Angesichts der Situation in Afghaniststan und im Irak, wo sich hirngeschädigte Evangelisten und sadistischer Abschaum als Contractor tummeln (nicht alle sind verblödete Metzgergesellen von Blackwater; natürlich gibt es auch Ehrenmänner darunter), fällt es schwer, eine Lanze für private Militärorganisationen zu brechen. Aber man sollte auch nicht vergessen, dass erst seit der Ausformung der Nationalstaaten staatliche Armeen das Monopol auf Kriegsführung beanspruchen. Das Söldnertum kennen wir seit der Antike. s ist älter als Natonalarmeen. Die grosse Renaissance des Söldnertums haben natürlich auch mit dem Niedergang der Nationalstaaten zu tun. An ihre Stelle treten Konzerne, die Branchen vertreten, deren Gewinne höher sind als das Bruttosozialprodukt ganzer Kontinente (wie etwa Afrika). Schwachsinnsorganisationen wie die EU werden längst von der organisierten Kriminalität der Wirtschaftskonzerne (Molsanto) beherrscht. Aber ich schweife ab. Unten stehende Buchbesprechung schrieb ich vor ca. zwei Jahren für EVOLVER. Ich stehe trotz Blackwater & Co. dazu.
EEBEN BARLOW: EXECUTIVE OUTCOMES – AGAINST ALL ODDS. Alberton, SA: Galago Books, 2007. 552 Seiten
Stellen Sie sich folgende Situation vor, die seit den 90er Jahren so oder ähnlich irgendwo in Afrika täglich passiert: Vor Ihnen steht eine Horde Nackter mit Macheten und
Kalaschnikows. Einige haben sich Halloween-Horromasken übergezogen, andere Frauenperücken. Nicht alle sind nackt, manche tragen Brautkleider, andere Markenjeans, einige sind barfuss, andere haben Gummistiefel oder nagelneue Nike an. Aber alle haben abgeschnittene Ohren, Ketten aüs Menschenzähnen und Nasen oder anderen ju-ju-Krempel, sind von Ganja, Palmwein und Kokain zu bis über die Haarspitzen. Einige sind vielleicht grademal 12 Jahre alt und haben völlig kalte, erbarmungslose Augen. Diese wild grölenden Freaks hatten gerade Ihren Bruder dazu gezwungen, Ihre Mutter zu vergewaltigen, Ihrem Vater die Arme abgehackt und Ihre Schwester einer Massenvergewaltigung zugeführt. Ihrer schwangeren Tante hatten sie den Fötus aus dem Leib geschnitten und zuvor johlend auf das Geschlecht gewettet. Ihrem Onkel hatten Sie die Geschlechtsteile abgeschnitten, damit erstickt und anschließend den Kopf abgehackt, dem Ihre Großmutter die Brust geben soll. Ihre Freunde mussten Zettel vom Boden auflesen auf denen geschrieben stand, welche barbarische Tötungsart sie gerade in der Lotterie gewonnen haben.![New Pic 001[2] New Pic 001[2]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/10/new-pic-0012.jpg?w=202&h=220)
Links neben Ihnen steht Eeben Barlow mit ein paar Leuten der privaten Militärfirma Executive Outcomes. Sie haben ihre MPs entsichert und können dem Schrecken sofort ein Ende machen. Rechts neben Ihnen steht ein verschlagener Karnevalsclown in UNO-Uniform mit ein paar hundert Leuten. Der Clown hatte Ihnen bereits Ihr Geld abgenommen und wartet mit seiner betrunkenen Mannschaft darauf, dass er bei den weiteren Vergewaltigungen auch zum Zuge kommt. Barlow und seine Leute kosten 31 Millionen Dollar im Jahr, die Sie gestundet bekommen und durch Schürflizenzen Ihrer Diamantenminen absichern. Die UNO-Clowns kosten die Weltgemeinschaft, und damit jeden deutschen und österreichischen Steuerzahler, der kein Konto in Lichtenstein hat, 600 Millionen Dollar im Jahr. Außerdem plündern sie bei jeder Gelegenheit und schicken die aus Ihrem Haus rausgerissene Badewanne nach Hause, wo keiner weiß, wofür die gut sein soll nicht mal um Regenwasser aufzufangen, da sie ein Loch hat.
An wen würden Sie sich um Hilfe wenden?
Natürlich an Barlow und seine wütende Männer, die es gar nicht abwarten können, diesen Abschaum in die Hölle zu ballern.
Aber just in diesem Moment kommt Bill Clinton, der Erfinder des sexlosen Oralverkehrs und des nicht inhalierten Joints, zusammen mit dem Präsidenten der Weltbank vorbei und sagt Ihnen, Sie dürften sich auf keinen Fall mit dem Südafrikaner Barlow und seiner Söldnerclique einlassen, denn sonst gibts kein Geld mehr für unbrauchbare Waffen und die CIA kümmert sich darum, dass Sie entsorgt werden. Sie sollen sich gefälligst an den UNO-Clown wenden. Der wird schon dafür sorgen, dass die bösen Buben so was nicht mehr öfters als einmal die Woche veranstalten. Eine befriedigende Lösung und Präsident Bill ruft den bösen Jungs noch zu: „Wenn ihr damit nicht bald aufhört, schicke ich noch mehr UNO-Clowns, die auch was von eurem Kuchen abhaben wollen und außerdem liefere ich euren Feinden keine Waffen mehr. Dann könnt ihr sie ihnen nicht mehr abnehmen und müsst sie mit euren Blutdiamanten bei meinen Freunden teuer einkaufen.“
1995 stand Sierra Leone am Abgrund. Jahrelange Bürgerkriege hier und im Nachbarland Liberia hatten die Weltöffentlichkeit mit unvorstellbaren Gräueln versorgt. Zum Glück hat aber niemand richtig hin geguckt. Da konnte man ja auch nur mit den Schultern zucken,denn Kannibalismus und Verstümmelung gehören eben zur Folklore der Bimbos. Solange die Rohstoffe günstig und regelmäßig fließen – kein Problem. In Ruanda hatte der amerikanische Präsident Clinton ja erfolgreich ein UN-Mandat verhindert. Die alte Hexe Albright hatte – ganz im Sinne ihres Meisters, der garantiert nicht der Laufbursche Clinton war, – sich geweigert von Völkermord zu reden (dann hätte die Weltgemeinschaft eingreifen müssen), sondern von der“Wiederaufnahme von Kampfhandlungen“. Da im Bimbokontinent sowieso nicht viel Konsum abzusetzen war (ganz im Gegenteil zum Balkan), konnte man sich auf die Sicherung der, wie so schön heißt, „natürlichen Ressourcen“ konzentrieren.
Barlow und seine Leute (70% davon Schwarze) waren ein bisschen blöde, kapierten das Spiel nicht richtig und fühlten sich auch noch als Afrikaner. Nur weil sie auf diesem Kontinent geboren waren und teilweise in fünfter und sechster Generation hier lebten. Zuvor waren sie Angehörige der Streitmächte des Apartheid-Staates Südafrika gewesen. Dann hatte man sie rausgeschmissen, was verständlich war. Auch für Barlow. Statt aber Coups abzuziehen und sich in die Dienste blutrünstiger Konzerne zu stellen, gründete Barlow die „Söldner“-Firma Executive Outcomes, die ihre Dienste nur an von der Weltgemeinschaft legitimierte Regierungen (was immer das auch bedeutet) vermietete. In allergrößter Not wandte sich der Präsident von Sierra Leone, der gerade Kalif an Stelle des Kalifen geworden war, an Barlow. Die brutalen Rebellen der Revolutionary United Front (RUF) unter Führung des in Libyen ausgebildeten Schlächters Forday Sankoh hatte fast das ganze Land (kleiner als Bayern) erobert und standen vor der Hauptstadt Freetown (die sie dann 1999 einnahmen und ein Gemetzel veranstalteten, bei dem in wenigen Tagen 7000 Menschen getötet wurden und unzählige verstümmelt). Man schloss ein paar Verträge ab und Barlow organisierte in Windeseile den Einsatz von Executive Outcomes, die zuvor in Angola auf Seiten der kommunistischen Regierung die SWAPO-Guerrilla, die Barlow und seine Leute als Mitglieder der südafrikanischen Streitkräfte mit Unterstützung der USA noch ausgebildet hatten, niedergeworfen hatte. Mit nicht mal 200 Leuten jagte er innerhalb von drei Wochen über 30.000 RUF-Rebellen an die Staatsgrenzen zurück, eroberte die Diamantenfelder und nahm der RUF damit ihre Einnahmequellen für neues Kriegswerkzeug. EO beendete das Abschlachten und brachte medizinische Versorgung und Lebensmittel ins Hinterland. Wo Barlows Männer auftauchten, wurden sie mit Freudengesänge der Einheimischen begrüßt. Die Presse der westlichen Industriestaaten schäumte vor Wut – bis auf wenige Ausnahmen. Kongo Müller erhebe wieder seine hässliche Fratze. Weiße Rassisten hätten engagierten Freiheitskämpfern ihre schönen Diamantenfelder abgenommen um sie nun selber auszubeuten. Überhaupt. So ginge es ja gar nicht, dass da wieder Kolonialismus durch – schluck – weiße Söldner revitalisiert würde (kein Wort, dass Barlows Truppe zu 70% aus Schwarzen bestand). Das Gezeter der Medienkellner, die ihre fetten Ärsche fernab der Gräuel in klimatisierten Hotels geparkt hatten und sich bei einer Krise von den Marines als erste rausfliegen ließen, zeigte Wirkung und Clinton, der später sogar mit dem Verstümmler und Kannibalen Sankoh telefonierte um ihm die Vizepräsidentschaft von Sierra Leone anzubitten, setzte die erstmals frei gewählte Regierung von Sierra Leone unter Druck: Executive Outcomes habe sofort zu verschwinden oder es setzt was.. Kaum waren Barlow und seine Jungs rausgeschmissen, kehrten die Rebellen zurück und das Massakrieren fing von vorne an. Aus purer Wut über ihre Niederlage jetzt noch einen Zacken schärfer.
Executive Outcomes wendete sich neuen Aufgaben zu. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Aber immer begleitet von einem Medienecho, dass Barlow gehörig zusetzte. Nie recherchierten die angeblichen Journalisten, stattdessen gab es nur Gesinnungsgeschwafel über böse weiße Söldner. Beifall kam nur von der falschen Seite, von Faschisten, die sich bei Executive Outcomes bewarben und abgelehnt wurden. 1999 wurde EO aufgelöst. Im Nachhinein hängte man EO an, die Firma sei die Blaupause für all die neuen privaten Militärfirmen, die täglich im Irak ihren Ruf ruinieren. Aber EO hatte nichts mit diesen amerikanischen Metzgereien zu tun. Um mit den vielen Gemeinheiten, Lügen und falschen Behauptungen abzurechnen, hat sich Eeben Barlow hingesetzt und das voluminöse Buch EXECUTIVE OUTCOMES – AGAINST ALL ODDS geschrieben. Es ist ein überaus sachliches Buch (auch wenn Barlows verständliche Wut auf die Journaille gelegentlich durchbricht), voller Dokumente und unglaublichen Detailreichtum. Es gibt keine billigen Schockeffekte, kein Ich-war-dabei-Pathos, nur Aufklärung. Das brutale Kriegsgeschehen wird nicht ausgespart, aber auch nicht als Splatterzeugs aufbereitet. Barlow stellt die Fakten klar. Und wer sich erhaben über sogenannte Verschwörungstheorien wähnt, sollte mal die hier geschilderten Hintergründe genau studieren. Einige, wenige Journalisten haben sich bei ihm entschuldigt für ihre ehrlosen Artikel. Präsident Clinton hat sich nie bei den Bürgern von Sierra Leone entschuldigt, die Opfer der RUF wurden nachdem er dafür gesorgt hat, dass EO aus dem ;Land geworfen war und die Massenmörder mit der Operation „No Living Thing“ ihre „Kampfhandlungen wieder aufnahmen“.
Barlow hatte im Auftrag einiger UNOkraten (sie trafen sich mit ihm in Deutschland; alles ausführlich im Buch geschildert) einen Eingreifplan für EO in Ruanda erarbeitet um dem Völkermord ein Ende zu machen. Schnell arbeiteten seine Leute Logistik und Strategie aus, dann kam ein lapidares Telefonat: Man sei nicht mehr interessiert. Und das Morden ging erst richtig los. Überflüssig zu erwähnen, dass EO einen Bruchteil von dem gekostet hat, was die UNO nur an Bürokratie für und mit Ruanda aufwendete.
www.galago.co.za/CAT1_025.htm – 7k
http://eebenbarlowsmilitaryandsecurityblog.blogspot.com/
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Der Diogenes Verlag hat eine Neuausgabe der Chandler-Briefe angekündigt. In einem Schreiben an den Verlag habe ich darauf hingewiesen, dass die frühere Knaus-Ausgabe mit der Übersetzung von Hans Wollschläger einer ziemlich harten Bearbeitung bedürfe. Ich verwies auf meine Kritik im SPIEGEL. Zwar bekam ich keine Antwort, aber der Erscheinungstermin wurde wohl verschoben. Hier also die alte SPIEGEL-Rezension. In den Leserbriefen der folgenden Wochen wurden noch eine Menge weitere Fehler aufgeführt und Wollschläger durfte mich auch beschimpfen und beleiodigen. Das war ein großer Spass.
DER SPIEGEL 19/1991 vom 06.05.1991, Seite 249-253
Autor: Martin Compart
Die Haare stehen einem zu Berge
Martin Compart über die Übersetzung der Chandler-Briefe durch Hans Wollschläger
Compart, 36, ist Herausgeber des Jahrbuches für Kriminalliteratur.
Raymond Chandlers Rolle in der Literatur ist längst unumstritten. Der Autor des „Langen Abschieds“ und der „Kleinen Schwester“ hat zusammen mit Dashiell Hammett in seinen kalifornischen Kriminalromanen einen Archetypus des 20. Jahrhunderts etabliert: den idealistischen Kleinunternehmer, der als Privatdetektiv für mehr Gerechtigkeit in der Welt sorgt. Daß er auch zu den großen Briefeschreibern dieses Jahrhunderts gehörte, belegte bisher in Deutschland nur der Diogenes-Band „Die simple Kunst des Mordes“, herausgegeben von Dorothy Gardiner und Kathrine Sorley Walker. Leider hatten die beiden den umfangreichen Brief-Corpus des Meisters ziemlich willkürlich bearbeitet – wie die 1981 von Chandler-Biograph Frank MacShane herausgegebenen „Selected Letters“ belegen.
Jetzt hat sich endlich auch ein deutscher Verlag dazu entschlossen, diese Briefsammlung zu veröffentlichen*. In ihr zeigt sich Chandler ähnlich witzig, klug und belesen wie in seinen Romanen und Kurzgeschichten. Tatsächlich erfährt man in diesem Buch über die Kunst – oder wie Chandler es wohl eher sah: handwerkliche Kunst – des Schreibens Eindrucksvolles.
Besonders über Hollywoods Filmindustrie und über den Beginn des TV-Zeitalters weiß Chandler seinen Briefpartnern anregend und originell, sarkastisch und bitter zu berichten. Und was er an Schelte und Lob über seine Kollegen austeilt, ist meistens treffend, immer aber witzig. Kurzum, es ist ein exzellentes Buch über das Schreiben und eine der unterhaltsamsten Briefsammlungen der angelsächsischen Literatur.
Der deutsche Leser, der auf die Lektüre des Originals verzichtet, muß sich allerdings mit einer Übersetzung zufriedengeben, _(* Raymond Chandler: „Briefe 1937-1959″. ) _(Aus dem Amerikanischen von Hans ) _(Wollschläger. Albrecht Knaus Verlag; 690 ) _(Seiten; 56 Mark. ) deren Qualität in keinem Verhältnis zum Ruf steht, den der Übersetzer genießt: Es ist Hans Wollschläger, der „Ulysses“-Neuübersetzer, der bereits Chandlers „Langen Abschied“ ins Deutsche übertragen hat. Hier, bei den Briefen, ist ihm das schier Unmögliche gelungen: Chandlers kurzweilige und direkte Prosa in eine oft gravitätisch daherstelzende Sprache zu übersetzen.
Außerdem drängt Wollschlägers Text dem Leser oft den Verdacht auf, der Chandler-Übersetzer verfüge nicht immer über sichere Kenntnisse des Chandlerschen Milieus, der amerikanischen Gegebenheiten und ihrer Sprache.
Medien wie die Pulp-Magazine scheint Wollschläger nicht zu kennen. Dabei waren diese Billigmagazine für die Entwicklung der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts von einiger Bedeutung. Autoren wie Jack London, Upton Sinclair, Sinclair Lewis, O“Henry, Tennessee Williams, Dashiell Hammett und Raymond Chandler begannen in ihnen ihre literarischen Karrieren. Über das Pulp-Magazin Black Mask schreibt Wollschläger: “ . . . daß sie und andere jahrelang in dem Buch gestanden hatten“. Genauso wie man Comic Book richtig mit Comic-Heft oder -Magazin übersetzt, sollte man auch bei den billigen Pulp-Magazinen von „Heft“ oder „Magazin“ sprechen.
An einer anderen Stelle dokumentiert Wollschläger, daß er sich offensichtlich nicht mit den amerikanischen Medien jener Zeit auskennt und daß er nicht den Unterschied zwischen dem englischen Ausdruck „novel“ (Roman) und „novelette“ (Novelle, lange Kurzgeschichte oder Kurzroman) kennt. Er übersetzt „just old pulp novelettes“ mit „alten Groschenromanen“. Der Ausdruck Groschenroman bezeichnet aber – um die Verwirrung komplett zu machen – die „Dime Novels“, Hefte, in denen romanlange Geschichten veröffentlicht wurden: direkte Vorläufer der typisch deutschen Groschenhefte, euphemistisch auch Romanhefte genannt.
Die Dime Novels erlebten ihre Blüte in den USA von 1860 bis etwa 1910 und wurden dann von den Pulp-Magazinen als beliebtestes literarisches Unterhaltungsmedium ihrer Zeit abgelöst. Während in den Dime Novels einzig ein langer Heftroman über einen trivialen Helden (Buffalo Bill, Kit Carson und so weiter) veröffentlicht wurde, brachten die Pulp-Magazine in jedem Heft verschieden — S.252 lange Kurzgeschichten („novelettes“ und „short stories“) von verschiedenen Autoren.
Aber nicht nur solche Ungenauigkeiten kennzeichnen die Übersetzung. Sie macht Chandlers direkte und unprätentiöse Sprache prätentiös. Zum Beispiel wird aus Chandlers profanem “ . . . the book now arrives“ ein hölzernes „Das Buch hat sich eingestellt“ und etwas später aus „various moods“ eine „verschiedene Gestimmtheit“. Aus „I wish Hollywood agents didn“t feel that they had to . . .“ wird „Ich wünschte, Hollywood-Agenten könnten sich des Gefühls entschlagen“. Chandler hat sich, so geht aus den Briefen hervor, den Kefauver-Ausschuß im Fernsehen angesehen. Er schreibt: „Kefauver himself is worth the price of admission any day“, also etwa: Kefauver allein lohnt das tägliche Zuschauen. Was steht bei Wollschläger? „Kefauver selbst ist den Preis der Bundeseingliederung jeden Tag wert“ – was immer das heißen mag.
Eine Seite später werden aus simplen Boten altgermanische „Sendlinge“. Wo Chandler vom hohen Ausstoß einiger Vielschreiber spricht, übersetzt Wollschläger einen „hohen Produktionsumfang“. Eine interessante Wortschöpfung findet sich da, wo Wollschläger Chandlers „catholicy of taste“ mit „Geschmackskatholizität“ eindeutscht, da muß man nicht päpstlicher als der Papst sein, um das als abstrus zu empfinden. ![0099533510[1] 0099533510[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/07/00995335101.jpg?w=135&h=180)
Holprig überträgt Wollschläger Chandlers „I don“t think the quality in the detective or mystery story which appeals to people has very much to do with the story a particular book has to tell“ zu „Ich meine nicht, daß die Qualität in der Detektiv- oder Kriminalgeschichte, die viele Leute so anspricht, sehr viel mit der Geschichte verbindet, die ein eigenständiges Buch zu erzählen hat.“
Eine lebensfremde Marotte, die Wollschläger schon in seiner Übersetzung des „Langen Abschieds“ hatte, ist die Ersetzung des Wortes „crook“ (Gauner, Ganove) durch das jiddische Wort „Ganeff“. Wer in Deutschland benutzt dieses ausgefallene Wort wirklich noch? Chandler beklagt an dieser Stelle die zunehmende Jugendkriminalität – es gibt also in diesem Zusammenhang nicht den geringsten Grund, den gebräuchlichen Begriff „crook“ durch einen im Deutschen geradezu antik gewordenen jiddischen Ausdruck zu übersetzen.
Auch vom Filmgeschäft der vierziger Jahre, an dem Chandler als Drehbuchautor (leidend und kreativ) gewichtigen Anteil hatte, scheint Wollschläger kuriose Vorstellungen zu haben. Da berichtet beispielsweise Chandler über die Regiearbeit von Howard Hawks: „Hawks shoots from the cuff more or less, he tells me, merely using a rough script to try out his scenes and then rewriting them on the set.“ Wollschläger macht daraus: „Hawks dreht mehr oder weniger aus dem Stegreif, sagt er mir, er benutzt bloß ein Rohscript, um seine Szenen zu probieren, und schreibt sie dann am Bildschirm nach.“ Offensichtlich verwechselt Wollschläger hier ein Fernsehgerät mit dem üblichen Ausdruck für Drehort („set“).
An einer anderen Stelle mutiert in seiner Übersetzung die Dramatikerin — S.253 („playwright“) Lillian Hellman zur Schauspielerin. Einem so gebildeten Menschen wie dem „Ulysses“-Übersetzer Wollschläger müßte die Autorin auch als Hammett-Lebensgefährtin und Streiterin gegen den McCarthyismus eigentlich bekannt sein. Daß der Gesang von Lauren Bacall statt „gedoubelt“ zu werden, „einsynchronisiert“ wird, ist ein weiteres Beispiel für Wollschlägers hilflose Sachferne; noch dazu, da es in einem Witz unter Drehbuchautoren auftaucht.
Komisch wird es, wenn Wollschläger „connoisseur of damp fart“ mit „Kenner der Feuchtfurzerei“ übersetzt. Zugegeben, der Dampffurz ist schwer zu übertragen. Aber im Kontext wird klar: Chandler spricht hier von Hollywoodschreibern, die ihre Sachen unter Druck schnell aus sich herauspressen, meinetwegen: herausfurzen.
An vielen Stellen wählt Wollschläger einen geschraubten Ausdruck für einen schlichten bei Chandler: Er legt seinem Autor beim Übersetzen nachträglich einen Stehkragen um. So heißt es zum Beispiel: „Ich möchte noch gern über den Punkt . . . mit Ihnen rechten.“ Chandler dagegen schrieb ganz simpel: „I dispute your point about ….“ An anderer Stelle übersetzt er „high budget mystery picture“, also einen teuren Kriminalfilm mit „hochaufwendiger Krimifilm“, was sicherlich nicht dasselbe ist.
Rätselhaft: Ein doppelter old-fashioned Whiskey macht die gänzlich unverständliche Metamorphose zu „zwei Schüssen Alte Kanzlei“ durch. Einen ähnlich kuriosen Getränkevorschlag lieferte Wollschläger bereits in seiner Diogenes-Übersetzung des „Long Goodbye“. Dort bezichtigt er den Keeper in Victor’’s Bar, daß er in einen Gimlet ein „Bitterbier“ gemischt habe. Des Rätsels Lösung: Im Original verwendet der Barkeeper „Angostura“ – was Chandler wie sein Held Marlowe als Cocktail-Puristen ablehnten.
Zuweilen findet Wollschläger eine deutsche Entsprechung, die einen klaren gesellschaftlichen Sachverhalt in ein seltsames deutsches Biedermeier überträgt. So wird aus den „old-school-ties“, also den berühmten englischen Schulkrawatten, die einen Sozialstatus annoncieren, ein altmodischer „Bratenrock“ (Chandler genoß ja bekanntlich eine britische Erziehung und hat mit dem Gegensatz zwischen kalifornischer Modernität und englischer Tradition oft gearbeitet).
Ein wenig unbeholfen erscheint es auch, wenn Wollschläger „tough“ dauernd mit „rabiat“ übersetzt, denn das heißt es nur in den seltensten Fällen.
Bizarr wird es dann, wenn Chandlers für Uneingeweihte unverständlicher Slangausruf „wukkahs“ („who cares?“, also etwa: Was soll’’s?) bei Wollschläger zu einem absolut unverständlichen „Ahbeeder“ wird. Die Haare stehen einem zu Berge, wenn er „unputdownable“ (also „man kann es nicht aus der Hand legen“ – weil es so spannend oder faszinierend ist) mit „unwiderleglich“ übersetzt.
Und so geht es fort und fort. Warum Hans Wollschläger über einen guten Ruf als Übersetzer verfügt, ist einem jedenfalls nach dieser Lektüre ziemlich unverständlich. Darauf ein Bitterbier!
— S.249 * Raymond Chandler: „Briefe 1937-1959″. Aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger. Albrecht Knaus Verlag; 690 Seiten; 56 Mark.
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VOR 79 JAHREN ERSCHIEN EINES DER EINFLUSSREICHSTEN BÜCHER DES 20.JAHRHUNDERTS
André Gide hielt ihn für einen ebenso guten Schriftsteller wie Balzac, Albert Camus verehrte ihn, und Wim Wenders verfilmte einen Roman, dessen Hauptperson er ist. Die Rede ist von Samuel Dashiell Hammett (1889-1961), einem der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er gilt als der Begründer der so genannten hard-boiled-novel, also des harten Kriminalromans, den er auf höchstes literarisches Niveau führte. Siebzig Jahre nach seiner Erstausgabe wird sein berühmtestes Buch DER MALTESER FALKE nach wie vor gelesen und hat nichts von seiner ursprünglichen Faszination verloren.
Die amerikanischen Pulp-Autoren um Hammett, deren berühmtestes Organ das BLACK MASK-Magazin war, griffen eine neue Sprache auf: Die Sprache der Straße, die Sprache der Verlierer, Arbeiter, Gangster und Geschäftemacher. In dieser Sprache stellten sie realistisch eine Welt dar, die brutal, unmenschlich und nicht mehr zu beherrschen war. Meist agieren in diesen Geschichten Detektivhelden, die versuchen Gerechtigkeit im Kleinen zu erkämpfen. Sie sind aber nicht einmal der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Bereits Hammett glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit im Mikrokosmos und wird zum Chronisten der Düsternis der Städte. Autoren wie Hemingway in A FAREWELL TO ARMS, 1929, Faulkner in SANCTUARY, 1931 oder John O’Hara in APPOINTMENT IN SAMARRA, 1934, griffen Sprache und Weltbild der hard-boiled-Autoren auf. Hammett beschrieb die Abkehr von allen zivilisatorischen Regeln, indem er seine Helden, die oft im Dienste des amoralischen Kapitals standen, zu Richtern, Geschworenen und Henkern gleichzeitig machte. Sein berühmter Nachfolger Raymond Chandler fiel in dieser Hinsicht hinter Hammett zurück, indem er romantisierte und einen staubigen Ritter die mean streets einer korrupten Zivilisation durchstreifen ließ. Ross Macdonald nannte den Chandlerschen Privatdetektiv den „klassen- und ruhelosen amerikanischen Demokraten
Spätestens nachdem sich Humphrey Bogart Trenchcoat und Hut übergezogen hatte, ist der abgebrühte, der hardboiled Privatdetektiv, ein popkultureller Mythos. In Tausenden Romanen, Comics, Fernsehserien und Filmen singt man seit Hammetts Tagen das hohe Lied vom ehrlichen Kleinstunternehmer, der sich nicht schmieren läßt und in einer korrupten Welt versucht, ehrlich zu bleiben.
Dashiell Hammet war selbst einmal Privatdetektiv bei der berühmten Pinkerton-Agentur gewesen. Diese Erfahrungen prägten nicht nur seine späteren literarischen Themen, sondern auch das politische Bewusstsein, dass den zweifachen Weltkriegsveteranen für sechs Monate ins Gefängnis brachte. „In meiner Zeit bei Pinkerton habe ich so etwas wie politisches Bewusstsein entwickelt. Pinkertons war gut darin, Streiks zu brechen und Gewerkschaften zu zerschlagen. Ich habe einfach Aufträge erledigt, und wenn unsere Klienten Menschenschinder waren, ging mich das nichts an. Sie heuerten uns an, um einen Streik zu brechen, also gingen wir hin und machten es. Wir hatten reichlich schmutzige Tricks auf Lager. Einmal ließ ich mich sogar ins Krankenhaus einliefern. Ich tat so, als wäre ich ein Gewerkschaftler und ein paar Pinkertondetektive hätten mich fertig gemacht. Ich machte das nur, um neben einem armen Kerl zu liegen, den wir als Radikalen verdächtigten. Der Bursche war schlimm dran. Furchtbar krank mit lauter Schmerzen. Und da lag ich neben ihm und versuchte alles mögliche aus ihm rauszuquetschen. Ich hielt mich für einen tollen Burschen. Das war oben in Montana, als die Industriearbeitergewerkschaft den Bergarbeiterstreik bei den Anaconda-Kupferminen organisierte. Frank Little war der große Gewerkschaftsorganisator und die Anaconda-Leute hassten ihn wie die Pest. Einer der Manager hatte von meiner Sache im Krankenhaus gehört. Niederträchtig wie er war, musste ihm das imponiert haben. Jedenfalls machte er ein Treffen mit mir aus und meinte, es gäbe für mich was zu verdienen. Er bot mir 5ooo Dollar an, wenn ich dafür Little umlegen würde. Ich war also jemand, von dem sie glaubten, dass er für ein paar Dollar einen Menschen umlegen würde. Ich war 23 Jahre alt und sah aus wie ein Killer. Ich sagte ihnen, ich sei nicht interessiert. Ein paar Tage später fand man Little tot an einer Eisenbahnbrücke hängen. Sie hatten eine Warnung an seine Unterwäsche geheftet. Manche sagten, sie hätten ihm die Eier abgeschnitten. Ich sagte mir: Du bist also einer, dem sie zutrauen, dass er solche Sachen macht. Ich ging weg von Pinkertons. Ich nahm meinen Tripper, den ich mir in der wilden Weite von Montana eingefangen hatte, und ging zur Armee, um mir noch eine schöne Tuberkulose zu holen. Über die Streiks hatte ich eine ganze Weile nachzudenken. Montana hat mich zum Kommunisten gemacht.“
Das hielt Hammett nicht davon ab, für die USA freiwillig in den ersten und zweiten Weltkrieg zu ziehen.
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Ausgehend von einer kleinen Serie, die ich vor einigen Jahren in der FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND veröffentlicht habe, möchte ich an dieser Stelle gelegentlich besondere Krimis vorstellen, Klassiker, die jeder Krimi-Fan in seiner Basis-Bibliothek haben sollte. Zwar sind einige Titel momentan nicht lieferbar (Schande über die Verlage), aber im Internet oder Antiquariaten sind sie leicht auffindbar, da sie meist in verschiedenen Ausgaben und hohen Auflagen veröffentlicht wurden. Es geht quer durch alle Subgenres der Kriminalliteratur.
DIE MASKE DES DIMITRIOS von Eric Ambler
Dimitrios hat es endlich erwischt! Keiner weint dem Gangster und Terroristen eine Träne nach, als man seine Leiche aus dem Bosporos zieht. Lang genug grub sich seine blutige Spur quer durch den Balkan. Der englische Krimiautor Latimer ist von Dimitrios’ Lebensgeschichte so fasziniert, dass er sie rekonstruieren will und damit eine Reise durch die politische Hölle Osteuropas in den 20er- und 30er Jahre beginnt.
Ambler verschachtelt komplexe Handlungen, zeitgeschichtliche Dokumente und Rückblenden zu einer atemberaubenden Menschenjagd. Seine Prosa ist ungemein modern in ihrer Effektivität. Aber dem Leser bleibt keine Zeit, die Qualität des Stils zu bemerken, denn die Story jagt mit hohem Tempo auf ihr dramatisches Finale zu. „Ich hatte Schwierigkeiten mit Dimitrios. Ich wußte, dass es etwas ganz Neues sein würde und dass ich nur das Beste abliefern dürfte“, schrieb der 1998 verstorbene Autor in seinen Memoiren.
Großkaliber wie John LeCarré, Gavin Lyall, Len Deighton oder Ross Thomas wären ohne die Innovationen von Ambler nicht vorstellbar. Er verband den Spionageroman mit politischer Aufklärung und machte zeitgleich mit Graham Greene ein eigenes Genre daraus. Und da sein politisches Bewusstsein immer auf Weitwinkel eingestellt war, erklärte er in seinen 19 Romanen dem Leser die Welt hinter den Schlagzeilen. Immer nach der Devise: Es kommt nicht darauf an, wer die Pistole abfeuert, sondern darauf, wer die Schützen bezahlt. Amblers Romane sind auch Handbücher für Putsche, Revolutionen oder Kriege. Die perfekte Synthese aus Roman und Sachbuch. Darüberhinaus wüssten wir ohne seine Osteuropa-Thriller noch weniger über den Balkan – was ihn gerade heute wieder aktuell macht. Mehr als einmal stockt man bei der Lektüre des 1939 erschienen Romans und erkennt Parallelen zur Gegenwart.
Eric Ambler: Die Maske des Dimitrios. Erstmals ungekürzte Neuübersetzung. Diogenes Verlag.
DIE HOTTENTOTTEN-VENUS von H.C.Bailey
Wenn man bei uns an die großen Detektive des Golden Age denkt, fällt den wenigsten der Name Reggie Fortune ein. Obwohl einer der wahren Giganten des Genres, wurde er bei uns lediglich durch eine inzwischen viel gesuchte Publikation in der frühen
Rowohlt-Thrillerreihe veröffentlicht
Bailey (1878-1961) war einer der Großmeister der klassischen Detektivgeschichte um den Great Detective und sein Held Reggie Fortune steht ganz in der Tradition der exzentrischen Amateurdetektive. Er ist dick, gemüt- und humorvoll und faul.
Er liebt große Autos, gutes Essen und Trinken und Varieteegirls. Er kann ungeheuer sentimental sein, aber auch wütend und bösartig. Baily hetzte das Dickerchen durch 85 Kurzgeschichten und neun Romane. Dabei erschrieb er der Form eine menschliche, ethische und moralische Dimension, die einigen Kritikern sogar als Chesterton überlegen gilt. Daneben verdient Bailey auch für einige der ausgeklügelsten und spannendsten Geschichten gelobt zu werden, die zusammen mit der Dreidimensionalität der Charaktere und dem feinen Gespür für Atmosphäre zum Allerbesten der Gattung zählen. Anders als seine zeitgenössischen Kollegen, verachtet Fortune, bzw. Bailey, den Snobismus der Oberschicht, die Klassenstrukturen der britischen Gesellschaft zwischen den Weltkriegen. Durch sein Mitfühlen wird er oft emotional in seine Fälle verwickelt – für die großen Detektive des Golden Age meist etwas unvorstellbares. Und der kleine Fettsack Reggie hat natürlich auch seine eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit, die sich nicht unbedingt
mit dem Strafgesetzbuch decken müssen. Um allen literarischen Ansprüchen zu genügen, schrieb Bailey relativ lange Kurzgeschichten, da er weder auf sorgfältige Charakterisierung, noch auf Atmosphäre verzichten wollte.![Ym4wMDcx[1] Ym4wMDcx[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/ym4wmdcx1.jpg?w=300&h=400)
Es ist dem Diogenes Verlag mal wieder zu danken, dass er diesen Klassiker ausgegraben hat. Aber leider hat das auch Wermutstropfen: dies ist der erste Band mit Fortune-Geschichten und Bailey ist noch weit von seiner Bestform entfernt (allerdings zwingt sich beim Lesen auch manchmal der Verdacht auf, dass man die Stories etwas flüssiger hätte
übersetzen können). Dieser Klassiker macht nämlich deutlich, was wir heute beim Lesen zeitgenössischer Kriminalliteratur zu oft vergessen: welch ungeheures Vergnügen
die wirklichen Meister des Golden Age bereiten können! Leider blieb es bei dem einen Band im Diogenes Verlag. H.C.Bailey wartet nach wie vor auf eine gepflegte deutsche Veröffentlichung. Die besseren Geschichten findet man im Rowohlt-Band, der Bailey auf der Höhe seines Könnens zeigt.
H.C.Bailey: Die Hottentotte-Venus(CallMr.Fortune,1920).Deutsch von Cornelia C.Walter. Diogenes Verlag;252 Seiten.
MEIN VERBRECHEN von Nicholas Blake
„Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten…“
So beginnt der 1938 erschienen Kriminalroman THE BEAST MUST DIE von Nicholas Blake, der neue Akzente setzte, von Claude Chabrol verfilmt wurde und noch heute gierig verschlungen wird.
Blake wiech mit diesem Buch von seinen sonstigen Detektivromane über Nigel Strangeways, die voller literarischer Anspielungen sind, ab. Indem er die Perspektive eines rächenden Vaters, der den Mörder seines Sohnes sucht um ihn zu töten, wählte, schrieb er einen psychologischen Thriller und keinen klassischen Detektivroman. Auf die Idee war er gekommen, als sein kleiner Sohn fast überfahren worden wäre. Der erste Teil wird von Felix Lane erzählt, einen Krimiautor, dessen Sohn überfahren wurde. Brillant ist die Detektivarbeit von Lane, mit der er die Identität des Fahrerflüchtigen ermittelt. ![BlakeNicholas[1] BlakeNicholas[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/blakenicholas1.jpg?w=152&h=207)
Cecil Day Lewis(1904-72), der Vater des Schauspielers Daniel Day Lewis, war Kommunist und ein bewunderter Lyriker, als er 1935 unter dem Pseudonym Nicholas Blake Kriminalromane zu schreiben begann. Der Grund? Er brauchte Geld um sein Dach reparieren zu lassen. Es folgten 15 höchst originelle Kriminalromane, die oft die Formel des klassischen Detektivromans durchbrachen oder originelle Milieus und Charaktere in den Mittelpunkt stellten.
Nicholas Blake: Mein Verbrechen. Diogenes Verlag, 1995.
KEINE ORCHIDEEN FÜR MISS BLANDISH von James Hadley Chase
Das Geburtsjahr des britischen Noir-Romans war 1939. In diesem Jahr debutierte Rene Raymond alias James Hadley Chase (1906-85) mit seinem ultrabrutalen, in einem mythischen Amerika
angesiedelten, NO ORCHIDS FOR MISS BLANDISH. Die Entführung einer Millionenerbin durch eine perverse Gangsterbande, die an Ma Barkers Gang erinnert, wurde für damalige Verhältnisse geradezu schockierend brutal erzählt. Angeblich war der Roman von William Faulkners SANCTUARY (1931) inspiriert. Die Realität ist eine andere: Chase arbeitete Mitte der 30er Jahre als Buchhandelsvertreter und erlebte den sensationellen Erfolg von James Malahan Cains Roman WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT hautnah mit. Er besorgte sich ein amerikanisches Slanglexikon, eine Schreibmaschine und legte los. Innerhalb von sechs Wochenenden schrieb er das Buch. Chase druckte eine hohe Auflage, bestückte jeden seiner Buchhändler mit sechs Freiexemplaren und organisierte ein Presseecho. Innerhalb von fünf Jahren verkaufte er eine Million Exemplare.
Obwohl Chase später brutale Geschichten aus der Londoner Unterwelt erzählte, kehrte er immer wieder in sein mythisches Amerika zurück. Wie andere große Autoren schuf er sich einen eigenen Kosmos. Chase, der die USA nur von einem einzigen Kurztrip kannte, ließ seine besten Romane in „Chase Counrty“ spielen, in dem er den gesellschaftlichen Sozialdarwinismus ungeschminkt vorführte. Chase erzählte schmutzige, schnelle Geschichten über wenig sympathische Menschen, die für Sex, Macht und Geld alle gesellschaftlichen Normen brechen. Er zeichnete ein düsteres Bild der westlichen Zivilisation, in der jeder der Wolf des Anderen sein muss, wenn er nicht untergehen will.
Chase war ein Freund vo Graham Greene (und sie hatten denselben Steuerberater, was sie auch noch zu Komplizen machte).
James Hadley Chase: Keine Orchideen für Miss Blandish; Amsel Verlag 1955. Zuletzt bei Ullstein. Vergriffen.
ALIBI von Agatha Christie
Es ist leider modisch geworden, über Agatha Christie die Nase zu rümpfen. Sie sei altmodisch, verkörpere die Ideologie einer längst untergegangenen Gesellschaftsschicht und schrieb nur Pappcharaktere, sind nur einige Vorwürfe. Dabei übersieht man, dass ihr spröder Charme und die Eleganz ihrer Handlungsführung immer wieder neue Lesergenerationen in den Bann ziehen. Und man vergisst, dass Dame Agatha mehr innovative Rätsel erfand als jeder andere Autor des klassischen Detektivromans. Einen guten Eindruck von ihrem schier unendlichen Einfallsreichtum bietet der Miss Marple-Band DER DIENSTAGABEND-KLUB (Scherz) mit ausgefuchsten Kurzgeschichten. Ihre bis 1945 geschriebenen Bücher sind von höherer Qualität als die späteren. Mrs. Christies Welt der idyllischen Morde – falls es soetwas gibt – versank in den Stahlgewittern des 2.Weltkrieges, und das beeinträchtigte ihren Einfallsreichtum ein wenig. Für gelegentliche Geniestreiche wie etwa DAS FAHLE PFERD, war sie aber noch immer gut.
ALIBI (THE MURDER OF ROGER ACKROYD) war Christies 7.Roman und erschien 1926. Mit einem Schlag gehörte sie zu den besten Autoren des Genres. Es ist der Roman, den die Krimitheoretiker nach wie vor für ihr cleverstes Buch halten. Am Anfang steht der für sie so charakteristische Mord in einem anheimelnden Dörfchen auf dem Lande. So erfand sie für diesen Hercule Poirot-Roman eine Lösung, die den unvorbereiteten Leser noch heute verblüfft. Kopiert wurde diese Struktur selten (zum Beispiel in A.D.G.s großartigem Roman DIE NACHT DER KRANKEN HUNDE). Denn um mit diesem Trick durchzukommen, verlangt es all die schriftstellerischen Fähigkeiten, die verschiedene Kritiker ihr so gerne absprechen.
Agatha Christie: Alibi; Scherz Verlag
IPCRESS – STRENG GEHEIM von Len Deighton
Als 1962 THE IPCRESS FILE
herauskam, war er auf Anhieb die Sensation des boomenden Spionagegenres. Einigen Kritikern galt Deighton „besser als Ian Fleming“, dessen das Publikum enttäuschender aber experimenteller Bond-Roman THE SPY WHO LOVED ME im selben Jahr erschien.
IPCRESS zeichnete sich durch einen faktischen Realismus aus, den man zuvor im Genre nicht gekannt hatte. Len Deighton war als erster Autor immer auf der Höhe der technischen Entwicklungen und setzte sie realistisch in seinen kompliziert geplotteten Spionage-Epen ein. Wenn man so will, war er ein Vorläufer der heute so erfolgreichen Techno-Thriller. Tatsächlich gilt einigen Theoretikern sein 1966 erschienener Roman DAS MILLIARDEN-DOLLAR-GEHIRN (Knaur, 1988) um einen Supercomputer, der für einen faschistischen texanischen Ölbaron einen Angriff auf Lettland lenkt, als erstes Exemplar des Subgenres High-Tech-Thriller.
Harte Schnitte, extreme Szenenüberblendungen und abrupte Perspektivenwechsel machen es dem Leser nicht leicht, sich ein Bild von der komplizierten Handlung in IPCRESS zu machen. Aber sie erzeugen ein Gefühl der Authentizität, die den Realismusanspruch des Autors
unterstreicht. Deightons Ich-Erzähler ist ein Antiheld, der nur in den drei ausgezeichneten Filmen mit Michael Caine den Namen Harry Palmer
trägt. Ein echter Typ der 6oer Jahre: Sein Kampf gegen die Hierachien und die Intrigen des eigenen Dienstes waren oft anstrengender als der Krieg gegen den kommunistischen Gegner. Ausserdem stammte er aus der Arbeiterklasse und war dem Establishment gegenüber mehr als misstrauisch: „Ich hatte keine Chance zwischen dem Kommunismus auf der einen Seite und unserem Establishment auf der anderen.“ Als gesellschaftlicher Außenseiter, der seinen Job illusionslos und ohne ideologische Befangenheit verrichtet, ist er dem namenlosen Continental-Detektiv von Dashiell Hammett näher als James Bond. Im Laufe der Zeit wurde Deightons Erzähltechnik immer konventioneller und gefälliger. Auch der freche Dialogwitz der frühen Romane ist inzwischen fast ganz verschwunden. Politisch entwickelte
er sich gegen die Zeit: Während er in den frühen Büchern ideologiefrei seinen Antihelden Bündnisse mit sympathischen Russen eingehen ließ, wurde er mit jedem weiteren Bestseller mehr zum kalten Krieger.
Len Deighton: Ipcress streng geheim; Knaur TB 1734, 1988.Vergriffen.
IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT von Ian Fleming
John LeCarré bringt es auf den Punkt: „Ich habe Bond nie wirklich als Spion gesehen. Ich halte ihn eher für ein Wirtschaftswunderkind mit der Lizenz, sich im Interesse des Kapitals extrem schlecht zu benehmen.“ Bond ist natürlich mehr: Eine unsterbliche Pop-Ikone mit immensem Einfluss auf Moden und Wunschvorstellungen, Symbolfigur des Kalten Krieges und eines modernen Hedonismus.![majesty[1] majesty[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/majesty1.jpg?w=220&h=325)
1953 erschien CASINO ROYAL, Ian Flemings erster Bond-Roman, der sofort bewies, dass hier ein absoluter Meister des Thrillers schrieb. Zu seinen Fans gehörte sogar Raymond Chandler. Über Nacht waren die Geheimagenten alter Schule, John Buchans Richard Hannay oder die Clubland-Heroes von Dornford Yates, Schnee von gestern. Es folgten elf Romane und acht Kurzgeschichten. Der Ruhm der Figur überstrahlte den des geistigen Vaters. IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Fleming die wahnwitzigsten Handlungen völlig glaubwürdig schilderte. Wie in GOLDFINGER wird die Fleming-Formel perfekt umgesetzt: Ein Profi kämpft mit Hilfe technischer Tricks, physischer Kraft und Intelligenz gegen einen furchtbaren Feind, der England vernichten will. Dabei hat er noch Zeit für amouröse Abenteuer und gutes Essen. Seine Feinde waren Kommunisten und frühe Globalisierer wie das multinationale Gangstersyndikat SPECTRE oder Hugo Drax’ Wirtschaftskonzern. Fleming war vor Uwe Johnson der erste Literat, der Markenartikel als Realismusinseln einführte. Bond war auch ein Rassist und Chauvinist. Ihm galten alle Völker als den Briten unterlegen. Bonds rassistische Äußerungen wurden aus den Übersetzungen teilweise getilgt. Fleming legt ein Tempo vor, daß dem Leser keine Pausen gönnt. Gemessen an ihm sind die modernen Bestsellerautoren lahme Enten. Flemings Qualität beweist die Lektüre seiner weniger talentierten Nachfolger John Gardner oder Raymond Benson, die neue Bond-Romane vorlegten.
Nachdem sich Präsident Kennedy 1961 im LIFE-Magazin als Bond-Fan outete, jagten die Umsätze von Flemings Büchern in ungeahnte Höhen und machten ihn zu einem der meistverkauften Schriftsteller aller Zeiten. Und dann kam auch noch das Kino…
Ian Fleming: Im Dienst Ihrer Majestät. Zuletzt bei Heyne.
DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE von George V.Higgins
Eddie Coyle ist eine echte Ratte, ein kleiner Gangster, der ständig zwischen den Fronten hin- und herwieselt, um seine schmutzigen Geschäfte durchzuziehen. Mal dient er als Polizeispitzel, mal dreht er mit den Freunden ein Ding. Ganz spezielle Freunde sind das: Bankräuber, Waffenhändler und kleine Ganoven wie Eddie selbst. Bei seinem Doppelspiel muss er schwer aufpassen. Und dann spitzt sich die Situation so zu, dass man von ihm verlangt, seine Freunde ans Messer zu liefern.
Niemand schrieb Dialoge wie der Bostoner Jurist George V.Higgins, der 1999 nur 59jährig starb. Er konnte eine ganze Geschichte fast völlig in Dialogen erzählen, die die Story vorantrieben und gleichzeitig die Personen charakterisierten. Mit seinem Debut verpasste er 1972 dem Crime-Genre eine neue Dosis literarischen Realismus. Selbst Norman Mailer war fassungslos über die Qualität dieses Erstlings, daß 1985 von einer Buchhändlervereinigung zu einem der 25 wichtigsten Romane des 20.Jahrhunderts gewählt wurde. Die gelungene Verfilmung von Peter Yates mit Robert Mitchum, ein seltener Glücksfall für einen Autor, wurde ebenfalls zum Klassiker.
Der moderne Gangsterroman verdankt ihm mehr als jedem anderen Autor. Elmore Leonard bezeichnete ihn als den Meister, von dem er alles lernte (Einer der Hauptcharaktere in Higgins Roman heisst übrigens Jackie Brown – ein Name, den Leonard später aufgriff, um seine Reverenz zu erweisen). Bevor er Anwalt wurde, arbeitete Higgins als Kriminalreporter und lernte die Unterwelt der Ostküste kennen. Später wurde er Staatsanwalt, dann Anwalt, der so illustre Charaktere wie den Watergate-Einbrecher G.Gordon Liddy und den Black Panther-Führer Eldridge Cleaver verteidigte. Als Schriftsteller von der Kritik verehrt, konnte er den Erfolg seines Erstlings mit den späteren Büchern nicht wiederholen.
George V.Higgins: DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE.Hoffmann & Campe,1973. Goldmann, 1990.
EINZELGÄNGER – MÄNNLICH von Geoffrey Household
1939 veröffentlichte Geoffrey Household einen Schocker, der heute noch unter die Haut geht: ROGUE MALE. Ein Klassiker und eine der drei besten Jagd- und Fluchtgeschichten. Im Roman berichtet ein namenloser Erzähler, der bei einem scheinbaren Attentat auf einen mitteleuropäischen Diktator erwischt und von der Geheimplizei schlimm gefoltert wird. Scheinbar tot kann er seinen Peinigern in einer nervenzerfetzenden Flucht nach England entkommen. Durch unglückliche Umstände wird er von der Polizei und den Agenten des Diktators durch die grandiose Landschaft von Dorset gehetzt. Auch wenn keine Namen fallen und Deutschland nicht erwähnt wird, bleibt keine Sekunde unklar, dass es sich bei dem mitteleuropäischen Diktator um Hitler handelt. ![51TJ1cASKtL._SS500_[1] 51TJ1cASKtL._SS500_[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/51tj1casktl-_ss500_11.jpg?w=420&h=420)
Der literarische Thriller reicht über die Jagdgeschichten John Buchans hinaus. Wie Buchan ist Household am besten, wenn er physische Aktion beschreibt, besonders Fluchtszenen in der Natur. Obwohl Household seinen Figuren ein anspruchsvolleres Innenleben gibt und seine Romane insgesamt mehr intellektuelle Substanz haben, ist er nie dem Einfluss Buchans entwachsen. Household geht in seiner Zivilisationskritik aber weit über ihn hinaus. Die bürokratische Konsumgesellschaft ist ihm ein Graus. Er verachtet Politik und Politiker und sieht das Heil in einer Art „Anarchismus des Adels“, ein Leben auf dem Land, in der Natur, ohne die Akzeptanz staatlicher Autorität. Seine Helden sind oft Angehörige der upper class, Landlords, die vom Leben in der Wildnis geprägt sind. Die Rückkehr zur Natur war bereits 1939 für Household die einzige Hoffnung für die Menschheit.
Wieder einmal sollte ein Roman auch Auswirkungen auf die Realität haben: General Sir Noel Mason
Macfarlane studierte das Buch genau, als er ein Attentat auf Hitler ausarbeitete. Es kam zwar nie zur Durchführung des Anschlags, aber Macfarlane unterließ es nie darauf hinzuweisen, dass Households Roman die Inspiration für eine derartige Möglichkeit war.
Household nahm aktiv am 2.Weltkrieg teil. Er diente als Einsatzleiter im Militärischen Geheimdienst und wurde hochdekoriert entlassen. Als Militärattaché in Rumänien jagte er die Ölfelder in die Luft um sie nicht den Nazis und ihren Verbündeten in die Hände fallen zu lassen.
Geoffrey Household: Einzelgänger, männlich. Haffmanns Verlag, 2000. Kein & Aber; 2009.
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KALT WIE GOLD von Marcel Montecino
Das kriminalliterarische Subgenre des Polizeiromans hat inzwischen eine über 5ojährige Tradition – und erfreut sich größter Beliebtheit. Der Polizeiroman, oder police procedural, begann in den 50er Jahren durch Autoren wie Ed McBain und dessen Geschichten über das 87. Polizeirevier. Vorher dominierte die Figur des großen Einzelgängers das Genre, etwa der intellektuelle Detektiv à la Sherlock Holmes oder der harte Privatdetektiv. Es ist kein Wunder, dass der Polizeiroman nach dem 2.Weltkrieg immer populärer wurde: Für die moderne Industriegesellschaft wurde das Individuum unwichtig und musste sich aus ökonomischen Gründen ins Team eingliedern. Das Polizeiteam und die Faszination an der neuen Technik lösten die Heroisierung des Einzelgängers ab. Durchbrochen wurde dieses Muster in den 70er Jahren von Joseph Wambaugh, der die Polizisten nicht mehr als gut geölte Maschinen zeigte, sondern als Psychopathen, die in einer immer brutaleren Gesellschaft ihren Job mehr schlecht als recht erledigen. Autoren wie James Ellroy griffen die Lektion auf und führten sie weiter. Seitdem jagen unangenehme Polizisten noch unangenehmere Serienkiller durch bluttriefende Buchseiten voller Gewaltpornografie. Ganz anders der beste Polizeiroman seit Jahrzehnten: Marcel Montecinos erstaunlicher Erstling THE CROSSKILLER erzählt die Geschichte des abgeklärten jüdischen Polizisten Jack Gold, der im Inferno von Los Angeles seine Sisyphosarbeit erledigt. Von korrupten Vorgesetzten strafversetzt, wird er zum Gegenspieler eines rassistischen Psychopathen, der als „arischer“ Kreuzkiller eine blutige Spur durch die Stadt zieht. Im Gegensatz zu Ellroy und Konsorten dämonisiert Montecino nicht antiaufklärerisch diesen Serienmörder. Er zeigt genau auf, wie ein ungebildeter Weißer durch persönliche und ökonomische Frustrationen zum Ungeheuer wird. Wie er all sein persönliches Versagen auf Sündenböcke – hier Juden und Schwarze – abwälzt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Montecino erklärt uns diese traurige Figur, entschuldigt nichts und lässt keine Sympathie aufkommen. Daneben beschreibt er unsentimental die Zustände in der jüdischen Gemeinde der „Stadt der Engel“ und die furchtbare Situation einer schwarzen Familie. Ihm ist ein fast 600 Seiten langer Krimi gelungen, bei dem keine Zeile zuviel ist.
Marcel Montecino: Kalt wie Gold, Goldmann 41224.Zuletzt SZ-Krimibibliotheck
DIE LIGA DER FURCHTSAMEN MÄNNER von Rex Stout
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Mit seinen Nero Wolfe und Archie Goodwin-Geschichten schuf Rex Stout die perfekte Synthese aus klasschischer Detektivgeschichte und der durch Hammett definierten hard-boiled-school: Nero Wolfe ist die typische Denkmaschine in der Tradition von Sherlock Holmes. Er verlässt so gut wie nie sein Haus und löst die kompliziertesten Rätsel zwischen gutem Essen und Orchideenzucht im Lehnstuhl. Der fette und faule Meisterdetektiv hatte sein Vorbild in Sherlock Holmes’ Bruder Mycroft. Um an die nötigen Informationen zu gelangen, schickt er seinen Helfer Archie Goodwin hinaus in die böse Welt. Archie ist ein Charakter wie aus einem Hammett- oder Chandlerroman: Er prügelt sich, steigt den Frauen hinterher und hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Der grosse Unterhaltungswert und die stilistische Brillanz von Stouts Geschichten kommt durch die Erzählperspektive: Als Ich-Erzähler berichtet der schnoddrige Archie über die Fälle, die Nero Wolfe am Ende jeder Geschichte in seinem Haus in Manhattans 35.Strasse durch scharsinnige Gedankenarbeit klärt. Dazu werden dann in klassischer Manier alle Tatverdächtigen zusammen gerufen.
Stout war bereits 48 Jahre alt, als er sein Duo erfand. Er schriebbis zu seinem Tod 1975 insgesamt 73 Novellen und Romane über Wolfe. Alle sind unterhaltsam, aber DIE LIGA DER FURCHTSAMEN MÄNNER von 1935 ist sein absolutes Meisterstück: Ehenmalige Harvardstudenten bitten Wolfe um Schutz vor einem ehemaligen Kommilitonen, an dessen Verkrüppelung sie schuld waren. Der Plot ist genial (was man über die wenigsten Wolfe-Geschichten sagen kann) und die Charaktere ausdrucksstark. Die Stout-Fans, die sich in der Organisation Wolf Pack zusammengeschlossen haben, halten PER ADRESSE MÖRDER X (THE DOORBALL RANG) für Nero Wolfes besten Fall.
Rex Stout: Die Liga der furchtsamen Männer. Heyne, 1090. vergriffen.
DER MÖRDER IN MIR von Jim Thompson
![KillerInsideMe[1] KillerInsideMe[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/killerinsideme11.jpg?w=150&h=231)
Lou Ford scheint ein netter, menschenfreundlicher Deputy Sheriff zu sein und ist doch in Wirklichkeit ein psychopathischer Killer. Ausserdem ist er der Ich-Erzähler in Jim Thompsons Klassiker THE KILLER INSIDE ME. Niemand, der die Geschichte von Sheriff Lou Ford gelesen hat, wird diesen düsteren Roman je vergessen können. Thompson schrieb den Roman in zwei Wochen und bekam 2000 Dollar dafür. Erstmals wurden in diesem Buch Elemente der hard-boiled-novel mit der Psychoanalyse verbunden. Dass die Erzählung vom psychopathischen Täter selbst vorgetragen wird, ist heute natürlich nichts Ungewöhnliches mehr, war aber 1952 ein innovatives Wagnis. Marcel Duhamel, Herausgeber von Gallimards Serie Noire, erinnerte Thompson an Henry Miller, Erskine Caldwell und Céline: „Thompsons Werk unterscheidet sich grundlegend von mittelmäßiger Kriminalliteratur; er besitzt einen völlig eigenen Stil und eine höchst individuelle Weltsicht.“
Thompson Gesellschaftsbild ist rabenschwarz. Gewalttätigkeit, Machtstreben und Korruption wächst aus ihr geradezu zwanghaft. Sein Markenzeichen, der paranonide Schizophrene, ist nichts anderes als die perverse Konsequenz aus dem Verfassungsgrundsatz, dass jeder „Amerikaner das Recht hat, nach seinem Glück zu Streben“. Für Thompson, der kurze Zeit in der Kommunistischen Partei war, Marx gelesen hatte und von Naturalisten wie Zola, William Cunningham und Frank Norris beeinflußt war, gab es nie einen Zweifel daran, dass das System naturbedingt Millionäre genauso hervorbrachte, wie es psychisch kranke Killer zeugte. In Thompsons Welt können die Dämonen des Schicksals nicht bezwungen werden. Seine Menschen sind allesamt armselige Kreaturen, die ohnmächtig diesem Fatum und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen ausgeliefert sind.
Als James Myers Thompson am 7. April 1977 in Los Angeles starb, war er ein vergessener Schriftsteller, und kein Buch von ihm war noch lieferbar. An seiner Beerdigung in Westwood nahmen nur wenige Menschen teil; lediglich vier Trauergäste gehörten nicht der Familie an. In Frankreich war fast Staatstrauer angesagt.
Jim Thompson: Der Mörder in mir. Diogenes. Audio: Audioverlag; Potsdam, 2000.
DRECKSAU von Irvine Welsh
„Warum ich zur Polizei gegangen bin? Oh, ich würde sagen, das hat mit polizeilichen Übergriffen zu tun. Ich bin in meiner Gemeinde Zeuge von Polizeigewalt geworden und hab beschlossen, dass ich bei so was auch mitmachen will“, erklärt der gemeine Ich-Erzähler Bruce Robertson, Polizist bei der Mordkommission von Edinburgh und der bösartigste Bulle der gesamten Kriminalliteratur.![filth_big[1] filth_big[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/filth_big1.jpg?w=155&h=250)
Bruce ist nur auf seinen Vorteil bedacht, er linkt jeden ab (auch seinen besten Freund), pumpt sich mit Drogen voll und erpresst Frauen zu Sex. Vielleicht Irvine Welshs(TRAINSPOTTING) bestes Buch. Bestimmt sein dreckigstes. Wer gemeine Ich-Erzähler liebt, kommt hier auf seine Kosten. Gegen Bruce Robertson sind Ellroys Bullen die reinsten Pfadfinder: „Ich meine, wir wissen, dass es Scheißgesetze gibt, also hat es nicht viel Sinn, dass wir sie selbst befolgen, auch wenn es unser Job ist, sie anderen gegenüber durchzusetzen.“ Eine nette Referenz an Moravias ICH UND ER sind die Monologe des Bandwurms, der Bruce zu schaffen macht.
Nichts für Leser, die in der Kriminalliteratur Realitätsflucht suchen.
Irvine Welsh: Drecksau (Filth,1998). Kiepenheuer & Witsch.
DIE GEFANGENEN VON GREEN RIVER von Tim Willocks
![3453131223_l[2] 3453131223_l[2]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/3453131223_l2.jpg?w=300&h=476)
Wenn kein Gesellschaftsvertrag existiert, der das Zusammenleben regelt, gibt es nur noch den Krieg aller gegen alle, verkündete der Philosoph Thomas Hobbes. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Wie das aussieht, leuchtet Willocks in seinem Gefängnisroman DIE GEFANGENEN VON GREEN RIVER aus. Er beschreibt 24 Stunden im schlimmsten Knast der Welt. Eine unerträgliche Atmosphäre aus Gewalt und Perversion beherrscht Green River. Und der durchgeknallte Direktor, der nicht von ungefähr Hobbes heißt, tut alles, um die Bedingungen zu verschlechtern, damit die letzten zivilisatorischen Regeln zum Klo runtergespült werden. Er zieht die Repressionsschraube immer weiter an, bis die kritische Masse explodiert und es zur ultimativen Schlacht zwischen Bestie und Geist kommt. Das Ende ist schlimmer als ein Auftritt der NO ANGELS. Nach der Lektüre beherzigt man gerne Alfred Hitchcocks Ratschlag für Filmemacher: „Bleibt aus den Gefängnissen raus.“ Alan Pakula hat die Filmrechte an diesem wahrscheinlich bisher besten Knastroman erworben.
Willocks’ Psychopathen wollen die menschliche Gesellschaft überwinden, indem sie Tabus zerschmettern und in sinnlosen Blutbädern und Orgien waten, um den vorgesellschaftlichen Naturzustand herzustellen. Bis sie dann endgültig in eine der unteren Höllen auf Grund laufen. Die komplexe Handlung wird zu einem apokalyptischen Finale geführt, das Willocks’ Markenzeichen ist. Zurück bleiben zutiefst leidende Charaktere und Leser, die noch lange grauenhafte Hironymus Bosch-Bilder im Kopf behalten.
Die Gefangenen von Green River, Heyne 1998.
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Vor fast zehn Jahren hatte ich den SODOM KONTRAKT geschrieben um mir selber zu beweisen, dass ich über die lange Strecke eines Romans kommen könnte. In meiner Zeit als Herausgeber, Lektor oder Kritiker war mir nie der Gedanke gekommen, einen Roman zu schreiben, bzw. schreiben zu wollen. Es wurde eine gute und interessante Erfahrung. Als Kritiker richtete ich künftig milder. Die Qualen beim Schreiben der „langen Strecke“ ließen mich noch Jahre danach jedem mit Respekt begegnen, der einen ganzen Roman durchhalten konnte. Inzwischen hat sich das relativiert; ich erkenne seit der Romanerfahrung genauer, wer nur etwas runterschmiert ohne sich zu mühen oder wer sich gequält hat um leicht und lässig rüber zu kommen… Aber darum geht es hier eigentlich nicht. Ich hatte nicht vor, einen weiteren Roman zu schreiben (lediglich aus dem Hörspiel MONEYSHOT wollte ich einen kurzen Noir-Roman machen; er ist so gut wie fertig und eine Filmoption ist ebenfalls verkauft). Aber ich wurde von den unterschiedlichsten Leuten immer wieder angesprochen doch eine Fortsetzung zu schreiben. Dann brachte der ALEXANDER VERLAG die überarbeitete Taschenbuchausgabe heraus und ich wurde noch häufiger nach einer Fortsetzung befragt.
Schließlich kam es zu einem Vertrag für einen weiteren Roman im Alexander Verlag. Ich überzog den Abgabetermin um zwei Monate, was dem Verleger Alexander Wewerka die Möglichkeit gab, von dem Vertrag zurück zu treten. Ihm gefiel das Manuskript nicht, obwohl er von Anfang an wusste, worum es geht ().
Nun habe ich also das fast fertig überarbeitete Manuskript und sitze vor dem nächsten Gill-Roman. Was machen? Zum Klinkenputzen bei Verlagen treibt mich nichts. Selbst, wenn es von einem Publikumsverlag angenommen wird, würde es etwa zwei Jahre dauern bis das Buch am Markt ist. Dazu bin ich zu ungeduldig. Aber schließlich gibt es neue Technologien, die man nutzen kann und immer schon ausprobieren wollte: das Book on Demand hatte mich schon seit den Anfängen fasziniert (ermöglicht es doch theoretisch die endlose Backlist!). Außerdem will ich endlich das Internet voll auskosten. Diese Kombination hat einen eigenen, ganz speziellen Reiz: Eine begrenzte Zeit den Roman in Fortsetzungen ins Internet stellen und dann (vielleicht nach dem ersten Teil?) das BoD anbieten. So wird also DIE LUCIFER CONNECTION als „Vorabdruck“ entweder in Evolver.At oder in diesem Blog erscheinen.
Und worum geht es?
Der Roman führt von Dortmund über Sierra Leone und London bis Wien. Es geht um Fälle von okkulten Menschenopfern, auf die ich durch einige Zeitungsausschnitte gestoßen bin (wie in SODOM werden auch in LUCIFER faktische Dokumente verarbeitet und dargestellt). Aber da ich nicht dasselbe Buch zweimal schreiben wollte, hat LUCIFER nicht die elliptische Erzählform von SODOM. Es ist eine gradlinige Ermittlung (der erste Teil ist fast ein Detektivroman), die im 2.Teil zur Quest (durch Sierra Leone) wird und im dritten zu einem Rachefeldzug. Recherchen sind wieder reichlich eingeflossen (Wewerka warf mir u.a. vor, das ich über mehrere Seiten die Geschichte der Glock-Pistole erzähle). Als Fan von Ian Fleming und Fredrick Forsyth möchte ich eben auch immer Fakten erzählen, die vielleicht nicht so leicht zugänglich sind und der intensive Recherchen vorausgehen (Reisen und Recherchen sind das Beste am Roman schreiben!). In LUCIFER habe ich mich intensiv mit westlichen Satanismus und schwarzafrikanischen Geheimgesellschaften (Poro Societies) beschäftigt, die bei den Bürgerkriegen in Sierra Leone und Liberia (beide von Charles Taylor angezettelt, der sich inzwischen in DenHaag komfortabel verantworten muss) eine Rolle spielten, die von unseren Medienkellnern kaum gewürdigt wurde.. Es ist ein ziemlich hartes Buch geworden. Und die Beschreibungen satanischer Rituale oder Taylors Riten (die in DenHaag belegt wurden), brachten mich an den Rand des Erträglichen (im Netz-Vorabdruck werde ich kürzen; genau wie bei Alexas Martyrium).
Die Protagonisten von SODOM KONTRAKT sind alle an Bord: Gill, Alexa, Karibik-Klaus und Cobra. Aber nach dem Ende von LUCIFER sind sie nicht mehr ganz dieselben und besonders Alexa hat einiges zu ertragen (was dann im dritten Roman, DIE GOMORRHA-DEPESCHE noch durchschlägt).
Martin Compart
Hier eine Szene aus dem 2.Teil von LUCIFER CONNECTION:
Über dem Getränkeregal hing ein rostiges Schild mit der Aufschrift: NO SMOKING OR WHORING IN THE OPS ROOM. Gill zündete sich eine Pall Mall an. Roelf bestellte ein Bier, Gill eine Cola. Sie setzten sich an einen wackeligen Tisch.
„Jetzt sind wir fast in der roten Zone. Noch ein paar Kilometer, dann setze ich sie ab.“
„Danke für alles.“
Roelf winkte ab. Ein Weißer betrat die Bar und Roelf und Gill musterten ihn. Er war einer dieser westlichen Geschöpfe voller Egoismus und Gier. Arrogant und angesoffen kam er hereingeschlendert, setzte sich ohne Aufforderung zu Gill und Roelf.
„Neue Buschpiraten. Ist ne ganze Weile her, dass sich Weiße hierhin verirrt haben. Die konzentrieren sich mehr auf Kono. Wegen der Diamanten. Hier gibt es nicht viel zu holen. Habe mir eure Karre mal etwas genauer angeschaut. Interessant. Hoch interessant. Warum habt ihr so viele Waffen?“
„Ich bin Pessimist“, sagte Gill unfreundlich.
„Mit ein bisschen Kohle kann man hier bestens zu recht kommen – wenn kein Krieg ist. Ein schönes Haus im Busch kostet mich jährlich 200 Dollar. Einen Matchstick – dass sind dünn gerollte Kokainzigaretten – kostet nicht mal nen Dollar. Eine Frau kriege ich für50. Eine echt starke Frau für 90. Gesund, kein Aids, große Titten und gehorsam. Die Familie kriegt die Knete und sie muss mir den Rest meines Lebens zu Diensten sein. Du kannst mit ihr machen, was du willst. Verprügeln, alles. Nur nicht in der Öffentlichkeit. Da sind sie empfindlich. Außerdem kannst du dir ja soviel Frauen zulegen, wie du willst. Sagen wir drei. Die eine besorgt es dir heute, die andere bläst dir morgen die Flöte und übermorgen knallst du die dritte von hinten, während du über Schüssel die Bundesliga guckst. Dabei freut sie sich, dass du so aufmerksam bist. Und wenn du richtig gut drauf bist, treibst du es mit allen gleichzeitig und hörst dabei Freddys Heimwehlieder. Gelegentlich nimmst du einen Schluck geschmuggelten Johnny Walker Black Label, siehst auf die Uhr und denkst daran, dass die Kollegen in Deutschland jetzt Mittagspause haben und zur Kantine schlurfen, wo sie einen Fraß in sich reinschaufeln, den hier kein Pavian beschnüffeln würde. Kapiert?“
„Interessantes Lebenskonzept“, sagte Gill.
„Ist ja noch lange nicht alles. Während du in deinem weißgekalkten Haus deinen Saft verspritzt, arbeiten Horden von großen, affenstarken Bimbos auf deinen für 10 Dollar gepachteten Feldern oder durchsieben Sumpfschlamm nach Diamanten. Warum sie das tun? Weil du der weiße Bwana bist und Travellerschecks hast. Jeder davon ist mehr wert, als sie in fünf Jahren verdienen. Wir sind hier nicht in einem Vorort von Düsseldorf. Frauen sind Leibeigene, Vieh, wilde Tiere. Die Leute hier sind ungebildete, gottlos Ignoranten, die ihrem Manitu danken, wenn sie dir für zehn Cent die Füße waschen dürfen. Du bist der Mastah, kapiert? Der Big Boss – und sie wollen das auch. Wenn du nicht auf Boss machst, sind sie nicht etwa glücklich. Nee, sie sind sauer, weil sie nichts von deiner Kohle abgreifen können. Ich rede nicht von einer höhern Lebenserwartung oder besseren Lebensbedingungen – das ist auf diesem Scheißkontinent sowieso nicht drin. Ich war schließlich lange genug beim Entwicklungsdienst.“
„Du bist schon ein ziemliches Arschloch.“ Gill kannte diesen ganzen Scheiß und konnte es nicht mehr hören. Mit ähnlichem Mist hatten ihm pädophile weiße Frührentner in Asien ein geschwollenes Ohr gequatscht.
„Weiß ich. Und der Gedanke, einen edlen Menschen wie dich vom Pfad der Tugend abzubringen, erfüllt mich geradezu mit unerträglichem Schmerz. Aber niemand zwingt sie dazu. Wenn ihre freiwillige Lebensweise deine menschlichen Vorstellungen von menschlicher Würde beleidigt, dann fahr doch nach Hause. In Deutschland geht es allen gut und alle sind gut drauf, stimmt´s? Sie hocken in elenden Mietskasernen in Wanne-Eickel und sehen sich die Fette am Mittag auf Flachbildschirmen an, die sie noch abstottern müssen – in sechzig Monatsraten zu neunundzwanzigneunundneunzig. Neben ihnen auf dem Sofa sitzt eine fette Frau, bei der man seit Jahren keinen mehr hoch kriegt und berechnet, wie das nach der Kündigung mit Hartz 4 funktionieren soll. Sie fahren nicht mehr mit dem Auto, weil eine Tankfüllung dreimal soviel kostet wie ein DVD-Player, den kleine Asiaten mit flinken Fingern aus Restmüll zusammengebastelt haben und der genau einen Tag nach dem Garantieende auseinander fliegt. Sie finden das toll, weil sie mit dieser Scheiße aufgewachsen sind. Dasselbe gilt für die Bimbos. Wäre so, als würdest du eine Katz fragen, ob sie nicht gerne Flügel hätte um herum zu fliegen. Du kannst hier keinen europäischen Vorposten errichten und Aldi-Läden aufmachen oder Mcdonalds aufmachen nur weil das die Art zu leben ist, die du kennst. Die können hier fast alle nicht lesen. Müssen sie auch nicht. Gibt zuviel zu tun für den großen, weißen Jäger. Die Leute sind zu sehr mit Diamanten waschen und Ficken beschäftigt. Mehr haben sie nicht drauf, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig abmurksen oder Glieder absägen. Hier war mal so ein Arschloch, der wollte ein Buch über mich und mein schönes Leben schreiben. Dem habe ich gesagt: Dein beschissenes Notebook hat nicht genug Speicherplatz für alle Geschichten, die hier erlebt habe.“
„Du solltest gelegentlich mal nach Deutschland fahren und dir deine Schrauben nachziehen lassen.“
Roelf hatte genervt und schweigend den Redeschwall über sich ergehen lassen, stand auf und murmelte zu Gill: „Ich geh mal ein paar Schritte und sehe mich um. Bin spätestens in zwanzig Minuten wieder hier.“
Günter brüllte nach einem weiteren Star-Bier. Als der griechische Wirt es ihm hinstellte, lallte er: „ Treib mal ein paar Frauen für mich und meinen Freund zusammen.“
„Wie viele?“
„So viele, wie in die Hölle passen. Treib sie zusammen. Ich übernehme die Transportkosten. Wenn es mit der Inflation so weit kommt, dass ich mir überlegen muss, wie viele Frauen ich mir pro Nacht leisten kann, wird es Zeit das Land zu verlassen.“
Ein Bettler hatte sich hereingeschlichen als der Wirt nicht aufmerksam war. Auf seinem Brett rollte er zu ihren Tisch und jammerte auf Krio nach ein paar Cents. „Bitte. Nur ein klein Geld. Zehn Cent.“
Günter beugte sich zu ihm. „Du glaubst wahrscheinlich, du hast es schwer, was? Okay, die Frau ist krank, die Beine sind ab, die Kinder haben nichts zu fressen. Erzähl mir mal was Neues. Wie würde es dir gefallen, in Herne zu leben? Manche dort haben nicht mal Premiere und müssen die Spiele in einem beschissenen Zusammenschnitt in der Sportschau sehen. Nix Premiere, nicht live dabei.“
„Mastah, ich versteh nicht Prääämier. Gib mir zehn Cent, bitte.“
„Genau. Du verstehst nichts. Du weißt gar nicht, wie gut du es hast.“
„Könnte es sein, dass du ein verdammter Spitzel der Wild Side Boys bist?“
„Ich und Spitzel? Du spinnst. Ich bin gelegentlich Geschäftsmann. Mann, in diesem Teil des Universums macht jeder mal Geschäfte mit jedem. Das gehört hier zur Folklore: Heute bist du mein Feind und drohst mir die Arme abzuhacken, morgen vielleicht mein Geschäftspartner. Klar, ich habe schon mal mit den Boys gedealt…“
Das Großmaul könnte ein ernstes Problem sein.Sicherlich meldete er der Gang jedes neue Gesicht in der Region, die sie als ihr Territorium ansahen. Auch für weniger als dreißig Silberlinge.
„Als Geschäftsmann muss man Prioritäten setzen. Meine erste Priorität ist die Farbe Weiß. Ich bin ein weißer Mann, du bist ein weißer Mann. Du hast genug Geld um eine kleine Armee auszurüsten. Dann hast du auch genug Geld für Humint?“
„Für was?“
Gill reichte dem Bettler einen Schein. Voller Lobeshymnen auf Gill rollte er zum Ausgang, von einem Fußtritt des Wirtes begleitet.
„Das ist ein Ausdruck, den die Geheimdienste benutzen. Humint meint Human Intelligence im Gegensatz zu Tecmint für Technic Intelligence. Also Infos durch menschliche Quellen im Gegensatz zu Infos aus technischen Quellen. Kapiert? Geheimdienstjargon. Erste Sahne.“
„Interessant. Du kennst dich aus, was?“
„Ich kenne so einiges. Kann man sagen. Ja, ich weiß, wo es lang geht. Also pass mal auf: Ich bin Humint für dich. Und dafür lässt du ´n bisschen was rüberwachsen. Alles klar?“
. ..“Und wenn ich gar keine Fragen habe? Was sollte ich von dir schon wissen wollen?“
„Wie wäre es mit Diamanten? Ist zwar nicht Kono, aber hier gibt es auch welche. Jeder ist scharf auf Steine, wenn er nach Leone geht. Kannste so aus den Löchern schaufeln. Nur mit den Händen. Ich kann dir ´n echt guten Preis machen… Vermitteln. Die Preise sind total sauber. Verkaufste in Antwerpen mit hundert Prozent Gewinn. Sowas von gutem Geschäft.“
„Danke. Die nimmt mir der Zoll sowieso weg. Außerdem verstehe ich nichts von dem Geschäft.“
„Musst du auch nicht. Dafür hast du ja mich. Ich zeige dir die Steine, du bezahlst den üblichen günstigen Preis. Halbe Preis hier, halber Preis in Antwerpen. Dir mach ich einen besonders günstigen Preis. Ich bringe sie über Monrovia raus und – voila – in einer Woche kriegste sie in Antwerpen aufs Zimmer geliefert.“
„Ich muss was mit meinem Gesicht machen. Vielleicht eine Schönheitsoperation.“
„Was? Wieso das denn? Bist doch ein schmucker Feger.“
„Offensichtlich sehe ich so blöde aus, dass du mir so ein Geschäft anbietest.“
„Quatsch. Was iss jetzt? Machen wir den Deal?“
„Eher verbringe ich den Rest meines Lebens in einem Tokio Hotel-Konzert.“
Roelf kam zurück und flüsterte Gill etwas ins Ohr. Günter starrte sie aus dummen Augen an.
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OLIVER ROHRBECK liest SHUTTER ISLAND von DENNIS LEHANE (Lübbe Audio, 6 CDs)
Das Gute zuerst: Rohrbecks Vortrag ist eine beeindruckende schauspielerische Leistung. Ihm gelingt es fast jede Figur in einem unterschiedlichen Ton zu treffen. Ein Grund, weshalb ich dem Hörbuch bis zum Ende gefolgt bin. Den Roman hätte ich spätestens nach 100 Seiten in die Tonne gehaun. Denn mit Dennis Lehane ist einer der größten Langweiler der zeitgenössischen amerikanischen Kriminalliteratur am Werk! Und er schafft es tatsächlich mit jedem Buch öder zu werden. Erst schrieb er eine Serie um ein Private-Eye-Paar, voll von Beziehungsproblemen, die eine Amelie Fried vor Verzückung glühen lassen. Dann hatte er mit dem Schnarchroman MYSTIC RIVER (von Clint Eastwood ebenso langweilig verfilmt) sowas wie seinen Durchbruch. Wie bei MYSTIC RIVER jaulen unbelesene Feuilletonisten von einem Meisterwerk. Wahrscheinlich haben sie bis auf ein paar Skandinavier und Trutschenkrimis nichts gelesen. Uninteressante Charaktere auf einer Insel, verquaster Psychomist, ein bißchen Neo-Gothic, CIA-Artischocke-Anspielungen, so dümpelt es dahin bis zum hirnrissigen Schluss. Nie wieder Lehane! Das ist Verschwendung von Restlebenszeit.

Der lange Abschied
DER LANGE ABSCHIED von Raymond Chandler. Gelesen von Gert Heidenreich.13 CDs; 39,90 Euro. Diogenes Verlag.
Lang´ ist´s her, da bin ich gerne nachts mit dem Auto sinnlos durch Holland und Deutschland rum gefahren um dabei Bruce Springsteen zu hören, dem vielleicht größten Poeten nächtlicher Geschwindigkeitsübertretungen. Das war großer Spaß und große Freiheit. Man brauchte nicht mehr Geld als für eine erschwingliche Tankfüllung und ein paar Kaffees in Raststätten mit dem Charme eines Güterbahnhofs. War schon irgendwie prägend.
Lange hatte ich kein ähnliches Hörerlebnis. Heidenreichs Lesung von Chandlers Klassiker hat mir diese Empfindungen wieder geschenkt. Die Melancholie des Textes passt ganz wunderbar zu nächtlichen Autofahrten und sei jedem empfohlen, der längere Strecken beabsichtigt (vielleicht mit dem Auto bis Kapstadt). 956 Minuten Chandler at his best. Die inzwischen durchgesehene Diogenes-Übersetzung holpert gelegentlich, ist aber durchwegs gelungen. Ich lese den langen Abschied alle paar Jahre. Und er ist jedes Mal neu und ergreifend. Heidenreichs Vortrag ist großartig, packt einen und reißt mit.
HARD CASE CRIME bei Argon Hörbuch. Immer 4 CDs für je 16,95 Euro.

Crack
Alle gelesen von Reiner Schöne! Und das ist auch verdammt gut so. Denn Reiner Schönes kraftvolle, manchmal humorvolle, Vorträge geben den Dingern den echten Kick. Immer genau den Ton der Sujets treffend. Mit das Beste, was er seit HAIR gemacht hat. Ohne ihm zu Nahe treten zu wollen, behaupte ich mal: Die beste Stimme für große Pulp-Literatur.
Bisher erschienen:
Mickey Spillane: Das Ende der Straße
Richard Aleas: Tod einer Stripperin
Donald E.Westlake: Mafiatod
Lawrence Block: Abzocker
Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse
Ken Bruen & Jason Starr: Flop
EDWARD BOYD
Was ich wirklich nicht begreife: Warum bringen der SWF und der WDR nicht die Hörspielserien von Edward Boyd auf Kauf-CDs heraus). Der Schotte Boyd war und ist für das Kriminalhörspiel das, was Raymond Chandler für die Hard-boiled-Novel ist. Also nichts weniger als unerreichte Klasse und von einer Sprachgewalt, von der durchschnittliche Autoren nur träumen können. Und ohne Old Ray zu nahe treten zu wollen: Boyds Plots sind meistens besser, aber genauso eigenwillig. Um einen kurzen Überblick zu geben, um welche Hörspiele es sich handelt (sie werden mehr oder weniger regelmäßig in den ARD-Anstalten wiederholt:
DIE STEVE GARDINER TRILOGIE:
Die Figur des Steve Gardiner war ursprünglich die Hauptperson in Boyds Fernsehserie THE ODD MAN (1962-63).
1969 Fünf Finger machen eine Hand (40, 45, 42 und 38 Minuten)
1970 Die schwarze Kerze (57, 57 und 59 Minuten)
1973 Schwarz wird stets gemalt der Teufel (52, 48 und 47 Minuten)
UND:
1971 Kein Mann steigt zweimal in denselben Fluss (52, 54 und 54 Minuten) Davon gibt es eine Romanfassung, DER SCHWARZE ENGEL, die als Goldmann-Krimi antiquarisch für ein paar Cents zu kaufen ist.
1975 Dachse im Eulenlicht (34, 36 und 39 Minuten) 1982 gab es bei der BBC einen Dreiteiler, der auf der Hörspelserie basierte.
1986 Bullivants Match oder Brachvogel im Herbst (50, 49 und 53 Minuten)
1989 Spanische Schlösser (44, 49 und 52 Minuten)
Edward Boyd (1916-1989) war Theater-, Radio-, und TV-Autor. Er schuf die Serien THE CORRIDOR PEOPLE und die wunderbare PI-Serie THE VIEW FROM DANIEL PIKE, arbeitete an zahlreichen Serien wie Z-Cars mit. Aus THE ODD MAN gingen zwei spin-offs hervor: Die Serien IT´S COLD OUTSIDE und MR.Rose. 1967 schrieb er das Drehbuch zu Peter Hyams Klassiker ROBBERY mit Stanley Baker.
Aber sein größter und bleibendster Eindruck sind seine Hörfunkserien, die schlichtweg zu den Höhepunkten des gesamten Genres Kriminalliteratur zählen. Wie jedes gute Kunstwerk kann man sie wieder und wieder hören, wird in ihrer Dichte immer wieder etwas Neues finden. Eine Reproduktion in Spitzenqualität auf CD ist überfällig. Die deutsche Dramaturgie und Regie (Heiner Schmidt) ist perfekt. Absolut ein Höhepunkt deutscher Hörspielkunst, wie man sie heute nie oder selten zu Ohren bekommt. Wenn ich eine Boyd-Phase habe (in regelmäßigen Abständen), höre (im wahrsten Sinne des Wortes ich erst auf, wenn die Ohren bluten.
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Die Kolumne für unverbesserliche Verschwörungstheoretiker
Nur ungebildete Idioten oder nicht minder speichelleckerischen Medienkellner schreien heute noch entsetzt „Verschwörungstheorie“, wenn sie auf Fakten stoßen, die ihr lämmerhaftes Weltbild erschüttern. Deshalb mal ein kleiner Überblick über einige interessante Bücher der letzten Jahre (an dieser Stelle wird nicht dem ekeligen feuilletonistischen Geschreie nach kurzlebigen und unwichtigen Aktualitätenkram gehuldigt).
„Männer desselben Berufs schließen sich nie zusammen, es sei denn, um sich gegen die Allgemeinheit zu verschwören“, schrieb nicht etwa ein als Verschwörungstheoretiker diffamierter Autor eines Buches zum 11.9. oder des Irak-Krieges, sondern der Begründer der Klassischen Nationalökonomie Adam Smith (1723-1790). Und um Verschwörungen zu vertuschen, beziehungsweise genehme Wahrheiten zu verbreiten, bedarf es heutzutage der Medien. Der genauso viel gescholtene wie verkaufte Mathias Bröckers, der mit Andreas Hauß sein Werk FAKTEN, FÄLSCHUNGEN UND DIE UNTERDRÜCKTEN BEWEISE DES 11.9. (Zweitausendeins; mit Dokumentarfilm auf CD) vorgelegt hat, weiß auch dazu Bedenkenswertes zu berichten: „Anfang der 80er Jahre verfügten rund 400 Unternehmen über die Zeitungen, Radio- und TV-Sender der USA, heute sind es noch neun Konzerne, die den gesamten Medienoutput kontrollieren. Gerade beginnt in den USA die Debatte darüber, wie schmählich die Medien seit dem 11.9. versagt haben, indem sie kritiklos und ungeprüft das nachfaselten, was ihnen vom Weißen Haus und Ölmagnaten vorgelallt wurde. In Deutschland war dies nicht anders, wie Christian C. Walther in DER ZENSIERTE TAG (Heyne Verlag) belegt. Ohne Not unterdrückten die Heloten der Mächtigen jede unbequeme Wahrheit. Walther trägt alles ganz nett zusammen, aber leider auf eine eitle und schlecht geschriebene Weise, die manchen unnötigen Angriffspunkt bietet. Spannend erzählt ist dagegen DER BUSH-CLAN (C.Bertelsmann) von Kitty Kelly, die – trotz massiver Repressionen – mit tausend Menschen für ihr Buch gesprochen hat, die reichlich Unerfreuliches über diese Familie zu berichten haben. Kelly zeigt das bestürzende Bild einer Dynastie von mittelmäßigen, habgierigen und skrupellosen Machtmenschen. Eine Familie, bei der Drogenmissbrauch, Ehebruch, Vorteilsnahme im Amt, Ämterpatronage und illegale Geschäfte selbstverständlich sind. Man erfährt einiges, was man so noch nicht gelesen hat: “ ‚Sie wissen doch, was sie in Florida während der Stimmennachzählung vom Wahlkampf 2000 gemacht haben’, antwortete er und schilderte mir dann ausführlich den so genannten „Brooks Brothers Riot“ von republikanischen Parteiaktivisten. Diese Männer stürmten die Räume des Wahlprüfungsausschusses, was dazu beitrug, dass die Stimmauszählung in Miami abgebrochen wurde. Um seine Behauptung zu beweisen, schickte der Mann mir Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass viele Randalierer von Bushs Nachzählkomitee bezahlt worden waren.“ Und wer sind die Gruppierungen, die hinter Bush und seiner Mafia stehen? Der Geschichtsprofessor Theodore Roszak von der Berkeley University nennt in seiner sozio-politischen Betrachtung ALARMSTUFE ROT-AMERIKAS WILDWEST-KAPITALISMUS BEDROHT DIE WELT (Riemann Verlag) Gruppierungen: Die Corporados, Wirtschaftsmagnaten, deren Gier keine Grenzen kennt, Killer-Ceos, die sich jenseits aller Gesetze wähnen und dem Sozialdarwinismus huldigen, die Triumphalisten, die ihr Heil in der militärischen Aufrüstung suchen und nicht zuletzt die religiösen Fundamentalisten, die eine christliche Weltordnung herbeibomben wollen – wenn es denn sein muss.
Eines der wichtigsten Sachbücher der letzten Jahrzehnte dürfte die längst überfällige deutsche Ausgabe von Alfred McCoys DIE CIA UND DAS HEROIN – WELTPOLITIK DURCH DROGENHANDEL (Zweitausendeins) sein. Es ist das Lebenswerk des Amerikaners, der seit 1970 die Geschichte des Drogenhandels recherchiert. Sein Buch wurde zuletzt 2003 auf den neuesten Stand gebracht und ist schlichtweg das Standardwerk, das man gelesen haben muss. McCoy beschreibt minutiös, wie skrupellos die Kolonialmächte Drogenhandel betrieben, mal legal mal illegal, je nach Profitinteresse. Besonders die Drogenkriege der Amerikaner nehmen einen breiten Raum ein. Daneben erfährt man interessante Details: Die Zahl der verbotenen Drogen erhöhte sich bis 1995 auf 245; 1931 waren es erst 17 gewesen. Ende der 90er Jahre war der globale Drogenhandel nach Angaben der UNO eine 400-Milliarden-Dollar-Industrie mit 180 Millionen Konsumenten mit acht Prozent am Welthandel – vor Textil-, Stahl- oder Autoindustrie.
P.S.: Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass die wirtschaftliche (weil auf Steuergeldern beruhend) Existenz von Gerhard Schröder (Ex-Kanzlerdarsteller), Joschka Fischer (Angriffskriegsbefürworter), Rudolf Scharping (dito) Bodo Hombach und Wolfgang Clement zerstört gehört.
Rezension von 1989:
John Gardner: Scorpius
(Scorpius,1988).
Deutsch von Hartmut Huff; Heyne o1/8033; 317 Seiten; DM 7,80.
Es ist der Geldgier der Fleming-Erben zu verdanken, dass John Gardner nun schon zum siebenten Mal den Versuch unternehmen kann, einen der großen Mythen das 2o.Jahrhunderts und Flemings Unsterblichkeit in den Dreck zu treten. Wer 007 lediglich durch die unerträglichen Moore-Filme oder die an der Schmerzgrenze des anspruchsvollen Thriller-Fans angesiedelten Gardner-Bonds kennt, wird nie verstehen können, warum der Hector der westlichen Beamtenschaft zum Welterfolg werden konnte.
Man muss Fleming und Bond mögen um zu erkennen, was ihnen durch diese rip-offs angetan wird. Wer Flemings überragendes literarisches Talent nicht erkennt und sich über die Pop-Ikone 007 ideologisch ereifert, dem dürfte eh wurscht sein, was Gardner anstellt. Aber für diejenigen, die Fleming und sein Werk schätzen, ist es ein echtes Ärgernis. Und immerhin gehörte der vielleicht schärfste aller Krimi-Kritiker zu Flemings härtesten Fans und Bewunderern: Raymond Chandler rezensierte sogar enthusiastisch die Bond-Romane LIVE AND LET DIE, MOONRAKER und DR.No.
Gardner hat kaum Ahnung von seinem Helden. Zwar hat sich das im Laufe seiner bisher geschriebenen Romane da ein bisschen was getan, aber wirklich begriffen hat er weder die Figur noch deren Schöpfer. So lässt er den hundertprozentigen Briten etwa französische Anzüge tragen oder macht den von Kingsley Amis als Kulturbanausen richtig erkannten Bond plötzlich zum Jazz-Fan. Statt cooler Arroganz ist dem Gardner-Bond debiles Menscheln eigen. Und M, von Fleming als Inbegriff des effektiven emotionslosen Apparatschik charakterisiert, lässt er kaum motivierte Wutausbrüche hinlegen. Und „sein“ Bond behauptet gar – und da bleibt wohl jedem Fleming-Kenner die Spucke weg -:“Mein Vorgesetzter ist von einem hübschen Gesicht und einer noch hübscheren Figur leicht herumzukriegen.“ Gardner degradiert einen Pop-Mythos mit ähnlichen Steherqualitäten wie die Rolling Stones zu einem langweiligen Halbidioten der sich mühsam durch ungemein langweilige Bücher schleppt, die offensichtlich von einem Schwachsinnigen geschrieben wurden. Gardner ist völlig unfähig, so etwas wie Spannung zu erzeugen. Peinlich wird er besonders dann, wenn er krampfhaft versucht Flemings eigenwillig harten Szenenanreißer zu kopieren; das klingt dann eher nach Parodie (und die Bond-Parodien um Boysie Oakes, mit denen der Gute vor vielen Jahren mal ins Geschäft kam, waren schon schwer erträglich). Ein paar Stümpereien gefällig? Bitte sehr:
„Das Summen des Radioweckers schnitt wie das Messer eines Vandalen in den tiefen Kokon des Schlafes.“
„`Nein! Nein!Nein!`’Ja’, sagte Bond scharf und herrisch. ‘ Ja!Ja! Und Ja!’“
Der Plot? Irgendein Schwachsinn über die xte Sekte mit einem diabolischen Führer der die Welt beherrschen will. Ein Plot, für den sich Fleming geschämt hätte. Es gibt nicht ein positives Moment für dieses stinklangweilige Buch festzuhalten. Warum durfte Bond nicht friedlich entschlummern? Und wenn schon nicht, dann hätte man wenigstens Kingsley Amis alias Robert Markham die Bond-Saga fortschreiben lassen sollen. Denn der kannte Fleming wie kein anderer und sein Bond-Roman COLONEL SUN ist immerhin besser als Flemings MAN WITH THE GOLDEN GUN. John Gardner gehört offensichtlich zu einem Komplott von SPECTRE um Bond endgültig auszuschalten.
Diese Rezension ist von 1989
Gespeichert unter: Noir, Rezensionen | Schlagworte: Mickey Spillane, Mike Hammer
Diese Rezension ist von 1990:
Mickey Spillane: Ich, der Rächer
(The Killing Man, 1989)
Deutsch von Walther Ahlers.
Heyne. 301 Seiten, DM 24,80.
„Manche Tage hängen über Manhattan wie eine riesige unsichtbare Zange, die der Stadt allmählich den Hals zudrückt. Ein dumpfes Donnergrollen hallte bis hinunter in die Schlucht der Fifth Avenue, und ich schaute dort hinauf, wo am 71. Stockwerk des Empire State Buildings der Himmel begann. Ich konnte den Regen riechen. Es war die Art Regen, der über den geordneten Betonmassen hing, bis er mit Staub und Dreck vollgesogen war, und wenn er dann fiel, war es kein Regen mehr, sondern der Schweiß der Stadt.“
Mit diesen Worten meldet sich nach 19 Jahren Feuerpause der böse Bube der Kriminalliteratur, der ultraharte Privatdetektiv Mike Hammer in dem Roman ICH, DER RICHTER zurück. Als 1947 das Buch I, THE JURY des ehemaligen Comic-Texters und Flugausbilder Mickey Spillane erschien, hatte der Kriminalroman seine Unschuld verloren. Zwar hatten schon zuvor Autoren wie Dashiell Hammett, James Malahan Cain und Raymond Chandler knallharte Geschichten aus einer realistisch gezeichneten, korrupten Welt erzählt, aber was Mickey Spillane und sein Ich-Erzähler Mike Hammer Lesern und Kritikern hinwarf, übertraf an Brutalität und paranoider Weltsicht alles bisherige. Die Figur des edlen Privatdetektivs war zu einem düsteren Racheengel mutiert, der mit der 45er in der Hand in den düsteren Schluchten New Yorks mordend eine blutige Spur übelster Selbstjustiz hinter sich her zog. Die Kritik verkündete den endgültigen Untergang der Zivilisation und die Leser, die gerade aus einem Weltkrieg heimkehrten und brutaleres hinter sich gelassen hatten als selbst Spillanes Phantasie ausbrüten konnte, machten das Buch zu einem Mega-Seller. Bis heute wurden alleine von Spillanes Erstling 9 Millionen Exemplare verkauft. Es ist damit der zweiterfolgreichste Kriminalroman aller Zeiten(die Nummer Einsist nach wie vor DER PATE von Mario Puzo) und nimmt unter den meistverkauften Romanen aller Zeiten Platz 18 ein; unter den meistverkauften Büchern überhaupt den 39.Platz. Insgesamt hatten seine 23 Romane, vier Jugendbücher und fünf Kurzgeschichtenbände 1984 eine Gesamtauflage von 160 MillionenExemplaren. Davon verkaufte Spillane das Meiste in den 5oer und 6oer Jahren, in denen er der meistgehehaßte Autor der Literaturkritik war. Ob Pornographievorwurf oder Faschismus – in seinen Büchern konnten liberale Kritiker all das propagiertfinden, was sie ablehnten: Fanatische Selbstjustiz und die Darstellung von Frauen als vollbusige Sexobjekte deren höchstes Ziel die sexuelle Befriedigung Mike Hammers ist, Spillane ließ nichts aus. „Die Kritiker sind großartig. Je mehr sie mich niedermachen, umso mehr Bücher verkaufe ich“, verkündete der Missverstandene, der 1951 den Zeugen Jehovas beitrat, mehr aus Selbstschutz. Denn wer ihn kennt weiß, dass unter der rauen Schale ein weicher Kern steckt, der trotz gegenteiliger Großmäuligkeiten unter der Verachtung der Kritiklitt und erst in den 80er Jahren durch die Aktivitäten einiger junger amerikanischer Krimiautoren, darunter Max Allan Collinsder zusammen mit James L.Traylor ein bemerkenswertes Buch überden ungekrönten König der Vigilantenliteratur schrieb, rehabilitiert wurde. Zu den Verteidigern Spillanes gehörten auch so unterschiedliche Schriftsteller wie Dylan Thomas und Jörg Fauser, dessen 1985 im „Spiegel“ veröffentlichte Apologetik noch für Aufregung sorgte. In der Bundesrepublik war Spillane der „Liebling“ der antiquierten Bundesprüfstlle für jugendgefährdende Schriften; in den 5oer Jahren indizierte siedie ersten sieben Mike Hammer-Romane (und I THE JURY ist wohl der einzige Roman, der in drei verschiedenen Übersetzungen von den Jugendschützern aus dem Verkehr gezogen wurde). Noch in den 8oer Jahren, in denen man Bücher und Filme gesehen hatte gegen die Spillanes Blutopern wie Botschaften aus der guten alten Zeit wirkten, wurden mehrere Romane indiziert mit der Begründung, das sie den „Jugendlichen sittlich-ethisch desorientieren“ könnten.
Der 1918 in Brooklyn geborene Autor sorgte auch außerhalb seiner sex & crime-Epen für Schlagzeilen: Mit dem FBI ging er auf Dealerjagd (was ihm eine Schussverletzung einbrachte), im Zirkus trat er als menschliche Kanonenkugel auf – und er spielte sich selbst in einem Film und seinen Helden Mike Hammer in der von Roy Rowlands in England gedrehten Verfilmungseines Romans THE GIRL HUNTERS. Spillane tat alles um den Eindruck zu erwecken, er sei ebenso wie seine Schöpfung ein knallharter Bursche der mehr mit hart arbeitenden Fabrikarbeitern gemein hat, als mit Millionären und dünnblütigen Literaten.
1970 hatte er seinen letzten Mike Hammer-Roman veröffentlicht; seinen letzten Kriminalroman, den ebenfalls inder BRD in den 80er Jahren indizierten Polizei/Mafia-Roman THELAST COP OUT, 1973. Danach hatte sich Spillane nach einer turbulenten Ehe mit dem Ex-Modell Sherri, die als erste Nacktedas Cover eines amerikanischen Hardcovers auf Spillanes ebenfalls indizierten THE ERRECTION SET (SEXBOMBER) schmückte, scheiden lassen und zum dritten Mal geheiratet. Er machte in den USA äußerst populäre Werbespots für eine Biersorte und schrieb seit 1979 – man glaubt es kaum! – Jugendbücher. Das erste, THEDAY THE SEA ROLLED BACK, wurde sogar mit dem Junior Literary Guild Award ausgezeichnet, die einzige literarische Auszeichnung, die er bisher erhalten hat.
In den 8oer Jahren gab es so etwas wie eine Renaissance des Privatdetektivromans. Im Schatten des Riesenerfolges des „linksliberalen Mickey Spillanes“ Robert B.Parker, begannen unzählige Autoren neue Privatdetektive in Trenchcoats zu stecken und durch die düsteren Großstadtschluchten zu schicken. Die mythische Figur des private eye übte nach Jahrendes Niedergangs eine große Anziehungskraft auf Leser und Autoren aus. Dabei wirkt diese Figur heute genauso anachronistisch wie ihr direkter Vorfahre, der Cowboy. Ausgerechnet das kriminalliterarische Subgenre Privatdetektivroman, das durch Hammett und Chandler Realismus in den Kriminalroman brachte, ist heute die wahrscheinlich unglaubwürdigste, irrationalste und unrealistischste Spielart des Krimis geworden. Die Figur des edlen Kleinunternehmers derals Erzengel der Gerechtigkeit schießend, saufend und prügelnddurch die Gegend zieht um für sozialen Ausgleich im Kleinen zu sorgen, wirkt heute mindestens so überholt wie etwa der Heros des Kalten Krieges und der Angestellten James Bond.
Eine Fernsehserie um einen auf TV-Maßstäbe zurechtgestutzten Mike Hammer mit Stacy Keach in der Titelrolle weckte neues Interesse an Spillanes legendären Helden. Und eine Folge für diese Serie war auch der Ausgangspunkt für Spillanes neuen Roman: „Ich fand die Idee viel zu gut, um sie in einer Serienfolge zu verheizen.“ Wieder einmal wird Mike zum Rächer, als er einen furchtbar verstümmelten Toten und seine halbtotgeschlagene geliebte Sekretärin Velda in seinem Büro vorfindet. Und wieder gerät Mike zwischen alle Fronten- von den Geheimdiensten bis hin zur Staatsanwaltschaft, die seit den 5oer Jahren vergebens versucht, Mikes Lizenz als Privatdetektiv einzuziehen. Die neurotische Kraft der frühen Romane ist seit den 6oer Jahren gebremster. Spillane und Hammer scheinen sich besser unter Kontrolle zu haben – bis sie in eine explosive Situation geraten. Spillane weiß immer noch eine spannende Geschichte kraftvoll zu erzählen. Und auch seine poetischen Einschübe über die Atmosphäre der Stadt New York, in der es immer zu regnen scheint, sind stark wie früher. Die Gewalt & Sex-Diskussion um Spillane hat immer den Blick verstellt auf die Qualitäten eines äußerst dynamischen und originellen Erzählers. Die Mike Hammer-Romane waren und sind auch immer die Romane New Yorks. Und für diese Stadt hat Spillane ein hinreißendes Gefühl:
„Sonntagmorgen in New York ist mit keiner anderen Zeit zu vergleichen. Vom Morgengrauen bis zehn hat die Stadt etwas von einem ungeborenen Fötus. Die leisen Geräusche und Störungen sind kaum wahrnehmbar, winzige Bewegungen gehen vonstatten, Formen verschmelzen ineinander, aber es passiert nichts. Es ist die Zeit, in der die ungewohnte Leere es einem ermöglicht, schnell mal von einem Ort zum anderen zu gelangen.“
