Martin Compart


AUFGEPASST, TIERSCHÜTZER! von Martin Compart
10. Mai 2013, 9:06 vormittags
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kampfkatze2

Die Sodomisten und Tierquäler fahren gerade wieder eine Offensive um engagierte Tierschützer mundtot zu machen. Ihr Trick: Sie bedienen sich Maulwürfe, um an Interna zu gelangen, die nicht veröffentlicht werden sollten, zum Beispiel schwarze Listen (auf denen diese Dreckstypen identifiziert und benannt werden). Der Maulwurf sorgt dafür, dass diese Listen im Netz veröffentlicht werden. Dann kann der Sodomist nämlich klagen (Datenschutz, Verleumdung usw.). Ein Tierschützer sieht sich bereits von einer Klagewelle überrollt (ca.50 Sodomisten und Tierquäler haben sich offenbar vereint um ihn fertig zu machen, was leicht den Tatbestand einer – lacht nicht – „Verschwörung“ erfüllt und als solches gerichtet werden kann. Knotenpunkt scheint eine Staatsanwaltschaft in Ostdeutschland zu sein. Falls einer von Euch betroffen ist/wird: Sofort Gegenklage erheben. Wir arbeiten an der Möglichkeit eines Unterstützerfonds. LASST EUCH VON DIESEN LUMPEN NICHT BEEINDRUCKEN!
Am Ende kriegen wir sie alle.

kampfkatze[1]



NEWS: 007, JUBILÄUM und SKYFALL von Martin Compart
26. Oktober 2012, 7:14 vormittags
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Neues und älteres zu JAMES BOND von mir findet man natürlich in diesem Blog und auf:

http://jungle-world.com/artikel/2012/43/46478.html

www.evolver.at/stories/James_Bond_online_2012/



NEWS von Martin Compart
14. Juni 2012, 9:20 vormittags
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Durch Zufall (ich war mal wieder auf der Suche nach neuen Informationen über ein paar Lieblingsautoren) entdeckte ich im Netzmagazin Cultmag eine bisher siebenteilige Serie von Alf Mayer, die ein Portrait von Stephen Hunter als Ausgangspunkt nimmt. Die Serie ist so gut, dass ich sie meinen Lesern, unbedingt empfehlen muss (ist auch etwas für Sie, Herr Westenfelder!)
In seinem Portrait über den ebenso umstrittenen wie grandiosen Thriller-Autor Stephen Hunter integrierte Alf Mayer eine Kulturgeschichte des Scharfschützen und seiner Spuren in Literatur und Film, die zum faszinierendsten gehört, dass ich zum Thema gelesen habe. Auch wenn mir die Analyse und Darstellung von Hunters Romanen in einigen Aspekten etwas zu kurz kommen, besticht Mayer durch seine immense Bildung in Kriegsgeschichte, Film und Thriller. Seine entwicklungsgeschichtliche Darstellung der „Sniper-Kultur“ beinhaltet moralische Fragestellungen und eine daraus resultierende Mentalitätsgeschichte. Neben Hunter behandelt er eine ganze Reihe von Thriller-Autoren, die ebenfalls dieses Sujet beackert haben. Und wohl jeder Film zum Thema wird akribisch durchgekaut.
Selten ist die Auseinandersetzung mit dem Thriller und seine gesellschaftspolitischen- und medialen Hintergründe bei uns auf so hohem Niveau.

Diesen Link herunter scrollen, dann kann man die Serie chronologisch aufrufen:http://culturmag.de/rubriken/buecher/alf-mayers-blutige-ernte-stephen-hunter-teil-vii/48372

P.S.: Da verzeihe ich Herrn Mayer sogar, dass er nicht dazu in der Lage ist, das Raffinement des Stils (Höhepunkt ist m.E. DER AFGHANE) von Frederick Forsyth zu erkennen.



WILLIAM BOYD SCHREIBT DEN NÄCHSTEN 007-ROMAN von Martin Compart
12. April 2012, 10:26 vormittags
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Rechtzeitig zum nächsten Bond Jubiläum 2013 – diesmal “60 Jahre CASINO ROYALE” – gibt es den nächsten Roman. Nun ist William Boyd dran, der sich mit exotischen Abenteuergeschichten und auch Agentenromanen einen gewissen Ruf erschrieben hat. Bei uns wurde er von Ulrich Wickert als “neuer Graham Greene” etikettiert. Das darf man ihm nicht vorwerfen; einer Quasselstrippe wie Wickert, der einfach nicht die Tinte halten kann, ist schwer zu entkommen. Boyd ist natürlich bekennender Bond-Fan und hat Ian Fleming bereits in seinem Roman ANY HUMAN HEART (2002) als Rekrutierer der Hauptperson für den britischen Geheimdienst auftreten lassen. Sein Lieblings-Bond ist FROM RUSSIA WITH LOVE. Der Titel steht noch nicht fest, aber die beste Nachricht überhaupt: Es wird ein klassischer Bond, der 1969 spielt. Vielleicht knüpft er an Sebastian Faulks DEVIL MAY CARE an. Boyd: “Ich sagte sofort zu. Diese Chance bekommt man nur einmal.”

Eine weise Wahl, nachdem der Amerikaner Jeffrey Deaver (siehe in diesem Blog) in CARTE BLANCHE Bond unglaubwürdig in die Gegenwart transponiert hatte und 007 zu einem politisch korrekten harmlosen Thriller-Männchen umgestaltete. Die Strafe folgte: In der ersten Woche verkaufte Deaver nur ein Drittel von Faulks Roman; weltweit bisher “nur” 160 000 Exemplare.

Die Idee der Fleming-Erben neue Bond-Romane von namenhaften Autoren schreiben zu lassen, ist interessant und spannend. Für anspruchsvolle Fans jedenfalls aufregender als wenn Hacks wie John Gardner oder Raymond Benson die Figur über viele Bücher fortschreiben.

P.S.: Der renomierte Comic Verlag CROSS CULT plant eine ungekürzte deutsche Gesamtausgabe der 14 Bond-Bücher von Fleming.



007-ALTE NUMMER, NEUER BOND von Martin Compart

Dieses Jahr wird für Bond-Fans voraussichtlich ein gutes. Zum 50.Jubiläum der Filmserie kommt der neue Schocker mit Daniel Craig, SKYFALL, Ende des Jahres in die Kino. Und soeben ist die deutsche Übersetzung des neuen 007-Romans erschienen. Es ist der 23.Bondroman, der nicht von Ian Fleming geschrieben wurde – die Novelizations der Filme nicht mitgerechnet. Wie jeder neue Bond-Darsteller sorgt auch jeder neue Bond-Autor für heftige Kontroversen bei den 007-Fans. Die besseren sind Fleming nahe gekommen, keiner kam ihm gleich und niemand übertraf ihn.

RÜCKBLICK AUF DIE FLEMING-NACHFOLGER:

Das die Gelddruckmaschine Bond durch den Tod von Fleming nicht gestoppt werden durfte, war klar. Weitere Bond-Romane mussten folgen, den Erfolg der Filme begleiten. Als ersten neuen Autor erwählten die Fleming-Erben keinen geringeren als den angesehenen Romancier Kingsley Amis (LUCKY JIM). Der hatte sich bereits als Bond-Afficionado bewiesen mit der vorzüglichen Analyse THE JAMES BOND DOSSIER (noch immer eines der besten Bücher über Fleming und 007). Unter dem Pseudonym „Robert Markham“ veröffentlichte er 1968 mit COLONEL SUN ein überzeugendes Fleming-Pastiche. Danach lag das Unternehmen „neue Bond-Romane“ erstmal auf Eis. 1981 verpflichtete man den mäßigen Thriller-Autor John Gardner für weitere Bond-Abenteuer. Die ersten beiden Romane waren erfolgreich, schafften es auf die Bestsellerlisten. Dann war der Ofen aus, denn die Bond-Leser hatten keine lust, Gardners dümmliche Aktualisierungen ihrer Ikone weiter zu begleiten. Eine von Gardners dämlichsten Nummern war Bond einen Saab fahren zu lassen, eine auf Sicherheit ausgelegte Familienkutsche für den rücksichtslosen Sportwagenfahrer! Gardners insgesamt 14 Romane wiesen einen Haufen Ärgerlichkeiten auf und zeigten deutlich, dass der Autor wenig Ahnung vom Mythos (und von Stil) hatte. Zu allem Überfluss machte er Bond auch noch zum überzeugten Teetrinker! Fleming bemerkte fast in jedem Buch, wie sehr Bond dieses Getränk hasste. Fleming-Agent Janson-Smith ertinnert sich: „Gardner wollte, dass Bond zum Gustav-Mahler-Fan wird, weil Gardner Mahler-Fan war. Das habe ich abgelehnt. Zu Anfang verkauften sich seine Bücher wirklich gut, aber dann ging es bergab. Er war vielleicht zu lange dabei. Er wollte immer genauso viele Bücher schreiben wie Fleming…“
Peinlich wurde Gardner besonders dann, wenn er krampfhaft versuchte Flemings eigenwillig harten Szenenanreißer zu kopieren; das klingt dann eher nach Parodie (und die Bond-Parodien um Boysie Oakes, mit denen der Gute vor vielen Jahren mal ins Geschäft kam, waren schon schwer erträglich). Ein paar Stümpereien gefällig? Bitte sehr (aus SCORPIUS):

“Das Summen des Radioweckers schnitt wie das Messer eines Vandalen in den tiefen Kokon des Schlafes.”

“`Nein! Nein!Nein!`’Ja’, sagte Bond scharf und herrisch. ‘ Ja!Ja! Und Ja!’”

Gardner hatte kaum Ahnung von seinem Helden. Zwar hatte sich das im Laufe der Jahre da ein bisschen was getan, aber wirklich begriffen hatte Gardnerr weder die Figur noch deren Schöpfer. So lässt er den hundertprozentigen Briten etwa französische Anzüge tragen oder macht den von Kingsley Amis als Kulturbanausen richtig erkannten Bond plötzlich zum Jazz-Fan. Statt cooler Arroganz ist dem Gardner-Bond debiles Menscheln eigen. Und M, von Fleming als Inbegriff des effektiven emotionslosen Apparatschik charakterisiert, lässt er kaum motivierte Wutausbrüche hinlegen. Und “sein” Bond behauptet gar – und da bleibt wohl jedem Fleming-Kenner die Spucke weg -:”Mein Vorgesetzter ist von einem hübschen Gesicht und einer noch hübscheren Figur leicht herumzukriegen.“ John Gardner gehörte offensichtlich zu einem Komplott von SPECTRE um Bond endgültig auszuschalten. Immerhin verkauften sich seine Romane bei absteigender Tendenz fast fünf Millionen mal.

Etwas besser waren danach die Bond-Romane von Raymond Benson (von denen nur wenige ins Deutsche übersetzt wurden). Aber auch sie hatten nicht den Fleming-Touch (den Kingsley Amis heraufbeschwören konnte). Anders als in den Filmen funktionierte es nicht überzeugend, Bond in die Gegenwart zu transformieren und ihn peinlich dem Zeitgeist anzupassen. „Benson habe ich aufgrund seines Sachbuchs über Flemings Romane engagiert. Seine ersten Bücher hatten gute Strukturen und viele Textfehler, aber er lernte schnell. Flemings Erben mochten Bensons Bücher nicht. Auch die Verkäufe gingen rapide zurück.“ Sein letzter, THE MAN WITH THE RED TATTOO (in Deutschland nicht veröffentlicht) verkaufte in England lediglich 5000 Exemplare und in den Staaten 13.000. Seine sechs Romane hatten weltweit die schlappe Auflage von 600 000 Exemplaren. Flemings Bücher haben inzwischen lange die 100 Millionen überschritten.

Sebastian Faulks, der vorletzte Bond-Autor, hatte das wohl begriffen und schrieb ein period piece. DER TOD IST NUR DER ANFANG (Heyne) spielt 1967 und mobilisiert den Fleming Touch ganz ordentlich. Außerdem bringt der Roman spärlich aber witziges Zeitkolorit mit ein. Etwa Anspielungen auf die damalige Verhaftung der Rolling Stones wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.. Da regt sich dann M darüber auf, dass „seine“ TIMES für Gerechtigkeit gegenüber diesen langhaarigen Pop-Schurken plädiert. Genial fand ich, dass Faulks direkt an Flemings letzten Roman, THE MAN WITH THE GOLDEN GUN, anschließt und im Iran spielt. Trotzdem erreicht auch er den Meister nicht, der die Leser Adrenalin auf hohem Niveau ausstießen ließ (man lese nur die über mehrere Seiten laufende Szene mit dem giftigen Tausendfüssler in DR.NO! Im Film wurde daraus die läppische Vogelspinnen-Szene). Ian Flemings literarisches Genie ist in Deutschland bis heute weder entdeckt noch gewürdigt. Was nicht wirklich verwundert. Für das debile Feuilleton hätte ihn wahrscheinlich Diogenes veröffentlichen müssen. Denn ohne Diogenes wüssten diese Parakritiker heute noch nicht wer Chandler, Highsmith oder Ambler sind (obwohl diese lange zuvor in anderen Verlagen veröffentlicht wurden). Anthony Burgess zählte GOLDFINGER unter die 99 besten Romane des 20.Jahrhunderts. Aber wer ist schon Burgess? Ein Name, den weder Radisch, Dotn, Mangold, oder wie diese Bürokraten der Langeweile alle heißen, je gehört haben.

Das Großmaul Faulks übernahm sich mit einigen Äußerungen, die nicht alle glaubwürdig klangen. Sein Roman entspräche stilistisch zu 80 Prozent Ian Fleming. Er habe es weitgehend nach dessen Methode geschrieben: “In seinem Haus in Jamaika schrieb Fleming am Morgen 1000 Worte, dann ging er Schnorcheln, nahm einen Cocktail, Lunch auf der Terrasse, ging wieder Tauchen, schrieb weitere 1000 Worte am späten Nachmittag, dann mehr Martinis und bezaubernde Frauen. In meinem Haus in London habe ich diese Routine genau nachgemacht – allerdings ohne Cocktails, Lunch und Tauchen.” Sechs Wochen habe die Arbeit an DEVIL MAY CARE gedauert. Gelungen ist ihm immerhin der überzeugendste Bond seit Amis. Und es war mit 44 000 verkauften Exemplaren in der ersten Wochedas am schnellsten verkaufte Hardcover in der Geschichte von Penguin Books!

Janson-Smith hatte es nicht leicht in den letzten Jahren Flemings Werk international am Leben zu erhalten: „Ich denke nicht, dass Heyne in Deutschland der richtige Verlag für diese Bücher ist. Sie verkaufen sich seit Jahren schlecht. Auch in Frankreich ist das so, der Verleger Gallimard hat sie sogar aus dem Programm genommen. Man darf aber nicht vergessen, dass Bond immer noch ein sehr guter und sehr bekannter Name ist. Man sollte ihn nicht unterschätzen. Es ist erstaunlich, was Fleming erschaffen hat. Die Filme werden sowieso ewig weitergehen. Ich hoffe nur, dass die Geschichten besser werden. Ich habe den ersten deutschen Bond-Vertrag mit Ullstein auf der Frankfurter Buchmesse gemacht, in “Jimmys Bar” im Hotel “Hessischer Hof”. Danach gingen die Rechte an den Scherz-Verlag, weil Ullstein mit den Verkäufen nicht zufrieden war. Ich weiß noch, dass ein Herr Hausen nach James Bond gefragt hat, der die Bücher ins Armenische übersetzen lassen wollte, weil dort die Kinder danach gefragt hatten. Er hatte nicht viel Geld und sagte, dass die Sprache aussterbe und bot 50 Mark für jeweils drei Bücher. Ian war erfreut. Wir machten den Deal, und so erschienen die Bücher auf Armenisch. Ian sprach ja auch deutsch. Ich habe viele Verträge in Frankfurt geschlossen.“

CARTE BLANCHE

Tja, und nun also Jeffrey Deaver. Er ist seit Jahren einer der erfolgreichsten Thriller-Autoren der Welt und wurde anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Ian Fleming Steel Dagger Award gefragt, ob er einen Bond schreiben wolle. Deaver ist seit dem 8. Lebensjahr Bond-Fan und sagte zu. Deaver hat Millionen Thriller verkauft, eine beliebte Serienfigur(Lincoln Rhymes) erschaffen und eine Menge Fans, auch im deutschsprachigen Raum. Ich gehöre nicht dazu. Mir ist er zu geschwätzig. Wahrscheinlich bekam er “carte blanche” von den Fleming Erben, für mich wurde es eher zur “Lizenz zur Langeweile”.
Nach dem Experiment mit dem Literaten Faulks und der kurzen Rückkehr in die 1960er, durfte Deaver Bond nicht nur in die Gegenwart holen, sondern ihn komplett updaten. Ziel war es, einen zeitgenössischen Bond für das 21.Jahrhundert zu etablieren, auf dem weitere Romane aufbauen. Bei der Kinoversion hat das ja geklappt, in dem Daniel Craig den Superagenten etwas verprollte und damit dem jüngeren Publikum zugänglicher machte. Im Roman, der sich zwangsläufig an Alphabeten wendet, muss man andere Wege gehen.
Zum Plot will ich nicht zuviel erzählen. Bond hat fünf Tage um einen Anschlag mit dem schönen Code-Wort „Gehenna“ zu verhindern.. Also rast er von Serbien über England und Dubai bis Südafrika herum, trifft nette und böse Frauen, wird unterstützt von seinen alten Mitkämpfern Mathis und Leiter (der natürlich nicht seine Hand von einem Hai in LIVE AND LET DIE abgebissen bekam un den Bond nun während seiner Militärzeit kennen gelernt hat) und macht dabei – frei nach LITTLE BRITAIN – so Bondsachen. Der Schurke heißt Severan Hydt, hat nekrophile Neigungen, und steht ganz in der Tradition. Um Druck zu erzeugen, lässt Deaver den Roman in sechs Tagen spielen.

Deaver bediente sich natürlich bei den populären Fleming-Topoi, die Kingsley Amis im BOND DOSSIER aufgeschlüsselt hatte. Alles da, was den Bond-Fan erfreut: Ein ungewöhnlicher Schurke, die schönen Frauen, exotische (gut recherchierte) Schauplätze, gepflegte Gastronomie, technische Gadgets, Markenartikel, Autos und die Walther-Pistole. Aber Bond ist nun Afghanistan-Veteran, vermutet, dass seine Eltern von den Russen ermordet wurden. Zu allem Überfluss interessiert er sich auch noch für Formel 1. Ich hatte immer Probleme mit den Revampingversuchen des literarischen Bond (anders als mit den filmischen). Ähnlich wie bei Sherlock Holmes. Wo dies allerdings in der TV-Serie SHERLOCK überzeugend gelungen ist. Für mich sind sie Charaktere, die so intensiv ihre Epoche widerspiegeln, das immer ein schales Gefühl zurück bleibt wenn man sie zu modernisieren versucht. Am besten gelang das m.E. bei Bond noch Raymond Benson (und natürlich in den grandiosen Comic Strips von Jim Lawrence und Horak). Deavers Bond ist mir zu steril. Flemings Geschöpf war düsterer und stand ganz in der Tradition des byronschen Helden. Fleming konnte es sich erlauben, ihn auch unsympathisch zu zeigen. Deaver geht dieses Risiko nie ein. Würde man den Namen ändern, käme man nur selten auf den Gedanken, dass es sich um Bond handelt. Es fühlt sich falsch an.
Leider vergeigt Deaver auch gleich den Anfang des Romans, in dem Bond gegen einen Profi-Terroristen das Attentat auf einen Giftzug in Serbien verhindert. Es gelingt ihm nicht – und das ist bei Action-Szenen nun mal wichtig – ein Gefühl für den Raum zu vermitteln. Dadurch baut sich beim lesen der Suspense nur mangelhaft auf. Außerdem stimmt das Timing nicht .Im Film würde man sagen: der schlechte Schnitt hat die Szene ruiniert. Aber Raum- und Zeitgefühl zu vermitteln muss man um Suspense bei Actionszenen zu erzeugen, das ist im Buch nicht anders als im Film. Sense of location und Timing sind bei Fleming so perfekt, dass sie einem auch heute noch den Schweiß auf die Stirn treiben.
Deavers technische Recherchen sind beeindruckend: Er arbeitet überzeugend die aktuellen Technologien ein und lässt Bond sie nutzen. Ganz auf der Höhe ist CARTE BLANCHE ein zeitgemäßer Thriller. Wichtigstes Gadget ist ein „IQ-Phone“, voll gestopft mit Aps für die man morden würde.
Manchmal trifft Deaver den Ton ganz gut, aber dann haut er immer wieder so peinlich daneben, dass es der Sau graust. Etwa in Bond zugeschriebenen Äußerungen wie „Ich fühle mich fast wie Lehman Brothers“. Einmal verzichtet Bond sogar darauf einen Gegner zu töten und schießt ihn nur in den Arm. Häh? Diese Milde hat er wohl aus Afghanistan mitgebracht. Den Chauvinismus, den Kritiker Fleming zu Recht vorgeworfen haben, hat Deaver „seinem“ Bond ausgetrieben. Aber genau dieser Chauvinismus hat die Figur so überzeugend gemacht. Bond als politisch korrekter, für Gleichheit eintretender, nicht-sexistischer Nichtraucher funktioniert genauso wenig wie Philip Marlowe als glücklich verheirateter Millionärinengatte.

Dieser manchmal an Rassismus grenzender Chauvinismus spiegelte vortrefflich die Arroganz des untergehenden Empires und ist deswegen nicht nur mentalgeschichtlich hoch amüsant. Er schuf einen eigenen Kosmos, einen Themenpark, den man Testosteronland nennen könnte. Flemings Bond ist nicht der unbesiegbare Snob der meisten Filme. Er ist ein Mann mit einer Sozialisation und tiefen inneren und äußeren Wunden. Er hat manchmal Angst und Fleming beschreibt seine Furcht minutiös. Durch seine Kunst, einen dreidimensionalen Charakter zu schaffen wurde Bond erst zu dem Mythos, den der Film zum eindimensionalen Klischee herunter kürzte.
Die literarische Vorlage ist bedeutend vielschichtiger als die dem jeweiligen Zeitgeschmack angepassten Film-Bonds.
In DR .NO hat er sogar Angst um seinen Job, weil er am Ende von FROM RUSSIA WITH LOVE einen Kampf gegen eine ältere Frau verloren hat. In THUNDERBALL ist er körperlich so schlecht zurecht, dass M ihn zur Kur in einer Gesundheitsfarm schickt. Und der oft skrupellose Frauenheld verliebt sich manchmal so sehr , dass er dafür seinen Job gefährdet oder hinschmeissen will (Tracy, Domino, Vesper, Kissy).
Er ist Held und Anti-Held in einer Person (Fleming schrieb zeitgleich mit Autoren wie John Osborne und Kingsley Amis, die die „Angry young men“ in die britische Literatur brachten). Welchen Sinn macht es, dieser Figur alles zu nehmen, was sie charakterisiert? Weil man lediglich Bond lediglich als Markenmanagement verwendet. Die zweifelhafte Gleichung der Fleming-Erben, die den Rachen nicht voll genug kriegen lautet: Bestsellerautor Deaver+Brandname 007+update a la Bond-Filme=Welterfolg.

Deavers Bond ist blaß, ein Papp-Charakter dessen Emotionen aufgesetzt wirken. Ein Typ, der einen nicht wirklich interessiert – wie die Knatterchargen in Deavers überschätzten Thrillern.
Ein weiteres Manko: Das Buch ist zu lang – bisher der längste Bond-Roman überhaupt. Deaver labert zuviel herum, lässt Bond bei Verfolgungsjagden geradezu schwachsinnig über Kugelausstoß oder Entfernungen meditieren. Der britische Kritiker Ivan Radford bringt es auf den Punkt: „Wie ein Mathematiklehrer mit einer Kanone“.

Dem kann man ausweichen, indem man zur gekürzten Hörfassung greift. Das Hörbuch ist bei Random House Audio erschienen und 403 Minuten lang. Das richtige Bond-Feeling garantiert Sprecher Dietmar Wunder, der Daniel Craig synchronisiert. Und da ich ja für die billigsten Kalauer zu haben bin: Herr Wunder erzählt den Roman ganz wunderbar.

Was ist nun nach all dem Rumgemaule das Fazit? Sollte man den Roman lesen oder nicht? Ja, verdammt. Schließlich haben wir Bond-Fans auch MOONRAKER oder QUANTUM OF SOLACE angesehen. Und – „M“ sei meiner gnädig – John Gardner gelesen.



007 kehrt zurück von Martin Compart
31. Januar 2012, 9:58 vormittags
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Nur noch wenige Wochen: Dann erscheint der neue Bond-Roman bei Blanvalet. Hier erfahren Sie, ob sich das Warten gelohnt hat und welche Aspekte Jeffrey Deaver dem Pop-Mythos entnimmt und ob er neue hinzufügen kann. Er muss sich letztlich an einem der größten Thriller-Autoren aller Zeiten messen lassen.

Mit dem neuen Roman und dem kommenden Film könnte es ein gutes Jahr für Bond-Fans werden.



SPYTHRILLER: JOHN BUCHAN 1/ von Martin Compart
3. November 2011, 4:53 nachmittags
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                           Buchans Büste von Thomas Clapperton, ca.1930.

John Buchans Held Hannay wird gerne als ein Vorfahre von Flemings James Bond bezeichnet. Was den Bekanntheitsgrad in seiner Zeit (sein wichtigster Roman, THE 39 STEPS, ist seit seinem Erscheinen 1915 bis heute nie vergriffen gewesen und wurde viermal verfilmt)angeht, stimmt der Vergleich auf England beschränkt. Auch war es Buchan, der den Action betonten Spionageroman kreierte. Darüber hinaus war er aber ein ungleich unfangreicher interessierter Mann als Ian Fleming, der viel stärker Zeitbezüge in seine Romane einarbeitete. Wären nicht seine oft aus heutiger Sicht phantastisch anmutenden Plots, seine grandiosen Schilderungen physischer Aktion (die viel seinem Landsmann Robert Louis Stevenson verdanken) und die romantischen Helden, allen voran Richard Hannay, wäre der Blick nicht verstellt auf seine Qualitäten, zeitgenössische Politik zu interpretieren und zu reflektieren.

Buchan schuf mit 39 STEPS nicht nur den Klassiker der romantischen Agenten-Thriller.  Thematisch gewann er fast mit jedem seiner Thriller  neue Themen und Topoi des Genres hinzu: In MR.STANDFAST(1919) etwa, setzt er sich mit der psychologischen Kriegsführung und Unterwanderungstaktiken auseinander, die ein Land von innen bedrohen können. Viel gefährlicher als der Kampf an der Front oder die Jagd auf Saboteure erscheinen ihm feindlichen Demagogen, die durch Zerrüttung des inneren Friedens im eigenen Land für Unruhe sorgen. Für Buchan, der sich in diesem Buch von einem Milnerschen hardliner zum liberalen Konservativen wandelte, geschieht das durch ein geschicktes Manipulieren der sozialen Gegensätze, die im Bürgerkrieg enden könnten.

John Buchan, erster Baron Tweedsmuir von Elsfield wurde am 26. August 1875 in Perth, Peebles-shire in Schottland als ältester Sohn eines presbyterianischen Pfarrers geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Kirkcaldy, Fife (wo auch der Anfang von PRESTER JOHN spielt) und im Tweed Tal an der schottischen Grenze. Es blieben seine Lieblingslandschaften, die auch immer wieder in seinen Büchern geschildert wurden. 1888 ging die Familie nach Glasgow. Er besuchte die Glasgower Universität und anschließend das Bresnose College in Oxford, wo er klassische Philologie und Jura studierte. Schon während des Studiums kündete sich eine glanzvolle Karriere des Hochbegabten an: gerade zwanzig Jahre alt erschien sein erstes Buch und 1897 und 1898 gewann er zwei wichtigeUniversitätspreise, den Stanhope Essay Prize und den Newdigate Prize. Noch während des  Studiums veröffentlichte er zwei Romane, eine Sammlung Gedichte und Kurzgeschichten und eineEssaysammlung. Das führte zu einer Eintragung im “Who’s Who” noch bevor er einen akademischen Grad errungen hatte.  1899 schloss er sein Studium ab. 1901 wurde er als Anwalt zugelassen, ging aber noch im selben Jahr als Sekretär zu Lord Milner, dem Hochkommissar für Südafrika. Er wurde nach Kapstadt geschickt und kümmerte sich um die Kriegsgefangenenlager in denen furchtbare Zustände für eine ungewöhnlich hohe Sterberate sorgten. Dem kämpferischen Humanisten Buchan gelang es durch Reformen und bessere Behandlung diese Verhältnisse zu ändern. Um dieser Zeit, in der er zum inneren Kreis der “bright young men” im Londoner Polit-Establishment zählte, wurde sein politisches Bewusstsein nachhaltig geprägt und seine Liebe zu Südafrika vertieft (reaktionäre Bemerkungen über Schwarze, die sich in seinen Thrillern finden, lassen ihn als überzeugten Imperialisten seiner Zeit und als Anhänger der Apartheid erscheinen).

1903 trat er in den Verlag Nelson ein, wo er es bis zum Direktor brachte. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs entstanden fast zwanzig Bücher, darunter Gedichte, Geschichtswerke und erste Biographien.

Sein erster Thriller, THE HALF-HEARTED, war bereits 1900 erschienen. In diesem Buch verhindert sein Held Lewis eine Invasion Indiens durch die Russen. 1910 veröffentlichte er mit PRESTER JOHN einen Roman, der schon auf die späteren Hannay-Romane vorausweist und Buchans Ansichten über Afrika illustriert: Ein junger Engländer verhindert einen Aufstand der Schwarzen, der durch einen diabolischen, “ungewöhnlich intelligenten Neger” angezettelt wurde. Trotz seiner imperialistischen Ideale, zeichnet den Roman ein gewisses Verständnis der südafrikanischen Situation aus. Erstmals in einem Polit-Thriller (der hier ganz klar in der Tradition der school boy adventure novel steht) taucht auch die Parole “Afrika den Afrikanern” auf. Noch  heute ist das Buch ein überzeugendes Zeitdokument.

1907 heiratete er Susan Charlotte Grosvenor, mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte.

Anfang des Krieges war er Direktor des Reuter-Pressedienstes in London. Unter dem Eindruck des beginnenden Weltkrieges entstand Buchans bekanntestes und in der Geschichte des Spionageromans eine Schlüsselposition einnehmendes Werk: THE 39 STEPS.



SPYTHRILLER: THE MAN FROM U.N.C.L.E. von Martin Compart
20. Oktober 2011, 2:31 nachmittags
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Hiermit beginne ich eine Serie, die unsystematisch und in loser Folge die Entwicklung des Spionagethrillers und Polit-Thrillers in den unterschiedlichen Medien beleuchten soll.

1962 kam mit “Dr. No” der erste Bond-Film in die Kinos und löste in der westlichen Welt das aus, was als “Bonditis” in die Kulturgeschichte eingehen sollte. Parallel zur Beatlemania erreichte der 007-Kult mit “Goldfinger” 1965 den Höhepunkt, und Sean Connery wurde wie ein Popstar gefeiert. In Folge der Bond-Hysterie schossen Geheimagenten in Film und Romanen wie Pilze aus dem Boden. Jeder wollte sich eine Scheibe vom Agenten-Kuchen abschneiden. Auch in Deutschland wollte man von dieser Welle profitieren. Die Film-Produzenten stürzten sich auf einheimische Groschenhefte und produzierten Serien über den FBI-Agenten Jerry Cotton und Kommissar X – und machten in einem One Shot gar Lex Barker zu MISTER DYNAMIT.
Mit den ersten Bond-Filmen begann auch eine weltweite und multimediale Agentenwelle, die selbst ins Heimkino schwappte. Im Fernsehen hatte es bereits zuvor Geheimagentenserien gegeben, aber die waren eher bieder und plump. Das Phänomen Bond verschmolz den Agenten-Thriller mit Pop. Der Geheimagent wurde zur Pop-Ikone.
Als sich Anfang der 60er Jahre der Welterfolg von Agententhrillern in allen Medien abzuzeichnen begann, wollte das US-Fernsehen natürlich daran teilhaben. Die Briten hatten bereits großen Erfolg mit den TV-Serien DANGER MAN(GEHEIMAUFTRAG FüR JOHN DRAKE) und THE AVENGERS (MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE).
Die Pop-Kultur war im Umbruch: Langhaarige Beat-Bands kauften den Matinee-Idolen oder Hinterwald-Rock’n Rollern den Schneid ab. An Universitäten las man MAD und die Ausdrücke “cool”, “camp” oder “sophisticated” wurden Modeworte. Seit den 50er Jahren entwickelte sich eine eigenständige Jugendkultur, unterstützt durch die Tatsache, dass keine Generation in der Adoleszenz zuvor über soviel Kaufkraft verfügte. Die Engländer verloren zwar ihr Empire, aber sie waren Vorreiter und Vordenker für das, was später den Namen Pop-Kultur erhalten sollte. Beatles und Bond wurden zum stärksten Aussenhandelfaktor im zivilen Warenverkehr der Briten.
Der Produzent und EMMY-Preisträger Norman Felton(DR.KILDARE, PLAYHOUSE 90) wollte schon lange eine SpionageSerie auf den Bildschirm bringen. Die Verantwortlichen bei NBC hatten ein offenes Ohr, die Zeit war reif für neue Helden oder „Formate“, wie man bei uns so zu sagen pflegt. Felton traf sich im November 1962 mit dem 007-Erfinder Ian Fleming, zwar bereits erkrankt (er starb 1964 und erlebte den Welterfolg seiner geistigen Schöpfung nur im Anfangsstadium mit), der sehr angetan war von der Idee, eine Fernsehserie zu kreieren. Von Flemings konzeptionellen Überlegungen blieb dann nicht viel übrig,nur die Namen Napoleon Solo (der einem Gangster aus GOLDFINGER entliehen wurde) und April Dancer (die in der spin-off-Serie THE GIRL FROM U.N.C.L.E. von 1966 bis 1967 von Stephanie Powers verkörpert wurde). Fleming hatte bekanntlich ein großartiges Talent ungewöhnliche und unvergessliche Namen zu erfinden. Und natürlich schadete es der späteren Serie nicht, dass sie immer wieder mit Ian Fleming in Verbindung gebracht wurde.

SOLO FüR UNCLE ist eine Agentenserie, die ihre eigene Parodie gleich mitliefert. Ununterbrochen retten die Agenten der weltumspannenden Organisation U.N.C.L.E. die Welt vor einer (scheinbar)apolitischen Verbrecherorganisation namens THRUSH. Die absurden Plots verdanken einiges den britischen Pop-Klassikern AVENGERS, CORRIDOR PEOPLE oder THE ODD MAN.
Das für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Tempo erreichte die Serie durch den gnadenlosen Einsatz von Wischblenden und der Handführung der Arriflex-Kamera, die im Fernsehen zuvor nie genutzt worden war, bei Action-Sequenzen. Das Konzept, wie es von AutorSam Rolfe weiterentwickelt wurde, ist eine Synthese aus Bond- und Hitchcock-Thrillern: Von Hitchcock übernahm man das Konzept von der Durchschnittsperson, die fast in jeder Folge unschuldig in den Kampf zwischen UNCLE und THRUSH verwickelt wird. Und Robert Vaughn als Napoleron Solo hat einiges von Hitchcocks Lieblingsschauspieler Cary Grant. Aus den Bond-Filmen übernahm man den weisen, alten Chef in der Gestalt von Leo G.Carroll als Mr.Waverly, die professionellen Agenten, die bizarren Superschurken und die weltweiten Handlungsorte (die sichimmer innerhalb der MGM-Studios befanden). Um nicht in Kalte-Kriegs-Ideologie zu versinken, hatte Sam Rolfe aus der UNCLE-Organisation so eine Art Geheimdienst der UNOgemacht, in der der Amerikaner Solo zusammen mit dem Russen Ilja Kuryiakin gegen die asozialen Ganoven von THRUSH kämpfte.
Beide Organisationen sind mehr als nur Action-Lieferanten für Drehbuchautoren. Die UNCLE-Agenten stellten einen neuen Protagonistentypus im Fernsehen dar: Gutgekleidete, liberale Weltbürger, die keiner erotischen Versuchung aus dem Wege gingen (zumindest der Sexmaniac Solo nicht). Ihre Umgangsformen sind kameradschaftlich, und auch das Verhältnis zu ihrem Chef ist nicht von Untertanenmentalität geprägt. Dagegen stehen die karrieresüchtigen Aufsteiger der als gigantische Bürokratie karikierten Organisation THRUSH. Die THRUSH-Agenten haben die strengen hierarchischen Strukturen verinnerlicht, träumen von Beförderung und machen sich Gedanken über den internen Rentenplan. Sie zeichnen sich durch unterdrückte Sexualität aus, die im krassen Gegensatz zum erotischen Appetit eines Napoleon Solo steht. THRUSHs Ziel ist eine primitive, puritanische Version des Kapitalismus, der Menschen als Rohmaterial ansieht. Also eine Organisation wie die von Josef Ackermann geprägte Deutsche Bank. Beim Wiedersehen wirkt so mancher THRUSH-Agent wie einer dieser hohlen Banker.
Dem gegenüber steht bei UNCLE das Konzept einer liberalen, aufgeklärten Angestelltengesellschaft vermeintlich freier Individuen. Das Böse entwickelt sich nicht mehr, wie in den Serien der 50er Jahre, aus moralischer Schwäche Einzelner, sondern aus den unterschiedlichen Ideologien, insbesondere aus dem fanatischen Puritanismus. Diese ideologische Strategie der Serie ließ sie damals so modern wirken: Die neue Konsumgesellschaft der 60er Jahre verlangte von ihren Mitgliedern andere Fähigkeiten als in früheren kapitalistischen Phasen: Statt Treue zum Arbeitsplatz war nun Mobilität erforderlich, statt sklavische Ausführung von Anordnungen brauchte man nun den mitdenkenden Facharbeiter und statt Bescheidenheit war verschärfter Konsum angesagt.
Die Pop-Serien der 60er Jahre singen das Hohe Lied der nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Im Gegensatz zu den 50er-Jahre-Serien wird der hedonistische, konsumfreudige Weltmann heroisiert, der seine Bedürfnisse frei auslebt. Der moralisierende, sich selbst kasteiende Serienheld des vorherigen Jahrzehnts wurde als THRUSH-Agent lächerlich gemacht. Nicht mehr derjenige, der seine Sexualität auslebt ist der gefährliche Irre, sondern derjenige, der sie unterdrückt.

Immer wieder hat es Napoleon Solo mit frigiden Workaholics und frustrierten Hausfrauen zu tun, denen er mit seinem geballten Sexappeal so zusetzt, dass sie am Ende jeder Folge in ein befriedigenderes Leben aus der Serie entschwinden.
Dieser Subtext korrespondierte mit der Haltung der jüngeren Generation, insbesondere der College-Jugend, der die Serie ihren Erfolg verdankte: In den ersten Monaten war MAN FROM UNCLE ein echter Flop und stand kurz vor der Absetzung. Aber dann kamen die Studenten in den Weihnachtsferien nach Hause. PR-Mann Painter: “Jedesmal, wenn ich an einem Studentenheim vorbeikam, während unsere Serie lief, hörte ich bekannte Töne. Leider wurden die Fernseher in den Studentenheimen aber nicht von Nielsen nach Einschaltquoten gemessen. Aber ich wusste, wenn die Studenten in den Ferien nach Hause fahren, haben wir gewonnen.” Und sokam es auch. Über Nacht gingen die Einschaltquoten steil nach oben, und die Serie wurde zu einem Phänomen. Auf dem Höhepunkt des Erfolges bekamen die Stars 60000 Fanbriefe monatlich und der Rummel um Robert Vaughn und David McCallum war auf demselben Level wie Beatlemania oder Bonditis. Die PR-Abteilung der Produktion hatte wesentlichen Anteil daran, die Serie auf Erfolgskurs zu bringen. SOLO FÜR ONCEL war ein frühes Musterbeispiel für die Bedeutung von Marketing für einen Serienerfolg: Als die Serie im ersten Jahr in den Nielsen-Ratings so bescheiden dastand, dass ihre Fortführung gefährdet war, holte sich Sam Rolfe den Presse-Agenten Chuck Painter. Der entwickelte sofort eine durchschlagende Strategie: Er sah sich die Großstädte an, in der die Einschaltquoten am schlechtesten waren. Dort organisierte er für die Wochenenden Auftritte der UNCLE-Stars in Supermärkten und lokalen Nachrichtensendungen. Freitags nach Drehschluss, nachdem sie fünf Tage lang täglich 12 Stunden vor der Kamera gestanden hatten, wurden Robert Vaughn und David McCallum zum Flughafen gebracht, um am Wochenende drei Städte zu besuchen und Werbung für die Serie zu machen. Ein mörderisches Programm, dass wohl kein deutscher Produzent mit seinen Stars durchziehen könnte. Es zeigte Wirkung. In jeder Stadt, wo die UNCLE-Stars aufgetreten waren, gingen die Ratings hoch. Robert Vaughn: “Wäre das alles in den 80er Jahren statt in den 60ern passiert, wäre die Serie abgesetzt worden. Man hätte ihr keine Chance geben, sich ihr Publikum zu erobern.”

P.S.: Steven Soderbergh plant für 2012 einen Kinofilm nach der Serie.



JOSHUAS ERBEN: DANIEL SILVAS MOSSAD-SERIE 2/ von Martin Compart

Allons Hintergrund ermöglicht seinem Autor bildende Kunst in allen Aspekten abzuhandeln. Kunstraub ist ein Thema, dass ihn stark beschäftigt: „Jeden Tag wird irgendwo ein Kunstgegenstand geraubt. Und die meisten tauchen nie wieder auf. Höchstens ein Zehntel. Es gibt diese Tendenz, Kunstdiebstahl zu bagatellisieren. Dabei verschwinden jährlich Kunstwerke für vier bis sechs Milliarden Dollar! Nach INTERPOL steht Kunstdiebstahl auf Platz vier der lukrativsten Verbrechen. Hinter Drogen-, Waffenhandel und Geldwäsche.“

Entscheidend für seine Romane sind der Nahostkonflikt und der Kampf gegen den Terrorismus. In DER SCHLÄFER (PRINCE OF FEAR) liefert er darüber hinaus einen brillanten Abriss der Geschichte dieser scheinbar endlosen politischen Katastrophe. In THE KILL ARTIST war Gabriel Allon eine Art Bodyguard für Yasir Arafat während der Osloer Friedensverhandlung. „Es wurde in einer Zeit großer Hoffnungen geschrieben, PRINCE OF FEAR in einer Zeit des Terrors und der Verzweiflung. Es ist vielleicht so etwas wie ein Endpunkt. Ich habe mich sehr darum bemüht, beiden Seiten gegenüber gerecht zu sein. Ich wollte in einem Mikrokosmos das Leiden sowohl der Araber wie auch der Juden zeigen.“

Von der Kritik hoch gelobt sind Silvas Antagonisten. Seit John Buchan weiß man: je besser die Bösewichter, um so besser der Thriller. „Die Saudis zum Beispiel sind perfekte böse Buben für einen Thriller: Sie verfügen über unendliche ökonomische Mittel, können die ganze westliche Welt mit ihrem Öl erpressen, sind angebliche Verbündete und gleichzeitig ideologische und finanzielle Unterstützer des islamistischen Terrors.“ Nichts bleibt von diesem „Schlüsselkonflikt“ unberührt: „Der Iran wäre nicht dazu in der Lage, Atomwaffen zu entwickeln, wenn nicht insbesondere deutsche und Schweizer Firmen die Nukleartechnologie geliefert hätten. Die waren tief verstrickt in das Atomschmuggel-Netzwerk von A.Q.Kahn. Alles nur aus Geldgier.“ Europa und besonders Österreich und noch mehr die Schweiz kriegen bei Silva regelmäßig die Leviten gelesen. „ Bei den Recherchen zu DER ENGLÄNDER traf ich den Präsidenten einer Schweizer Bank, der mir sagte: Was Sie begreifen müssen, ist dass die Schweiz ein Unternehmen ist und wie eine Firma geführt wird… Die Schweiz kooperierte mit Hitler, weil es gut für das Geschäft war. Heute bestreitet sie jede Schuld, weil das Zugeben irgendwelcher Verstrickungen schlecht für das Geschäft ist. Ich denke, das Europa ein bisschen vom Kurs abgekommen ist. Der alte Kontinent hat ein demographisches Problem. In allen Ländern Westeuropas ist die Sterberate höher als die Geburtsrate. Gleichzeitig erhöht sich die Geburtenrate der muslimischen Bevölkerung rapide. Europa wird in naher Zukunft einige schwierige Entscheidungen treffen müssen. In Frankreich, Dänemark und Großbritannien ist dieser Prozess bereits im Gange. Ich hoffe, er wird friedlich verlaufen, aber sicher bin ich mir nicht.“ In THE SECRET SERVANT thematisiert Silva perspektivlose jugendliche Islamiten, die am Rande der westlichen Gesellschaften leben und durch ihre Frustrationen ein unerschöpfliches Reservoir an Nachwuchs für Extremisten und Terror-Organisationen sind.

Auch die Vergangenheit, die in die Gegenwart hinein wirkt, bietet Silva Themen. DER ZEUGE (A DEATH IN VIENNA) ist der Abschluss einer „nicht geplanten Trilogie“ über das Nichtaufarbeiten von Nazi-Verbrechen im Zusammenhang mit dem Holocaust. In DER ENGLÄNDER sind Kunstraub und die Kollaboration der Schweizer Banken der Hintergrund, in THE CONFESSOR (DIE LOGE) das Verhalten von Papst Pius XII. „Dass einige der schlimmsten Verbrechen der Geschichte nie gesühnt wurden treibt mich um. Ich wollte zumindest fiktional die Schuldigen bestrafen und Gabriel Allon war mein Instrument. Vielleicht war ich vor DER ZEUGE etwas naiv, aber mir war nicht wirklich klar, wie tief die Katholische Kirche darin verwickelt war, Nazi-Verbrechern zur Flucht zu verhelfen und Wien ist für mich ein natürlicher Handlungsort für flüchtige Nazis. Österreicher waren überproportional in der SS vertreten.“ Der Kalte Krieg veränderte und pervertierte alle Maßstäbe, die die Westalliierten zuvor behauptet hatten. In diesem Buch ist die fiktive Erinnerung von Allons Mutter, eine Überlebende von Auschwitz und des Todesmarsches von Birkenau, von erschreckender Kraft und Authentizität. „Dieses fiktionale Zeugnis war mit das Schwierigste, das ich je geschrieben habe. Ich hatte danach noch Monate Alpträume.“

DIE LOGE ist einer der besten Vatikan-Thriller. Silva sieht die Katholische Kirche als das was sie ist: Die langlebigste Bürokratie und machtpolitische Organisation Europas (die sich nicht nur die Mafia als strukturelles Vorbild gewählt hat) mit einer langen antisemitischen Tradition, geprägt von den brutalsten Machtkämpfen und Expansionsbestrebungen. Kein Nazi-Verbrecher wurde je von Pius XII exkommuniziert, dagegen aber 1949 weltweit alle Kommunisten. Er sprach sich gegen die Nürnberger Prozesse aus und – zumindest – tolerierte gleichzeitig die Rattenlinie als Fluchtorganisation für Nazi-Verbrecher. Im Roman will ein neuer Papst diese dunkle Vergangenheit der Kirche ans Licht bringen, sehr zum Unbehagen der fiktiven katholischen Geheimloge Crux Vera. Da muss dann ein jüdischer Geheimagent auch noch das Leben des christlichen Oberhirten retten. Mehr Aussöhnung kann man wirklich nicht verlangen.

DER ZEUGE (A DEATH IN VIENNA) thematisiert auch die Anwerbung von Nazi-Verbrechern durch die CIA. Für Silva ein Ansatz um zu zeigen und zu warnen, was alles an Bush &Cos Krieg gegen den Terrorismus falsch läuft und wie dämlich die amerikanischen Strategien sind, die so wenig Erfolg haben, aber jede Menge Terroristennachwuchs und unschuldige Opfer fördern und fordern. Silva sieht den moralischen Bankrott der Amerikaner in deren rücksichtslosen Negieren der Menschenrechte und internationaler Regeln. Er ist fest davon überzeugt, dass man keinen Krieg gegen Terror gewinnen kann, wenn man ihn auf demselben Niveau führt wie der Feind. Dass er trotzdem nicht die Systemfrage stellt, ist die gewohnte Dummheit der amerikanischen Liberalen, die sich unverständlicher Weise als „Linke“ begreifen.

In MOSCOW RULES (DER MOSKAU-KOMPLOTT) knöpft sich Silva eines der größten neuen Reiche des Bösen genauer vor: das Russland Putins. Der Schurke ist ein Waffenhändler, der an Victor Bout erinnert, und natürlich über Beziehungen in höchste russische Kreise bis hin zu Putin verfügt.

„Im College habe ich Russische Geschichte und Außenpolitik der UdSSR studiert. Russland hat mich immer fasziniert. London ist heute eine Frontstadt im neuen kalten Krieg. Während MI5 nur die Islamiten im Auge hatte, haben sich über 300 000 Russen in London nieder gelassen: Milliardäre, Dissidenten und ein paar Hundert Geheimdienstler. Die Ermordung von Litvinenko 2006 durch Polonium 210 in London war so etwas wie die Wasserscheide. Natürlich will ich meine Leser in erster Linie unterhalten. Aber ich möchte auch, dass sie etwas verstehen: Wir müssen Russland im Auge behalten. Russland ist heute ein gesetzloser Staat. Nachdem die engagierte Journalistin Anna Polikovskaya ermordet wurde, sagte Putin: Sie sei nur eine Person von marginaler Bedeutung gewesen. Das erweckt doch wohl den Eindruck, dass der Kreml einen Jagdschein für kritische Journalisten ausgestellt hat. Seit 1992 wurden in Russland 47 Journalisten umgebracht . Damit steht das Land hinter Irak und Algerien auf Platz 3 (inzwischen wohl von Mexiko überholt. MC) der gefährlichsten Länder für Journalisten. Putin ist nichts anderes als ein neuer Zar, dessen Kritiker unter mysteriösen Umständen sterben.“ Mit einem deutschen Ex-Kanzler als Heloten, möchte man hinzufügen. Angesichts der Verträge, die Schröder in seiner Amtszeit mit Russland geschlossen hat, könnte man einen tollen Roman mit dem Thema „Russischer Maulwurf im Kanzlersessel schreiben. Wahrscheinlicher ist, dass Putin Schröders peinliche Gier erst dann richtig wecken konnte, als der kleine Mann aus Niedersachsen vom Gestank der Mächtigen und der großen weiten Welt geschnuppert hatte.

DAS MOSKAU-KOMPLOTT zeichnet ein so realistisches Bild von Moskau und Russland, dass man nur noch kotzen möchte. „Über Nacht sind wir von der Supermacht zum Sozialfall abgestürzt… Wir sind innerhalb eines Jahrzehnts von der Ideologie Lenins zur Ideologie Mussolinis getaumelt… Unsere Politiker sprechen von der Rückeroberung verlorener Reiche. Sie benutzen Öl und Gas um unsere Nachbarn zu tyrannisieren Sie haben die Opposition und die unabhängige Presse nahezu ausgeschaltet… Unseren Kindern bringt man bei, dass Amerika und die Juden nach der Weltherrschaft streben und Russlands Reichtum und Bodenschätze stehlen wollen“, erklärt die Journalistin Olga, eine fast nur durch Dialog großartig charakterisierte Figur im Buch.

Neben viel Ekel brachte Silva von seiner Recherche in Moskau eine nette Anekdote mit. Ihm war es gelungen, das KGB-Museum besuchen zu dürfen. Ein alter KGB-Oberst führte ihn zu einem Schrein, auf dem ein großes Buch mit Bildern und Lebensläufen aller Geheimdienstchefs lag. Sie blätterten gemeinsam das Buch durch und der alte KGB-Scherge sagte immer wieder: „Das ist soundso, er ist erschossen worden. Das ist soundso, der ist erschossen worden.“ Bei einem Bild hielt er inne und sagte: „Der war anders. Der ist vergiftet worden.“

BIBLIOGRAPHIE:
Double Cross – Falsches Spiel. Roman, Piper, München 2003, ISBN 3-492-26050-0
engl. Original: The Unlikely Spy, 1996.
Der Maler. Roman, Piper, München 1998, ISBN 3-492-03889-1
engl. Original: The Mark of the Assassin, 1998.
Der Botschafter. Roman, Piper, München 2000, ISBN 3-492-04182-5
engl. Original: The Marching Season 1999.
Der Auftraggeber. Roman, Piper, München 2001, ISBN 3-492-04183-3
engl. Original: The Kill Artist, 2000.
Der Engländer. Roman, Piper, München 2003, ISBN 3-492-04469-7
engl. Original: The English Assassin, 2002.
Die Loge. Thriller, Piper, München 2005, ISBN 3-492-04605-3
engl. Original: The Confessor, 2003.
Der Zeuge. Thriller, Piper, München 2006, ISBN 3-492-04695-9
engl. Original: A Death in Vienna, 2004.
Der Schläfer. Thriller, Piper, München 2007, ISBN 3-492-04876-5
engl. Original: Prince of Fire, 2005.
Das Terrornetz. Thriller, Piper, München 2008, ISBN 3-492-05069-7
engl. Original: The Messenger, 2006.
Das Moskau-Komplott Thriller, Pendo 2010, ISBN 978-3866122482
engl. Original: Moscow Rules, 2008.
Gotteskrieger Thriller, Piper, München 2011, ISBN 978-3492263580
engl. Original The Secret Servant, 2007.
The Defector, 2009.
The Rembrandt Affair, 2010.

In der Target-Reihe bei Audio Media gibt es DER AUFTRAGGEBER, DIE LOGE, DER ZEUGE, DER SCHLÄFER und DAS TERRORNETZ als Hörbücher. Jeweils 6 CDS mit ca. 450 Minuten Hördauer. Es sind gekürzte Fassungen, aber diese Bearbeitungen sind sehr feinfühlig und intelligent gemacht (man musste zum Beispiel Kapitel etwas anders anordnen um den Handlungsfluss zu erhalten. Gesprochen werden alle Hörbücher von Axel Wostry, der das wunderbar liest und den Hörer nicht aus den Klauen lässt. Völlig unverzichtbar für eine ermüdende Staufahrt, die mit diesen Hörbüchern völlig entschärft wird.



JOSHUAHS ERBEN: DANIEL SILVA UND SEINE MOSSAD-SERIE 1/ von Martin Compart

Auf den ersten Blick wirkt er einfach nur harmlos und nett. Wie ein netter Kunstprofessor, der kein Wässerchen trüben kann. Einer, der seinen Eltern immer Freude und nie Probleme gemacht hat. Aber genauso wie sein Held Gabe Allon eine Doppelexistenz als Kunstrestaurator und Mossad-Killer führt, hat auch Daniel Silva eine andere, knallharte Seite.
„ Ja, 9-11 war gut für den Thriller. Ich habe damals von meinem Haus in der Nähe von Washington D.C. die Rauchwolke über dem Pentagon gesehen.“ Daniel Silva ist kein Zyniker, jedenfalls nicht komplett. Nach Eric Amblers bekanntem Statement, dass der Thriller die letzte Zuflucht für Moralisten sei, hat sich Silva das Genre ganz bewusst gewählt. „Ich konnte mir als Schriftsteller nie etwas anderes vorstellen, als Spionageromane, bzw. Thriller zu schreiben. Als Kind des kalten Krieges war ich immer an Militärgeschichte und Spionage interessiert.“ Inzwischen ist Silvas Panoptikum ein umfassendes politisches Zeitgemälde, das uns Opfer, Täter, Mitläufer, Rächer und die totalitären Strömungen der Gegenwart vermittelt.
Er hat das Talent eines Frederick Forsyth, reale Ereignisse detailliert zu recherchieren, spannend darzustellen und in eine rasante Thrillerhandlung umzusetzen. „Ich recherchiere, bis ich blind bin. Ich packe den Tank mit soviel Recherchematerial wie möglich voll. Aber dann übernimmt die Imagination und ich öffne eine geistige Tür um einen möglichst unterhaltsamen Roman daraus zu machen.“

Der Piper Verlag, der Silva im deutschsprachigen Raum veröffentlicht, setzt damit eine lange Tradition fort: Piper veröffentlichte bei uns den ersten Frederick Forsyth und war bis in die 1980er Jahre der Stammverlag von Ulf Miehe. Die Übersetzungen sind allesamt hervorragend. Was nicht wundert: Sein Übersetzer (bis einschließlich TERRORNETZ) ist der alt gediente Thriller-Crack Wulf Bergener, der sein Metier meisterlich beherrscht. Fast alle Bücher haben im Anhang Anmerkungen des Autors zu den zeitgeschichtlichen Hintergründen der Romane, die auch in den deutschen Ausgaben erhalten sind.

Rasanz ist eine der treffendsten Bezeichnungen für seine Romane: sie gehen höllisch ab und lassen den Leser nicht mehr aus den Klauen. Manchmal brauchen sie etwas Zeit um in Fahrt zu kommen. Als Ausgleich dafür bekommt man faszinierende Beschreibungen der Handlungsorte und Details über die geheime Welt. Seine sorgfältige Recherche und breite, nie langweilige, Darstellung von Techniken oder Prozessen erinnert ebenfalls an den Altmeister. Silva legt allerdings etwas mehr Wert auf die genaue Charakterisierung seiner Personen. „Ich sehe mich als ernsthafter Schriftsteller, der Thriller schreibt.“ Als ob es heutzutage noch viele ernstzunehmende Schriftsteller gäbe, die nicht Genreliteratur schreiben.

Wer den arabisch-israelischen Konflikt wirklich verstehen will, kommt an Silva nicht vorbei. In seinen Thrillern erfährt man mehr und vieles intensiver als in Sachbüchern. Einmal mehr gilt das Theorem vom Thriller als eine der letzten Bastionen der Aufklärung (die menschenverachtende Globalisierungsideologen und ihre politischen Handlanger am liebsten ungeschehen machen möchten). Silva zeigt die Paranoia eines Landes, das sich permanent im Kriegszustand befindet und welcher Wahnsinn daraus resultieren kann. Er zeigt auch die Machtkämpfe innerhalb des Systems, lässt aber keinen Zweifel an der Existenzberechtigung Israels. Genauso wenig, wie er einem Palästinenserstaat die Existenzberechtigung abspricht. Die Tragik des Dauerkonflikts schwingt schon im ersten Allon-Roman, DER AUFTRAGGEBER, mit: Protagonist und Antagonist agieren aus fast identischer, nachfühlbarer Motivationslage. Beide haben ihre Familie durch die Gegenseite verloren.

Geboren wurde Silva 1960 in Michigan, aufgewachsen ist er in Kalifornien. Nach dem Studium wurde er erst Reporter für UPI, dann Korrespondent für CNN. Dort wurde er schließlich Producer der Talk Shows. Sein altes Gewerbe sieht er heute zynisch, wenn er den Mossad-Chef sagen lässt: „Für ihn waren Nachrichtenmedien nur eine Quelle der Unterhaltung oder eine Waffe, die sich gegen seine Feinde einsetzen ließ.“ Für UPI arbeitet er bis Mitte der 1980er als Washingtonkorrespondent, danach wurde er Korrespondent für den Mittleren Osten mit Sitz in Kairo. Als er über den 1.Golf-Krieg berichtete, lernte er 1987 seine Frau Jane Gangel, Korrespondentin für NBCs Today Show, kennen. Sie heirateten im selben Jahr. 1994 erzählte er ihr von seinem großen Traum, Thrillerautor zu werden. Sie ermunterte ihn und Silva begann 1995 mit seinem ersten Roman. Es entstand der Weltkriegs II-Thriller THE UNLIKELY SPY (DOUBLE CROSS-FALSCHES SPIEL), der 1997 erschien und es auf die Bestsellerliste der New York Times brachte. Sie leben noch immer in Georgetown.
Ihre beiden Kinder, Lily und Nicholas, sind im Teenageralter und begleiten die Silvas oft auf Recherchereisen. „Wenn sie nach den Ferien dann den üblichen Aufsatz schreiben mussten: Was habe ich in den Sommerferien getan, schrieben sie mal; Ich habe meinem Vater dabei geholfen Orte zu finden, in denen man Leute umbringen kann.“

Er ist ein effizienter Thriller-Autor, der gleichzeitig Suspense aufbaut, das Tempo steigert, seinen Figuren Leben einhaucht und zeitgeschichtliche Vorgänge analysiert. Seine Nebenfiguren sind faszinierend, da sie die Eigenheiten ihres jeweiligen Kulturkreises widerspiegeln und nicht in Klischees erstarren. Souverän beherrscht er sein Material, spinnt geschickt Subplots um alles im Finale explodieren zu lassen. Manchmal spielt er mit dem Wissensvorsprung des Lesers gegenüber Allon – wie es Hitchcock so gerne hatte. Silva kennt jeden Trick seines Handwerks und wird immer besser, ohne je wirklich geschwächelt zu haben. Man merkt die harte Arbeit nicht, die er in seine Bücher steckt.


„Das Schreiben ist nach 13 Romanen nicht leichter geworden – eher im Gegenteil. Da ist keine Romantik dabei. Ich veröffentliche jedes Jahr ein Buch. Das bedeutet, sechs Monate Recherche und sechs Monate schreiben. Ich sitze jeden Morgen um Punkt sechs an meinem Schreibtisch. Sieben Tage die Woche. Ich setze mich selbst unter Druck. Wenn mir ein Leser sagt: Ihr letztes Buch war Ihr bisher bestes, heißt das für mich: Jetzt muss ich ein noch besseres schreiben.“ Ganz auf der Höhe der Zeit, nutzt er auch Katastrophenszenarios wie wir sie durch die US-Serie 24 kennen: Im TERRORNETZ zum Beispiel wird der Petersdom durch einen Terroranschlag fast in eine Ruine zerlegt. Die Plots sind so perfekt gebaut, alle Teile greifen ineinander, dass man genaueste Planung vermutet. Falsch: „Normalerweise mache ich nur für das erste Drittel eine Outline. Wenn ich es geschafft habe, dass die Geschichte auf dem Papier lebt, lasse ich die Figuren übernehmen. Das heißt: Sie müssen unter dem immensen Druck einer Situation Entscheidungen treffen. Die Bücher entwickeln sich immer anders, als ich geplant habe. Einmal habe ich eine komplette Outline für einen Roman gemacht. Das Endprodukt hatte mit dem Exposé kaum noch etwas zu tun.“

Einige Kritiker verglichen Silva mit John Le Carré. Das ist bedingt nachvollziehbar. In manchen Charakterisierungen der Nebenfiguren und Formulierungen erinnert er zuweilen an LeCarré. Aber Silva ist weniger elaboriert. Wo LeCarré durch seitenlanges selbstverliebtes Formulieren die Handlungen retardiert, herrscht bei Silva wohltuende Selbstdisziplin um den Ereignisverlauf voran zu treiben. Im Vergleich mit Silvas Spionageromanen sind deutsche- oder skandinavische Thriller ästhetisch und intellektuell so aufregend wie die monatlichen Sitzungen eines SPD-Ortsvereins.
Seinen Durchbruch hatte Silva 2000 mit DER AUFTRAGGEBER (THE KILL ARTIUST), dem ersten Band seiner Serie über den israelischen Agenten Gabriel Allon. „Das vermeintlich glamouröse Leben eines israelischen Geheimagenten bestand in Wahrheit aus nahezu rastlosem Reisen und stumpfsinniger Langeweile, nur gelegentlich unterbrochen von kurzen Phasen blanken Entsetzens. Gabriel Allon hatte mehr solche Phasen erlebt als die meisten Agenten.“

Gabriel Allon ist ein Killer des Mossad. Er hat deutsche Vorfahren; seine Großeltern stammten aus Berlin. Sie wurden in Auschwitz ermordet und nur seine Mutter überlebte. 1972 wurde er als junger Kunststudent vom Dienst rekrutiert um die Olympia-Attentäter zu verfolgen und zu töten. Nachdem er sechs Terroristen getötet hatte, „war Gabriel an den Schläfen ergraut und sein Gesicht um zwanzig Jahre gealtert“. Er gilt als einer der besten Restauratoren für klassische Kunstwerke. Ein perfektes Cover um sich an allen möglichen Orten herum zu treiben. Als Agent ist er gefangen in einer Parallelwelt der Verdammten. Die Serie beginnt mit einer Tragödie. Gleich am Anfang von THE KILL ARTIST (DER AUFTRAGGEBER) werden sein Sohn und seine Frau von einer Bombe zerfetzt. Seine Frau überlebt zwar, ist aber traumatisiert und leidet unter Amnesie. Danach ist Gabriel natürlich nicht mehr derselbe. Die Verwandlung zum byronschen Helden, die Kingsley Amis auch bei James Bond ausgemacht hat, ist abgeschlossen. Er unterliegt Stimmungsschwankungen, neigt zur Melancholie und ist ein überzeugter Misanthrop. Ein Mann mit Widersprüchen: als Restaurator ist er ein Heiler, als Killer ein Zerstörer. Er ist nicht nur intelligenter als 007, er ist auch in seinen Haltungen unabhängiger von Vorgesetzten oder staatlichen Doktrinen, im Gegensatz zu 007 neigt er zu Sentimentalitäten.

In DER AUFTRAGGEBER herrscht er seinen Chef an, der ihn mit Rachemotivation zurück in den Dienst manipulieren will: „Haben Sie nichts dazu gelernt? Wir haben dreizehn Mitglieder des Schwarzen Septembers liquidiert, aber das hat keinen unserer in München ermordeten Jungs wieder lebendig gemacht.“ Trotz seiner Fähigkeiten, die Allon ganz klar in die Tradition der Super Spys à la James Bond einreihen, hat er viel von einem Anti-Helden: Er leidet darunter in einer Welt gefangen zu sein, die er nicht gewählt hat und so nicht akzeptieren will. Es sind die tiefen Verletzungen des Jüdischen Volkes, die ihn immer wieder mobilisierbar machen um weiteres Leid von seinem Volk abzuwenden. Aber er ist weder Politiker noch debiler Propagandist und erkennt deshalb genau, dass auf arabischer Seite ähnlich tiefes Leid herrscht.

Allon ist die High-Tech-Version des wandernden Juden. Bei aller Liebe und Verantwortung für den Staat Israel bewahrt er seine persönliche Würde und Unabhängigkeit. Der Erfolg Allans traf Silva unvorbereitet: „Ich hätte nie erwartet, dass das Publikum einen Mossad-Agenten als Serienhelden akzeptiert. Ich hatte ihn auch nicht als Serienhelden geplant. Man musste mich dazu überreden. Gott sei Dank. Heute ist Gabriel eine echte Person. Er existiert für mich wirklich.“ Inzwischen gönnt sein Autor ihm etwas Glück: Im 7.Roman lässt er ihn wieder heiraten.

FORTSETZUNG FOLGT




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