von fünf Jahren verkaufte er eine Million Exemplare.
Obwohl Chase später brutale Geschichten aus der Londoner Unterwelt erzählte, kehrte er immer wieder in sein mythisches Amerika zurück. Wie andere große Autoren schuf er sich einen eigenen Kosmos. Chase, der die USA nur von einem einzigen Kurztrip kannte, ließ seine besten Romane in “Chase Counrty” spielen, in dem er den gesellschaftlichen Sozialdarwinismus ungeschminkt vorführte. Chase erzählte schmutzige, schnelle Geschichten über wenig sympathische Menschen, die für Sex, Macht und Geld alle gesellschaftlichen Normen brechen. Er zeichnete ein düsteres Bild der westlichen Zivilisation, in der jeder der Wolf des Anderen sein muss, wenn er nicht untergehen will.
Chase war ein Freund vo Graham Greene (und sie hatten denselben Steuerberater, was sie auch noch zu Komplizen machte).
James Hadley Chase: Keine Orchideen für Miss Blandish; Amsel Verlag 1955. Zuletzt bei Ullstein. Vergriffen.
ALIBI von Agatha Christie
Es ist leider modisch geworden, über Agatha Christie die Nase zu rümpfen. Sie sei altmodisch, verkörpere die Ideologie einer längst untergegangenen Gesellschaftsschicht und schrieb nur Pappcharaktere, sind nur einige Vorwürfe. Dabei übersieht man, dass ihr spröder Charme und die Eleganz ihrer Handlungsführung immer wieder neue Lesergenerationen in den Bann ziehen. Und man vergisst, dass Dame Agatha mehr innovative Rätsel erfand als jeder andere Autor des klassischen Detektivromans. Einen guten Eindruck von ihrem schier unendlichen Einfallsreichtum bietet der Miss Marple-Band DER DIENSTAGABEND-KLUB (Scherz) mit ausgefuchsten Kurzgeschichten. Ihre bis 1945 geschriebenen Bücher sind von höherer Qualität als die späteren. Mrs. Christies Welt der idyllischen Morde – falls es soetwas gibt – versank in den Stahlgewittern des 2.Weltkrieges, und das beeinträchtigte ihren Einfallsreichtum ein wenig. Für gelegentliche Geniestreiche wie etwa DAS FAHLE PFERD, war sie aber noch immer gut.
ALIBI (THE MURDER OF ROGER ACKROYD) war Christies 7.Roman und erschien 1926. Mit einem Schlag gehörte sie zu den besten Autoren des Genres. Es ist der Roman, den die Krimitheoretiker nach wie vor für ihr cleverstes Buch halten. Am Anfang steht der für sie so charakteristische Mord in einem anheimelnden Dörfchen auf dem Lande. So erfand sie für diesen Hercule Poirot-Roman eine Lösung, die den unvorbereiteten Leser noch heute verblüfft. Kopiert wurde diese Struktur selten (zum Beispiel in A.D.G.s großartigem Roman DIE NACHT DER KRANKEN HUNDE). Denn um mit diesem Trick durchzukommen, verlangt es all die schriftstellerischen Fähigkeiten, die verschiedene Kritiker ihr so gerne absprechen.
Agatha Christie: Alibi; Scherz Verlag
IPCRESS – STRENG GEHEIM von Len Deighton
Als 1962 THE IPCRESS FILE
herauskam, war er auf Anhieb die Sensation des boomenden Spionagegenres. Einigen Kritikern galt Deighton “besser als Ian Fleming”, dessen das Publikum enttäuschender aber experimenteller Bond-Roman THE SPY WHO LOVED ME im selben Jahr erschien.
IPCRESS zeichnete sich durch einen faktischen Realismus aus, den man zuvor im Genre nicht gekannt hatte. Len Deighton war als erster Autor immer auf der Höhe der technischen Entwicklungen und setzte sie realistisch in seinen kompliziert geplotteten Spionage-Epen ein. Wenn man so will, war er ein Vorläufer der heute so erfolgreichen Techno-Thriller. Tatsächlich gilt einigen Theoretikern sein 1966 erschienener Roman DAS MILLIARDEN-DOLLAR-GEHIRN (Knaur, 1988) um einen Supercomputer, der für einen faschistischen texanischen Ölbaron einen Angriff auf Lettland lenkt, als erstes Exemplar des Subgenres High-Tech-Thriller.
Harte Schnitte, extreme Szenenüberblendungen und abrupte Perspektivenwechsel machen es dem Leser nicht leicht, sich ein Bild von der komplizierten Handlung in IPCRESS zu machen. Aber sie erzeugen ein Gefühl der Authentizität, die den Realismusanspruch des Autors
unterstreicht. Deightons Ich-Erzähler ist ein Antiheld, der nur in den drei ausgezeichneten Filmen mit Michael Caine den Namen Harry Palmer
trägt. Ein echter Typ der 6oer Jahre: Sein Kampf gegen die Hierachien und die Intrigen des eigenen Dienstes waren oft anstrengender als der Krieg gegen den kommunistischen Gegner. Ausserdem stammte er aus der Arbeiterklasse und war dem Establishment gegenüber mehr als misstrauisch: “Ich hatte keine Chance zwischen dem Kommunismus auf der einen Seite und unserem Establishment auf der anderen.” Als gesellschaftlicher Außenseiter, der seinen Job illusionslos und ohne ideologische Befangenheit verrichtet, ist er dem namenlosen Continental-Detektiv von Dashiell Hammett näher als James Bond. Im Laufe der Zeit wurde Deightons Erzähltechnik immer konventioneller und gefälliger. Auch der freche Dialogwitz der frühen Romane ist inzwischen fast ganz verschwunden. Politisch entwickelte
er sich gegen die Zeit: Während er in den frühen Büchern ideologiefrei seinen Antihelden Bündnisse mit sympathischen Russen eingehen ließ, wurde er mit jedem weiteren Bestseller mehr zum kalten Krieger.
Len Deighton: Ipcress streng geheim; Knaur TB 1734, 1988.Vergriffen.
IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT von Ian Fleming
John LeCarré bringt es auf den Punkt: “Ich habe Bond nie wirklich als Spion gesehen. Ich halte ihn eher für ein Wirtschaftswunderkind mit der Lizenz, sich im Interesse des Kapitals extrem schlecht zu benehmen.” Bond ist natürlich mehr: Eine unsterbliche Pop-Ikone mit immensem Einfluss auf Moden und Wunschvorstellungen, Symbolfigur des Kalten Krieges und eines modernen Hedonismus.![majesty[1] majesty[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/majesty1.jpg?w=420)
1953 erschien CASINO ROYAL, Ian Flemings erster Bond-Roman, der sofort bewies, dass hier ein absoluter Meister des Thrillers schrieb. Zu seinen Fans gehörte sogar Raymond Chandler. Über Nacht waren die Geheimagenten alter Schule, John Buchans Richard Hannay oder die Clubland-Heroes von Dornford Yates, Schnee von gestern. Es folgten elf Romane und acht Kurzgeschichten. Der Ruhm der Figur überstrahlte den des geistigen Vaters. IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Fleming die wahnwitzigsten Handlungen völlig glaubwürdig schilderte. Wie in GOLDFINGER wird die Fleming-Formel perfekt umgesetzt: Ein Profi kämpft mit Hilfe technischer Tricks, physischer Kraft und Intelligenz gegen einen furchtbaren Feind, der England vernichten will. Dabei hat er noch Zeit für amouröse Abenteuer und gutes Essen. Seine Feinde waren Kommunisten und frühe Globalisierer wie das multinationale Gangstersyndikat SPECTRE oder Hugo Drax’ Wirtschaftskonzern. Fleming war vor Uwe Johnson der erste Literat, der Markenartikel als Realismusinseln einführte. Bond war auch ein Rassist und Chauvinist. Ihm galten alle Völker als den Briten unterlegen. Bonds rassistische Äußerungen wurden aus den Übersetzungen teilweise getilgt. Fleming legt ein Tempo vor, daß dem Leser keine Pausen gönnt. Gemessen an ihm sind die modernen Bestsellerautoren lahme Enten. Flemings Qualität beweist die Lektüre seiner weniger talentierten Nachfolger John Gardner oder Raymond Benson, die neue Bond-Romane vorlegten.
Nachdem sich Präsident Kennedy 1961 im LIFE-Magazin als Bond-Fan outete, jagten die Umsätze von Flemings Büchern in ungeahnte Höhen und machten ihn zu einem der meistverkauften Schriftsteller aller Zeiten. Und dann kam auch noch das Kino…
Ian Fleming: Im Dienst Ihrer Majestät. Zuletzt bei Heyne.
DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE von George V.Higgins
Eddie Coyle ist eine echte Ratte, ein kleiner Gangster, der ständig zwischen den Fronten hin- und herwieselt, um seine schmutzigen Geschäfte durchzuziehen. Mal dient er als Polizeispitzel, mal dreht er mit den Freunden ein Ding. Ganz spezielle Freunde sind das: Bankräuber, Waffenhändler und kleine Ganoven wie Eddie selbst. Bei seinem Doppelspiel muss er schwer aufpassen. Und dann spitzt sich die Situation so zu, dass man von ihm verlangt, seine Freunde ans Messer zu liefern.
Niemand schrieb Dialoge wie der Bostoner Jurist George V.Higgins, der 1999 nur 59jährig starb. Er konnte eine ganze Geschichte fast völlig in Dialogen erzählen, die die Story vorantrieben und gleichzeitig die Personen charakterisierten. Mit seinem Debut verpasste er 1972 dem Crime-Genre eine neue Dosis literarischen Realismus. Selbst Norman Mailer war fassungslos über die Qualität dieses Erstlings, daß 1985 von einer Buchhändlervereinigung zu einem der 25 wichtigsten Romane des 20.Jahrhunderts gewählt wurde. Die gelungene Verfilmung von Peter Yates mit Robert Mitchum, ein seltener Glücksfall für einen Autor, wurde ebenfalls zum Klassiker.
Der moderne Gangsterroman verdankt ihm mehr als jedem anderen Autor. Elmore Leonard bezeichnete ihn als den Meister, von dem er alles lernte (Einer der Hauptcharaktere in Higgins Roman heisst übrigens Jackie Brown – ein Name, den Leonard später aufgriff, um seine Reverenz zu erweisen). Bevor er Anwalt wurde, arbeitete Higgins als Kriminalreporter und lernte die Unterwelt der Ostküste kennen. Später wurde er Staatsanwalt, dann Anwalt, der so illustre Charaktere wie den Watergate-Einbrecher G.Gordon Liddy und den Black Panther-Führer Eldridge Cleaver verteidigte. Als Schriftsteller von der Kritik verehrt, konnte er den Erfolg seines Erstlings mit den späteren Büchern nicht wiederholen.
George V.Higgins: DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE.Hoffmann & Campe,1973. Goldmann, 1990.
EINZELGÄNGER – MÄNNLICH von Geoffrey Household
1939 veröffentlichte Geoffrey Household einen Schocker, der heute noch unter die Haut geht: ROGUE MALE. Ein Klassiker und eine der drei besten Jagd- und Fluchtgeschichten. Im Roman berichtet ein namenloser Erzähler, der bei einem scheinbaren Attentat auf einen mitteleuropäischen Diktator erwischt und von der Geheimplizei schlimm gefoltert wird. Scheinbar tot kann er seinen Peinigern in einer nervenzerfetzenden Flucht nach England entkommen. Durch unglückliche Umstände wird er von der Polizei und den Agenten des Diktators durch die grandiose Landschaft von Dorset gehetzt. Auch wenn keine Namen fallen und Deutschland nicht erwähnt wird, bleibt keine Sekunde unklar, dass es sich bei dem mitteleuropäischen Diktator um Hitler handelt. ![51TJ1cASKtL._SS500_[1] 51TJ1cASKtL._SS500_[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/51tj1casktl-_ss500_11.jpg?w=420&h=420)
Der literarische Thriller reicht über die Jagdgeschichten John Buchans hinaus. Wie Buchan ist Household am besten, wenn er physische Aktion beschreibt, besonders Fluchtszenen in der Natur. Obwohl Household seinen Figuren ein anspruchsvolleres Innenleben gibt und seine Romane insgesamt mehr intellektuelle Substanz haben, ist er nie dem Einfluss Buchans entwachsen. Household geht in seiner Zivilisationskritik aber weit über ihn hinaus. Die bürokratische Konsumgesellschaft ist ihm ein Graus. Er verachtet Politik und Politiker und sieht das Heil in einer Art “Anarchismus des Adels”, ein Leben auf dem Land, in der Natur, ohne die Akzeptanz staatlicher Autorität. Seine Helden sind oft Angehörige der upper class, Landlords, die vom Leben in der Wildnis geprägt sind. Die Rückkehr zur Natur war bereits 1939 für Household die einzige Hoffnung für die Menschheit.
Wieder einmal sollte ein Roman auch Auswirkungen auf die Realität haben: General Sir Noel Mason
Macfarlane studierte das Buch genau, als er ein Attentat auf Hitler ausarbeitete. Es kam zwar nie zur Durchführung des Anschlags, aber Macfarlane unterließ es nie darauf hinzuweisen, dass Households Roman die Inspiration für eine derartige Möglichkeit war.
Household nahm aktiv am 2.Weltkrieg teil. Er diente als Einsatzleiter im Militärischen Geheimdienst und wurde hochdekoriert entlassen. Als Militärattaché in Rumänien jagte er die Ölfelder in die Luft um sie nicht den Nazis und ihren Verbündeten in die Hände fallen zu lassen.
Geoffrey Household: Einzelgänger, männlich. Haffmanns Verlag, 2000. Kein & Aber; 2009.
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KALT WIE GOLD von Marcel Montecino
Das kriminalliterarische Subgenre des Polizeiromans hat inzwischen eine über 5ojährige Tradition – und erfreut sich größter Beliebtheit. Der Polizeiroman, oder police procedural, begann in den 50er Jahren durch Autoren wie Ed McBain und dessen Geschichten über das 87. Polizeirevier. Vorher dominierte die Figur des großen Einzelgängers das Genre, etwa der intellektuelle Detektiv à la Sherlock Holmes oder der harte Privatdetektiv. Es ist kein Wunder, dass der Polizeiroman nach dem 2.Weltkrieg immer populärer wurde: Für die moderne Industriegesellschaft wurde das Individuum unwichtig und musste sich aus ökonomischen Gründen ins Team eingliedern. Das Polizeiteam und die Faszination an der neuen Technik lösten die Heroisierung des Einzelgängers ab. Durchbrochen wurde dieses Muster in den 70er Jahren von Joseph Wambaugh, der die Polizisten nicht mehr als gut geölte Maschinen zeigte, sondern als Psychopathen, die in einer immer brutaleren Gesellschaft ihren Job mehr schlecht als recht erledigen. Autoren wie James Ellroy griffen die Lektion auf und führten sie weiter. Seitdem jagen unangenehme Polizisten noch unangenehmere Serienkiller durch bluttriefende Buchseiten voller Gewaltpornografie. Ganz anders der beste Polizeiroman seit Jahrzehnten: Marcel Montecinos erstaunlicher Erstling THE CROSSKILLER erzählt die Geschichte des abgeklärten jüdischen Polizisten Jack Gold, der im Inferno von Los Angeles seine Sisyphosarbeit erledigt. Von korrupten Vorgesetzten strafversetzt, wird er zum Gegenspieler eines rassistischen Psychopathen, der als “arischer” Kreuzkiller eine blutige Spur durch die Stadt zieht. Im Gegensatz zu Ellroy und Konsorten dämonisiert Montecino nicht antiaufklärerisch diesen Serienmörder. Er zeigt genau auf, wie ein ungebildeter Weißer durch persönliche und ökonomische Frustrationen zum Ungeheuer wird. Wie er all sein persönliches Versagen auf Sündenböcke – hier Juden und Schwarze – abwälzt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Montecino erklärt uns diese traurige Figur, entschuldigt nichts und lässt keine Sympathie aufkommen. Daneben beschreibt er unsentimental die Zustände in der jüdischen Gemeinde der “Stadt der Engel” und die furchtbare Situation einer schwarzen Familie. Ihm ist ein fast 600 Seiten langer Krimi gelungen, bei dem keine Zeile zuviel ist.
Marcel Montecino: Kalt wie Gold, Goldmann 41224.Zuletzt SZ-Krimibibliotheck
DIE LIGA DER FURCHTSAMEN MÄNNER von Rex Stout
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Mit seinen Nero Wolfe und Archie Goodwin-Geschichten schuf Rex Stout die perfekte Synthese aus klasschischer Detektivgeschichte und der durch Hammett definierten hard-boiled-school: Nero Wolfe ist die typische Denkmaschine in der Tradition von Sherlock Holmes. Er verlässt so gut wie nie sein Haus und löst die kompliziertesten Rätsel zwischen gutem Essen und Orchideenzucht im Lehnstuhl. Der fette und faule Meisterdetektiv hatte sein Vorbild in Sherlock Holmes’ Bruder Mycroft. Um an die nötigen Informationen zu gelangen, schickt er seinen Helfer Archie Goodwin hinaus in die böse Welt. Archie ist ein Charakter wie aus einem Hammett- oder Chandlerroman: Er prügelt sich, steigt den Frauen hinterher und hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Der grosse Unterhaltungswert und die stilistische Brillanz von Stouts Geschichten kommt durch die Erzählperspektive: Als Ich-Erzähler berichtet der schnoddrige Archie über die Fälle, die Nero Wolfe am Ende jeder Geschichte in seinem Haus in Manhattans 35.Strasse durch scharsinnige Gedankenarbeit klärt. Dazu werden dann in klassischer Manier alle Tatverdächtigen zusammen gerufen.
Stout war bereits 48 Jahre alt, als er sein Duo erfand. Er schriebbis zu seinem Tod 1975 insgesamt 73 Novellen und Romane über Wolfe. Alle sind unterhaltsam, aber DIE LIGA DER FURCHTSAMEN MÄNNER von 1935 ist sein absolutes Meisterstück: Ehenmalige Harvardstudenten bitten Wolfe um Schutz vor einem ehemaligen Kommilitonen, an dessen Verkrüppelung sie schuld waren. Der Plot ist genial (was man über die wenigsten Wolfe-Geschichten sagen kann) und die Charaktere ausdrucksstark. Die Stout-Fans, die sich in der Organisation Wolf Pack zusammengeschlossen haben, halten PER ADRESSE MÖRDER X (THE DOORBALL RANG) für Nero Wolfes besten Fall.
Rex Stout: Die Liga der furchtsamen Männer. Heyne, 1090. vergriffen.
DER MÖRDER IN MIR von Jim Thompson
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Lou Ford scheint ein netter, menschenfreundlicher Deputy Sheriff zu sein und ist doch in Wirklichkeit ein psychopathischer Killer. Ausserdem ist er der Ich-Erzähler in Jim Thompsons Klassiker THE KILLER INSIDE ME. Niemand, der die Geschichte von Sheriff Lou Ford gelesen hat, wird diesen düsteren Roman je vergessen können. Thompson schrieb den Roman in zwei Wochen und bekam 2000 Dollar dafür. Erstmals wurden in diesem Buch Elemente der hard-boiled-novel mit der Psychoanalyse verbunden. Dass die Erzählung vom psychopathischen Täter selbst vorgetragen wird, ist heute natürlich nichts Ungewöhnliches mehr, war aber 1952 ein innovatives Wagnis. Marcel Duhamel, Herausgeber von Gallimards Serie Noire, erinnerte Thompson an Henry Miller, Erskine Caldwell und Céline: “Thompsons Werk unterscheidet sich grundlegend von mittelmäßiger Kriminalliteratur; er besitzt einen völlig eigenen Stil und eine höchst individuelle Weltsicht.”
Thompson Gesellschaftsbild ist rabenschwarz. Gewalttätigkeit, Machtstreben und Korruption wächst aus ihr geradezu zwanghaft. Sein Markenzeichen, der paranonide Schizophrene, ist nichts anderes als die perverse Konsequenz aus dem Verfassungsgrundsatz, dass jeder “Amerikaner das Recht hat, nach seinem Glück zu Streben”. Für Thompson, der kurze Zeit in der Kommunistischen Partei war, Marx gelesen hatte und von Naturalisten wie Zola, William Cunningham und Frank Norris beeinflußt war, gab es nie einen Zweifel daran, dass das System naturbedingt Millionäre genauso hervorbrachte, wie es psychisch kranke Killer zeugte. In Thompsons Welt können die Dämonen des Schicksals nicht bezwungen werden. Seine Menschen sind allesamt armselige Kreaturen, die ohnmächtig diesem Fatum und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen ausgeliefert sind.
Als James Myers Thompson am 7. April 1977 in Los Angeles starb, war er ein vergessener Schriftsteller, und kein Buch von ihm war noch lieferbar. An seiner Beerdigung in Westwood nahmen nur wenige Menschen teil; lediglich vier Trauergäste gehörten nicht der Familie an. In Frankreich war fast Staatstrauer angesagt.
Jim Thompson: Der Mörder in mir. Diogenes. Audio: Audioverlag; Potsdam, 2000.
DRECKSAU von Irvine Welsh
„Warum ich zur Polizei gegangen bin? Oh, ich würde sagen, das hat mit polizeilichen Übergriffen zu tun. Ich bin in meiner Gemeinde Zeuge von Polizeigewalt geworden und hab beschlossen, dass ich bei so was auch mitmachen will“, erklärt der gemeine Ich-Erzähler Bruce Robertson, Polizist bei der Mordkommission von Edinburgh und der bösartigste Bulle der gesamten Kriminalliteratur.![filth_big[1] filth_big[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/filth_big1.jpg?w=420)
Bruce ist nur auf seinen Vorteil bedacht, er linkt jeden ab (auch seinen besten Freund), pumpt sich mit Drogen voll und erpresst Frauen zu Sex. Vielleicht Irvine Welshs(TRAINSPOTTING) bestes Buch. Bestimmt sein dreckigstes. Wer gemeine Ich-Erzähler liebt, kommt hier auf seine Kosten. Gegen Bruce Robertson sind Ellroys Bullen die reinsten Pfadfinder: „Ich meine, wir wissen, dass es Scheißgesetze gibt, also hat es nicht viel Sinn, dass wir sie selbst befolgen, auch wenn es unser Job ist, sie anderen gegenüber durchzusetzen.“ Eine nette Referenz an Moravias ICH UND ER sind die Monologe des Bandwurms, der Bruce zu schaffen macht.
Nichts für Leser, die in der Kriminalliteratur Realitätsflucht suchen.
Irvine Welsh: Drecksau (Filth,1998). Kiepenheuer & Witsch.
DIE GEFANGENEN VON GREEN RIVER von Tim Willocks
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Wenn kein Gesellschaftsvertrag existiert, der das Zusammenleben regelt, gibt es nur noch den Krieg aller gegen alle, verkündete der Philosoph Thomas Hobbes. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Wie das aussieht, leuchtet Willocks in seinem Gefängnisroman DIE GEFANGENEN VON GREEN RIVER aus. Er beschreibt 24 Stunden im schlimmsten Knast der Welt. Eine unerträgliche Atmosphäre aus Gewalt und Perversion beherrscht Green River. Und der durchgeknallte Direktor, der nicht von ungefähr Hobbes heißt, tut alles, um die Bedingungen zu verschlechtern, damit die letzten zivilisatorischen Regeln zum Klo runtergespült werden. Er zieht die Repressionsschraube immer weiter an, bis die kritische Masse explodiert und es zur ultimativen Schlacht zwischen Bestie und Geist kommt. Das Ende ist schlimmer als ein Auftritt der NO ANGELS. Nach der Lektüre beherzigt man gerne Alfred Hitchcocks Ratschlag für Filmemacher: “Bleibt aus den Gefängnissen raus.” Alan Pakula hat die Filmrechte an diesem wahrscheinlich bisher besten Knastroman erworben.
Willocks’ Psychopathen wollen die menschliche Gesellschaft überwinden, indem sie Tabus zerschmettern und in sinnlosen Blutbädern und Orgien waten, um den vorgesellschaftlichen Naturzustand herzustellen. Bis sie dann endgültig in eine der unteren Höllen auf Grund laufen. Die komplexe Handlung wird zu einem apokalyptischen Finale geführt, das Willocks’ Markenzeichen ist. Zurück bleiben zutiefst leidende Charaktere und Leser, die noch lange grauenhafte Hironymus Bosch-Bilder im Kopf behalten.
Die Gefangenen von Green River, Heyne 1998.
Einsortiert unter: Bücher, Film, Noir, Noir-Theorie, Politik & Geschichte | Schlagwörter: Jim Thompson, Mickey Spillane, Noir
Was man in der romanischen und angelsächsischen Welt unter noir in bildender Kunst, Literatur oder Film versteht, spiegelt alles das wieder, was uns ängstigt. Ängste, die direkt aus dem Zustand der westlichen Industriekultur resultieren und manchmal ähnlich irrational sind, wie der Glaube an die Unendlichkeit des Wirtschaftswachstums. Die moralische, philosophische und materielle Zerstörung des Individuums in der Herdengesellschaft ist das Thema des Noir-Romans oder Film-noir. Noir verbindet ein kritisches Gesellschaftsbild mit einer durchdringenden Betrachtung der düstersten Seiten der menschlichen Psyche. Soziale und psychische Deformationen sind die Themen. Der Noir-Roman ist die Gothic Novel des Maschinenzeitalters, der Schauerroman der elektronischen Revolution. Viele der besten Noir Romane decken keine Verbrechen auf, sondern “führen uns in den Irrgarten unserer eigenen Existenz hinein, zu unseren Masken in einem Zeitalter der Masken” (Jerome Charyn).
Was in Frankreich und England längst als Erkenntnis gesichert ist, scheint in Deutschland noch unbekannt zu sein: die Bedeutung des Schwarzen Romans, novella negra, noir-literature, dark suspense oder black novel als medienübergreifende Strategie des Existenzialismus. Noir-Roman oder Film noir wird bei uns fast ausschließlich mit Kriminalliteratur oder Kriminalfilm gleichgesetzt. Aber nicht jeder Kriminalroman ist ein Noir-Roman und nicht jeder Noir-Roman ist ein Kriminalroman. Auch nicht wenn man zum Beispiel Dostojewskis SCHULD UND SÜHNE oder Camus’ DER FREMDE, wie das zum Beispiel Patricia Highsmith und andere Theoretiker getan haben, als Kriminalroman definiert. In Charles R.Jacksons THE LOST WEEKEND kämpft ein Trinker gegen seine eigenen Dämonen und die Dämonen des urbanen Lebens. Sein Flirt am Abgrund wird vorgeführt, bis er hinabstürzt (im Film von Billy Wilder gehörten die letzten zehn Minuten mal wieder der Zensur). Wenn je eine Noir-Welt gezeigt wurde, dann hier. Der einzige kriminelle Akt besteht in dem, was Don Birnam sich selbst antut – oder wozu ihn unkontrollierbare Kräfte getrieben haben.
Im Unterschied zum klassischen Detektivroman berühren den Leser beim Noir-Roman die Verbrechen. Im klassischen Detektivroman werden Karikaturen mit kalter Logik umgebracht, um sowohl unmoralische wie auch rationale Ziele zu verfolgen. “Seine Rolle ist nicht, die Nachtseiten der Seelen zu sondieren, sondern mit der Präzision eines Uhrwerks Marionetten in Gang zu setzen” (Paul Morand). Der Noir-Roman zwingt den Leser ins Geschehen hinein, läßt den überlegenen Beobachterstandpunkt nicht zu, sondern konfrontiert ihn mit den eigenen Ängsten. Die Ursache dafür, daß der Noir-Roman sich hauptsächlich der Strukturen verschiedener Subgenres des Kriminalromans bedient, sind die präzisen Möglichkeiten, die diese bieten: düstere Charaktere am Rande der Gesellschaft zu beschreiben, in die Schattenseiten einzutauchen, wo die Regeln des Systems zusammenbrechen oder äußerst fragil sind, wo der Überlebenskampf zu zivilisatorischen Brüchen führt. Die Konventionen der Kriminalliteratur (oder die Verstöße gegen sie) sind das scheinbares Korsett, das dem Leser ein wenig Sicherheit vorgaukelt. Der Franzose Jean-Patrick Manchette, dem für die Entwicklung des Noir-Romans eine ähnlich wichtige Stellung als Innovator zukommt wie Hammett, sagte: “Wichtig ist die Frage des Stils im Noir-Roman. Durch die behaviouristische Schreibweise werden permanent Lügen aufgedeckt.”

Der Noir-Roman kann auch als Verschwörungsroman gelesen werden. Nicht im Sinne eines Polit-Thrillers, der die Verschwörer personalisiert und benennt, sondern im Sinne Ernst Blochs. Bloch wies darauf hin, daß unsere bürgerliche Gesellschaft wie ein großer Kriminalroman funktioniert. “Da rackert sich jemand ab in seinem kleinen Geschäft, und urplötzlich bricht dieses Geschäft aus geheimnisvollen Gründen zusammen (die Preise fallen, die Zinsen steigen, die Märkte schrumpfen), ohne daß er selbst Schuld daran trüge. Da plagt sich jemand mit seinem Job, gehorcht allen aufgezwungenen Regeln, strengt sich in der Tretmühle bis zum äußersten an – und wird trotzdem gefeuert. Schlimmer noch, man wird unerwartet von einer Rezession erwischt, von einer anhaltenden Depression, sogar von einem Krieg. Wer ist für all dies verantwortlich? Nicht man selbst. Auch nicht die Nachbarn oder Bekannten. Irgendwelche geheimnisvollen Verschwörer hinter den Kulissen müssen irgend etwas damit zu tun haben. Wenn wenigstens einige dieser Geheimnisse aufgeklärt sind, fühlt man sich weniger entfremdet” (Zitat nach Ernest Mandel: Ein schöner Mord; Athenäum, 1987, S.82). Auch Bert Brecht hat sich als Theoretiker der Verschwörungstheorie versucht, indem er die Mechanismen beschrieb, die den Kriminalroman so attraktiv machen:
“Wir machen unsere Erfahrungen im Leben in katastrophaler Form. Aus Katastrophen haben wir die Art und Weise, wie unser gesellschaftliches Zusammensein funktioniert, zu erschließen. Zu den Krisen, Depressionen, Revolutionen und Kriegen müssen wir, denkend die `inside story’ erschließen. Wir fühlen schon beim Lesen der Zeitungen (aber auch der Rechnungen, Entlassungsbriefe, Gestellungsbefehle usw.), daß irgendwer irgendwas gemacht haben muß, damit die offenbare Katastrophe eintrat. Was also hat wer gemacht? Hinter den Ereignissen, die uns gemeldet werden, vermuten wir andere Geschehnisse, die uns nicht gemeldet werden. Es sind dies die eigentlichen Geschehnisse. Nur wenn wir sie wüßten, verstünden wir.
Nur die Geschichte kann uns belehren über diese eigentlichen Geschehnisse – soweit es den Akteuren nicht gelungen ist, sie vollständig geheimzuhalten. Die Geschichte wird nach der Katastrophe geschrieben.
Diese Grundsituation in der die Intellektuellen sich befinden, daß sie Objekt und nicht Subjekt der Geschichte sind, bildet das Denken aus, das sie im Kriminalroman genußvoll bestätigen können. Die Existenz hängt von unbekannten Faktoren ab.”
Gege diese verschwörungstheoretischen Hintergründe wandte sich der Marxist Mandel vehement: “Nur eine von Grund auf kranke Gesellschaft kann davon ausgehen, daß die Welt durch Manipulation beherrscht sei…” Über den gesundheitlichen Zustand unserer Welt dürften inzwischen keine Zweifel mehr bestehen.

Während der klassische Detektivroman die Perspektive des Untersuchenden einnimmt, der mit kaltem Intellekt der gesellschaftlichen Ruhestörung nachspürt, zelebriert der Noir-Roman, wie es Boileau/Narcejac so schön ausgedrückt haben, “den Bankrott des Denkens”. Indem der Noir-Roman Protagonisten vorführt, die oft Täter oder Opfer sind, macht er die Wirkung gesellschaftlicher Kräfte auf das Individuum schmerzhaft erfahrbar. Von orthodoxen Marxisten wie Mandel wird der Kriminalliteratur wegen ihrer Unterlassung bestimmter Propagandastrategien deshalb auch häufig Nihilismus und Bestätigung der Ausweglosigkeit vorgeworfen. Dies trifft auch zu. Dieselben Vorwürfe muß sich auch der Existenzialismus gefallen lassen. Man könnte die Schraube des philosophischen Subtextes des Noir-Romans noch etwas weiterdrehen: in der festen Überzeugung, daß marxistische, leninistische oder maoistische Heilslehren letztlich kapitalistischen Interessen dienen, entzieht sich der Noir-Roman einer propagandistischen Stellungnahme und zeigt ausschließlich die existenzielle Wirkung eines langfristig selbstzerstörerischen Ordnungsprinzips. Der Verfall bürgerlicher Normen wird in der Kriminalliteratur beschrieben und beklagt. Über mehrere historische Epochen hinweg können wir dies parallel zum Machtzuwachs des Monopol- und Staatskapitalismus entziffern. Das ausgerechnet heute, wo monopolkapitalistische Interessen mit nie gekannter Brutalität unter den Stichworten Globalisierung und moralischer Kriegsführung durchgesetzt werden, der Noir-Roman in neuer Blüte steht, verwundert wohl keinen. Auch nicht verwunderlich ist der erneute Erfolg der bestätigenden Kriminalliteratur des klassischen Detektivromans: als ideologische Strategie versucht er gesellschaftliche Sicherheit zu suggerieren, wo diese nicht mehr besteht.

Dostojewski war der erste Autor, der unter die Haut seiner Charaktere glitt und uns ihre Qualen, Hoffnungen, Verzweiflungen von innen sehen ließ. Nachdem er sich von Gogols Einfluß befreit hatte und mit VERBRECHEN UND STRAFE (1866) seine eigene Stimme gefunden hatte, saugte er den Leser in die fast wahnsinnige Weltsicht Raskolnikovs und schrieb damit einen der ersten Romane, die uns die Ängste, Wut und Gedanken eines Mörders vorführten (man stellt nach der Lektüre fast überrascht fest, daß der Roman in der 3.Person geschrieben worden war). Dostojewski ging es darum, die Relativierung der Moral durch ihre Loslösung aus dem Religiösen zu zeigen. Die nihilistische Maxime vom Tode Gottes schwingt in vielen späteren Noir-Romanen unbewußt oder bewußt mit. So wie DIE DÄMONEN (eigentlich: DIE TEUFEL) ein politischer Schlüsselroman für die gesellschaftlichen Entwicklungen im 20.Jahrhundert ist, zeigt VERBRECHEN UND STRAFE in scharfsichtig vorausschauender Weise das ethische Dilemma des im Materialismus verstrickten Individuums. Denn alle sittlichen Grundlagen sind – wenn sie alleine in den eigenen Kräften des Menschen begründet sind – relativ.
Wenn uns VERBRECHEN UND STRAFE in Noir-Manier erstmals das Dunkle von innen sehen ließ, betrachtete Joseph Conrad in HEART OF DARKNESS (1899) die Finsternis von außen. Marlows Reise zu Kurtz den Kongo hinauf wird von düsteren Symbolen begleitet. Aber Marlow kann sie nicht entziffern. Er weiß, es ist da und sieht die Auswirkungen auf die Menschen um ihn herum, aber er versteht nicht. Am Rande bemerkt: Die Interpretationen von Dostojewski und Conrad nahmen einiges von Freuds Arbeit vorweg. Es war der Versuch, mit Rationalität an irrationale Phänomene des Unterbewußtseins heranzukommen, ganz im Sinne der TRAUMDEUTUNG (1900).
Die zunehmende Industrialisierung, die Verstädterung und die Ausformung einer Massengesellschaft jenseits des Schutzes, den bei allen Vorbehalten feudalistische Agrargesellschaften noch gaben, führten zu einer neuen Kultur und neuen Ängsten. Die Industriegesellschaft erschien/erscheint als Moloch, der nicht mehr kontrolierbar ist (oder, wie in den Verschwörungsgeschichten des Noir-Romans, von einigen, wenigen manipuliert wird). Frankensteins Monster ist aus dem Ruder gelaufen und zerstört den Schöpfer. Es waren die Expressionisten, die in der darstellenden Kunst dieses Lebensgefühl aufgriffen und mit neuen Techniken sichtbar machten.

Edvard Munchs DER SCHREI (1893) könnte das definitive Cover für einen Noir-Roman sein. Die Verlorenheit der oft in sexuellen Situationen eingebetteten Menschen in den Bildern von Egon Schiele zeigt ihre Geschichtslosigkeit in einer verdinglichten Welt. Oscar Kokoschka sah in seinen Portraits hinter die Masken und zerrte die Ängste in den Blickpunkt. Der Einzelne, verloren in einer Welt brutaler Ausbeutung, war auch George Grosz’ Thema. Franz Kafka trieb die expressionistische Reflektion der Gesellschaft noch weiter und machte Heuchelei und Bürokratie zum zentralen Noir-Thema, zum düsteren Mittelpunkt des PROZESS (1925). Sein K. sitzt in der Falle einer surrealen Bürokratie. Er versucht gegen etwas zu kämpfen, daß er weder sehen noch berühren kann. Am Ende wird er für ein Verbrechen hingerichtet, das er nicht mal kennt. Ausgewiesene Noir-Autoren wie Cornell Woolrich, Fredric Brown oder David Goodis stehen ganz in dieser Tradition.

Die amerikanischen Pulp-Autoren, dessen berühmtestes Organ das BLACK MASK-Magazin war, griffen eine neue Sprache auf: Die Sprache der Straße, die Sprache der Verlierer, Arbeiter, Gangster und Geschäftemacher. In dieser Sprache stellten sie realistisch eine Welt dar, die brutal, unmenschlich und nicht mehr zu beherrschen war. Die frühen Detektivhelden versuchen Gerechtigkeit im Kleinen zu erkämpfen, sind aber nicht einmal der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Bereits Dashiell Hammett, der herausragendste Vertreter der hard-boiled-school, glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit im Mikrokosmos und wird zum Chronisten der Düsternis der Städte. Autoren wie Hemingway (in A FAREWELL TO ARMS, 1929), Faulkner (in SANCTUARY, 1931) oder John O’Hara (in APPOINTMENT IN SAMARRA, 1934) griffen Sprache und Weltbild auf. Hammett beschrieb die Abkehr von allen zivilisatorischen Regeln indem er seine Helden, die oft im Dienste des amoralischen Kapitals standen, zu Richter, Geschworene und Henker gleichzeitig machte. Raymond Chandler fiel in dieser Hinsicht hinter Hammett zurück, indem er romantisierte und einen staubigen Ritter die mean streets einer korrupten Zivilisation durchstreifen ließ. Als echte Noir-Helden taugten die Privatdetektive von Chandler und seinen Nachfolgern nicht. Egal, was ihnen alles zustieß, am Ende überlebten sie. Sie waren im Gegensatz zum Leser nicht der totalen Zerstörung ausgesetzt. Sie konnten sogar an einem kleinbürgerlichen Ehrenkodex festhalten und diesen innerhalb einer wahnsinnig gewordenen Welt behaupten; und sei es nur für ihr eigenes Seelenheil.

Für die Entwicklung der Noir-Literatur war ein Autor wichtig, der eine ganz eigene Schule hervorbrachte: James Malahan Cains Roman THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE von 1934 zeigte Protagonisten, die ins Verbrechen getrieben werden, weil sie nicht von ihren menschlichen Bedürfnissen lassen. Cains Werk ist defätistisch, denn wofür seine Charaktere auch kämpfen, sie verlieren es am Ende – sei es durch eigenes Verschulden oder ein unerbittliches Schicksal. Nie erfüllen sich ihre Träume und Hoffnungen. Noch einen Schritt weiter ging Horace McCoy, der über gewöhnliche Leute in ungewöhnlichen Situation mitten in der Depression schrieb. Seine Charaktere sind von Anfang an Geschlagene, die nicht mehr den Willen haben, den Kampf gegen die Welt aufzunehmen. Herumgestoßene, die nicht zurückschlagen können. Sein berühmtestes Buch, THEY SHOOT HORSES, DONT THEY?, 1935, zeigt eine perverse Gesellschaft, symbolisiert durch eine grausame “Sportart”, die sich Tanz-Marathon nannte: Solange die Ausgestoßenen und Armen mitmachen können, auf den Beinen bleiben, erhalten sie Essen; fallen sie um, können sie verrecken, zwischen den müden Beinen anderer Gequälter.

Mit Cain auf der einen Seite und Hammett und Chandler auf der anderen, trennen sich die beiden wichtigsten Strömungen der Noir-Literatur. Hammett und Chandler als Begründer der hard-boiled-school des Privatdetektivromans teilen die existentialistische Weltsicht. Chandler filtert sie aber durch die moralische Dimension einer Erlöserfigur. Für Cain und seine Nachfolger gibt es keine Erlösung, kein Glaube daran, daß Schicksal oder gesellschaftliche Kräfte sich überwinden lassen. In ihren Büchern wird das Individuum nicht nur angeschlagen und verstümmelt, sondern vernichtet.

Nicht Hollywood sondern Deutschland war in den 20er Jahren der Mittelpunkt der Filmwelt. Die Deutschen waren die Meister des Lichts, der special effects und ungewöhnlicher Kamerastandpunkte. Die Filmemacher nutzten Techniken des experimentellen Theaters und des Expressionismus um Spannung, Horror und das Gefühl totaler Verunsicherung auf die Leinwand zu bringen. Mit dem KABINETT DES DR.CALIGARI (1919) schufen sie das sowohl düsterste wie auch expressionistisch befremdlichste Werk der Epoche. Die Welt von Kafka durch die Kamera eines Expressionisten gesehen. Gleichzeitig revolutionierte Sergei Eisenstein in Rußland die Filmkunst mit einer neuen Schnittechnik. Das expressionistische Licht des deutschen Films und Eisensteins Schnittechnik wurden die entscheidenden Elemente des späteren Film noirs, der in den 40er- und 50er Jahren in Hollywood als Schwarze Serie stilbildend wirkte. Es waren fast ausschließlich Emigranten wie Fritz Lang, Billy Wilder oder Robert Siodmak, die in den 40er Jahren die pessimistische Grundhaltung der Amerikaner auf die Kinoleinwand brachten. Literarische Vorlagen fand man in den Pulp-Magazinen und den Romanen der Noir-Autoren: Geschichten über Menschen, die in aussichtslose Fallen gerieten, gesellschaftliche Außenseiter ohne Hoffnung und die Ausgegrenzten, die nur noch Chancen im Verbrechen sahen. Ihre handlungsbetonten Geschichten eigneten sich bestens für den Film. Die Crème der Noir-Autoren folgte dem Ruf Hollywoods und verdingte sich besser oder schlechter als Drehbuchautoren: Hammett, Chandler, Cain, McCoy, David Goodis, Frank Gruber, Jonathan Latiner, Peter Ruric, Jim Thompson und viele mehr.
Fritz Lang verfilmte Graham Greenes MINISTRY OF FEAR (1944), William P.McGiverns BIG HEAT (1953) oder Geoffrey Households ROGUE MALE als MANHUNT. Billy Wilder drehte Cains DOUBLE INDEMNITY (nach einem Drehbuch von Chandler), Robert Siodmak Woolrichs PHANTOM LADY (1944) und Edward Dmytryk Don Tracys CROSSFIRE oder Chandlers FAREWELL, MY LOVELY. Daß man Noir-Filme auch in Farbe drehen kann, weiß man seit 1958, als Nicholas Ray mit PARTY GIRL den ersten “bunten” Noir-Film vorlegte. Die Liste ist lang, und seit einigen Jahren erleben wir die Wiedergeburt des Noir-Films (er war nie wirklich tot: THEY SHOOT HORSES, GET CARTER, CHINATOWN, TAXI DRIVER, BLOOD SIMPLE, usw.) im Kino; jünstes Beispiel waren die erfolgreichen Umsetzungen von James Ellroys L.A. CONFIDENTIAL oder Scott Smiths A SIMPLE PLAN.
In diesen erschreckenden, gewalttätigen frühen Filmen (die manchmal aus Zensurgründen völlig unglaubwürdig das Ende der Vorlage ins Positive wandten) wurde der Einsatz der subjektiven Kamera perfektioniert, um den Zuschauer noch intensiver in die Leinwand zu saugen. Wie in den Romanen hatte der Zuschauer keine Chance seinen eigenen Ängsten zu entkommen. Ende der 50er Jahre wurden immer weniger Noir-Filme gedreht. Aber ihre Stilmittel wurden von anderen Genres aufgesaugt. In Frankreich erlebte der Noir-Film in den 6oer Jahren eine neue Blüte, besonders in den Gangsterfilmen von Jean-Pierre Melville, der einen eigenen Noir-Kosmos schuf und den Vergleich mit den besten Angelsachsen aushält oder übertrifft. Immer wieder tauchten bis in die 80er Jahre einzelne Noir-Film (HARPER, POINT BLANC, GET CARTER, THE MECHANIC, TAXI DRIVER, LAST GOOD FRIDAY, RUE BARBARE usw.) auf, aber es war ein Science Fiction-Film, der stilbildend für Noir-Welle der 90er Jahre werden sollte: BLADE RUNNER von Ridley Scott konnte überzeugend durch Licht, Atmosphäre und Productiondesign eine zeitgemäße Noir-Welt auf die Leinwand bannen (das war auch der französischen David Goodis-Verfilmung RUE BARBARE gelungen, aber leider ohne den weltweiten Erfolg).
Ende der 40er Jahre brach der Markt der Pulps zusammen. Anstelle der billigen Magazine traten billige Taschenbücher. Der ehemalige Pulp- und Comic-Verleger Fawcett begann als erster sogenannte Paperback Originals zu drucken, also keine Hardcover-Nachdrucke auf den Markt zu werfen. Seine Distributationsfirma hatte ihn dazu gezwungen, aus Konkurrenzgründen auf den lukrativen Nachdruckmarkt zu verzichten. Er machte aus der Not eine Tugend. Fawcett zahlte besser als Hardcoververlage und beließ den Autoren die Nebenrechte. Kein Wunder, daß sich viele Autoren auf den explodierenden Taschenbuchmarkt stürzten. Erstveröffentlichungen waren z.Bsp. William Burroughs JUNKIE oder Jack Kerouacs TRISTESSA. Eine ganze Reihe von “Dimestore Dostojewskis” stürzte sich auf das Medium Taschenbuch und machte es zum entscheidenden Noir-Medium der nächsten Jahrzehnte. Autoren wie David Goodis, Jim Thompson, Wade Miller, Harry Whittington, Peter Rabe, Bruno Fisher, Day Keene und viele mehr schufen einen neuen Kanon, der klar machte, daß das Ende des 2.Weltkrieges nicht das Ende des Schreckens bedeutete. Sie schilderten, wie die zivilisatorische Zerstörung durch alle Bereiche der westlichen (amerikanischen) Gesellschaft kroch. Das Jahrzehnt ist ein Höhepunkt der Noir-Kultur. Spillanes und Chandlers Erfolge lösen einen aberwitzigen Boom von Privatdektivromanen aus. Das Subgenre erstarrt bald in seinen Klischees, trotz großartiger Autoren wie Ross Macdonald, Howard Browne, Wade Miller, Thomas B.Dewey, William Campbell Gault oder Bart Spicer. Die Cain & Woolrich-Richtung erlebt ihr Goldenes Jahrzehnt mit Jim Thompson, der den großen amerikanischen Soziopathen vorführt, David Goodis, Charles Williams, Ed Lacy, Hal Ellson, John D.MacDonald oder Benjamin Appel.

Nachdem in den späten 50er eine Reihe von TV-Serien entstanden waren, die ästhetisch und inhaltlich als noir bezeichnet werden können (PETER GUNN, JOHNNY STACCATO, ASPHALT JUNGLE, UNTOUCHABLES usw.), war bis zu den 80er Jahren zumindest in den USA nichts ähnliches mehr produziert worden. Anders in England, wo etwa mit MAN IN A SUITCASE eine der besten Noir-Serien enstanden war. Die britische Noir-Tradition konnte sich überzeugend im Fernsehen etablieren und Publikumserfolge verbuchen. Bis heute ist noir im englischen Fernsehen ein Erfolgsgarant, wie in den 90er Jahren die Serie CRACKER (FÜR ALLE FÄLLE FITZ) bewies. Und in den letzten Jahren die Joel Surnow-Serien wie LA FEMME NIKITA oder 24.
Zumindest von ihrer Weltsicht her waren zwei US-Serien MIAMI VICE und WISEGUY aus den 80er Jahren noir. Dabei gelang es Michael Mann mit MIAMI VICE eine neue, zeitgenössische Noir-Ästhetik zu schaffen, die keine Kopie des wahrscheinlich einflußreichstem Noir-Filmes der letzten zwanzig Jahre, Ridley Scotts BLADERUNNER, ist. Michael Mann war mit der Thomas Harris-Verfilmung MANHUNTER nach RED DRAGON auch für den eigenwilligsten und besten Serienkillerfilm verantwortlich und schuf mit HEAT eine Synthese aus amerikanischem Gangsterfilm und dem Werk von Jean-Pierre Melville.
Sind Serienkillerromane à la Thomas Harris’ RED DRAGON oder SILENCE OF THE LAMBS Noir-Romane? Schließt man sich der Definition von Boileau & Narcejac, die im Noir den “Bankrott des Denkens zelebriert” sehen wollen, sicher nicht. Strukturell orientiert sich dieses Subgenre zu oft am klassischen Detektivroman (mit Einflechtungen aus der police procedural): Ein überlegener Geist, der sich der Technik und der Wissenschaft zu bedienen weiß, triumphiert über das Trieb oder sonstwie gesteuerte Ungeheuer – und mag es noch so intelligent sein. Es ist die romantische Vorstellung von der Überlegenheit des aufgeklärten rationalen Geist über dionysische, nihilistische oder satanische Naturen. Andererseits gibt die Darstellung der Killer und ihre meist nur unbefriedigend erklärtes Wesen auf schwarze Flächen im “rationalen Reich” hin, die weder mit Logik noch Wissenschaft oder Technologie in den Griff zu bekommen sind. Mit ihrem manichäischen Weltbild bieten diese Serienkiller fast soetwas wie eine primitive christliche Religiösität wie sie von den Katharern oder Albigensern vertreten wurde. Eben eine zweigeteilte Welt im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse.
Allerdings ist Thomas Harris, der mit RED DRAGON, dem nach wie vor besten Serienkillerroman, das Genre definiert hat, die Ausnahme: In HANNIBAL (1999) – einem nicht gerade umwerfend geplotteten Bestseller – übt er eine bisher nicht gekannte kulturpessimistische Zivilisationskritik; Der menschliche Gehirne schlürfende Dr.Lecter erscheint in einer völlig korrupten, dem Untergang geweihten Welt als einziger kultivierter Mensch. Seine frühkindlichen Verletzungen und sein Sinn für das Schöne scheinen jede Tat zu rechtfertigen. Der Serienkiller ist hier der letzte Mensch, der die Früchte der westlichen Zivilisation zu genießen weiß. Damit steht er weit über der aus niederen Beweggründen handelnden Masse. Es ist bemerkenswert und bezeichnend, daß sich dieser letzte große Noir-Roman dieses Jahrhunderts als update des Fin-de-siècle erweist. Harris hat mit Joris-Karl Huysmans hier mehr Gemeinsamkeiten als mit Woolrich, Goodis oder gar Chandler.
Die Renaissance der Noir-Literatur und ihr aktueller Boom in den USA wird von dem Noir-Autor Jams W.Hall wie folgt begründet: Ein Großteil der Leserschaft (und der neuen Autoren) gehören der Babyboom-Generation an. Diese habe eine interessante soziale Entwicklung hinter sich, “von Radikalen zu Konservativen, oder zumindest Liberalen. Wir sind heute weniger tolerant dem radikalen Verhalten gegenüber, das unsere Jugend mitgeprägt hat. Ich glaube, das kommt durch die vielen Gewaltakte, die wir miterlebt haben, und an denen wir gelitten haben oder bis heute leiden. Zum Beispiel die Ermordung der Kennedys und Martin Luther Kings. Auf dem Höhepunkt unserer romantischen Kindheitsträume erlebten wir das neue Camelot (wie die Regentschaft John F.Kennedys in den Staaten gerne genannt wird). Eine ähnliche zyklische Entwicklung kann man in den modernen Crime Novels erkennen: Männer und Frauen werden mit überwältigenden Gewaltakten konfrontiert, die die Helden bis ins Mark erschüttern. Durch sie zerbricht ihre romantische Weltsicht. Die Aktionen des Helden sind mythische Versuche, Gerechtigkeit wieder herzustellen und die eigenen Chimären zu überwinden. Die richtigen Helden der Crime Fiction wie Travis McGee oder Spenser sind romantische Rächer, die alle Dramen ausleben und die Werte leben, an die wir in unserer Jugend geglaubt haben.” Hall spricht damit einen Aspekt der Noir-Literatur an, den etwa ein Autor wie Loren D.Estleman nicht gelten läßt. Für Estleman ist Robert B.Parkers Spenser keine Noir-Figur: “Wie bei Mike Hammer ist sein Panzer viel zu dick, und er selbst ist unverwundbar. Er macht keine existenziellen Angsterfahrungen. Noir stellt verstörende, beunruhigende, grundlegende Fragen, oft ohne darauf Antworten zu liefern. Spenser beantwortet jede Frage sofort mit seinen Fäusten (oder Hawks Kanone).”

Noir-Themen und Noir-Sound sind bis heute ein wesentlicher Bestandteil der populären Musik. Angefangen bei den Klagegesängen in Blues und Gospel. In der amerikanischen Folkmusik (etwa bei Woody Guthrie) entwickelte sich etwas, daß man als country noir bezeichnen könnte; ein Begriff, der heute auch auf die Literatur (Daniel Woodrell) angewendet wird. Vor allem der Jazz als Großstadtmusik entwickelte musikalische Noir-Muster, die (um das unschöne Wort Klischee zu vermeiden) noch heute Signalcharakter haben. Berühmtestes Beispiel ist wahrscheinlich HARLEM NOCTURNE von Earl Hagen, einem schmälich vernachlässigten Komponisten.
In den 50er Jahren trieben sich die europäischen Existentialisten in den Noir-Clubs der Jazz-Szene herum und entwickelten eine ganz neue Noir-Ästhetik, deren Protagonist der Kritiker, Musiker und Schriftsteller Boris Vian wurde. Sujetbedingt war es besonders die Filmmusik, die einen Kanon von Noir-Phrasen stilisierte: Angefangen bei Adolph Deutschs wunderbarer Musik zum MALTESER FALKEN. Für FAHRSTUHL ZUM SCHAFFOTT schrieb Miles Davis einen oft kopierten Jazz-noir-Soundtrack. Ennio Morricones Musiken für Western und Gangsterfilme atmen ebenfalls diesen Geist. Nicht zu vergessen die elegischen Klangstrukturen von Francois de Roubaix, Bernard Gérard oder Eric de Marsan, ohne die den Melville-Filmen ein wichtiges Element fehlen würden. Aber besonders die Rock-Musik ist ohne Noir-Elemente nicht vorstellbar. Schon bei Johnny Burnette & the Rock’n Roll Trio (BLUES STAY AWAY FROM ME u.a.) und Elvis (HEARTBREAK HOTEL) geht es noir zur Sache (erst recht dann bei Johnny Cash). Selbst die fröhliche High-School-Musik bleibt wird düster in der paranoiden Welt von Del Shannon (STRANGERS IN TOWN). Doors, Velvet Underground oder Bob Dylan verstehen sich von selbst. Und James Sallis nennt nicht zufällig Bruce Springsteen, der vor und nach den Konzeptalben NEBRASKA und THE GHOST OF TOM JOAD immer wieder Noir-Topoi aufgreift und eine düstere Musik dazu schreibt. Regelrechte Noir-Gruppen kann man bis heute im Rock finden: Sisters of Mercy, Nirvana, Nick Cave & Bad Seeds, um nur einige zu nennen. Tom Waits oder Scott Walker sind ohne Noir-Elemente genauso wenig vorstellbar wie Grunge oder Rap. Man kann sehr weit gehen, wenn man will: I see a red door and I want it painted black.
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Als James Myers Thompson am 7. April 1977 in Los Angeles starb, war er ein vergessener Schriftsteller, und kein Buch von ihm war noch lieferbar. Wenige Jahre zuvor hatte er in Second- Hand-Läden alte Ausgaben seiner Romane aufgekauft und versucht, die Filmrechte an seinem G e s a m t w e r k für 500 Dollar an Hollywood zu verkaufen. Zum Glück seiner Erben griff keiner dieser instinktlosen Glamourpiraten zu, und heute müssen die Produzenten tief in die Tasche greifen, wenn sie ein Thompsonrecht erwerben wollen. An seiner Beerdigung in Westwood nahmen nur wenige Menschen teil; lediglich vier Trauergäste gehörten nicht der Familie an, darunter Thompsons langjähriger Lektor und Freund Arnold Hano: “Ich fühlte mich schlecht, es waren nur wenige Leute da. Es kam mir vor, als wäre ich in einer Jim Thompson-Geschichte.”
Jim Thompson wurde am 27.September 1906 im Gefängnis des Caddo County in Anadarko im Oklahoma Territory (das erst ein Jahr später als Bundesstaat anerkannt wurde) geboren. Thompsons Vater war dort Sheriff, nachdem er zuvor als Ölmann eine Million Dollar gemacht und verloren hatte. Jim war ein echter Junge vom Land und lernte als Kind die Ölfelder von Oklahoma und Texas und die Prärien von Nebraska kennen. Landschaften, die in seinen späteren Romanen immer wieder eindrucksvoll verarbeitet wurden. Sein Verhältnis zu seinem Vater, der ein glückloser Rumtreiber war, blieb zeit seines Lebens problematisch. Nie schien er dessen Anerkennung erringen zu können, und bis zu seinem eigenen Tod fühlte er sich als Versager. Jim begann mit vierzehn Jahren zu schreiben und veröffentlichte seine erste Story mit fünfzehn. Daneben beendete er die Schule und hatte verschiedene Jobs als Hotelboy (davon erzählt er in dem grandiosen autobiographischen Roman BAD BOY, 1953) und Golfcaddy. An der Universität von Nebraska, wo er Journalismus studierte, lernte er 1931 Alberta Hesse kennen, die er 1932 heiratete. Zu diesem Zeitpunkt war Alberta mit dem ersten Kind schwanger, zwei weitere sollten folgen. Die Ehe hielt bis zu seinem Tod, 46 Jahre. Nach der Geburt seiner Tochter Patricia gab Jim das Studium auf, um Geld für seine Familie zu verdienen. Das war in den Jahren der Depression nicht so leicht, und Jim hatte zahlreiche, obskure Jobs und brachte die Familie kärglich als kleiner Geschäftemacher oder Ölfeldarbeiter durch. Geldsorgen sollten ihn bis an sein Lebensende begleiten. Mitte der 30er Jahre war er für drei Jahre Direktor des “Writer’s Project” in Oklahoma City, ein Projekt des New Deals von Roosevelt für arbeitslose Schriftsteller und einer von Jims besseren Jobs. In dieser Zeit fasste er wohl den endgültigen Entschluss, sich künftig als Autor durchs Leben zu schlagen.
1942 erschien sein erster Roman, NOW AND ON EARTH. Bis 1949 folgten zwei weitere, wobei der letzte, NOTHING MORE THAN MURDER, 1949, bereits Thompsons Markenzeichen einführt: den psychopathischen Ich-Erzähler. Der große Erfolg als Autor blieb jedoch aus und Jim wurde in den vierziger Jahre zunehmend zum Alkoholiker. Anfang der 50er Jahre hatte er mehrere Jobs bei Zeitungen und schrieb regelmäßig über wahre Kriminalfälle für die “True Crime”-Magazine. Kurze Zeit hielt er sich sogar als Managing Editor für eines dieser billigen Magazine, bevor ihm sein Alkoholismus einen weiteren Rausschmiss bescherte. 1952 schien Jim am Ende zu sein, ein hoffnungsloser Säufer, der keinen Job mehr vernünftig auf die Reihe brachte. Das muss ihm in einem seiner seltenen klaren Momente bewusst geworden sein. Jedenfalls stoppte er das Trinken, nüchterte aus und beriet sich mit seiner Agentin Ingrid Hallen. Die schleppte den noch zittrigen Thompson kurz entschlossen in die Büros von Jim Bryans und Arnold Hano, den Lektoren des neuen Taschenbuchverlags Linon Boocks. Anfang der 50er Jahre schossen die Taschenbuchverlage nur so aus dem Boden. Mit billigen Nachdrucken von Bestsellern und immer mehr spannenden Originalromanen, meist Western, Liebesromane oder Thriller, verdrängten sie die Magazine (Pulps) in der Gunst des Publikums und bedienten einen schier unersättlichen Markt. Hano mochte den schüchternen Mann sofort. Er legte ihm ein paar äußerst grobe und klischeehafte Konzepte für Romane vor, die er für den Verlag geschrieben haben wollte. Jim wählte zwei davon aus. Aus dem zweiten wurde CROPPER’S CABIN, Thompsons optimistischster und Erskine Caldwel ähnlicher Roman (das für Thompson überhaupt nicht typische Schlusskapitel beruhte auf einer Anordnung des Verlages, der das ursprüngliche, pessimistische Ende nicht akzeptierte). Das andere Konzept trug den Titel SLEEP WITH THE DEVIL und handelte von einem Großstadtpolizisten, der sich in eine Prostituierte verliebt und sie dann umbringt. Daraus sollte Jims erstes Buch für Lion werden, der unsterbliche schwarze Klassiker THE KILLER INSIDE ME, für viele Jims bestes Buch. Mit Hanos Konzept hat der Roman nicht mehr viel zu tun. Thompson schrieb THE KILLER INSIDE ME in zwei Wochen und bekam 2000 Dollar für den Roman. Hano war so sehr von dem Buch beeindruckt, dass er es als Kandidaten für den National Book Award einreichte. Und niemand, der die Geschichte von Sheriff Lou Ford gelesen hat, wird diesen düsteren Roman je vergessen können.
Ohne jeden Zweifel gehört es zu den zehn wichtigsten und einflussreichsten Werken der nordamerikanischen Kriminalliteratur. Erstmals wurden in diesem Buch Elemente der hard-boiled-novel konsequent und geradezu diabolisch mit der Psychoanalyse verbunden. Dass die Erzählung vom psychopathischen Täter selbst vorgetragen wird, ist heute natürlich nichts ungewöhnliches mehr, war aber 1952 ein innovatives Wagnis. Bedenkt man, dass der Killer ein Polizist ist und das Buch zur Zeit der Terrorherrschaft des Senator McCarthy erschien, muss man es auch als ein mutiges Buch anerkennen. Genreimanent stellte es zusätzlich den gerade seinen Siegeszug in der Publikumsgunst beginnenden Polizeiroman auf den Kopf. Marcel Duhamel, Herausgeber von Gallimards Serie Noire, die als erste für Thompsons Anerkennung als brillanter Schriftsteller sorgte, erinnerte Thompson an Henry Miller, Erskine Caldwell und Céline. Er sagte über ihn: “Thompsons Werk unterscheidet sich grundlegend von mittelmäßiger Kriminalliteratur; er besitzt einen völlig eigenen Stil und eine höchst individuelle Weltsicht.” Und Thompson selbst:”Alle Schriftsteller, angefangen bei Cervantes, haben nur ein Thema: Die Dinge sind nicht so, wie zu sein scheinen.” Das trifft seine Romanwelt ziemlich genau: Lou Ford scheint ein netter, menschenfreundlicher Deputy Sheriff zu sein und ist doch in Wirklichkeit ein psychopathischer Killer. Auch staatliche Institutionen und demokratische Kontrollinstanzen zeigen sich hinter den Kulissen nicht als das, was sie nach außen vorgeben zu sein. Thompson zeigt in jedem seiner Romane ein rabenschwarzes Bild der nordamerikanischen Gesellschaft. Er zeigt, wie sehr Gewalttätigkeit, Machtstreben und Korruption mit der kapitalistischen Gesellschaft verbunden sind. Sein Markenzeichen, der paranoide Schizophrene, ist nichts anderes als die perverse Konsequenz aus dem Verfassungsgrundsatz, dass jeder “Amerikaner das Recht hat, nach seinem Glück zu Streben”.
Für Thompson, der kurze Zeit in der Kommunistischen Partei war, Marx gelesen hatte und von Naturalisten wie Zola, William Cunningham und Frank Norris beeinflusst war, gab es nie einen Zweifel daran, dass das System naturbedingt Millionäre genauso hervorbrachte, wie es psychisch kranke Killer zeugte. In Thompsons Welt können die Dämonen des Schicksals nicht bezwungen werden. Die Kreatur – und seine Menschen sind allesamt armselige Kreaturen – ist ohnmächtig diesem Walten und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen ausgeliefert. Bestenfalls können sie sich durch äußerste Brutalität für einige Zeit einen Freiraum erkämpfen.
Jims Tage als Hardcoverautor waren gezählt. Für den Rest seines Lebens schrieb er direkt für die grellen, reißerischen Taschenbuchreihen. Sicherlich auch ein Grund, weshalb die amerikanische Literaturkritik seinen Stellenwert als Literat erst lange nach den Europäern entdeckte. Ein Schicksal, dass er allerdings mit vielen anderen Autoren teilte, nicht zuletzt mit David Goodis, John D.MacDonald, Charles Williams oder Cornell Woolrich. Bis 1954 entstanden elf weitere Bücher für Lion-Books, dann verließ Hano den Verlag, nachdem man beschlossen hatte, künftig keine Originalromane mehr zu veröffentlichen. Jim war so geschockt, dass er wieder zu trinken begann. Er schlug sich mit Zeitungsjobs durch und veröffentlichte nebenher weiter Romane bei billigen Taschenbuchverlagen.
Sein Lektor Arnold Hanno erinnerte sich, wie es zu dem Roman THE ALCOHOLICS kam: “Jim sagte, er wolle ein Buch über Alkoholismus schreiben. Er argumentierte: es gibt 4o Millionen Alkoholiker und ich werde 40 Millionen Bücher verkaufen.” Thompson übersah wohl, dass die meisten dieses Ordens ihre Zeit nicht mit Lesen verplempern.
Ein Hoffnungsschimmer erschien am Horizont, als der junge Regisseur und Thompson-Fan Stanley Kubrick sich an ihn heranmachte. Durch ihn erhielt er ein paar Drehbuchaufträge und war für kurze Zeit im Hollywood-Geschäft. Aber die beiden Männer waren zu verschieden, sie verstanden einander nicht wirklich und schließlich endete die Freundschaft mit einem Prozess. Thompsons weiteres Leben bestand aus Enttäuschungen, kurzen euphorischen Phasen, furchtbaren Alkoholexzessen und schließlich tiefster Niedergeschlagenheit. 1975 tauchte er in einer kleinen Nebenrolle, als Richter Grayle, in Dick Richards Chandler-Verfilmung FAREWELL MY LOVELY auf. Dabei sah er Robert Mitchum wieder, den er 1948 während eines Jobs als Reporter interviewt hatte als dieser wegen des Rauchens von Marihuana eine kurze Gefängnisstrafe verbüßen musste. Auch sein gigantischer Erfolg in Frankreich, wo man ihn neben Hammett und Chandler als einen der wichtigsten Autoren des 20.Jahrhunderts verehrte, gab dem Gebrochenen keine Kraft mehr.
Als Jim starb, war er am Ende seines Weges angelangt und blickte auf ein Leben zurück, das kaum weniger schrecklich war, als das seiner Romanhelden. Sein Leben war eine gruselige Soap Opera ohne Quoten und seine Bücher die letzten Haltestellen auf dem Weg in die Hölle. Thompson war von ihrer literarischen Qualität immer überzeugt. Heute ist es auch die restliche Welt und jeder, der kein kompletter Ignorant ist, weiß bei der Lektüre von THE KILLER INSIDE ME, das er einen der großen Romane des 20. Jahrhunderts liest. Er selbst hatte seiner Frau gesagt, in zwanzig Jahren, also nach seinem voraussehbaren Tod, würden sie Bedeutung haben. Speziell in wirtschaftlicher Hinsicht – wie die vielen Verfilmungen und Neuauflagen belegen.


