Martin Compart


DER FLUG DES MALTESER FALKEN – zu DASHIELL HAMMETT 2/

dashiellbcr460[1] Kurz nach Ende des zweiten Krieges begann in den USA eine Hexenjagd auf Künstler und Intellektuelle, die in den Verdacht standen linker Ideologie nahezustehen oder mit dem ehemaligen Verbündeten Sowjetunion zu sympathisieren. „Der Krieg gegen den Faschismus in Europa hat den Faschismus in den USA stark gemacht, denn anschließend wurden Amerikaner von der Regierung verfolgt“, bemerkte Hammett. Ihren Höhepunkt fand diese Entwicklung in den Ausschüssen zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe des berüchtigten Senator McCarthy. Er ging außer gegen Schulen, Kirchen und Institutionen in erster Linie gegen Schriftsteller, Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren vor. Etwa 380 Personen mussten vor den Ausschüssen aussagen, sollten andere Personen als Kommunisten denunzieren und sich selbst belasten. Nur wenige behaupteten ihre moralische und politische Integrität. Darunter die so genannten Hollywood Ten, die lieber ins Gefängnis gingen als andere zu denunzieren, wie es zum Beispiel Walt Disney, Robert Taylor oder Elia Kazan taten. Auch Hammett mußte für sechs Monate ins Gefängnis, weil er sich geweigert hatte, andere Menschen zu denunzieren.

Die Gefängnisstrafe war noch nicht verkraftet, als man Hammett zum zweiten Mal vor den Untersuchungsausschuss lud. Hammett musste damit rechnen, wieder ins Gefängnis geworfen zu werden. Aber er knickte nicht ein, er blieb mutig und integer. Dieses Verhalten hat ihn neben seinem Werk zum Mythos werden lassen.
Senator Joseph McCarthy forderte Hammet auf, am 26.März 1953 vor dem ständigen Untersuchungsausschuss des Senats zu erscheinen. Als Rechtsberater des Untersuchungsauschss fungierte Roy Cohn, der Irvin Saypol im Fall Rosenberg assistiert hatte. Senator John McClellan gehörte dem Ausschuss ebenfalls an. Den Vorsitz führte Senator McCarthy. Legendär wurde folgendes Zitat:

MCCARTHY: Mr.Hammett, wenn Sie, wie wir es tun, über einhundert Millionen Dollar im Jahr für ein Informationsprogramm ausgäben, dass der Bekämpfung des Kommunismus dient, und wenn Sie für dieses Programm zur Bekämpfung des Kommunismus verantwortlich wären, würden Sie dann die Werke von etwa 75 kommunistischen Schriftstellern kaufen und ihre Bücher in der ganzen Welt verteilen und ihnen auch noch einen Stempel mit unserer offiziellen Anerkennung aufdrücken?
HAMMETT: Tja, ich denke – natürlich weiß ich es nicht – , falls ich den Kommunismus bekämpfen würde, würde ich den Leuten überhaupt keine Bücher geben.

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STAMMTISCHGEGRÖLE 3/
16. Juni 2009, 3:15
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„Philip Marlowe und mich interessiert nicht, wer der nächste Präsident wird. Denn wir wissen: Es wird ein Politiker sein.“
Raymond Chandler

Franz Müntefering im ZDF-Interview am 24.7.2005: „Es gab einen ganz alten Spruch in der Sozialdemokratie: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Das traut man sich heute gar nicht mehr zu sagen. Aber das war sozialdemokratisches Denken.“

Da Politiker offensichtlich nichts arbeiten wofür sie gewählt werden (nämlich für das Gemeinwohl), sollten wir ihnen auch nichts mehr zu essen geben und auf Diät setzen. Ökonomisch sinnvoller wäre es sicherlich sie verhungern zu lassen. Schon aus ästhetischen Gründen. Wer erträgt noch ihre hässlichen Visagen und dümmliche Worthülsen in den Medien? Welchen Sinn macht es, diese Parasiten durchzufüttern, die nichts anderes beherrschen als eigene Vorteilsnahme. Gleich mit verschrotten sollte man Manager wie Ackermann und Konsorten.
Die reichsten Deutschen sind die Brüder Karl und Theo Albrecht mit einem geschätzten Vermögen von 60 Milliarden (!) Euro. Und jeden Tag kommt etwas dazu, dass sie von denen bekommen, die mit wenig Geld auskommen müssen und ihr Essen beim Grossisten Aldi besorgen. Darunter viele Arbeitslose, die zu Münteferings Entsetzen die Frechheit besitzen, trotzdem zu essen.

Wenn die Politik die Wirtschaft weder kontrollieren noch bestimmen kann – wofür brauchen wir dann Politiker? Sie sind zu Heloten der Wirtschaft verkommen. Bestes Beispiel ist der ehemalige Kanzlerdarsteller Proll Gert Schröder, der aus irgendwelchen geheimnisvollen Gründen einen lukrativen Posten bei der russischen Gasprom bekleidet. Als Kanzler hatte er zusammen mit Coyotengesicht Clemens dafür gesorgt, das neue Armutsrekorde in der Bundesrepublik zur Alltäglichkeit geworden sind.

Es ist vielleicht typisch für Kreaturen wie Schröder und Clement, die von ganz unten kommen, jeden Job schlecht gemacht haben und nur durch das deutsche Parteiensystem prosperieren, ihren unterbewussten Hass auf die nivellierte Mittelstandsgesellschaft darin ausleben, gesellschaftlichen Konsens zu zerstören (erinnert sich noch jemand an Bodo Hombach, jetzt Chef der WAZ-Gruppe? Oder an den selbst für Proll Gert nicht mehr tragbaren Verteidigungsminister Scharping mit seinen Honoraren – 140.000 Euro von der Hunzinger AG? Dieser nicht gediente Verteidigungsminister bekam durch den SPD-Klüngel den Job wahrscheinlich nur deshalb, weil er als einziger im Kabinett Fahrradketten von Panzerketten unterscheiden konnte).

Bei den anderen Parteien sieht es nicht besser aus. Weltweit stehen wir eh ziemlich dämlich da, indem wir uns einen Hermaphroditen als Kanzler leisten. Für diese Volksvertreter (Euphemismus für organisierte Kriminalität) ist Politik lediglich der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt. Und der ist so klein geworden, das wir es uns aus volkswirtschaftlichen Gründen nicht leisten können diese Vampire weiter an unseren Halsschlagadern zu verköstigen. Angesichts ihrer Leistungen steht ihnen nicht mal Hartz IV zu.
Wenn sie nur „ein Stück weit“ ehrlich wären, würden sie den Wahlkampf führen wie der Sheriff bei Raymond Chandler: „Wählt Sheriff Lavers – er ist zu alt zum arbeiten.“ Alt müsste man nur durch FAUL, FEIGE und GIERIG ersetzen.

Bis dann,
MC



DER FLUG DES MALTESER FALKEN-zu DASHIELL HAMMETT 1/

VOR 79 JAHREN ERSCHIEN EINES DER EINFLUSSREICHSTEN BÜCHER DES 20.JAHRHUNDERTS

André Gide hielt ihn für einen ebenso guten Schriftsteller wie Balzac, Albert Camus verehrte ihn, und Wim Wenders verfilmte einen Roman, dessen Hauptperson er ist. Die Rede ist von Samuel Dashiell Hammett (1889-1961), einem der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er gilt als der Begründer der so genannten hard-boiled-novel, also des harten Kriminalromans, den er auf höchstes literarisches Niveau führte. Siebzig Jahre nach seiner Erstausgabe wird sein berühmtestes Buch DER MALTESER FALKE nach wie vor gelesen und hat nichts von seiner ursprünglichen Faszination verloren.

Die amerikanischen Pulp-Autoren um Hammett, deren berühmtestes Organ das BLACK MASK-Magazin war, griffen eine neue Sprache auf: Die Sprache der Straße, die Sprache der Verlierer, Arbeiter, Gangster und Geschäftemacher. In dieser Sprache stellten sie realistisch eine Welt dar, die brutal, unmenschlich und nicht mehr zu beherrschen war. Meist agieren in diesen Geschichten Detektivhelden, die versuchen Gerechtigkeit im Kleinen zu erkämpfen. Sie sind aber nicht einmal der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Bereits Hammett glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit im Mikrokosmos und wird zum Chronisten der Düsternis der Städte. Autoren wie Hemingway in A FAREWELL TO ARMS, 1929, Faulkner in SANCTUARY, 1931 oder John O’Hara in APPOINTMENT IN SAMARRA, 1934, griffen Sprache und Weltbild der hard-boiled-Autoren auf. Hammett beschrieb die Abkehr von allen zivilisatorischen Regeln, indem er seine Helden, die oft im Dienste des amoralischen Kapitals standen, zu Richtern, Geschworenen und Henkern gleichzeitig machte. Sein berühmter Nachfolger Raymond Chandler fiel in dieser Hinsicht hinter Hammett zurück, indem er romantisierte und einen staubigen Ritter die mean streets einer korrupten Zivilisation durchstreifen ließ. Ross Macdonald nannte den Chandlerschen Privatdetektiv den „klassen- und ruhelosen amerikanischen Demokraten

Spätestens nachdem sich Humphrey Bogart Trenchcoat und Hut übergezogen hatte, ist der abgebrühte, der hardboiled Privatdetektiv, ein popkultureller Mythos. In Tausenden Romanen, Comics, Fernsehserien und Filmen singt man seit Hammetts Tagen das hohe Lied vom ehrlichen Kleinstunternehmer, der sich nicht schmieren läßt und in einer korrupten Welt versucht, ehrlich zu bleiben.

Dashiell Hammet war selbst einmal Privatdetektiv bei der berühmten Pinkerton-Agentur gewesen. Diese Erfahrungen prägten nicht nur seine späteren literarischen Themen, sondern auch das politische Bewusstsein, dass den zweifachen Weltkriegsveteranen für sechs Monate ins Gefängnis brachte. „In meiner Zeit bei Pinkerton habe ich so etwas wie politisches Bewusstsein entwickelt. Pinkertons war gut darin, Streiks zu brechen und Gewerkschaften zu zerschlagen. Ich habe einfach Aufträge erledigt, und wenn unsere Klienten Menschenschinder waren, ging mich das nichts an. Sie heuerten uns an, um einen Streik zu brechen, also gingen wir hin und machten es. Wir hatten reichlich schmutzige Tricks auf Lager. Einmal ließ ich mich sogar ins Krankenhaus einliefern. Ich tat so, als wäre ich ein Gewerkschaftler und ein paar Pinkertondetektive hätten mich fertig gemacht. Ich machte das nur, um neben einem armen Kerl zu liegen, den wir als Radikalen verdächtigten. Der Bursche war schlimm dran. Furchtbar krank mit lauter Schmerzen. Und da lag ich neben ihm und versuchte alles mögliche aus ihm rauszuquetschen. Ich hielt mich für einen tollen Burschen. Das war oben in Montana, als die Industriearbeitergewerkschaft den Bergarbeiterstreik bei den Anaconda-Kupferminen organisierte. Frank Little war der große Gewerkschaftsorganisator und die Anaconda-Leute hassten ihn wie die Pest. Einer der Manager hatte von meiner Sache im Krankenhaus gehört. Niederträchtig wie er war, musste ihm das imponiert haben. Jedenfalls machte er ein Treffen mit mir aus und meinte, es gäbe für mich was zu verdienen. Er bot mir 5ooo Dollar an, wenn ich dafür Little umlegen würde. Ich war also jemand, von dem sie glaubten, dass er für ein paar Dollar einen Menschen umlegen würde. Ich war 23 Jahre alt und sah aus wie ein Killer. Ich sagte ihnen, ich sei nicht interessiert. Ein paar Tage später fand man Little tot an einer Eisenbahnbrücke hängen. Sie hatten eine Warnung an seine Unterwäsche geheftet. Manche sagten, sie hätten ihm die Eier abgeschnitten. Ich sagte mir: Du bist also einer, dem sie zutrauen, dass er solche Sachen macht. Ich ging weg von Pinkertons. Ich nahm meinen Tripper, den ich mir in der wilden Weite von Montana eingefangen hatte, und ging zur Armee, um mir noch eine schöne Tuberkulose zu holen. Über die Streiks hatte ich eine ganze Weile nachzudenken. Montana hat mich zum Kommunisten gemacht.“
Das hielt Hammett nicht davon ab, für die USA freiwillig in den ersten und zweiten Weltkrieg zu ziehen.



RAYMOND CHANDLER IN HOLLYWOOD /7
7. Juni 2009, 7:55
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Im Juli 1945 verpflichtete MGM Chandler, damit er seinen vierten Marlowe-Roman THE LADY IN THE LAKE zu einem Drehbuch umzuschrieb. Er bekam 1000 Dollar die Woche. Die Buchrechte hatte die MGM für 35 000 Dollar gekauft. Chandler war von dieser Arbeit so gelangweilt (wahrscheinlich trank er auch ganz ordentlich), dass er neue Szenen erfand, die nichts mit dem Buch zu tun hatten. Nach drei Monaten, in denen er gut verdient und wenig gearbeitet hatte, schmiss Ray den Job hin. Steve Fisher, der Autor des Noir-Klassikers I WAKE UP SCREAMING, beendete das Skript. Chandler verzichtete auf eine Namensnennung im Vorspann. Offiziell war er natürlich auch noch bei der Paramount unter Vertrag. Die war noch immer so begeistert von Ray, dass sie Swanson mitteilten, Chandler könne seine eigenen Filme produzieren, schreiben und Regie führen – wenn er nur zu ihnen zurückkäme. Ray beeindruckte das weniger als die einlaufenden Schecks. Im Januar 1946 reichte es dem Studio. Sie suspendierten ihn. Aber bereits im Mai desselben Jahres machten sie Chandler ein neues Angebot: Für 1500 Dollar die Woche solle er einen Roman seiner Wahl zum Drehbuch bearbeiten. Chandler nahm an und begann mit der Adaption des Kriminalromans THE INNOCENT MRS.DUFF von Elizabeth Sanxay Holding, die Chandler aus unverständlichen Gründen schon lange für eine tolle Autorin hielt und in Briefen gerne anpries. Aber schon bald langweilte er sich wieder bei der Arbeit. Der Film wurde nie gedreht und Paramount kostete die ganze Angelegenheit insgesamt 53 ooo Dollar, von denen Ray 18 ooo für 72 „Arbeitstage“ einstrich. Hollywoods masochistische Beziehung zu Chandler nahm kein Ende: Nach dem letzten Paramount-Deal traf sich der große Samuel Goldwyn höchstpersönlich mit Chandler, um ihn zu überreden künftig für MGM zu schreiben. Aber Chandler brauchte wohl eine Pause in seinem Hollywood-Spiel. Er hatte die Filmindustrie erstmal genug gemolken und kaufte sich sein berühmtes Haus in La Jolla, in der Nähe von San Diego. Im November 1945 veröffentlichte er dann auch noch seine Abrechnung mit Hollywood: Im ATLANTIC MONTHLY erschien sein bissiger Artikel HOLLYWOOD AND THE SCREENWRITER (SCHRIFTSTELLER IN HOLLYWOOD in CHANDLER ÜBER CHANDLER). Der Aufsatz wimmelte nur so von Gemeinheiten. Etwa: „Hollywoods Vorstellung von Produktionswert besteht darin, eine Million Dollar dafür aufzuwenden, um eine Geschichte aufzumöbeln, die jeder gute Schriftsteller fortwerfen würde.“ Der Artikel sorgte für Aufsehen und wurde in der Filmmetropole nicht sonderlich freudig aufgenommen. Der Drehbuchautor Charles Brackett sagte über den Essay: „Chandlers Bücher sind nicht gut genug und seine Filme nicht schlecht genug, um diesen Artikel zu rechtfertigen.“ Als Chandler von Bracketts Äußerung erfuhr, entgegnete er: „Wenn meine Bücher etwas schlechter gewesen wären, hätte mich Hollywood nicht geholt, und wenn sie etwas besser gewesen wären, wäre ich nicht gekommen.“

1946, das Jahr, in dem sich Chandler aus dem Hollywood-Geschäft zurückzog, war ausgerechnet das Jahr seines größten Erfolges: In diesem Jahr kam der Film in die Kinos, der für viele als der Chandler-Film schlechthin gilt, THE BIG SLEEP. Dieser Film, der ebenfalls den Hays-Code weiter aushöhlte, war in den USA ein Blockbuster. Zensurprobleme bekam er in anderen Ländern, nämlich in Irland, Schweden, Dänemark und Finnland. Der irische Zensor erteilte kein Freigabezertifikat mit der Begründung, „dies ist ein durch und durch unmoralischer Film“. Im Jahr darauf kamen Robert Montgomerys THE LADY IN THE LAKE und John Brahms THE BRASHER DOUBLOON (nach dem Roman THE HIGH WINDOW) in die Kinos. Chandler galt nach wie vor als „heißer Autor“, ließ sich aber zu keiner weiteren Arbeit für die Studios überreden. Er hatte genug Geld auf der Seite und von nun an verkauften sich seine Bücher in der englischsprachigen Welt ausgezeichnet, hinzu kamen auch Tantiemen aus vielen Übersetzungen (die der alte Meckerkopf gerne an Hand von Wörterbüchern überprüfte). Chandler lehnte ein Filmangebot einmal mit der Begründung ab, er habe inzwischen genug Geld, um davon den Rest seines Lebens existieren zu können.

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RAYMOND CHANDLER IN HOLLYWOOD /4
3. Juni 2009, 10:47
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1944 lief Billy Wilders James M.Cain-Verfilmung DOUBLE INDEMNITY an. Das gemeinsam erarbeitete Drehbuch wurde für den Oscar nominiert und über Nacht galt Chandler als einer der heißesten Autoren Hollywoods. DOUBLE INDEMNITY war ein Kassenhit und zeigte erstmals überzeugend, wie man die Zensurbestimmungen unterlaufen konnte.

Auch an den Romanen des Genies Chandler war man wieder interessiert. Eine werkgetreuere Verfilmung der Marlowe-Figur schien nun wünschenswert und erfolgversprechend. RKO erinnerte sich daran, daß sie den Roman FAREWELL MY LOVELY zwar bereits in einem B-Picture niedergemetzelt hatten, aber immer noch über die Rechte verfügten. Sie drehten eine zweite Adaption unter dem Titel MURDER, MY SWEET mit Dick Powell, der damit als erster Philip Marlowe-Figur auf der Leinwand verkörperte (die dritte Adaption erfolgte 1975 mit Robert Mitchum, gedreht von Dick Richards). Chandler hatte mit dem Film, der Powells Karriere neue Impulse gab, nichts zu tun und bekam auch keinen zusätzlichen Penny dafür. Aber der Film förderte den Absatz seiner Romane: Die Auflage der Pocket Book-Ausgaben stieg 1944 in den USA auf zwei Millionen verkaufte Taschenbücher! In England verkaufte Chandler von den Hardcover-Ausgaben seiner Bücher zeit seines Lebens mehr Exemplare als in den USA. Sein Ruhm in Hollywood erreichte 1945 den Höhepunkt. Obwohl sein Einfluß auf das US-Kino enorm war, sind es nur fünf Filme für die Chandler direkte credits bekam.
Nach der Arbeit an DOUBLE INDEMNITY unterschrieb Chandler bei der Paramount im Winter 1943 einen Anschlußvertrag: Er bekam 1250 Dollar die Woche und musste in einem Einzelbüro mit Sekretärin auf dem Studiogelände arbeiten. Mit dieser Sekretärin hatte Ray eine stürmischee und kurze Affäre, wenn man den vagen Behauptungen seiner Biographen Glauben schenkt. Die Verantwortlichen bei Paramount machten einen Fehler: Sie sahen Chandler nicht als Spezialist für Noir-Stoffe, sondern als „Dialog-Doktor“, der bereits in den Sand gesetzte Stoffe anderer Autoren aufpolieren sollte. Als erstes verpasste er dem dumpfen Alan Ladd-Vehikel AND NOW TOMORROW nach dem Roman von Rachel Field ein paar gute Dialoge, die dieses Melodram aber nicht retten konnten (erfolgreich war es trotzdem, weil Ladd damals ein Kassenmagnet war). Danach setzte man ihn an THE UNSEEN, einem melodramatischen Horrorfilm, dessen Drehbuch von Hagar Wilde und Ken Englund nach dem Roman von Ethel Lina White (die für den Hitchcock-Film THE LADY VANISHES, 1937, die Romanvorlage geliefert hatte) zu Dreiviertel fertiggestellt war. Es war der erste Film des jungen Produzenten John Houseman, der über ihn sagte: „Der einzige Grund, weshalb der Film gedreht wurde und in die Kinos kam, war der, das damals absolut jeder Film Profit machte“. Houseman, der ebenfalls eine britische Public School-Erziehung genossen hatte, wurde ein sehr enger Freund von Chandler. Dieser genoss inzwischen das tägliche Leben im Studio. In der Kantine hielt er regelrecht Hof und umgab sich mit Drehbuchautoren, die zu ihm aufschauten. „Am Tisch der Drehbuchautoren hörte ich einige der besten Witze, die ich je in meinem Leben gehört habe. Ich erinnere mich an Henry Tugends wunderbaren Witz über einen berühmten Filmstar. Er sagte: ‘Wissen Sie, das iost eine lausige Arbeit. Man muss sich hinsetzen und mit diesem Spatzenhirn ernsthaft darüber reden, ob diese Rolle für ihre Karriere gut ist oder nicht. Gleichzeitig muss man aufpassen, dass man nicht von ihr vergewaltigt wird.’ Worauf ein ziemlich unschuldiger Mann aufpiepste: ‘Wollen Sie damit sagen, dass sie eine Nymphomanin ist?’ Harry sah stirnrunzelnd in die Ferne und seufzte: ‘Vermutlich wäre sie das, wenn man sie etwas abkühlen könnte.’“

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RAYMOND CHANDLER IN HOLLYWOOD von Martin Compart, 1.Teil.

Raymond Chandler war ein einsamer Mann; aber Schreiben ist ein einsames Geschäft. Sein Einfluss auf die Massenmedien war und ist allerdings alles andere als isoliert. Er schuf mit dem Privatdetektiv Philip Marlowe eine der großen multimedialen Pop-Ikonen des 20.Jahrhunderts und ist als Autor für mehr literarische Epigonen verantwortlich als selbst Ernest Hemingway. Dashiell Hammett hatte vor ihm das Subgenre der private-eye-novel, des harten Privatdetektivromans, erfunden oder zumindest in seinen fünf Romanen entscheidend die Richtungen ausgeformt. Mickey Spillane hat mehr Bücher als Chandler und Hammett zusammen verkauft, aber es ist Chandler, der bis heute den meistkopierten Stil der Literatur des 20.Jahrhunderts entwickelte. Chandler war bereits über vierzig Jahre alt, als er diesen Stil herauszubilden begann. 1934 erschien in dem Pulp-Magazin BLACK MASK seine erste Story: BLACKMAILER’S DON’T SHOOT. In dieser noch wenig beeindruckenden Geschichte beschäftigte er sich bereits mit der Welt des Films; es geht um das Kidnapping eines Filmstars aus Werbegründen. Man kann also kaum behaupten, daß Chandler der Glitzerwelt naiv gegenüber stand, bevor ihn der Ruf als Drehbuchautor ereilte. Er war nicht der erste und sollte nicht der letzte hard-boiled-Autor sein, den Hollywood einfing.
black_mask[1] Die amerikanischen Pulp-Autoren, dessen berühmtestes Organ das BLACK MASK-Magazin war, griffen eine neue Sprache auf: Die Sprache der Straße, die Sprache der Verlierer, Arbeiter, Gangster und Geschäftemacher. In dieser Sprache stellten sie realistisch eine Welt dar, die brutal, unmenschlich und nicht mehr zu beherrschen war. Meist agieren in diesen Geschichten Detektivhelden, die versuchen Gerechtigkeit im Kleinen zu erkämpfen. Sie sind aber nicht einmal der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Bereits Dashiell Hammett, der herausragendste Vertreter der hard-boiled-school, glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit im Mikrokosmos und wird zum Chronisten der Düsternis der Städte. Autoren wie Hemingway (in A FAREWELL TO ARMS, 1929), Faulkner (in SANCTUARY, 1931) oder John O’Hara (in APPOINTMENT IN SAMARRA, 1934) griffen Sprache und Weltbild der Pulp-Autoren auf. Hammett beschrieb die Abkehr von allen zivilisatorischen Regeln, indem er seine Helden, die oft im Dienste des amoralischen Kapitals standen, zu Richtern, Geschworenen und Henkern gleichzeitig machte. Raymond Chandler fiel in dieser Hinsicht hinter Hammett zurück, indem er romantisierte und einen staubigen Ritter die mean streets einer korrupten Zivilisation durchstreifen ließ. Ross Macdonald nannte den Chandlerschen Privatdetektiv den „klassen- und ruhelosen amerikanischen Demokraten“
Spätestens nachdem sich Humprey Bogart Trenchcoat und Hut übergezogen hatte, ist der abgebrühte (hardboiled) Privatdetektiv ein popkultureller Mythos. In Tausenden Romanen und Filmen singt er das hohe Lied vom ehrlichen Kleinstunternehmer, der sich nicht schmieren läßt und in einer korrupten Welt für etwas mehr Gerechtigkeit sorgt. Diese Literatur sollte für Hollywood in den 40er Jahren ungeheuer wichtig sein. Denn nach den brutalen Gangsterfilmen der 30er Jahre hatte die katholische Zensurstelle, der so genannte Hays-Code, den Filmemachern soviele Beschränkungen auferlegt, dass sie kaum noch realistische Filme drehen konnten. Historiendramen und Musicals drohten Anfang der 40er Jahre das Publikum aus den Kinos zu vertreiben. Aber nicht nur diese harte, realistische Prosa war für die Stilentwicklung des film noir verantwortlich. Man musste sich auch wieder an frühe Formen der Filmsprache erinnern. An eine Filmsprache, die nicht amerikanisch war:

Nicht Hollywood sondern Deutschland war in den 20er Jahren der Mittelpunkt der Filmwelt. Die Deutschen waren die Meister des Lichts, der special effects und ungewöhnlicher Kamerastandpunkte. Die Filmemacher nutzten Techniken des experimentellen Theaters und des Expressionismus, um Spannung, Horror und das Gefühl totaler Verunsicherung auf die Leinwand zu bringen. Mit dem KABINETT DES DR.CALIGARI (1919) schufen sie das sowohl düsterste wie auch expressionistisch befremdlichste Werk der Epoche. Die Welt von Kafka durch die Kamera eines Expressionisten gesehen.

Gleichzeitig revolutionierte Sergei Eisenstein in Rußland die Filmkunst mit einer neuen Schnittechnik. Das expressionistische Licht des deutschen Films und Eisensteins Schnittechnik wurden die entscheidenden Elemente des späteren Film noirs, der in den 40er- und 50er Jahren in Hollywood als Schwarze Serie stilbildend wirkte. Es waren fast ausschließlich Emigranten wie Fritz Lang, Billy Wilder oder Robert Siodmak, die in den 40er Jahren die pessimistische Grundhaltung der Amerikaner auf die Kinoleinwand brachten. Literarische Vorlagen fand man eben in den Pulp-Magazinen und den Romanen der Noir-Autoren: Geschichten über Menschen, die in aussichtslose Fallen gerieten, gesellschaftliche Außenseiter ohne Hoffnung und die Ausgegrenzten, die nur noch Chancen im Verbrechen sahen. Diese handlungsbetonten Geschichten eigneten sich bestens für den Film. Der unerwartete Erfolg von John Hustons THE MALTESE FALCON (DER MALTESER FALKE, 1941) nach Hammetts Klassiker begründete das Interesse an Noir-Filmen, die auf den Werken der hard-boild-Schreiber basierten oder von ihnen direkt für die Leinwand geschrieben wurden. Deshalb karrte Hollywood ganze Zugladungen von ihnen heran. Die Crème der Noir-Autoren folgte dem Ruf des Zelluloids und verdingte sich mal besser, mal schlechter als Drehbuchautoren: Hammett, Chandler, James M.Cain, Horace McCoy, David Goodis, Frank Gruber, Jonathan Latiner, Peter Ruric, William Burnett, Eric Taylor, Dwight V.Babcock, John K.Butler, Steve Fisher, W.T.Ballard, Jim Thompson und viele mehr. Große Regisseure drehten nach Noir-Romanen Klassiker der Filmkunst. Darunter etwa Fritz Langs MINISTRY OF FEAR (MINISTERIUM DER ANGST, 1944) nach Graham Greene, William P.McGiverns BIG HEAT (HEISSES EISEN, 1953) oder Geoffrey Households ROGUE MALE als MANHUNT (MENSCHENJAGD, 1941). Billy Wilder drehte Cains DOUBLE INDEMNITY (FRAU OHNE GEWISSEN, 1944), Robert Siodmak Cornell Woolrichs PHANTOM LADY (ZEUGE GESUCHT, 1944), Orson Welles verfilmte Whit Mastersons TOUCH OF EVIL (IM ZEICHEN DES BÖSEN,1958) und Edward Dmytryk Don Tracys CRISS CROSS (GEWAGTES ALIBI, 1949) oder nach Chandlers FAREWELL, MY LOVELY mit MURDER MY SWEET den ersten Film mit der Figur Phil Marlowe. Dass man Noir-Filme auch in Farbe drehen kann, weiß man seit 1958, als Nicholas Ray mit PARTY GIRL (MÄDCHEN AUS DER UNTERWELT) den ersten „bunten“ Noir-Film vorlegte. Kein anderes Filmgenre hat soviele Klassiker hervorgebracht und keine Minute vergeht, in der nicht irgendwo auf der Welt im Fernsehen ein Noir-Film läuft.
< In diesen erschreckenden, gewalttätigen frühen Filmen (die manchmal aus Zensurgründen völlig unglaubwürdig das pessimistische Ende der literarischen Vorlage ins Positive umdrehten) wurde der Einsatz der subjektiven Kamera perfektioniert, um den Zuschauer noch intensiver in die Leinwand zu saugen. Chandler mäkelte einmal herum, dass diese subjektive Kamera in der Verfilmung von THE LADY IN THE LAKE ein alter Hut sei. Das war diese Technik damals natürlich nicht; sie wurde in diesem Film nur so penetrant eingesetzt, dass man den gesamten Film als gescheiterten, aber höchst interessanten Experimentalfilm ansehen muss. Wie in den Romanen hatte der Zuschauer keine Chance seinen eigenen Ängsten zu entkommen.
Die Noir-Filme waren eine Chance, langsam aber sicher die überholten Normen der Zensur des Hayes-Codes auszuhebeln, der inzwischen die Existenz Hollywoods gefährdete, da er dem neuen Lebensgefühl der Kinogänger nicht mehr entsprach. Depression und Krieg hatten das Bewusstsein der Menschen nachhaltig verändert. Erstes Genre-Opfer war der Western: Die naiven Vorkriegswestern voller makelloser Helden mit weißen Hüten waren lächerlich geworden angesichts der realen Schrecken des Krieges. Zynische Helden wie Bogart, die an keine patriotischen Floskeln mehr glaubten, verkörperten den Zeitgeist. Von den weiblichen Stars erwartete man nun eine stärkere, direktere sexuelle Ausstrahlung. Wenn Bogart mit Bacall rummachte und derb flirtete, wusste der Zuschauer, dass die beiden anschließend nicht zum gemeinsamen Blumenpflücken gehen würden. Diese harte, düstere und oft sexuell aufgeladene Stimmung schwang in der harten amerikanischen Kriminalliteratur mit. Selbst in den schlechtesten Pulp-Stories (und es gab eine Menge schlechte Geschichten) schwingt ein realistischeres Zeitgefühl mit als in den meisten Werken der damaligen Mainstream-Literatur. Vom klassischen Detektivroman britischer Prägung ganz zu schweigen.blaMas_L01[1]

Im Gegensatz zu anderen Literaten, die seit den 30er Jahren von Hollywood eingekauft wurden, hatte Chandler nie Berührungsängste mit dem Kino. Anders als viele Kollegen sah er den Film nie als per se minderwertiges Medium an. Wieso auch? Hatte er doch in den billigen Pulp-Magazinen gezeigt, dass man aus jedem Genre qualitativ Hochwertiges herausholen konnte. Seine Frau Cissy, eine gescheiterte Schauspielerin (und in jungen Jahren ein Opium rauchendes Nacktmodel), hatte aus ihm einen regelmäßigen Kinogänger gemacht, der seine analytische Brillanz auch auf die Filmkunst bezog. Gleich nachdem CITIZEN KANE herausgekommen war, erkannte Chandler die Bedeutung des Streifens für die Filmsprache und wurde umgehend zu einem Bewunderer von Orson Welles. Niemals stellte er aber auch in Abrede, dass die Filmindustrie in erster Linie ein Geschäft ist und die Verantwortlichen vor allem Geld verdienen wollen. Das bereitete ihm keine Kopfschmerzen, da es letztlich dieselbe Ausgangssituation war, die er als Autor akzeptiert hatte, als er für die billigen Hefte des Pulp-Marktes zu schreiben begann. Letztlich folgte er dem Ruf nach Hollywood auch deshalb, weil ihn zu diesem Zeitpunkt seine Einkünfte aus dem literarischen Schaffen kein sorgenfreies Leben garantierten. Die große Legende, dass Chandler ach so furchtbar unter Hollywood gelitten haben soll, ist quatsch – wie sich noch zeigen wird. Eine Legende, die immer mal wieder auftaucht (gespeist auch durch Chandlers bitterbösen Aufsatz über Hollywood im ATLANTIC MONTHLEY: SCHRIFTSTELLER IN HOLLYWOOD, 1945). Sein bisher letzter Biograph Tom Hiney hat in seinem Buch gründlich mit diesem Mißverständnis aufgeräumt. Wenn man Hiney extrem verstehen will, könnte man heute behaupten, dass eher Hollywood (zumindest einige wichtige Leute dort) unter Chandler gelitten hatten, der sich dafür rächte, dass man seinen unfähigen Agenten anfangs schwer übers Ohr gehauen hatte, was Chandler einen Haufen Geld gekostet hatte: 1941 verkaufte sein Agent Sydney Sanders die Rechte an dem Roman FAREWELL MY LOVELY für 2000 Dollar an RKO. Die machten daraus das B-Picture THE FALCON TAKES OVER in der Billigserie THE FALCON. „Ein Beispiel wohl noch nie dagewesener Dummheit seitens meines New Yorker Agenten“, sagte Ray später dazu.

Im selben Jahr kaufte die Twentieth-Century Fox für 3500 Dollar die Rechte an THE HIGH WINDOW, um daraus den Film TIME TO KILL für die Michael Shayne-Serie zu machen. 1947 drehte John Brahm danach THE BRASHER DOUBLOON. Üblicherweise zahlten die Studios damals bis zu 50 000 Dollar für Romanrechte. Kein Wunder, dass Ray seinen Agenten feuerte, nachdem er die geschäftlichen Gepflogenheiten Hollywoods kennengelernt hatte. Statt Sanders vertrat ihn später H.N.Swanson, ein hoch angesehener, mit allen Wassern gewaschener Hollywood-Agent, der auch F.Scott Fitzgerald, William Faulkner und später Elmore Leonard zu seinen Klienten zählte.

FORTSETZUNG FOLGT!



STAMMTISCHGEGRÖLE

DIE KRISE ALS CHANCE?
Ich muss das mal hier los werden. Denn das älteste Wort in der Literatur des Westens, das Wort, mit dem die ILIAS beginnt, heißt ZORN:
Was ich am Kapitalismus so hasse, ist diese Gleichmacherei: Ob in Wladiwostok oder auf Gibraltar – überall dieselben McDonald-Filialen, dieselben ekeligen Tütengerichte, dieselben H&M-Klamotten. Eine Fußgängerzone in Ostfriesland unterscheidet sich nicht von einer im Ruhrpott (Da ist sie nur etwas vergammelter). Der Kapitalismus rottet jede Individualität aus, Was sich ja auch in den Politikern ausdrückt: Zu 90% sind in jeder Partei dieselben hässlichen Karrieristen mit den toten Augen und der immer gleichen primitiven Rhetorik. Wenn sie sich nicht wie ein Ei dem anderen gleichen, dann sind sie meistens so hässlich, dass man sie schon aus ästhetischen Gründen entsorgen müsste (inhaltlich haben sie eh nichts anderes zu bieten als das überholte Geplapper ihrer wenig unterschiedlichen debilen Parteiprogramme). Mit den Visagen von Büttighöfer (das Mongölchen), Schäuble („Ich bin Rollstuhlfahrer, habe aber die Tour de France gewonnen. Dank der Pharma-Forschung), Claudia Roth (das halslose Monster),

Müntefehring (Mr.Ed), Peter Struck (Hein Blöd), Dirk Nebel (quadratisch, aber schlecht; zum Glück ein Fallschirmspringer wie Möllemann), Andrea Nahles (der hässlichste Klingone), Wolfgang Clement (der feige Köter), Helmut Kohl (der Blob), Westerwelle (erkennt man sogar im Darkroom an der Krokodilhaut), das Merkel, Gerhard Schröder (Proll Gerd) und…und… könnte man eine Geisterbahn bestücken oder einen Horrorfilm drehen, der Leatherface und Freddy Kruger vor Angst zittern ließe. In all diesen Gesichtern kann man dasselbe lesen: die hemmungslose Gier nach einem schönen Leben und Machtgeilheit. Was sie alle verbindet, ist ihre Bereitschaft aus Geldgier oder Dummheit (wahrscheinlich beides) und Helotentum zur Wirtschaft, das Gemeinwesen zu zerstören und die Bundesrepublik in den Abgrund zu drängen. Ausgerechnet diese Hirn entkernten stellen sich hin und begründen eine Diätenerhöhung damit, dass nur so „die klügsten und kompetentesten Leute dieses unseres Landes“ für die Parlamente zu gewinnen seien. Damit implizieren sie, dass nur geldgierige Schwätzer überhaupt als so genannte Volksvertreter taugen.

Für solch kluge Köpfe würde ich jede Diät erhöhen!

Dabei wären sie angesichts ihrer Leistungen schon mit dem Harz IV-Satz überbezahlt.


Der nächste Aussenminister? Ein wirklich polyglotter Typ!

Wenn Politik nur der Spielraum ist, den die Wirtschaft ihr lässt – wofür brauchen wir dann die politische Schieberklasse? Zum protektionierten Plündern? Man sollte sie teeren und federn, aus Deutschland hinaus werfen und in einem lecken Boot vor der somalischen Küste aussetzen. Das wäre die Chance in der Krise (keine Sorge: die ist noch gar nicht richtig angekommen),

Das Grunzen… das Grunzen! (würde Kurtz sagen)

Wieso habe ich keinen aus der Linkspartei namentlich erwähnt?
Weil ich, falls ich wähle, die Linke wählen werde. Nicht gerade aus Überzeugung. Auch nicht wegen des Arguments des „kleineren Übels“ (damit fuhr die SPD Jahrzehnte, bis sie den niedersächsischen Schiffsschaukelbremser zum Kanzler machte). Nein, weil sie das größte Provokationspotential hat. Noch ist Gysis Wild Bunch dazu in der Lage, den Hausbesetzern des Bundestages Angst zu machen. Andererseits verdient dieses Interessengemeinschaft, die sich mit der Party-Königin Wowereit eingelassen hat (und damit auch mit einer Menschen verachtenden Kreatur wie Ex-Senator Sarazin), wirklich meine Stimme? Schließlich ist sie ja das einzige, was ich als Wahlvieh zur Verfügung habe (denn der bewaffnete Kampf würde gegen das Gesetz verstoßen. Und die Vorstellung, das Gesetz zu brechen, würde mich zutiefst beunruhigen). Dieser Spießersozialismus der DDR hat mir nie wirklich zugesagt („Wir danken der Partei für ihre kluge Politik!“). Die oben genannten hätten da sicherlich auch Karriere gemacht, denn ihre Überzeugungen sind mit verblassender Tinte geschrieben. Aber hat ein Harz IV-Empfänger größere Reisefreiheit als ein DDR-Bürger? Und wieso bekommt jemand wie Mehdorn mehr Geld als alle die zusammen, die durch ihn arbeitslos geworden sind? Fragen über Fragen und man weiß so wenig.


Die Demokratie ist ein Stück weit sicherer.

Aber jetzt reicht es auch, Dampf abgelassen. Jetzt sehe ich mir erst mal an, wie meine Freiheit am Hindukusch verteidigt wird. Vielleicht zeigt man auch das Großmaul Hein Blöd in einer Rückblende. Und über den kann ich immer lachen; der ist fast so gut wie Johann König!

Bis dann,
MC

P.S.: Jürgen Roth gehört mit Egmont R.Koch und wenigen anderen zu den investigativen deutschen Journalisten, die seit Jahren Aufklärung betreiben über Geheimdienste und Organisierte Kriminalität. Also kein Wunder, dass Roth hier die Aufmerksamkeit von Proll-Gerd erregte. Übrigens vertrat der Hamburger Anwalt des Altkanzlers mit den ungefärbten Haaren auch die albanische Mafia (dank der Nato ist das Kosovo heute ein richtiger Mafiastaat… Gebt nur bei Google Gerhard Schröder+Mafianwalt ein… Aber das ist eine andere Geschichte). Beide dürfen auch gelegentlich zu nachtschlafener Zeit in den öffentlich-rechtlichen Sendern mal eine Reportage zum Thema senden (natürlich NICHT über den DEUTSCHLAND CLAN, da sei jeder parteizugehöriger Rundfunkrat vor).

P.P.S.: Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass die wirtschaftliche (weil auf Steuergeldern beruhend) Existenz von Gerhard Schröder (Ex-Kanzlerdarsteller), Joschka Fischer (Angriffskriegsbefürworter), Rudolf Scharping (dito) , Bodo Hombach und Wolfgang Clement zerstört gehört.



EASTENDBALLADE: DIE KRAYS – 2.Teil
13. März 2009, 8:33
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Die Zimmer im New Barbican Hotel sind etwas kleiner als Mick Jaggers Schuhschrank. Was ein relativ modernes Hotel mitten in Finsbury zu suchen hat, versteht keiner. Bis auf einige Bürogebäude, verdreckte und düstere Straßen ist hier, nahe der Grenze zu Shoreditch, nichts. Der Nordosten Londons hinter Old Street ist weder richtig Eastend, noch Westend. Stattdessen, von beidem das langweiligste. Ein paar hundert Meter weiter, in der festungsartigen Anlage Braithwaite House, wurden die Zwillinge um 6.oo Uhr früh am 9.Mai 1968 von Inspector „Nipper“ Read endgültig hochgenommen. Seitdem atmen sie gesiebt. Zwei Pubs, ein Fish & Ships-Laden und kaum Straßenbeleuchtung machen das Nachtleben zum Erlebnis. Es ist das östlichste Hotel, das ein deutsches Reisebüro buchen kann. Das Beste am ganzen Laden ist das exzellente Frühstück. Vielleicht denkt man das auch nur, weil man nach dem halbstündigen Platzanstehen so ausgehungert ist. Ich bin gerade dran, als ich zur Rezeption gerufen werde. Rita, Reggie Krays Kusine, ist am Telefon. „Ich hole dich in einer Stunde ab. Wir fahren zu Reg.“ Zeit genug, um noch mal anzustehen.
Rita ist eine gutaussehende Blondine, ein bisschen wie Billie Whitelaw in früheren Jahren. Sie kennt Reggie solange sie denken kann und ist inzwischen seine Vertraute. Eine zentrale Figur im Krays-Clan, zu dem neben vielen Freunden auch ein inoffiziell adoptierter Sohn gehört. Die hübsche Frau hat die Härte, aber auch den Charme des Eastends. Mindestens alle 14 Tage besucht sie Reg oder Ronnie und kümmert sich um vieles, was nur von außerhalb des Gefängnisses zu regeln ist. Ihre einzige Bedingung: die Krays müssen sie aus jeder Pressegeschichte raushalten. Sie organisierte meinen Besuch. Ich hatte lediglich Vornamen und eine Telefonnummer. Ich konnte einen Tag im Hotelzimmer rumsitzen – was in London einer verschärften Haftstrafe nahe kommt – und auf den Rückruf warten. Alles hatte etwas von einem konspirativen Treff. Kein Zweifel, die Krays haben ihr Gefühl für Dramatik bewahrt. Bevor unser Zug nach Brighton geht, trinken wir einen Kaffee in Victoria Station. Es ist eine wirkliche Schande, wie sie die alten Traditionsbahnhöfe zu einer Mischung aus Hallenbad und MacDonalds-Filialen restauriert haben. Sonntags braucht der Zug länger. Wir unterhalten uns über Reggies eventuelle Begnadigung. „Als sie ihn vor zwei Jahren nach Lewes verlegt haben, war das ein gutes Zeichen. Lewes ist eines der angenehmeren Gefängnisse in England. Sie haben Reggie gesagt, er solle keine Wellen machen und sich ruhig verhalten. Aber Reggie lässt sich ja nichts sagen. Erst kam der Film, dann sein neues Buch und jetzt auch noch die Schallplatte, auf der Reggie feixend Geschichten aus der wilden Zeit erzählt. Die Krays sind wieder in aller Munde. Nichts, was sich für eine vorzeitige Freilassung auszahlt.“ Rita traut mir noch nicht richtig über den Weg. „Reggie ist so leicht von Leuten auszunutzen.“ Klar, dass beweist seine ganze Biographie. Zwei arme, kleine Eastendzwillinge, die im Schneesturm ihr letztes Hemd an Onkel Dagobert verschenken. Umsteigen in Brighton. Noch mal eine ätzende halbe Stunde. Der Bahnhof von Lewes liegt am Fuße eines Hügels, um den das Zentrum des Ortes gruppiert ist. Eines dieser netten, kleinen Provinzstädtchen mit einem Charme, wie ihn nur englische Provinzstädtchen haben. Und wie alles in England an einem Sonntag: tot. Die Krone des Hügels ist eine alte Festung, der Hauptwohnsitz von Reginald Kray. „Die schlimmste Zeit waren die 16 Jahre in Gartree und auf Isle of Whight. Sie haben versucht, ihn zu brechen. Das war das dümmste, was sie tun konnten. Sie gaben ihm etwas, gegen das er kämpfen konnte. Dabei hätten sie ihn leicht fertig machen können: mit Freundlichkeit“, sagt Rita. Ein gutes Wort, und schon schmelzen sie dahin, die schlimmen Zwillinge. Die Seitentür im schweren Holztor ist noch geschlossen. Einige junge Frauen warten darauf, ihre Burschen zu besuchen. Besuchszeit ist von 13.oo Uhr bis 15.15 Uhr. Jetzt ist es gleich zehn nach Eins. Endlose Minuten, wie sie nur Gefangene und Flüchtlinge kennen. Zu Reggies prominenteren Besuchern, die gelegentlich vorbeischauen, gehören Patty Kensit, Roger Daltrey, Diana Dors, Rick Wakeman, Cliff Richard und Debbie Harry. Morgen ist Daltreys Manager angesagt. Daltrey will schon einige Zeit einen Kray-Film drehen und besonders erfreulich war Peter Medaks Machwerk wirklich nicht. Reggie hat ihn sich nichtmal angesehen. Alter Mist von Gestern interessiert ihn nicht. „Ein Wahnsinn. Manche sitzen nur fünf Monate hier. Reggie sagt ihnen, dass sie sich gar nicht erst hinzusetzen brauchen.“ Joe kommt. Joe war bei der BBC, hat Kinderfilme gemacht und arbeitet jetzt für die Pinewood Studios. Kein deutscher Fernsehsender würde es zulassen, dass Joe seine sensiblen Hallen betritt. Joe ist wie aus dem Ei gepellt, und golden glitzert es von Ringen und Kettchen. Er ist um die fünfzig und wirkt wie ein gepflegter Rausschmeißer. Unter seinem Maßanzug spielen harte Muskeln. Kein Knabe, dem man ungestraft das Bier verschüttet. Der richtige Mann für Kinderfilme. Der macht den lieben Kleinen schon klar, wie es im Leben läuft. Joe macht Konversation mit mir. Er kennt Hamburg und München, fragt mich nach seinen deutschen Kumpels. Ausnahmslos Puff- und Bumsbesitzer von der Reeperbahn und Spielhöllenchefs aus München. Als ich Joe mitteile, dass ich bedauerlicherweise keinen seiner Halbweltfreunde kenne, scheint er nicht sicher, ob ich wirklich aus Deutschland komme (inzwischen sitzt Joe auch im Knast. Nachdem Scotland Yard seine Filmproduktion unter die Lupe genommen hat, musste sie feststellen, dass Joe den Hauptumsatz nicht mit Käptn Blaubär macht, sondern mit weißen Pulver. Eine Zeitlang war Joe der Käptn Koks der Londoner Szene). Die magische Tür öffnet sich und wir gehen durch die laxen Sicherheitskontrollen. Schließlich eine Treppe hoch zum Aufenthaltsraum. Ein paar grobe Tische, Stühle und ein Getränke- und Snacktresen. Ich erkenne Reggie sofort. Er sieht viel jünger aus als auf den letzten Fotos von der Beerdigung seiner Mutter 1984. Kaum grau in den dunklen Haaren. Die Falten in dem jungenhaften Gesicht drücken mehr über seine Umgebung in den letzten 21 Jahren aus, als über sein Alter. Tiefe Lachfalten um Augen und Mund. Hält er das alles inzwischen für einen Betriebsausflug? Sicher nicht. Er ist wahrlich durch die Hölle gegangen und – trotz eines Selbstmordversuchs Anfang der 80er – irgendwie unbeschädigt geblieben. Ich brauch mir nichts vorzumachen: Das ist der härteste Knochen, der mir je genüber stand. Er lacht, winkt und umarmt Rita und Joe. Der Charme, dem sich auch sein kritischer Biograph John Pearson nicht entziehen konnte, funktioniert noch. Der fitteste Mann, den ich je gesehen habe. Seit 1969 trimmt er sich jeden Tag mehrere Stunden. Hat bis vor ein paar Jahren regelmäßig Knastmeisterschaften im Gewichtheben und anderes gewonnen. Außerdem gab er das Rauchen auf. Einer, der an die Zukunft denkt. Seine Bewegungen sind blitzschnell und völlig beherrscht. Der Junge würde Joe umhauen, bevor der überhaupt weiß was los ist. Und Joe weiß das. In einem seiner Bücher hat er geschrieben, dass er sich an elf Kiefer erinnert, die er gebrochen hat. Seine Spezialität war der „Cigarette punch“. Mit der Schnelligkeit und Präzision des Berufsboxers schlug er auf die Kinnlade seines Gegenübers, wenn der sich gerade die angebotene Zigarette in den geöffneten Mund steckte. Englands größte lebende Legende neben den Rolling Stones. Die sind allerdings inzwischen so gefährlich wie Perry Como. Bei Reggie bin ich mir da nicht so sicher. Er umarmt mich wie einen alten Freund. Unser wöchentlicher Briefwechsel hat uns irgendwie zu Vertrauten gemacht. Wir setzen uns, und Reggie öffnet seine Aktenmappe. Lets talk business. Vorschläge für Fernsehdokumentationen, Vertriebsprobleme mit der Schallplatte, sein neues Buch mit den schönen Titel FAMOUS VILLAINS WE HAVE KNOWN ist fast fertig. Joe muss ein paar Sachen erklären, Rita nimmt Anweisungen entgegen, holt Kaffee und Snacks, die liegen bleiben werden. Wir Kerle hier sind einfach zu hart, um in einen Schokoladenriegel zu beißen. Das hätte sie wissen müssen! Er verteilt Zettel, auf die er für jeden in seiner unmöglichen Handschrift genau fixiert hat, was sie in nächster Zeit zu erledigen haben. Als ich seinen ersten Brief erhielt, wusste ich nicht mal wie rum ich ihn halten soll. Rita holt wieder Kaffee. Am Nebentisch steht eine junge Frau auf und flüstert etwas in Reggies Ohr. Er nickt und grinst. Sie bringt ihm einen Pappbecher. Fuselgestank steigt auf. Wenn eine Braut ihrem Freund Alkohol in den Knast schmuggelt, trinkt Mr.Kray selbstverständlich mit. Er ist der Guru, der ihnen klarmacht, dass sie ihre kleinkriminelle Laufbahn schleunigst aufgeben und lieber mit dem Computer umgehen lernen sollen. Er ist nicht mehr an Verbrechen interessiert. Er hat im Knast seinen Horizont erweitert und mit Büchern, Filmen, T-Shirts und dem ganzen Kray-Merchandising viel Geld verdient. „Selbst wenn ich wollte, ich hätte heute draußen keine Chance mehr, ein Racketeering aufzuziehen. Heute ist alles viel härter, und ich bin 57 Jahre alt. Die Welt ist anders als 1969.“ Den Straßenschläger möchte ich erst noch sehen, der Reggie Kray von den Füßen holt. Nein, Reggie steht jetzt auf andere Sachen. „Wenn ich rauskomme, mache ich erstmal einen langen Urlaub um wieder richtig fit zu werden.“ Vielleicht will er einen Kontinent umgraben. „Und dann mache ich ein keep-fit-Video für über Sechzigjährige.“ Ich sehe meine völlig verfetteten Onkel im Trainingsanzug vor der Sportschau sitzen. „Zusammen mit Jane Fonda.“ Großes Gelächter. Zärtlich nimmt er Rita am Arm. „Come closer, dear. Feel comfortable.“ Reggie hat es gern, wenn sich die Leute wohl fühlen. Das hat ihm schon in den Klubs Freude gemacht. Mit einem Glas in der Hand herumzuwandern und sehen, dass alle ihren Spaß haben. Und wer stört, bekommt was auf die Birne. „Du kannst es dir nicht vorstellen. Du hattest damals nur drei Wahlmöglichkeiten im Eastend: Berufsboxen, Berufsverbrechen oder in die Fabrik gehen. Kein intelligenter Junge träumt davon, in die Fabrik zu gehen, oder? Eher hätten wir uns die Kugel gegeben.“ Joe hat seine Anweisungen bekommen, Reggie entlässt ihn. Immer noch der Boss und Joe steht auf und verabschiedet sich artig. Reggie kriegt Unmengen Post, meist von Unbekannten, darunter schlimmste Psychos. Reggie reicht mir einen Brief, den er gerade erhalten hat. Er ist von zwei britischen Soldaten vom Golf. Sie wünschen ihm alles Gute und loben sein Buch BORN FIGHTER. Er hätte recht mit seiner Aussage, dass nichts auf der Welt rechtfertigt, dass zwei Länder ihre jungen Männer in einen Krieg zum gegenseitigen Abschlachten aufeinander hetzen. Reggie diktiert Rita, zehn Bücher an die Soldaten im Golf zu schicken.“ Frag alles, was du fragen willst.“ In den Büchern wurde immer deutlich, dass Ronnie der düstere Antreiber von Reggie war. So wie Günter Mittag als böser Geist von Erich Honecker galt. Etwas, gegen das sich Reggie immer wandte. „Ronnie war geradeaus. Er ging die Sachen direkt an, egal was. Auch seinen Mord. Der Unterschied zwischen ihm und mir ist: ich liebe die Intrige. Jede Sekunde, von der Planung bis zur Ausführung.“ Kann er sich noch an den Moment erinnern, als er Jack the Hat das Messer ins Gesicht stach? „Es steht ganz klar vor mir. Als wäre es gerade geschehen.“ Ich verkneife mir das voyeuristische Klischee à la was-fühlt-man-dabei. „In den Büchern wurde Jack the Hat immer runtergespielt. Man stellte ihn hin, als wäre er ein harmloser Drogentrottel gewesen. Er hat seine Freundin aus dem fahrenden Auto geworfen, und sie blieb gelähmt. Er war mit einer Schrotflinte hinter mir her. Das Miststück war verdammt gefährlich, völlig unberechenbar. Es ging um ihn oder mich. Hätte ich ihn nicht kalt gemacht, hätte er mich erwischt.“ Rita bestätigt ihn: das Eastend zitterte vor dem durchgedrehten Glatzkopf. Rita meint, im Film wäre der Schauspieler von Jack als Einziger der realen Figur nahe gekommen. Bis heute ist seine Leiche nicht gefunden. Wann war der entscheidende Punkt, an dem alles aus dem Ruder lief? „Ich glaube, so um 1964. Da hätten wir innehalten sollen und alles überdenken. Statt sorglos einfach immer weiter zu machen, hätten wir einen Schritt zurückgehen müssen. Wir haben den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Damals hätten wir noch legale Geschäftsleute werden können.“ Der Tod seiner Frau Frances, 1967? Danach schien er mehr zu saufen und Ronnies wilden Aktionen blind zu folgen. Er selber wurde unberechenbar. „Nach Frances Tod interessierten mich die Dinge nicht mehr so sehr. Alles war nicht mehr so wichtig. Aber immerhin habe ich noch dafür gesorgt, dass wir zurück ins Eastend gingen und uns nicht mehr auf das Westend konzentrierten.“ Was denkt er über die Verräter heute? Alles Leute, die es sich in der „Firma“ der Krays jahrelang gut gehen ließen. „Ich denke nicht oft an Scotch Jack Dickson, Ronnie Hart oder Les Payne. Die denken wohl öfter an mich. Die haben mich für immer. Sie sitzen auch im Gefängnis. Ihr Kopf ist ihr Gefängnis. Natürlich tat es weh, dass gerade unser Cousin Ronnie Hart den Kronzeugen machte. Nach einem Selbstmordversuch lebt er jetzt mit neuer Identität in Australien. Aber er hat immer noch dasselbe Gehirn, denselben Kopf. Typisch für ihn, dass sein Selbstmord nicht geklappt hat. Er kann so weit weglaufen, wie er will. Sein Verrat wird ihn immer begleiten.“ Und Nipper Read, der Mann, der sie in den Knast brachte? „Ich hab keinen Kontakt zu ihm. Warum auch? Dieser Teil meines Lebens ist vorbei. Der Mann machte seinen Job. Und er machte ihn gut. Ich glaube, er ist inzwischen pensioniert. Weiß nicht mal, ob er noch lebt.“ Warum ging es schließlich schief? Sorglosigkeit, Überheblichkeit, Größenwahn, zu große Brutalität? „Von allem etwas. Es war meine Schuld. Ich war wie der Kapitän auf der Brücke. Ich trage die Verantwortung. Ich beklage mich nicht über mein Urteil. Das habe ich nie getan. Ich war der Kapitän, und das Schiff ist abgesoffen. Die anderen sind als Zeugen gegen uns – nicht alle – in die Rettungsboote gegangen. Ich hasse sie nicht dafür.“ Ich habe keine Lust mehr, ein Interview abzuziehen. Wir unterhalten uns über das Eastend und seine besondere Schönheit, seine unvergleichliche Atmosphäre. Reggie hat ein Buch über den Eastendslang geschrieben. Als er Ronnie erzählte, er habe ein Exemplar an Ronald Reagen geschickt, fragte Ronnie: „Und wie hat’s ihm gefallen?“ „Ronnie kann sehr komisch sein und merkt es nichtmal.“ Ab drei sieht Reggie immer wieder auf seine goldene Armbanduhr. Schließlich zieht er eine gestreifte Jacke über. „Sie wollen, dass wir das hier tragen. Aber meine Besucher fühlen sich unwohl, wenn ich die Streifenjacke anhabe.“ Wir umarmen uns zum Abschied. „Du kommst wieder.“ Keine Frage. Ich gehe hinter Rita zum Ausgang. Ich drehe mich noch mal um. Reggie steht da, lacht und winkt. Plötzlich fühle ich mich beschissen. Mir geht auf, dass er seit 1969 im Gefängnis ist. Länger, als jeder Mörder oder Kinderschänder – von korrupten EU-Kommissaren ganz zu schweigen. Ich grinse schief zurück. Warum können wir nicht woanders hingehen und ein paar Biere schlucken? Ich fühle mich wohl in seiner Gesellschaft und möchte mit ihm durch die Eastend-Pubs ziehen. Ich bin durch die Tür. Etwas benommen. Auch ‘ne Art jet-lack.

Die Commercial Street macht ihren Namen alle Ehre.
Sie führt Mitten ins Gewühl von Whitechapel und ist eine der großen Lebensadern des Eastend. Ein altes Manufakturgebäude hinter dem anderen. Hier schlägt das Herz der englischen Bekleidungsindustrie, heute fest in der Hand von Indern, Pakistani und einigen schwerreichen britischen Moguln. An einer Bushaltestelle balanciert eine Farbige eine Waschmitteltrommel freihändig auf dem Kopf. Die alten vier- bis sechsgeschossigen Häuser mit ihren ungepflegten Fassaden beherbergen Hunderte von Textilfirmen. Dazwischen mal ein ungehöriger Neubau, auch verlassene Fabrikgebäude mit eingeschlagenen Fenstern. An den mit Paketen und Papp-Containern voll gestopften Bürgersteigen werden riesige LKWs be- und entladen. Die Straße ist ein einziges Textillager. Hunderte Ausgänge führen auf unübersichtliche Hinterhöfe und in kleine dunkle Gassen. Die Gegend ist nicht kontrollierbar. Ein Alptraum für jede deutsche Behörde, deren Beamte man hier ihre Strafzeit nehmen lassen sollte. Für Krimiautoren der harten Schule so etwas wie Disneyland. Ein düsteres Labyrinth, in dem der hässliche Kapitalist der Minotaurus ist. Rechts war die schmale, wenig einladende Duval Street, die leider einem Gebäudekomplex weichen musste. Früher hieß sie Dorset Street, und Detektivsergeant Leeson schrieb 1934 in seinen Memoiren LOST LONDON: „Es bleibt offen, ob die Dorset Street oder der Ratcliffe Highway die Ehre für sich in Anspruch nehmen konnte, die schlimmste Verbrecherstraße Londons zu sein. So mancher Konstabler, der einen fliehenden Verbrecher verfolgte, gab die Jagd auf, wenn sich der Missetäter in den Schutz der Dorset Street begab.“

In der schmalen Passage Miller’s Court,kurz bevor die Duval Street in die Crispin Street mündete, metzelte Jack the Ripper Mary Jane Kelly nieder. Die alte Kneipe Ten Bells steht noch an der Commercial Street. Hier nahm die arme Mary Kelly ihren letzten Gin, bevor sie dem Ripper begegnete. Die Gegend von Commercial Road bis Brick Lane im Osten und Whitechapel Road im Süden heißt Spitalfields. Noch bis zur Jahrhundertwende der schlimmste Slum der Welt, Ort furchtbarster Armut und schrecklichster Verbrechen. Als Charles Booth 1889 seine berühmte Armutskarte von London entwarf, zeichnete er Spitalfields schwarz, um es als „sehr arm, unterste Schicht, lasterhaft, halbverbrecherisch“ zu bezeichnen. Wenn man heute die Gegend nachts durchwandert, scheint man immer noch, kaum überdeckt, den Geruch von Armut und üblen Lastern zu riechen. Als wäre Spitalfields wirklich ein verfluchter Ort. Tagsüber ist das etwas anderes. Eher, als würde man in der Kulisse eines Gangsterfilms herumwandern. Das eifrige Treiben der Textilfirmen beim Beladen der Laster hat irgendwas Illegales. Wie das Schnapsverschieben während der Prohibition.
Hergestellt werden sowohl teure Modefähnchen für die Boutiquen Europas, wie billigste No-Name- Produkte, zusammengeschustert von kleinen Firmen, die Tausende von Asiaten in schmutzigen Löchern für kargen Lohn schuften lassen. Der Einstieg ins Krays-County.
Die Winthop Street liegt hinter der Whitechapel Road. Unvorstellbar. Hier lebt niemand. Die einzige Bewegung geht von einem Bagger aus, der einen Schrottplatz umpflügt. Selbst Hausbesetzer machen einen großen Bogen um diese Ecke. Hier gibt es genug Abrissarbeiten für die nächste Generation. Früher hieß diese Gasse Buck’s Row und war eine der gemeinsten Hinterstraßen von Whitechapel. In ihr lag das berüchtigte Barbers Pferdeschlachthaus, und am 31.August 1888 fand man hier die Leiche von Mary Ann Nichols, Jack the Rippers erstes Opfer.

Zwischen Bethnal Green Road und Whitechapel Road breitet sich das ganze Spektrum des östlichen Londons aus: heruntergekommene Straßen neben gerade frisch renovierten. Und gegenüber von düsteren, in die Bahndämme gegrabenen Autowerkstätten hat ein völlig durchgeknallter Architekt eine Zeile mit modernen Einfamilienhäusern hingesetzt, die in deutschen Vororten normalerweise unweit von Einkaufszentren zu finden sind. In der nicht ganz so düsteren Cheshire Street, über die noch Pferdewagen jagen, entsteht ein riesiger, moderner Bürobau. Nichts passt hier zusammen und alles zusammen ist ein harmonisches Ganzes. In einem der Häuser hat George Cornell 1962 angeblich den Gangster Ginger Marks erschossen. Jedenfalls hat er das mal Ronnie erzählt, und Ginger Marks wurde auch nie wieder gesehen. Man steht davor und kann nicht einmal das Dezennium erkennen, in dem diese Straßen entstanden. Kein Problem, hier einen Film über Jahrhundertwende oder einen Gangsterfilm aus den 3oer- oder 50er Jahren zu drehen.
Kurz vor der Ecke zur Tapp-Streit hat man den Randstreifen mit Parkuhren bestückt. Vielleicht wurden sie vom Jugendamt als Trainingsgerät für die Streetfighter aufgestellt. Bevor es ans Renovieren geht, hat man jedenfalls schon mal die künftigen Parkplätze geregelt. Wie sagte mir Gavin Lyall? „Überall nur Stückwerk. Da wird ein bisschen was gebaut und dort ein bisschen was renoviert. Aber es gibt keinen umfassenden Sanierungsplan.“ Gut so, mir gefällts. Wenn jemals deutsche Stadtplaner aufs Eastend losgelassen werden, sollten die Londoner gleich hinter Moorgate Pallisaden errichten. Endlich bin ich in der Tapp Street. Der legendäre Lion-Pub steht noch. Unverändert, direkt vor einer Bahnunterführung. Das war einer der großen Treffpunkte der Firma. In ihm verkehrten die Zwillinge seit frühester Jugend hingegangen. Am 9.März 1966 fuhr Ronnie in Begleitung der beiden Schotten Ian Barrie und John Dickson kurz nach acht von hier aus zum Blind Beggar, erschoss George Cornell und kam zurück, um zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen. Reggie hatte mit ein paar anderen Firmenmitgliedern gesoffen, ohne zu ahnen, was Brüderchen eben erledigen ging. Der Lion ist noch immer ein typischer Pub für die Anwohner. Ein kleiner Laden, der sich in den letzten Jahrzehnten nicht sehr verändert haben dürfte. An den Wänden Tapeten mit schwarzen Palmenblättern auf gelben Hintergrund. Ein altersschwacher Schäferhund sieht voller Milde und Weisheit den Stammgästen zu. Der Tresen scheint neu, irgendein Hartplastik das an Marmor erinnern soll. Ungewöhnlich, aber nicht störend. Genau die richtige Höhe. Was für Profis – nicht irgendwelcher neumodischer Firlefanz. Der alte Wirt gibt mir mein Ruddles Best Bitter und kümmert sich um die beiden Stammgäste an der rechten Seite des hufeisenförmigen Schanktisches. An der linken Seite streitet sich ein Inder mit seiner englischen Freundin und gießt Gin Tonic in sich rein. Reggies Lieblingsgetränk. Typischer 6oer Drink. Darf man heute eigentlich nur noch auf Borneo trinken, an einem wirklich schwülen Sommerabend. Oder wenn man als Inder krach mit seiner englischen Freundin hat. Furchtbares Gesöff, sollte aus ästhetischen Gründen längst verboten sein. Dazu jault Johnny Cash ununterbrochen frühe Songs über Bahnarbeiter, Landstreicher und wie es immer die Besten als erste erwischt. Das Ruddles kommt gut. Ich kann mich unschwer zwanzig Jahre zurückversetzen. Arbeiter am Tresen, die sich hier von Job und Familie erholen. Lachen, Billardspiele und der Zigarettenqualm hängt so tief, dass man kaum noch die Pints erkennen kann. Dann kommen Reg & Ron mit ihren Jungs durch die Schwingtüren. Großes Hallo. Zwei aus der Nachbarschaft, die es zu etwas gebracht haben. Die weder Familie noch ihre alten Freunde verleugnen und den arroganten Westendern die Kohle aus der Tasche ziehen. Gangster? Bei mir ist nichts zu holen. Harte Jungs, aber okay. Lokalrunden, und für ein paar zugeschüttete Stunden existiert nichts anderes im Universum. Jack London nannte die Kneipen die Klubs des kleinen Mannes. Wo sollte das mehr Berechtigung haben als in London, wo die vornehmen Westendklubs Jahresbeiträge kassieren, die für die Gäste des Lion einem Jahresverdienst gleichkommen.
Neben der Vallance Road verläuft eine gigantische Wiese bis zur Bahnunterführung, neben der einst „Fort Vallance“, wie das Haus der Krays im Volksmund hieß, stand. Genügend Platz für scheißende Hunde und Nachwuchskicker. Vielleicht ein Mahnmal für den Nachwuchs: Schlagt nicht den Weg der Krays ein, sondern tretet gegen den Ball, dann könnt auch ihr Gazzas werden. Das Chancenspektrum hat sich auch im Eastend erweitert: Neben Fronarbeit, Berufsboxen und Gangster, kann man jetzt auch noch sein Glück als Fußballprofi, Schauspieler (Michael Caine, Terrence Stamp, Twiggy) oder Pop-Star versuchen. Neben dem Bahndamm verläuft die Cheshire Street. An einer Ecke steht ein schmales, dreistöckiges Haus und beherbergt noch immer das Carpenters Arms. Dieser rotplüschige Pub war zeitweilig im Besitz der Krays. Hier ist noch nichts los; aus den Lautsprechern erklingt DAVY CROCKETT, KING OF THE WILD FRONTIER, 1954 ein echter Hit. Michael Jackson hat es nie bis ins Eastend geschafft. Auf dem roten Teppichboden suche ich nach alten oder neuen Blutflecken. Am letzten Samstag im Oktober 1967 begann für Reggie Kray hier der Abend, an dessen Ende die Ermordung von Jack the Hat stand.
Die Cheshire Street endet an der Brick Lane, die südlich auf die Whitechapel Road stößt. Hier ist alles fest in asiatischer Hand. Imbißbuden, Curry-Restaurants und immer wieder Textilgeschäfte. Ecke Woodseer Street präsentiert sich die Firma Titash stolz als führender Spezialist für Hochzeitssarees. Und immer wieder halbverfallene Häuser, aus denen Ratten nach zwei Nächten entnervt ausziehen. Würde nicht die blutrote Eastendsonne am grauen Herbsthimmel versinken, könnte man sich angesichts des bunten Treibens wie in Kalkutta fühlen. Majestätisch stehen rechts als Monument höchster Qualität die Neu – und Altbauten der Black Eagle-Brauerei. Jedes Bad Godesberger Ministerium könnte stolz auf so eine gepflegte Sandsteinfaßade sein. Als ich endlich auf der breiten Whitechapel bin, dröhnt plötzlich der undisziplinierte Autoverkehr einer Millionenstadt um mich herum. Rechts erheben sich fünf Meter hohe Mauern. Sie umrahmen Englands größte Moschee. Und wie auf Kommando beginnt der Muezzin lautstark über Whitechapel zu tönen. Da hat selbst der Autoverkehr keine Chance. Am Boothhaus springt plötzlich eine leicht zerlumpte Gestalt auf mich zu. Er will ein bisschen Geld, für Tee. Klar. Mit ungeheurer Geschwindigkeit redet er auf mich ein. Ich stelle mich blöd, sage ihm auf Preußisch, das ich kein Wort verstehe. Unbeeindruckt bringt er sein Anliegen in fließendem, akzentfreien Deutsch vor. Völlig verdattert gebe ich ihm etwas Kleingeld. Bevor ich ihn mir schnappen kann um ihn in den nächsten Pub zu zerren, ist er angeekelt zurückgesprungen und blitzschnell verschwunden. Egal was man anzieht, im Eastend stinkt man als Tourist meilenweit gegen den Wind.

Ein paar Hundert Meter hinter der U-Bahn-Station ist der Blind Beggar, echte Folklore und der vielleicht berühmteste Pub des Eastends. Auf dem breiten Bürgersteig bei der U-Bahnstation haben ein paar Dutzend Straßenhändler ihre Stände aufgebaut. Taschen und Textilien. Was ich vermisse, sind die nachgemachten Bobbyhelme aus Gummi, die man im Westend an jeder Touristencke kaufen kann und mit denen ich bei meinen Freunden so großen Erfolg als Souvenir hatte. Die Polizei ist wirklich nicht populär im Eastend. Nachdem der Beggar unfreiwillig durch Ronnie Kray eine ganz bestimmte Sorte von Publictiy bekommen hatte, wurde er innen völlig renoviert. Am Eingang klebt verheißungsvoll Ruddles Best Bitter Lives Here. Ein guter Grund einzutreten. Rotes Licht, ein anheimelnder Kamin und nur ein paar Tische an den Wänden. Vor der großen Theke ist genug Platz für die sauber gekleideten Geschäftsleute, die nach der Arbeit auf ein Gläschen einkehren. Das Publikum ist gemischt: Subkulturtypen, die immer weiter ins Eastend vordringen, ein paar alte Oldtimer, die ich mir schon als Opfer ausgespäht habe, Verkäuferinnen, junge Verliebte. Seinen Namen hat der Pub nach einem Gedicht aus dem 17.Jahrhundert: THE BLIND BEGGAR OF BETNAL GREEN. Ein armer Bettler hatte eine wunderschöne Tochter. Doch wenn die Jungs, die hinter ihr her waren, erfuhren, dass sie die Tochter eines Bettlers war, nahmen sie reisaus. Aber eines Tages kam dann der obligatorische hübsche Bursche. Ihm waren die wirtschaftlichen und familiären Verhältnisse egal, und er heiratete sie. Umgehend stellte sich heraus, dass der Bettler kein armes Schwein, sondern ein Verwandter des reichen und mächtigen Simon de Montfort war. Der Bettler schwamm im Geld und hatte nur nicht gewollt, dass seine Tochter wegen des schnöden Mammons geheiratet würde. Die richtige Story für diesen Ort zerbrochener Träume.
Für ein paar Pfund und reichlich Drinks erzählen mir die Wind-und-Wetter gegerbten Oldtimer wie so die Trinksitten der Krays waren. Sie waren damals junge Hafenarbeiter und wurden gelegentlich von ihnen freigehalten, wenn sie wie Cowboys nach einem langen Viehtrieb in den Saloon einfielen: „Sie steckten einen Haufen Pfundnoten in ein Bierglas gleich hier vorne am Ausschank auf den Tresen. Wer eingeladen war, konnte bestellen was und soviel er wollte. Jedes Mal wenn der Keeper wieder ein Getränk rausrückte, nahm er sich das Geld dafür aus dem Glas. Wenn das Glas leer war, gingen sie hin und stopften neue Pfundnoten rein.“ Mochten sie die Krays, oder fürchteten sie sie? „Beides. Ronnie war unberechenbar. Mal großzügig und mal düster und beängstigend. Die kleinen Leute hatten keinen Grund, die Krays zu fürchten. Frauen und alten Leuten gegenüber waren sie immer respektvoll und freundlich. Ihre Mutter hatte sie gut erzogen. Sie hatten Manieren.“ Die Legende lebt. Eine freundlichere Eastendlegende als Jack the Ripper. Aber wie so vieles in diesem Schmelztiegel, voller Gewalt und Brutalität. Draußen ist es tiefe Nacht geworden. Der Betrieb auf der Whitechapel Road läßt langsam nach. Die Straßenhändler haben ihre Stände abgebaut. Auch der Second-Hand-Plattenladen, in dem ich für ein läppisches Pfund die Original-Single OUT OF TIME von Chris Farlowe und eine EP der Pretty Things erwischt hatte, ist geschlossen. Im Eastend ist die Nacht besonders dunkel. Ich nehme ein Taxi zum Hotel.

1999. Nachtrag: Kürzlich unterhielt ich mich mit Russell James, dem „Chronisten der Südlondoner Unterwelt“ über die Krays und meine Faszination. Es amüsierte ihn. Ihn faszinieren reale Gangster nicht mehr. In seinem Roman PAYBACK – DIE RÜCKKEHR DES FLOYD CARTER hat er seinen Kommentar zu der Krays gegeben. Rational musste ich dem zustimmen. Aber analytisch gesehen sind meine geliebten High-School-Songs wohl auch nicht von der entscheidenden Bedeutung für die Pop-Musik, wie ich es gerne sehe. Was ist schon rational daran, wenn sich Nebel über Limehouse legt und irgendwo aus der der Undurchsichtigkeit ein Knall kracht… Ein Schuss? Oder nur ein geplatzter Reifen?

Auswahlbibliographie:

Campbell, Duncan: The Underworld. London: BBC Books, 1994.
Dickson, John: Murder Without Conviction. London: Sidgwick & Jackson, 1986.
Donoghue, Albert (und Martin Short): The Krays’Lieutnant. London: Smith Gryphon, 1995.
Fraser, Frankie (mit James Morton): Mad Frank. London: Little Brown, 1994.
Fry, Colin: The Kray Files. London: Mainstream Publ., 1998.
Kelland,G.: Crime in London. London: Century, 1986.
Kray, Charles (mit Robin McGibbon): Me and My Brothers. London: Grafton, 1988.
Kray Charlie (und Colin Fry): Doing the Business. Smith Gryphon, 1993.
Kray, Kate: Ronnie Kray: Sorted.London: Blake, 1998.
Kray, Reg: Born Fighter. London: Century, 1990.
Kray, Reg: Villains We Have Known. Leeds: N.K.Publ. 1993.
Kray, Reg & Ron (mit Fred Dinenage): Our Story. London: Sidgwick & Jackson, 1988.
Kray, Ron (mit Fred Dinenage): My Story. London: Sidgwick & Jackson, 1993.
Lambrianou, Chris (mit Robin McGibbon): Escape From the Kray Madness. London: Sidgwick & Jackson, 1995.
Lambrianou, Tony: Inside the Firm. London: Smith Gryphon, 1991.
Pearson, John: The Profession of Violence. London: Weidenfeld and Nicolson, 1972; Grafton 1989/6.
Morton, James: Gangland. Londons Underworld. London: Little Brown, 1992.
Morton, James: Gangland 2. The Underworld in Britain and Ireland. London: Little Brown, 1994.
Read, Leonard (und James Morton): Nipper. London: Macdonald & Co., 1991.
Richardson, Charlie: My Manor. London: Sidgwick & Jackson, 1991.
Samuel, Richard: East End Underworld. London: Routledge & Kegan Paul, 1981.
Thompson, Tony: Gangland Britain. London: Hodder and Stoughton, 1995.

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DAS GRAUEN IN DIR: JIM THOMPSON

Als James Myers Thompson am 7. April 1977 in Los Angeles starb, war er ein vergessener Schriftsteller, und kein Buch von ihm war noch lieferbar. Wenige Jahre zuvor hatte er in Second- Hand-Läden alte Ausgaben seiner Romane aufgekauft und versucht, die Filmrechte an seinem G e s a m t w e r k für 500 Dollar an Hollywood zu verkaufen. Zum Glück seiner Erben griff keiner dieser instinktlosen Glamourpiraten zu, und heute müssen die Produzenten tief in die Tasche greifen, wenn sie ein Thompsonrecht erwerben wollen. An seiner Beerdigung in Westwood nahmen nur wenige Menschen teil; lediglich vier Trauergäste gehörten nicht der Familie an, darunter Thompsons langjähriger Lektor und Freund Arnold Hano: „Ich fühlte mich schlecht, es waren nur wenige Leute da. Es kam mir vor, als wäre ich in einer Jim Thompson-Geschichte.“


Jim Thompson wurde am 27.September 1906 im Gefängnis des Caddo County in Anadarko im Oklahoma Territory (das erst ein Jahr später als Bundesstaat anerkannt wurde) geboren. Thompsons Vater war dort Sheriff, nachdem er zuvor als Ölmann eine Million Dollar gemacht und verloren hatte. Jim war ein echter Junge vom Land und lernte als Kind die Ölfelder von Oklahoma und Texas und die Prärien von Nebraska kennen. Landschaften, die in seinen späteren Romanen immer wieder eindrucksvoll verarbeitet wurden. Sein Verhältnis zu seinem Vater, der ein glückloser Rumtreiber war, blieb zeit seines Lebens problematisch. Nie schien er dessen Anerkennung erringen zu können, und bis zu seinem eigenen Tod fühlte er sich als Versager. Jim begann mit vierzehn Jahren zu schreiben und veröffentlichte seine erste Story mit fünfzehn. Daneben beendete er die Schule und hatte verschiedene Jobs als Hotelboy (davon erzählt er in dem grandiosen autobiographischen Roman BAD BOY, 1953) und Golfcaddy. An der Universität von Nebraska, wo er Journalismus studierte, lernte er 1931 Alberta Hesse kennen, die er 1932 heiratete. Zu diesem Zeitpunkt war Alberta mit dem ersten Kind schwanger, zwei weitere sollten folgen. Die Ehe hielt bis zu seinem Tod, 46 Jahre. Nach der Geburt seiner Tochter Patricia gab Jim das Studium auf, um Geld für seine Familie zu verdienen. Das war in den Jahren der Depression nicht so leicht, und Jim hatte zahlreiche, obskure Jobs und brachte die Familie kärglich als kleiner Geschäftemacher oder Ölfeldarbeiter durch. Geldsorgen sollten ihn bis an sein Lebensende begleiten. Mitte der 30er Jahre war er für drei Jahre Direktor des „Writer’s Project“ in Oklahoma City, ein Projekt des New Deals von Roosevelt für arbeitslose Schriftsteller und einer von Jims besseren Jobs. In dieser Zeit fasste er wohl den endgültigen Entschluss, sich künftig als Autor durchs Leben zu schlagen.

1942 erschien sein erster Roman, NOW AND ON EARTH. Bis 1949 folgten zwei weitere, wobei der letzte, NOTHING MORE THAN MURDER, 1949, bereits Thompsons Markenzeichen einführt: den psychopathischen Ich-Erzähler. Der große Erfolg als Autor blieb jedoch aus und Jim wurde in den vierziger Jahre zunehmend zum Alkoholiker. Anfang der 50er Jahre hatte er mehrere Jobs bei Zeitungen und schrieb regelmäßig über wahre Kriminalfälle für die „True Crime“-Magazine. Kurze Zeit hielt er sich sogar als Managing Editor für eines dieser billigen Magazine, bevor ihm sein Alkoholismus einen weiteren Rausschmiss bescherte. 1952 schien Jim am Ende zu sein, ein hoffnungsloser Säufer, der keinen Job mehr vernünftig auf die Reihe brachte. Das muss ihm in einem seiner seltenen klaren Momente bewusst geworden sein. Jedenfalls stoppte er das Trinken, nüchterte aus und beriet sich mit seiner Agentin Ingrid Hallen. Die schleppte den noch zittrigen Thompson kurz entschlossen in die Büros von Jim Bryans und Arnold Hano, den Lektoren des neuen Taschenbuchverlags Linon Boocks. Anfang der 50er Jahre schossen die Taschenbuchverlage nur so aus dem Boden. Mit billigen Nachdrucken von Bestsellern und immer mehr spannenden Originalromanen, meist Western, Liebesromane oder Thriller, verdrängten sie die Magazine (Pulps) in der Gunst des Publikums und bedienten einen schier unersättlichen Markt. Hano mochte den schüchternen Mann sofort. Er legte ihm ein paar äußerst grobe und klischeehafte Konzepte für Romane vor, die er für den Verlag geschrieben haben wollte. Jim wählte zwei davon aus. Aus dem zweiten wurde CROPPER’S CABIN, Thompsons optimistischster und Erskine Caldwel ähnlicher Roman (das für Thompson überhaupt nicht typische Schlusskapitel beruhte auf einer Anordnung des Verlages, der das ursprüngliche, pessimistische Ende nicht akzeptierte). Das andere Konzept trug den Titel SLEEP WITH THE DEVIL und handelte von einem Großstadtpolizisten, der sich in eine Prostituierte verliebt und sie dann umbringt. Daraus sollte Jims erstes Buch für Lion werden, der unsterbliche schwarze Klassiker THE KILLER INSIDE ME, für viele Jims bestes Buch. Mit Hanos Konzept hat der Roman nicht mehr viel zu tun. Thompson schrieb THE KILLER INSIDE ME in zwei Wochen und bekam 2000 Dollar für den Roman. Hano war so sehr von dem Buch beeindruckt, dass er es als Kandidaten für den National Book Award einreichte. Und niemand, der die Geschichte von Sheriff Lou Ford gelesen hat, wird diesen düsteren Roman je vergessen können.
Ohne jeden Zweifel gehört es zu den zehn wichtigsten und einflussreichsten Werken der nordamerikanischen Kriminalliteratur. Erstmals wurden in diesem Buch Elemente der hard-boiled-novel konsequent und geradezu diabolisch mit der Psychoanalyse verbunden. Dass die Erzählung vom psychopathischen Täter selbst vorgetragen wird, ist heute natürlich nichts ungewöhnliches mehr, war aber 1952 ein innovatives Wagnis. Bedenkt man, dass der Killer ein Polizist ist und das Buch zur Zeit der Terrorherrschaft des Senator McCarthy erschien, muss man es auch als ein mutiges Buch anerkennen. Genreimanent stellte es zusätzlich den gerade seinen Siegeszug in der Publikumsgunst beginnenden Polizeiroman auf den Kopf. Marcel Duhamel, Herausgeber von Gallimards Serie Noire, die als erste für Thompsons Anerkennung als brillanter Schriftsteller sorgte, erinnerte Thompson an Henry Miller, Erskine Caldwell und Céline. Er sagte über ihn: „Thompsons Werk unterscheidet sich grundlegend von mittelmäßiger Kriminalliteratur; er besitzt einen völlig eigenen Stil und eine höchst individuelle Weltsicht.“ Und Thompson selbst:“Alle Schriftsteller, angefangen bei Cervantes, haben nur ein Thema: Die Dinge sind nicht so, wie zu sein scheinen.“ Das trifft seine Romanwelt ziemlich genau: Lou Ford scheint ein netter, menschenfreundlicher Deputy Sheriff zu sein und ist doch in Wirklichkeit ein psychopathischer Killer. Auch staatliche Institutionen und demokratische Kontrollinstanzen zeigen sich hinter den Kulissen nicht als das, was sie nach außen vorgeben zu sein. Thompson zeigt in jedem seiner Romane ein rabenschwarzes Bild der nordamerikanischen Gesellschaft. Er zeigt, wie sehr Gewalttätigkeit, Machtstreben und Korruption mit der kapitalistischen Gesellschaft verbunden sind. Sein Markenzeichen, der paranoide Schizophrene, ist nichts anderes als die perverse Konsequenz aus dem Verfassungsgrundsatz, dass jeder „Amerikaner das Recht hat, nach seinem Glück zu Streben“.

Für Thompson, der kurze Zeit in der Kommunistischen Partei war, Marx gelesen hatte und von Naturalisten wie Zola, William Cunningham und Frank Norris beeinflusst war, gab es nie einen Zweifel daran, dass das System naturbedingt Millionäre genauso hervorbrachte, wie es psychisch kranke Killer zeugte. In Thompsons Welt können die Dämonen des Schicksals nicht bezwungen werden. Die Kreatur – und seine Menschen sind allesamt armselige Kreaturen – ist ohnmächtig diesem Walten und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen ausgeliefert. Bestenfalls können sie sich durch äußerste Brutalität für einige Zeit einen Freiraum erkämpfen.

Jims Tage als Hardcoverautor waren gezählt. Für den Rest seines Lebens schrieb er direkt für die grellen, reißerischen Taschenbuchreihen. Sicherlich auch ein Grund, weshalb die amerikanische Literaturkritik seinen Stellenwert als Literat erst lange nach den Europäern entdeckte. Ein Schicksal, dass er allerdings mit vielen anderen Autoren teilte, nicht zuletzt mit David Goodis, John D.MacDonald, Charles Williams oder Cornell Woolrich. Bis 1954 entstanden elf weitere Bücher für Lion-Books, dann verließ Hano den Verlag, nachdem man beschlossen hatte, künftig keine Originalromane mehr zu veröffentlichen. Jim war so geschockt, dass er wieder zu trinken begann. Er schlug sich mit Zeitungsjobs durch und veröffentlichte nebenher weiter Romane bei billigen Taschenbuchverlagen.

Sein Lektor Arnold Hanno erinnerte sich, wie es zu dem Roman THE ALCOHOLICS kam: „Jim sagte, er wolle ein Buch über Alkoholismus schreiben. Er argumentierte: es gibt 4o Millionen Alkoholiker und ich werde 40 Millionen Bücher verkaufen.“ Thompson übersah wohl, dass die meisten dieses Ordens ihre Zeit nicht mit Lesen verplempern.


Ein Hoffnungsschimmer erschien am Horizont, als der junge Regisseur und Thompson-Fan Stanley Kubrick sich an ihn heranmachte. Durch ihn erhielt er ein paar Drehbuchaufträge und war für kurze Zeit im Hollywood-Geschäft. Aber die beiden Männer waren zu verschieden, sie verstanden einander nicht wirklich und schließlich endete die Freundschaft mit einem Prozess. Thompsons weiteres Leben bestand aus Enttäuschungen, kurzen euphorischen Phasen, furchtbaren Alkoholexzessen und schließlich tiefster Niedergeschlagenheit. 1975 tauchte er in einer kleinen Nebenrolle, als Richter Grayle, in Dick Richards Chandler-Verfilmung FAREWELL MY LOVELY auf. Dabei sah er Robert Mitchum wieder, den er 1948 während eines Jobs als Reporter interviewt hatte als dieser wegen des Rauchens von Marihuana eine kurze Gefängnisstrafe verbüßen musste. Auch sein gigantischer Erfolg in Frankreich, wo man ihn neben Hammett und Chandler als einen der wichtigsten Autoren des 20.Jahrhunderts verehrte, gab dem Gebrochenen keine Kraft mehr.

Als Jim starb, war er am Ende seines Weges angelangt und blickte auf ein Leben zurück, das kaum weniger schrecklich war, als das seiner Romanhelden. Sein Leben war eine gruselige Soap Opera ohne Quoten und seine Bücher die letzten Haltestellen auf dem Weg in die Hölle. Thompson war von ihrer literarischen Qualität immer überzeugt. Heute ist es auch die restliche Welt und jeder, der kein kompletter Ignorant ist, weiß bei der Lektüre von THE KILLER INSIDE ME, das er einen der großen Romane des 20. Jahrhunderts liest. Er selbst hatte seiner Frau gesagt, in zwanzig Jahren, also nach seinem voraussehbaren Tod, würden sie Bedeutung haben. Speziell in wirtschaftlicher Hinsicht – wie die vielen Verfilmungen und Neuauflagen belegen.



EASTENDBALLADE: DIE KRAYS – 1.Teil
5. März 2009, 5:47
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1995: Das gesamte Londoner Eastend war auf den Beinen, als Ende 1995 Ronnie Kray zur letzten Ruhe getragen wurde. Dem Gangsterkönig wurde eine letzte Ehre zu teil, wie sie sonst nur Königen, Staatsmännern oder Pop-Stars erfahren. Die größte Beerdigung auf der Insel seit der Grabtragung von Winston Churchill. Tatsächlich waren und sind die Krays-Zwillinge so etwas wie Pop-Stars. Über Reggie Kray etwa dichtete Morrissey den Pop-Song Last of the Famous Playboys; die Bücher über die Könige der Londoner Unterwelt sind nicht mehr zu zählen und 1990 spielten Spandau Ballets Martin und Gary Kemp in dem Kinofilm DIE KRAYS die Zwillinge. Die Krays sind ein moderner Mythos, die 2oth Century Robin Hoods, der nach wie vor die Engländer beschäftigt. Besonders die Londoner, die im Ostteil, dem legendären Eastend, wohnen.

Eine gläserne viktorianische Kutsche mit sechs Rappen vorgespannt donnert die Straße hinunter, die von tausenden von Eastendern gesäumt ist. Dahinter 46 schwarze Limousinen; von St.Matthew’s Church in Bethnal Green zum Friedhof von Chingford. Die letzte Fahrt des Colonels. Über 50 000 Leute am Wegesrand, erfahre ich später. Ich höre, wie zwei ziemlich harte Burschen neben mir über Joe Pyle reden. Ich wende mich ihnen schüchtern zu und frage nach Joe. Misstrauen. Knapp rechtfertige ich mich mit meiner deutschen Herkunft und das ich Joe bei Reggie kennen gelernt habe. Das Misstrauen verwandelt sich in Herzlichkeit. Erstmal werde ich zu eine der zahlreichen Leichenfeiern eingeladen, die sich heute und morgen wie eine Brandrodung von Witchapel bis Stoke Newington fressen. Die größte Feier seit dem Ende des 2.Weltkriegs. Leider ohne Joe. Joe ist im Knast. Hatte seine Hände bis zu den Achselhöhlen im Schnee. Wahrscheinlich wird Reggie vor ihm raus sein. Falls sie Reggie überhaupt jemals rauslassen. Die beiden tough guys heißen Ducky und Roger und nehmen mich begeistert unter ihre Fittiche. Ducky betreibt – das kommt so nach und nach raus – ein Underground-Kaufhaus; Roger macht „so dies und das. Was gerade anfällt“. Natürlich kannten sie den Colonel. Sind aber zu jung um ihn bewusst in Freiheit bei der Arbeit erlebt zu haben. Und irgendwelche Geschäfte, die mit Reggie zusammenhängen, betreiben sie auch. Aber dies ist nicht der Tag um über Geschäfte zu reden. Es ist der Tag, um die letzte Reise des Colonels mit Sturzbächen von Bitter und irischem Whisky zu feiern. Ein Tag, der in die Annalen des Eastends eingehen wird als der Tag, an dem mehr Alkohol umgesetzt wurde als 1966 nach dem World Cup.


1990: Hinter der City beginnt Eastend. Dort wird das bekannte Klischeelondon zu einer anderen Welt. Wie Flüsse durch den Dschungel ziehen sich die breiten Straßen, die Commercial Road, die Whitechapel Road oder Mile End Road. Auf ihnen kann der Westender in seiner Limousine hastig das Gebiet feindlicher Stämme durchqueren. Hinter den breiten Straßen, an denen man Pubs und Kramläden findet, die eigentlich unter Denkmalschutz stehen müssten, öffnet sich ein Labyrinth schmaler Gassen voller unbequemer Wohnhäuser, Eckläden, kleiner Märkte, Eisenbahnbrücken, Abbruchhäusern. An manchen Ecken sieht es so aus, als würde die Nachkriegszeit nie enden. Man braucht schon einen Spezialstadtplan (oder LONDON AZ in der dicken Ausgabe), um Bethnal Green, Whitechapel, Stepney oder Poplar verzeichnet zu finden. Die Arroganz der Westender lässt London fast auf jeder Karte hinter Liverpool Street Station enden. Ein buntes Rassengemisch schiebt sich durch die nicht nur trostlosen Gassen. Das war schon immer so: Das Eastend gehört den armen Einwanderern seit Jahrhunderten. Dickens und Marx trieben sich in diesen Straßen herum und fanden genug Stoff, um an einer gottgewollten Ordnung zu zweifeln. Es ist ein mythischer Ort: In den dunklen Gassen von Whitechapel hatte Jack the Ripper seine Opfer gesucht. Und wenn man nach Limehouse geht, hält man unwillkürlich nach chinesischen Opiumhöhlen Ausschau und würde sich nicht wundern, wenn zwischen den maroden Lagerhäusern plötzlich Dr.Fu-Manchu mit seinen Halsabschneidern auftauchte. Hier trieb sich 1902 auch Jack London herum. Der nitzscheanische Sozialist lebte in bester Walraff-Manier mit den Ärmsten der Armen, um seine aufrüttelnde Sozialreportage PEOPLE OF THE ABYSS (MENSCHEN AM ABGRUND) zu schreiben. Das Eastend ist eine Welt für sich, eine Welt, die viele Londoner aus dem Westend ihr Leben lang nicht betreten. Inmitten von Straßenzügen alter Arbeiterhäuser erhebt sich manchmal völlig unmotiviert ein 70er Jahre Hochhaus und man weiß nicht, was übler ist: die kleinen abgewrackten Klinkerhäuser, in denen es der Hausschwamm zur Ehrenmitgliedschaft der Apothekerkammer gebracht hat, oder die dünnwandigen Menschensilos, die zu Kopfsprüngen aus dem zehnten Stockwerk einladen. Bei Sonnenwetter kann man es hier gerade noch aushalten. Aber wenn sich im November schwere, schwarze Gewitterwolken tiefhängend von der Themse langsam nordwärts schieben und Mile End Road in ein fast strahlend violettes Licht getaucht ist, gibt es wenig faszinierendere Flecken auf diesem Planeten. Falls man nicht Golf GTi-Fahrer oder Tennisspieler ist und Boss-Anzüge für den Sinn der Zivilisation hält.

Im Eastend hielt und hält man nicht viel von staatlicher Autorität. Mit dem Staat hat man nichts am Hut. Denn keinem Eastender hat er je was Gutes getan. Hier herrschen eigene Gesetze, wie in einem kleinen, unbesetzten Dorf in Gallien. Wenn es Ärger gibt – und den gab und gibt es oft – ruft man nicht nach dem Copper. Das regelt man unter sich. Tatsächlich sehen die Polizeistationen, etwa Bow Police Station, wie verbarrikadierte Steinforts aus. Allerdings sucht man vergeblich an diesen klirrend stillen Trutzburgen nach der Zugbrücke. Bobbys sieht man so gut wie nie die Straße entlang schlendern. Sie wären eine Provokation. Und rauszukriegen ist für die Bullen sowieso nichts; da können sie soviel Fahndungsplakate an ihre eisernen Revierzäune hängen, wie sie wollen. Es gibt ihn noch immer, den Wall of Silence. Während des 2.Weltkriegs war hier ein Hort der Fahnenflüchtigen und Deserteure. Zur Armee ging nur derjenige, der als Boxchamp schneller voran kommen wollte. Nachbarschaftshilfe hieß das soziale Netz, und Flüchtigen Unterschlupf zu gewähren, war Ehrensache. Mile End und das Elternhaus der Krays hatten denselben Spitznamen: Deserters end. Es gab mehr Deserteure als Toiletten mit Wasserspülung. Nirgendwo in England war und ist die Arbeitslosigkeit höher, die Löhne niedriger und die Verachtung für die Regierung, jeder Regierung, stärker. Die Männer, wenn sie nicht gerade einem unwürdigen Job nachlaufen, sich prügeln, Kinder machen oder krummen Geschäften und kleinsten Versicherungsgaunereien nachgehen, hängen in den Pubs, Wettbuden oder den Social Clubs rum. Es sind die starken Frauen, die seit Äonen im Eastend das Überleben organisieren, die Brut voller Liebe hochziehen und gelegentlich ein blaues Auge kassieren, wenn der Alte besoffen heimkommt und aus der Zuckerdose das restliche Haushaltsgeld rausholt. Hier lebt man mit dem Rücken an der Wand, und ein Wettgewinn wird nie mehr sein, als ein paar Tage Freidrinks für die Kumpel im Pub.

Wenn man den Sensationsjournalisten und den bigotten Moralverwaltern des britischen Bürgertums Glauben schenken will, dann tat sich am 24. Oktober 1933 der Schlund der Hölle auf und spuckte eine Teufelsbrut aus. Reggie und Ronnie Kray waren im Diesseits angekommen, um jeden anständigen Sun-Leser mit wohligen Schauern zu versorgen. Ihre Kindheit verbrachten sie in der Vallance Road 178, direkt neben den Bahngleisen. Wirtschaftlich ging es der Familie miserabel. Während des 2.Weltkrieges begann für ihren Vater, einem kleinen Geschäftemacher, eine zwölfjährige Odyssee als Deserteur. Aber man hielt ja zusammen. Und nicht nur Tante Rose, die ein Haus weiter lebte, sorgte dafür, dass man Charles Kray nicht erwischte.“ Mein alter Herr war der Meinung, dass er lieber seine Familie durchfüttern wollte, als für die Regierung Krieg zu spielen“, verteidigt ihn Reg heute. Immer wieder durchstöberte die Polizei Haus und Viertel auf der Suche nach Deserteuren. Die Zwillinge entwickelten früh Hass auf die Staatsgewalt und eine ungewöhnlich starke Mutterbindung. Mit dem ständig abwesenden Vater und dem älteren Bruder Charly, dem sie sich auf Grund ihrer eigenen telepathischen Kommunikationsfähigkeit schon früh überlegen fühlten, erlebten sie eine von starken Frauen dominierte Kindheit. Sie liebten ihre Mutter abgöttisch. Bei Tante Rose war Klein-Ronnie dem Bruder eine Sympathielänge voraus. Eines Tages sagte sie ihm unter Tränen: „Weißt du, was deine zusammengewachsenen Augenbrauen bedeuten? Dass du hängen wirst.“ Bruder Charly brachte sie zum Boxen. Beide hatten Talent, und Reggie sagte man eine große Zukunft voraus. Er war dann auch kurze Zeit Berufsboxer und verließ den Ring unbesiegt, um künftig lohnendere Aufgaben in Angriff zu nehmen. Sie wuchsen in den Straßengangs des Eastends heran, machten sich als harte Burschen schnell einen Namen. Es gehört zu jeder guten Slumsozialisation, dass sich Straßenbanden gegenseitig die Schädel einschlagen. Was sie von den anderen Rabauken unterschied, war ihr blindes Verständnis füreinander und ihre völlige Skrupellosigkeit bei den Bandenkriegen. Sie führten die Jugendgangs an, man hatte Angst vor ihnen. Sie kämpften brutaler als alle anderen. Wenn einer am Boden lag, dann traten sie noch mal rein, und Furcht kannten sie nicht. Weder vor anderen Gangs, noch vor der Polizei.

Geprägt vom Eastend, lehnten sie den Militärdienst natürlich ab und flüchteten mehrmals aus dem Militärgefängnis, bevor sie nach einer Haftstrafe aus der Armee geschmissen wurden. Eine Weile trieben sie sich im Westend herum. Im 2.Stock eines großen Hotels hinter Piccadilly Circus schlugen sie sich die Nächte um die Ohren, still und lächelnd in einer Ecke sitzend. Hier verkehrten die Berufsverbrecher des Westend. Keine naiven Straßenschläger, sondern professionelle Diebe, Zuhälter, Ein- und Knochenbrecher. Die Zwillinge hörten zu und lernten. Wissbegierige junge Leute auf der Abendschule der Unterwelt. Sie warteten auf ihre Chance, und ihre Chance kam natürlich.

1954 entdeckten sie eine Billardhalle an der Ecke Eric Street, Mile End Road, das Regal. Ein ehemaliges Kino, das in den 30er Jahren während eines Snooker-Booms zu einer Halle mit 14 Tischen umgebaut worden war. Das Regal war ganz klar auf dem Weg nach unten (heute ist es ein mit starken Gittern gesichertes Fernsehgeschäft, bei dem man den Verdacht nicht los wird, daß einem der grinsende Pakistani hinterm Tresen auch noch andere Handfeuerwaffen als Fernbedienungen besorgen kann). Kleinere Banden trafen sich hier, prügelten sich über die mit Zigarettenlöchern übersäten Tische und erpressten Schutzgeld vom Manager, der bei den Versicherungen längst nur noch Spott und Hohn ausgezahlt bekam. Die Krays boten dem Schwergeprüften fünf Pfund wöchentlich, wenn er ihnen den Laden überließ. Der Ärger hörte schlagartig auf. Ronnie: „Man hat behauptet, wir hätten den Ärger selbst inszeniert, um das Regal übernehmen zu können. Quatsch. Da war schon der Teufel los, als wir noch keinen Blick darauf geworfen hatten.“ Zu ihrem großen Vergnügen versuchten Malteser Racketeers Schutzgeld von ihnen zu erpressen. Ronnie holte ein gewaltiges Entermesser hinterm Tresen hervor und ging auf die Malteser los, die fluchtartig zu ihrem Auto hetzten. Bevor sie im Wagen entkommen konnten, hatte Ronnie ihnen ein Ohr abgeschnitten und Scheinwerfer, Kotflügel und Heckscheiben zerhackt. Er war immer bereit, etwas für seinen Ruf zu tun. Spätestens jetzt ging ihnen auf, dass man nicht nur Bier, sondern auch Schutz verkaufen konnte. Das Regal wurde schnell zum Treff der wilden Adoleszenzstämme und von Kleinkriminellen, die sich der Autorität der Krays unterwarfen. Ronnie, der seine Homosexualität offen zeigte, mochte es, im Kreise junger Männer zu sitzen und zu trinken. Die Atmosphäre der in schummriges Licht getauchten Billardhalle erinnerte ihn an seine geliebten Gangsterfilme. Manchmal verteilte er Zigaretten und forderte: „Los, raucht. Es ist nicht genug Qualm im Saal.“ Das Regal wurde zu einem wohlerzogenen Ort, an dem kleine Gauner Geschäfte ausmachen konnten oder die Sore den Zwillingen zum Verkauf anboten. Ärger gab es kaum. Wer wollte sich schon mit den kommenden Leuten anlegen? Sehr zum Verdruss von Ronnie, der sich zu langweilen begann und von großen Schlachten träumte. Wenn es ihm gar zu öde wurde, was mindestens einmal pro Woche der Fall war, sammelte er die jugendlichen Schläger um sich, und dann zogen sie in einen Pub. Natürlich nur in Pubs, wo sie garantiert mit anderen Banden aus Heckney oder Poplar aneinander geraten konnten. Noch heute erinnert sich Reg verklärt: „Es war eine wundervolle und wilde Zeit. Aber wir waren keine Gangster, wir waren nicht schlimmer als Teddy Boys“. Ronnie verehrte Leute wie Lawrence von Arabien, Churchill oder Gordon of Khartoum. Er entwickelte militärischen Ehrgeiz und plante mit Talent strategisch ausgefuchste Straßenschlachten. Hinterhalte auszuhecken wurde zur Leidenschaft, und er führte seine Gang wie ein General. Als einer seiner Leute zu ihm sagte, du benimmst dich wie ein verdammter Colonel, gefiel ihm das so gut, dass der Spitzname bis heute an ihm hängen geblieben ist.

Bereits mit 16 hatten die Zwillinge sich ihre erste Handfeuerwaffe besorgt. Jetzt war es für Ronnie zur Manie geworden, Schusswaffen zu kaufen. Castros Männer auf Kuba wären ungefähr zur selben Zeit froh gewesen, wenn sie über eine ähnliche Feuerkraft verfügt hätten. Aber es gab auch Wermutstropfen: Immer mehr Soldaten aus der Armee des Colonels desertierten. Sie wurden älter und begannen sich plötzlich mehr für Mädchen als für Schlägereien zu interessieren. Der ewige Kreislauf: Mädchen kennen lernen, heiraten, einen festen Job suchen, Wohnung und Kinder. Das Eastend erlebte in den 5oer Jahren einen bescheidenen Aufschwung: neue Mietskasernen wurden gebaut, Supermärkte machten an den Ecken auf, Jobs waren zu kriegen, Autos wurden erschwinglicher, und abends konnte man sich zum Beifall der Ehefrau vor dem Fernseher amüsieren, statt mit den tollwütigen Krays einen Pub auseinander zunehmen. Aber das war selbstverständlich keine Alternative für die Zwillinge. „Frauen sind unsere schlimmsten Feinde. Sie können sich nicht damit begnügen, ihr Heim in Ordnung zu halten. Sie wollen keine echten Männer mehr. Was sie wollen sind Waschlappen.“ Die Zeiten der Jugendkrawalle waren endgültig vorbei. Aus der Krays-Bande sollte die „Firma“ werden. Sie suchten andere Mitstreiter um ihre Träume zu realisieren. Ihr Vorbild Capone hatte Chicago schließlich auch nicht mit Fightern aus der A-Jugend erobert. Ihr freundschaftlicher Kontakt zu einigen Knastbrüdern sorgte für einen guten Ruf bei den Berufsverbrechern. Denn wer aus dem Eastend ins Gefängnis wanderte, konnte darauf bauen, dass sich die Zwillinge um ihn kümmerten und für die Familie sorgten. Wer gerade rauskam, konnte im Regal vorbeischauen. Die Krays hatten immer ein paar Pfund übrig oder sorgten für einen Schlafplatz und ein Ding, in das man einsteigen konnte. Sie waren keine Gangleader mehr, sondern Bosse, die sich um ihre Leute kümmerten. Reg: „Wenn einer, der auf unserer Liste stand, ins Gefängnis musste, sorgten wir für Frau und Kinder. Und wir machten klar, dass n i e m a n d etwas mit der Frau anfing. Ich ließ den Frauen immer von zwei Männern das Geld bringen. So kontrollierten sie sich gegenseitig, und keiner kam in die Versuchung, etwas mit ihr anzufangen.“

Ronnie begann seine Pläne zu entwickeln, seine „Politics of Crime“. 1956 hatte sich ihr Einflussgebiet weit ausgedehnt. Sie hatten mit konkurrierenden Banden gründlich aufgeräumt fuhren nun die Ernte ein. Sie kontrollierten das Eastend bis Hackney, Mile End und Walthamstow. Jeder Dieb, jede Spielhölle, die meisten Pubs und viele Geschäfte zahlten Abgaben an die Zwillinge. Die „Profession of Violence“ lief auf Hochtouren. Unvorstellbare Summen Geld flossen durch ihre Hände. Eastendsentimentalität und Solidarität mit den Schwächeren sorgten dafür, dass sie es mit vollen Händen rauswarfen. „Wir waren nur eine Durchgangsstation für das Geld. Es kam, erschreckte sich in unseren Taschen, und war auch schon verschwunden“, meint Reggie heute. Sie hatten Autos, die beste Kleidung, Schmuck und konnten sich alles leisten. Wenn sie in einem Pub tranken, dann durfte niemand für sich selbst zahlen. Wenn jemand aus der Gegend in finanzielle Schwierigkeiten kam, erfuhren es die Zwillinge und halfen aus. Keine Wohltätigkeitsveranstaltung, ohne dass die Krays eine größere Summe spendeten. Kein Wunder, daß mir ein alter Eastender sagte: „Es war sicherer bei uns, als die Krays noch die Straßen beherrschten. Frauen, Kinder und alte Leute standen unter ihrem Schutz. Sie behandelten jeden mit Respekt. Und sie hatten immer ein offenes Ohr und eine gebende Hand, wenn man Probleme hatte. Gangster? Sie haben nicht halb soviel Blut an ihren Händen, wie die Regierung. Warum soll ich schlecht über sie reden? Zu mir waren sie immer gut.“ Ihre wilden Feldzüge verschafften ihnen den Ruf als gefährlichster Mob Londons. Sogar die beiden Kingpins Jack Spot und Billy Hill, die die Unterwelt des Westends seit den 4oer Jahren beherrscht hatten und sich gerade zerstritten, buhlten um ihre Gunst. Eine gute Gelegenheit, um von den führenden Halunken die Feinheiten des Geschäfts zu lernen. Reg erinnert sich: „Eines Nachts wollte ich mit zwei Freunden ins 21 Rooms im Westend gehen. Damals einer der exklusivsten Clubs, benannt nach den 21 Schlafzimmern des Ladens. Die beiden Türsteher wollten uns nicht reinlassen. Ich schlug den einen nieder und meine Kumpels den anderen. Dann dachte ich: Du bist hier nicht im Eastend. Das könnte eine Anklage wegen Körperverletzung geben. Einer der Türsteher hatte mich sicherlich erkannt. Ich wusste, dass Billy Hill den Club beschützte und fuhr zu ihm. Ich erklärte ihm die Sache. Statt sauer zu sein, grinste er und rief Harry Meadows an. Harry und sein Bruder Bert waren die Besitzer vom 21. Hill sagte: `Hier ist Bill. Ich habe gehört, ihr hattet Schwierigkeiten. Keine Sorge, ich kümmere mich darum. Es wird keinen weiteren Ärger geben. Ich erledige das sofort.’ Dann warf er mir 3oo Pfund zu und sagte:`Nimm das Kleingeld, Junge. Es wäre teurer für mich, wenn ich jemanden hingeschickt hätte um ihnen zu zeigen dass sie mich brauchen.’ Am nächsten Tag ging er zu den Meadows und holte sich fünf Riesen. Er machte den Brüdern klar, dass ihr Laden besonders schutzbedürftig war. Für mich war Bill immer der professionelle Gangster schlechthin. Ich glaube, in manchen Sachen bin ich ihm nahe gekommen. Aber auf anderen Gebieten steht er allein, ein Monument. Es wird nie wieder einen geben wie ihn.“
Die Twins mischten sich nicht zu sehr in den Krieg der beiden ehemaligen Freunde. Sie ahnten, dass das Ende des Krieges ein Machtvakuum erzeugen würde, in das sie selbst eindringen könnten. Nur war das Westend etwas ganz anderes. Wie Peru vor Pizarro schien es vor ihnen zu liegen und darauf zu warten, tüchtig abgemolken zu werden. Noch hatten sie nicht begriffen, wie im Westend das Spiel gespielt wird. Und das sie es nie wirklich begreifen wollten und als Eastender vielleicht auch nicht konnten, brach ihnen am Ende das Genick. Spot und Hill herrschten über die noch illegalen Spielhöllen und Klubs, durch Diskretion. Keine Schießereien um Marktanteile störten die verbotenen Vergnügungen. Ihre Macht lag in den Schlachten, die sie vermieden. Alle ehrgeizigen Bemühungen Ronnies, eine Allianz mit einer Westendgang herzustellen scheiterten. Der brutale Ruf der Krays sorgte dafür, dass sich das Westend geschlossen gegen sie stellte. Die Stärke des Westmobs war es, Gewalt zu vermeiden. Nur das garantierte ein florierendes Geschäft und Ruhe vor der Polizei. Die besseren Leute aus dem Westend wollten ruhig und diskret ihren Lastern nachgehen können und nicht in Gangsterkriege mit ungehobelten Eastendern verwickelt werden. Spot und Hill mit ihren gepflegten Umgangsformen wussten, dass Gewalttätigkeiten nicht in die Klubszene des Adels und der reichen Möchtegerne gehörten. Das machte sie respektabel und sorgte für ein gutes Verhältnis zur Polizei. Denn jede Polizei weiß, dass die Kriminalität unausrottbar ist. Solange aber der einfache Bürger nicht offen mit ihr konfrontiert wird und clevere Bosse für Ruhe und Ordnung sorgen, ist friedliche Koexistenz möglich. Für die Krays und ihren pathologischen Bullenhass war eine friedliche Allianz mit der Polizei unvorstellbar. Eintritt verboten, vorläufig. Während Ronnie fröhlich pfeifend seine Kugeln zu Dumdum-Geschossen ritzte, lernte Reggie, wie ein echter Geschäftsmann zu denken. Das wiederum scherte Ronnie einen Dreck. Er wollt Action: General Gordon vernichtet die Taiping. Damals zeichnete sich ab, was der englische Schriftsteller Robin Cook alias Derek Raymond, der einige Zeit selbst indirekt für die Krays gearbeitet hat, lakonisch auf den Punkt bringt: „Das Problem war, dass Reggie mit Ronnie nicht fertig wurde.“ Nachdem Ronnie jemanden, der sich „liberties“ – ein Schlüsselwort für die Krays – erlaubt hatte, ins Bein schoss, ohne dass das irgendwelche Folgen mit sich brachte, galten die Krays im Eastend als für die Polizei unberührbar.

Aber schließlich erwischten sie ihn doch. Wegen schwerer Körperverletzung wurde er Ende 56 zu drei Jahren verurteilt. Ronnie hatte damit keine Probleme. Er war der König des Knasts. Sein Bruder versorgte ihn ordentlich mit Tabak und Kaffee, die internationale Knastwährung. Währenddessen legte Geschäftsmann Reggie weitere Grundsteine fürs Krays-Imperium. Er eröffnete nacheinander zwei erfolgreiche Klubs, den Double R-Club in der Bow Road und das Kentucky auf Mile End Road. Der Double-R-Club war der einzige Saloon im Eastend, in den Männer auch ihre Frauen mitbringen konnten, ohne dass sie angepöbelt wurden. Reggie sorgte schon dafür, dass es in seinem Laden gesittet zuging. Als sie Ronnie während seines letzten Knastjahrs nach Camp Hill auf die Isle of Wight verlegt wurde, brach seine Krankheit durch. Nie wieder würde er wie vorher sein. Paranoide Schizophrenie. Er begann Wahnvorstellungen zu bekommen und hielt seinen Bruder für einen russischen Spion, der sich als Reggie Kray ausgab. Rita, eine Cousine der Zwillinge, meint, Schuld waren die Elektroschocks, die man ihm verpasste. Reggie holte ihn raus. Sie tauschten im Besucherzimmer ihre Mäntel, und Ronnie spazierte einfach in die Freiheit. Als die Wärter merkten was los war, sagte Reggie lakonisch: „Es ist eure Sache auf ihn aufzupassen, nicht meine.“ In den nächsten Jahren hatten sie immer mal wieder Ärger mit dem Gesetz, sackten aber nur kurze Haftstrafen oder Freisprüche ein. Ronnie mutierte auch äußerlich, wurde immer breiter, und die Ähnlichkeit der Zwillinge schwand. Sein Geisteszustand wurde bedenklicher. Nur Stematol und Alkohol hielten ihn einigermaßen im Gleichgewicht. Aber er rastete auch oft genug aus, und dann floss Blut. Inzwischen kontrollierten sie auch Klubs im Westend. Sie hatten einen Nachteil zum Vorteil umgemünzt: Der schreckliche, aber auch großzügige Ronnie begann die bessere Gesellschaft zu faszinieren. Showstars, wie George Raft, Lita Roza, Diana Dors oder Judy Garland ließen sich gern mit ihnen fotografieren. Manchmal musste Ronnie untertauchen. Dann saß er in einem völlig verdunkelten Appartement. Während er zwischen den Vorhängen aus dem Fenster nach der Polizei späte, hatte er eine Pistole in der Faust und hörte unentwegt seine Lieblingsschallplatten: die Durchhaltereden von Churchill. Wenn gar nichts mehr half, bestellte er seinen Psychiater zum Trafalger Square. Er ließ sich mit einer Sonnenbrille auf der Nase in einer dunklen Limousine hin fahren. Der Arzt stieg zu, hörte sich Ronnies Phantasien an und schrieb Rezepte aus.


Das Westend erwies sich als Goldgrube. Die Legalisierung des Glücksspiels Anfang der 6oer Jahre kam ihnen zugute: Sie beherrschten die Orte, die seit Jahren Reputation bei den Spielern genossen. Ronnie war das alles zu langweilig. Immer wieder zettelte er Schlachten an oder warf das eingenommene Geld mit vollen Händen raus. Irgendwann fuhren sie gar nach Nigeria, um sich an einem abenteuerlichen Projekt zu beteiligen: Mitten im Dschungel sollte eine moderne Stadt aus dem Boden gestampft werden. Ronnie interessierte sich mehr für die Geheimgesellschaft der Leopardenmenschen und als der Minister fragte, was er Ronnie in Nigeria sonst noch zeigen sollte, wollte dieser den Knast sehen. Der war gar nicht nach seinem Geschmack. Das Afrika-Abenteuer wurde zu einem finanziellen Fiasko. Trotzdem träumte Ronnie immer mal wieder davon, in Afrika auf Schatzsuche zu gehen oder mit einem Söldnerheer einen mittleren Staat zu erobern.

Reggie hatte inzwischen geheiratet. Der Ehe war kein Glück beschieden. Die elf Jahre jüngere Frances Shea war eine mental instabile wohlbehütete Tochter. Reggie machte sie zur Eastendprinzessin. Reibereien mit ihren Eltern sorgten schließlich dafür, dass Frances nicht mehr mit Reggie zusammenlebte. Er besuchte sie täglich und versuchte sie zurückzugewinnen. Ein Eastender meinte, Frances sei verrückt gewesen. 1967 brachte sie sich nach zwei erfolglosen Versuchen mit Schlaftabletten um. In Reggie zerbrach etwas. Er begann hart zu trinken und hatte nicht mehr die Kraft, Ronnie etwas entgegenzusetzen. Kein Interesse mehr, ein angesehener Geschäftsmann zu werden. Ronnie wollte das sowieso nie. Sein erklärtes Berufsziel war schon immer Gangster gewesen. Jetzt wurde er noch dominanter und intensivierte die Kontakte mit der amerikanischen Mafia. Gegnerische Gangs waren ausgeschaltet, und alles schien bestens zu laufen. Aber in Südlondon tauchte eine neue Bedrohung auf: die Richardson-Gang, benannt nach zwei Brüdern, die ihre Zentrale auf einem Schrottplatz hatten. Zu ihnen gesellte sich auch der Eastender Myers, der sich jetzt George Cornell nannte. „Abschaum“, wie Ronnie bemerkte, „ihm machte es Freude, Menschen zu quälen.“ Gegen die Richardson-Gang wirkten die Krays wie Waisenknaben. „Wenn wir jemanden einschüchtern wollten oder eine Rechnung zu begleichen hatten, schlugen wir ihn zusammen oder schossen ihm ins Bein. Die Richardson folterten. Ihr verdammter Schrottplatz war eine Folterkammer und Cornell ihr oberster Folterknecht.“ Erst versuchte man sich gütlich zu einigen: Keine der beiden Gangs sollte die Themse zur anderen Seite überschreiten. Die Krays konnten keinen Ärger gebrauchen. Sie kamen gerade mit der amerikanischen Mafia richtig ins Geschäft, und die würde einen Gangsterkrieg gar nicht zu schätzen wissen.
Aber die Richardsons gaben keine Ruhe. Cornell, der von Ronnie mal einen Korb bekommen hatte als er ins Pornogeschäft einstieg, stachelte sie immer wieder auf. Die Zwillinge hatten ihre Spione überall, auch in Südlondon. Sie bereiteten sich auf einen unvermeidbaren Krieg vor. Ronnie putzte seine neuen Maschinenpistolen und war bester Laune. „Sie hatten sich von unten hochgearbeitet. Und wer einmal oben sitzt, der lässt sich die Zügel nicht mehr aus der Hand reißen. Man überrollt den Feind, man zermalmt ihn unter den Rädern“, wie es bei William Kennedy heißt. Nach einigen kleineren Plänkeleien, schickten die Richardsons ein Rollkommando: Am 8. März 1966 stürmte die Gang Mr.Smith’s Club an der London-Eastbourne Road in Catford. Sie waren der Fehlinformation aufgesessen, dass die Krays und ihre Firma dort wären. Aber nur lokale Gangster und ein einziges Firmenmitglied, Richard Hart, labten sich an Getränken oder zockten bei Mr.Smith. Zur Überraschung der Richardsons ballerten die einheimischen Gangster respektlos zurück. Eine echte Filmschießerei, in der sich die Combatanten hinter Black-Jack-Tischen verbarrikadierten. Als die Polizei eintraf, waren Eddie Richardson und sein Hitman Frankie Fraser schwer verwundet. Die Polizei steckte die ganze Gang in den Knast, bis auf George Cornell, der rechtzeitig entwischen konnte. „Die Natter kroch unbemerkt durchs Gras vondannen“, wie es Ronnie sah. Ein Toter blieb zurück: Richard Hart, Firmenangehöriger. Jetzt hätten die Krays es wirklich in der Hand gehabt: Ihre schlimmsten Rivalen hatten sich selbst schachmatt gesetzt, und sie hätten lässig ihr Königreich bis Brixton ausdehnen können. Stattdessen tobte Ronnie vor Wut: Einer seiner Leute war umgelegt worden. Das konnte er nicht hinnehmen. Außerdem hatte Cornell ihn öffentlich eine „fette Tunte“ genannt. Dumm wie Cornell wohl war, setzte er sich am nächsten Tag mitten im Herzen von Krays-County in den Blind Beggar. Ronnie hörte es, ließ sich hinfahren, ging durch den ganzen Pub auf Cornell zu und schoss ihm mit seiner 9mm Mauser zu den Juke-Box-Klängen von THE SUN AIN’T GONNA SHINE ANY MORE der Walker Brothers in den Kopf. Aber auch die Sonne der Krays begann unmerklich unterzugehen, und dieser Mord sollte ihnen zwei Jahre später zum Verhängnis werden. Ihr Mafia-Freund Angelo Bruno hatte es ihnen gesagt: „Seht zu, dass ihr keinen Schmutz an die Hände kriegt. Lasst die Drecksarbeit andere machen. Ihr seid verrückt, euch selber die Hände schmutzig zu machen.“ Aber das Eastend ist nicht Philadelphia und die Krays keine Mafiabosse. Ein Jahr später ermordete Reggie den Gangster Jack the Hat McVitie in der Evering Road 167 in Stoke Newington. Scotland Yard hatte inzwischen eine Sonderabteilung „Krays“ gegründet. Sie arbeitete unter strengster Geheimhaltung auf der Südseite der Themse im Tintagel-House am Embankment. Ihr Leiter, Inspector Read, ebenfalls ein Ex-Boxer, wusste, dass er die Krays nur kriegen könnte, wenn er den Wall of Silence knackte. Tatsächlich hatten nach den Morden und der zunehmenden Brutalität der Zwillinge einige Leute aus der Firma die Hosen gestrichen voll. Die Krays waren zwar gut darin, ein Imperium aufzubauen, aber wie so viele Eroberer wenig begabt, ihr Königreich zu erhalten und zu verwalten.

Die Zwillinge benahmen sich wie auf einem Selbstmordtrip, und einige fragten sich, wie lange das noch gut gehen konnte. Gegen die Zusicherung von Straffreiheit und einer neuen Identität zwitscherten sie Read schließlich soviel vor, dass ihm die Ohren anschwollen. Und dann schlug Read zu und brachte die Zwillinge vor Gericht. Der Prozess begann Neujahr 1969 und wurde mit 39 Verhandlungstagen der längste und teuerste Prozess in der englischen Justizgeschichte. Viele Leute aus dem Klerus, der Politik oder der Finanzwelt, die sich mehr oder weniger mit den Krays eingelassen hatten, zitterten. Würden die Krays sie mit hineinziehen? Aber sie sagten nicht aus. „Die brauchten keine Angst zu haben. Wir sind keine Verräter und singen nicht. Ich bin nicht der Meinung, dass man ein Unrecht durch ein anderes Unrecht wieder gut machen kann“, sagt Reggie. Judy Garland, die oft in den Klubs der Krays zu Gast gewesen war und ein Auge auf Reggie geworfen hatte, sandte ein Aufmunterungstelegramm. Die Platzkarten für die Verhandlungen gingen auf dem Schwarzmarkt für fünf Pfund weg. Prominente, wie Charlton Heston, konnten sich das leisten und verfolgten den Prozess. Die Zwillinge und ihre Verteidiger sahen sich hilflos einem Angriff ausgesetzt, den sie nicht zurückschlagen konnten: Denunziation. Die Mauer des Schweigens war zusammengebrochen. Ehemalige Freunde und sogar Familienmitglieder sagten gegen sie aus, um ihre eigene Haut zu retten. Am 8.März verkündete Richter Melford Jones das Urteil: Die Zwillinge bekamen lebenslänglich mit der Auflage, dass sie mindestens dreißig Jahre verbüßen mussten. Ihr Bruder Charlie kam mit zehn Jahren davon und wurde nach sieben entlassen. In seinem Buch ME AND MY BROTHERS jault er am meisten über sein ungerechtes Urteil. Er betreibt heute einen Klub außerhalb Londons. Er war auch in Peter Medaks katastrophalen Film involviert, als eine Art Berater für die locations. „Er versucht so eine Art Playboy zu spielen. Aber er ist ein alter Mann. Wenn man ihn und Reg sieht, kann man nicht glauben, dass sie nur sieben Jahre auseinander sind“, sagt Rita. Wirklich verziehen hat Charlie, der als armes Justizopfer so ein richtig schönes Rechtfertigungsbuch geschrieben hat, seinen Brüdern die sieben Jahre Knast wohl nie. Das kann Rita nun gar nicht verstehen: „Er war immer dabei. Er machte den großen Macker in den Klubs. Er musste wissen, was abläuft. Wenn er es nicht gewollt hätte, hätte er jederzeit aussteigen können. Ihm gefiel das Geld auch.“ Die Zwillinge nahmen das Urteil stoisch an. „Nachdem der erste Schock vorbei war, sahen wir nur noch nach vorne. Es macht dich fertig mit dem Schicksal zu hadern.“ Harte Jahre folgten, in denen sich immer wieder verblödete Mitgefange mit Reggie Kray anlegten, um ihre Härte zu beweisen. Wie man auf der Main Street von Dodge City den schnellsten Schützen herausforderte.

1984 erschienen sie beim Begräbnis ihrer Mutter zum letzten Mal gemeinsam in der Öffentlichkeit. Hunderte Journalisten und Polizisten machten die Beerdigung zum Alptraum. Als ihr Vater starb, gingen sie nicht zur Beisetzung. „Dad hätte diesen Rummel nicht gewollt.“ Ronnie lebte in der Psychiatrie von Broadmoor in der Grafschaft Berkshire. Jeden Tag bekam er eine hohe Dosis Stematol und Disipal. Alle zwei Tage eine Injektion Modikat gegen Schizophrenie. Er war relativ stabil, hörte viel Musik und konnte ein relativ freies Leben in Broadmoor führen. Dazu gehörten an die hundert Zigaretten täglich und zu wenig Bewegung. Was zur offiziellen Todesursache durch Herzinfarkt geführt haben soll. Bruder Reggie hatte und hat es schwerer. Bis 1988 hatte er die höchste Sicherheitsstufe. Kein anderer Gefangener war länger als er in der Sichheitstufe A. Er hat die übelsten Gefängnisse Englands durchlaufen. Ihre lange Haftstrafe ließ ihre Legende wachsen. Der erfolgreichste Film des Jahres 1990 in England war THE KRAYS mit Gary und Martin Kemp in der Rolle der Zwillinge. Der Staat scheint nicht zu verstehen, dass er gegen einen Mythos kämpft, der mit jedem Hafttag Reggies größer wird.

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