Martin Compart


ERMITTLER EMPÖRT! by Martin Compart
26. Juli 2014, 5:54 nachmittags
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So betexteten die hirnentkernten “Journalisten” die gnadenvolle Nachricht, dass weniger TATORTE am Sonntagabend auf ihr sediertes Publikum abgefeuert würden.
Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte ist, dass auf einem TATORT-Sendeplatz eine Folge der neuen “Krimi”-Serie über einen Ermittler aus der, ich fasse kaum diese historische Boardwalk Empire-Perspektive, Weimarer Republik platziert wird. Aber auch da gibt es eine gute Nachricht: Ausnahmsweise wird das nicht von Nico Hoffmann, dem Zeitgeschichts-Verweser des deutschen Volksempfängers produziert, sondern von den lediglich peinlichen X-Filmern (denen man nur ein X für ein O machen kann).
Freuen wir uns auf eine weitere Blamage des deutschen Fernsehens!
(aus dem Protokoll eines Einstellungsgespräches beim ZDF:
“Wann war der 2.Weltkrieg?”
“Nach dem ersten.”
“Da haben wir wohl einen neuen Guido Knopp gefunden.”)



DEUTSCHER TV-SERIENSCHROTT-die endlose Geschichte by Martin Compart
29. August 2013, 7:38 vormittags
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Jedes Jahr dasselbe Ritual: zu einer komplett sinnlosen Medienveranstaltung, wie etwa die Cologne Conference, werden von den verantwortlichen Wichtigtuern („Wir machen auch was über Internet und TV-Serien oder so.“) ein paar amerikanische Serienmacher der Spitzenklasse, also Angehörige einer weit überlegenen Spezies, eingeladen, damit sie den deutschen „Kollegen“ mal erzählen, wie man das so macht. Fernsehserien auf hohem Niveau, meine ich. Die deutschen „Kollegen“ hören erstaunt zu und beplappern dann wie aufgeregte Enten, was in Deutschland alles passieren müsste, damit man auch so was Schönes machen dürfe. Keiner von ihnen kommt natürlich auf den Gedanken, dass sie es nachgewiesen nicht nur nicht dürfen, sondern gar nicht können. Weder der debile Redakteur, der Subtext für eine Garagenband aus Birmingham hält, noch der ach so unterforderte Autor, der mehr How-to-write-Bücher sein eigen nennt als er moderne Klassiker der Kriminalliteratur gelesen hat. Und schon gar nicht die Produzenten und Regisseure, für die es vor BATMAN RETURNS kein Kino gab („PARALLAX VIEW war vor meiner Zeit – was ist denn das? Eine vergessene Star Trek-Folge?“).
Schlimm genug, dass sie kaum Ahnung von der komplexen Entwicklungsgeschichte der Fernsehserien haben, aber sie kenn auch weder Filme noch Bücher. Bei HBO dürften sie nicht mal das Klo schrubben.

Wer sowas (und natürlich noch viel mehr) nicht kennt, wird niemals etwas wie HOMELAND, SPOOKS, AMERICANS oder SANDBAGGERS auch nur im Ansatz entwickeln oder umsetzen können. Wer nicht weiß, wo etwas her kommt, wird auch nicht wissen, wo es hingehen könnte.

Und immer wieder die Endlosschleifen der Vorträge und Diskussionen mit den Themen: Sind wir wirklich so schlecht? Warum sind wir so schlecht? Schuld sind die Anderen. So schlecht sind wir auch nicht. Wir haben 5 Mio Zuschauer. Nächstes Jahr machen wir was ganz tolles. Aber übernächstes Jahr bestimmt.
Abends besaufen sich dann alle Teilnehmer auf Steuerkosten und steigern sich abwechselnd in Euphorie und Depression. Alle wissen tief in ihrem inneren: sie sind die unfähigsten Mediengestalter des Kontinents, deren Ideen und Durchsetzungsvermögen nicht mal fürs maghrebinische Frühstücksfernsehen reicht. Statt das Licht zu meiden, zeigen und plustern sie sich bei „Fachveranstaltungen“ und Messen in aller Öffentlichkeit.

Was deutsche Serienmacher nie begreifen werden…

Vor ein paar Tagen wurde der ZDF-Unterhaltungschef Himmler in der ZDF-Sendung „log in“ vorgeführt. Er stieß auf kritische Serien-Fans wie Kalkofe und Dietz (ein Blogger), die seine Unfähigkeit und Hilflosigkeit verdeutlichten, künftig Serien zu produzieren, die im internationalen Niveau auch nur mit Belgien (man denke an die brillante Crime-Serie VERMIST) mithalten können. Einmal mehr belegte der Mann vom Lerchenberg (unter Insidern seit Klaus Bassiners Zeiten als „Berg der Ahnungslosen“ bekannt) die alte These: „Wir wissen zwar wie es geht, aber wir können es nicht“; wobei inzwischen auch der erste Teil als Unwahrheit enttarnt ist. Bei der ARD, dem ZDF, SAT1- oder RTL-Gruppe gibt es wohl kaum jemand, der auch nur ahnt, „wie es geht“. Dass sie es nicht können, beweisen sie mit jeder Produktion aufs Neue. Die Veranstaltung ist noch in der ZDF-Mediathek zu bewundern:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1967160/Fehlt-dem-ZDF-der-Mut%253F#/beitrag/video/1967160/Fehlt-dem-ZDF-der-Mut%3F

Immer wieder erzählen überdurchschnittliche Autoren, mit welch gruseliger Inkompetenz sie es in den Sendern zu tun haben. Das zieht sich von unterster Redaktionsebene bis hin zum Programmchef oder Abteilungsleiter und gilt genauso für öffentlich-rechtliche Sender wie für kommerzielle. Diese sind kaum dazu in der Lage, Serien wie HOMELAND oder THE AMERICANS zu analysieren, wollen aber gerne auch „so was ähnliches“ machen. Noch unwahrscheinlicher ist es, dass sie ein solches Projekt in Drehbuchfassung ansatzweise zu beurteilen vermögen. In diesen Regionen paart sich mindere Intelligenz mit Bildungslosigkeit. Wobei die ästhetisch-historisch größten Blindgänger wohl von den staatlich geförderten Medien- und Filmschulen kommen. Deren Ausbildungspersonal dürfte in Mehrheit gerade mal dazu in der Lage sein, eine kritisch Karl May-Film-Retrospektive in Burkina Faso zu organisieren. Die ganze Ausbildung ist deshalb auch nichts als ein trauriger Katalog überkommener Schablonen, die man perpetuiert damit sie immer wieder in die untersten Erdschichten der Gesellschaft absickern. In diesen Film-und Fernsehklippschulen müssen die Studenten erst allen Schaden und Schwachsinn erleiden um ihn dann selber auszuüben.

Niemand hier bekäme auch nur eine dieser Szenen hin.

Die visuelle Erbärmlichkeit von TATORTs oder SOKOs zeigt, auf welchem Niveau auch Regisseure von diesen Institutionen ausgebildet werden. Künftige Redakteure lernen dort höchsten das kleine 1×1 einer überholten Dramaturgie aus Reclam-Heftchen und Syd Field-Postillen und scheitern bereits an der Analyse eines Howard Gordon oder David Chase.

Wenn das ZDF beschließt einen Großteil des aus deutschen Gebühren bestehenden Serienetats in Co-Produktionen mit ausländischen Produktionen zu stecken, kann man diese Verzweiflung sicherlich verstehen. Der Sender suggeriert damit:

- Wir sind nicht dazu in der Lage, selbst Qualitätsfernsehen herzustellen (die ausländischen Produktionen werden den Teufel tun und eine unbedarfte ZDF-Lemure inhaltlich mitreden lassen; das ZDF darf Geld geben und gelegentlich einen deutschen Schauspieler vorschlagen).

- Wir bewegen uns rechtlich auf dünnen Eis. Denn deutsche Steuer- und Gebührengelder werden nicht im Inland für eigenständige Produktionen verwendet, sondern um ausländische Firmen (mit) zu finanzieren. So schwächt man nicht nur geistig sondern auch materiell die einheimische Wirtschaft mit einer Etatvergabe, die (Staats-) vertragsrechtlich zumindest bedenklich, wenn nicht sogar ein eklatanter Verstoß, ist. Das sollte ein Autoren- oder Produzentenverband, der seinen Namen verdient, juristisch mal prüfen lassen. Aber das wagt man nicht, denn sonst könnte der dafür verantwortliche Querulant aus dem Spiel genommen werden. Genauso wenig wird ein Autor gegen einen Sender oder eine Produktion vor den Europäischen Gerichtshof ziehen um sich dort die Sittenwidrigkeit seiner Buy-out-Verträge bestätigen zu lassen. International lacht man nicht nur über unsere Serien-Produkte, sondern auch noch über die Autorenverträge. Und natürlich über die deutsche Feigheit.

Deutsche Serien lassen einen emotional völlig kalt. Dabei könnte man durchaus eine Art deutsches DEADWOOD (oder noch besser: etwas Originäres) machen, dass die Welt interessieren würde. Etwa das Freikorps im Baltikum oder die Ringvereine in Berlin.

Ein weiteres Problem bei den öffentlich-rechtlichen sind die politischen Parteien, die in oligarchischer Arroganz in „ihre“ Anstalten hinein regieren. Unterdurchschnittliche Politiker, wie sie heute in diesen Gremien sitzen, haben kein Interesse an überdurchschnittlichen Serien; sie haben zwangsläufig nicht einmal Interesse an überdurchschnittlichen Programmen. Deshalb halten sie sich auch unterdurchschnittliche Satrapen als Intendanten, die wiederum darauf achten, dass ihre Mäßigkeit nicht von übermäßig klugen oder engagierten Untergebenen konterkariert wird (anders ist letztlich eine Doris J.Heinze nicht erklärbar).

Kommen wir mal dazu, was sich in Deutschland so Produzent nennt – ein ähnlich anstrengender Lehrberuf wie Privatdetektiv, Heiratsschwindler oder Society-Experte. Wer nicht durch wie auch immer geartete Zuwendungen fest im Darm eines Redakteurs oder Programmchefs sitzt, hat es schwer und gehört meist zur Kategorie der Bluffer. Auf Abendveranstaltungen erkennt man sie daran, dass sie entweder fröhlicher oder devoter als ihre schmierigen, etablierten Konkurrenten sind. Im Stab einer Produktionsfirma spiegeln sich die Mitarbeiter der Sender wieder. Dies illustriert sich oft dadurch, dass beide Parteien regelmäßig ihre Laufburschen austauschen und so den Kreis derer übersichtlich halten, die schmatzend die Etat-Tröge auslecken. Was sie verbindet ist ein Übermaß an Unfähigkeit. In diese Inzestpools werden nur neue Leute eingespeist, die ihre Fähigkeit zur Korruption und ihr Ungenügen zum anspruchsvollen Programm nachweisen.

Da sich inzwischen eine kritisches TV-Kritik auf dieses Thema eingeschossen hat, weht den Verantwortlichen ein schärferer Wind entgegen.

und:

FORTSETZUNG FOLGT

siehe auch:

http://martincompart.wordpress.com/2012/03/05/das-endlos-thema-deutscher-tv-serien-mist/

und:

http://martincompart.wordpress.com/2013/03/16/micky-maus-am-tatort-u-the-americans/



Micky Maus am TATORT u. THE AMERICANS by Martin Compart
16. März 2013, 1:58 nachmittags
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Nach Jahren der wohl verdienten Abstinenz, habe ich mir mal wieder einen TATORT angetan. Klar, ich wollt das peinliche Scheitern von Micky Maus als Bruce Willis auch sehen. Schließlich hatten 12 Mio. eines 80 Mio.-Volkes ebenfalls zugeschaut als Til Schweiger (hart wie ein Bahlsen Keks) zum Schwanzvergleich auflief. Die Micky-Maus-Synchronstimme nuschelte sich einmal mehr durch ein Schwachsinnsdrehbuch,das nie die Realität des Handlungshintergrundes mit der fiktionalen Geschichte spannend oder nur glaubhaft vernetzt. Eine langweilige Nummernrevue, aufgemotzt durch eine Action, die sich am US-Kino der 1980er Jahre zu orientieren versucht. Aber Schweiger (würde er sich doch nur seinen Namen zum Lebensmotto erheben) scheiterte nicht alleine. Dabei wurde er von einem grottigen Drehbuch voller erbärmlicher Dialoge (der Herrenwitz vom Schwanzvergleich durfte natürlich nicht fehlen und würde sogar von Fips Asmussen aus dem Programm geworfen) und einer Regie, die bei Schießereien nicht das geringste Gefühl für den Raum (und damit Bedrohlichkeit) entstehen ließ. Immer nach dem Grundsatz der deutschen TV-Serienmacher: “Wir wissen zwar wie es geht, aber wir können es nicht.”
Nur gut, das Leonardo da Vinci die Vorlauftaste erfunden hat.

Was heisst Parodie? Diese ultra brutalen Szenen sind rausgeschnitten worden, da man den TATORT sonst erst nach 23.00 Uhr hätte ausstrahlen dürfen.

Ein Intelleller erzählt worums geht.In Amerika gibt es auch keine Steuergelder für das Debilenfernsehen. Das wird logischer Weise durch die Werbung finanziert.

War das noch ein TATORT? Fragten verwirrte Postillenschmierer. Aber gewiss. Er hat sich nahtlos in das übliche Niveau eingefügt. Prekariatsfernsehen mit einem Budget, wie es nur die öffentlich-rechtlichen stemmen können.

Und dann wieder die Angelsachsen. Ein Schock nach dem nächsten. Dank ARTE (der wohl beste Seriensender im Free-TV) durfte man gerade INJUSTICE und THE HOUR bewundern. Im Internet hat man HOMELAND sehen können (wer will diese tolle Serie denn zerstückelt bei SAT 1 sehen?). Und jetzt nehmen die Amis den McCarthy-Knaller I WAS A COMMUNIST FOR THE FBI, drehen ihn um 180° und machen daraus eine der aufregendsten und intelligentesten Serien überhaupt. Die Prämisse hätte eine schöne deutsch-deutsche Problematik für eine originelle Eigenproduktion hergeben können. Aber die dumpfen Redakteure mit ihrem a-historischen Bewusstsein hätten das Potential sowieso nicht erkannt („Das ist doch eher was für Guido Knopp.“).

Aber ich will nicht lange rumlabern. Hier THE AMERICANS; in der Hoffnung, dass es bald die DVD-Box gibt.



STAMMTISCHGEGRÖLE: HURRA! Doris J. Heinze ist wieder da! by Martin Compart
18. Juli 2012, 5:12 nachmittags
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Dass sie ihrer Karriere dem Aussehen verdankt, ist wohl das Einzige, was man der ehemaligen NDR Fernsehspielchefin Doris J. Heinze nicht vorwerfen kann. Sie hat lediglich, wie andere auch, ihre kriminelle Energie genutzt um sich in einer höchst korrupten Branche zu bereichern. Erste Erfahrungen in Film und Korruption dürfte sie als Geschäftsführerin des Filmbüro NW e. V. gesammelt haben.Erschwerend hinzu – und das verlangt ja nach einer Haftstrafe – kommen ihre ästhetischen Verbrechen. Durch den Minderwertigkeitskomplex des Emporkömmlings Heinze wurde die Burdagattin Fuhrtwängler zur TATORT-Kommissarin und tyrannisiert mit ihrer erbarmungslosen Ausdruckslosigkeit das Zuschauerprekariat. Gnadenlos hat sie jahrelang Gebühren- und Steuergelder geplündert um ihren eigenen Drehbuchmist und den ihres Ehemannes selbst zu bewilligen. Kann man ihr das übel nehmen? Der NDR zahlte ihr ja nur läppische 104.000 Euro im Jahr; also gerade mal das Existenzminimum.

Als der Betrug aufflog, kam sie nicht in Untersuchungshaft, sondern zog sich in ihr Eigenheim auf eine Nordseeinsel zurück. Frei nach dem Tegtmeier-Motto: „…möchte ich durch ein schönes Leben meine Verbrechen ungeschehen machen“. Vorbei die schöne Zeit, wo man, umringt von Parasitenschwärmen, die erbärmliche Existenz schön denken konnte. Statt die Gelegenheit wahr zu nehmen um ins Wasser zu gehen (sie hat ja eh schon das Charisma einer Wasserleiche), setzte sie sich hin und schrieb einen Kriminalroman, der wohl das Niveau ihrer für nicht debile Zuschauer unerträglichen Fernsehspiele fortsetzt. Der mir zum Glück völlig unbekannte Ellert & RichterVerlag stellt ihr Werk so vor:

„Auf der Insel Nordstrand ist noch alles in Ordnung. In der Welt aber brechen die Finanzkrise und der isländische Vulkan Eyjafjallajökull aus damit ist die Ruhe, die der Ex-Ermittler Karl Hieronymus Schröder eben noch auf der Insel genossen hat, dahin. Inspektor Doharty aus London ruft an und holt ihn zurück in die Welt der Verbrecherjagd. Er berichtet von krummen Bankgeschäften, der russischen Mafia und mehreren Toten. Ein indisches Software-Genie muss dringend aufgespürt werden, das wegen der Aschewolke des Vulkans auf dem Frankfurter Flughafen festsitzt. Während Schröder und Doharty ermitteln, gerät der Inder zwischen alle Fronten. Nicht nur seine Auftraggeber, große Banken in aller Welt, werden zunehmend nervös, auch die russische Mafia hat ihn schon ins Visier genommen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Ein packender Thriller, eine überzeugende Erzählerin. Doris Heinze hat einen weltläufigen Thriller verfasst. Kiew, London, Mombasa, New York, Mumbai und Nordstrand sind seine Schauplätze. Vor allem aber lebt Höhere Gewalt von seinen eigenwilligen Charakteren und der schnellen, spannungsgeladenen Handlung.“

Sofort weiß der Leser, dass er in schlechten Händen ist. Da hat Doris, ihr Hirn überschätzend und unter übermenschlicher Aktivierung ihrer Willenskraft, alle Airport-Thriller studiert, um eine schnelle Mark zu machen. Woher soll die Arme auch wissen, dass der Buchmarkt nicht wie ihr Gebühren gesteuerter NDR funktioniert? Wenn man erstmal anfängt Mist zu gucken, wird man irgendwann auch mal Mist schreiben. Also sind die Chancen nicht schlecht, das Elaborat an einen Fernsehsender zu verkaufen, wenn sich erstmal die Wogen geglättet haben. Wahrscheinlich wird das aber noch einige Monate dauern.

Ein Brüller: Am ersten Tag der Verhandlung gegen Sie las sie
in der Buchhandlung Liesegang in Husum aus ihrem Kriminalroman. Der Eintritt war frei. Viele weitere Lesungen hat ihr Verlag schon angedroht. Über die leider schlecht besuchte Erstausstrahlung berichtete immerhin das deutsche Literaturmagazin NR.1, BILD.de:

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“Hohes Gericht, wir sind nur die Opfer des Systems.”

Die schönsten Zitate aus der HAMBURGER MORGENPOST zum Verfahren:

“Die 63-Jährige kommt nun wegen schwerer Bestechlichkeit, schwerer Untreue und Betrugs vor das Landgericht. Sie ist nicht allein auf der Anklagebank: Auch ihr Ehemann und die Filmproduzentin müssen sich vor der Wirtschaftsstrafkammer verantworten. “Für alle Beteiligten hat es sich um risikofreie und einträgliche Geschäfte gehandelt – zulasten der Gebührenzahler”, sagt Möllers…

Den drei Angeklagten werden insgesamt 14 Straftaten aus den Jahren 2003 bis 2009 vorgeworfen – so lange funktionierte das “System Heinze” wie ein gut geschmiertes Uhrwerk: Die damalige NDR-Fernsehspielchefin lieferte der Produzentin der AllMedia, einer früheren Tochterfirma von Studio Hamburg, stets neue Drehbücher von “Niklas Becker” und “Marie Funder”, sicherte als Gegenleistung im Sender die Auftragsvergabe an die AllMedia. Höhepunkt an Dreistigkeit bei dieser Mauschelei: Heinze verkaufte das gleiche Drehbuch zweimal, mit nur leicht verändertem Titel. Nachdem sie für “Dienstage mit Marie” bereits Honorar bezogen hatte, drehte sie der Hamburger Produktionsfirma Network Movie “Dienstage mit Antoine” an – und schädigte die Firma um rund 25 000 Euro…

Sie habe keine Ahnung gehabt, wie ihr Vorgehen “juristisch bewertet werden würde”. Schließlich sei sie nicht die einzige ARD-Redakteurin gewesen, die unter Pseudonym Drehbücher bei dem Senderverbund untergebracht habe. Eine von ihr namentlich nicht genannte Kollegin vom Bayerischen Rundfunk, die nun in der Privatwirtschaft arbeite, sei ebenso verfahren.
Sie und ihr Mann hätten ihre Pseudonyme der Verwertungsgesellschaft VG Wort gemeldet…”

Das ist gut so. Denn dann bekommt sie von der VG Wort nochmal richtig Geld, wenn ihre Machwerke wiederholt werden. Und die wird der NDR und andere ARD-Anstalten sicherlich wiederholen. So sorgt dann Kommissarin Furtwrängler und der NDR dafür, dass die Verbrechen auch später noch belohnt werden. Aber vielleicht schreibt sie dann wenigstens keine weiteren Kriminalromane. Schließlich bringt die Ausschüttung durch VG Wort und das Wiederholungshonorar (Vertrag ist Vertrag) für ein einziges TV-Spiel das x-fache eines durchschnittlichen Buchvorschusses.

“Man kann nicht mehr tun, als sich zu entschuldigen.” Weise Worte einer vom Schicksal schwer gebeutelten Frau, die viele Apfelbäume beschneiden muss. Tja, wer Spott haben will, muss erstmal für Schaden sorgen.



WEISE WORTE by Martin Compart
4. Mai 2012, 11:09 nachmittags
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“Wenn dir im deutschen Fernsehen jemand sagt: Mach mal so was wie ,Breaking Bad’, diese Serie über einen todkranken Chemielehrer, der Drogen verkauft, kommt am Ende ein heuschnupfenkranker Kommissar dabei raus”, sagt Ortun Ertener, einer der wenigen erfolgreichen und anspruchsvollen deutschen Drehbuchautoren, die auch was zu riskieren versuchen.



ZUM 20.JUBILÄUM VON KAISERMÜHLEN BLUES by Martin Compart
28. April 2012, 4:03 nachmittags
Filed under: Drehbuch, Kaisermühlen Blues, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

In den letzten fünf Wochen (März-April 2012) gelang es dem immer mehr in der Bedeutungslosigkeit versinkenden Sender 3SAT sein kaum noch vorhandenes Profil aufzuwerten. Schuld daran waren die Österreicher, die 10 Folgen (Folgen 44-54) der grandiosen TV-Serie KAISERMÜHLEN BLUES des Drehbuchgenies Ernst Hinterberger ausstrahlten. Wenn es eine deutschsprachige (jedenfalls teilweise) Kultserie gibt, die diese Bezeichnung auf hohem Niveau verdient, dann diese. Zuvor wurden die hinreißenden Wiener Milieustudien von Elizabeth T.Spita (etwa: “Am Würstelstand” mit so herzigen O-Tönen wie „Mir hätt´ der Hitler nichtmal als Maler gefallen.“) ausgestrahlt, die einen vortrefflich auf den audiovisuellen Höhepunkt der Woche (neben SPOOKS auf Fox-Serie) einstimmten. Satte 2 ¼ Stunden Unterhaltung vom Besten um das Wochenende fröhlich anzugehen, von keinerlei Werbung unterbrochen – ausgenommen, die dämlichen, auf ARTE schielenden, nutzlosen Zwischenspiele, die sich in ihrer ambitionierten Idiotie für einen GRIMME-Preis empfehlen.

KAISERMÜHLEN BLUES ist nur mit den weltbesten Serien zu vergleichen. In seiner schamlosen Nutzung und Vermischung unterschiedlichster Genres und ihrer Topoi, vom Sozialdrama über Soap bis zum police procedural, gar nur mit den allerbesten britischen Serien, die bekanntlich immer einen Tick besser sind als die besten US-Serien. Der bescheuerte Fachbegriff lautet Dramedy. Etwas schwach für einen kulturellen Höhepunkt einer degenerierenden Zivilisation.
Was bei Dietl und Süßkind (MONACO FRANZE, KIR ROYAL) als fernsehdramaturgisches deutsches Wunder von der Kritik ehrfurchtsvoll beklatscht wird, hat Hinterberger in seiner langen erfolgreichen Karriere zu Hauff besser rausgehaun – vom deutschen Feuilleton weniger wahrgenommen als ein Experimentalfilm aus Bukina Faso. Der noch immer in einer 44qm kleinen Wohnung in Wien lebende Hinterberger verbindet Joseph Roht und Oskar Maria Graf mit Steven Moffat. Inzwischen ist er 81 Jahre alt.

Der Ausgangspunkt der vielschichtigen Geschichten ist eine Gemeindebausiedlung in Kaisermühlen, einem Bezirksteil des 22. Wiener Gemeindebezirks Donaustadt. Hier leben die aberwitzigsten und unterschiedlichsten Charaktere, deren Schicksale, ausgehend vom gewöhnlichem, aufs originellste miteinander verwoben werden. Informieren lassen sich einige von ihnen gerne durch das Magazin „Die bunte Wahrheit“. Dieser Titel alleine schon ist ein Brüller. Hinterberger achtete eben aufs kleinste Detail, Neben dem realistisch-zynischen Blick auf die Gesellschaft, zeichnen die Figuren auch die sprachliche Kreativität der Wiener aus. Das führt zu Dialogen, die man an Wortwitz und Tiefgang mit MONTY PYTHON, TWO AND A HALF MEN oder COUPLING vergleichen kann – aber eben wienerisch. Neben Politikern; Beamten und anderen kleinbürgerlichen Abscheulichkeiten kriegen auch die Popen ihr Fett weg („Der Monsignore ist ein geweihter Herr!“) und vermitteln etwas Distanz zum christlichen Irrglauben, dass Schmerzen der Preis für alles Gute sei.

Ein paar Dialogbeispiele, die geistreicher sind als die kompletten RTL- und SAT1/PRO7-Ketten zusammen:

„Ein Zombie wird doch mal eine Mittagspause machen können“, sagt der immer berückende Herbert Fux als angestellter Maskenträger der Geisterbahn, und zu seinem geschassten Vorgänger:“Ich bin eben universeller einsetzbarer als du.“

„Je älter du wirst, umso ähnlicher wirst du deinem Vater, der so jung hat sterben müssen.“

„Herr Polizist, helfen Sie mir!“
„Und wer hilft mir?“

„Was feiern´s denn?“
„Dass´deppert´s san, das feiern´s.“

„Das alles Schlechte zu uns kommen muss. Nachts schaust du dir <pornofilme an und tagsüber tus´t deine abwegigen Phantasien in die Tat umsetzen.“

„Lass es. Sonst bist du noch an einer Schicksalstragödie schuld.“
“Aber gerade die Schicksalstragödien hab´ ich doch so gern.“

„Amtshandeln muss man können!“

Die dargestellten menschlichen Schwächen, interpretiert durch Wiener Kreatürlichkeit, sind so beeindruckend und tiefsinnig und mit leichter Hand dargestellt, dass ihnen eine geradezu charmante Unbefangenheit anhaftet. Jeder deutsche Durchschnittsregisseur kann u.a. an der Serie lernen wie man Schauspieler inszeniert und timing macht. KAISERMÜHLEN BLUES ist noch lustiger als der andere 3SAT-Knaller: Wettlesen für Ingeborg Bachmann in Klagenfurth; nur optisch, stilistisch und inhaltlich auf weit höherem Niveau. Naja, die Produktionsfirma MR-Film hatte natürlich auch mehr Geld vom ORF bekommen.Unnötig noch zu sagen, dass Regiie (Harald Sicheritz, Erhard Riedlsperger, Reinhard Schwabenitzky), Produktion und die göttlichen Schauspieler zum Besten gehören, was das Medium hergibt.
„Als Hinterberger 1999 den Kaisermühlen-Blues beenden wollte, fragte der ORF nach einem Drehbuch für eine Spin-Off-Serie. Hinterberger und Regisseur Harald Sicheritz entschieden sich für die Figur des Trautmann und produzierten im Jahr 2000 einen 90-minütigen Krimi mit dem Titel Wer heikel ist bleibt übrig. Eigentlich hätte dies ein österreichischer Beitrag zur Krimi-Reihe Tatort werden sollen, aufgrund des in Deutschland angeblich unverständlichen Dialekts wurde dies aber kurz vor der Erstausstrahlung aus dem Programm gestrichen.“(Wikipedia), Typisch für die ARD-Trottel. Als ob man das Genuschel der Micky Maus-Synchronstimme Til Schweiger verstehen könnte, der uns als nächster TATORT-Kommissar angedroht wird. Der kann vielleicht eine Million Prekariats-Trottel in nach Gammelfleisch stinkende Cinedome locken, aber nicht einen zivilisierten Menschen vor den Bildschirm.


Die Serie lief von 1992 bis 1999, brachte es in 7 Staffeln auf 64+7 Sonderfolgen, die es in einer 17 DVDs umfassenden Box gibt, auf diekein wahrer TV-Serien-Afficionado verzichten kann. Ich habe sie gerade bestellt, da ich mich nicht auf das schwankende Niveau von 3SAT verlassen mag.



DAS ENDLOS-THEMA: DEUTSCHER TV-SERIEN-SCHROTT by Martin Compart
5. März 2012, 7:27 nachmittags
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Eigentlich habe ich gar keine Lust mehr darauf. Seit Jahrzehnten lamentieren die Verantwortlichen über die miese Qualität ihrer Produktionen und wie toll angelsächsische Serien sind. Seit den 1980ern geht die Schere zwischen deutschen und ausländischen Serienproduktionen Jahr für Jahr ein bisschen weiter auseinander. Das wissen wir doch alles. Und wir kennen auch die Gründe dafür, dass das deutsche Fernsehen längst jedes internationale Niveau unterbietet. Es ist zum Volksempfänger für das Prekariat verkommen und zumindest das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat längst den Anspruch auf – sagen wir – 2/3 der Gelder und Gebühren verwirkt. Fernsehen findet nur noch für ein Minderheitspublikum statt. Es ist schon lange kein Leitmedium mehr. Das glauben nur noch verblödete Politiker, die ihr Wahlvieh zu erreichen versuchen. Im Ausland sind deutsche Serien, Ausnahmen bestätigen die Regel, reine Lachnummern. Und die Verantwortlichen kriegen das nicht mal mit. Die reden sich allen Ernstes ein, dass ein brasilianischer Provinzsender TATORT oder DERRICK einkauft weil sie deren Qualität schätzen. Völliger Blödsinn. 1.bis 3.Welt-Länder kaufen deutsche Serien weil sie a) billig einzukaufen sind (im Gegensatz zu BBC- oder HBO-Produkten) und weil man sich b) über ihre unglaubliche Dämlichkeit schlapp lachen kann. Oder weil sie c) alle Klischees über Deutschland bestätigen und damit wiederum für Lacher sorgen. Deutsche Serien und Filme werden nur für ein paar Millionen (bei einer Bevölkerung von 80 Millionen sind die Kosten für die Verblödung von maximal 10 Millionen Stammzuschauern nicht zu rechtfertigen) Zuschauer gemacht und die Quote so lange definiert bis man sich irgendwie rechtfertigend darauf beziehen kann.
Und um dem eigenen Affen Zucker zu geben: Die Serie DEEP COVER, mit der ich 1994 den SAT 1-Drehbuchwettbewerb gewonnen habe (dank Oliver Hirschbiegel in der Jury), ist angesichts des katastrophalen Krimi-Angebots von 2012 tatsächlich noch immer revolutionär und seiner (deutschen) Zeit voraus. Unglaublich! Das nach fast 20 Jahren zu sagen, ist erschreckend. Es waren Koryphäen wie die SAT 1-Redakteure Mario Melzer und Thomas Teubner, die cliff hanger für einen Begriff aus dem Alpinismus hielten, die damals den Fortschritt verhinderten. Diese Typen haben sich seitdem vermehrt wie die Karnickel und jede notwendige Innovation verhindert.
Für deutsche Serien – allen voran die Krimiserien – gilt immernoch der alte Satz: Wir wissen zwar wie es geht, aber wir können es nicht!
Ich kenne jemanden, der ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Jahrzehnte lang sonntags TATORT geguckt hat. Seit einiger Zeit kämpft sie nicht mehr gegen ihre Intelligenz an und schläft beim TATORT (ein) um “fit für LUTHER oder Stieg Larson um zehn im ZDF zu sein”. Die einzigen, die diese deutschen Krimiflops noch haben wollen, sind die verantwortlichen Macher um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Dass sie sich überhaupt ein wenig Ahnung von Serientheorie (und keine von moderner Dramaturgie wie nicht lineares Erzählen)aneignen, liegt an rudimentären Englischkenntnissen und dem Internet.

Das bestätigt sich dauernd in diesen Palaververanstaltungen, die als Endlosschleife für die Spesenritter der Sender und Produktionen veranstaltet werden. Im Dezember 2011 gabs mal wieder so eine grottige Veranstaltung des Filmbüros in der selbsternannten Medienstadt Köln. Zum Amüsement aller SPOOKS- oder WHITECHAPPEL-Fans hier ein paar Statements der Diskutanten aus den Protokollen:

Stephan Rick: „Allein gegen die Zeit“ ist eine dreizehnteilige Thrillerserie für Jugendliche à 25 Minuten. Die Idee kam vom NDR, er wollte etwas haben in der Richtung „24“ für Kinder. Wir haben uns gefragt ‚Wie machen wir das ohne Foltern und Ins-Knie-Schießen’?

MC: Ich breche zusammen! Das ist ja mal genauso wundervoll wie innovativ. 24 für Kinder – das hat nicht mal HBO im Programm. Es kommt noch besser:

Rick: Es war uns wichtig, dass die Hauptfiguren normale Schüler sind, die die Herausforderung erstmal annehmen müssen und Probleme mit Witz und Cleverness lösen…Ganz wichtig sind die Cliffhanger. Die spielen in episch erzählten Geschichten eine wichtige Rolle, weil der Zuschauer wissen will, wie es mit‚seinen’ Helden weiter geht. Bei „24“ sind die Cliffhanger meist sehr negativ. Uns war wichtig, neben einem negativen Cliff auf einem anderen Handlungsstrang einen positiven zu haben, damit die Kinder nicht traumatisiert ins Bett entlassen werden, z. B. macht jemand eine wichtige Entdeckung.

MC: Beschränken wir uns lieber auf knallige Erkenntnisse unserer großartigen Serienmacher:

Benjamin Benedict – Produzent „Unsere Mütter, unsere Väter“: Die zehnteilige amerikanische Serie „Band Of Brothers“ war für mich die kopernikanische Wende in der Wahrnehmung der Möglichkeiten, die Fernsehen in Differenzierung und Genauigkeit hat. Die englische sechsteilige Miniserie „State of Play“ ist auch ein gutes Beispiel..Es ist oft so, dass man von einem Sender nur ein minimales Entwicklungsbudget bekommt. Wir reden über einen Zeitpunkt, der entscheidend ist. In dem ein Produzent auf eigenes Risiko arbeitet und der für einen Autor problematisch ist, weil der entscheidende Anteil der Arbeit der schlecht bezahlte ist. Es hängt an der Leidenschaft, mit der man an Stoffe glaubt. Auch da ist der Autor besonders zu nennen, der in dieser Phase höchster Unsicherheit Zuversicht haben muss.

MC: Verkürzt ausgedrückt: Alle kassieren, nur der Autor soll auf Verdacht und Hoffnung arbeiten. Das die Stellung der Drehbuchautoren in Deutschland so mies ist, liegt nicht nur daran, dass sie mehrheitlich miese Schreiber sind. Es liegt vor allem daran, dass ihre Organisation Drehbuchautorenverband ein feiger Haufen ist, der die eigenen Interessen nicht mal gewerkschaftlich organisieren kann.

Rick: „Monaco Franze“ ist für mich ein Beispiel für eine moderne Serienfigur: Er betrügt seine Frau, er ist ein Opportunist, also eine Figur, bei der man auch in aller politischen Korrektheit sagen würde, das geht nicht. Und das gab es schon mal bei uns.

MC: MONACO FRANZE ist eine Serie von 1983! Also drei Jahre vor MIAMI VICE produziert. Nee, das ist mir alles wirklich zu modern. Kann man da noch von kultureller Verspätung reden? Wohl eher von kulturellem Totalschaden.

Peter Nadermann – Produzent „Kommissarin Lund“: Wir tun uns in unserem Markt, der viel härter ist, offenbar schwer und trauen uns wenig. Das Problem ist, dass man immer Sorge hat, dass die Quote nicht stimmt. Deshalb macht man eher defensive Programme. Das rächt sich auf lange Sicht für die Öffentlich-rechtlichen besonders, weil der Zuschauer gar nicht mehr damit rechnet, dass da was läuft. Ein 15-jähriger Teenager nimmt nicht an, dass im ZDF oder der ARD etwas läuft, das cool ist.
Nadermann: Wir befinden uns in einer Situation, in der wir, weil wir zu viel produzieren, Budgets kürzen. Wenn man mit kleinem Geld etwas macht, muss man umso innovativer sein. Die BBC verkauft ihre Programme und holt sich zwanzig bis 35 Prozent aus dem Ausland. Wir verkaufen unsere Programme kaum. Wir produzieren sehr viel, aber wir bezahlen zu viel und haben zu wenig. Es wäre schlauer, weniger zu machen, das höher zu dotieren und dann zu versuchen, andere anzusprechen, um das besser verkaufen zu können.

Nadermann: Es ist eine Wettbewerbssituation entstanden, in der ARD und ZDF untereinander und mit den Privaten konkurrieren. Wenn sich ARD und ZDF darauf einigen könnten, sich zu radikalisieren und miteinander zu arbeiten, könnte man die Qualität des Fernsehprogramms blitzartig anheben.

MC: Wenn ich den intelligenten und engagierten (das meine ich wirklich mal ernst!) Herrn Nadermann richtig verstehe, meint er: Wir geben unsere Steuer- und Gebührengelder lieber nach Schweden und Dänemark für Co-Produktionen, da man in Deutschland nicht kreativ sein kann. Na, damit kann ich doch leben! Bitte auch das Geld für den SOKO-Mist, TATORT und den ZDF-Freitagskrimi an die BBC weiterreichen. Die verbrennen die Kohle jedenfalls nicht. Einen deutschen LUTHER oder ein deutsches SPOOKS kriegen unsere Schnarchnasen doch eh nicht hin.

So aufregend kann Krimi sein!

Na, vielleicht doch besser so.



BRIT NOIR: MCGILL DER WANDERARBEITER by Martin Compart
23. Februar 2012, 4:18 nachmittags
Filed under: Brit Noir, DER MANN MIT DEM KOFFER, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , , ,

Er war und ist noch immer einer der Höhepunkte des Brit Noir im Medium Fernsehen: Richard Bradford alias McGill in MAN IN A SUITCASE.

Als das vielbesungene 68er-Jahr damals wie eine biblische Heimsuchung über alle anständigen Bürger hereinbrach, geriet die Welt der Eltern eine Zeitlang ziemlich aus den Fugen. Heranwachsende ließen sich nun überhaupt nichts mehr sagen und lachten über die ebenso banalen wie gutgemeinten Ratschläge ihrer Erziehungsberechtigten. Die Spießerdroge Fernsehen – womit man die lieben Kleinen früher noch hatte heimlocken können – war out. Man würde ohnehin nie wieder einen solchen Kick erleben wie beim ersten Sehen von “Texas Rangers”, “Bob Moran”, “Mike Nelson”, “Tennisschläger und Kanonen” oder “Simon Templar”. Lediglich “Der Mann mit dem Koffer”, der für Krimiserien das war, was die Stones im Bereich der Popmusik darstellten, lockte mich 1969 noch ganze dreizehnmal freitags, pünktlich um 21 Uhr, nach Hause – und natürlich “Nummer 6″ (Originaltitel: “The Prisoner”), samstags nach dem “Aktuellen Sportstudio”.

Eigentlich war man ja als hartgesottener Teenager über die Identifikation mit diversen Serienhelden hinaus – so dachte man wenigstens. Doch dann kam er: McGill, der Mann mit dem Koffer. Er gab uns den Thrill der frühen Jahre zurück, als die Mattscheibe das gesamte Bewußtsein fiebriger Kinderhirne aufgesaugt hatte. McGill knallte alles weg, was zuvor noch Idolcharakter besessen hatte.


Er war der härteste TV-Held der Prä-Sonny-Crockett-Ära und der einsamste Wolf auf diesem Planeten (abgesehen von den männlichen, pubertierenden Fans, die seiner lakonischen Einsamkeit mit offenen Mündern und wütend geballten Fäusten folgten). Die einst so bewunderten TV-Helden wirkten im Vergleich zu ihm noch mehr wie Hochstapler und Flaschen. Ihre inszenierten Prügeleien muteten angesichts der eigenen Straßenschlachten, nach denen man sich nicht die Haare kämmte, sondern wundgeprügelt in der Dunkelheit auf Schmerzlinderung wartete, absurd und lächerlich an. Bei Kämpfen siegte nicht automatisch das Gute, wie uns die Arschlöcher von der Ponderosa weismachen wollten, sondern der Stärkere. McGill wußte das. Er machte bereits in der ersten Einstellung klar, daß er nicht an alte Wertvorstellungen glaubte und wirklich gefährlich war. Der Mann bewegte sich über den Bildschirm wie ein Panther.

Zum ersten Mal sah man in einer Serie, wie beim Schießen Patronen aus der Pistole geworfen wurden. Erstmals wurde auch gezeigt, wie man sich wirklich verhält, wenn man in ein Haus eindringt, wo die bösen Jungs schon auf einen warten. McGill nahm sich dafür Zeit, nutzte jede Deckung aus und arbeitete sich minutiös wie in einem Melville-Film von Zimmer zu Zimmer vor, darauf achtend, daß kein Licht in seinen Rücken fiel. “Amos Burke” oder “Simon Templar” wären wie Elefanten durch die Bude getrampelt, hätten den Kopf ein wenig zur Seite genommen (nicht zu hastig, damit die Frisur nicht verrutscht), um einer Kugel auszuweichen, und dann mit einem langen, langsamen Hieb aus der ganzen Schulter den Bösewicht ohnmächtig geschlagen – ein Hieb, den man auf der Straße nie zu sehen bekam.

Nicht so McGill: der war ein übler, unglaublich schneller Schläger, der offensichtlich nicht nur zur Freude der Yellow-Press-Fotografen mit Stuntmen ein bißchen herummachte.

Nein, Richard Bradford hatte geboxt, und seinem Gesicht konnte man ansehen, daß er auch einzustecken wußte. Daß aus ihm kein Superstar geworden ist, ist unbegreiflich. Aber wahrscheinlich hat er zu vielen Produzenten aufs Maul gehauen, ohne dabei die Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen.

McGill war eigentlich zu hart fürs deutsche Fernsehen – und genau deswegen war er unser Mann. Er war ein Ex-CIA-Agent (ohne daß der Dienst je namentlich genannt wurde), den man reingelegt hatte, so wie wir damals alle regelmäßig reingelegt wurden, von staatlichen Institutionen wie der Lehrerschaft. So wie McGill seine Unschuld nachzuweisen hatte, mußte auch unsereins vor elterlichen Tribunalen oder der pädagogischen Inquisition pausenlos beweisen, daß man nicht irgendwas angestellt hatte. Dabei wurde der Rechtsgrundsatz von der Unschuld bis zum Beweis des Gegenteils von der Blitzkriegsgeneration selbstverständlich außer Kraft gesetzt. Wir waren also alles in allem nicht viel besser dran als McGill, der eine erhebende Metapher für junge Außenseiter war.

Die Firma beschuldigte McGill, er habe absichtlich nicht verhindert, daß ein westlicher Wissenschaftler zu den Russen übergelaufen war, und schmiß ihn deshalb ohne Rentenanspruch raus. Natürlich war McGill schuldlos und versuchte das zu beweisen. In der Episode “Man from the Dead”, geschrieben vom genialen Stanley Greenberg, stellte sich seine Unschuld dann auch heraus. Aber da der vermeintliche Überläufer in Wahrheit ein Doppelagent war, konnte McGill natürlich nicht rehabilitiert werden, und seine zynischen Ex-Arbeitgeber ließen ihn weiterhin draußen in der Kälte stehen.


McGill: “Wenn er noch lebt, könnte er mich rechtfertigen.”

Direktor Cofflin: “Niemand kann Sie rechtfertigen, McGill.”

Widerliche Bürokraten sorgten zusätzlich dafür, daß er nicht zurück in die USA konnte, ohne verhaftet zu werden, und setzten ihn auf eine Schwarze Liste. So konnte jeder dumpfe Provinzbulle McGill das Leben noch schwerer machen. Alles was ihm blieb, war ein Leben aus dem Koffer, mit dem er von einer miesen Absteige in die nächste zog. Er hatte nichts zu verkaufen als seine Arbeitskraft – und wurde so zum ersten proletarischen Krimihelden der Fernsehgeschichte. “Paranoia heißt, alle Fakten kennen”, schrieb William S. Burroughs einst; McGill bestätigte diese Weisheit Woche für Woche. Um Kohle zu verdienen, nahm er so ziemlich jeden miesen Job an, und oft genug blieb man ihm den Lohn schuldig. Für Konsumfetischismus und dummes Geplänkel hatte er dabei nichts übrig:



Bankkassierer: “Wie möchten Sie es haben?”

McGill: “Einfach in Geld.”



Nein, McGill ließ sich nichts vormachen. “Sie würden sich wundern, wie oft die eine Hand nicht weiß, was die andere versteckt”, sagte er gern. Aber er war auch kein Glückspilz. Wenn er schon mal die Chance hatte, an eine satte Million Dollar zu kommen (wie in dem grandiosen Zweiteiler “Variation on a Million Bucks” von Greenberg), landete er am Ende ohne Geld im Krankenhaus und mußte noch dankbar dafür sein, daß jemand für die Kosten aufkam. Bei fast jedem Job, selbst als Söldner in Afrika (in der Episode “No Friend of Mine” von John Stanton), gerät er zwischen die Fronten und hat alle Seiten gegen sich. Und eine Suche nach geraubtem Geld, wie in “Which Way Did He Go, McGill?” mit Donald Sutherland als Killer, konnte natürlich nur ergebnislos bleiben.

”Man in a Suitcase” schlachtete eine goldene Kuh und schaffte das Happy-End in TV-Serien ab. Bei diesen brutalen Stories kam in den naiven 60er Jahren manchmal wirklich das Gefühl auf, daß McGill am Ende einer Episode ins Gras beißen könnte. Genau das irritierte den durchschnittlichen Fernsehzuschauer, der schon zur Genüge um Dr. Kimble (“Auf der Flucht”; OT: “The Fugitive”) gezittert hatte. Denn McGill war, im Gegensatz zu Kimble, ein echter gesellschaftlicher Außenseiter, und solche Typen schätzten die Mattscheibenspießer überhaupt nicht (weshalb die ARD nach 13 Folgen auch Schluß mit der Serie machte und uns die restlichen 17 Folgen vorenthielt).

Junge Leute, vielleicht die potentielle Zielgruppe dieser existentialistischen Serie, schauten damals nicht fern – schon gar nicht angelsächsische Action-Serien mit dem Geruch des “westlichen Kulturimperialismus”.

So wäre die Serie bei uns fast ein Flop geworden, hätte sie nicht eine der vielen unsäglichen öffentlichen Diskussionen darüber ausgelöst, “wieviel Brutalität denn das Fernsehen anbieten darf”. Damit hatte eine Hamburger Fischverkäuferin keine Probleme: Als eine Fernsehillustrierte eine Umfrage (“Was halten Sie von McGill – ist er zu gewalttätig?”) abzog, antwortete sie: “Der Mann ist eine Sünde wert.”

Selbst die stellenweise recht B-Movie-mäßigen Versuche, beim Publikum durch “geschickten” Einsatz realer Hintergründe fernab gewohnter Studiokulissen etwas exotische Atmosphäre aufkommen zu lassen, taten der allgemeinen Begeisterung keinen Abbruch. Da wurden Standphotos von der Riviera oder grobkörnige Super-8-Aufnahmen von Rom dazwischengeschnitten, um zu belegen, daß sich McGill auch wirklich in Italien oder sonstwo aufhalten würde. Dabei sah jeder, daß er im lieblos ausgestatten Elstree-Studio herumtobte.



Aber der Trash-Effekt war letztlich egal, solange nur der Drehbuchautor einen guten Job machte und sich Richard Bradford eine Zigarette in den Mundwinkel schieben konnte. Seit Humphrey Bogart hatte nämlich niemand mehr so cool mit Glimmstengeln hantiert. Was wiederum einige Kritiker auf die Palme brachte, wenn McGill mit Kippe im Mund einem Mittelschicht-Punk eine reinhaute. Außerdem zeigte man erstmals in einer britischen Serie die dreckigen Londoner Hinterstraßen, auf denen Obdachlose herumlagen und Besoffene in Hauseingänge kotzten. Als Nebenfiguren tauchten außerdem einige der schlimmsten Freaks auf, die man in einer 60er-Jahre-Serie zu sehen bekam: Donald Sutherland als völlig beknackter Killer in “Which Way Did He Go, McGill?” oder ein ganzes Dorf voller aggressiver Arschlöcher in “All That Glitters” von Greenberg, der auch hier wieder McGill am Ende ins Krankenhaus schickte. Und wenn die im deutschsprachigen Raum nie gezeigte Folge “Brainwash” wirklich die letzte Episode war (was viele Fans behaupten), wissen wir nicht, ob McGill wirklich überlebt hat.

Mit ihrer Ideologie der positiven Resignation war “Der Mann mit dem Koffer” jedenfalls keine echte Sixties-Serie mehr und nahm “Miami Vice” oder “Wiseguy” bereits einiges vorweg. Statt sie jedoch an den Pranger zu stellen, hätten die üblichen besorgten Eltern Herrn Bradford lieber Dankschreiben schicken sollen: Er garantierte, daß wenigstens einige Raubauken Freitag abend zu Hause blieben…



PS: Ron Grainer, der einige der besten Titelmusiken der Seriengeschichte komponierte (Stichwort: “The Prisoner”), legte mit der Musik zu “Der Mann mit dem Koffer” übrigens sein Meisterwerk vor.

Auch bei uns entdeckt eine neue Generation McGill:
http://beyondhollywood.de/index.php/topic,17782.new.html



STAMMTISCHGEGRÖLE: GRIECHEN STIMMEN ÜBER „WETTEN DASS…!?“ AB! by Martin Compart
9. Februar 2012, 6:35 nachmittags
Filed under: Stammtischgegröle, TV | Schlagwörter:

Währen die Welt in Unordnung gerät, verharren die Deutschen in urvölkerlicher Stammesdumpfheit. Nervös wie frisch entlassene Kinderschänder starren sie auf die entscheidende Frage des Universums: WER WIRD NACH GOTTSCHALCK WETTEN DAS ÜBERNEHMEN? Statt sich darüber zu freuen, diesen langweiligen und eitlen Nichtskönner los zu sein, erstarren sie angst- und erwartungsvoll zugleich bei der Nachfolgefrage für den Moderator  einer debilen Sendung die hier in diesem unseren Lande als Unterhaltung firmiert. Unterhaltung für geistige Krüppel. Die längst die Hoffnung aufgegeben haben, am Kneipentresen je wieder ein philosophisches Gespräch über die Bundesliga zu führen. Zum Glück hat der internationale Gerichtshof in Den Hag der bangen Suche des Lerchenbergs und dem Rumgezicke von Hape Kerkeling nun ein Ende gemacht: Das griechische Volk stimmt in einer Urabstimmung über die Kandidaten ab, die als Nachfolger des blond gefärbten Stammlers mit dem begrenzten Wortschatz ihren Einsatzbefehl erhalten haben. Ich darf diese Kandidaten exklusiv in meinem Blog vorstellen:







TV: Eine (fast) perfekte Action-Serie: HUMAN TARGET by Martin Compart
7. Oktober 2010, 4:37 nachmittags
Filed under: Comics, Drehbuch, La Femme Nikita, TV, TV-Serien | Schlagwörter: , ,

Wenn man die ersten Folgen der neuen Action-Serie HUMAN TARGET gesehen hat, bestätigt sich, was andere US- und GB-Serien schon bewiesen haben: In Deutschland ist die Zeit stehen geblieben. Zumindest auf dem Lerchenberg und den Räumen deutscher Produktionsfirmen. Kein gegängelter deutscher Drehbuchautor hätte solche Lines, mythisch anmutende Charaktere, Plot-und Subplotwendungen auch nur im Ansatz hingekriegt. Deutsche Regisseure hätten aus dem US-Drehbuch mindestens einen Dreistünder machen MÜSSEN, da sie nie Timing gelernt haben. Und das deutsche Action-TV-Aushängeschild COBRA 11 wirkt im Vergleich mit HUMAN TARGET so antiquiert wie die Keystone Cops.

Perfekt nutzen die Macher die Möglichkeiten des nicht linearen Erzählens, wie es zuvor schon effektiv bei HUSTLE eingesetzt wurde (momentan scheinen die meisten Innovationen aus Großbritannien zu kommen – siehe auch SPOOKS oder LITTLE BRITAIN). Produziert wird sie in Vancouver (seit der gerade verstorbene Stephen J.Cannell die Stadt für WISEGUY entdeckte und sie beispielsweise Joel Surnow für LA FEMME NIKITA nutzte, gilt Vancouver dank günstiger Gewerkschaftsbedingungen als Mekka für Action-Serien). Und jede Folge hat tatsächlich den look eines Bruce Willis-Kinofilm. Action-Kino für Arme ist das nicht. Und die tollen Bücher sorgen dafür, dass alles was momentan in den verseuchten Cinemaxen vor einem debilen Publikum abgespielt wird, dagegen alt aussieht. Noch älter sehen natürlich deutsche Gähnserien aus. Klaus Bassiners Lerchenberger Geronten-Sokos verstehen sich natürlich nicht als Action-TV sondern als homöopathisches Sedativ. Aber der ganze Mist der unfähigen RTL-Tante Anke Schäferkordt stinkt jetzt wieder mächtig ab. Ob sogenannte „Eventfilme“, die scheinbar in einem Legoland gedreht werden, oder LASKO und die vielen vergessenen Flop-Serien, die US-Konzepte grottig kopierten, – so was kann man wohl nur noch für kleines Geld in deutsche Urlaubsgebiete an der
Schwarzmeerküste verscherbeln. Im Gegensatz dazu zeigt HUMAN TARGET, wie man Massen taugliches Action-Format macht ohne die Intelligenz zu beleidigen. Aber auch dieses Highlight wird Tante Anke nicht davon abhalten wieder los zu brausen zu neuerlichen, noch finsteren Tiefpunkten derber Unterhaltung. Immer SAT 1 und pro/ im Rückspiegel.

Die Kunst bei solchen Action-Serien ist die Gradwanderung zwischen Leichtigkeit, Augen zwinkernder Selbstironie und Suspense gepaart mit der Glaubwürdigkeit von Hero-Comic-Charakteren, die in ihrem Kosmos vollkommen glaubwürdig agieren und in ihm dreidimensional wirken. HUMAN TARGET macht das perfekt. Ein absoluter Quantensprung seit dem MILLION DOLLAR MAN oder dem A-Team. TARGET funktioniert auf allen Ebenen und spricht alle Bildungsschichten an. Ein Zeichen wahrer Industriekunst, also mehr als nur gutes Handwerk! Neben der Action ist die Interaktion zwischen den drei Hauptfiguren ein besonderer Reiz der Serie. Mark Valley drückte das ebenso kryptisch wie nett aus: “Wenn Chance ein ehemaliger Junkie oder Alkoholiker wäre, dann ist Winston eher sowas wie sein Helfer während Jackie sein Ex-Dealer ist.”
Die Serie beginnt klassisch in Episodenform. Ab der Folge SANCTUARY steigt sie intensiver in die Personen und ihre Hintergründe ein und baut behutsam ihre eigene Mythologie. Hinweise und Andeutungen werden geschickt in die einzelnen Folgen eingebaut, die beim großen Finale erst ihren Sinn bekommen. Da erfahren wir dann die “großen” Geheimnisse hinter dem Mann, der sich Christopher Chance nennt. Die Season endet mit einem cliffhanger, da man die Verlängerung durch FOX wohl in der Tasche hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in der zweiten Staffel zu einem noch stärkeren Mix aus episodischen- und seriellem Erzählen kommt. Wie gut das funktionieren kann, haben bereits LA FEMME NIKITA oder X-FILES bewiesen. Aber wer weiß? Vielleicht bauen die Produzenten auch stärker auf das rein serielle Erzählen. Denn das hat momentan den größten Zuspruch des Publikums; abgesehen mal von police procedurals wie CSI. Mich würde es nicht wundern, wenn sich TARGET zur nächsten großen Kult-Serie entwickelt. Das Ende von 24 und dem J.J.Abrams-Zeugs hinterlassen ein Vakuum. Die erste Season ist dann nichts anderes als eine äußerst ausführliche Exposition.

Christopher Chance erblickte das Licht der Comic Book-Welt 1958 in GANG BUSTER No.61. Er wäre ein längst vergessener One Shot, hätten ihn micht Len Wein und Carmine Infantino 1972 neu belebt. In den frühen 1970ern diente er als Füllserie für Superman in der ACTION COMIC-Reihe. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnt wechselte er als Füllmaterial zu Batman in DETECTIVE COMICS. Zu seinen Zeichnern zählten immerhin Stars wie Neal Adams und Howard Chaykin! 1990 wurde er für sieben Folgen auf den Bildschirm gezerrt, gespielt von Rick Springfield. Das Gute an der erfolglosen Serie war, dass sich DC wieder an Chance erinnerte und Pete Milligan ein neue Interpretation für Erwachsene ermöglichte. Mit den Zeichnern Edvin Biukovic, Cliff Chiang und Javier Pulido legte er für DCs VERTIGO-Line 1999 eine beeindruckende Mini-Serie und 2003 eine Graphic Novel vor; und von 2003 bis 2005 gab es dann eine monatliche Heftserie in 21 Comic Books. Markanter Unterschied zur neuen TV-Serie: In den Comics nimmt Chance die Identität des Klienten an, währen er im TV eher als HUMAN SHIELD agiert, Die TV-Serie wurde von Jonathan E.Steinberg entwickelt. Er hatte zuvor als Autor, story editor und Produzent an JERICHO gearbeitet; die Serie bezeichnet er als „very good boot camp“. Der Grund für den Konzeptwechsel des Comics ist eine medienspezifische Vorgabe: so kann man prominente Gaststars in jede Folge einbauen:
„ This was a property that had been in development both for TV and the movies for a while, and I think for good reason. It’s a very enticing idea – a guy who is always looking to or is willing to become you and get into the trouble that you made for yourself, and I think everybody had tried to figure out a way to make it work. It was pitched to me as something that Peter Johnson andWarner Bros. were looking to do…It’s fun and allows you to play with identity in a cool way, but as soon as it becomes flesh and blood, it’s a strange credibility that is detrimental to the story. That was one of the earlier obstacles with us, how do we make it real? If there was a guy who did this job, how would he do it? He probably wouldn’t do it by putting on a rubber mask.
So I think that was the beginning of it. After that it became clear to us that we wanted to create an action hero that was like the action heroes that I grew up with, the Indiana Joneses. The John McClanes. It’s very hard to fall in love with Indiana Jones when he looks like somebody else every week.“

Nach der ersten Season mit 12 Folgen ist eine zweite mit über zwanzig Folgen in der Produktion. Obwohl die Zuschauerzahlen bei FOX eher mittelmäßig waren: Von Anfangs ca.10 Millionen sank sie auf 7,5 Millionen. Zum Glück für HUMAN TARGET hat Fox aber nicht mehr 24 am Start (endete mit der 8.Season) und braucht einen zumindest ähnlichen Ersatz im Genre. In der 2.Season bekommen die drei von der Rettungsstelle einen weiblichen Boss. Der neue Showrunner Matt Miller lüftete die Hintergründe: Die Milliardärin Ilsa, gespielt von Indira Varma (Rom, Torchwood) kauft die Agentur, die permanent in finanzielle Schwierigkeiten steckt und wird ihr Chef. Natürlich – wie es sich nach Genrekonventionen gehört – ist sie von Chance völlig unbeeindruckt und aus der Situation wird sicher Knistern und Spannung destiliert. Chi McBride alias Winston: “Wir sind wie eine dysfunktionale Familie. Wir streiten uns, aber wenn es darauf ankommt, halten wir zusammen.” Ein Konzept, dass seit Jahrzehnten funktioniert: Streitende Ritter, die von ihrer Burg zu einer Quest aufbrechen um das Böse zu bekämpfen. Matt Miller: “In der 2.Season legen wir Wert darauf, dass man neben der Haupthandlung auch in jeder Folge etwas neues über einen der Protagonisten erfährt.” Miller spielt einen hohen Ball wenn er HUMAN TARGET mit den Büchern von Elmore Leonard vergleicht: “Durchaus, was Witz, Charakterisierung und Stimmung angeht. Guerrero ist ein Typ, der direkt einem Leonard-Roman entstiegen sein könnte.” Man denkt auch daran, künftig Autoren des Comics für Drehbücher zu verpflichten.

Neben der guten Story-Struktur und dem perfekten Szenenaufbau gelingt es den Autoren mit den Schauspielern in der kürzesten Zeit alle Figuren individuell und zumeist auch originell zu charakterisieren. Das heißt: auch die Dialoge sind genau das Gegenteil vom sinnlosen Gestammel in deutschen Crime-Serien. Großartige Lines kriegt natürlich Mark Valley, die Christopher Chance als witzigen und ultracoolen Charakter unterstreichen:

Chance: Ich muss das brennende Flugzeug auf den Rücken legen um den Brandherd auszublasen.
Stewardess: Haben Sie so was schon gemacht?
Chance: Häufig In allen Möglichkeiten.
Stewardess: Wann und wo?
Chance: In einem Simulator.
Stewardess: Oh, nein.
Chance: Es war ein sehr guter Simulator.
Chance dreht das Flugzeug was zur Folge hat, dass die Instrumente nicht mehr funktionieren und er es nicht mehr kontrollieren kann.
Stewardess: Was bedeutet das?
Chance: Technisch gesehen: Das Flugzeug ist kaputt.

Man muss Mark Valley dabei sehen. Der Golfkriegveteran (des 2. Golfkriegs 1991; der 1.fand zwischen Irak und Iran statt) hat das Charisma um diese Comicfigur im allerbesten Sinn glaubwürdig rüber zu bringen. Wäre die Hauptrolle schlecht gecastet, hätte die Serie trotz guter Bücher riesige Probleme.
Das einzige Ärgernis ist, dass man HUMAN TARGET montags auf pro7 mit Werbeunterbrechungen sehen muss. Wer das nicht will, muss auf die Box warten oder sich im Internet die amerikanischen Folgen zusammen suchen.

Zu Gast auf einem Comic Con:





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