Martin Compart


007-ALTE NUMMER, NEUER BOND by Martin Compart

Dieses Jahr wird für Bond-Fans voraussichtlich ein gutes. Zum 50.Jubiläum der Filmserie kommt der neue Schocker mit Daniel Craig, SKYFALL, Ende des Jahres in die Kino. Und soeben ist die deutsche Übersetzung des neuen 007-Romans erschienen. Es ist der 23.Bondroman, der nicht von Ian Fleming geschrieben wurde – die Novelizations der Filme nicht mitgerechnet. Wie jeder neue Bond-Darsteller sorgt auch jeder neue Bond-Autor für heftige Kontroversen bei den 007-Fans. Die besseren sind Fleming nahe gekommen, keiner kam ihm gleich und niemand übertraf ihn.

RÜCKBLICK AUF DIE FLEMING-NACHFOLGER:

Das die Gelddruckmaschine Bond durch den Tod von Fleming nicht gestoppt werden durfte, war klar. Weitere Bond-Romane mussten folgen, den Erfolg der Filme begleiten. Als ersten neuen Autor erwählten die Fleming-Erben keinen geringeren als den angesehenen Romancier Kingsley Amis (LUCKY JIM). Der hatte sich bereits als Bond-Afficionado bewiesen mit der vorzüglichen Analyse THE JAMES BOND DOSSIER (noch immer eines der besten Bücher über Fleming und 007). Unter dem Pseudonym „Robert Markham“ veröffentlichte er 1968 mit COLONEL SUN ein überzeugendes Fleming-Pastiche. Danach lag das Unternehmen „neue Bond-Romane“ erstmal auf Eis. 1981 verpflichtete man den mäßigen Thriller-Autor John Gardner für weitere Bond-Abenteuer. Die ersten beiden Romane waren erfolgreich, schafften es auf die Bestsellerlisten. Dann war der Ofen aus, denn die Bond-Leser hatten keine lust, Gardners dümmliche Aktualisierungen ihrer Ikone weiter zu begleiten. Eine von Gardners dämlichsten Nummern war Bond einen Saab fahren zu lassen, eine auf Sicherheit ausgelegte Familienkutsche für den rücksichtslosen Sportwagenfahrer! Gardners insgesamt 14 Romane wiesen einen Haufen Ärgerlichkeiten auf und zeigten deutlich, dass der Autor wenig Ahnung vom Mythos (und von Stil) hatte. Zu allem Überfluss machte er Bond auch noch zum überzeugten Teetrinker! Fleming bemerkte fast in jedem Buch, wie sehr Bond dieses Getränk hasste. Fleming-Agent Janson-Smith ertinnert sich: „Gardner wollte, dass Bond zum Gustav-Mahler-Fan wird, weil Gardner Mahler-Fan war. Das habe ich abgelehnt. Zu Anfang verkauften sich seine Bücher wirklich gut, aber dann ging es bergab. Er war vielleicht zu lange dabei. Er wollte immer genauso viele Bücher schreiben wie Fleming…“
Peinlich wurde Gardner besonders dann, wenn er krampfhaft versuchte Flemings eigenwillig harten Szenenanreißer zu kopieren; das klingt dann eher nach Parodie (und die Bond-Parodien um Boysie Oakes, mit denen der Gute vor vielen Jahren mal ins Geschäft kam, waren schon schwer erträglich). Ein paar Stümpereien gefällig? Bitte sehr (aus SCORPIUS):

“Das Summen des Radioweckers schnitt wie das Messer eines Vandalen in den tiefen Kokon des Schlafes.”

“`Nein! Nein!Nein!`’Ja’, sagte Bond scharf und herrisch. ‘ Ja!Ja! Und Ja!’”

Gardner hatte kaum Ahnung von seinem Helden. Zwar hatte sich das im Laufe der Jahre da ein bisschen was getan, aber wirklich begriffen hatte Gardnerr weder die Figur noch deren Schöpfer. So lässt er den hundertprozentigen Briten etwa französische Anzüge tragen oder macht den von Kingsley Amis als Kulturbanausen richtig erkannten Bond plötzlich zum Jazz-Fan. Statt cooler Arroganz ist dem Gardner-Bond debiles Menscheln eigen. Und M, von Fleming als Inbegriff des effektiven emotionslosen Apparatschik charakterisiert, lässt er kaum motivierte Wutausbrüche hinlegen. Und “sein” Bond behauptet gar – und da bleibt wohl jedem Fleming-Kenner die Spucke weg -:”Mein Vorgesetzter ist von einem hübschen Gesicht und einer noch hübscheren Figur leicht herumzukriegen.“ John Gardner gehörte offensichtlich zu einem Komplott von SPECTRE um Bond endgültig auszuschalten. Immerhin verkauften sich seine Romane bei absteigender Tendenz fast fünf Millionen mal.

Etwas besser waren danach die Bond-Romane von Raymond Benson (von denen nur wenige ins Deutsche übersetzt wurden). Aber auch sie hatten nicht den Fleming-Touch (den Kingsley Amis heraufbeschwören konnte). Anders als in den Filmen funktionierte es nicht überzeugend, Bond in die Gegenwart zu transformieren und ihn peinlich dem Zeitgeist anzupassen. „Benson habe ich aufgrund seines Sachbuchs über Flemings Romane engagiert. Seine ersten Bücher hatten gute Strukturen und viele Textfehler, aber er lernte schnell. Flemings Erben mochten Bensons Bücher nicht. Auch die Verkäufe gingen rapide zurück.“ Sein letzter, THE MAN WITH THE RED TATTOO (in Deutschland nicht veröffentlicht) verkaufte in England lediglich 5000 Exemplare und in den Staaten 13.000. Seine sechs Romane hatten weltweit die schlappe Auflage von 600 000 Exemplaren. Flemings Bücher haben inzwischen lange die 100 Millionen überschritten.

Sebastian Faulks, der vorletzte Bond-Autor, hatte das wohl begriffen und schrieb ein period piece. DER TOD IST NUR DER ANFANG (Heyne) spielt 1967 und mobilisiert den Fleming Touch ganz ordentlich. Außerdem bringt der Roman spärlich aber witziges Zeitkolorit mit ein. Etwa Anspielungen auf die damalige Verhaftung der Rolling Stones wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.. Da regt sich dann M darüber auf, dass „seine“ TIMES für Gerechtigkeit gegenüber diesen langhaarigen Pop-Schurken plädiert. Genial fand ich, dass Faulks direkt an Flemings letzten Roman, THE MAN WITH THE GOLDEN GUN, anschließt und im Iran spielt. Trotzdem erreicht auch er den Meister nicht, der die Leser Adrenalin auf hohem Niveau ausstießen ließ (man lese nur die über mehrere Seiten laufende Szene mit dem giftigen Tausendfüssler in DR.NO! Im Film wurde daraus die läppische Vogelspinnen-Szene). Ian Flemings literarisches Genie ist in Deutschland bis heute weder entdeckt noch gewürdigt. Was nicht wirklich verwundert. Für das debile Feuilleton hätte ihn wahrscheinlich Diogenes veröffentlichen müssen. Denn ohne Diogenes wüssten diese Parakritiker heute noch nicht wer Chandler, Highsmith oder Ambler sind (obwohl diese lange zuvor in anderen Verlagen veröffentlicht wurden). Anthony Burgess zählte GOLDFINGER unter die 99 besten Romane des 20.Jahrhunderts. Aber wer ist schon Burgess? Ein Name, den weder Radisch, Dotn, Mangold, oder wie diese Bürokraten der Langeweile alle heißen, je gehört haben.

Das Großmaul Faulks übernahm sich mit einigen Äußerungen, die nicht alle glaubwürdig klangen. Sein Roman entspräche stilistisch zu 80 Prozent Ian Fleming. Er habe es weitgehend nach dessen Methode geschrieben: “In seinem Haus in Jamaika schrieb Fleming am Morgen 1000 Worte, dann ging er Schnorcheln, nahm einen Cocktail, Lunch auf der Terrasse, ging wieder Tauchen, schrieb weitere 1000 Worte am späten Nachmittag, dann mehr Martinis und bezaubernde Frauen. In meinem Haus in London habe ich diese Routine genau nachgemacht – allerdings ohne Cocktails, Lunch und Tauchen.” Sechs Wochen habe die Arbeit an DEVIL MAY CARE gedauert. Gelungen ist ihm immerhin der überzeugendste Bond seit Amis. Und es war mit 44 000 verkauften Exemplaren in der ersten Wochedas am schnellsten verkaufte Hardcover in der Geschichte von Penguin Books!

Janson-Smith hatte es nicht leicht in den letzten Jahren Flemings Werk international am Leben zu erhalten: „Ich denke nicht, dass Heyne in Deutschland der richtige Verlag für diese Bücher ist. Sie verkaufen sich seit Jahren schlecht. Auch in Frankreich ist das so, der Verleger Gallimard hat sie sogar aus dem Programm genommen. Man darf aber nicht vergessen, dass Bond immer noch ein sehr guter und sehr bekannter Name ist. Man sollte ihn nicht unterschätzen. Es ist erstaunlich, was Fleming erschaffen hat. Die Filme werden sowieso ewig weitergehen. Ich hoffe nur, dass die Geschichten besser werden. Ich habe den ersten deutschen Bond-Vertrag mit Ullstein auf der Frankfurter Buchmesse gemacht, in “Jimmys Bar” im Hotel “Hessischer Hof”. Danach gingen die Rechte an den Scherz-Verlag, weil Ullstein mit den Verkäufen nicht zufrieden war. Ich weiß noch, dass ein Herr Hausen nach James Bond gefragt hat, der die Bücher ins Armenische übersetzen lassen wollte, weil dort die Kinder danach gefragt hatten. Er hatte nicht viel Geld und sagte, dass die Sprache aussterbe und bot 50 Mark für jeweils drei Bücher. Ian war erfreut. Wir machten den Deal, und so erschienen die Bücher auf Armenisch. Ian sprach ja auch deutsch. Ich habe viele Verträge in Frankfurt geschlossen.“

CARTE BLANCHE

Tja, und nun also Jeffrey Deaver. Er ist seit Jahren einer der erfolgreichsten Thriller-Autoren der Welt und wurde anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Ian Fleming Steel Dagger Award gefragt, ob er einen Bond schreiben wolle. Deaver ist seit dem 8. Lebensjahr Bond-Fan und sagte zu. Deaver hat Millionen Thriller verkauft, eine beliebte Serienfigur(Lincoln Rhymes) erschaffen und eine Menge Fans, auch im deutschsprachigen Raum. Ich gehöre nicht dazu. Mir ist er zu geschwätzig. Wahrscheinlich bekam er “carte blanche” von den Fleming Erben, für mich wurde es eher zur “Lizenz zur Langeweile”.
Nach dem Experiment mit dem Literaten Faulks und der kurzen Rückkehr in die 1960er, durfte Deaver Bond nicht nur in die Gegenwart holen, sondern ihn komplett updaten. Ziel war es, einen zeitgenössischen Bond für das 21.Jahrhundert zu etablieren, auf dem weitere Romane aufbauen. Bei der Kinoversion hat das ja geklappt, in dem Daniel Craig den Superagenten etwas verprollte und damit dem jüngeren Publikum zugänglicher machte. Im Roman, der sich zwangsläufig an Alphabeten wendet, muss man andere Wege gehen.
Zum Plot will ich nicht zuviel erzählen. Bond hat fünf Tage um einen Anschlag mit dem schönen Code-Wort „Gehenna“ zu verhindern.. Also rast er von Serbien über England und Dubai bis Südafrika herum, trifft nette und böse Frauen, wird unterstützt von seinen alten Mitkämpfern Mathis und Leiter (der natürlich nicht seine Hand von einem Hai in LIVE AND LET DIE abgebissen bekam un den Bond nun während seiner Militärzeit kennen gelernt hat) und macht dabei – frei nach LITTLE BRITAIN – so Bondsachen. Der Schurke heißt Severan Hydt, hat nekrophile Neigungen, und steht ganz in der Tradition. Um Druck zu erzeugen, lässt Deaver den Roman in sechs Tagen spielen.

Deaver bediente sich natürlich bei den populären Fleming-Topoi, die Kingsley Amis im BOND DOSSIER aufgeschlüsselt hatte. Alles da, was den Bond-Fan erfreut: Ein ungewöhnlicher Schurke, die schönen Frauen, exotische (gut recherchierte) Schauplätze, gepflegte Gastronomie, technische Gadgets, Markenartikel, Autos und die Walther-Pistole. Aber Bond ist nun Afghanistan-Veteran, vermutet, dass seine Eltern von den Russen ermordet wurden. Zu allem Überfluss interessiert er sich auch noch für Formel 1. Ich hatte immer Probleme mit den Revampingversuchen des literarischen Bond (anders als mit den filmischen). Ähnlich wie bei Sherlock Holmes. Wo dies allerdings in der TV-Serie SHERLOCK überzeugend gelungen ist. Für mich sind sie Charaktere, die so intensiv ihre Epoche widerspiegeln, das immer ein schales Gefühl zurück bleibt wenn man sie zu modernisieren versucht. Am besten gelang das m.E. bei Bond noch Raymond Benson (und natürlich in den grandiosen Comic Strips von Jim Lawrence und Horak). Deavers Bond ist mir zu steril. Flemings Geschöpf war düsterer und stand ganz in der Tradition des byronschen Helden. Fleming konnte es sich erlauben, ihn auch unsympathisch zu zeigen. Deaver geht dieses Risiko nie ein. Würde man den Namen ändern, käme man nur selten auf den Gedanken, dass es sich um Bond handelt. Es fühlt sich falsch an.
Leider vergeigt Deaver auch gleich den Anfang des Romans, in dem Bond gegen einen Profi-Terroristen das Attentat auf einen Giftzug in Serbien verhindert. Es gelingt ihm nicht – und das ist bei Action-Szenen nun mal wichtig – ein Gefühl für den Raum zu vermitteln. Dadurch baut sich beim lesen der Suspense nur mangelhaft auf. Außerdem stimmt das Timing nicht .Im Film würde man sagen: der schlechte Schnitt hat die Szene ruiniert. Aber Raum- und Zeitgefühl zu vermitteln muss man um Suspense bei Actionszenen zu erzeugen, das ist im Buch nicht anders als im Film. Sense of location und Timing sind bei Fleming so perfekt, dass sie einem auch heute noch den Schweiß auf die Stirn treiben.
Deavers technische Recherchen sind beeindruckend: Er arbeitet überzeugend die aktuellen Technologien ein und lässt Bond sie nutzen. Ganz auf der Höhe ist CARTE BLANCHE ein zeitgemäßer Thriller. Wichtigstes Gadget ist ein „IQ-Phone“, voll gestopft mit Aps für die man morden würde.
Manchmal trifft Deaver den Ton ganz gut, aber dann haut er immer wieder so peinlich daneben, dass es der Sau graust. Etwa in Bond zugeschriebenen Äußerungen wie „Ich fühle mich fast wie Lehman Brothers“. Einmal verzichtet Bond sogar darauf einen Gegner zu töten und schießt ihn nur in den Arm. Häh? Diese Milde hat er wohl aus Afghanistan mitgebracht. Den Chauvinismus, den Kritiker Fleming zu Recht vorgeworfen haben, hat Deaver „seinem“ Bond ausgetrieben. Aber genau dieser Chauvinismus hat die Figur so überzeugend gemacht. Bond als politisch korrekter, für Gleichheit eintretender, nicht-sexistischer Nichtraucher funktioniert genauso wenig wie Philip Marlowe als glücklich verheirateter Millionärinengatte.

Dieser manchmal an Rassismus grenzender Chauvinismus spiegelte vortrefflich die Arroganz des untergehenden Empires und ist deswegen nicht nur mentalgeschichtlich hoch amüsant. Er schuf einen eigenen Kosmos, einen Themenpark, den man Testosteronland nennen könnte. Flemings Bond ist nicht der unbesiegbare Snob der meisten Filme. Er ist ein Mann mit einer Sozialisation und tiefen inneren und äußeren Wunden. Er hat manchmal Angst und Fleming beschreibt seine Furcht minutiös. Durch seine Kunst, einen dreidimensionalen Charakter zu schaffen wurde Bond erst zu dem Mythos, den der Film zum eindimensionalen Klischee herunter kürzte.
Die literarische Vorlage ist bedeutend vielschichtiger als die dem jeweiligen Zeitgeschmack angepassten Film-Bonds.
In DR .NO hat er sogar Angst um seinen Job, weil er am Ende von FROM RUSSIA WITH LOVE einen Kampf gegen eine ältere Frau verloren hat. In THUNDERBALL ist er körperlich so schlecht zurecht, dass M ihn zur Kur in einer Gesundheitsfarm schickt. Und der oft skrupellose Frauenheld verliebt sich manchmal so sehr , dass er dafür seinen Job gefährdet oder hinschmeissen will (Tracy, Domino, Vesper, Kissy).
Er ist Held und Anti-Held in einer Person (Fleming schrieb zeitgleich mit Autoren wie John Osborne und Kingsley Amis, die die „Angry young men“ in die britische Literatur brachten). Welchen Sinn macht es, dieser Figur alles zu nehmen, was sie charakterisiert? Weil man lediglich Bond lediglich als Markenmanagement verwendet. Die zweifelhafte Gleichung der Fleming-Erben, die den Rachen nicht voll genug kriegen lautet: Bestsellerautor Deaver+Brandname 007+update a la Bond-Filme=Welterfolg.

Deavers Bond ist blaß, ein Papp-Charakter dessen Emotionen aufgesetzt wirken. Ein Typ, der einen nicht wirklich interessiert – wie die Knatterchargen in Deavers überschätzten Thrillern.
Ein weiteres Manko: Das Buch ist zu lang – bisher der längste Bond-Roman überhaupt. Deaver labert zuviel herum, lässt Bond bei Verfolgungsjagden geradezu schwachsinnig über Kugelausstoß oder Entfernungen meditieren. Der britische Kritiker Ivan Radford bringt es auf den Punkt: „Wie ein Mathematiklehrer mit einer Kanone“.

Dem kann man ausweichen, indem man zur gekürzten Hörfassung greift. Das Hörbuch ist bei Random House Audio erschienen und 403 Minuten lang. Das richtige Bond-Feeling garantiert Sprecher Dietmar Wunder, der Daniel Craig synchronisiert. Und da ich ja für die billigsten Kalauer zu haben bin: Herr Wunder erzählt den Roman ganz wunderbar.

Was ist nun nach all dem Rumgemaule das Fazit? Sollte man den Roman lesen oder nicht? Ja, verdammt. Schließlich haben wir Bond-Fans auch MOONRAKER oder QUANTUM OF SOLACE angesehen. Und – „M“ sei meiner gnädig – John Gardner gelesen.



007 kehrt zurück by Martin Compart
31. Januar 2012, 9:58 vormittags
Einsortiert unter: Ian Fleming, James Bond, Spythriller, thriller | Schlagwörter: , , ,

Nur noch wenige Wochen: Dann erscheint der neue Bond-Roman bei Blanvalet. Hier erfahren Sie, ob sich das Warten gelohnt hat und welche Aspekte Jeffrey Deaver dem Pop-Mythos entnimmt und ob er neue hinzufügen kann. Er muss sich letztlich an einem der größten Thriller-Autoren aller Zeiten messen lassen.

Mit dem neuen Roman und dem kommenden Film könnte es ein gutes Jahr für Bond-Fans werden.



BRIT NOIR: SIMON KERNICK – SPEEDKING 3/ by Martin Compart
3. Januar 2012, 3:00 nachmittags
Einsortiert unter: Brit Noir, Crime Fiction, Krimis, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir, Porträt, SIMON KERNICK, thriller | Schlagwörter: , ,

Eines von Kernicks liebsten Stilmitteln ist der “cliffhanger”: Auf dem Höhepunkt des Suspense wird auf eine andere Handlungsebene überblendet. Auch das wurde von “24″ für das Fernsehen perfektioniert (und verdankt den TV-Melodramen fast soviel wie den Pulps; der “Tarzan”-Schöpfer Edgar Rice Burroughs war ein Meister dieser Technik). Virtuos ist auch seine Darstellung von Action jeglicher Art – von Schießereien bis Autojagden. Kein zeitgenössischer Literat bringt physische Aktion filmischer zu Papier.

Zur wie auch immer gearteten Unterstützung seiner Gehetzten bringt Kernick gerne Profis ein: die Polizisten Mike Bolt oder Tina Boyd. Dabei führt er vor, daß die Logistik durch staatliche Institutionen nie ausreicht, um den Gefahren und Problemen zu begegnen. Entweder ist sie nicht effektiv oder – schlimmer noch – korrupt. Bei aller Konzentration auf physische Aktion (die freie Entscheidungsmöglichkeiten suggeriert) wurzeln Kernicks Thriller, wie Woolrichs, in einer klassischen Noir-Welt. Also in der Realität. Sein London hat nichts Gemütliches oder Idyllisches. Es ist ein zertrümmerte Stadt im Niedergang, beherrscht von penetranten Überwachungskameras, Gangs, skrupellosen Neubauten, Terroristen und drei einsatzbereit lauernden Hubschraubern, die in geringer Höhe über die Stadt knattern, um die Einwohner an Orwells faschistoide Zukunftsvision zu erinnern. Eine Welt von nur scheinbarer Geborgenheit im infantilen Luxus des familiären Mittelschichtmilieus. Die typische westliche Metropole des neuen Jahrtausends, in der die Straßen von einem Moment zum anderen zu Schlachtfeldern werden können. Kernick zeigt eine kranke Gesellschaft, die von Manipulationen und Verschwörungen beherrscht wird.

Disziplin ist auch für Kernick die wichtigste Autorentugend: “Ich schreibe jeden Wochentag, manchmal auch während des Wochenendes. Mittags eine große Pause. Mein Ziel sind 2000 Worte pro Arbeitstag. Die Planung und Vorbereitung für ein Buch dauert etwa zwei Monate. Das Schreiben weitere sechs. Heute recherchiere ich nicht mehr soviel wie früher. Ich glaube nämlich, daß man auch zuviel recherchieren kann.”

In der Regel bevorzugt er die erste Person als Erzählerperspektive. Die ist bei seiner Art von Thrillern sehr effektiv, da sie den Leser unmittelbar in die Geschichte saugt. Aber Kernick experimentiert auch gerne mal und nicht weniger überzeugend: In “Instinkt” wechselt er vom Ich-Erzähler zum allwissenden Erzähler (der Tina Boyds Handlungen begleitet). In “The Murder Exchange” erzählen die beiden Hauptcharaktere, Ex-Söldner Iversson und DS Gallan, in der ersten Person. “Das war schwierig. Ich mußte immer wieder feilen und feilen, damit jeder mit seiner eigenen Stimme sprach und nicht beide dieselben Phrasen droschen.”

Kernicks Frauen sind genauso stark und überzeugend dargestellt wie die Männer. Auch Opfer wie Andrea in “Deadline” sind keine Weibchen, sondern selbstbewußte Frauen, die sich gesellschaftlich hochgeboxt haben und ebenso selbstbewußt mit ihrer Sexualität umgehen. Sie sind genauso weder schwarz noch weiß gezeichnet – wie seine männlichen Helden. Alle haben dunkle und helle Seiten, ohne deshalb zu grauen Mäusen zu degenerieren. Es sind diese ökonomisch kalkulierten und knappen Charakterstudien, die von der oberflächlichen Kritik gerne übersehen werden. Aber ohne ihre Effektivität würden seine Page-Turner nicht funktionieren. Kernick muß im Leser zumindest Empathie für seine Figuren wecken, wenn der ihnen auf den Höllentrips folgen soll.

Inzwischen kann er es sich leisten, auch einmal zu seinen Wurzeln zurückzukehren: In “Payback”, (2011) bringt er DI Tina Boyd und Milne zusammen in einer mörderischen Rachejagd von London über Hongkong zu den Philippinen. Tina Boyd, genannt “die schwarze Witwe” (denn ihr Nahestehende haben meist ein kurzes Leben) hat auch einen Cameo-Auftritt in “Siege” und wichtige Rollen in “Deadline” und “Target”, Es scheint, daß Kernick in eine dritte Phase eintritt, die eine Synthese aus den frühen Noir-Romanen und seinen Speed-Thrillern formt. “Meine frühen Bücher, die Cop-Noir-Romane, waren viel brutaler als meine Thriller. Ich glaube, die Menschen wollen nicht mehr so gewalttätiges Zeug lesen wie vielleicht noch vor zehn Jahren. Wir haben soviel extreme Gewalt in der Realität.” Naja, der Bodycount in “Todesangst” kann auch einen McNab-Fan “befriedigen”. Und den Psycho-Terror, den Kernick verbreitet, macht ein Verhör durch Jack Bauer zum adretten Folterspiel. Er hat die Fähigkeit, den Leser aufs perfideste durch die Mangel zu drehen. Es gibt auch keine peinlichen Pornoszenen (ohne den Sex zu negieren): “Als Kind war ich natürlich scharf auf Sexszenen in Krimis. Aber heute als Autor glaube ich nicht mehr daran. Sex ist überall verfügbar, und wer das will, braucht nur ins Internet zu gehen oder sich einen Pornofilm einzulegen. Ich mache das lieber ganz romantisch und blende ab einem bestimmten Moment aus. Alles sehr geschmackvoll.”

Ihn interessiert vor allem Gerechtigkeit. Wie es sich meistens gehört, bekommen die Bösen am Ende seiner Thriller ihre gerechte Strafe. “Jeder weiß doch, daß in der Realität die Bösen oft genug gewinnen. Das Schöne am Schreiben ist, daß ich in den Büchern Gerechtigkeit herstellen kann. Das macht Spaß. Andererseits wird man selbst immer paranoider, wenn man in diesem Genre arbeitet.”



BRIT NOIR: SIMON KERNICK – SPEEDKING 2/ by Martin Compart

Seine Cops, wie Milne oder John Gallan und Tina Boyd gehören nicht der Inspector Rebus-Garde an. Es scheint eher, dass der 1966 geborene Autor von der Konventionen sprengenden Fernsehserie THE SWEENEY (1975-78) beeindruckt wurde. „Die meisten meiner Charaktere basieren irgendwie auf realen Menschen. Bei meinen Recherchen stoße ich auf merkwürdige Typen.“ Und natürlich ist er beeinflusst vom Großmeister des Brit-Noir Ted Lewis. „Lewis bekam nie wirklich die ihm zustehende Anerkennung für JACK´s RETURN HOME. Für mich der beste britische Noir-Roman aller Zeiten.“

Seine Noir-Cop- Romane brachten einen neuen Wind in die britische Kriminalliteratur, die an den langweiligen Ermittlern der Colin Dexter-John Harvey-Ian Rankin-Schule erstarrte.

Ab 2006 wechselte er die Richtung: Mit GNADENLOS (RELENTLESS) begann er seine „pot boiler“, für die er heute bekannt ist und ihn erfolgreich machten. Seine düstere Weltsicht hat er beibehalten, aber diese schnellen Action orientierten Romane konzentrieren sich auf den Kampf gegen die Zeit. Niemand setzt Zeitdruck besser in Szene.
Seine Thriller lesen sich in Passagen wie Vorlagen für Jason Statham-Filme und haben natürlich das Interesse der Filmindustrie auf sich gezogen. Einige Fans seiner frühen Romane mochten diesen Tempo-Wechsel gar nicht, aber Kernick gelang damit der Ausbruch aus der Noir-Nische in die Bestsellerlisten. Trotz des Erfolges ist er ein pflegeleichter Autor, der sich tatsächlich noch bei SIEGE vom Verlag vorschreiben ließ, das Ende umzuschreiben und den Titel zu ändern. Hoffen wir mal, dass er einen fähigen Lektor hat(te). Aber jemand, der so lange und verbissen darum gekämpft hat veröffentlicht zu werden, verliert nicht so schnell die Bodenhaftung. Die ersten vier Romane brachten zwar tolle Kritiken, aber wenig Geld. GNADENLOS war 2007 der erfolgreichste Kriminalroman in Großbritannien.

Die Idee für GNADENLOS kam Kernick durch einen Alptraum, den er in Toronto nach einem exzessiven Besäufnis hatte. Protagonist Tom Meron hört am Telefon, wie ein alter Schulfreund umgebracht wird. Seine letzten Worte sind Merons Adresse. Der Höllenzug verlässt den Bahnsteig…

Der Nachfolger TODESANGST beginnt mit einem Satz, der das Schicksal von Noir-Protagonisten Im Allgemeinen und von Kernicks „Helden“ im Besonderen auf den Punkt bringt: „Kaum öffne ich die Augen, weiß ich, es wird ein Scheißtag.“Der Ex-SAS-Soldat Tyler erwacht blutüberströmt neben der kopflosen Leiche seiner Geliebten und erinnert sich an nichts. Und dann geht es ab, dass der Leser aus der Kurve fliegt. Eventuelle Plotschwächen werden einem egal, weil man nur noch mit zitternden Fingern die Seiten umdreht. Kernick fährt mit Bleifuss und schaltet bis zum Finish nicht einmal runter. Um das Tempo noch zu erhöhen, hat er TODESANGST als bisher einzigen Roman im Präsens geschrieben. Eine schwierige literarische Technik, die leicht albern klingt und am besten bei komödiantischen Handlungen funktioniert (siehe Peter Cheyneys Lemmy Caution-Romane, die ich sehr unterhaltsam aber nie spannend fand).

In DEADLINE erzählt Kernick zwar in der dritten Person, wählt aber die Perspektive der Protagonistin, deren Tochter entführt wurde. Tausendmal gelesen und gesehen? Aber nicht so! DEADLINE ist Kernicks einziger Roman, der bei uns auch als Hörbuch vorliegt (Audiobuch Verlag). Wie Johannes Steck es vorträgt, ist unglaublich! Sehr intensiv und dem Tempo entsprechend. Das sollte man nicht auf Kurzstrecken hören, sonst fährt man bis zum Nordkap durch.
Mit seinen On-the-Edge-Thrillern steht Kernick in der Tradition von Cornell Woolrich: Ein (vermeintlich) Unschuldiger gerät in eine Verschwörung, die er nicht durchschaut, und wird gehetzt. Von einer Sekunde auf die andere brechen Ereignisse in das Leben des Protagonisten ein, dass es völlig aus den Fugen gerät. Chandler sagte über Woolrich: „Der Mann mit den besten Einfällen, aber man muss ihn schnell lesen und darf ihn nicht zu genau analysieren; er ist zu fieberig.“ Es wäre ungerecht, dieses Urteil 1:1 auf Kernick zu übertragen. Aber ähnlich wie Woolrich ordnet er den Twists und dem Tempo alles unter. Dieser klassische Thriller-Topos lässt sich mindestens bis zu John Buchan zurückverfolgen. Es geht letztlich um Kontrollverlust. Ein Lebensgefühl, das heute aktueller denn je ist. Manipulation und Kontrollverlust gipfeln in Verschwörungen. Seine düstere Weltsicht unterlegt Kernick auch in den Thrillern, wenn auch nicht so exzessiv wie in den Noir-Romanen. Als intelligenter Zeitzeuge spiegelt er den immer offeneren Moralverfall der westlichen Zivilisation seit dem Aufstieg der Neo-Cons.

Im Gegensatz zu Lee Child lassen sich Kernicks Plots nicht vorher sehen. Wenn man meint, man wisse wie der Hase läuft, schlägt er eine überraschende Volte. „Meiner Meinung nach ist eine der wichtigsten Regeln die Handlung unberechenbar zu halten. Das lässt den Leser die Seiten umblättern.“



BRIT NOIR: SIMON KERNICK – SPEEDKING 1/ by Martin Compart

Simon Kernick gehört zu den britischen Autoren, die sich seit der Jahrtausendwende im Windschatten des Erfolges von Autoren wie Lee Child oder Andy McNab als eine Art New Breed des britischen Thrillers etablieren. Sie sind genauso von multimedialen Pop-Kulturtraditionen geprägt, wie von den literarischen Traditionen des Genres. Sie gehören zu einer Generation, die einen Bondfilm gesehen hat, bevor sie Romane von Ian Fleming oder Eric Ambler entdeckte. Und sie schreiben in einer Zeit, in der sie mit Fernsehserien wie 24, LUTHER oder SPOOKS um das Publikum konkurrieren. Denn diese und andere Serien, deren primäres Medium die DVD ist und denen die Erstausstrahlung im TV nur als Schaufenster dient, haben Einfluss auf Literatur und Rezeption.
Kernick ist das voll bewusst – und er hat es drauf. Ihm gelingt es, das Tempo der TV-Serien auf den Roman zu übertragen: Gleich auf der ersten Seite fängt er den Leser ein, schaltet den Motor seines Romans in Blitzgeschwindigkeit hoch in den fünften Gang und rast durch die Story bis das Getriebe kracht. Den Leser beim Schlafittchen packen und auf geht’s in die Turboachterbahn. Wie etwa bei „24“ kann er durch das hohe Tempo eventuelle Plotunstimmigkeiten oder Unwahrscheinlichkeiten überfahren, Widersprüche von der Fahrbahn kicken. Und wie „24“ kommt er damit durch weil er genügend Überraschungsmomente im Köcher hat. Wer das nicht mag, sollte die Finger von ihm lassen. Ich dagegen bin froh über Autoren, die nicht mit völlig psychopathischen Forensikstudien wie Patricia Cornwell oder Charakterquark wie die völlig durchgeknallte Mo Hayder daherkommen. Ich langweile mich zu Tode bei diesen Waltons-meet-Dr.Lecter-Geschichten von Karin Slaughter oder Kathy Reich und mir wird übel bei den Reissbrett-Slashern von Cody McFadyan oder der langweiligen Sozialdemokratie eines Hanning Mankells (der Traum aller verlebten Thalia-Kundinnen).

Der 1966 in Slough geborene Kernick wuchs in Henley-on-Thames auf, eine Kleinstadt fünfzig Kilometer von London entfernt. „Ich schreibe, seitdem ich einen Stift halten kann. Es hat Jahre gedauert und einige hundert Ablehnungen, bis ich mit 35 Jahren meinen ersten Vertrag bekam. Ich glaube, ich musste einfach so lange üben und lernen, bis ich was Druckbares hin bekam.“
Mit 19 ging er vom College ab und schlug sich mit einem Job als Transportmanager durch. Nach einem Jahr ging er nach Toronto, wo er wieder aufs College ging und sich verlobte. „Es hielt kein Jahr. Danach ging ich über Australien zurück nach England. Ich hatte Heimweh. Ich ging in Brighton aufs Polytechnikum und machte anschließend die unterschiedlichsten Jobs: Im Straßenbau, als Barkeeper oder als Holzfäller für Weihnachtsbäume. Schließlich etablierte ich mich als Handelsvertreter in der Computerbranche und blieb zehn Jahre dabei.“ In seiner wilden Zeit machte er auch eine böse Erfahrung, die sich wohl in der Intensität bestimmter Szenen in seinen Büchern niedergeschlagen hat: Beim trampen mit Freunden wurde er einmal ausgeraubt. Sie mussten sich ausziehen, wurden geschlagen und kamen gerade noch mit dem Leben davon.
Inzwischen ist er verheiratet, hat zwei Töchter und lebt als erfolgreicher Schriftsteller in Oxfordshire.

„In meiner Jugend war ich ein großer Science Fiction und Fantasy-Fan. Wahrscheinlich hat mich Tolkien am stärksten beeindruckt. Gefolgt von Michael Moorcock – insbesondere die Corum- und Runestaff-Zyklen. Großartig und völlig unterbewertet wie vieles in dem Genre. Auf dem College entdeckte ich Raymond Chandler. Ich las THE BIG SLEEP in einem Rutsch. Es hat mich umgehauen und mir einiges beigebracht. Zum Beispiel, dass man nicht zuviel beschreiben muss. Weniger ist oft mehr, wenn es um Thriller geht. 95% von allem, was ich gelesen habe, war Kriminalliteratur inklusive einer ordentlichen Portion true crime.“ Er sieht sich vor allem von amerikanischen Autoren beeinflusst und bewundert Leute wie Dennis Lehane oder Harlan Coben, den er – wen wundert es – für seine überraschenden Wendungen schätzt. „Mein größter Einfluss war Lawrence Block. Ich habe alles von ihm gelesen – und er hat eine Menge geschrieben. Ich bewundere seine Vielseitigkeit. Er kann alles.“ 2004 hielt Kernick bei der Verleihung der Diamond Dagger Awards für Blocks Lebenswerk eine bewegende Laudatio auf sein Idol. Wie Block schreibt er in einem scheinbar kunstlosen Stil, der sich ganz der Geschichte unterordnet.

Begonnen hat er mit Noir-Romanen in der britischen Tradition. Sein Debut, “Tage des Zorns”/”Vergebt mir!” (The Business of Dying, 2002), war ein rabenschwarzer Cop-Roman über einen Bullen, der nebenher Leute umbringt, die es nach seinem Wertesystem verdient haben und ihm zusätzlich ein bißchen Geld einbringen. Er wird von seinem Auftraggeber reingelegt und tötete bei einem Hit unschuldige Zollbeamte. Von da an geht es bergab und schließlich muß er aus England fliehen. Im zweiten Roman über Dennis Milne, “Fürchtet mich” (A Good Day To Die, 2005), lebt er als Gelegenheitskiller auf den Philippinen. Als er vom Mord an seinen besten Freund und Ex-Partner erfährt, kehrt er nach London zurück, um diese Angelegenheit auf seine Weise zu regeln. Laut Aussage des Autors ist dies sein Lieblingsbuch.
Bei der Recherche zu “Tage des Zorns” lernte Kernick Beamte von der Metropolitan Police kennen. “Ich war überrascht, wie angefressen die waren. Sie fühlten sich von Politikern und ihren Chefs unter Druck gesetzt und empfanden sich als dämonisiert, nur weil sie ihre Arbeit taten. Sie hatten nicht genügend Instrumente, um die Kriminalität einzudämmen, und wurden von der Öffentlichkeit und denjenigen kritisiert, die ihnen diese Instrumente verweigerten. Sie blieben nur wegen der Pension dabei. Ich schickte das Manuskript an einen Agenten, der es ablehnte, nachdem er zuerst Interesse gezeigt hatte. Das traf mich ziemlich hart. Ich dachte daran, was Neues zu schreiben. Aber meine Frau Sally glaubte an den Roman. Ich schrieb ein paar Szenen um und fand eine Agentin, die das Buch anbot. Als mir Transworld einen Vertrag dafür und ein weiteres Buch anbot, nahm ich sofort an, ohne noch Reaktionen anderer Verlage abzuwarten. Das war eine gute Entscheidung. Die Copper waren ebenfalls zufrieden mit dem Buch, da ich keine Verfahrensfehler gemacht hatte.”

Auch die drei anderen frühen Romane behandeln die düstere Welt des organisierten Verbrechens in Nord-London. “Mich hat die organisierte Kriminalität immer interessiert – in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Ich finde es bemerkenswert, daß man Kriminalität genauso wie ein normales Geschäft führen kann, direkt unter den Augen der Autoritäten, die kaum Interesse haben, etwas dagegen zu unternehmen.”



LUCIFER CONNECTION UNTER DEN 10 BESTEN by Martin Compart
10. Dezember 2011, 9:50 vormittags
Einsortiert unter: Krimis, Krimis,die man gelesen haben sollte, LUCIFER CONNECTION, thriller | Schlagwörter: ,

Sicherlich wäre es eleganter, in meinem Blog schweigend darüber hinweg zu gehen, aber im inneren Kampf understatement versus Eitelkeit hat letztere ganz klar nach Punkten gewonnen. Aber wofür macht man einen Blog, wenn man nicht kokett der Meinung ist, man müsste der restlichen Welt die eigenen Gedanken mitteilen? Schließlich wartet das Universum gierig auf die eigenen Ergüsse.

Wenn eine der ältesten und einflussreichsten Netzinstitutionen zur Kriminalliteratur in einem Jahresrückblick den eigenen Roman unter die Bemerkenswertesten zählt, verzückt das. Tatort ist die KRIMI-COUCH und ermittelt hat die Bücher Dieter Paul Rudolph, den man der Gemeinde nun wirklich nicht vorstellen muss unter:

http://www.krimi-couch.de/krimis/dprs-krimilabor-2011-ein-fast-nur-deutsches-jahr.html

Rudolph, selbst Romancier und Mastermind von WATCHING THE DETECTIVES (siehe Links), würdigt an dieser Stelle auch die Wiederveröffentlichung der beiden epochalen Backwood-Thriller DELIVERANCE und OPEN SEASON, die in jede Basisbibliothek gehören.


Dass DIE LUCIFER CONNECTION mit der Darstellung von Realität wirklich Angst machen kann, wurde mir von der Weird-Fiction-Fraktion bestätigt. Im größten deutschen Print-Magazin zum Genre, VIRUS (mit dem schönen Ladenpreis 6,66 Euro) ist er eindrucksvoll besprochen und erreichte in der Wertung 9 von 10 Punkten. Dass ich damit sogar vor einigen Angelsachsen landete, ist mir höchster Ansporn. Außerdem mag ich es, in Magazinen erwähnt zu werden, die so dezente und geschmackvolle Cover ziert.Generell kann ich die Rezensionen in VIRUS jedem empfehlen: Max Link & Co. kennen ihre Genres genau und analysieren kenntnisreich und geschliffen. Also all das, was man im Main-stream-Feuilleton höchst selten geliefert bekommt. By the way: In diesem Heft wird auch der neue Jackj Ketchum-Film, THE WOMAN, mit drei Seiten (Interview mit Regisseur, Star und Produzent) abgehandelt.

Die anderen Rezensionen, für die ich mich auch im Namen von EVOLVER BOOKS bedanke, werden nach Ablauf einer gewissen Schamfrist in diesem Blog noch dargestellt und verlinkt.

http://www.evolver-books.at/buchshop.php



SPYTHRILLER: JOHN BUCHAN 2/ by Martin Compart
15. November 2011, 6:33 nachmittags
Einsortiert unter: John Buchan, Krimis, Spythriller, thriller | Schlagwörter: , ,


1916 diente Buchan als Stabsoffizier im französischen Hauptquartier der englischen Armee. Während des Krieges lernte er den späteren Feldmarshall Edmund Ironside, Lord of Archangel, kennen, der im Krieg mit nachrichtendienstlichen Aufgaben in Rußland betreut war.Ironside war angeblich das Vorbild für Richard Hannay (seine Figur Sandy Arbuthnot, Kenner und Freund der arabischen Welt, basiert zweifellos auf dem begeisterten Buchan-Leser T.E.Lawrence und dessen arabische Abenteuer). Nachdem Lloyd George Prämierminister geworden war, holte man Buchan als Direktor ins Informationsministerium unter Lord Beavenbrook. Kurze Zeit später wurde er Chef des Nachrichtendienstes. Ereignisse dieser Zeit hat Buchan geheim gehalten und kein Biograph weiß nähere Einzelheiten über Buchans Treiben als Geheimdienstler. Nach dem Krieg verlief seine Karriere weiterhin erfolgreich. Es würde den Rahmen sprengen, wollte man alle gesellschaftlichen Stellungen und Auszeichnungen und seine vielfältigen literarischen Aktivitäten hier gebührend würdigen. 1924 bis 1930 war er Präsident der schottischen historischen Gesellschaft. Von 1927 bis 1935 war er konservativer Abgeordneter des Parlaments; 1933 wurde er für zwei Jahre Hochkommissar für die schottische Kirche. 1935 wurde er als Baron Tweedsmuir in den Adelsstand erhoben und bis zu seinem Tod am 11.Februar (einige Quellen nennen den 6.) 1940 war er Generalgouverneur von Kanada. In dieser Funktion unterschrieb er am 9. September 1939 die kanadische Kriegserklärung an Deutschland. Obwohl er ein überzeugter Tory war, setzte er sich für progressive Ideen ein: Er unterstützte die Suffragetten, stimmte für die Anerkennung der Sowjetunion und setzte sich nach dem Krieg für eine Amnestie der Kriegsdienstverweigerer ein.

1915 erschien mit THE 39 STEPS der Roman, der bis heute die entscheidenden Impulse für die romantische Richtung (im Gegensatz zur realistischen) des Spionageromans ausgab. Der Gentleman-Agent, der im Dienste seines Landes gegen eine feindliche Umgebung das bedrohliche Ungeheuer besiegt. Im ersten Roman ist Buchans Held Richard Hannay noch ein Zivilist, der zufällig in einen Komplott verwickelt wird. Wir wissen, daß Buchan großen Eindruck auf Hitchcock machte, der die 39 STUFEN 1935 verfilmte und immer davon träumte, eines Tages GREENMANTLE filmisch umzusetzen. Angesichts der geradezu schwachsinnigen Adaption der 39 STUFEN (von allen die schlechteste Umsetzung), muss man wohl dafür dankbar sein, dass es nicht dazu kam.

Buchan war der erste Spionageromanautor, der überzeugende Serienfiguren erfand und mit Richard Hannay und seinen immer wieder kehrenden Freunden einen eigenen kleinen Kosmos von Agenten schuf. Der Anfang der 39 STEPS erinnert an den Anfang eines anderen großen Abenteuerbuches eines ebenfalls großen schottischen Abenteuerromanciers, in dessen Tradition sich Buchan immer gesehen hat: an Robert Louis Stevenson “Schatzinsel”. Beide
Bücher beginnen damit, daß ein Sterbender die Szene betritt um dem Protagonisten eine geheimnisvolle Nachricht mitzuteilen, deren Entschlüsselung für den Handlungsverlauf von immenser Bedeutung ist.

Viele halten den zweiten Hannay-Roman GREENMANTLE, in dem sich Buchans Held als Spion durchs deutsche Reich und die Türkei schlägt um zu verhindern, daß die Deutschen durch das Anfachen eines Jihad den Kriegsschauplatz vergrößern, für einen noch besseren Roman. So gut und spannend dieser Roman auch ist, er hat nicht die Geschlossenheit der 39 STEPS. Erstaunlich ist jedenfalls, das Buchan als Ich-Erzähler Hannay die Deutschen nicht einfach verteufelt und dem Kaiser sogar soetwas wie Sympathie entgegen bringt. Trotz der Anerkennung “deutscher Tüchtigkeit” bleiben die Teutonen natürlich die Feinde die ein Lebensprinzip verkörpern, das einem Angelsachsen wenig lebenswert erscheint. Im Gegensatz zuseinen Vorgängern, wie LeQueux, oder den trivialen Nachfolgern à la Sapper und Horler, bemüht er sich aber um ein differenzierteres Bild. Reale Ereignisse und Personen spielen in seinen Romanen eine wichtige Rolle, denn sie sind Auslöser
für seine Plots die damals als realistisch empfunden wurden: In den 39 STUFEN geht es darum, daß die Deutschen versuchen, die britischen Marinepläne zu stehlen. GREENMANTLE gipfelt in der Darstellung einer realen Schlacht, der Kampf um Erzerum und erinnert auch an Gordons Verteidigungsschlacht um Khartoum. PRESTER JOHN basiert auf Bambatas Revolte in Natal und MR.STANDFAST reflektiert die britische Friedensbewegung und die Arbeiterkämpfe während des Krieges.

Robert Powell verkörperte Hannay auch in einer kurzlebigen TV-Serie.

Den ersten richtigen antisowjetischen Thriller der Spionageliteratur schrieb John Buchan mit seinem ersten Dickson Mc’Cunn-Roman, HUNTINGTOWER,1922, in dem der Held eine ruritanische Prinzessin vor Bolschewisten rettet. Ganz unverholen drückte
sich Buchans Liebe zur Monarchie im dritten und letzten Mc’Cunn-Roman, THE HOUSE OF THE FOUR WINDS(1935), aus. In dem ruritanischen Land Evallonia kämpfen die Helden gegen Kommunisten um einen Prinzen wieder auf den Thron seiner Vorfahren zu setzen. In seinem leider weniger bekannten Roman THE COURTS OF MORNING (1929), der in dem auf Chile basierenden fiktiven Land Olifa spielt, setzt er sich ernsthaft mit den faschistischen und korrupten südamerikanischen Diktaturen auseinander. In dem Thriller A PRINCE OF CAPTIVITY (1933) untersucht er die europäische Politik und den aufsteigenden
Faschismus; bemerkenswert auch, daß dieser Roman im Jahr von Hitlers Machtübernahme erschien.

Unübertroffen ist Buchan in seiner romantischen Darstellung- wenn man will: Verklärung – von allem, was britisch ist. Kaum ein anderer Autor kann Schönheit und Traditionen der Insel so schwärmerisch und mitreissend beschreiben. Dabei zeichnet ihn über seine klar umrissenen Feindvorstellungen auch eine typisch britische Toleranz aus, die man bei vielen seiner Zeitgenossen vergeblich sucht.

SPOOKS großartiger Adam Carter, alias Rupert Penny-Jones, in der bisher letzten Verfilmung:



SPYTHRILLER: JOHN BUCHAN 1/ by Martin Compart
3. November 2011, 4:53 nachmittags
Einsortiert unter: James Bond, John Buchan, Spythriller, thriller | Schlagwörter: , , ,

                           Buchans Büste von Thomas Clapperton, ca.1930.

John Buchans Held Hannay wird gerne als ein Vorfahre von Flemings James Bond bezeichnet. Was den Bekanntheitsgrad in seiner Zeit (sein wichtigster Roman, THE 39 STEPS, ist seit seinem Erscheinen 1915 bis heute nie vergriffen gewesen und wurde viermal verfilmt)angeht, stimmt der Vergleich auf England beschränkt. Auch war es Buchan, der den Action betonten Spionageroman kreierte. Darüber hinaus war er aber ein ungleich unfangreicher interessierter Mann als Ian Fleming, der viel stärker Zeitbezüge in seine Romane einarbeitete. Wären nicht seine oft aus heutiger Sicht phantastisch anmutenden Plots, seine grandiosen Schilderungen physischer Aktion (die viel seinem Landsmann Robert Louis Stevenson verdanken) und die romantischen Helden, allen voran Richard Hannay, wäre der Blick nicht verstellt auf seine Qualitäten, zeitgenössische Politik zu interpretieren und zu reflektieren.

Buchan schuf mit 39 STEPS nicht nur den Klassiker der romantischen Agenten-Thriller.  Thematisch gewann er fast mit jedem seiner Thriller  neue Themen und Topoi des Genres hinzu: In MR.STANDFAST(1919) etwa, setzt er sich mit der psychologischen Kriegsführung und Unterwanderungstaktiken auseinander, die ein Land von innen bedrohen können. Viel gefährlicher als der Kampf an der Front oder die Jagd auf Saboteure erscheinen ihm feindlichen Demagogen, die durch Zerrüttung des inneren Friedens im eigenen Land für Unruhe sorgen. Für Buchan, der sich in diesem Buch von einem Milnerschen hardliner zum liberalen Konservativen wandelte, geschieht das durch ein geschicktes Manipulieren der sozialen Gegensätze, die im Bürgerkrieg enden könnten.

John Buchan, erster Baron Tweedsmuir von Elsfield wurde am 26. August 1875 in Perth, Peebles-shire in Schottland als ältester Sohn eines presbyterianischen Pfarrers geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Kirkcaldy, Fife (wo auch der Anfang von PRESTER JOHN spielt) und im Tweed Tal an der schottischen Grenze. Es blieben seine Lieblingslandschaften, die auch immer wieder in seinen Büchern geschildert wurden. 1888 ging die Familie nach Glasgow. Er besuchte die Glasgower Universität und anschließend das Bresnose College in Oxford, wo er klassische Philologie und Jura studierte. Schon während des Studiums kündete sich eine glanzvolle Karriere des Hochbegabten an: gerade zwanzig Jahre alt erschien sein erstes Buch und 1897 und 1898 gewann er zwei wichtigeUniversitätspreise, den Stanhope Essay Prize und den Newdigate Prize. Noch während des  Studiums veröffentlichte er zwei Romane, eine Sammlung Gedichte und Kurzgeschichten und eineEssaysammlung. Das führte zu einer Eintragung im “Who’s Who” noch bevor er einen akademischen Grad errungen hatte.  1899 schloss er sein Studium ab. 1901 wurde er als Anwalt zugelassen, ging aber noch im selben Jahr als Sekretär zu Lord Milner, dem Hochkommissar für Südafrika. Er wurde nach Kapstadt geschickt und kümmerte sich um die Kriegsgefangenenlager in denen furchtbare Zustände für eine ungewöhnlich hohe Sterberate sorgten. Dem kämpferischen Humanisten Buchan gelang es durch Reformen und bessere Behandlung diese Verhältnisse zu ändern. Um dieser Zeit, in der er zum inneren Kreis der “bright young men” im Londoner Polit-Establishment zählte, wurde sein politisches Bewusstsein nachhaltig geprägt und seine Liebe zu Südafrika vertieft (reaktionäre Bemerkungen über Schwarze, die sich in seinen Thrillern finden, lassen ihn als überzeugten Imperialisten seiner Zeit und als Anhänger der Apartheid erscheinen).

1903 trat er in den Verlag Nelson ein, wo er es bis zum Direktor brachte. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs entstanden fast zwanzig Bücher, darunter Gedichte, Geschichtswerke und erste Biographien.

Sein erster Thriller, THE HALF-HEARTED, war bereits 1900 erschienen. In diesem Buch verhindert sein Held Lewis eine Invasion Indiens durch die Russen. 1910 veröffentlichte er mit PRESTER JOHN einen Roman, der schon auf die späteren Hannay-Romane vorausweist und Buchans Ansichten über Afrika illustriert: Ein junger Engländer verhindert einen Aufstand der Schwarzen, der durch einen diabolischen, “ungewöhnlich intelligenten Neger” angezettelt wurde. Trotz seiner imperialistischen Ideale, zeichnet den Roman ein gewisses Verständnis der südafrikanischen Situation aus. Erstmals in einem Polit-Thriller (der hier ganz klar in der Tradition der school boy adventure novel steht) taucht auch die Parole “Afrika den Afrikanern” auf. Noch  heute ist das Buch ein überzeugendes Zeitdokument.

1907 heiratete er Susan Charlotte Grosvenor, mit der er drei Söhne und eine Tochter hatte.

Anfang des Krieges war er Direktor des Reuter-Pressedienstes in London. Unter dem Eindruck des beginnenden Weltkrieges entstand Buchans bekanntestes und in der Geschichte des Spionageromans eine Schlüsselposition einnehmendes Werk: THE 39 STEPS.



SPYTHRILLER: THE MAN FROM U.N.C.L.E. by Martin Compart
20. Oktober 2011, 2:31 nachmittags
Einsortiert unter: Ian Fleming, thriller, TV-Serien | Schlagwörter: , , , ,

Hiermit beginne ich eine Serie, die unsystematisch und in loser Folge die Entwicklung des Spionagethrillers und Polit-Thrillers in den unterschiedlichen Medien beleuchten soll.

1962 kam mit “Dr. No” der erste Bond-Film in die Kinos und löste in der westlichen Welt das aus, was als “Bonditis” in die Kulturgeschichte eingehen sollte. Parallel zur Beatlemania erreichte der 007-Kult mit “Goldfinger” 1965 den Höhepunkt, und Sean Connery wurde wie ein Popstar gefeiert. In Folge der Bond-Hysterie schossen Geheimagenten in Film und Romanen wie Pilze aus dem Boden. Jeder wollte sich eine Scheibe vom Agenten-Kuchen abschneiden. Auch in Deutschland wollte man von dieser Welle profitieren. Die Film-Produzenten stürzten sich auf einheimische Groschenhefte und produzierten Serien über den FBI-Agenten Jerry Cotton und Kommissar X – und machten in einem One Shot gar Lex Barker zu MISTER DYNAMIT.
Mit den ersten Bond-Filmen begann auch eine weltweite und multimediale Agentenwelle, die selbst ins Heimkino schwappte. Im Fernsehen hatte es bereits zuvor Geheimagentenserien gegeben, aber die waren eher bieder und plump. Das Phänomen Bond verschmolz den Agenten-Thriller mit Pop. Der Geheimagent wurde zur Pop-Ikone.
Als sich Anfang der 60er Jahre der Welterfolg von Agententhrillern in allen Medien abzuzeichnen begann, wollte das US-Fernsehen natürlich daran teilhaben. Die Briten hatten bereits großen Erfolg mit den TV-Serien DANGER MAN(GEHEIMAUFTRAG FüR JOHN DRAKE) und THE AVENGERS (MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE).
Die Pop-Kultur war im Umbruch: Langhaarige Beat-Bands kauften den Matinee-Idolen oder Hinterwald-Rock’n Rollern den Schneid ab. An Universitäten las man MAD und die Ausdrücke “cool”, “camp” oder “sophisticated” wurden Modeworte. Seit den 50er Jahren entwickelte sich eine eigenständige Jugendkultur, unterstützt durch die Tatsache, dass keine Generation in der Adoleszenz zuvor über soviel Kaufkraft verfügte. Die Engländer verloren zwar ihr Empire, aber sie waren Vorreiter und Vordenker für das, was später den Namen Pop-Kultur erhalten sollte. Beatles und Bond wurden zum stärksten Aussenhandelfaktor im zivilen Warenverkehr der Briten.
Der Produzent und EMMY-Preisträger Norman Felton(DR.KILDARE, PLAYHOUSE 90) wollte schon lange eine SpionageSerie auf den Bildschirm bringen. Die Verantwortlichen bei NBC hatten ein offenes Ohr, die Zeit war reif für neue Helden oder „Formate“, wie man bei uns so zu sagen pflegt. Felton traf sich im November 1962 mit dem 007-Erfinder Ian Fleming, zwar bereits erkrankt (er starb 1964 und erlebte den Welterfolg seiner geistigen Schöpfung nur im Anfangsstadium mit), der sehr angetan war von der Idee, eine Fernsehserie zu kreieren. Von Flemings konzeptionellen Überlegungen blieb dann nicht viel übrig,nur die Namen Napoleon Solo (der einem Gangster aus GOLDFINGER entliehen wurde) und April Dancer (die in der spin-off-Serie THE GIRL FROM U.N.C.L.E. von 1966 bis 1967 von Stephanie Powers verkörpert wurde). Fleming hatte bekanntlich ein großartiges Talent ungewöhnliche und unvergessliche Namen zu erfinden. Und natürlich schadete es der späteren Serie nicht, dass sie immer wieder mit Ian Fleming in Verbindung gebracht wurde.

SOLO FüR UNCLE ist eine Agentenserie, die ihre eigene Parodie gleich mitliefert. Ununterbrochen retten die Agenten der weltumspannenden Organisation U.N.C.L.E. die Welt vor einer (scheinbar)apolitischen Verbrecherorganisation namens THRUSH. Die absurden Plots verdanken einiges den britischen Pop-Klassikern AVENGERS, CORRIDOR PEOPLE oder THE ODD MAN.
Das für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Tempo erreichte die Serie durch den gnadenlosen Einsatz von Wischblenden und der Handführung der Arriflex-Kamera, die im Fernsehen zuvor nie genutzt worden war, bei Action-Sequenzen. Das Konzept, wie es von AutorSam Rolfe weiterentwickelt wurde, ist eine Synthese aus Bond- und Hitchcock-Thrillern: Von Hitchcock übernahm man das Konzept von der Durchschnittsperson, die fast in jeder Folge unschuldig in den Kampf zwischen UNCLE und THRUSH verwickelt wird. Und Robert Vaughn als Napoleron Solo hat einiges von Hitchcocks Lieblingsschauspieler Cary Grant. Aus den Bond-Filmen übernahm man den weisen, alten Chef in der Gestalt von Leo G.Carroll als Mr.Waverly, die professionellen Agenten, die bizarren Superschurken und die weltweiten Handlungsorte (die sichimmer innerhalb der MGM-Studios befanden). Um nicht in Kalte-Kriegs-Ideologie zu versinken, hatte Sam Rolfe aus der UNCLE-Organisation so eine Art Geheimdienst der UNOgemacht, in der der Amerikaner Solo zusammen mit dem Russen Ilja Kuryiakin gegen die asozialen Ganoven von THRUSH kämpfte.
Beide Organisationen sind mehr als nur Action-Lieferanten für Drehbuchautoren. Die UNCLE-Agenten stellten einen neuen Protagonistentypus im Fernsehen dar: Gutgekleidete, liberale Weltbürger, die keiner erotischen Versuchung aus dem Wege gingen (zumindest der Sexmaniac Solo nicht). Ihre Umgangsformen sind kameradschaftlich, und auch das Verhältnis zu ihrem Chef ist nicht von Untertanenmentalität geprägt. Dagegen stehen die karrieresüchtigen Aufsteiger der als gigantische Bürokratie karikierten Organisation THRUSH. Die THRUSH-Agenten haben die strengen hierarchischen Strukturen verinnerlicht, träumen von Beförderung und machen sich Gedanken über den internen Rentenplan. Sie zeichnen sich durch unterdrückte Sexualität aus, die im krassen Gegensatz zum erotischen Appetit eines Napoleon Solo steht. THRUSHs Ziel ist eine primitive, puritanische Version des Kapitalismus, der Menschen als Rohmaterial ansieht. Also eine Organisation wie die von Josef Ackermann geprägte Deutsche Bank. Beim Wiedersehen wirkt so mancher THRUSH-Agent wie einer dieser hohlen Banker.
Dem gegenüber steht bei UNCLE das Konzept einer liberalen, aufgeklärten Angestelltengesellschaft vermeintlich freier Individuen. Das Böse entwickelt sich nicht mehr, wie in den Serien der 50er Jahre, aus moralischer Schwäche Einzelner, sondern aus den unterschiedlichen Ideologien, insbesondere aus dem fanatischen Puritanismus. Diese ideologische Strategie der Serie ließ sie damals so modern wirken: Die neue Konsumgesellschaft der 60er Jahre verlangte von ihren Mitgliedern andere Fähigkeiten als in früheren kapitalistischen Phasen: Statt Treue zum Arbeitsplatz war nun Mobilität erforderlich, statt sklavische Ausführung von Anordnungen brauchte man nun den mitdenkenden Facharbeiter und statt Bescheidenheit war verschärfter Konsum angesagt.
Die Pop-Serien der 60er Jahre singen das Hohe Lied der nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Im Gegensatz zu den 50er-Jahre-Serien wird der hedonistische, konsumfreudige Weltmann heroisiert, der seine Bedürfnisse frei auslebt. Der moralisierende, sich selbst kasteiende Serienheld des vorherigen Jahrzehnts wurde als THRUSH-Agent lächerlich gemacht. Nicht mehr derjenige, der seine Sexualität auslebt ist der gefährliche Irre, sondern derjenige, der sie unterdrückt.

Immer wieder hat es Napoleon Solo mit frigiden Workaholics und frustrierten Hausfrauen zu tun, denen er mit seinem geballten Sexappeal so zusetzt, dass sie am Ende jeder Folge in ein befriedigenderes Leben aus der Serie entschwinden.
Dieser Subtext korrespondierte mit der Haltung der jüngeren Generation, insbesondere der College-Jugend, der die Serie ihren Erfolg verdankte: In den ersten Monaten war MAN FROM UNCLE ein echter Flop und stand kurz vor der Absetzung. Aber dann kamen die Studenten in den Weihnachtsferien nach Hause. PR-Mann Painter: “Jedesmal, wenn ich an einem Studentenheim vorbeikam, während unsere Serie lief, hörte ich bekannte Töne. Leider wurden die Fernseher in den Studentenheimen aber nicht von Nielsen nach Einschaltquoten gemessen. Aber ich wusste, wenn die Studenten in den Ferien nach Hause fahren, haben wir gewonnen.” Und sokam es auch. Über Nacht gingen die Einschaltquoten steil nach oben, und die Serie wurde zu einem Phänomen. Auf dem Höhepunkt des Erfolges bekamen die Stars 60000 Fanbriefe monatlich und der Rummel um Robert Vaughn und David McCallum war auf demselben Level wie Beatlemania oder Bonditis. Die PR-Abteilung der Produktion hatte wesentlichen Anteil daran, die Serie auf Erfolgskurs zu bringen. SOLO FÜR ONCEL war ein frühes Musterbeispiel für die Bedeutung von Marketing für einen Serienerfolg: Als die Serie im ersten Jahr in den Nielsen-Ratings so bescheiden dastand, dass ihre Fortführung gefährdet war, holte sich Sam Rolfe den Presse-Agenten Chuck Painter. Der entwickelte sofort eine durchschlagende Strategie: Er sah sich die Großstädte an, in der die Einschaltquoten am schlechtesten waren. Dort organisierte er für die Wochenenden Auftritte der UNCLE-Stars in Supermärkten und lokalen Nachrichtensendungen. Freitags nach Drehschluss, nachdem sie fünf Tage lang täglich 12 Stunden vor der Kamera gestanden hatten, wurden Robert Vaughn und David McCallum zum Flughafen gebracht, um am Wochenende drei Städte zu besuchen und Werbung für die Serie zu machen. Ein mörderisches Programm, dass wohl kein deutscher Produzent mit seinen Stars durchziehen könnte. Es zeigte Wirkung. In jeder Stadt, wo die UNCLE-Stars aufgetreten waren, gingen die Ratings hoch. Robert Vaughn: “Wäre das alles in den 80er Jahren statt in den 60ern passiert, wäre die Serie abgesetzt worden. Man hätte ihr keine Chance geben, sich ihr Publikum zu erobern.”

P.S.: Steven Soderbergh plant für 2012 einen Kinofilm nach der Serie.



LUCIFER CONNECTION – PRESSETEXT by Martin Compart
6. Oktober 2011, 4:41 nachmittags
Einsortiert unter: Dutroux, Evolver, LUCIFER CONNECTION, Noir, thriller | Schlagwörter: , , ,

Eitelkeit und Rührung befällt einen Autor, wenn er von seinem Verlag den Pressetext zum eigenem Buch erhält. Es ist ja die erste Reaktion auf das gedruckte Buch und manchmal fühlt man sich als Autor vom eigenen Verlag nicht immer richtig verstanden. Und manchmal sind diese sogenannten “Waschzettel” nur die Verlängerung des Klappentextes. Im Falle von LUCIFER CONNECTION wurde ich von EVOLVER BOOKS extrem gut behandelt. Deshalb hier ein Auszug aus dem Pressetext mit Dank an Peter und Robi.

Peter Hiess, MC, Robert Draxler. Das enttarnende Foto danke ich Peter Hiess´ hinreissender Frau Heidelinde Moser

„Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr zur Hand geht.“
Papst Gregor der Große

Die Zeit des Regionalkrimis ist abgelaufen – auch wenn der deutsche Buchmarkt das noch nicht bemerkt hat. Mittlerweile hat ja jedes Kaff seinen Kriminalisten, jedes Dorf seine Detektei, jeder Weiler seine Wirtschaftspolizei. Und sie alle ermitteln in provinziellen Angelegenheiten, von Vergewaltigungen auf der Alm über den x-ten Serienmörder in einer abgelegenen Hinterwäldlergemeinde bis hin zu den üblichen „Niemals vergessen“-Relikten aus der Vergangenheit.

Martin Comparts Roman Die Lucifer-Connection – der zweite Thriller mit seinem Protagonisten Gill, einem Ex-Stasi-Agenten und -Söldner, der heute als privater Sicherheitsberater arbeitet – handelt zwar auch im deutschen Irgendwo, zwischen Dortmund und Witten, verlässt aber bald die vertrauten
heimatlichen Geflde. Das heißt, vertraut sind sie ja nur scheinbar, hinter der Kulisse der Gehirnwäschemedien und der aus Brüssel gesteuerten Wir-haben-ja-noch-sowas-wie-Demokratie.

Was die Hartz-IV-Idylle verbirgt, ist ein korruptes Land, ja, ein korrupter Kontinent, auf dem maföse Machenschaften längst zur Tagesordnung geworden sind, seit organisierte Kriminalität und
globalisierte Konzerne (zwei Bezeichnungen für dieselbe Sache) schamlos und ungehindert regieren.
In diesem Europa sieht man nicht nur gnädig über Finanzskandale hinweg, sondern lässt auch mörderische Kinderschänder wie die Bande um Marc Dutroux relativ ungeschoren davonkommen, weil zu viele Mächtige in die Affäre verwickelt sind.

Gill ist kein Moralist, aber so etwas macht ihn zornig – genau wie seinen Autor Martin Compart. Was mit der Entführung eines kleinen schwarzen Katers beginnt, bringt den Protagonisten auf die Spur einer international agierenden Satanistenbande, in der Angehörige höchster Kreise verkehren. Auch die Dortmunder Polizei ist hinter den Teufelsanbetern her, seit sie ein Massengrab voller getöteter schwarzer Kinder entdeckt hat. Die Spur der Opfer und der kriminellen Hintermänner führt Gill, seinen besten Freund „Karibik-Klaus“ und Kriminaldirektorin Alexa Bloch ins schwarze Herz Afrikas, zu völlig pervertierten Kindersoldaten und Kannibalen. Im Lauf der Handlung verschlägt es den Ermittler dann auch noch nach London, Wien und in eine Burgruine an der Donau, wo das blutige Treiben seinem Höhepunkt entgegenrast. Gill ist wütend, und er macht keine Gefangenen. Das wird auch den Leser freuen, weil schon die bloße Lektüre von Die Lucifer-Connection seinen Zorn gegen die herrschenden Verhältnisse, die Lügen und die Grausamkeiten weckt, weil die Bösen hier noch wirklich böse sind (wie im wirklichen Leben!) und die Guten, wie sich das für einen tiefschwarzen Noir-Roman gehört, zwar desillusioniert und vom Leben gezeichnet, aber doch mit einem fest verankerten Sinn für das Richtige ausgestattet.
So wünscht man sich einen modernen europäischen Thriller. Und plötzlich sehen all die Regionalkrimis noch ein bisschen altmodischer aus.

http://www.evolver-books.at/buchshop.php




Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.