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DIE NATION DREHT DURCH
So lautete der Titel eines Buches, das bei Ullstein erscheinen sollte, aber nie herauskam. Das war vierzig Jahre nach den Nazis, zwei Jahre, nachdem Helmut Kohl Kanzler geworden war, sechs Jahre vor der deutschen Vereinigung, 15 Jahre vor dem Euro (als Europa prima! wahr wurde) und 26 Jahre, bevor Christian Wulff ins Schloss Bellevue umzog.
Ullstein bekam damals kalte Füße, zog die Notbremse und stieg aus. Inzwischen wäre so ein Projekt als Buch nicht mehr möglich.
Weil die Satire längst Wirklichkeit geworden ist. Sie findet in Deutschland und anderswo statt – täglich, stündlich. Man begegnet ihr an allen Ecken & Enden – und niemand zieht die Notbremse. (Ullstein, wo bist Du?)
Im “(Des-)Informationsmedium” Internet, zwischen Google, Facebook, Twitter und YouTube, werden der Verfall der Bedeutung sowie deutsche Provinzialität allerorten exerziert. Gönnen Sie sich den Spaß: Besuchen Sie unverbindlich die Website der Grünkohl-Akademie Oldenburg [www.gruenkohl-akademie.de] “Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Christian Wulff sowie die Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Helmut Kohl sind Kohlkönige, beziehungsweise -königinnen.”
Guten Appetit!, kann man da nur wünschen. Es wird nicht mehr über Sachfragen debattiert, es geht um Personen, die in Deutschland inzwischen Programm geworden sind:
- David Groenewold, Carsten Maschmeyer, Veronica Ferres und andere liebe Freunde, die der Bundespräsident schon mal gerne besucht, damit sie ihm das Frühstück machen
- denn die vorbildliche Ehefrau des Präsidenten hat dafür keine Zeit, weil sie shoppen gehen muss.
- Dr. Guido Westerwelle, Dr. Philipp Rösler, der “Wegmoderierer” der FDP: auch er einer, der aus Hannover kommt, wie sein Generalsekretär Patrick Döhring – sie alle im freien Fall. Die Frage ist nur: Wer fällt schneller? Einige mögen sich, wäre ein solcher Vergleich statthaft (er ist es ist nicht!), noch an einen anderen tragischen Absturz, den des Herrn Möllemann, erinnern.
- Ronald “Halt’s Maul” Pofalla aus Weeze und Thilo Sarrazin aus Recklinghausen, der befürchtet, dass Deutschland sich abschafft
- Helmut Kohls ehemaliger Lieblings-Jungunternehmer Lars Windhorst aus Rahden in Westfalen und sein Freund Andreas Fritzenkötter, der auch mal für Kohl tätig war
- Karl Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und andere unverdiente Doktoranden
- Familie Pooth, Daniela Katzenberger, Eva Hermann und Kader Loth
- Barbara Schoeneberger, Dieter Bohlen, Matthieu Carrière, Rainer Langhans und das Dschungelcamp einschließlich Frau Zietlow – http://www.sonja-zietlow.de: “hereinspaziert! es tut auch gar nicht weh! eigentlich bin ich nämlich ganz nett!”
- Hansi Hinterseer und Jörg Kachelmann
- Hartmut Mehdorn, der ehemalige Reformator der Berliner S-Bahn, der aus der Bahn alles erdenklich andere machen wollte, und Ex-(Militär-)Bischof Walter Johannes Mixa aus Oberschlesien, dem die Stunde schlug
- Noch-OB Sauerland, das ganz andere “Adolf”-Gefühl
- Apropos, wenn es damals schon mehr TV gegeben hätte, dann hätte sich der frühere “Adolf” beim deutschen Volk entschuldigen und so vielleicht “durch ein besseres Leben” weitermachen dürfen, ohne aus diesem zu scheiden: Es tue ihm herzlich leid. Er möchte das Amt aber, bitteschön, auch in Zukunft gewissenhaft und mit ganzer Kraft ausfüllen, die anstehenden Herausforderungen bewältigen. Dafür bitte er auch zukünftig um Vertrauen. (Zurück zum Bundespräsidenten, der glücklicherweise kein Führer ist: Wenn der wenigstens ein richtig großes Ding gedreht hätte, das Schlagzeilen in der Weltpresse gemacht hätte. So aber geht es nur um ein bescheidenes, dörfliches Eigenheim, einen Besuch hier, einen Besuch dort, Designerklamotten für die Ehefrau… Angeblich kann Dieter Wedel sich vorstellen, das zu verfilmen!)
- die Amateurligen der RTL-Prollsendungen, von Familien im Brennpunkt bis zur deutsch-russischen Partnerbörse Traumfrau gesucht mit “Ekel” Walther
- Mietnomaden und Rechtsextreme
Aber es geht im Leben ja bekanntlich immer noch eine Stufe tiefer.
Wie bemerkte eine RTL-Laiendarstellerin, der der Text entflogen war, zum Jahreswechsel so richtig: “Lieber ein Schrecken ohne Ende als ein Ende ohne Schrecken…” Zwar nicht den Sieg, aber doch dieses Motto werden wir uns die nächsten zehn Jahre gern auf die Fahne heften.
Rolf Giesen
Freitag, der 13. Januar 2012
