Einsortiert unter: GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE, James Bond, Spythriller, TV-Serien | Tags: comics, Ian Fleming, James Bond, Lew Grade, Patrick McGoohan, Ralph Smart, Thriller, TV-Serie
Zwar gab es bereits in den 1950er Jahren ein paar US-Serien, die Geheimagenten und die Welt der Spionage (etwa FORREIGN AFFAIRS) thematisierten, aber erst in den 1960ern, im Windschatten von 007, wurde der Geheimagent auch zur TV-Ikone. Und wie es sich für Spythriller gehört, machten die Briten den Anfang.
Ausgedacht hatte sich die Serie DANGER MAN der Australier Ralph Smart. Als Regisseur und Drehbuchautor hatte er in den 50er Jahren für die Produktionsgesellschaft von Lew Grade (der später auch für Hits wie THE SAINT, MAN IN A SUITCASE, PRISONER oder FRIENDLY PERSUADERS verantwortlich zeichnete) bei Serien wie ADVENTURES OF WILLIAM TELL, ROBIN HOOD oder THE INVISIBLE MAN mitgearbeitet. Ende der 1950er Jahre entwickelten sich Agentenromane zu einem der erfolgreichsten literarischen Genres. Ian Flemings beginnender Welterfolg sorgte für ein starkes Interesse am Spythriller. Die Geheimagenten lösten die harten Privatdetekltive in der Gunst der Krimileser ab. Smart und andere Produzenten erkannten dies. Aber noch bevor etwa MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE das Fernsehen eroberte oder JAMES BOND weltweit über die Leinwände raste, entwickelte Smart das Konzept für die erste Agentenserie modernen Stils für das Fernsehen. Ganz klar war er von Ian Flemings Bond-Romanen beeinflußt, als er Drake anlegte. Auch Drake reiste zu den exotischsten Orten, um im Auftrag des Westens für Ordnung zu sorgen. Lew Grade war sofort von der Serie angetan, mit der er den Sprung in den amerikanischen Prime Time-Markt schaffen wollte.
McGoohan sollte für den Erfolg von DANGER MAN ähnlich wichtig werden wie Sean Connery für Bond (die deutsche Stimme ist die von Heinz Drache). Als Smart die Serie vorbereitete, hatte er keinen bestimmten Schauspieler im Auge. Erst als er McGoohan, der 1959 als bester Fernsehschauspieler und bester Bühnenschauspieler ausgezeichnet worden war, in dem TV-Film THE BIG KNIFE gesehen hatte, wußte er, wen er als John Drake haben wollte. McGoohan akzeptiert Grades und Smarts Angebot nur mit Vorbehalt: Die Drehbücher, die Drake im Stile Bonds als schießfreudigen Frauenhelden zeigten, mußten geändert werden. Er wollte keine unnötige Gewalt und vor allem keine “unmoralischen” Frauengeschichten für Drake. “Ich versuchte Drake so geheimnisvoll wie möglich zu machen. In der Hoffnung, daß kein Zuschauer sicher war, was Drake in der nächsten Sequenz anstellen würde. Seine gefährlichste Waffe sollte keine Pistole sondern seine Intelligenz sein”, erinnerte sich der Schauspieler. Aber natürlich konnte keine Action-Serie ohne physische Aktion auskommen. Aber statt unentwegt in Schießereien ließ man Drake so oft wie möglich in Prügeleien geraten. Heraus kamen dabei einige der wildesten Schlägereien der Fernsehgeschichte. Nicht selten flog der Gegner meterweit durch den Raum, wenn er Drakes Dampfhammer auf die Nase geknallt bekam. Trotz aller Unwahrscheinlichkeiten achtete man darauf, daß Drake nicht zum Superhelden wurde.
Auch die Geschichten waren relativ nahe an den politischen Gegebenheiten der Zeit: Drake infiltrierte ein IRA-Kommando, sicherte Öl-Interessen am Golf, beschützte Überläufer, ging gegen indische Giftgasfabriken vor oder destabilisierte Diktaturen, die dem Westen unfreundlich gesonnen waren. Seine Aufträge führten ihn um die ganze Welt: Ferner Osten, Paris, Afrika, Kashmir – nur exotisch mußte es sein. Gedreht wurde aber, abgesehen von Außenaufnahmen in Schottland oder englischen Grafschaften, in den Elstree-Studios. Vier Tage dauerte es, um eine Folge abzudrehen. Ein Second Unit-Team unter Regisseur John Schlesinger sorgte für die Außenaufnahmen und für Stock Shots von den exotischen Handlungsorten. Für die zweite Folge, VIEW FROM THE VILLA, wurden die Außenaufnahmen in Portmeirion gedreht, das hier als italienischer Handlungsort diente und als Village in NUMMER.6 (PRISONER) unsterblich wurde!
Am 11.September 1960 strahlte der kommerzielle Sender ITV die erste Folge aus. DANGER MAN wurde schnell ein Riesenerfolg im britischen Fernsehen, und Lew Grade konnte die Serie an das US-Network CBS verkaufen. Im Sommer 1961 ersetzte DANGER MAN auf CBS Steve McQueens Westernserie WANTED: DEAD OR ALIVE. Aber dieser Sommerersatz wurde von den amerikanischen Zuschauern kaum wahr genommen. Gerade war in England die 2.Season produziert worden, und Lew Grade, enttäuscht über die schlechte Resonanz in den USA, ließ DANGER MAN stoppen. Inzwischen waren aber die Auslandsverkäufe in Europa so gut angelaufen, daß man über eine Fortsetzung der Serie nochmals nachdachte. Bevor die Dreharbeiten aber wieder aufgenommen wurden, sollte einiges verändert werden: Künftig sollten die einzelnen Folgen doppelte Länge haben. Außerdem arbeitete Drake nicht mehr für die NATO, sondern für MI9, eine fiktive Abteilung des britischen Geheimdienstes. Die längeren Folgen erlaubten komplexere Geschichten und tiefere Charakterisierungen. Zwei Seasons wurden in dem neuen Format produziert, und noch heute geraten die Fans ins Schwärmen, wenn sie an diese Episoden denken. Leider hat man sie bei uns nie komplett ausgestrahlt. Die neue Serie begann am 13.Oktober 1964 und brachte es auf 45 Folgen. Es folgte noch der legendäre Zweiteiler KOROSHI, der in Farbe gedreht wurde und verschiedentlich als 90-Minüter gezeigt wurde. Aber McGoohan hatte, trotz des relativen Erfolges der neuen Serie in den USA, genug von DRAKE und besuchte Lew Grade mit dem Konzept zur späteren Kultserie PRISONER, die auf der Grundidee des Spionaromanautors und Drake-Storyeditors George Markstein basierte.
Der von der Serie inspirierte Song SECRET AGENT MAN von Phil Sloan und Steve Bass, gesungen von Johnny Rivers, schaffte es hoch in die Hit-Paraden zu kommen.
Unter dem Namen Ralph Smart veröffentlichte der deutsche Signum Verlag einen John Drake-Roman, in dem Drake dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan ist und nichts mit der Serie zu tun hat: Ralph Smart: Mord auf Bestellung, Signum Krimi 105, 1962.
Weitere Romane:
W.Howard Baker: Departure Deferred, Consul Books 1965. Storm Over Rockall, Consul Books 1965.
Peter Leslie: Hell for Tomorrow, Consul Books 1965.
W.A.Ballinger: Exterminator, Consul Books 1966.
Wilfred McNeilly: No Way Out, Consul Books 1966.
Heftromane:
GEHEIMAUFTRAG FÜR JOHN DRAKE: Marken Verlag, Köln. Nr.1, 1963 – Nr.390, 1976.
Comics:
JOHN DRAKE: Bildschirm Vlg. Nr.1-2,1967.
DANGER MAN: Four Color Comic 1231, 1961.
SECRET AGENT: Gold Key, Nr.1-2, 1966, 1968.
Literatur:
Alain Carrazé & Héléne Oswald: The Prisoner, W.H.Allen 1990.
Dave Rogers: The Prisoner & Danger Man, Boxtree 1989.
Matthew White & Jaffer Ali: The Official Prisoner Companion, Warner Books 1988.
Einsortiert unter: Andy McNab, Spythriller, STRIKE BACK, TV-Serien | Tags: Chris Ryan, Strike Back, Thriller, TV-Serie

Natürlich ist STRIKE BACK nicht SPOOKS. Aber es ist mit Abstand die beste und zynischste Action-Serie, die man momentan sehen kann. Sie half mir über das Ende von SPOOKS hinweg, dass ich bis heute nicht wirklich verschmerzt habe („Komm zurück, Harry, und zeige uns, wie MI5 weiterhin für die Demokratie eintritt und die Neo-Cons bekämpft!“). Aber STRIKE BACK spendete Trost. Und nun endlich gibt es die dritte Staffel – und die vierte ist in Vorproduktion. Kein Action- oder Thriller-Fan sollte sie sich entgehen lassen. Und man muss seinen Fernsehsessel mit Haltegurten ausstatten. Diese Briten wissen, wie man einen Adrenalincocktail zusammenschraubt!
Die beiden ersten Staffeln sind bei uns auf DVD erhältlich, die dritte läuft am 14.Dezember 2012 auf FOX an, so angekündigt: „Damien Scott (Sullivan Stapleton), Agent des auf hochriskante Einsätze hinter den feindlichen Linien spezialisierten „Section 20“-Teams des MI6, gerät bei einer versuchten Geiselbefreiung in Nairobi in Gefangenschaft. Michael Stonebridge (Philip Winchester), mittlerweile zum Ausbilder neuer „Section 20“-Rekruten befördert, kehrt in den aktiven Dienst zurück, um Scott und die übrigen Geiseln aus der Gewalt des somalischen Warlords Huseyin Waabri (Anthony Oseyemi) zu befreien. Vor Ort stellt sich heraus, dass der Fall größere Dimensionen hat, als zunächst angenommen, denn Waabri ist in einen Deal mit nuklearen Bombenzündern verwickelt. Die Verbreitung von Atomwaffen könnte die gesamte Region destabilisieren – doch um herauszufinden, wer im Hintergrund die Fäden zieht, müssen sich Stonebridge und Scott mit gut organisierten Söldnern und sogar mit einem Killerteam des Mossad anlegen…
In der neuen Staffel bleibt sich „Strike Back“ treu: Geprägt ist die Serie von harter Action, exotischen Orten weit weg vom optischen Einerlei üblicher Hollywood-Produktionen – gedreht wurde u.a. in Südafrika – und einer wendungsreichen Handlung, die den Zuschauer zu jedem Zeitpunkt in Atem hält. Neu mit dabei ist Rhona Mitra („Underworld – Aufstand der Lykaner“) in der Rolle der neuen „Section 20“-Chefin Rachel Dalton.“
Die erste Staffel mit Richard Armitage als John Porter, die Chris Ryans Romanvorlage weitgehend folgte, war eher eine sechsteilige Miniserie. Überaus sehenswert, aber erst mit neuem Konzept und Hauptfiguren der 2.Season lief die Serie zu Hochform auf. In PROJECT DAWN, der zweiten Staffel, ist Section 20, eine militärische Abteilung des MI 6, auf der Jagd nach dem Terroristen Latif, der Armitage auf dem Gewissen hat Unter dem Kommando von Colonel Eleanor Grant (Amanda Mealing) agieren als Hauptfiguren der Ex-SASler Stonebridge (Philip Winchester) und der ehemalige Delta Force Scott (Sullivan Stapleton). Ihre pragmatische Prämisse könnte lauten: Wir agieren so, dass die Ereignisse, gegen die wir nichts wirklich bewirken können, auch gegen uns nichts bewirken. Die Patt-Situation als Sieg im andauernden Kampf für das Überleben des Systems. Auch eine Art Euro-Rettungsschirm…
Die Handlung führte von Indien über Südafrika und dem Sudan bis zum Balkan. Und zwar so politisch unkorrekt, dass es eine Freude ist. Keine andere TV-Serie hatte wüstere Sex-Szenen jenseits der Pornographie und einen höheren Bodycount. Der „Guardian nannte sie „Naked 24“. Die meisten Sexszenen hat Stapleton und man nimmt seiner Figur Scott ab, dass die dauernde Todesnähe sie sexuell extrem aktiviert. Unter seiner happy-go-lucky-Fassade lauert die Düsternis und Verzweiflung des byronschen Helden.
Die Gewalt ist graphischer, unangenehmer und realistischer als in anderen TV-Serien. Sie ist eher verstörend als voyeuristisch. Umso erstaunlicher, dass auch der Humor nicht zu kurz kommt und im Gesamtkonzept funktioniert. Allerdings ist es meist ein böser, zynischer Humor. Ein Beispiel:
Eine ältere Dame, echter Gutmensch, nach schrecklichen Erlebnissen im Kosovo: „Ich bin doch hierher gekommen, um den Menschen zu helfen!“
Stonebridge: „Beim nächsten Mal.“
Die Action hat Kinoqualität und ist großartig inszeniert. Im Vergleich mit STRIKE BACK wirkt das deutsche TV-Action-Flaggschiff COBRA 11 wie eine Mofa gegenüber einem Boliden. Besser man schnallt sich vor dem Fernseher an. Und was den politischen Zynismus angeht, kann in Deutschland sowieso alles einpacken. In Dänemark, England, Frankreich, Italien oder den USA wagt man eben auch mutige und originelle Konzepte, in Deutschland bleibt alles nur aufgeblasener Biedermeier. Selbst gelegentliche Unglaubwürdigkeiten nimmt man STRIKE BACK nicht übel, weil die Serie in sich ein absolut geschlossener, charismatischer Kosmos ist, den deutsche Macher einfach nicht hinkriegen. Und dabei ist sie auch noch geopolitisch analytisch und aktuell. Andrew Anthony schrieb im „Guardian“: „No scene lasted more than about 25 seconds in the first two episodes and no element of plot information was left unspoken. The dialogue is close to pure exposition, with an occasional clunkily macho line thrown in as a concession to dramatic atmosphere. Show, don’t tell, say the screenwriting gurus. This was show and tell.”
Die Serie schafft es in ihren Doppelfolgen, die einer übergeordneten Arc-Strategie anhängen, die aktuelle Krisenherde den interessierten Parteien zuzuordnen. Dabei kommen die beiden schießwütigen Protagonisten dann auch noch sympathisch rüber („they are mean, brutal and deadly – and they are the good guys“). Beide haben Semtex in ihrer DNA.
Vor den Dreharbeiten in Südafrika mussten die Hauptdarsteller in ein Bootcamp und anschließend ein militärisches Training durchlaufen, das von SAS- und SBS-Männern geleitet wurde. Man merkt es ihnen an: Jede Bewegung sitzt und keiner würde sich versehentlich in den Fuß schießen. Winchester erinnert sich: “Sully and I would meet every morning at 6am. We would run to a chosen location and on the way we had to memorise street names and directions and then our trainers would say ‘that car that you just passed what was the licence plate number?’ Our trainers were ex-SAS guys who made us study everything in detail, for example, we learnt step by step how to enter a room in twos, then alone. At the same time, we had to be constantly aware of where our weapon was trained.
The physical trainers also had to ensure that not only do the actors look like soldiers before filming, but they had to remain that way throughout the shoot. In addition, Stapleton and Winchester had to lose and gain weight, respectively. Winchester had to be on a diet of 4,000 calories a day, which included taking protein shakes between meals. The actor described the diet as “a workout in itself,” having found it “exhausting” eating more food than he was used to. In total, training took approximately one month.
Beeindruckend ist, wie gut die Serie atmosphärisch die jeweiligen Handlungsorte einfängt. Ob Sudan oder Kosovo (in der 2.Season), die geopolitischen Probleme werden aufgezeigt und in die Story einbezogen. Jedes 3.Welt-Land mit eigenen Konturen der Hoffnungslosigkeit. Und das trotz der begrenzten Drehorte! Meistens Südafrika oder Ungarn. Ähnlich gut gelingt es den Autoren Empathie für jede Nebenfigur aufzubauen. Und selbst die übelsten Bösewichter sind keine Schablonen aus dem TATORT.
Ganz am Anfang stand der Roman STRIKE BACK von Chris Ryan, der zusammen mit Andy McNab, ebenfalls ehemals Special Force, den Agenten-Thriller neu belebte und die so etwas wie ein Subgenre entwickelten: den „Commando Thriller“. Beide Autoren werden nicht müde darauf hinzuweisen, wie sehr sie und ihre Kameraden von den Politikern verarscht und verheizt wurden. Echte Conspiracy-Freaks die tatsächlich glauben, die Regierungen dienen nur den wirtschaftlichen Interessen einer kleinen Schicht und nicht dem Wohle des Volkes. Sie behaupten allen Ernstes, der Irak hätte nicht über Massenvernichtungswaffen verfügt und man sei durch Lügen und Manipulationen in den Krieg gehetzt worden!
Produzent Andy Harris entdeckte Ryans Roman am Flughafen und überzeugte Elaine Pyke von British Sky Broadcasting zu einer Miniserie. 2010 kam es für die zweite Staffel zu einer Zusammenarbeit mit der HBO-Tochter Cincmax.
Der einzige amerikanische Autor der Serie war Frank Spotzitz, (vier Folgen von Season2) der sich als Schreiber für AKTE X einen Namen gemacht hat. Die meisten Folgen der dritten Season schrieb Tony Saint, der auch –wie Richard Zajdlic – bei der zweiten Season dabei war.
Ohne zuviel zu verraten: Der Erzschurke in STRIKE BACK III:VENEGEANCE gehört zu den am besten und originellsten des gesamten Thriller-Genres, die Bond-Bösewichter inklusive.
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Ein intelligenter Geist schrieb über diesen Polit-Thriller: “der Comic, den nicht mal Hollywood kaputtmachen konnte”. Und fürwahr – Sylvain Whites Verfilmung aus dem Jahre 2010 bescherte uns nette Unterhaltung für Sonntagnachmittage. Ich halte mich jedoch lieber an Andy Diggles gezeichnete Vorlage und ihren düsteren Zynismus.
Er wolle einen Comic für Leute machen, die sonst keine Comics lesen, verkündete Autor Andy Diggle zum Start der Serie 2003. Das ist ihm wohl gelungen; dieser Comic wird auch Conspiracy-Thriller- und Robert-Ludlum-Leser in den Bann schlagen. Vielleicht habe ich in den letzten paar Jahren so wenige Comics gelesen, weil die Story selten hielt, was das Artwork versprach. Und mit Superhelden in lächerlichen Karnevalsklamotten kann ich sowieso nicht mehr viel anfangen.
Polit-Thriller im Comic sind relativ selten. Auf Anhieb fallen mir lediglich “XIII”, “Largo Winch”, “Black Op” (dazu demnächst mehr) und Greg Ruckas “Queen & Country”-Comics (die er auch zur Romanserie verarbeitete) ein. Diggles Comic scheint mir auch von TV-Serien wie “La Femme Nikita” oder “24″ beeinflußt – jedenfalls mehr als vom manichäischen Dualismus eines J. J. Abrams (“Alias”), der uns den Kampf einer guten CIA gegen eine böse CIA verkaufen will. Tempo und Komplexität der Nebenhandlungen sind mit modernen Polit-Thrillern wie den Werken von Vince Flynn, Gayle Lynds, Tom Cain oder Daniel Silva vergleichbar. Auch kann man Diggle nicht jene politische Naivität vorwerfen, die das Medium zu noch oft kennzeichnet. Der Autor hat jedenfalls seine Hausaufgaben bezüglich des Themas CIA gemacht. Durch die Recherche hat sich sein ganzes Weltbild verändert:
“Very much for the worse, I´m sorry to say. The CIA running drugs pales into insignificance next to some of the stuff that´s going on out there. I can almost see why people would rather just bury their heads in the sand and pretend it isn´t happening. It´s just too depressing for words. I´ve discovered a lot of stuff that made my hair stand on end, frankly. People think I just invented stuff like the ‘Proactive Pre-emptive Operations Group – the top-secret Defense Department operation specifically designed to provoke terrorism. And because it´s run out of the Pentagon, it´s not accountable either to Congress or to the American people. Don´t believe me? Google it. The ‘Policy Analysis Market’ is another one. Seriously, you can´t make this shit up.”
Der Zynismus amerikanischer Politiker schockierte ihn zusätzlich:
“Over half a million children died as a direct result of our sanctions on Iraq, and when U.S. Secretary of State Madeleine Albright was asked whether this price was worth it, she replied, ‘I think this is a very hard choice, but the price … we think the price is worth it.’ That gave me a moment of pause. So half a million dead children is a price these people gladly pay to get one over on their old buddy Saddam – a monster who was still being subsidized by British and American taxpayers even after he started gassing his own people. Nice.”
Natürlich ist Diggle Engländer. Seit Alan Moore, Garth Ennis und Neil Gaiman heißt es ja, daß die besten US-Comics von Briten gemacht werden (die oft aus dem Umfeld des Magazins “2000 AD” stammen, dessen Redakteur Diggle war).
Ursprünglich wollten Diggle und Zeichner Jock irgendeine alte Serie wiederbeleben. Beim Durchforsten der DC-Welt stießen sie auf die Zweite-Weltkriegs-Reihe “The Losers”. Die von Robert Kanigher erfundene Commando-Serie, die zeitweilig von Jack Kirby gestaltet und geschrieben wurde, lief von 1970 (Nr. 123) bis 1978 (Nr. 181) in “Our Fighting Forces”. Am Ende der Serie gehen dann alle drauf, inklusive Sergeant Clay, der wohl der Großvater – dies eine Reverenz von Diggle an die ursprüngliche Serie – des neuen Loser-Chefs Franklin Clays ist.
Kollege Florian Lieb charakterisierte zum Filmstart 2010 die Serie recht treffend im EVOLVER: Der Comic “handelt vom Black-Ops-Teams der Loser, einer Einheit rund um Lieutenant Colonel Franklin Clay und dessen vier Untergebene. Nach einer verdeckten Mission von ihrem Kommandeur abgeschossen und für tot gehalten, haben sie es sich zum Ziel gesetzt, ihr Leben zurückzuholen und jenen Vorgesetzten, den mysteriösen Max, zu liquidieren.
Dabei stoßen sie auf eine Verschwörung weltweiten Ausmaßes, in die neben dem Königreich Katar anscheinend auch das Verteidigungsministerium der USA verwickelt ist. Schnell verwischen die Grenzen zwischen Freund und Feind, und immer wieder fragen sich die Losers, ob sie nicht bloß Spielball und Mittel zum Zweck sind. Mit jedem Band vergrößert sich das Komplott, wird die Verschwörung immer komplexer. …
Jocks Zeichenstil variiert von Ausgabe zu Ausgabe, wodurch die Bilder manchmal mehr, manchmal weniger gelungen sind. Mehr Konstanz und Realismus (wie etwa bei Pia Guerra in Brian K. Vaughans ‘Y: The Last Man’) wären wünschenswert gewesen. So wirken die Figuren vereinzelt wie aus einem Samstag-Morgen-Cartoon – ein ziemlich störender Wechsel.”
Jocks kantiger, grobflächiger, an Storyboards erinnernder Stil ist auch nicht immer nach meinem Geschmack. Trotzdem muß ich zugeben, daß er die Geschichte dynamisch und effektiv vorantreibt. Die kinematischen Seitenaufteilungen und Perspektiven saugen den Leser mitten ins Geschehen. Die weiteren Zeichner – Nick Dragotta, Alé Garza und Ben Oliver – paßten sich dem vorgegebenen Stil von Jock an, behielten aber ihre Eigenheiten bei. Als alten Colin-Wilson-Fan freute es mich besonders, daß der Neuseeländer in den Heften 26 bis 28 zum Zuge kam.
“The Losers” ist vor allem die Serie des Szenaristen, und alle Zeichner stellten sich in den Dienst der Story. Diggle liefert auch gerne einmal bestens zitierfähige Zeilen ab, wie zum Beispiel: “Der Weg ins Verderben wird ständig instandgehalten.” Oder: “So eine beschissene Operation habe ich seit Michael Jacksons letztem Facelifting nicht mehr gesehen.” Und schließlich: “Wir sind in ein billiges Lagerhaus umgezogen. Washington bezahlt weiter für das Büro, und wir kassieren die Differenz. Clever, was? Alle anderen macht der Krieg gegen den Terror reich. Warum sollen wir nicht auch ein Stück vom Kuchen abkriegen?”
“The Losers” war von Anfang an als Serie mit begrenztem Umfang geplant. Zuerst waren nur vier Hefte projektiert, dann baute Diggle die Story auf 32 Hefte aus. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. In den 20er-Nummern sank die Auflage auf 7000 Exemplare – das übliche Schicksal eines Kult-Comics. Mit der Veröffentlichung der Sammelbände als Trade-Paperbacks setzte dann der Profit ein. Das hatte sogar Vertigos Vertrieb geahnt: Bei einer ängstlichen Nachfrage von Diggle, ob die Serie abgesetzt würde, versicherte ihm die Vertriebschefin, daß man sie bis zum geplanten Ende durchziehen würde. Nun liegen auch bei uns die kompletten “The Losers” in fünf Paperbacks vor, in der gewohnten Panini-Qualität und der sauberen Übersetzung des alten Comic-Cracks Bernd Kronsbein.
“The Losers” wird gern mit der TV-Serie “The A-Team” verglichen (wohl auch, weil beide Filmversionen fast gleichzeitig in die Kinos kamen). Der Vergleich stimmt jedoch nur sehr oberflächlich. In beiden Serien geht es um ein Ex-Special-Force-Team, das betrogen wurde und dann auf der offiziellen Abschußliste landet. Aber Stephen J. Cannels (den ich ansonsten sehr geschätzt habe, schon wegen “Wiseguy”) Schrott-TV ist naiver Kinderkram, während Diggles Comic politische Dimensionen hat, deren zynische Weltsicht in der Realität verankert ist. Während Jean Van Hamme für “XIII” schamlos Ludlum geplündert hat (und “Largo Winch” einiges dem inzwischen vergessenen Bestsellerautor Paul-Loup Sulitzer verdankt), ließ sich Diggle von den modernen Commando-Thriller-Autoren (Andy McNab oder Chris Ryan) inspirieren. Er langweilt nicht und beleidigt auch nicht (trotz des umstrittenen Endes) die Intelligenz der Leser.
Und deshalb kann man als Polit-Thriller-Fan guten Gewissens zur Abwechslung auch einmal Comics lesen …
DIGGLE VORTRAG PART.2
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ALLGEMEINE VORBEMERKUGEN
Wie es die beiden Ex-Agenten Victor Marchetti und John D.Marks in ihrem von der CIA durch Gerichtsbeschluss
zensiertem Buch CIA(Deutsche Verlagsanstalt, 1974)) ausdrückten:
“Ein großer Teil der Machtstellung der CIA hängt
von ihrer sorgfältigen Mythologisierung und Glorifizierung der Leistungen des geheimen Berufs ab… Wie die meisten Mythen
sind die Intrigen und Erfolge der CIA über die Jahre weg eher eingebildet als real gewesen. Was unglücklicherweise real ist, ist die Bereitschaft sowohl der Öffentlichkeit wie der Anhänger des Kults die Fiktion zu glauben, die das Nachrichtengeschäft tränkt.”(S.38)
Wäre man paranoid genug, könnte man hinter der Unmenge erfolgreicher Spionageromane, Polit-Thriller, Agentenfilme und Fernsehserien eine der großen propagandistischen Coups der psychologischen Kriegsführung durch die Geheimdienste sehen. Und der Großteil der
in diesem und letzten Jahrhundert veröffentlichten Spionageromane dienten in markant anti-aufklärerischer Manier tatsächlich nur der Verteufelung des Gegners und der Rechtfertigung bürokratischer Behörden, deren wirklichen Erfolge in keinem Verhältnis zu materiellen Aufwand und zum politischen Risiko stehen. Aber der Spionageroman und im weiteren Sinne der Polit-Thriller, kann natürlich mehr leisten als anti-aufklärerische Propaganda.
Er kann auch ein Instrument der Aufklärung sein, wie es die Werke von Graham Greene, Eric Ambler, Kent Harrington, Andy McNab, Ross Thomas und vieler anderer eindrucksvoll beweisen. Die Literatur, die die geheime Welt und ihr politisches Treiben beschreibt, spiegelt alle Spannungen wieder, die unsere Zeit politisch und wirtschaftlich bestimmten.
Literaturhistorisch steht am Anfang des Spionageromans keine Schlüsselfigur, wie etwa Edgar Allan Poe für den Detektivroman oder William Godwin für den Noir-Roman. Während man von der Spionage als vom “zweitältesten Gewerbe der Welt” spricht, muss man das multimediale Genre “spy story” als ein Kind des 19.Jahrhunderts ansehen, dass im 20.Jahrhundert zu voller Blüte heranreifte und immens erfolgreich wurde.
In der Literatur taucht die Spionage erstmals in dem chinesischen Klassiker über DIE KUNST DES KRIEGES(PING FA) von Sunzi ca. 510 v. Chr. auf. Die erste Fiktion, in der Spionage eine Rolle spielt, verdanken wir ebenfalls der chinesischen Kultur: im 13.Jahrhundert in dem historischen Roman SAN KUO von Lo Kuan- Chung. Als erster “richtiger westlicher” Spionageroman gilt allgemein James Fenimore Coopers THE SPY(1821).Allerdings nur, weil der Roman einen Spion in den Mittelpunkt der Handlung stellt; der Spionagetätigkeit wird von Cooper wenig Raum gewidmet.

Anschließend tauchen Elemente des Spionageromans und des Polit-Thrillers im Kontext vieler Feuilleton-Romane des 19.Jahrhunderts auf, aber erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts formt sich das Genre zu einer eigenen, unverwechselbaren Gestalt. Die ersten britischen Spionageromanautoren – und damit die ersten “hauptberuflichen” Autoren von spy novels überhaupt – waren William LeQueux und E.P.Oppenheim. Bei aller Trivialität ihrerBücher muss man erkennen, dass sie Wegbereiter für John Buchan bis Ambler oder Tom Clancy (der besonders LeQueuxs „war prophecy novel“ aktualisierte) waren.
Jeder Spionageroman ist ein Polit-Thriller, aber nicht jeder Polit-Thriller ist ein Spionageroman.
Der Spionageroman als ein Nachfolger des Abenteuerromans ist sehr oft eine Mischform aus den verschiedenen Genres: zwar
handelt er primär über internationale Intrigen, benutzt aber Elemente des Abenteuer-, Detektiv-, Gangster- Liebes- und
Kriegsroman.
Der Polit-Thriller ist seit den 196oer Jahren ungebrochen eines der beliebtesten Sub-Genre der facettenreichen Kriminalliteratur.
Nicht zu Unrecht wird die Kriminalliteratur als die Literatur angesehen, die das Industrie- und Informationszeitalter am besten
widerspiegelt. Kriminalliteratur hat nämlich im Grunde nur ein Thema: Die Schwierigkeit des Menschen sich in Gesellschaften
großer Dichte zu organisieren und die Reaktion durch abweichendes Verhalten auf Ungerechtigkeitsordnungen. Während
andere kriminalliterarische Genre dieser Problematik innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Organisationen nachgehen,
thematisiert der Polit-Thriller im Sub-Genre Spionageroman, wie unterschiedliche Gesellschafts- und multinationale Intressenformen konkurrieren und wie Apparate einer bestimmten Größenordnung eine von den ursprünglichen Zielen abweichende Eigendynamik entwickeln
können. Der zunehmenden Komplexität der Welt wird in keiner anderen Literatur mehr Rechnung getragen als im Polit-Thriller.
Die Kriminalliteratur im Allgemeinen und der Polit-Thriller im Besonderen sind im besten Sinne des Wortes populäre
Literatur. Ob in trivialer Form (Land,Cussler) oder in literarisch anerkannter (LeCarré, Ambler, Greene) – im Gegensatz zur bürgerlichen Hochliteratur wird der Polit-Thriller in hohen Auflagen verbreitet und gelesen. Es ist eine demokratische Literatur, die quer durch alle Schichten rezipiert wird. Die Form ist für alle Ideologien offen, wird aber in ihren besten Werken eher progressiv genutzt. Das
heißt: Sie warnt vor (welt-)gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, enttarnt politische, wirtschaftliche Zusammenhänge und zeigt immer wieder eindrucksvoll, wohin unkontrollierter Egoismus von Machtträgern -ob von Organisationen oder Einzelpersonen- führt. Ambler nannte den Thriller mal die “letzte Zuflucht für Moralisten”.
Der Polit-Thriller kann sich mit jedem anderen Subgenre der Kriminalliteratur verbinden: sei es mit dem Privatdetektivroman, wenn er politische Korruptionsmechanismen beschreibt, mit dem Psycho-Thriller, der die Innenwelt von Machthabern auslotet oder sogar mit dem klassischenDetektivroman (“Call the Dead” von LeCarré), in dem die Frage nach dem Motiv des Täters politische Dimensionen haben
kann. Der Detektivroman, Privatdetektivroman, Psycho-Thriller, Polizeiroman usw. beschäftigt sich mit der Kriminalität des
Individuums in der Konkurrenzgesellschaft; der Spionageroman mit kriminellen Machenschaften zwischen konkurrierenden Systemen. Im Detektivroman wird der innenpolitische Kampf eines Systems geschildert, im Spionageroman der außenpolitische.
Wir leben in einer Zeit der bewusst wahrgenommenen Krisen. Polit-Thriller sind Krisenliteratur, Ausdruck und Reaktion auf reale Krisen. Das war er immer. Aber, wie sich zeigen wird,hat der Polit-Thriller mit den Mitteln der Fiktion oft die Realität mitbestimmt und beeinflusst, ja manchmal bewusst Realität manipuliert. Dem Einfallsreichtum der Autoren huldigen
die Geheimdienste bis heute, in dem sie sich von Spionageromanen anregen lassen, was sich dann wiederum in der
Fiktion spiegeln kann: In dem Film DIE DREI TAGE DES CONDOR, eine gelungene Verfilmung von James Gradys Klassiker SIX DAYS
OF A CONDOR, spielt Robert Redford einen CIA-Analytiker, der für den Geheimdienst Spionage- und Kriminalromane liest und in
einen teuflischen Komplott gerät. Bei keiner anderen Literaturgattung gibt es offensichtlich eine so intensive Wechselwirkung von Realität und Fiktion wie im Polit-Thriller.
In James Gradys Roman SIX DAYS OF THE CONDOR heißt es:
“Die Aufgabe des Departments 17 besteht darin, jeder Erwähnung von Spionage und verwandten Gebieten in der Literatur nachzugehen. Mit anderen Worten, das Department liest Spionagethriller und Kriminalromane. Die Grundideen und Handlungsabläufe tausender Kriminal- und Spionageromane sind in den Akten des Departments 17 sorgfältig aufgezeichnet und analysiert. Selbst so alte Autoren wie James Fenimore Cooper sind untersucht worden. Die meisten Bücher der Gesellschaft befinden sich im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia… Die Analytiker des Departments sind auf literarischem Gebiet ständig auf dem laufenden. Ihre Arbeit teilen sie untereinander durch gegenseitige Absprachen auf. Jeder Analytiker hat seine Fachgebiete, beziehungsweise seine speziellen Autoren. Als Ergänzung zu ihrer Arbeit, der Zusammenfassung von Handlungsabläufen und Methoden aller Bücher, erhalten die Analytiker täglich eine Reihe von besonders gereinigten Berichten aus Langley. Diese Berichte enthalten kurzgefaßte Beschreibungen von tatsächlichen Ereignissen, bei denen jedoch alle Namen fortgelassen sind und die genaue Einzelheiten auf das Nötigste beschränkt sind. Dichtung und Wahrheit werden verglichen, und wenn es größere Übereinstimmungen gibt, beginnt der Analytiker mit einer weiteren Untersuchung unter Zuhilfenahme eines detaillierten, aber immer noch gereinigten Berichts. Falls die Übereinstimmung immer noch deutlich feststellbar ist, werden die Informationen und die Berichte zur Überprüfung an eine höhere Abteilung des Departments weitergeleitet. Irgendwo wird dann die Entscheidung darüber gefällt, ob der Autor nur richtig geraten hat oder ob er mehr wusste, als er sollte. Im letzteren Fall hat der Autor entschieden Pech gehabt, denn dann wird ein Bericht an die Planungsabteilung geleitet, die irgendetwas unternimmt. Die Analytiker haben auch den Auftrag, Listen nützlicher Tips für Agenten zusammenzustellen. Diese Listen werden den Ausbildern der Planungsabteilung zur Verfügung gestellt, die ständig auf der Suche nach neuen Tricks sind.” 1)
In Thomas Powers Buch über den ehemaligen CIA-Chef Richard Helms heißt es: “Der erste CIA-Chef, Allen Dulles, hat Schriftsteller dieses Gewerbes sogar gefördert und manchmal sogar mit Material versorgt (zum Beispiel Helen McInnes), weil er glaubte, das werde das Verständnis der Öffentlichkeit für seine Behörde wecken, die ja ihre Erfolge nicht selbst bekannt geben durfte. Es gab jedoch einen Spionageroman, der Helms nicht gefiel. Das war Le Carrés DER SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM, ein bitteres zynisches Buch über Gewalt, Verrat und geistige Erschöpfung…LeCarré untergrub das moralische Fundament des Nachrichtendienstes und den Glauben dieser Männer an den Wert ihrer Arbeit…”2)
Es waren auch amerikanische Spionageromanautoren wie Grady, Charles McCarry, Wilson McCarthy, Brian Garfield usw. die die Öffentlichkeit sensibilisierten und die Diskussion über die CIA, ihre Verbrechen, Methoden und mögliche Kontrolle mit in Gang brachte. In keinem anderen literarischen Genre ist die gegenseitige Befruchtung von Realität und Fiktion stärker.
Kein anderes Genre spiegelt die politische, soziale, wirtschaftliche und psychische Großwetterlage ähnlich intensiv wieder. Die Verknüpfungen von Realität und Fiktion sind fast schon Strukturelemente des Genre. Beeindruckend ist auch die große Anzahl von Autoren, die aus erster Hand Erfahrungen mit der Spionage gemacht haben und zum Teil in hohen Positionen geheimdienstliche Aktivitäten mitbestimmten: Ted Allbeury, Kenneth Benton, John Buchan, A.E.W.Mason, Compton Mackenzie, William LeQueux, Somerset Maugham, Graham Greene, Dennis Wheatley, Ian Fleming, Sidney Horler, Sir John Masterman, John LeCarré, Bernard Newman, Geoffrey Household, William Haggard u.a.
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1) aus: James Grady: Die sechs Tage des Condor. Fischer Taschenbuch Nr.1669, Frankfurt/M., 1975; Seite 11ff.
2) aus Thomas Powers: CIA. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1980; Seite 98f.
FORTSETZUNG FOLGT IM MAGAZIN EVOLVER
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MC: How do you think are you still influenced by your latin-american roots?
KENT: I consider myself very much a Latin in terms of temperament and am a classic Catholic in tastes and allowing people room to be, which is contrary to the protestant head-set that wants to force people to work and pay out. Catholic culture, at least my version, the Latin American kind, allows for people to be human, sexually, artistically. In other words, life isn’t about counting money; it’s about spending it. It’s about chasing that pretty girl or buying that painting or writing that book. If you understand that; you understand the Latins. We expect you to fuck up and be human. We are sybaritic, in the good sense of the word. Life is not about saving for tomorrow. It’s about today. I think Art just costs too much for the Protestants. Look at the churches they built! I remember that one important driver behind the Reformation was the bourgeois businessmen didn’t like all the Saint Days, when workers would leave their jobs and go party!
MC: Are you interested in southamerican literature (magic realism etc.)?
KENT: Yes and no. I think that Magic Realism was a convenient way of burying Social Realism, especially during the Cold War, which was also a Culture War. In other word, a novel like Los De Abajao (Mexican Novel about the Revolution in Mexico) is more interesting to me than Borges. Don’t get me wrong; I like Borges, but there is nothing magical about grinding poverty or the Colonial experience and what it has done to people in the Third World.
(As a child, I saw workers paid with corn!) I think that is why The Heart Of Darkness is such a great book — after reading that book, you get it. Having said all that, I do believe that Naturalism can have a wing called Magic Realism, and that it’s useful. In fact, I’ve employed a dash of it in my latest work. I’m a budget of paradoxes as someone says in The Rat Machine.
MC: A lot of writers don’t read a lot of fiction anymore? Same with you? 
KENT: Yes, because a lot of modern novels simply bore me. Especially those done in the First Person. It all seems very lazy. But what’s worse are the “crime writers” who have never even been punched in the face. You know it the moment you open their book; it’s like eating fast food.
MC: Are there special themes of non-fiction you read regularly?
KENT: Well, I had to read an enormous amount for The Rat Machine. A lot of history about the Second World War, the Eastern Front, and then histories of Sicily and Italy and the Western Intelligence services, etc. And the Modern Dope Business. I do tend to gravitate towards History for some reason. I loved it in school too.
MC: Are there some living writers you read regularly?
KENT: I check in on author friends of mine, who I came up with, and that I respect. I like to see what they’re up to: M. Connelly, K. Anderson and a few others.
AND AT LEAST…
MC: What makes you angry?
- political and personally?
KENT: Well, I hate thieves. I think, that—at its very heart— Fascism is about well organized State Theft. But I hate any kind of thieves. People work so very hard for their personal things: a bike, or a car, a cell phone, and then some asshole steals it. I hate thieves — high or low. Also, I believe lying is theft too. When politicians lie to us, they are stealing something from us we need to make Democracy, the facts.
MC: What makes you happy?
KENT: My wife, in the morning, just looking at her. She is so beautiful. There something about a beautiful woman in the morning. It just makes me happy to be alive.
MC: Anything new about TV- or movie-adaption? We surely know about Huston trying to get MUERTOS made.
KENT: Well, as soon as I get The Rat Machine put to bed—this week—I’m going to go pitch it as a Cable TV series in Hollywood. I really would like to develop it as a TV series, similar say to “Boardwalk Empire” or “The Wire”. I’m going to try to do accomplish that. But it’s very hard there to get anything done!
MC: What do you think will be l the most dangerous political development for the next years?
KENT: If the U.S. loses reserve currency status. Should that happen, the world will change more than at any time since the end of the WWII, and it could get very ugly.
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Myron Bünnagels beliebter Fragebogen wird diesmal von Kent Harrington ausgefüllt.
Name
Kent Harrington
What are you doing besides writing?
Nothing right now as I’m trying to finish a novel.
Film released in the year of your birth?
High Noon — 1952
What was your initiation in the noir-subject (film or book)?
I think the B Noir movies that played on television when I was a kid. The one that really made an impression on me was Asphalt Jungle and Angels With Dirty Faces.
What books can we find in your bookshelf?
Right now I’m reading the Seven Pillars of Wisdom by TE Lawrence. It’s a great book. And still relevant somehow.
Which noir cliché do you like the most?
The femme fetal; it’s politically incorrect now but I know that sex can get you into a lot of trouble.
Some of your favorite film noirs?
Dirty Pretty Things
Under The Volcano
Asphalt Jungle
Three Ten To Yuma (Original Version 1957)
Treasure of Sierra Madre
The Grifters
Mona Lisa
High Sierra because of Bogart’s line: “If that battery is dead … it’ll have company, see.”
And films beside noir?
Howards End
Bridge on the River Kwai
Stealing Beauty
Which fictional character (book or film) would you favor to kill face-to-face?
Lou Ford The Killer Inside me.
Internet?
Questions noir – Your life a film noir
1. Which would be your part in the movie?
The mad-dog gangster who is shot dead running and firing at the cops waiting outside the bank for him. I/he would run clutching the bag of money and be shot down in a hail of gunfire. The money would then fall from the bag and be scattered by the wind, bills hitting my dead face, my pistol held out in front of me. We’d pull back and see me from high above: just another dead gangster in the Big City.
(It’s a cliché scene but I love it.)
2. Your nickname in the movie?
“ The Kid”
3. Which author (living or dead) should write the script?
Jim Thompson
4. Famous quote in your movie? (Exmaple: Scarface = The World Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
“I used to be prettier.”
5. Shot in black and white or in color?
Color, very rich colors reds, golds. I would wear a beautiful blue suit. Impeccable.
6. Soundtrack by …
Miles Davis
7. Which femme fatale would lead you to your doom?
I like brunettes, so it would have to be Angelina Jolie. She IS the femme fetal of her generation, isn’t she?
8. Your getaway car?
A tractor trailer. There would be a great action scene of me smashing through road blocks with it.
9. Your weapons?
A Thompson sub-machinegun, and a simple lead pipe.
10. Book for your prison sentence?
War And Peace!
11. Finally: Epigraph on your tombstone?
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Durch Zufall (ich war mal wieder auf der Suche nach neuen Informationen über ein paar Lieblingsautoren) entdeckte ich im Netzmagazin Cultmag eine bisher siebenteilige Serie von Alf Mayer, die ein Portrait von Stephen Hunter als Ausgangspunkt nimmt. Die Serie ist so gut, dass ich sie meinen Lesern, unbedingt empfehlen muss (ist auch etwas für Sie, Herr Westenfelder!)
In seinem Portrait über den ebenso umstrittenen wie grandiosen Thriller-Autor Stephen Hunter integrierte Alf Mayer eine Kulturgeschichte des Scharfschützen und seiner Spuren in Literatur und Film, die zum faszinierendsten gehört, dass ich zum Thema gelesen habe. Auch wenn mir die Analyse und Darstellung von Hunters Romanen in einigen Aspekten etwas zu kurz kommen, besticht Mayer durch seine immense Bildung in Kriegsgeschichte, Film und Thriller. Seine entwicklungsgeschichtliche Darstellung der „Sniper-Kultur“ beinhaltet moralische Fragestellungen und eine daraus resultierende Mentalitätsgeschichte. Neben Hunter behandelt er eine ganze Reihe von Thriller-Autoren, die ebenfalls dieses Sujet beackert haben. Und wohl jeder Film zum Thema wird akribisch durchgekaut.
Selten ist die Auseinandersetzung mit dem Thriller und seine gesellschaftspolitischen- und medialen Hintergründe bei uns auf so hohem Niveau.
Diesen Link herunter scrollen, dann kann man die Serie chronologisch aufrufen:
http://culturmag.de/rubriken/buecher/alf-mayers-blutige-ernte-stephen-hunter-teil-vii/48372
P.S.: Da verzeihe ich Herrn Mayer sogar, dass er nicht dazu in der Lage ist, das Raffinement des Stils (Höhepunkt ist m.E. DER AFGHANE) von Frederick Forsyth zu erkennen.
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Rechtzeitig zum nächsten Bond Jubiläum 2013 – diesmal “60 Jahre CASINO ROYALE” – gibt es den nächsten Roman. Nun ist William Boyd dran, der sich mit exotischen Abenteuergeschichten und auch Agentenromanen einen gewissen Ruf erschrieben hat. Bei uns wurde er von Ulrich Wickert als “neuer Graham Greene” etikettiert. Das darf man ihm nicht vorwerfen; einer Quasselstrippe wie Wickert, der einfach nicht die Tinte halten kann, ist schwer zu entkommen. Boyd ist natürlich bekennender Bond-Fan und hat Ian Fleming bereits in seinem Roman ANY HUMAN HEART (2002) als Rekrutierer der Hauptperson für den britischen Geheimdienst auftreten lassen. Sein Lieblings-Bond ist FROM RUSSIA WITH LOVE. Der Titel steht noch nicht fest, aber die beste Nachricht überhaupt: Es wird ein klassischer Bond, der 1969 spielt. Vielleicht knüpft er an Sebastian Faulks DEVIL MAY CARE an. Boyd: “Ich sagte sofort zu. Diese Chance bekommt man nur einmal.”
Eine weise Wahl, nachdem der Amerikaner Jeffrey Deaver (siehe in diesem Blog) in CARTE BLANCHE Bond unglaubwürdig in die Gegenwart transponiert hatte und 007 zu einem politisch korrekten harmlosen Thriller-Männchen umgestaltete. Die Strafe folgte: In der ersten Woche verkaufte Deaver nur ein Drittel von Faulks Roman; weltweit bisher “nur” 160 000 Exemplare.
Die Idee der Fleming-Erben neue Bond-Romane von namenhaften Autoren schreiben zu lassen, ist interessant und spannend. Für anspruchsvolle Fans jedenfalls aufregender als wenn Hacks wie John Gardner oder Raymond Benson die Figur über viele Bücher fortschreiben.
P.S.: Der renomierte Comic Verlag CROSS CULT plant eine ungekürzte deutsche Gesamtausgabe der 14 Bond-Bücher von Fleming.
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Dieses Jahr wird für Bond-Fans voraussichtlich ein gutes. Zum 50.Jubiläum der Filmserie kommt der neue Schocker mit Daniel Craig, SKYFALL, Ende des Jahres in die Kino. Und soeben ist die deutsche Übersetzung des neuen 007-Romans erschienen. Es ist der 23.Bondroman, der nicht von Ian Fleming geschrieben wurde – die Novelizations der Filme nicht mitgerechnet. Wie jeder neue Bond-Darsteller sorgt auch jeder neue Bond-Autor für heftige Kontroversen bei den 007-Fans. Die besseren sind Fleming nahe gekommen, keiner kam ihm gleich und niemand übertraf ihn.
RÜCKBLICK AUF DIE FLEMING-NACHFOLGER:
Das die Gelddruckmaschine Bond durch den Tod von Fleming nicht gestoppt werden durfte, war klar. Weitere Bond-Romane mussten folgen, den Erfolg der Filme begleiten. Als ersten neuen Autor erwählten die Fleming-Erben keinen geringeren als den angesehenen Romancier Kingsley Amis (LUCKY JIM). Der hatte sich bereits als Bond-Afficionado bewiesen mit der vorzüglichen Analyse THE JAMES BOND DOSSIER (noch immer eines der besten Bücher über Fleming und 007).
Unter dem Pseudonym „Robert Markham“ veröffentlichte er 1968 mit COLONEL SUN ein überzeugendes Fleming-Pastiche. Danach lag das Unternehmen „neue Bond-Romane“ erstmal auf Eis. 1981 verpflichtete man den mäßigen Thriller-Autor John Gardner für weitere Bond-Abenteuer. Die ersten beiden Romane waren erfolgreich, schafften es auf die Bestsellerlisten. Dann war der Ofen aus, denn die Bond-Leser hatten keine lust, Gardners dümmliche Aktualisierungen ihrer Ikone weiter zu begleiten. Eine von Gardners dämlichsten Nummern war Bond einen Saab fahren zu lassen, eine auf Sicherheit ausgelegte Familienkutsche für den rücksichtslosen Sportwagenfahrer! Gardners insgesamt 14 Romane wiesen einen Haufen Ärgerlichkeiten auf und zeigten deutlich, dass der Autor wenig Ahnung vom Mythos (und von Stil) hatte. Zu allem Überfluss machte er Bond auch noch zum überzeugten Teetrinker! Fleming bemerkte fast in jedem Buch, wie sehr Bond dieses Getränk hasste. Fleming-Agent Janson-Smith ertinnert sich: „Gardner wollte, dass Bond zum Gustav-Mahler-Fan wird, weil Gardner Mahler-Fan war. Das habe ich abgelehnt. Zu Anfang verkauften sich seine Bücher wirklich gut, aber dann ging es bergab. Er war vielleicht zu lange dabei. Er wollte immer genauso viele Bücher schreiben wie Fleming…“ 
Peinlich wurde Gardner besonders dann, wenn er krampfhaft versuchte Flemings eigenwillig harten Szenenanreißer zu kopieren; das klingt dann eher nach Parodie (und die Bond-Parodien um Boysie Oakes, mit denen der Gute vor vielen Jahren mal ins Geschäft kam, waren schon schwer erträglich). Ein paar Stümpereien gefällig? Bitte sehr (aus SCORPIUS):
“Das Summen des Radioweckers schnitt wie das Messer eines Vandalen in den tiefen Kokon des Schlafes.”
“`Nein! Nein!Nein!`’Ja’, sagte Bond scharf und herrisch. ‘ Ja!Ja! Und Ja!’”
Gardner hatte kaum Ahnung von seinem Helden. Zwar hatte sich das im Laufe der Jahre da ein bisschen was getan, aber wirklich begriffen hatte Gardnerr weder die Figur noch deren Schöpfer. So lässt er den hundertprozentigen Briten etwa französische Anzüge tragen oder macht den von Kingsley Amis als Kulturbanausen richtig erkannten Bond plötzlich zum Jazz-Fan. Statt cooler Arroganz ist dem Gardner-Bond debiles Menscheln eigen. Und M, von Fleming als Inbegriff des effektiven emotionslosen Apparatschik charakterisiert, lässt er kaum motivierte Wutausbrüche hinlegen. Und “sein” Bond behauptet gar – und da bleibt wohl jedem Fleming-Kenner die Spucke weg -:”Mein Vorgesetzter ist von einem hübschen Gesicht und einer noch hübscheren Figur leicht herumzukriegen.“ John Gardner gehörte offensichtlich zu einem Komplott von SPECTRE um Bond endgültig auszuschalten. Immerhin verkauften sich seine Romane bei absteigender Tendenz fast fünf Millionen mal.

Etwas besser waren danach die Bond-Romane von Raymond Benson (von denen nur wenige ins Deutsche übersetzt wurden). Aber auch sie hatten nicht den Fleming-Touch (den Kingsley Amis heraufbeschwören konnte). Anders als in den Filmen funktionierte es nicht überzeugend, Bond in die Gegenwart zu transformieren und ihn peinlich dem Zeitgeist anzupassen. „Benson habe ich aufgrund seines Sachbuchs über Flemings Romane engagiert. Seine ersten Bücher hatten gute Strukturen und viele Textfehler, aber er lernte schnell. Flemings Erben mochten Bensons Bücher nicht. Auch die Verkäufe gingen rapide zurück.“ Sein letzter, THE MAN WITH THE RED TATTOO (in Deutschland nicht veröffentlicht) verkaufte in England lediglich 5000 Exemplare und in den Staaten 13.000. Seine sechs Romane hatten weltweit die schlappe Auflage von 600 000 Exemplaren. Flemings Bücher haben inzwischen lange die 100 Millionen überschritten.
Sebastian Faulks, der vorletzte Bond-Autor, hatte das wohl begriffen und schrieb ein period piece. DER TOD IST NUR DER ANFANG (Heyne) spielt 1967 und mobilisiert den Fleming Touch ganz ordentlich. Außerdem bringt der Roman spärlich aber witziges Zeitkolorit mit ein. Etwa Anspielungen auf die damalige Verhaftung der Rolling Stones wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.. Da regt sich dann M darüber auf, dass „seine“ TIMES für Gerechtigkeit gegenüber diesen langhaarigen Pop-Schurken plädiert. Genial fand ich, dass Faulks direkt an Flemings letzten Roman, THE MAN WITH THE GOLDEN GUN, anschließt und im Iran spielt. Trotzdem erreicht auch er den Meister nicht, der die Leser Adrenalin auf hohem Niveau ausstießen ließ (man lese nur die über mehrere Seiten laufende Szene mit dem giftigen Tausendfüssler in DR.NO! Im Film wurde daraus die läppische Vogelspinnen-Szene). Ian Flemings literarisches Genie ist in Deutschland bis heute weder entdeckt noch gewürdigt. Was nicht wirklich verwundert. Für das debile Feuilleton hätte ihn wahrscheinlich Diogenes veröffentlichen müssen. Denn ohne Diogenes wüssten diese Parakritiker heute noch nicht wer Chandler, Highsmith oder Ambler sind (obwohl diese lange zuvor in anderen Verlagen veröffentlicht wurden). Anthony Burgess zählte GOLDFINGER unter die 99 besten Romane des 20.Jahrhunderts. Aber wer ist schon Burgess? Ein Name, den weder Radisch, Dotn, Mangold, oder wie diese Bürokraten der Langeweile alle heißen, je gehört haben.
Das Großmaul Faulks übernahm sich mit einigen Äußerungen, die nicht alle glaubwürdig klangen. Sein Roman entspräche stilistisch zu 80 Prozent Ian Fleming. Er habe es weitgehend nach dessen Methode geschrieben: “In seinem Haus in Jamaika schrieb Fleming am Morgen 1000 Worte, dann ging er Schnorcheln, nahm einen Cocktail, Lunch auf der Terrasse, ging wieder Tauchen, schrieb weitere 1000 Worte am späten Nachmittag, dann mehr Martinis und bezaubernde Frauen. In meinem Haus in London habe ich diese Routine genau nachgemacht – allerdings ohne Cocktails, Lunch und Tauchen.” Sechs Wochen habe die Arbeit an DEVIL MAY CARE gedauert. Gelungen ist ihm immerhin der überzeugendste Bond seit Amis. Und es war mit 44 000 verkauften Exemplaren in der ersten Wochedas am schnellsten verkaufte Hardcover in der Geschichte von Penguin Books!
Janson-Smith hatte es nicht leicht in den letzten Jahren Flemings Werk international am Leben zu erhalten: „Ich denke nicht, dass Heyne in Deutschland der richtige Verlag für diese Bücher ist. Sie verkaufen sich seit Jahren schlecht. Auch in Frankreich ist das so, der Verleger Gallimard hat sie sogar aus dem Programm genommen. Man darf aber nicht vergessen, dass Bond immer noch ein sehr guter und sehr bekannter Name ist. Man sollte ihn nicht unterschätzen. Es ist erstaunlich, was Fleming erschaffen hat. Die Filme werden sowieso ewig weitergehen. Ich hoffe nur, dass die Geschichten besser werden. Ich habe den ersten deutschen Bond-Vertrag mit Ullstein auf der Frankfurter Buchmesse gemacht, in “Jimmys Bar” im Hotel “Hessischer Hof”. Danach gingen die Rechte an den Scherz-Verlag, weil Ullstein mit den Verkäufen nicht zufrieden war. Ich weiß noch, dass ein Herr Hausen nach James Bond gefragt hat, der die Bücher ins Armenische übersetzen lassen wollte, weil dort die Kinder danach gefragt hatten. Er hatte nicht viel Geld und sagte, dass die Sprache aussterbe und bot 50 Mark für jeweils drei Bücher. Ian war erfreut. Wir machten den Deal, und so erschienen die Bücher auf Armenisch. Ian sprach ja auch deutsch. Ich habe viele Verträge in Frankfurt geschlossen.“
CARTE BLANCHE
Tja, und nun also Jeffrey Deaver. Er ist seit Jahren einer der erfolgreichsten Thriller-Autoren der Welt und wurde anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Ian Fleming Steel Dagger Award gefragt, ob er einen Bond schreiben wolle. Deaver ist seit dem 8. Lebensjahr Bond-Fan und sagte zu. Deaver hat Millionen Thriller verkauft, eine beliebte Serienfigur(Lincoln Rhymes) erschaffen und eine Menge Fans, auch im deutschsprachigen Raum. Ich gehöre nicht dazu. Mir ist er zu geschwätzig. Wahrscheinlich bekam er “carte blanche” von den Fleming Erben, für mich wurde es eher zur “Lizenz zur Langeweile”.
Nach dem Experiment mit dem Literaten Faulks und der kurzen Rückkehr in die 1960er, durfte Deaver Bond nicht nur in die Gegenwart holen, sondern ihn komplett updaten. Ziel war es, einen zeitgenössischen Bond für das 21.Jahrhundert zu etablieren, auf dem weitere Romane aufbauen. Bei der Kinoversion hat das ja geklappt, in dem Daniel Craig den Superagenten etwas verprollte und damit dem jüngeren Publikum zugänglicher machte. Im Roman, der sich zwangsläufig an Alphabeten wendet, muss man andere Wege gehen.
Zum Plot will ich nicht zuviel erzählen. Bond hat fünf Tage um einen Anschlag mit dem schönen Code-Wort „Gehenna“ zu verhindern.. Also rast er von Serbien über England und Dubai bis Südafrika herum, trifft nette und böse Frauen, wird unterstützt von seinen alten Mitkämpfern Mathis und Leiter (der natürlich nicht seine Hand von einem Hai in LIVE AND LET DIE abgebissen bekam un den Bond nun während seiner Militärzeit kennen gelernt hat) und macht dabei – frei nach LITTLE BRITAIN – so Bondsachen. Der Schurke heißt Severan Hydt, hat nekrophile Neigungen, und steht ganz in der Tradition. Um Druck zu erzeugen, lässt Deaver den Roman in sechs Tagen spielen.
Deaver bediente sich natürlich bei den populären Fleming-Topoi, die Kingsley Amis im BOND DOSSIER aufgeschlüsselt hatte. Alles da, was den Bond-Fan erfreut: Ein ungewöhnlicher Schurke, die schönen Frauen, exotische (gut recherchierte) Schauplätze, gepflegte Gastronomie, technische Gadgets, Markenartikel, Autos und die Walther-Pistole. Aber Bond ist nun Afghanistan-Veteran, vermutet, dass seine Eltern von den Russen ermordet wurden. Zu allem Überfluss interessiert er sich auch noch für Formel 1. Ich hatte immer Probleme mit den Revampingversuchen des literarischen Bond (anders als mit den filmischen). Ähnlich wie bei Sherlock Holmes. Wo dies allerdings in der TV-Serie SHERLOCK überzeugend gelungen ist. Für mich sind sie Charaktere, die so intensiv ihre Epoche widerspiegeln, das immer ein schales Gefühl zurück bleibt wenn man sie zu modernisieren versucht. Am besten gelang das m.E. bei Bond noch Raymond Benson (und natürlich in den grandiosen Comic Strips von Jim Lawrence und Horak).
Deavers Bond ist mir zu steril. Flemings Geschöpf war düsterer und stand ganz in der Tradition des byronschen Helden. Fleming konnte es sich erlauben, ihn auch unsympathisch zu zeigen. Deaver geht dieses Risiko nie ein. Würde man den Namen ändern, käme man nur selten auf den Gedanken, dass es sich um Bond handelt. Es fühlt sich falsch an.
Leider vergeigt Deaver auch gleich den Anfang des Romans, in dem Bond gegen einen Profi-Terroristen das Attentat auf einen Giftzug in Serbien verhindert. Es gelingt ihm nicht – und das ist bei Action-Szenen nun mal wichtig – ein Gefühl für den Raum zu vermitteln. Dadurch baut sich beim lesen der Suspense nur mangelhaft auf. Außerdem stimmt das Timing nicht .Im Film würde man sagen: der schlechte Schnitt hat die Szene ruiniert. Aber Raum- und Zeitgefühl zu vermitteln muss man um Suspense bei Actionszenen zu erzeugen, das ist im Buch nicht anders als im Film. Sense of location und Timing sind bei Fleming so perfekt, dass sie einem auch heute noch den Schweiß auf die Stirn treiben.
Deavers technische Recherchen sind beeindruckend: Er arbeitet überzeugend die aktuellen Technologien ein und lässt Bond sie nutzen. Ganz auf der Höhe ist CARTE BLANCHE ein zeitgemäßer Thriller. Wichtigstes Gadget ist ein „IQ-Phone“, voll gestopft mit Aps für die man morden würde.
Manchmal trifft Deaver den Ton ganz gut, aber dann haut er immer wieder so peinlich daneben, dass es der Sau graust. Etwa in Bond zugeschriebenen Äußerungen wie „Ich fühle mich fast wie Lehman Brothers“. Einmal verzichtet Bond sogar darauf einen Gegner zu töten und schießt ihn nur in den Arm. Häh? Diese Milde hat er wohl aus Afghanistan mitgebracht. Den Chauvinismus, den Kritiker Fleming zu Recht vorgeworfen haben, hat Deaver „seinem“ Bond ausgetrieben. Aber genau dieser Chauvinismus hat die Figur so überzeugend gemacht. Bond als politisch korrekter, für Gleichheit eintretender, nicht-sexistischer Nichtraucher funktioniert genauso wenig wie Philip Marlowe als glücklich verheirateter Millionärinengatte.
Dieser manchmal an Rassismus grenzender Chauvinismus spiegelte vortrefflich die Arroganz des untergehenden Empires und ist deswegen nicht nur mentalgeschichtlich hoch amüsant. Er schuf einen eigenen Kosmos, einen Themenpark, den man Testosteronland nennen könnte. Flemings Bond ist nicht der unbesiegbare Snob der meisten Filme. Er ist ein Mann mit einer Sozialisation und tiefen inneren und äußeren Wunden. Er hat manchmal Angst und Fleming beschreibt seine Furcht minutiös. Durch seine Kunst, einen dreidimensionalen Charakter zu schaffen wurde Bond erst zu dem Mythos, den der Film zum eindimensionalen Klischee herunter kürzte.
Die literarische Vorlage ist bedeutend vielschichtiger als die dem jeweiligen Zeitgeschmack angepassten Film-Bonds.
In DR .NO hat er sogar Angst um seinen Job, weil er am Ende von FROM RUSSIA WITH LOVE einen Kampf gegen eine ältere Frau verloren hat. In THUNDERBALL ist er körperlich so schlecht zurecht, dass M ihn zur Kur in einer Gesundheitsfarm schickt. Und der oft skrupellose Frauenheld verliebt sich manchmal so sehr , dass er dafür seinen Job gefährdet oder hinschmeissen will (Tracy, Domino, Vesper, Kissy).
Er ist Held und Anti-Held in einer Person (Fleming schrieb zeitgleich mit Autoren wie John Osborne und Kingsley Amis, die die „Angry young men“ in die britische Literatur brachten). Welchen Sinn macht es, dieser Figur alles zu nehmen, was sie charakterisiert? Weil man lediglich Bond lediglich als Markenmanagement verwendet. Die zweifelhafte Gleichung der Fleming-Erben, die den Rachen nicht voll genug kriegen lautet: Bestsellerautor Deaver+Brandname 007+update a la Bond-Filme=Welterfolg.
Deavers Bond ist blaß, ein Papp-Charakter dessen Emotionen aufgesetzt wirken. Ein Typ, der einen nicht wirklich interessiert – wie die Knatterchargen in Deavers überschätzten Thrillern.
Ein weiteres Manko: Das Buch ist zu lang – bisher der längste Bond-Roman überhaupt. Deaver labert zuviel herum, lässt Bond bei Verfolgungsjagden geradezu schwachsinnig über Kugelausstoß oder Entfernungen meditieren. Der britische Kritiker Ivan Radford bringt es auf den Punkt: „Wie ein Mathematiklehrer mit einer Kanone“.
Dem kann man ausweichen, indem man zur gekürzten Hörfassung greift. Das Hörbuch ist bei Random House Audio erschienen und 403 Minuten lang. Das richtige Bond-Feeling garantiert Sprecher Dietmar Wunder, der Daniel Craig synchronisiert. Und da ich ja für die billigsten Kalauer zu haben bin: Herr Wunder erzählt den Roman ganz wunderbar.
Was ist nun nach all dem Rumgemaule das Fazit? Sollte man den Roman lesen oder nicht? Ja, verdammt. Schließlich haben wir Bond-Fans auch MOONRAKER oder QUANTUM OF SOLACE angesehen. Und – „M“ sei meiner gnädig – John Gardner gelesen.

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Nur noch wenige Wochen: Dann erscheint der neue Bond-Roman bei Blanvalet. Hier erfahren Sie, ob sich das Warten gelohnt hat und welche Aspekte Jeffrey Deaver dem Pop-Mythos entnimmt und ob er neue hinzufügen kann. Er muss sich letztlich an einem der größten Thriller-Autoren aller Zeiten messen lassen.
Mit dem neuen Roman und dem kommenden Film könnte es ein gutes Jahr für Bond-Fans werden.
![006332240-danger-man-erste-staffel-folgen-21-39[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2013/01/006332240-danger-man-erste-staffel-folgen-21-391.jpg?w=420)
![1031715-johndrake_1_super[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2013/01/1031715-johndrake_1_super1.jpg?w=223&h=300)
![802515[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2013/01/8025151.jpg?w=420)









