Martin Compart


THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: DAS GOLD VON MALABAR by Martin Compart

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Seit den 1950er Jahren bis Anfang der 1980er gab es eine Reihe von britischen Thriller-Autoren, die fast mit jedem Buch in den Bestsellerlisten waren, ihre Romane wie geschnitten Brot verkauften – und heute fast vergessen sind.
Sie schrieben Abenteuer-Thriller, gelegentlich auch Geheimagentenromane und brachten dem Leser die entferntesten Schauplätze zwischen zwei Buchdeckeln ins Haus. Oft schwang noch die Wehmut über den sterbenden britischen Kolonialismus mit, aber genauso oft auch ein Hauch progressiver Erkenntnisse. Exotische Länder, fremdartige Kulturen und Naturkatastrophen waren als Hintergründe dieser Pageturner genauso wichtig wie farbige Charaktere. Wobei der Protagonist, häufig auch der Ich-Erzähler, der Typ Outdoor-Brite war, der mit Hartnäckigkeit, Durchsetzungskraft und Cleverness einst das Empire errichtet hatte. Gemeint sind Autoren wie Alistair MacLean, Hammond Innes, Desmond Bagley, Alan Williams, Duncan Kyle, Gavin Lyall, Jack Higgins, Francis Clifford, Victor Canning, Geoffrey Jenkins u.a.

Und natürlich Berkeley Mather.

b[1]Berkeley Mather (1909-1996) war ein Pseudonym des in Australien aufgewachsenen John Evan Weston-Davies. Seine Jugend ist Geheimnis umwittert und Mather selbst sorgte durch falsche Informationen für Verwirrung. Als er 20 Jahre alt war, hatte er seinen Militärdienst in Australien absolviert und begann sich in der Welt herum zu treiben, bis er in London landete. Bereits Ende der 1930er begann er zu schreiben und verkauft die ersten Geschichten an Londoner Magazine. Er trat 1932 in die britische Armee ein, wechselte später in die Indische Armee und kämpfte im 2.Weltrieg . 1938 heiratete er Kay Jones, mit der er drei Kinder hatte; sie verstarb 1991. Nach der indischen Unabhängigkeit wechselte er zur königlichen Infanterie, wo er bis zu seinem Ruhestand 1959 diente. Da er als aktiver Soldat nicht veröffentlichen durfte, wählte er sich „Berkeley Mather” als Pseudonym. 1954 wurde er an MI6 ausgeliehen und ging im Auftrag des britischen Auslandsgeheimdienstes nach Kairo. Unter der Tarnung eines Teppichhändlers sollte er ein Mordattentat auf den damaligen ägyptischen Premierminister Naguib vorbereiten helfen (das Attentat fiel aus, da Naguib von Nasser unter Hausarrest gestellt wurde).
Zu seinem 50.Geburtstag erschien sein erster Roman, THE ACHILLES AFFAIR, der ein kleiner Erfolg wurde. Mit seinem nächsten Thriller, THE PASS BEYOND KASHMIR, wurde er dann richtig erfolgreich und sowohl Ian Fleming wie Erle Stanley Gardner schrieben begeisterte Rezensionen. In der Bibliothek von Ernest Hemingway befanden sich Mathers Romane.256991_det[1]

Neben den Hardcore-Fans dürfte sein Name noch Cineasten geläufig sein. Mather schrieb die Drehbücher zu den Filmen GENGHIS KHAN, THE LONG SHIPS und DR.NO. Fleming selbst hatte angeregt, dass Mather das Drehbuch zum ersten Bond schreiben sollte. Es existierte bereits ein Skript, das er dann überarbeitete. Dummerweise lehnte er eine prozentuale Beteiligung am Film ab und entschied sich für ein buyout.
Die Bond-Produzenten Saltzman und Broccoli kauften die Rechte von THE PASS BEYOND KASHMIR und planten die Verfilmung mit Sean Connery und Honor Blackman. Bereits 1956 hatte er begonnen für Fernsehserien zu schreiben; u.a. schrieb er eine Folge für MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE (THE AVENGERS) und zwei Folgen für TENNISSCHLÄGER UND KANONEN (I SPY). Bereits Mitte der 1950er Jahre hatte er seine erste TV-Serie entwickelt: TALES FROM SOHO; Hauptperson war Inspector Charlesworth, der zur Titelfigur eineweiteren Serie wurde. Produziert hatte TALES OF SOHO der noch unbekanngte Tony Richardson. Anfang der 1960er Jahre war er zusammen mit Ted Willis der meistbeschäftigdste TV-Autor. Er schrieb eine 30-Minuten-Folge in acht bis zwölf Stunden. Für seine Fernseharbeiten erhielt er 1962 eine Auszeichnung der Crime Writers Association.
Seine drei letzten Romane waren eine zeitgeschichtliche Familiensaga, bekannt als Far Eastern Trilogy.
Mather starb 1996 und einer seiner Söhne arbeitet an einem Buch über das “Familiengeheimnis”.
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Es ist schwierig, einen Roman Mathers als seinen besten herauszustreichen. Der Mann konnte keine schlechten Bücher schreiben. Mit Sicherheit ist DAS GOLD VON MALABAR (1967) ein Meisterwerk, ein Klassiker des Asien-Thrillers, wunderbar geschrieben und heute noch genauso lesbar und fesselnd, wie zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung.

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Der Seemann und Herumtreiber O´Reilly erzählt seine Geschichte in der ersten Person. Wie er wegen Schmuggels und Totschlags im Knast von Goa landet und ihm dort ein sterbender Weißer ein Amulet, einen Kontakt und kryptische Worte hinterlässt. O´Reilly solle fliehen, empfiehlt er ihm, und am „Tor von Indien“ den Mönch Nu Pah aufsuchen. Die Flucht gelingt ihm schwer verletzt und er gelangt auch nach Bombay und trifft Nu Pah („Er ist kein Mönch mehr. Er kleidet sich nur so, wie die Tippbetrüger, die sich beim Rennen als Jockeys ausgeben.“). Bis dorthin hat der Roman schon Tempo, aber jetzt geht eine Flucht- und Verfolgungsgeschichte los, die einen nicht mehr aus den Fängen lässt. Alle Parteien sind hinter einem holländischen Goldschatz her, den die Japaner am Ende des 2.Weltkriegs in Goa gebunkert haben (siehe auch GOLDEN LILY in meinem Blog über das japanische Raubgold).

O´Reilly und Nu Pah gehören zu den unvergesslichsten Antihelden des Thrillers – wie auch ihre Antipoden. Zum Beispiel der englische Colonel, den Mather eines Joseph Conrads würdig beschreibt:
„Der Colonel war Treibgut, am indischen Strand zurück geblieben, als die britische Flut abebbte.“

Mather schreibt manchmal wie Somerset Maugham auf Speed. Ohne das Tempo rauszunehmen, gelingen ihm immer wieder wunderbare Bilder und Beschreibungen des Subkontinents. Man spürt die tiefe Kenntnis des Landes. Wer das Buch anfängt, wird es auf einen Sitz durchlesen. Thriller von dieser Qualität sind selten geworden. Sie bezeugen das ganze Elend der aktuellen Spannungsliteratur. Da kommt kaum einer unter 500 Seiten daher, ist schlecht geschrieben voller retardierend breit getretenem Quark und so aufregend wie Markus Lanz beim Kärtchen ablesen. Mather muss nicht lange und quälend die Psychologie und Vorgeschichte seiner Personen beschreiben, er verdeutlicht die Charaktere in ihren Handlungen. Vielleicht auch ein Grund, weshalb Hemingway zu seinen Lesern gehörte.

kashmirPB[1] Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich GOLD VON MALABAR in der Ullstein-Abenteuer-Reihe neu heraus brachte. Jörg Fauser suchte sich in meinem Büro seine Urlaubslektüre für einen Zypern- Trip zusammen und griff sich auch dieses Buch – aber eher skeptisch. Als er zurück kam, war er von der Lektüre immer noch hingerissen und schwärmte davon, was der Roman für eine tolle Filmvorlage wäre – für einen Abenteuerfilm mit Sean Connery oder Michael Caine mit John Huston als Regisseur. Ein würdiger Nachfolger der Kipling-Verfilmung THE MAN WHO WOULD BE KING.

Mather schrieb auch Geheimagenten-Thriller. Drei Romane um Idwal Rees und seinen Helfer, den blutrünstigen Paschtunen Samaraz; drei Romane um John Wainwright und zwei über Peter Feldham. Wobei THE TERMINATORS Rees und Wainwright zusammen bringt um für den britischen Geheimdienst, bei Mather „The Firm“ genannt, den Dreck zu schaufeln. Schauplätze sind zumeist Nordindien (Kashmir), Afghanistan Tibet und der Himalaya. Bestechend ist immer wieder Mathers Verständnis für Land und Leute. Es sind Great Game-Thriller, die bestens die Konfliktherde ihrer Zeit zwischen der Sowjetunion, der Volksrepublik China und dem Westen beleuchten. Man hätte diese Romane den verblödeten NATO-Militärs als Pflichtlektüre (zusammen mit FLASHMAN IN AFGHANISTAN) in die Hand drücken sollen, bevor sie ihre wenig erfolgreichen, aber dafür teuer gescheiterten Afghanistan-Feldzüge verbrachen. Liest man diese alten Romane, wird einem deutlich, mit welcher stupiden Arroganz westliche Militärs vorgegangen und gescheitert sind. Mit ähnlicher Dummheit, wie schon zuvor die Briten im 19.Jahrhundert und die Russen in den 1980ern. All dies verdeutlicht einem der alte Berufsmilitär Davis vortrefflich.

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WILLIAM BOYD IST IAN FLEMING IN “SOLO” by Martin Compart
8. Oktober 2013, 3:56 nachmittags
Filed under: Ian Fleming, James Bond, Rezensionen, Spythriller, thriller, William Boyd | Schlagwörter: , , , , ,

Bond ist der Alptraum aller Grünen:
Er ist macho, ein begeisterter und rücksichtsloser Nutzer von Verbrennungsmotoren, raucht wie ein Schlot, ermordet Arschlöcher, säuft wie ein Loch, lässt sich nicht von Phrasendreschern beeindrucken, isst was und wann er will und vögelt die schönsten Frauen (ohne auch nur an Vaterschaftsurlaub zu denken oder mit der Frau einen Selbstfindungskurs zu machen). Wäre er nicht so autoritätshörig und ein Helot (ursprünglicher) konservativ-nationaler Interessen, wäre er ein richtig guter Typ. Für James Bond, Geheimagent Ihrer Majestät 007, ist die ganze Welt eine Plattform der Strategiespiele, die sein Chef M für ihn aussucht.

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Rechtzeitig zum 60.Jubiläum des ersten 007-Romans, CASINO ROYALE, erscheint ein weiteres Bond-Abenteuer, das die Fans mit den bisherigen Sequels versöhnen könnte. Geschrieben wurde der neue Bond, Titel, SOLO, von dem etablierten und anerkannten Schriftsteller William Boyd, den die Kritik auch gerne in Zusammenhang mit Graham Greene bringt. Auf die Frage, warum Boyd Schriftsteller geworden sei, hat er eine vernünftige Antwort:

„I suspect that I saw a film which had a writer in it…. And as he got up from his typewriter, mixed himself a drink and stepped onto a balcony and looked out at Malibu beach or something, I thought: That is the life for me!”

Boyds Verbindung mit Fleming und Bond ist weit reichend: Sein Vater machte ihn in den 1960ern mit Flemings Büchern bekannt und er las sie seit seinem elften Lebensjahr alle und wurde zum lebenslangen Fan (sein Lieblings-Roman ist FROM RUSSIA WITH LOVE). Er schrieb mehrere Essays über Fleming und machte ihn zur Schlüsselfigur in seinem Spionageroman ANY HUMAN HEART (2002). Für drei Bond-Darsteller schrieb er Drehbücher, bzw. adaptiert er seine Romane: Sean Connery in A GOOD MAN IN AFRICA, Pierce Brosnan in MR.JOHNSON und Daniel Craig in THE TRENCH (bei dem Boyd auch Regie führte). Unabhängig von seiner Freundschaft zu Craig nennt er Daniel Day-Lewis als den heute bestmöglichen Bond-Darsteller. Worüber sich streiten lässt, da Day-Lewis inzwischen zu alt sein dürfte.

Jedenfalls erfüllte sich für den Fleming-Fan ein Lebenstraum. Das merkte man ihm bei der Präsentation an und bei der weitergehenden PR-Arbeit für SOLO (u.a. schrieb er ein fiktives Interview für den „Guardian“, in dem er bei einer Zeitreise als Journalist James Bond besucht und befragt). Trotzdem gibt es erstes Gejammer: So verkaufte Boyd in der ersten Woche „nur“ etwa 10.000 Exemplare, während Sebastian Faulks von seinem Bond-Roman DEVIL MAY CARE 2008, also im Jahr des100.Geburtstages von Fleming und mit dem dementsprechenden Rummel im Rücken, in der ersten Woche 44.000 Bücher verkauft hatte.

Insgesamt hält Boyd aber von den Filmen längst nicht soviel wie von Flemings Romanen. Tatsächlich ist der Film-Bond im Vergleich zum literarischen Bond in einem puerilen Paralleluniversum daheim.

you-only-live-twice-james-bond-ian-flemming-book-cover[1]Ausgehend von Bonds Nachruf in der Times, den Fleming in YOU ONLY LIVE TWICE veröffentlicht hatte, entschied Boyd, seinen Roman 1969 anzusiedeln, beginnend mir Bonds einsamen 45.Geburtstag. Konsequent legt ihn Boyd an den späten Bond an, der sich nach dem Tod von Tracy nicht mehr richtig erholt hat. Nach seiner Rache an Blofeld, die ihn durch YOU ONLY LIVE TWICE trug, und der Gehirnwäsche durch die Russen, hatte sich 007 bereits bei Fleming verändert.
Bei Boyd ist Bond nachdenklicher und empathischer geworden, scheint seine Schicksalsschläge bewältigt zu haben. Aber er ist immer noch die alte Kampfmaschine und der überzeugte Genießer körperlicher Freuden. Bond war nie, wie Kingsley Amis schon festgestellt hatte, der Womanizer zu dem ihn die Filme gemacht haben. Er hatte sich fast immer über den Sex hinaus für seine Partnerinnen interessiert und immer wieder versucht, eine funktionstüchtige Beziehung aufzubauen. Was bekanntlich für Geheimagenten noch schwieriger ist als für Monteure im internationalen Außendienst. Kritiker hatten Fleming noch zu dessen Lebenszeit vorgeworfen, der Bond aus ON HER MAJESTY´S SECRET SERVICE sei nicht mehr der Bond aus CASINO ROYALE ODER MOONRAKER. Treffend bemerkt. Der Vorwurf fällt letztlich auf diese Kritiker zurück, die der Entwicklung einer Thriller-Figur nicht folgen wollen oder können. Es sind dieselben Idioten, die zwischen U- und E-Kultur unterscheiden.

„I think there’s good writing and bad writing. I think you can very easily distinguish between good writing and bad writing with a simple test: Just look at the number of stereotypes employed. Stereotypes of plots, stereotypes of characters, stereotypes of language; the more stereotypes there are, the worse the book. That’s my touchstone for evaluation. So, if you write well – and it doesn’t mean you have to write in a stylish way, but if you write well, and your characters are real, and your plots are ingenious, then I don’t see the distinction between literary fiction and genre fiction. Raymond Chandler is a superb writer of novels, John le Care is a very important contemporary novelist, but he happens to write spy novels and Chandler wrote detective novels. I think that if the writing is good then the genre is irrelevant. Many, many so called “literary” novelists have written a spy novel, me included – I’ve written two – Ian McEwan has written two, John Banville has written a spy novel. Joseph Conrad wrote two, Graham Greene wrote several. There’s absolutely no reason why, if you think of yourself as a literary novelist, you shouldn’t venture into a genre – just write as well as you can.”

Nur ungebildete, bürgerliche Feuielletonisten schreien heute noch begeistert in die Welt hinaus, dass sie nach Jahrzehnten des ungelenken Bemühens, die für sie schwierige Schullektüre endlich verstehen (wie unlängst etwa Georg Büchner, der vom medialen Messdiener Mattussek im SPIEGEL vermeintlich verstanden wurde – was keinesfalls gegen Büchner spricht).

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Für Boyd, der 1969 erstmals nach England kam und in Ghana und Nigeria aufwuchs, war es ein besonders intensives Jahr:

„…the thing about 1969 that I remember, and I was seventeen in 1969, was that it was the first time I came to London. I grew up in Africa and ’69 was my summer in London. I remember watching the moon shot in a horrible flat in Pimlico, I remember the music, and I remember the fashions. So, it was great for me to go back to my seventeen-year-old self and imagine the world I was going to put Bond in. There was a lot going on in ’69. It was a very interesting period, and of course London was also at the height of it’s “Swinging London” coolness. We think of the 60s and London, but actually “Swinging London” didn’t really begin until ’65, ’66. So, to think of Bond in London in ’69 is very intriguing. I can remember it vividly… going back to 1969 is blissful. There’s not even security checks at the airport. You can smoke everywhere! So, it was fun to time travel.”

Eine Zeit des Umbruchs. In der „ein intelligenter Mann wie Bond die gesellschaftlichen Veränderungen wahrnimmt“. Es war auch die Zeit der Gräuel des Biafra-Krieges, die Boyd sicherlich besonders intensiv wahrgenommen hat. Perverser Weise waren sowohl Briten wie Sowjets auf Seiten Nigerias um ihre Öl-Interessen zu sichern. Ein anderer großer Thriller-Autor, Frederick Forsyth, war zur selben Zeit als junger Kriegskorrespondent in Biafra und verlor seinen Job, weil er Partei für die Sezessionisten ergriffen hatte (Freddies erstes Buch war ein Sachbuch über den Biafra-Krieg).2358903[1]

Boyd greift in SOLO auf diesen Ölkrieg zurück, dem wir den schönen Begriff „Biafra-Kind“ verdanken (Boyd führt dieses Bild im Roman auf und deprimiert nicht nur den Leser, sondern auch 007); ein Synonym für verhungernde Kinder, die bereits verreckt sind, wenn ihre Fototos in den Verursacherländern für heuchlerische Betroffenheit sorgen. Boyd verschlüsselt Nigeria und Biafra mit fiktiven Ländernamen (Zamzarin und Dahum), folgt aber weitgehend den damaligen Realitäten. Bond kommt genau in den Moment ins fiktive Biafra, als ich die Fronten 1969 festgefressen hatten. „Ich muss meine Romane zeitlich und örtlich genau verankern. Egal, ob sie im Wien von 1914 oder auf den Philippinen 1902 spielen.“ Das bringt einen interessanten, neuen Aspekt in die Bond-Saga: Bisher hatte man 007 nur in reinen Kommando-Unternehmen gesehen, Boyd zeigt ihn in heißen Kriegshandlungen. Sowohl in Afrika, wie auch in Erinnerungen im 2.Weltkrieg.

Wenn Bond zum Autohändler geht um den damals, ich erinnere mich noch gut an dieses Geschoss, hoch geschätzten Jensen Interceptor zu begutachten, vermittelt Boyd dieselbe naive Freude an außergewöhnlicher Konsumtechnologie, die auch Fleming so faszinierend vermitteln konnte: Die kindliche Unschuld einer vergangenen, unbewussten Zeit, das kindliche bestaunen der Geschenke unterm Weihnachtsbaum.

Manchmal glaubt man den Meister selbst aus dem Grab zu hören, so genau trifft Boyd den amüsanten und arroganten Stil Flemings: „Bond hatte sich von den anderen abgesondert und ließ das drohende Chaos eines kleinen Landes auf sich wirken, das nach einer flüchtigen Phase der Selbstbehauptung dem Untergang geweiht war.“

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Boyd war nicht daran interessiert, Bond zu modernisieren oder akzeptabler für ein politisch korrektes Publikum zu machen. „Er ist ein Mann seiner Epoche. Er raucht und trinkt und macht alles, was der klassische Bond gemacht hat.“ Vom Film-Bond ist er so weit entfernt wie die TAGESSCHAU von politischer Analyse. Allerdings verzichtet Boyd auch auf den antiquierten Chauvinismus und gelegentlichen Rassismus, den man bei Fleming findet und der ihn so leicht angreifbar machte (dabei sollte man berücksichtigen, dass Fleming ein Kind seiner Zeit und seiner sozialen Schicht war).
Kommen wir zum Fazit:
Hat mich der neue Bond so gepackt wie ein Roman von Ian Fleming?

Nein.

Aber was man mit 13 Jahren liest, hat nun mal eine andere Durchschlagskraft, wie etwas, das man mindestens tausende Thriller später gelesen hat. Boyds Bond-Roman ist der Beste seit Kingsley Amis´ COLONEL SUN. Ihn unterscheiden Welten von dem Quatsch eines John Gardner oder Jeffrey Deaver. Boyd hat mir für ein paar Stunden etwas von meiner Kindheit zurück gegeben – was kein Bond-film schafft.

Endlich wurde für den deutschen Markt auch wieder mal ein Thriller übersetzt, der nicht zum Gähnen langweilig ist (worauf sich ja viele Verlage spezialisieren) und sogar das fast verdorrte Pflänzchen „männlicher Leser“ mit einem fiktionalen Text erreichen könnte.

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William Boyd: SOLO. Berlin Verlag, 2013; 365 Seiten; 19,99 Euro.
Blendend übersetzt von Patricia Klobusiczky.

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Die vier Vorsitzenden der “Anti-Hedonismus-Liga” diskutieren nicht den Roman von Boyd und kommen zu einem vernichtenden Urteil über Ian Fleming.
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Von links nach rechts: Hugo Drax, Rosa Klebb, Buonapart Ignace Gallia und Irma Bunt.



BOND IS BACK! by Martin Compart
27. September 2013, 9:22 vormittags
Filed under: Ian Fleming, James Bond, Spythriller | Schlagwörter: , , , ,

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Deutscher Erstverkaufstag 1.10!

Nun ist er endlich da, der neue James Bond-Roman von William Boyd, der hoffentlich (aber da bin ich mir sicher) die Katastrophe von Jeffrey Deaver vergessen macht. Ich bin fast sicher, dass Boyd den besten Bond seit Kingsley Amis vorlegt. Naja, da gehört nicht viel zu, könnte man einwenden. Ganz ordentlich war noch der Bond-Roman von Sebastian Faulks. Aber letztlich fühlte auch der sich nicht „richtig“ an. Faulks verachtete Thriller letztlich, während Boyd keinen Unterschied zwischen Thriller und sogen. Literatur macht.
Vergleicht man die Herangehensweise von Faulks und Boyd, wird einem schnell klar, wieso Boyd der richtige Autor sein muss.

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FAULKS:
Für mich war es mehr eine Schreibübung. Ich habe die Bücher analysiert, versucht zu verstehen, wie sie gemacht sind – und dann habe ich selbst eins gemacht.

Literarisch kann man nicht besonders viel von Fleming lernen. Vielleicht, wie man Spaß hat am Schreiben.
Fleming hatte gesagt: Ich kann das in sechs Wochen raushauen. Also habe ich gesagt: Okay, ich kann das auch in sechs Wochen raushauen. Und das habe ich ja auch geschafft.

Er ist eine alberne Figur, das dürfen wir nicht vergessen. Ich sage Ihnen, was ich an Bond mag: Er ist einfallsreich. Na gut, es gibt etwas, das wir von ihm lernen können: In jedermanns Leben tauchen unerwartete und schwierige Situationen auf. Das Geheimnis guter Lebensführung besteht darin, dass man an diesen Situationen wächst und etwas in sich selbst findet, von dem man zuvor nichts ahnte. Das mag ich an Bond.

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BOYD:
I also knew a lot about Ian Fleming, who is a man who has always fascinated me.

Boyd said he had been a fan of the books more than the films since reading From Russia With Love as “an illicit thrill” after lights out at his boarding School

I re-read every Bond novel and Bond short story in chronological order before I started writing my own, and Fleming gives you a massive amount of information about Bond.

The thing is with the literary Bond, as opposed to the cinematic Bond, is that he’s a very complex character. I mean he is a cool, capable guy and he’s a very successful operative, but what makes him fascinating for readers is the darker side. He’s troubled, he makes mistakes, and I think that three-dimensional portrait of him you get in the novels explains why he’s not just some cardboard caricature spy, he’s a real living, breathing, interesting individual.”

Fleming’s genius, in a way. It wasn’t the fact that he managed to think of a dozen or so fascinating stories, it was that he created a character – like Sherlock Holmes, or Alice in Wonderland.

Having said that I was interested in the man, I wanted to make the novel very real… I couldn’t have written a fantastical, or silly, or gimmicky Bond novel. I had to write a really gritty, down-to-earth, realistic one.
I’m not too keen on the expression ‘Bond girl’ because I think Bond has relationships with women.

ÜBER DEN NEUEN BOND-ROMAN DEMNÄCHST MEHR. Erst mal habe ich das Vergnügen, Telefon und Internet abzuschalten, um mir die volle Dröhnung zu geben!



HÖRBUCH: LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU by Martin Compart
3. Juli 2013, 3:19 nachmittags
Filed under: Hörbücher, Ian Fleming, James Bond, Rezensionen | Schlagwörter: , , , ,

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Ian Fleming und Deutschland – ein übles Kapitel.

Für die Bond-Filme ist Deutschland der zweitwichtigste Markt.61908b58-c65c-45f4-a728-478f4ffe6c35[1]

Der Umgang mit den Romanen, ein Elend. Wenig inspiriert und gekürzt wurden die Erstausgaben durch den Scherz-Verlag veröffentlicht. Der Heyne Verlag versuchte in den 1990ern eine ungekürzte Ausgabe (obwohl er die neuen Bondromane von Raymond Benson nicht fortführte). Und jetzt versucht sich ein Comic—Verlag an den Originalen Flemings. Das hat auch etwas abstruses: von einem Comic Verlag hätte ich eher erwartet, dass er eine längst überfällige Gesamtausgabe der tollen Bond-Comic Strips angeht.

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Nun gibt es jedenfalls auch eine Audio-Book-Ausgabe von Flemings 007-Romanen bei Lübbe Audio. Alle in „bearbeiteter Fassung“ auf 4 CDs gekürzt und im Schnitt mit 290 Minuten. Vorgetragen werden die gekürzten Bücher tadellos von Oliver Siebeck.
2006 gab es bereits Hörbuchausgaben von vier Bond-Romanen bei Random House. Die waren geradezu katastrophal gekürzt (jeder Roman auf eine Lesung von Hannes Jaenicke auf unter zwei Stunden).

6a00e3981f1e398833014e8b34c60b970d-320wi[1]Man fragt sich, warum Lübbe Audio auf die ungekürzten deutschen Fassungen zugreift, wenn dann doch gerafft wird. Der für die Kürzungen verantwortliche Lektor streicht häufig weg, was den spezifischen Reiz und den Zeitgeist von Fleming ausmacht. So hat man wichtige Dialoge kleiner gemacht und natürlich die „politisch unkorrekten“ Passagen gestrichen. Etwa, wenn Bond am Anfang von LIEBESGRÜSSE über Homosexuelle und Intellektuelle herzieht (bis hin zu „Nicht alle Intellektuelle sind homosexuell.“). Dazu passt die kleine Anekdote über die einzige Kritik an LIEBESGRÜSSE. Der meinte damals, „Ian´s Russians appeared dull and two-dimensional“. Was nicht stimmt. Fleming erwiederte: “This is because Russians are dull people.”
Wenn man Dialoge auf die reine Handlungsinformation runterkürzt, nimmt man ihnen die Möglichkeit, die Personen, Situation oder Atmosphäre zu charakterisieren oder zu reflektieren. Gerade darin besteht aber auch ein Teil von Flemings Kunst. Dieses wegzulassen, reduziert ihn.
Zum Glück ist LIEBESGRÜSSE nicht so unglaublich dämlich zusammengefasst wie Dan Browns INFERNO. Aber Verständnisprobleme sind auch hier: Etwa der aus dem Kontext nicht mehr verständliche „Vorfall“ im Zigeunercamp. Dabei gibt es gerade bei den frühen Flemings einiges an peinlichen Romantizismen zu streichen, die keinerlei Auswirkungen auf Ideologie, Stil, Atmosphäre oder Handlung haben.

Mehr als ärgerlich, geradezu unverschämt und urheberrechtlich bedenklich, ist die Nichtnennung der literarischen Quelle (Cross Kult) und der Übersetzer. Diese übernehmen weitgehend und wörtlich bei LIEBESGRÜSSE Formulierungen der alten, gekürzten Scherz-Übersetzung von Mechthild Sandberg – die nicht schlecht ist. Bei einer „ergänzenden Übersetzung“ muss man sie aber auch angeben. Es ist geradezu sittenwidrig wie manche Audio-Verlage diese gesetzlichen Vorgaben negieren, bzw. den Grauraum neuer Medien ausnutzen. Denn diese Nichtnennung hat für die Übersetzer klare Nachteile (wenn sie diese nicht selber etwa der VG WORT mitteilen). Die Lübbe-Audio-Ausgaben der Bondromane übernehmen die Cover von Cross Kult, was aber ebenfalls nicht aus dem Impressum hervorgeht.

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Ich habe mir mal den 5.Bond, LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU, angehört, zu Lebzeiten von Fleming sein erfolgreichster Roman. Vielen Fans gilt er als bester Bond-Roman, vielleicht, weil er weniger phantastische Momente enthält. Fleming ist hier ganz klar auf dem Höhepunkt seiner bemerkenswerten literarischen Kunst (und bleibt es auch bis MANN MIT DEM GOLDENEN COLT; wobei ich persönlich auch die ersten vier Bonds außerordentlich schätze). Aber jeder seiner Bond-Romane ist, trotz aller von Kingsley Amis heraus gearbeiteten Formellastigkeit, anders und originell. Absolut souverän beherrscht er sein Material und setzt es stilistisch beeindruckender um als 90% seiner Epigonen. Besonders für die Atmosphäre seiner Handlungsorte – hier besonders eindrucksvoll die geschilderte Zugfahrt mit dem Orientexpress – besaß Fleming eine Sensibilität wie die besten Schriftsteller. Nicht von Ungefähr gehörte der überaus kritische Raymond Chandler zu seinen größten Fans. Das Ende des Romans spiegelt übrigens Sherlock Holmes und die Reichenbachfälle wieder und löste damals bei den Bond-Fans ähnliche Besorgnis aus wie zuvor bei den Fans von Sherlock Holmes.

Der Bond-Fan kann mit diesen Audio-Ausgaben leben, aber glücklich machen sie nicht. Um die Originale (und verschiedenste englische Hörspiel- oder Hörbuchfassungen) kommt man eb en nicht herum.

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Leider hat es Cross Cult versäumt, auf die Penguin-Ausgaben mit den stärkeren Covers und den interessanten Vor-und Nachworten zuzugreifen (u.a.von Charlieg Higson, Michael Dibdin, Jeffrey Deaver).

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SPYTHRILLER/TV: GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE by Martin Compart

Zwar gab es bereits in den 1950er Jahren ein paar US-Serien, die Geheimagenten und die Welt der Spionage (etwa FORREIGN AFFAIRS) thematisierten, aber erst in den 1960ern, im Windschatten von 007, wurde der Geheimagent auch zur TV-Ikone. Und wie es sich für Spythriller gehört, machten die Briten den Anfang.

Ausgedacht hatte sich die Serie DANGER MAN der Australier Ralph Smart. Als Regisseur und Drehbuchautor hatte er in den 50er Jahren für die Produktionsgesellschaft von Lew Grade (der später auch für Hits wie THE SAINT, MAN IN A SUITCASE, PRISONER oder FRIENDLY PERSUADERS verantwortlich zeichnete) bei Serien wie ADVENTURES OF WILLIAM TELL, ROBIN HOOD oder THE INVISIBLE MAN mitgearbeitet. Ende der 1950er Jahre entwickelten sich Agentenromane zu einem der erfolgreichsten literarischen Genres. Ian Flemings beginnender Welterfolg sorgte für ein starkes Interesse am Spythriller. Die Geheimagenten lösten die harten Privatdetekltive in der Gunst der Krimileser ab. Smart und andere Produzenten erkannten dies. Aber noch bevor etwa MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE das Fernsehen eroberte oder JAMES BOND weltweit über die Leinwände raste, entwickelte Smart das Konzept für die erste Agentenserie modernen Stils für das Fernsehen. Ganz klar war er von Ian Flemings Bond-Romanen beeinflußt, als er Drake anlegte. Auch Drake reiste zu den exotischsten Orten, um im Auftrag des Westens für Ordnung zu sorgen. Lew Grade war sofort von der Serie angetan, mit der er den Sprung in den amerikanischen Prime Time-Markt schaffen wollte.

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McGoohan sollte für den Erfolg von DANGER MAN ähnlich wichtig werden wie Sean Connery für Bond (die deutsche Stimme ist die von Heinz Drache). Als Smart die Serie vorbereitete, hatte er keinen bestimmten Schauspieler im Auge. Erst als er McGoohan, der 1959 als bester Fernsehschauspieler und bester Bühnenschauspieler ausgezeichnet worden war, in dem TV-Film THE BIG KNIFE gesehen hatte, wußte er, wen er als John Drake haben wollte. McGoohan akzeptiert Grades und Smarts Angebot nur mit Vorbehalt: Die Drehbücher, die Drake im Stile Bonds als schießfreudigen Frauenhelden zeigten, mußten geändert werden. Er wollte keine unnötige Gewalt und vor allem keine “unmoralischen” Frauengeschichten für Drake. “Ich versuchte Drake so geheimnisvoll wie möglich zu machen. In der Hoffnung, daß kein Zuschauer sicher war, was Drake in der nächsten Sequenz anstellen würde. Seine gefährlichste Waffe sollte keine Pistole sondern seine Intelligenz sein”, erinnerte sich der Schauspieler. Aber natürlich konnte keine Action-Serie ohne physische Aktion auskommen. Aber statt unentwegt in Schießereien ließ man Drake so oft wie möglich in Prügeleien geraten. Heraus kamen dabei einige der wildesten Schlägereien der Fernsehgeschichte. Nicht selten flog der Gegner meterweit durch den Raum, wenn er Drakes Dampfhammer auf die Nase geknallt bekam. Trotz aller Unwahrscheinlichkeiten achtete man darauf, daß Drake nicht zum Superhelden wurde.

Auch die Geschichten waren relativ nahe an den politischen Gegebenheiten der Zeit: Drake infiltrierte ein IRA-Kommando, sicherte Öl-Interessen am Golf, beschützte Überläufer, ging gegen indische Giftgasfabriken vor oder destabilisierte Diktaturen, die dem Westen unfreundlich gesonnen waren. Seine Aufträge führten ihn um die ganze Welt: Ferner Osten, Paris, Afrika, Kashmir – nur exotisch mußte es sein. Gedreht wurde aber, abgesehen von Außenaufnahmen in Schottland oder englischen Grafschaften, in den Elstree-Studios. Vier Tage dauerte es, um eine Folge abzudrehen. Ein Second Unit-Team unter Regisseur John Schlesinger sorgte für die Außenaufnahmen und für Stock Shots von den exotischen Handlungsorten. Für die zweite Folge, VIEW FROM THE VILLA, wurden die Außenaufnahmen in Portmeirion gedreht, das hier als italienischer Handlungsort diente und als Village in NUMMER.6 (PRISONER) unsterblich wurde!

Am 11.September 1960 strahlte der kommerzielle Sender ITV die erste Folge aus. DANGER MAN wurde schnell ein Riesenerfolg im britischen Fernsehen, und Lew Grade konnte die Serie an das US-Network CBS verkaufen. Im Sommer 1961 ersetzte DANGER MAN auf CBS Steve McQueens Westernserie WANTED: DEAD OR ALIVE. Aber dieser Sommerersatz wurde von den amerikanischen Zuschauern kaum wahr genommen. Gerade war in England die 2.Season produziert worden, und Lew Grade, enttäuscht über die schlechte Resonanz in den USA, ließ DANGER MAN stoppen. Inzwischen waren aber die Auslandsverkäufe in Europa so gut angelaufen, daß man über eine Fortsetzung der Serie nochmals nachdachte. Bevor die Dreharbeiten aber wieder aufgenommen wurden, sollte einiges verändert werden: Künftig sollten die einzelnen Folgen doppelte Länge haben. Außerdem arbeitete Drake nicht mehr für die NATO, sondern für MI9, eine fiktive Abteilung des britischen Geheimdienstes. Die längeren Folgen erlaubten komplexere Geschichten und tiefere Charakterisierungen. Zwei Seasons wurden in dem neuen Format produziert, und noch heute geraten die Fans ins Schwärmen, wenn sie an diese Episoden denken. Leider hat man sie bei uns nie komplett ausgestrahlt. Die neue Serie begann am 13.Oktober 1964 und brachte es auf 45 Folgen. Es folgte noch der legendäre Zweiteiler KOROSHI, der in Farbe gedreht wurde und verschiedentlich als 90-Minüter gezeigt wurde. Aber McGoohan hatte, trotz des relativen Erfolges der neuen Serie in den USA, genug von DRAKE und besuchte Lew Grade mit dem Konzept zur späteren Kultserie PRISONER, die auf der Grundidee des Spionaromanautors und Drake-Storyeditors George Markstein basierte.

Der von der Serie inspirierte Song SECRET AGENT MAN von Phil Sloan und Steve Bass, gesungen von Johnny Rivers, schaffte es hoch in die Hit-Paraden zu kommen.

Consul-0802 Leslie Danger Man Hell for Tomorrow[1]Unter dem Namen Ralph Smart veröffentlichte der deutsche Signum Verlag einen John Drake-Roman, in dem Drake dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan ist und nichts mit der Serie zu tun hat: Ralph Smart: Mord auf Bestellung, Signum Krimi 105, 1962.

Weitere Romane:
W.Howard Baker: Departure Deferred, Consul Books 1965. Storm Over Rockall, Consul Books 1965.
Peter Leslie: Hell for Tomorrow, Consul Books 1965.
W.A.Ballinger: Exterminator, Consul Books 1966.
Wilfred McNeilly: No Way Out, Consul Books 1966.

Heftromane:
GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE: Marken Verlag, Köln. Nr.1, 1963 – Nr.390, 1976.

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Comics:
JOHN DRAKE: Bildschirm Vlg. Nr.1-2,1967.
DANGER MAN: Four Color Comic 1231, 1961.
SECRET AGENT: Gold Key, Nr.1-2, 1966, 1968.

Literatur:
Alain Carrazé & Héléne Oswald: The Prisoner, W.H.Allen 1990.
Dave Rogers: The Prisoner & Danger Man, Boxtree 1989.
Matthew White & Jaffer Ali: The Official Prisoner Companion, Warner Books 1988.

802515[1]



SPYTHRILLER: ZUR GESCHICHTE DES SPIONAGEROMANS 1/ by Martin Compart
14. November 2012, 2:23 nachmittags
Filed under: China, John Buchan, Politik & Geschichte, Spythriller | Schlagwörter: , , , , ,

ALLGEMEINE VORBEMERKUGEN

Wie es die beiden Ex-Agenten Victor Marchetti und John D.Marks in ihrem von der CIA durch Gerichtsbeschluss
zensiertem Buch CIA(Deutsche Verlagsanstalt, 1974)) ausdrückten: “Ein großer Teil der Machtstellung der CIA hängt
von ihrer sorgfältigen Mythologisierung und Glorifizierung der Leistungen des geheimen Berufs ab… Wie die meisten Mythen
sind die Intrigen und Erfolge der CIA über die Jahre weg eher eingebildet als real gewesen. Was unglücklicherweise real ist, ist die Bereitschaft sowohl der Öffentlichkeit wie der Anhänger des Kults die Fiktion zu glauben, die das Nachrichtengeschäft tränkt.”(S.38)

Wäre man paranoid genug, könnte man hinter der Unmenge erfolgreicher Spionageromane, Polit-Thriller, Agentenfilme und Fernsehserien eine der großen propagandistischen Coups der psychologischen Kriegsführung durch die Geheimdienste sehen. Und der Großteil der
in diesem und letzten Jahrhundert veröffentlichten Spionageromane dienten in markant anti-aufklärerischer Manier tatsächlich nur der Verteufelung des Gegners und der Rechtfertigung bürokratischer Behörden, deren wirklichen Erfolge in keinem Verhältnis zu materiellen Aufwand und zum politischen Risiko stehen. Aber der Spionageroman und im weiteren Sinne der Polit-Thriller, kann natürlich mehr leisten als anti-aufklärerische Propaganda.
Er kann auch ein Instrument der Aufklärung sein, wie es die Werke von Graham Greene, Eric Ambler, Kent Harrington, Andy McNab, Ross Thomas und vieler anderer eindrucksvoll beweisen. Die Literatur, die die geheime Welt und ihr politisches Treiben beschreibt, spiegelt alle Spannungen wieder, die unsere Zeit politisch und wirtschaftlich bestimmten.

Literaturhistorisch steht am Anfang des Spionageromans keine Schlüsselfigur, wie etwa Edgar Allan Poe für den Detektivroman oder William Godwin für den Noir-Roman. Während man von der Spionage als vom “zweitältesten Gewerbe der Welt” spricht, muss man das multimediale Genre “spy story” als ein Kind des 19.Jahrhunderts ansehen, dass im 20.Jahrhundert zu voller Blüte heranreifte und immens erfolgreich wurde.

In der Literatur taucht die Spionage erstmals in dem chinesischen Klassiker über DIE KUNST DES KRIEGES(PING FA) von Sunzi ca. 510 v. Chr. auf. Die erste Fiktion, in der Spionage eine Rolle spielt, verdanken wir ebenfalls der chinesischen Kultur: im 13.Jahrhundert in dem historischen Roman SAN KUO von Lo Kuan- Chung. Als erster “richtiger westlicher” Spionageroman gilt allgemein James Fenimore Coopers THE SPY(1821).Allerdings nur, weil der Roman einen Spion in den Mittelpunkt der Handlung stellt; der Spionagetätigkeit wird von Cooper wenig Raum gewidmet.

Anschließend tauchen Elemente des Spionageromans und des Polit-Thrillers im Kontext vieler Feuilleton-Romane des 19.Jahrhunderts auf, aber erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts formt sich das Genre zu einer eigenen, unverwechselbaren Gestalt. Die ersten britischen Spionageromanautoren – und damit die ersten “hauptberuflichen” Autoren von spy novels überhaupt – waren William LeQueux und E.P.Oppenheim. Bei aller Trivialität ihrerBücher muss man erkennen, dass sie Wegbereiter für John Buchan bis Ambler oder Tom Clancy (der besonders LeQueuxs „war prophecy novel“ aktualisierte) waren.

Jeder Spionageroman ist ein Polit-Thriller, aber nicht jeder Polit-Thriller ist ein Spionageroman.
Der Spionageroman als ein Nachfolger des Abenteuerromans ist sehr oft eine Mischform aus den verschiedenen Genres: zwar
handelt er primär über internationale Intrigen, benutzt aber Elemente des Abenteuer-, Detektiv-, Gangster- Liebes- und
Kriegsroman.

Der Polit-Thriller ist seit den 196oer Jahren ungebrochen eines der beliebtesten Sub-Genre der facettenreichen Kriminalliteratur.
Nicht zu Unrecht wird die Kriminalliteratur als die Literatur angesehen, die das Industrie- und Informationszeitalter am besten
widerspiegelt. Kriminalliteratur hat nämlich im Grunde nur ein Thema: Die Schwierigkeit des Menschen sich in Gesellschaften
großer Dichte zu organisieren und die Reaktion durch abweichendes Verhalten auf Ungerechtigkeitsordnungen. Während
andere kriminalliterarische Genre dieser Problematik innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Organisationen nachgehen,
thematisiert der Polit-Thriller im Sub-Genre Spionageroman, wie unterschiedliche Gesellschafts- und multinationale Intressenformen konkurrieren und wie Apparate einer bestimmten Größenordnung eine von den ursprünglichen Zielen abweichende Eigendynamik entwickeln
können. Der zunehmenden Komplexität der Welt wird in keiner anderen Literatur mehr Rechnung getragen als im Polit-Thriller.

Die Kriminalliteratur im Allgemeinen und der Polit-Thriller im Besonderen sind im besten Sinne des Wortes populäre
Literatur. Ob in trivialer Form (Land,Cussler) oder in literarisch anerkannter (LeCarré, Ambler, Greene) – im Gegensatz zur bürgerlichen Hochliteratur wird der Polit-Thriller in hohen Auflagen verbreitet und gelesen. Es ist eine demokratische Literatur, die quer durch alle Schichten rezipiert wird. Die Form ist für alle Ideologien offen, wird aber in ihren besten Werken eher progressiv genutzt. Das
heißt: Sie warnt vor (welt-)gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, enttarnt politische, wirtschaftliche Zusammenhänge und zeigt immer wieder eindrucksvoll, wohin unkontrollierter Egoismus von Machtträgern -ob von Organisationen oder Einzelpersonen- führt. Ambler nannte den Thriller mal die “letzte Zuflucht für Moralisten”.

Der Polit-Thriller kann sich mit jedem anderen Subgenre der Kriminalliteratur verbinden: sei es mit dem Privatdetektivroman, wenn er politische Korruptionsmechanismen beschreibt, mit dem Psycho-Thriller, der die Innenwelt von Machthabern auslotet oder sogar mit dem klassischenDetektivroman (“Call the Dead” von LeCarré), in dem die Frage nach dem Motiv des Täters politische Dimensionen haben
kann. Der Detektivroman, Privatdetektivroman, Psycho-Thriller, Polizeiroman usw. beschäftigt sich mit der Kriminalität des
Individuums in der Konkurrenzgesellschaft; der Spionageroman mit kriminellen Machenschaften zwischen konkurrierenden Systemen. Im Detektivroman wird der innenpolitische Kampf eines Systems geschildert, im Spionageroman der außenpolitische.

Wir leben in einer Zeit der bewusst wahrgenommenen Krisen. Polit-Thriller sind Krisenliteratur, Ausdruck und Reaktion auf reale Krisen. Das war er immer. Aber, wie sich zeigen wird,hat der Polit-Thriller mit den Mitteln der Fiktion oft die Realität mitbestimmt und beeinflusst, ja manchmal bewusst Realität manipuliert. Dem Einfallsreichtum der Autoren huldigen
die Geheimdienste bis heute, in dem sie sich von Spionageromanen anregen lassen, was sich dann wiederum in der
Fiktion spiegeln kann: In dem Film DIE DREI TAGE DES CONDOR, eine gelungene Verfilmung von James Gradys Klassiker SIX DAYS
OF A CONDOR, spielt Robert Redford einen CIA-Analytiker, der für den Geheimdienst Spionage- und Kriminalromane liest und in
einen teuflischen Komplott gerät. Bei keiner anderen Literaturgattung gibt es offensichtlich eine so intensive Wechselwirkung von Realität und Fiktion wie im Polit-Thriller.

In James Gradys Roman SIX DAYS OF THE CONDOR heißt es:
“Die Aufgabe des Departments 17 besteht darin, jeder Erwähnung von Spionage und verwandten Gebieten in der Literatur nachzugehen. Mit anderen Worten, das Department liest Spionagethriller und Kriminalromane. Die Grundideen und Handlungsabläufe tausender Kriminal- und Spionageromane sind in den Akten des Departments 17 sorgfältig aufgezeichnet und analysiert. Selbst so alte Autoren wie James Fenimore Cooper sind untersucht worden. Die meisten Bücher der Gesellschaft befinden sich im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia… Die Analytiker des Departments sind auf literarischem Gebiet ständig auf dem laufenden. Ihre Arbeit teilen sie untereinander durch gegenseitige Absprachen auf. Jeder Analytiker hat seine Fachgebiete, beziehungsweise seine speziellen Autoren. Als Ergänzung zu ihrer Arbeit, der Zusammenfassung von Handlungsabläufen und Methoden aller Bücher, erhalten die Analytiker täglich eine Reihe von besonders gereinigten Berichten aus Langley. Diese Berichte enthalten kurzgefaßte Beschreibungen von tatsächlichen Ereignissen, bei denen jedoch alle Namen fortgelassen sind und die genaue Einzelheiten auf das Nötigste beschränkt sind. Dichtung und Wahrheit werden verglichen, und wenn es größere Übereinstimmungen gibt, beginnt der Analytiker mit einer weiteren Untersuchung unter Zuhilfenahme eines detaillierten, aber immer noch gereinigten Berichts. Falls die Übereinstimmung immer noch deutlich feststellbar ist, werden die Informationen und die Berichte zur Überprüfung an eine höhere Abteilung des Departments weitergeleitet. Irgendwo wird dann die Entscheidung darüber gefällt, ob der Autor nur richtig geraten hat oder ob er mehr wusste, als er sollte. Im letzteren Fall hat der Autor entschieden Pech gehabt, denn dann wird ein Bericht an die Planungsabteilung geleitet, die irgendetwas unternimmt. Die Analytiker haben auch den Auftrag, Listen nützlicher Tips für Agenten zusammenzustellen. Diese Listen werden den Ausbildern der Planungsabteilung zur Verfügung gestellt, die ständig auf der Suche nach neuen Tricks sind.” 1)

In Thomas Powers Buch über den ehemaligen CIA-Chef Richard Helms heißt es: “Der erste CIA-Chef, Allen Dulles, hat Schriftsteller dieses Gewerbes sogar gefördert und manchmal sogar mit Material versorgt (zum Beispiel Helen McInnes), weil er glaubte, das werde das Verständnis der Öffentlichkeit für seine Behörde wecken, die ja ihre Erfolge nicht selbst bekannt geben durfte. Es gab jedoch einen Spionageroman, der Helms nicht gefiel. Das war Le Carrés DER SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM, ein bitteres zynisches Buch über Gewalt, Verrat und geistige Erschöpfung…LeCarré untergrub das moralische Fundament des Nachrichtendienstes und den Glauben dieser Männer an den Wert ihrer Arbeit…”2)

Es waren auch amerikanische Spionageromanautoren wie Grady, Charles McCarry, Wilson McCarthy, Brian Garfield usw. die die Öffentlichkeit sensibilisierten und die Diskussion über die CIA, ihre Verbrechen, Methoden und mögliche Kontrolle mit in Gang brachte. In keinem anderen literarischen Genre ist die gegenseitige Befruchtung von Realität und Fiktion stärker.
Kein anderes Genre spiegelt die politische, soziale, wirtschaftliche und psychische Großwetterlage ähnlich intensiv wieder. Die Verknüpfungen von Realität und Fiktion sind fast schon Strukturelemente des Genre. Beeindruckend ist auch die große Anzahl von Autoren, die aus erster Hand Erfahrungen mit der Spionage gemacht haben und zum Teil in hohen Positionen geheimdienstliche Aktivitäten mitbestimmten: Ted Allbeury, Kenneth Benton, John Buchan, A.E.W.Mason, Compton Mackenzie, William LeQueux, Somerset Maugham, Graham Greene, Dennis Wheatley, Ian Fleming, Sidney Horler, Sir John Masterman, John LeCarré, Bernard Newman, Geoffrey Household, William Haggard u.a.

————————————————————–

1) aus: James Grady: Die sechs Tage des Condor. Fischer Taschenbuch Nr.1669, Frankfurt/M., 1975; Seite 11ff.
2) aus Thomas Powers: CIA. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1980; Seite 98f.

FORTSETZUNG FOLGT IM MAGAZIN EVOLVER



NEWS: 007, JUBILÄUM und SKYFALL by Martin Compart
26. Oktober 2012, 7:14 vormittags
Filed under: Ian Fleming, James Bond | Schlagwörter: , ,

Neues und älteres zu JAMES BOND von mir findet man natürlich in diesem Blog und auf:

http://jungle-world.com/artikel/2012/43/46478.html

www.evolver.at/stories/James_Bond_online_2012/




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