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1918 flüchtete er vor der Revolution nach Sibirien und schloss sich der Verwaltung der Koltschak-Regierung in Omsk an. Er war Mitglied des Finanz- und Ackerbauministeriums. Ein ziemlich korrupter Haufen, wie die gesamte Regierung und Verwaltung des weißen Admiral Koltschaks. Nach Zusammenbruch des konterrevolutionären Koltschak-Regimes mußte er wieder fliehen. Die Geschichte dieser Flucht ist in seinem Bestseller TIERE, MENSCHEN, GÖTTER Buch eindrucksvoll berichtet. 
Lewis Stanton Pahlen erzählte, wie das Buch zustande kam:
“Ich bin im Herbst 1921 auf ein und demselben Dampfer mit Dr.Ossendowski, also bald nach der erfolgreichen Flucht des letzteren vor den Bolschewisten, von Asien nach den Vereinigten Staaten gefahren. Wir reisten dann zusammen nach New York und von dort nach Washington, wohin Dr.Ossendowski von der polnischen Regierung als Ratgeber der polnischen Gesandschaft für fernöstliche Angelegenheiten für die Dauer der Washingtoner Konferenz berufen worden war und wo ich Aushilfsdienste in mandschurischen und mongolischen Fragen im amerikanischen Statedepartment leisten sollte. Wir wohnten in Washington in dem selben Hotel und nahmen dort oft unsere Mahlzeiten gemeinsam ein. Während der ersten sechs bis sieben Wochen unserer Bekanntschaft hatte mir Dr.Ossendowski niemals etwas von seinen sibirischen und mongolischen Abenteuern erzählt. Dieser Mann prahlt eben nicht mit seinen Erlebnissen. Eines Abends aber brachte er mir einen wissenschaftlichen Artikel über die Flora und Fauna in Arianhai in der nördlichen Mongolei und bat mich, ihm zu helfen, die Arbeit aus dem Russischen ins Englische zu übertragen. Er erzählte mir, er müsse Geld verdienen, um seine Familie aus Rußland herauszubekommen, denn die Bolschewisten hätten ihm alles weggenommen. Als ich mit ihm den Artikel durchlas, gab ich ihm zu verstehen, daß wir durch eine derartige gelehrte Abhandlung kaum die Schreibgebühren verdienen könnten, geschweige denn die Hotelausgaben, die wir während unserer Arbeit machen würden. Gereizt rief der Doktor aus: `Wie oft muß ein Mensch sein Leben aufs Spiel setzen, bevor er genügend Material erlangen kann, um von dem lieben amerikanischen Publikum Geld zu verdienen?’” Es ist interessant, wie zynisch Pahlen den Markt einschätzt. Das sollte allen zu denken geben, die meinen, früher hätte es keine so geschmacklosen PR-Veranstaltungen oder kalkulierte Bestseller gegeben. Pahlen weiter: “`Ihre Aquarelle sonderbarer Pflanzen und Ihre Beschreibungen der Tiere der Mongolei zeigen nicht gerade, daß Sie große Gefahren zu bestehen hatten’, sagte ich darauf scherzend. Nun begann Ossendowski zum erstenmal von den Erlebnissen seiner Flucht zu sprechen. Durch immer neue Fragen reizte ich ihn, so daß er die halbe Nacht hindurch erzählte. Als der Morgen graute, erklärte ich ihm: `Sie brauchen bloß das aufzuschreiben, was Sie erlebt haben – damit werden Sie Ihre Familie retten.’ Die Antwort, die er gab, war abermals für den Mann charakteristisch. `Nein, ich will nicht aus meinen Erlebnissen und Leiden Kapital schlagen.’ Erst nach langem Drängen willigte er ein, sich die Sache zu überlegen. Am nächsten Tag während des Mittagessens entschloß er sich. Das war die Entstehungsstunde des Buches. Wir arbeiteten in der folgenden Zeit mit großer Eile, hauptsächlich in der Nacht. Denn tagsüber war er in seiner Gesandtschaft beschäftigt, ich hatte im Statedepartment zu tun. Die Zeit drängte, denn Dr.Ossendowski mußte schon in wenigen Wochen nach Europa zurückkehren. Ossendowski schöpfte im allgemeinen aus dem Gedächtnis. Er hatte vor sich zwei Notizbücher, in die er lediglich Eintragungen über die Pflanzen- und Tierwelt der Mongolei und das Hauptsächlichste seiner Unterredungen mit Baron Ungern von Sternberg gemacht hatte.”


Durch Ossendowski inspirierter Comic.
Pahlen verfasste diesen Bericht als Erwiderung auf die Angriffe Sven Hedins gegen Ossendowski und veröffentlichte ihn am 11.Oktober 1924 im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels.
“Wenn dabei, etwa im Abschnitte Tibet, einige geographischen Fehler in der Fluchtbeschreibung Ossendowskis unterlaufen sind, so ist das einzig und allein der Entstehungsart des Buches zuzuschreiben. Zudem: Dr.Ossendowski hatte nicht wie Dr.Sven Hedin einen großen wissenschaftlichen Apparat zur Verfügung, er war nichts als ein von feinen Feinden, den Bolschwisten, durch die entlegenen Gebiete Innerasiens gehetztes Wild.”
Da fragt man sich natürlich wieder, warum wohl die Bolschewisten soviel Wert auf Ossendowskis Gefangenschaft oder Tod gelegt haben sollen? Andererseits könnten seine Verwicklungen in Intrigen dafür sprechen, daß die Kommunisten mehr Gründe hatten Ossendowski gefangennehmen zu wollen, als uns der Professor wissen ließ. Zahlreiche Auseinandersetzungen in Frankreich und Deutschland machten Ossendowski zwar das Leben schwer, halfen aber auch dem Absatz des Buches. Besionders Sven Hedin arbeitete minutiös falsche geographische Angabe und ethnische Wertungen heraus. Während Ossendowskis Abenteuer in der Mongolei (und sein Portrait Ungern-Sternbergs) nicht angezweifelt wurde, waren seine Tibet-Darstellungen höchst umstritten. Ossendowski reagierte wenig überzeugend auf diese Angriffe. Er verstieg sich sogar zu der Äußerung, daß Hedin und seine Helfer von Moskau bezahlt würden, da dem Roten Regime an seinen Berichten nicht gelegen sein konnte. Sven Hedin weist in dem Bändchen OSSENDOWSKI UND DIE WAHRHEIT ziemlich genau nach, daß viele geographische Schilderungen und Erlebnisse nicht stimmen.
Und daß der Teil MYSTERIUM DER MYSTERIEN “von Anfang bis zu Ende gestohlen ist, nur mit dem Unterschied, daß der Schauplatz von Indien nach der Mongolei verlegt worden ist.” Gestohle oder Abgeschrieben aus dem Buch MISSION DE L’INDE EN EUROPE EN ASIE, das Buch, das den Sambala-Mythos in Europa einführte. Der Franzose Alexandre Saint Yves d’Alveydre war der erste Europäer der in seinem Buch MISSION DE L’INDE EN EUROPE die Legende von Agartha verbreitete.
Obwohl man es besser wissen müsste, halten sich die Gerüchte von einem geheimen und mysteriösen Land im inneren Asiens, das nur Auserwählten zugänglich ist. Die moderne Tibetschwärmerei hat damit zu tun. Gerüchte über dieses unzugängliche Reich verbreiteten sich seit der Mitte des letzten Jahrhunderts in Europa (wahrscheinlich vermischt mit den Berichten über das schwer zugängliche Tibet). Forscher und Abenteurer stiessen immer wieder auf Sagen oder von ihnen falsch interpretierte Legenden. Diese Reiche haben so klangvolle Namen wie Shambbala, Kalapa oder Agartha. Sie sollen unter der Erde liegen und ihre Eingänge irgendwo versteckt im Himalya.
Nach dem gigantischen Erfolg von von TIERE, MENSCHEN, GÖTTER ließ Ossendowski weitere Reiseberichte folgen. Das vieldiskutierte und vielgekaufte Buch fand einen ganz besonders zweifelhaften Fan: Heinrich Himmler. Himmler hatte bekanntlich eine besondere Ader für alles Okkulte. Gut vorstellbar, dass Himmlers Interesse an Tibet, das mehrere SS-Expeditionen zur Folge hatte, durch die Lektüre von Ossendowskis Buch ausgelöst wurde. Auch für die Mongolen begeisterte sich der Reichsführer-SS, und er empfahl immer wieder enthusiastisch Michael Prawdins Tschingis-Chan-Bücher.
Ossendowski ging zurück nach Polen, lebte bei Warschau und war Lehrer an der Militärakademie des Generalstabs und der Handelsschule. Seine Ehefrau Zofia Iwanowska galt als Violinenvirtuosin. Immer wieder unternahm er Reisen – etwa nach Afrika – und berichtete von ihnen in Bestsellern. Aber vor allem seine Sibirienbücher und eine äußerst zweifelhafte Lenin-Biographie festigten seine Popularität.
Er starb am 3. Januar 1945 in Zolwin, in der Nähe von Warschau. Es gibt Gerüchte, die besagen, er wurde ermordet. Wenn es der KGB gewesen sein sollte – was nahe liegend ist -, hätte ihn zu guter letzt Moskaus langer Arm doch noch erreicht.
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Ferdinand Ossendowski wurde am 27.Mai 1876 in Witebsk, Polen geboren. Sein Vater Martin war Arzt, seine Mutter Wiktoria eine geborene Bortkiewicz. Angeblich waren die Ossendowskis eine alte adlige Familie, ursprünglich aus Ossendowice. Nachdem Ferdinand das Gymnasium absolviert hatte, ging er an die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Universität von Petersburg. Er erwarb sich während des Studiums wertvolle Kenntnisse über die Goldgruben und Erzminen Sibiriens. 1899 reiste er erstmals nach Sibirien, als Assistent von Professor Stanislaw Zaleski, der den Regierungsauftrag hatte, die Salz- und Mineralseen der Steppen von Chulyma-Minusinsk zu erforschen. Diese Reise schilderte er u.a. in seinem Buch IN DEN DSCHUNGELN DER WÄLDER UND MENSCHEN (1924). Anschließend studierte er in Paris weiter. Von 1901 bis 1903 war er Sekretär der Wissenschaftlichen Gesellschaft zur Erforschung der Armur Region und gleichzeitig an der Universität von Tomsk Professor für Chemie und Physik. Im Russisch-Japanischen Krieg diente er unter General Kuropatkin als Marineangehöriger und Dezernent für die Brennstoffversorgung der russischen Armee.
Bis 1905 gehörte er auch zum Beraterstab des Grafen Witte; er war Beirat und Assistent für industrielle Angelegenheiten. Als Professor für organische Chemie unterrichteter er am Polytechnikum von St.Petersburg, bevor er 1905 in die russische Revolution gerissen wurde. Sein Freund Lewis Palen dazu: “Ein Kapitel seiner Lebensgeschichte, das… mit seinem rasch reagierenden Temperament durchaus in Einklang steht, ist seine Präsidentschaft in der Revolutionsregierung des fernen Ostens zu Charbin in den letzten Tagen des Jahres 1905. Als der Zar sein am 17.Oktober 1905 dem Volke gegebenes Versprechen verleugnete, fühlte sich auch Ossendowski, wie so viele russische Untertanen, aufs bitterste enttäuscht. So kam es, daß er sich bereit erklärte, die Leitung jener Bewegung im Osten zu übernehmen, die die Trennung Ostsibiriens von Rußland anstrebte. Nur 60 Tage lang wirkte er an der Spitze der Organisation für die Verwirklichung jenes Planes, unterstützt von Subkomitees in Wladiwostok, Blagowestschensk und Tschita. Als die Revolution von 1905 zusammenbrach, riß sie in ihrem Fall natürlich auch diesen östlichen Vorposten mit sich. Dr.Ossendowski mit seinen Helfern wurde gefangen genommen und vor Gericht gestellt. In der Nacht vom 15. auf den 16.Januar 1906 wurden er und die Ingenieure S.Nowakowski, W.Lepeschinski, Maksimoff, Wlasenko und K.Dreyer, der Jurist A.Koslowski und noch siebenunddreißig andere verhaftet. Obwohl er gewarnt worden und für sein Entkommen Vorsorge getroffen war, zog Ossendowski es vor, das Schicksal seiner Genossen zu teilen, indem er sich dem Gerichte stellte. Dieses verurteilte ihn zum Tode, doch wurde auf Fürsprache des Grafen Witte die Todesstrafe in zweijährige Gefängnishaft umgewandelt.
Nach seiner Verhaftung und Einkerkerung am 16.Januar war Ossendowski abwechselnd in den russischen Gefängnissen zu Charbin, Chabarowsk, Nikolajewsk und Wladiwostock, schließlich in der Peter- und Paulsfestung zu Petersburg interniert. Dadurch, daß er einen Teil seiner Strafzeit in den Gefängnissen des Ostens abdiente, verkürzte er jene zwei Jahre um ungefähr fünf Monate, so daß er am 27.September 1907 aus der Festung an der Newa entlassen werden konnte.” Sein Verleger und Freund Palen berücksichtigt natürlich nicht die Gerüchte, dass Ossendowski vielleicht ein Agent des russischen Geheimdienstes, der berüchtigten Ochrana, gewesen war, der besonders revolutionäre Elemente auszuspionieren hatte. Seine durchgehenden politischen Überzeugungen, die Umwandlung von Todesstrafe zu einer milden Haftstrafe lassen zumindest aus kultureller und historischer Distanz Verdacht aufkommen. Auch Ossendowskis spätere Aktivitäten liefern für seine Nähe zur Geheimpolizei einige Indizien. Anders ist es kaum zu erklären, dass Ossendowski sich so intensiv von den Roten verfolgt fühlte. Nach seiner Freilassung lebte er bis 1917 vor allem in St.Petersburg, wo er seiner Lehr-und Forschungstätigkeit nachging und zahlreiche Artikel und wissenschaftliche Untersuchungen veröffentlichte. Unter dem Pseudonym Mzura schrieb er 1914 für eine Petersburger Zeitung eine Reihe von Artikeln, in denen er Adolf Dattan, Direktor der Firma Kunst & Albert in Wladiwostok, als deutschen Geheimagenten diskriminierte. Dattan wurde verhaftet und später nach Tomsk abgeschoben. Seine Unschuld stellte sich schließlich heraus, und Viktor Panow, Redakteur einer Zeitung in Wladiwostok, beschuldigte Ossendowski der bewußten Verleumdung.
Bei Ausbruch des Weltkriegs war er “vortragender Rat im Marineministerium”, und während des Krieges schickte man ihn auf eine Forschungsreise in die Mongolei, bei der er die ersten Kenntnisse der Landessprache erwarb.

Zusammen mit einem Partner war Ossendowski maßgeblich an der Sisson-Affäre, an den sogenannten Sisson-Papers beteiligt. Edgar Sisson war ein Propagandaexperte der Hearst-Presse und im Sonderauftrag an der amerikanischen Botschaft tätig. Regelmäßig berichtete er in vertraulichen Papieren über die Zustände in Rußland dem amerikanischen Außenministerium. In den an Präsident Woodrow Wilson gerichteten Berichten hieß es, dass der deutsche Generalstab die russische Revolution mitgeplant habe und die Deutsche Bank deren Finanzierung betriebe. Sisson schmuggelte diese “Beweise” im März 1918 über den Finnischen Meerbusen in den Westen. In ihrem Buch RUSSISCH ROULETTE (Das Neue Berlin, 1998) analysierten die Autoren Gerhard Schieser und Jochen Trauptmann die Affäre: “Ossendowski hieß der polnisch-russische Kujau, der zusammen mit einem russischen Partner eine in den Details höchst unzuverlässige, im Grundsatz aber richtige Nachricht aufblies und häppchenweise für viel Geld an den Diplomaten Sisson verkaufte.” Eine Episode, die den umstrittenen Professor zumindest als begabten Fälscher auswies.
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Ferdinand Ossendowski war eine mysteriöse Figur. Nicht unbedingt sympathisch, wie schon Sven Hedin kritisierte, der besonders die brutale Art monierte, mit der Ossendowski Tiere behandelte. Er hatte seine Finger in einigen schmutzigen Affären, politischen Intrigen und geheimdienstlichen Operationen. Bei näherer Beschäftigung stößt man auch immer wieder auf den Verdacht oder das Gerücht, dass er ermordet wurde. In den 20er Jahren gehörte er zu den erfolgreichsten Autoren der Zeit. Mit dem Buch TIERE, MENSCHEN, GÖTTER (Strange Vlg.)hatte er einen Weltbestseller, und bis heute gilt es als Klassiker der Okkultismus-Literatur.
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In bestimmten Kreisen ist es zu einem Mythos geworden. Seine Fluchtreise und seine Beschreibung lamaistischer Mysterien schlagen noch heute hartgesottene Reporter und Old Asiahands in Bann. Ein so renommierter Journalist und Reiseschriftsteller wie Terziano Terzani widmete ihm gar ein ganzes Kapitel in seinem Asienbuch FLIEGEN OHNE FLÜGEL; nämlich über seinen Besuch in Urga, bzw.Ulan Bator. Trotz aller seit den 20er Jahren zu Recht erklungenen Kritik an Ossendowski ist Terzani ihm geradezu jüngerhaft zugetan:
“Als ich mit Ossendowskis Buch unterm Arm, das ich soeben wieder und wieder gelesen hatte, in Ulan Bator aus dem Zug stieg, hatte ich das Gefühl, mit einem Gespenst auf sehr vertrautem Fuß zu stehen: Das Buch war er selbst, Ossendowski. Ich blieb eine ganze Woche in Ulan Bator, und während dieser Zeit trennten wir uns nicht einen Augenblick. Er beschrieb die Orte von einst, die wir dann gemeinsam
aufsuchten. Er erzählte von bestimmten Riten, und gemeinsam sahen wir uns nach jemanden um, der sie noch praktizierte.” Richtig rührend wird es, nachdem Terzani unter einigen Mühen endlich die alte Tempel-und Klosteranlage Gandan gefunden hat: “Einer plötzlichen Regung folgend, legte ich Ossendowski auf den Boden, setzte mich mit überkreuzten Beinen vor den Thron und wandte mich an ihn: `Ich habe mein Versprechen gehalten, wir sind da.’Kein Hauch war zu spüren, doch dann strich ein leichter Luftzug durch die bunten Seidenbänder, die seitlich von einem Tanka herabhingen, und sie ließen eine andere Zeit zum Leben erwachen. Ich spürte die Anwesenheit Hutuktus auf dem Thron, die Anwesenheit Ungerns neben Ossendowski und anderer hinter ihnen… Gern hätte ich, und sei es für wenige Augenblicke, in dieser anderen Zeit gelebt, der ich mich häufig weitaus enger verbunden fühlte als der meinigen. Aber ich dachte an den Wärter, der bald kommen und nachsehen würde, was ich tat… und die Vision verschwand. Nur Ossendowski blieb bei mir, der mich bis hierher begleitet hatte und nun wieder lebendig geworden war. Indem ich dieses Buch wiederentdeckt hatte, hatte ich seine Existenz verlängert… Unleugbar war, daß ich durch meine Neugier dieses Buch aus seinem Todesschlaf erweckt, daß ich es lebendig gemacht hatte, daß es nun etwas anderes geworden war als einfach nur ein Gegenstand, ein Buch unter vielen. Aber nahmen denn die malaiischen kris nicht auf dieselbe Weise eine Seele in Besitz?”
Zweiffellos gibt es nicht allzu viele Bücher, die Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung eine derartige Magie ausstrahlen können. Wenige Bücher – von den Klassikern abgesehen – berühren noch die Menschen nächster Generationen. Das sollte man bei all den berechtigten Einwänden und Vorwürfen gegen Ossendowski bedenken.
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Seinen Leuten verkündete er: „Schneidet allen Bolschewisten die Kehle durch, oder sie werden eure durchschneiden.“ Das tat er in den folgenden Jahren mit großer Hingabe. Die Einwohner von Chaborowsk lebten während seiner eineinhalbjährigen Terrorherrschaft in ständiger Todesangst. „Sein weißgestrichener Panzerzug, der zuweilen bis nach Wladiwostok hinunter Besuche machte, war für die Bevölkerung ein Bote des Schreckens.“ (Essen, S.159)
Die Ussuri-Front brach am 24.August 1918 zu Gunsten der Konterrevolution zusammen. Tschechen und Japaner drangen von Spassk aus nördlich vor, während Kalmykows Kavallerie die östliche Flanke deckte. Diese Offensive fegte die Sowjetherrschaft am Amur hinweg.
Am 5.September eroberte er mit den Japanern und den Tschechen Chaborowsk. Die Stadt war aus zweierlei Gründen strategisch wichtig: Als Knotenpunkt der Transsibirischen Eisenbahn und mit dem Amur als Grenze zur Manchurai, also zu China.

Voller Freude ließen die Popen sämtliche Kirchenglocken der Stadt läuten. Zum Klang des Kirchenspiels begann Kalmykow umgehend, die Bolschewiken nieder zu metzeln. Die meisten waren jedoch rechtzeitig geflohen.
Nicht retten konnte sich Alexandra Kim, die erste Kommunistin Koreas.
Sie hatte Chaborowsk an Bord der „Baron Korf“ verlassen, Das Schiff wurde stromaufwärts von Kosaken abgefangen und Alexandra wurde an Kalmykow ausgeliefert und am 16.September hingerichtet.
Dass dieser Schlächter auch den eigenen Leuten unheimlich war und mit seiner unberechenbaren Grausamkeit ängstigte, zeigen die vielen Desertationen in seiner Truppe. Beliebt war er aber sicherlich bei seinem treuesten Gefolgsmann, einem Tschechen namens Julinek. Der hasste alle Deutschen, Ungaren und natürlich die Kommunisten. Er war für Kalmykow ein wertvoller Mitarbeiter, da er sich darauf spezialisiert hatte ausländische Hilfsorganisationen und das Rote Kreuz rücksichtslos auszurauben und den Großteil der Beute an seinen Herrn und Meister weiter zu geben.
Zwei Tage später zog das 27. Infanterie Bataillon der US-Armee, die „Wolfhounds“, unter Lieutnant-Colonel Charles Morrow in die Stadt ein.
Neben der aufgehenden Sonne, wurden Stars und Stripes am Bahnhof hochgezogen. Es kam schnell zu Spannungen zwischen den Amerikanern und Kalmykow. Er verbot sogar Eheschließungen zwischen Russinnen und Amerikanern. Nach einem Zwischenfall der dazu führte, dass Kalmykow amerikanische Soldaten auspeitschen ließ, gab Colonel Morrow folgenden Befehl aus: „Jeder Hurensohn, der von einem Kosaken gepeitscht wurde und diesen nicht sofort erschießt, bekommt sechs Monate Bau.“ Morrows Antipathie ging so weit, dass er 1919 die Inhaftierung von Bolschewisten verhinderte. Viele Amerikaner unterstützten angesichts der weißen Terrorherrschaft die Bolschewiken mit Essen, Zelten, Colt Revolvern und sogar Maschinengewehren. Einmal beobachteten die Amerikaner folgende Szene: Kalmykow ließ Bolschewiken mit ihren Frauen und Kindern an den Stadtrand treiben.. Dort mussten sie sich auf den Boden legen. Dann schritt der Ataman über sie hinweg und wählte Männer, Frauen und Kinder aus, die aufstehen und wegrennen mussten. Kosaken folgten ihnen schreiend, ritten sie nieder und zerstückelten sie mit ihren Säbeln.
Außerdem hatten die Amerikaner Probleme mit den Japanern, die in ihrem Sektor brutale Übergriffe und Morde begingen. Wenn die japanischen Soldaten nicht selber angebliche Bolschewiken niedermetzelten, ließen sie Kalmykow durch Telegramme von Semjonow aufstacheln, den Amerikanern Schaden zuzufügen. Oft wurden die Gis aus den ein und zweistöckigen Holzhäusern beschossen, wenn sie durch die Strassen gingen.
Kalmykow (x); rechts daneben: Semjonow

Am 8.November 1919 raste er mit seinem Panzerzug nach Wladiwostok um an der Niederschlagung des Coups von General Gaida teilzunehmen. Der ehemalige tschechoslowakische Feldscheer Gaida hatte es bis zum Oberkommanmdeure der Tschechischen Legion gebracht und in Wladiwostok einen Coup angezettelt, der ihn zu einer Art Diktator machen sollte. Japanische Torpedoboote griffen Gaidars Stellungen vom Hafen aus an, während sich Kalmykows Panzerzüge zu Lande näherten. Die kurze Schlacht fand in einem unheimlichen Regen statt, der Wladiwostok in einen grauen Mantel hüllte. Gaida wurde leicht am Fuß verwundet und versprach nach seiner Niederlage, Russland für immer zu verlassen. Er begab sich umgehend an Bord eines Schiffes um abzureisen. Zum selben Zeitpunkt führte Kalmykow unter Gaidars Mitkämpfern Massenexekutionen durch.
Nach dem sich abzeichnenden Sieg der Roten, wartete Kalmykow nicht ab, dass die Partisanen bis Chaborowsk vordrangen. Mit seinem persönlichen Goldschatz, einem Dutzend Kosaken und achtzig Kadetten des Kalmykow-Korps überquerte er am 12. Februar 1920 den gefrorenen Amur nach China. Am 8.März entwaffneten Chinesen den Trupp, nahmen den Schatz an sich und setzten ihn in Jilin gefangen. Kalmykow hatte dummer Weise während seiner Terrorherrschaft auf chinesische Kanonenboote feuern lassen, die Chabarowsk zu nahe gekommen waren. Kalmykow gelang es zu fliehen und er versteckte sich auf dem Gelände des alten russischen Konsulats. Nachdem man ihn wieder eingefangen hatte, erschoss man ihn im Juli während seines Transports nach Peking.
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Seit einigen Jahren arbeite ich an einem Buch über den „blutigen Baron“ Ungern-Sternberg. Wer glaubt, dass dieser Massenmörder eine Ausnahme war, wird bei näherer Betrachtung des Russischen Bürgerkriegs schnell eines besseren belehrt. Einer dieser üblen weißrussischen Führer war Iwan Kalmykow. Hier einige Auszüge aus meinem Kapitel über Ataman Kalmykow:
„Äußerlich war Kalmykow klein und schmächtig. Mit seinen verschleierten Augen und dem gaminartigen Lächeln, das ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit dem bekannten Typ des Pariser Apachen gegeben haben soll, war er eine auffallende Erscheinung. Persönlich war er vollkommen furchtlos, er konnte auch, wie einige Ausländer versicherten, die in Berührung mit ihm gekommen sind, eine große Liebenswürdigkeit entwickeln, wenn er wollte.“ So schilderte ihn der schwedische Diplomat Rütger Essen.
Iwan Kalmykow war ein noch üblerer Schurke als Semjonow Er war mit sechsundzwanzig Jahren, als seine politische Laufbahn in Ostsibirien begann, jünger als Semjonow. Aber es gab wohl auch einige andere Unterschiede: „Während Semjonow ein Mann mit politischen Zielen und Sinn für Regierungsaufgaben war, kann Kalmykow kaum anders als ein reiner Bandit angesprochen werden, der sich nie vor Morden, Plünderungen und Gräueltaten scheute und dem es vor allem an jedem höheren Ziel fehlte.“ (Essen, S.159) Und General Graves beschrieb den Unterschied zwischen Semjonow und Kalmykow so: „Ersterer befiehlt anderen zu morden, letzterer tut es mit seinen eigenen Händen.“
Iwan Pawlowitsch Kalmykow wurde in der Armurprovinz als Sohn eines Offiziers der Ussuri-Kosaken geboren. Die Ussurikosaken galten als die Wildesten aller Kosaken und ihre Stärke betrug um 1918 etwa 40000 Menschen. Er wuchs in Grodekovo auf, ein Ort an der Eisenbahnlinie, 100 Kilometer vor Wladiwostock und 10 Kilometer östlich der chinesischen Grenze.
Im Weltkrieg diente er in einem Kosakenregiment und zeichnete sich durch Tapferkeit aus. Einmal gelang ihm die Flucht aus deutscher Gefangenschaft.
Im Sommer 1917 kehrte er als Rittmeister nach Grodekovo zurück. Er begann in der Politik mitzumischen und gruppierte unzufriedene Elemente aus Kosaken und Konterrevolutionären um sich.
Vier Monate später ließ er sich zum Ataman wählen. Seine Wahl war nicht unumstritten und teilte die Kosakengemeinde. Eine Minderheit folgte Kalmykow, die anderen schlossen sich Grigori Schevchenko an. Dieser, ebenfalls Kriegsveteran, wollte mit seinen Männern den Soviet von Wladiwostok verteidigen.
Gehasst vom Direktor der chinesischen Transsibirenbahn, Dimitri Horvath, toleriert vom machurischen Warlord Tschang Zulin und unterstützt von den Japanern, richtete er im Februar 1918 seine Operationsbasis in Pogranichnaya, einem manchurischen Ort an der chinesischen Bahnlinie ein.
Im März 1918(?) überquerte er mit hundert Mann die Grenze nach Russland und ritt auf Grodekovo. Der Sowjet von Wladiwostok schickte Rotgardisten und ein Bataillon Internationalisten an die Grodekovo-Front. Die Kämpfe zogen sich über drei Monate.
Nach diesen Aktionen gegen die bolschewistische Regierung erweckte er das Interesse der Japaner, die ihn von da an mit Waffen und Geld unterstützten. Auf die Ärmel seiner Soldaten war eine gelbe Route mit einem großen schwarzen K genäht. Ein japanischer Offizier erzählte folgende Anekdote, die ein bezeichnendes Licht auf Kalmykow wirft: Kalmykow ritt an der Spitze einer kleinen Abteilung neben einem japanischen Offizier, der zu Besuch im Lager weilte. Plötzlich stürzte das Pferd des Japaners und verletzte sich am Knie. „Ich werde Ihnen gleich ein anderes Pferd besorgen“, sagte Kalmykow, drehte sich im Sattel, überblickte seine Leute, suchte einen Mann aus, der ein geeignetes Pferd ritt, und schoss ihn mit dem Revolver nieder. „Bitte, hier haben Sie ein anderes Pferd.“ Es ist leicht vorstellbar, was er mit Bolschewisten und der Bevölkerung anstellte, wenn er schon mit den eigenen Männern so verfuhr. Eines Tages brachte man einen Chaborowsker Bürger, der auf seinen Befehl hin verhaftet worden war, in seine Wohnung. „Wir bringen ihn hierher, weil es keinen Platz mehr im Gefängnis gibt“, sagte ein Kosak. Kalmykow antwortete: „Schön, aber ich will ihn nicht hier haben. Tötet ihn.“ Daraufhin wurde der Mann ins Badezimmer geschleppt und erwürgt. Einmal erschoss Kalmykow eigenhändig zwei Ausbilder des Chabarowsker Kadettenkorps weil sie zu wenig Enthusiasmus gezeigt hatten, als er die Kadettenschule nach sich selbst umbenannte. Ein anderesmal ließ er eine ganze Musikkapelle töten, weil sie in einem Café die Internationale gespielt haben soll. Auch zwei schwedische Rotkreuzhelfer ermorden, die angeblich Bolschewiken zur Flucht verholfen haben sollen. Einige des Mordens und Plünderns müde gewordene Offiziere meuterten. Aber sie fanden in Kalmykows Soldateska keine Unterstützung, da der Ataman bei der Truppe äußerst beliebt war. Ermutigte er sie doch zu Massakern und Vergewaltigungen. Die Meuterei misslang vollkommen. Einigen Offizieren gelang die Flucht nach Wladiwostok, die anderen wurden bestialisch umgebracht.
FORTSETZUNG FOLGT

