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Es fängt mal wieder ganz harmlos an: Der herunter gekommene Ex-Footballer Lee Scarborough muss sein Auto verkaufen und gerät dabei an die attraktive Madelone Butler. Und die schlägt ihm ein windiges Geschäft vor: Er soll in ein Haus einbrechen und die versteckte Beute aus einem Raub holen. Und damit geht die Party natürlich erst richtig los.
A TOUCH OF DEATH (100 MEILEN ANGST bei Heyne, 1968) gehört zu den düstersten Romanen von Charles Williams. Vielleicht der Roman mit der schlimmsten femme fatale aller Zeiten. Williams Frauenfiguren haben weniger mit den üblichen femmes fatales der Pulp- und Paperback Originals gemein, als dass sie die „Heldinnen“ in Neo-Noir-filmen wie LAST SEDUCTION (1994) von John Dahl oder Lawrence Kasdans BODY HEAT (1981) vorweg nehmen. Sie sind emanzipiert und absolut skrupellos. Und Williams dämonisiert nicht, sondern versucht zu verstehen. Die Frauen sind in seinen Büchern die komplexeren Wesen, die seine begrenzten Ich-Erzähler weder begreifen, noch durchschauen.
Williams männlichen Helden, abgesehen von den Hochsee-Romanen, sind meistens die typischen Noir-Figuren: von Gier beherrschte, zur Gewalt neigende Gescheiterte aus der Arbeiterklasse oder der unteren Mittelschicht. Ihrer einstigen Hoffnungen beraubt, sind sie dazu bereit, eine Menge Risiken einzugehen um einmal an das große Geld und eine Sexgöttin zu kommen. Sie sind keine primitiven Machos, aber selten dazu in der Lage die Manipulationen durch die Frauen zu durchschauen. Eines der durchgehenden Subtexte in Williams Romanen ist, dass der Held, oder Anti-Held, feststellen muss, dass er nicht die geringste Ahnung von Frauen hat, da er sie nur an seiner Denkungsweise misst. Die „Ironie des Schicksals“ könnte man Williams Plot-Technik bezeichnen. Seine Ich-Erzähler beschreiben unsentimental jede überraschende Wendung, die ihnen (und den Lesern) zustößt. Sein literarisches Können zeigt sich auch darin, mit wie wenigen Sätzen er seinen Personen und dren beziehungen zueinander Tiefe verleiht. Für jeden Fime-Macher sind seine Vorlagen ein Traum; und zum Glück sind einige großartige Filme nach seinen Romanen entstanden (Truffauds Verfilmung von THE LONG SATURDAY NIGHT gehört m.E. nicht dazu; dieser 1962 erschienene Roman war übrigens sein letztes Buch für Gold Medal). Von den 23 Romanen wurden 14 Filmoptionen verkauft und bisher 10 für das Kino verfilmt.
SCORPION REEF war sein erstes Hardcover und sein erster Hochsee-Thriller. Ein Kritiker nannte diese Romane „nautic noir“. Williams selbst war ein fanatischer Segler und Angler. Der aktuelle Meister des Hochsee-Thrillers, der Brite Sam Llewellyn, verdankt ihm mindestens soviel wie Dick Francis.
HELL HATH NO FURY (THE HOT SPOT) von 1953 war das erste Paperback Original, das von der New York Times besprochen wurde. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es sich bei dem NYT-Rezensenten nicht um Anthony Boucher handeln würde, der einflussreichste Kritiker der amerikanischen Kriminalliteratur und von da an bekennender Williams-Fan.
Am nächsten an ein en konventionellen Privatdetektiv- oder Detektivroman kommt Williams in GO HOME, STRANGER (1954). Der Protagonist versucht die Unschuld seiner zu Unrecht des Mordes an ihrem Mann angeklagte Schwester zu beweisen, indem er den wahren Killer sucht. Aber es sind genügend typisch Williamsche Backwood-Elemente vorhanden um den Roman ebenfalls zu einem herausragendes Paperback original zu machen.
Seine Backwood-Thriller, die einiges Erskine Caldwell verdanken, umfassen ncht nur Noir-Thriller, sondern auch die aberwitzige Comedy UNCLE SAGAMORE AND HIS GIRLS, die Manchette für die komischste Geschichte über Hinterwäldler hielt.
Am bekanntesten ist Charles Williams heute noch für seine Hochsee-Thriller (dank der erfolgreichen Verfilmungen von AGROUND und DEATH CALM). Daneben schrieb er erfolgreich in anderen Subgenres, etwa Southern-Bachwoods wie seine Girl-Trilogie oder gemeine Kleinstadt-Thriller und On the Run-Thriller.
Er ist der große Vergessene (außer in Frankreich) der Paperback Original-Autoren der 1950er- und 1960er Jahre. Er war lediglich einmal für den EDGAR nominiert („Best Paperback Original“ für AND THE DEEP BLUE SEA).
Um ihn hat es nie einen Kult gegeben wie um Jim Thompson oder David Goodis. Warum, ist schwer zu begreifen: Seine Plots sind oft besser, seine Weltsicht genauso düster und seine Figuren umwerfend. Vielleicht liegt es daran, dass er keinen so in sich geschlossenen psychopathischen Kosmos beschreibt wie Thompson oder Goodis. Er beschildert die erkennbare Realität der amerikanischen Gesellschaft eher aus einer cooleren Perspektive, ohne deshalb ihre Verkommenheit auszusparen. Das gibt den Büchern eine zeitlose und moderne Dimension, die Goodis oder Thompson fehlen (mit äußerstem Verlaub gesagt). Seine Thriller sind oft action orientierter und haben mehr überraschende Handlungswendungen als fünf gute PO-Thriller zusammen. Im Grunde schrieb er bereits Neo-Noir als Goodis und Thompson noch Noir-Klassiker notierten. Ed Gorman, der als erster einen Essay über Williams schrieb, sagt, er sei der beste aller Gold Medal-Autoren.
Charles Williams wurde am 13. August 1909 in San Angelo, Texas, geboren. Er hatte vier Brüder. San Angelo hatte damals unter 10 000 Einwohner und lebte von Rindern, Schafe und Öl. Die Kleinstadt über dem Fluss sollte später in den unterschiedlichsten Formen in vielen seiner Thriller beschworen werden. Genauso, wie die texanischen Backwoods. Wahrscheinlich begann hier in seiner Jugend seine andauernde Leidenschaft fürs Fischen und Leben in der Natur.
Er ging 1929 für zehn Jahre zur Handelsmarine, wo er sich auf Radiotechnik spezialisierte und vor allem als Funker arbeitete. So entkam er der Depression, indem er um die Welt fuhr. Seine Liebe zum Meer hielt ein Leben lang an und inspirierte ihn zu seinen exzellenten Hochsee-Thrillern. Nachdem er 1939 Lasca Foster geheiratet hatte, arbeitete er für RCA und andere Firmen bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Dann ging er mit seiner Frau nach San Francisco, wo er bei Mackay Radio arbeitete bis 1951 sein erster Roman, HILL GIRL, erschien. Er war bereits 41 Jahre alt. Der Roman war ein Riesenerfolg und verkaufte über zwei Millionen Exemplare. Es folgte sein erster on-the-run-Thriller: BIG CITY GIRL.
Williams arbeitete von nun an als Schriftsteller und Drehbuchautor. Anfangs natürlich ausschließlich für die Paperback Originals. Ray Banks bemerkte, dass er von den PO-Klassikern derjenige war, der die wenigsten Qualitätsschwankungen in seinen Büchern aufwies. Er zog mit seiner Familie öfters um und lebte eine Zeitlang in der Schweiz, in Peru. Frankreich, wo seine Romane hoch geschätzt wurden; auch als Drehbuchautor war er dort gefragt. Für seinen NOTHIN IN HER WAY erhielt er 1956 den Grand prix de littérature policière. Die Franzosen taten einmal mehr für Williams das, was sie auch für Goodis, Thompson und einige andere Noir-Klassiker getan hatten: Sie hielten ihn lieferbar, als in seinem Heimatland seine Bücher nur noch in Secondhand-Shops aufzutreiben waren. Die Franzosen verfilmten auch einige seiner Romane: NOTHING IN HER WAY mit Belmondo und Jeanne Moreauvon Marcwel Ophüls (1963) war die zweite Williams-Verfilmung nach THE THIRD VOICE (1960) von Hubert Cornfield (nach ALL THE WAY).
John D. MacDonald sagte über ihn: “Nobody can make violence seem more real.”
Anfang der 1970er Jahre starb seine Frau an Krebs. Williams kaufte etwas Land an der Grenze zwischen Oregon und Kalifornien und lebte dort in einem Trailer. Er konnte zwar fischen, aber nichts schreiben. Also zog er 1972 nach Los Angeles, wo er an einigen Drehbüchern mitarbeitete. In den letzten 12 Jahren seines Lebens hatte er nur noch drei Romane geschrieben. Sein Erfolg verblasste in den USA bereits in den 1960ern.
1975 setzte er seinem Leben ein Ende und erschoss sich. Im selben Jahr gab es noch eine Verfilmung: The Man Who Would Not Die) nach dem Roman THE SAILCLOTH SHROUD. Er wurde am 7.April in seinem Appartement in Van Nuys tot aufgefunden.
Einsortiert unter: Crime Fiction, Jörg Fauser, John D.MacDonald, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir, Porträt, thriller | Tags: Carl Hiaasen, John D. MacDonald, Noir, Raymond Chandler, Richard S.Prather, Rod Taylor, Thriller, Travis McGee
Schon längere Zeit (also etwa ein Jahr) hatte ich nichts mehr von ihm in der Hand gehabt, ihn aber bereits mehrfach Michael Krause empfohlen. Nun hatte Michael endlich meine Empfehlung erhört und sich den ersten John D.MacDonald zugelegt. Und bei allen zeitlich bedingten Einschränkungen, sprang der Funke über. Das war mir ebenfalls Anlass, mich mal wieder etwas in John D. zu vertiefen, der so was wie eine fast lebenslange Krimi-Liebe von mir ist. Außerdem scheint in den USA eine kleine Renaissance bevor zu stehen, denn er wird dort endlich wieder aufgelegt.
Entdeckt habe ich Jaydee, wie wir Fans zu sagen pflegen, Ende der 1960er bei Heyne, die dankenswerter Weise damals auch die genialen Fawcett-Cover übernahmen. Gleich mein erster Travis McGee schlug bei mir ein wie eine Bombe. Endlich ein hard-boiled-Protagonist, der nicht in „der Tradition von Hammett und Chandler“ stand. Bei aller Liebe zu den Großmeistern, waren diese doch in vielen Dingen antiquiert und brachten mit Sicherheit nicht den Zeitgeist der 1960er Jahre (wie hätten sie auch können?) auf den Noir-Punkt.
43 Non-Series-Romane, 21 McGee-Romane, 3 Sciene Fiction-Romane, 4 Sachbücher (darunter mit THE HOUSE GUESTS eines der besten über Katzen) und etwa 500 Kurzgeschichten. Das Meiste auf hohem Niveau. Wer kann da ein bis drei Bücher auswählen, die man unbedingt gelesen haben sollte. Ich versuche es trotzdem: The Deep Blue Good-by (1964), Darker than Amber (1966), Dress Her in Indigo (1969 The Turquoise Lament (1973), The Empty Copper Sea (1978), gehören zu meinen McGee-Favoriten. THE EXECUTIONERS/CAPE FEAR (1962) oder END OF THE NIGHT (1960), oder NEON JUNGLE… oder, oder… oder…

J.D.war der erste amerikanische Kriminalliterat, der sich mit Umwelt- und Wirtschaftsverbrechen beschäftigte. Mit der Zeit wurden seine Kommentare zum american way of death immer schärfer und verzweifelter. Da ihm die Perspektive einer (sozialistischen) Alternative fehlte, bemerkte er zum Schluss nur noch zynisch wie die verdammenswerte Konsumgesellschaft den Planeten zerstörte und in den Abgrund führte. Er wurde nie müde, die freie Marktwirtschaft, deren Axiome er lange unterstützte, in ihren Auswüchsen zu beklagen. Allerdings gelang er selten zu der Erkenntnis, dass eben diese Auswüchse konsequente Folge des unkontrollierten kapitalistischen Systems sind. Für MacDonald versagt nicht das System, sondern die menschliche Moral. Heute wären für ihn Banker und Politiker noch mehr als zu seiner Zeit Symbole des Bösen.
Kein anderer Autor (außer Ed McBain) führte die amerikanische Kriminalliteratur thematisch und mental so gründlich in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kein anderer zeitgenössischer Autor der 1950er bis 1970er behandelte die neuen Themen so breit und intensiv wie er: Jugendkriminalität, Stadtflucht, Umweltzerstörung, Rassismus, Entwurzlung der Kriegsveteranen, Wirtschaftskriminalität, Verknüpfung der Organisierten Kriminalität mit der legalen Wirtschaft, Konsumterror, Drogen, Suburbia-Neurosen, Revolte usw. Außerdem war er einer der ersten Noir-Autoren, die die Großstädte verließen um in der Provinz den Schrecken zu beschreiben. Er fügte Florida der Noir-Landkarte hinzu und war der Begründer des „Sunshine State Noir“, heute vertreten u.a. von so großartigen Autoren wie Carl Hiaasen, Randy Wayne White und James W.Hall (besonders letztere verdankten JD und Travis McGee eine Menge).

In den 50er Jahren gab es erstmals auf breiter Ebene das Phänomen der Jugendrevolte. Die in Freiheit und Wohlstand aufwachsende junge Generation begann die Werte der Eltern nicht nur in Frage zu stellen, sondern auch erste Ansätze einer Gegenkultur zu entwickeln. Eine Tatsache, die MacDonald zutiefst beunruhigte.. Als einer der ersten Autoren – zu nennen wären auch noch Ross Macdonald, Ed McBain, Hal Ellson, Thomas B.Dewey und die zahlreichen Schreiber so genannter “juvenile delinquents” – beschäftigte er sich mit diesem Thema. Mit großer Skepsis sah er die Entwicklungen und die Verbrechen der Mansion-Family Ende der 6oer Jahre muss ihm wie eine Bestätigung für seinen fast prophetischen Roman END OF THE NIGHT vorgekommen sein. MacDonald schrieb in der Regel auch keine Detektiv- oder PI-Romane; er schrieb amerikanische Thriller, oft Noir-Thriller.
Wirkliches Verständnis für die jugendliche Subkultur hatte er nicht – trotz des ehrenwerten Versuches in DRESS HER IN INDIGO. Als Libertärer hatte er allerdings auch kein Verständnis für die staatliche Repression gegenüber Drogen: “Der Besitz von Marihuana ist ein Kapitalverbrechen. Egal ob Marihuana nun so harmlos ist, wie viele glauben, oder so schlecht und schädlich wie andere meinen… Die selbstherrlichen Säulen der Gesellschaft und der Kirche glauben, den Rauschgiftgenuß damit verhindern zu können, indem sie den Besitz zum Kapitalverbrechen stempeln… Diese Strafe ist zu hart. Sie verschließt zu viele Türen. Diese Strafe zerstört einem jungen Menschen – der ein kleines Experiment gemacht hat – das ganze Leben…” (“Der Hippie im Indigo-Dress”; München 1970, Seite 18ff.)

Seine Sprache erscheint auf den ersten Blick weniger kunstvoll. Das täuscht gewaltig, denn er ordnet jeden Satz der Geschichte oder seines kapitalismuskritischen Kommentar unter. Das unglaubliche Können, das sein Handwerk zu echter Kunst erhebt, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen. Man muss sich zum Beispiel im ersten Kapitel von A DEADLY SHADE OF GOLD das Telefonat zwischen McGee und Taggert ansehen. Auf zwei Seiten Dialog zeichnet J.D. ein genaues Psychogramm des alten Freundes, setzt den Plot, beschwört Vergangenheit und Beziehung herauf und legt die erste Schicht für die Atmosphäre, die den Roman durchzieht. Angesichts dieses Kunsthandwerks… Nein, angesichts dieser Kunst kann man nur in die Knie gehen vor einem Autor, der mit einem simples Telefonat dreidimensionale Figuren schafft und dabei noch den Suspense eröffnet.
Seine Stimme als Autor – der ganz bestimmte, unvergleichliche Erzählerton – kommt nicht aus der hard-boiled-Tradition des Genres. Viel mehr Gemeinsamkeiten hat sie mit Scott Fitzgerald oder John O’Hara, den MacDonald sehr bewunderte. Auch Graham Greene kommt einem bei der Lektüre manchmal in den Sinn. Er machte keine großen stilistische Experimente, sondern konzentrierte sich auf den Aufbau seiner Geschichten und auf die Erzählerstimme. Deshalb bleibt mehr noch als die vielen hinreißenden Charaktere, originellen Szenen und teuflischen Plots eben diese besondere Stimme in der Erinnerung. MacDonalds unnachahmlicher Ton gab den Takt an für seine höllischen Orchester. MacDonald ist ein komplexer Autor, der alle Aspekte der amerikanischen Gesellschaft aus einer kritischen, wertkonservativen Position heraus kommentierte und oft Weitsicht bewies. In der amerikanischen Kriminalliteratur steht er als Original völlig einzigartig da. Mit Travis McGee gelang ihm eine der komplexesten Serienfiguren des gesamten Genres.
Der ehemalige Harvard-Business-Schüler begann mit Ende vierzig seinen Magnum Opus; die Travis McGee-Serie. Er war eher konservativ, besser gesagt, ein Libertärer. Aber er beäugte den Markt genauso skeptisch wie den Staat. Als Bestseller-Autor war er spätestens Mitte der 1950er etabliert. Sein bis dahin ambitioniertester Roman, THE DAMNED, hatte 2 Millionen Exemplare verkauft. Bis 1963 weigerte sich John D. eine Serie zu schreiben. Aber dann überwarf sich sein Lektor bei Fawcett mit dem politischen Blindgänger Richard S.Prather.
Dessen Shell Scott-Serie gehörte zu den erfolgreichsten Produkten des Verlages, aber der McCarthyismus von Prather störte Lektor Knox Burger zunehmend und er strich den verballhornten Namen eines demokratischen Politikers, den Prather einem Antagonisten gegeben hatte, aus dem Manuskript. Prather war sauer und bekam gleichzeitig ein Angebot für seine Erfolgsserie von Fawcetts Konkurrenten Pocket Books. Burger war in Schwierigkeiten. Die Verlagsleitung war sauer, dass er die Milchkuh auf eine andere Weide laufen ließ. Also wandte er sich an J.D., mit dem er inzwischen befreundet war (und der ihm als Autor von Dell zu Fawcett gefolgt war). Um die Sache kurz zu machen: J.D. schrieb erstmal drei Romane über einen Dallas McGee, bevor er meinte, er käme mit einer Serie zurecht. Wegen der Ermordung Kennedys in Dallas (so hat doch alles etwas gutes) wurde dann Dallas zu Travis.
Mit Travis McGee schüttelte JD endgültig den Trenchcoat vom amerikanischen Noir-Helden ab. McGee ist kein Privatdetektiv, also kein idealisierte Kleinunternehmer. Er lebt auf einem Hausboot in Fort Lauderdale und arbeitet nur, wenn er muss oder es sich lohnt. Denn er ist der Meinung, erst das Vergnügen und dann die Arbeit.

McGee löst lieber Bikini-Oberteile als knifflige Fälle, feiert, trinkt und angelt gern. Ein Hedonist, der mit den Jugendlichen der Sechziger mehr gemein hat als mit der Generation ihrer Eltern (zu der JD gehörte). Im Gegensatz zu Marlowe und Spade und Hammer behandelte er Frauen mit Respekt und Gleichberechtigung. Er ist ein guter Freund und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ein Leben als Angestellten-Lemure kommt ihm schon gar nicht in den Sinn. Dazu liebt er die Freiheit zu sehr. Aber er weiß natürlich, dass Freiheit in der kapitalistischen Gesellschaft ein teures Gut ist. Deshalb macht er „Bergungsjobs“(„salvage consultant”). Er kümmert sich also um Geld oder Vermögenswerte, die jemanden legal, aber nicht legitim, geraubt wurden oder die durch sonstige kriminelle Machenschaften den Besitzer gewechselt haben. Für die Hälfte holt ihnen McGee das Geraubte zurück. Davon legt er dann was für später zurück und von dem anderen Teil lebt er in den Tag hinein, bis es mal wieder eng wird und er den nächsten Job erledigt. Natürlich ist sein Kodex nicht immer mit dem Gesetz deckungsgleich. Da empfindet er ähnlich wie seine Vorläufer. Nur scheint er intelligenter, empfindsamer und hat mehr Interessen. Wenn es hart auf hart geht, weiß er natürlich zu kämpfen, muss aber oft verdammt viel einstecken. Und oft genug hat es Travis mit Burschen zu tun, die mit Dämonen aus der Hölle verwandt sind.
Das Böse in seiner mythischen und irrationalen Vorstellung existierte für John D.MacDonald. Es manifestierte sich in vielen seiner Romane in dämonisch skrupellosen Figuren, die nicht nur von Macht- Geld- oder Sexgier angetrieben werden, sondern einen Teil ihrer Motivation und Kraft aus der Hölle direkt beziehen. Nick Cady aus den EXECUTIONERS oder Junior Allen, Boo Waxwell und Ans Terry – um nur einige Kontrahenten von McGee zu nennen – sind das personifizierte Böse, dem man- laut MacDonald – mit soziologischen oder psychologischen Erklärungsmodellen nur unzureichend beikommen kann. Diesem anthropologischen Pessimismus bringt er in seinem vorletzten Travis McGee-Roman auf den Punkt, wenn er seinen Helden und Sprachrohr mit dem Freund Meyer streiten lässt: “Du gehst davon aus, dass jeder erst einmal unschuldig und rein ist, und dann passiert irgendwas, das ihn verändert. Du gehst von dem Konzept aus, dass die Menschen erst einmal gut sind, und was wir als Gesellschaft dann verstehen sollen, sind die Gründe, durch die sie verdorben werden. Verstehen und versuchen zu heilen. Ich dagegen glaube, dass es so etwas gibt wie das Böse, dass das auch ohne Grund existiert. Das schwarze Herz, dem es Spaß macht, schwarz zu sein…”(Zimtbraune Haut, München 1983, Seite 139) 
Bis zum 17, Band, THE EMPTY COPPER SEA, waren die Romane alle “stand alones”, die man in beliebiger Reihenfolge lesen konnte. Ab diesem Roman intensivierte MacDonald das serielle Erzählen. Jetzt nahm jeder Roman auf den vorhergehenden Bezug oder baute darauf auf. Bei aller erzählerischen Kraft, ließ aber meines Erachtens von nun an MacDonalds Fähigkeit zum plotten deutlich nach.
Seit einiger Zeit geistert das Gerücht herum, dass diCaprio McGee in einer Verfilmung von THE BEEP BLUE GOOD-BYE spielen wird. Bisher gab es eine ganz akzeptable Verfilmung von DARKER THAN AMBER und ein TV-Movie nach THE EMPTY COPPER SEA. Beide, sonst von mir geschätzte, Schauspieler konnten mich nicht als Travis überzeugen. Der junge Robert Redford oder Ray Liotta kämen meinen Vorstellungen näher.

John Dann MacDonald wurde am 24 Juli 1916 in Sharon, Pennsylvania geboren. Als er 12 Jahre alt war, zog seine Familie nach Utica, New York. Kurz darauf wurde er schwer krank und musste ein ganzes Jahr lang das Bett hüten. In dieser Zeit las er wie ein Besessener, um vor Krankheit und Monotonie zu fliehen. 1934 schrieb er sich an der Wharton School of Finance an der Universität von Pennsylvania ein. Nach dem Studium ging er nach New York und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Natürlich arbeitete er auch als Tellerwäscher – das darf wohl in keiner amerikanischen Erfolgsbiographie fehlen! Später landete er an der Universität von Syracus, wo er Betriebswirtschaft studierte und mit Diplom abschloss. MacDonald gehört zu den ganz wenigen Schriftstellern, die eine Ausbildung in Ökonomie machten. Ein Aspekt, der sich in seinem Werk niederschlagen sollte. An der Universität lernte er die Kunststudentin Dorothy Prentiss kennen, die er 1937 heiratete. Anschließend zogen beide nach Massachusetts, wo MacDonald an der wirtschaftlichen Fakultät von Harvard seine Studien vertiefte. 1939 beendete er endgültig seine Studien; in diesem Jahr wurde auch sein Kind, Maynard John, geboren. Nach wenig befriedigenden Jobs in der Wirtschaft trat er 1940 in die Armee ein. Im Juni 1943 wurde er nach Neu-Delhi ins Hauptquartier für den hinterindischen Kriegsschauplatz als Stabsoffizier versetzt. Dort wurde er auch dem Office of Strategic Service(OSS), dem direkten Vorläufer der CIA, zugeteilt. In dieser Funktion war er direkt an den Guerilla-Aktionen der Amerikaner gegen die Japaner in China und Hinterindien beteiligt und an der Planung der Burma-Offensive, die die Kriegswende zu Gunsten der Amerikaner mit einleitete, involviert. Wegen der strengen Geheimhaltungsvorschriften des OSS unterlag selbst seine Post an die Familie strengen Zensurmaßnahmen. Deshalb schrieb MacDonald für seine Frau einmal eine 2100 Worte lange Kurzgeschichte über sein Leben in Neu Delhi, statt eines Briefes. Ohne MacDonald zu fragen, verkaufte Dorothy diese Impression an das Magazin “Story” für 25 Dollar.
Die Story wurde im Sommer 1946 unter dem Titel INTERLUDE IN INDIA veröffentlicht und gehört zu den gesuchtesten Raritäten der MacDonald-Fans. Im September 1945 kehrte John nach New Jersey, wo seine Familie inzwischen lebte, zurück, und Dorothy überreichte ihrem verblüfften Mann den Scheck des “Story-Magazins”. Erstmals dachte er darüber ernsthaft nach Schriftsteller zu werden. Zumindest schien ihm das eine gute Gelegenheit um sich langsam in die Nachkriegsgesellschaft wieder einzuleben. “In den nächsten vier Monaten schrieb ich etwa 800 000 unverkäufliche Worte. Es war die klassische learning-by-doing-Methode. Hätte ich damit begonnen, einen Roman pro Jahr zu schreiben, hätte es zehn Jahre gedauert bis ich das Handwerk gelernt hätte. So saß ich vier Monate wöchentlich 80 Stunden an der Schreibmaschine, schrieb und lernte. Ungefähr 25 bis 30 Kurzgeschichten von mir zirkulierten ständig zwischen den Magazinen.”
Fünf Monate später verkaufte er seine zweite Geschichte für 40 Dollar an das Pulp-Magazin “Detective Tales”. Anfang 1947 hatte er bereits 23 Geschichten an alle möglichen Magazine verkauft und konnte seine Familie mit der Schriftstellerei ernähren. In den nächsten Jahren war MacDonalds Ausstoß an Kurzgeschichten geradezu atemberaubend: Er verkaufte 1947 mindestens 35, 1948 etwa 50 und 1949 sogar 73 Geschichten. 1950, das Jahr, in dem er Romane zu schreiben begann, veröffentlichte er 52 Short Stories. Er schrieb alle Arten von Geschichten: Sportstories, Abenteuergeschichten, Western, Science Fiction, Fantasy und Kriminalgeschichten – immer mehr Kriminalgeschichten, bis in die frühen 50er Jahre über 160 Crime Stories. Er veröffentlichte so viele Geschichten, dass manchmal mehrere im selben Magazin erschienen. In der 1949er Juli-Ausgabe von “Fifteen Sports Stories” etwa, erschienen vier gleichzeitig. Deshalb musste er sich eine Reihe von Pseudonymen zulegen; so schrieb er als John Wade Farrell, Robert Henry, John Lane, Scott O’Hara, Peter Reed und Henry Rieser. Trotzdem verkaufte er nichtmal alle Geschichten. Später erzählte er, wie er einen Nachmittag damit verbrachte seinem elfjährigen Sohn zuzuschauen, wie dieser zwei Millionen unverkaufte Worte verbrannte.
1951 zogen die MacDonalds in den Bundesstaat, dessen genauester Chronist er werden sollte: nach Florida. Zuvor hatte er aber mit THE BRASS CUPCAKE bei “Gold Medal Books” seinen ersten Roman, eine Taschenbuchoriginalausgabe, veröffentlicht. Anfang der 50er Jahre war das große Sterben der Pulp-Magazine nicht mehr zu übersehen. Neue Medien, wie Fernsehen und Taschenbuch, verdrängten die jahrzehntelang für die Literaturgenres eine innovative Rolle spielenden Pulps in der Gunst der Leserschaft. Keine Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane in großformatigen Magazinen waren jetzt noch gefragt, sondern schnelle, spannende Romane in billigen, kleinen Taschenbüchern, die sich auf den täglichen Fahrten mit Bus oder Bahn aus den Vororten in die Stadt zügig runterlesen ließen. Der Ökonom MacDonald erkannte die Trendwende ziemlich rasch und warf sich auf das neue Medium “Taschenbuchoriginalroman”. Von den 42 Romanen zwischen 1950 und 1964, die MacDonald vor dem ersten Serienroman um Travis McGee geschrieben hat, gelten heute viele als Klassiker. Wie kaum einem anderen amerikanischen Autor gelingt ihm ein facettenreiches Bild der US-Gesellschaft im Umbruch. Auf dem Höhepunkt der MacDonald-Renaissance Anfang der 1990er, waren in den USA wieder alle Non-MacGees lieferbar.
Bis auf zwei Ausnahmen, deren Wiederveröffentlichung er noch vor seinem Tod ablehnte: die James M.Cain-Imitation WEEP FOR ME aus dem Jahre 1951 (die von verschiedenen Fans hochgeschätzt wird) und die Novellisierung eines Judy Garland-Films.
Da MacDonalds Romane meistens als Taschenbuchoriginalausgaben erschienen, wie gleichzeitig die Bücher von Jim Thompson, David Goodis oder Charles Williams, wurden sie bei Erscheinen von der Kritik wenig beachtet. Lediglich Anthony Boucher, der große Mann der amerikanischen Kriminalliteraturkritik, besprach und lobte seine Bücher regelmäßig. Er verglich ihn sogar mit Simenon, was den großen Ausstoß (in den 5oer Jahren durchschnittlich vier Romane im Jahr) und das gleichmäßig hohe Niveau angeht. Im Laufe der Jahre wurde MacDonald mit mehreren literarischen Ehrungen bedacht: 1955 erhielt seine Story THE BEAR TRAP den “Benjamin-Franklin-Preis” der Universität von Illinois als beste Short Story des Jahres. Der Roman A KEY TO THE SUITE wurde 1964 in Frankreich mit dem “Grand Prix de la Littérature Policière” ausgezeichnet. Sein Roman THE LAST ONE LEFT wurde 1967 für den “Edgar-Allan-Poe-Preis” nominiert; mal wieder typisch für die amerikanische Kriminalschriftstellervereinigung und ihrer Ostküstenklüngelpolitik, dass MacDonald ebenso wenig wie Mickey Spillane, E.S.Gardner, Rex Stout, Ed McBain, Chester Himes, Gavin Lyall, Len Deighton, Desmond Bagley und, und, und, einen “Edgar” für den besten Roman des Jahres verliehen bekamen. 1972 gabenihm die Mystery Writers of America, wie in solch peinlichen Situationen üblich, dann aber noch ihren “Grand Master Award”.
Er starb am 28. Dezember 1986 in Milwaukee.
P.S.: Die Berufsbezeichnung seines Protagonisten in Jörg Fausers DAS SCHLANGENMAUL war übrigens eine bewusste Reminiszenz an J.D.s großen Helden.
Auch wenn Rod nicht wirklich McGee ist, der Film ist ein kleines Juwel.
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Ja, ich weiß: dies ist ein Sachbuch und kein Roman. Und? Ich kenne fiktionale Thriller, die sind stinklangweilig, und ich kenne Sachbücher, die man nicht mehr aus der Hand legen kann und Angst vor der letzten Seite hat. Hans Gerholds Geschichte des französischen Kriminalfilms gehört zu letzteren. Es ist eines der fünf besten Film-Bücher, die ich je gelesen habe – vielleicht das aufregendste. Gerhold hat leider nur wenige Bücher geschrieben (darunter das wohl schönste Buch über Woody Allen ), schreibt regelmäßig Kritiken (die “Westfälischen Nachrichten” sollte man schon seinetwegen abonnieren), Beiträge in Anthologien und hält Vorlesungen. Aber es sind zu wenige für die kleine, aber anspruchsvolle Gemeinde seiner Fans. Wäre die deutsche Journaille weniger verkommen, würde man ihn abfeiern wie die Amerikaner ihren David Thomas. Wir haben ja zum Glück einige gute Filmkritiker, aber Gerhold ist ganz klar die Nummer Eins. Kein anderer schreibt so unterhaltsam und gleichzeitig analytisch wie er.
Gerhold, der ganz richtig einen offenen Gattungsbegriff als Ansatz wählt, hat mit KINO DER BLICKE nicht nur die beste historische Entwicklung des Sujets geschrieben, sondern auch eine sozio-kulturelle Geschichte Frankreichs: „…dass die wichtigsten Beispiele des polar stets auch typische Produktionen gewesen sind, die soziale Veränderungen und Entwicklungen transparent machen und, bei aller Relativierung, Zeitdokumente sind“. Wie brillant er als Theoretiker und Rhetoriker ist, zeigt schon die Titelwahl der Einführung, in der er seine Vorgehensweise verdeutlicht: „Wahl der Waffen“. Um dieses Buch beneiden uns die Franzosen, denn nicht einmal sie haben ein intelligenteres und spannenderes zum Thema. Gerhold berücksichtigt natürlich auch die literarischen Einflüsse und nennt Autoren, die viel zu oft nicht gewürdigt werden – jedenfalls im kulturell verspäteten Deutschland (etwa Alphonse Boudard). Es sind die vielen unterschiedlichen Ebenen, die dieses Buch zum Musterbeispiel der Filmtheorie machen.
Das Buch ist von 1989 (Fischer Taschenbuch) und seitdem nicht mehr (aktualisiert) aufgelegt worden – ein weiteres Indiz für den erbärmlichen Zustand der Verlage, die bei uns Filmliteratur im wahrsten Sinne des Wortes „verlegen“. Es zeigt wohl, wie genügsam sie bei geistiger Nahrung sind in einer Ära reduzierter Erwartungen.
Ich kenne Gerholds Schreibe seit dem legendären Hanser-Buch über Melville (1982). Es war neben Nogueiras Interviewband mit dem Meister Quell und Inspiration für andauernde Diskussionen zwischen Jörg Fauser und mir. Fauser war ebenfalls ein Afficionado des französischen Gangsterfilms und wir sahen uns jeden an, den wir nur zu sehen bekommen konnten (bei LE CHOC, nach Manchette, haben wir damals brüllend vor Wut das Kino verlassen als Catherine Deneuve ihren ersten Auftritt hatte, in Gummistiefeln Gänse fütternd). Sätze wie „wie Gerhold richtig bemerkte“, fielen fast an jedem Tresen, den Jörg und ich bei unseren alkoholisierten Reisen durch die Nacht adelten.
Ich habe Hans erst Ende der 1990er Jahre kennen gelernt: Wir waren beide Juroren in einer Jury des Grimme-Preises (nicht um Auszeichnungswürdiges zu finden, sonder um das Schlimmste zu verhindern). Ich hatte schweißnasse Hände vor der ersten Begegnung, wie man sie nur hat, wenn man nach Jahren der Bewunderung einem Idol wie Mick Jagger oder Hunter S.Thompson gegenüber tritt. Durch permanentes Nerven gelang es mir sogar, ihn zur Mitarbeit an meinen Noir-Readern zu nötigen.
Zum Glück kann man KINO DER BLICKE noch antiquarisch auftreiben. Ich selbst habe drei Ausgaben: eine zerlesene, mit Unterstreichungen misshandelte Loseblattsammlung, eine zur wiederholten Lektüre (man findet immer wieder neues) und ein jungfräuliches Exemplar für alle Fälle. Aber es ist schon verdammt ärgerlich, dass dieses Buch nicht – wie gesagt: aktualisiert – als fett bebildeter, großformatiger Luxusband neu aufgelegt wird. Wo bleibt eigentlich der Taschen-Verlag, wenn man ihn braucht?
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MC: How do you think are you still influenced by your latin-american roots?
KENT: I consider myself very much a Latin in terms of temperament and am a classic Catholic in tastes and allowing people room to be, which is contrary to the protestant head-set that wants to force people to work and pay out. Catholic culture, at least my version, the Latin American kind, allows for people to be human, sexually, artistically. In other words, life isn’t about counting money; it’s about spending it. It’s about chasing that pretty girl or buying that painting or writing that book. If you understand that; you understand the Latins. We expect you to fuck up and be human. We are sybaritic, in the good sense of the word. Life is not about saving for tomorrow. It’s about today. I think Art just costs too much for the Protestants. Look at the churches they built! I remember that one important driver behind the Reformation was the bourgeois businessmen didn’t like all the Saint Days, when workers would leave their jobs and go party!
MC: Are you interested in southamerican literature (magic realism etc.)?
KENT: Yes and no. I think that Magic Realism was a convenient way of burying Social Realism, especially during the Cold War, which was also a Culture War. In other word, a novel like Los De Abajao (Mexican Novel about the Revolution in Mexico) is more interesting to me than Borges. Don’t get me wrong; I like Borges, but there is nothing magical about grinding poverty or the Colonial experience and what it has done to people in the Third World.
(As a child, I saw workers paid with corn!) I think that is why The Heart Of Darkness is such a great book — after reading that book, you get it. Having said all that, I do believe that Naturalism can have a wing called Magic Realism, and that it’s useful. In fact, I’ve employed a dash of it in my latest work. I’m a budget of paradoxes as someone says in The Rat Machine.
MC: A lot of writers don’t read a lot of fiction anymore? Same with you? 
KENT: Yes, because a lot of modern novels simply bore me. Especially those done in the First Person. It all seems very lazy. But what’s worse are the “crime writers” who have never even been punched in the face. You know it the moment you open their book; it’s like eating fast food.
MC: Are there special themes of non-fiction you read regularly?
KENT: Well, I had to read an enormous amount for The Rat Machine. A lot of history about the Second World War, the Eastern Front, and then histories of Sicily and Italy and the Western Intelligence services, etc. And the Modern Dope Business. I do tend to gravitate towards History for some reason. I loved it in school too.
MC: Are there some living writers you read regularly?
KENT: I check in on author friends of mine, who I came up with, and that I respect. I like to see what they’re up to: M. Connelly, K. Anderson and a few others.
AND AT LEAST…
MC: What makes you angry?
- political and personally?
KENT: Well, I hate thieves. I think, that—at its very heart— Fascism is about well organized State Theft. But I hate any kind of thieves. People work so very hard for their personal things: a bike, or a car, a cell phone, and then some asshole steals it. I hate thieves — high or low. Also, I believe lying is theft too. When politicians lie to us, they are stealing something from us we need to make Democracy, the facts.
MC: What makes you happy?
KENT: My wife, in the morning, just looking at her. She is so beautiful. There something about a beautiful woman in the morning. It just makes me happy to be alive.
MC: Anything new about TV- or movie-adaption? We surely know about Huston trying to get MUERTOS made.
KENT: Well, as soon as I get The Rat Machine put to bed—this week—I’m going to go pitch it as a Cable TV series in Hollywood. I really would like to develop it as a TV series, similar say to “Boardwalk Empire” or “The Wire”. I’m going to try to do accomplish that. But it’s very hard there to get anything done!
MC: What do you think will be l the most dangerous political development for the next years?
KENT: If the U.S. loses reserve currency status. Should that happen, the world will change more than at any time since the end of the WWII, and it could get very ugly.
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Obwohl Kent schwer im Stress war um die Veröffentlichung von THE RAT MACHINE rechtzeitig zum Noir-Con hinzukriegen, war er so freundlich mir einige Fragen ausführlich zu beantworte. Alles zwischen Lesungen in San Francisco und den letzten Korrekturen. Der Mann ist eben ein 100%iger Profi. Genießt das Interview. Hier der erste Teil:
MC: How do you write?
KENT: I write in the morning, first thing. Coffee, breakfast, work until noon or so. I don’t look at the work again until the next morning.
When I’m ready to finish the book, I’ll work in the afternoon to put in things that come to me: areas I think needed more work and have put off. You collect a list in your head that you want to go back to at the very end and rework.
During the first draft, I don’t stop for small issues. The thing is to get the battle of the First Draft won. You have to take that flag!
MC: What is it that starts a new novel? A character, a situation, a plot?
KENT: Well, it can be a lot of things. In the case of Dark Ride, I saw a girl on the street and she had this most incredible tattoo going up the outside of her thigh. It was summer and she was wearing short shorts! She was very beautiful, dark hair. I don’t know why she was the muse, it almost sounds corny, but the novel came out of her sexuality and my own desire to explain something about myself and my country. And yet, I don’t consider Dark Ride an erotic novel, oddly it’s more than that — I hope!
In the case of this new work, The Rat Machine, I was reading a footnote in William Shirer’s The Rise And Fall of the Third Reich. It was an appalling bit of history discussed in the footnote: several SS officers, on trial at Dachau for war crimes(for murdering 80 American GIs at the Battle of the Bulge in cold blood rather than take them prisoners as the Rules of War mandated)had been released because AN AMERICAN, Senator Joe McCarthy, had asked for leniency for these particular SS officers. Why, I wondered? This is why: ex-Nazi intelligence officers, like Reinhard Gehlen, were employed by the West immediately after the War.
These ex-Nazi officers were involved in the illegal drug trade, first the penicillin Black Market in Berlin immediately after the war and, later, with the help of Western intelligence, the heroin business. So reading one footnote created a very long novel!
MC: And how do you develop?
KENT: I don’t develop in the normal way. I don’t outline; I don’t make lists. I’ve said this before: I watch the characters do what they are going to do. In other words: I get up in the morning, I turn on the computer and watch the screen like you would a movie. The story belongs to the characters who have come to me to tell it. I practice the No-Method of writing novels. And that is the truth.
MC: How is the process? A fast first version? Or do you polish from the beginning?
KENT: I never, ever, polish in the beginning! It’s a trap. And, again, getting back to how I work: I don’t want to interrupt the characters and their story. I don’t care if I’ve misspelled something, or the sentence isn’t perfect. Who cares about that! What is important is the HEAT OF THE SCENE. The HEAT OF THE MOMENT. That is all I care about in the first draft. If correct punctuation and spelling were all that it took to be a novelist, every English teacher would be Ernest Hemingway. Also, you have to be a little crazy to do this work. I mean it. I’m not trying to romanticize the life of an artist; I wish in fact it were not so. It’s just a fact. You can not be well balanced and be a great artist. There is something about the act of creating that is, in fact, not only extremely egotistical on the face of it, but also delusional; it’s a kind of emotional purging. You, the artist must give of yourself. If you aren’t willing to give of yourself, there is no art; look at Van Gogh! It’s not pretty, the creative process—not really. It’s about like dumping out your kitchen garbage on a clean floor and using the pieces of what’s there [your personal psyche] to make a something worth while!
MC: Are you ritualizing for writing? (Same hours, cop of coffee, at least a page a day?)
KENT: Yes. I want the same routine everyday. A lot of people starting out think that they can party and get high and live a boho life style. It’s just the opposite. Ironically, being a novelist is a bourgeois pursuit in the sense that you have to get up every morning and work; and be sober; and not be high, or have too much drama around you. Better yet, no drama. What you need in this order are food, good sex, paper, exercise, a working computer, and a quiet location that has a good vibe. I think that’s what Hemingway meant by “a clean well lighted place” in fact. I think he meant it had to vibe right. It does for me anyway.
MC: Did your writing habits change over the years? And how?
KENT: No. I’ve done this for the last 20 plus years always the same way. I may have been in a different country, as I was when I wrote Red Jungle, but I still woke up in the morning and drank coffee and hit it until noon. (I will say that in Guatemala I did work late at night in my office. I had a guard who would stand outside my office door. (There is a lot of violence and you need guards there. The guard and I got to be good friends.) I would look up and see him, shotgun slung over his shoulder, and think to myself: wow, yeah, this is the real deal someone could come in here and rob and kill me while I’m writing a fucking novel. How strange would that be. But I enjoyed working late into the night there—don’t know why. That office had had a hand grenade tossed in the door a few years before!!
MC: Is it a personal impression by me that your protagonists are not easy to like? I don’t think they are crooks. But a person like Russell ore Reeves seems at least ambivalent. But I think, they are all restless people. Something you share?
KENT: Yes. I am ambivalent because of my childhood. It was very hard and I had no close family. I did all my growing up away at military school without all that warm and fuzzy family stuff. So I’m a little different. There is part of me that is like Russell in Red Jungle, or as I had a character say in Dia De Los Muertos: “I’m not running for mayor so I don’t have to please anyone.” But I’ve learned to love and that humanized me: I love some people very much, and I love to write novels. I am restless, artists are restless in the face of life/chaos, which is our human experience. So, yes, I’m intellectually restless, that’s very true about me, and I suppose my characters. They want to find that one thing to make it all make sense. Something that can allow them to rest. But we only rest, I guess, when we’re dead.
MC: What kind of music are you listening too? Sometimes your writing seems to swing like a soundtrack (by the words, of course)?
KENT: When I started out as a novelist, I want to be a great wordsmith. And I suppose I still do. I believe in the music of the novel. I truly do. If I were going to teach the novel, I would stand up when all the students had sat down and say, “OK, this is what you need to know about writing novels: then I would turn on a great piece of music, say, Down So Low, by Tracy Nelson. I just met her, so she’s on my mind; but her song is a masterpiece. What I mean by this is that the novel is an emotional experience, not an intellectual one. Music is that way too, or at least good music is.
Kent mit der großartigen Tracy Nelson
UND NATÜRLICH NOCH EIN BUCH-TIP: THE GOOD PHYSICIAN
Collin Reeves is an expatriate American living in Mexico City. He dabbles in painting, drinks more than he should, and appears to be wasting a brilliant career in epidemiology as a doctor to international tourists and poor Mexicans.
The reality is more complicated. Reeves is an operative with the CIA, recruited in the heady days after September 11 to help fight terrorism abroad. What he hoped would be a useful life of clandestine adventure, however, turned out to be humiliating drudgery; his tour in the Middle East consisted of inspecting a friendly sheik’s concubines for venereal disease. Now in Mexico, which almost no one considers a terrorism hotspot, he longs for the courage to give up the spy business and commit himself to painting.
Veteran CIA operative Alex Law suspects that Mexico City may indeed be a staging area for terrorists. He and his longtime colleague, Butch Nickels, question an Indonesian who tells them that an al-Qaeda operative may be active in Mexico City. Meanwhile, Alex’s wife, Helen, has just discovered that she may have an advanced case of breast cancer. The doctor sent to consult with her is none other than Collin Reeves.
A beautiful young woman, Dolores, falls ill at a cheap tourist hotel across the street from Collin Reeves’ apartment. Madani, the hotel’s manager, begs Collin for help. Collin treats the young woman, who claims to be an American citizen, and to have lost her travel documents. He can’t help but be smitten, and does not challenge the obvious holes in her story.
Dolores, of course, is not who she claims to be. Only months earlier, she had been a young wife and mother named Fatima, married to a doctor in Baghdad. An American rocket killed her son and wrecked her life forever. Now, distraught with grief, she’s put herself in the hands of people who want to use her as vengeance against the United States.
Alex, Collin and Dolores are on paths bound to collide, with terrible consequences. The Good Physician is the story of that collision. A political thriller and a love story, it examines the nature of loyalty and patriotism, in the tradition of Graham Greene and Charles McCarry.
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Myron Bünnagels beliebter Fragebogen wird diesmal von Kent Harrington ausgefüllt.
Name
Kent Harrington
What are you doing besides writing?
Nothing right now as I’m trying to finish a novel.
Film released in the year of your birth?
High Noon — 1952
What was your initiation in the noir-subject (film or book)?
I think the B Noir movies that played on television when I was a kid. The one that really made an impression on me was Asphalt Jungle and Angels With Dirty Faces.
What books can we find in your bookshelf?
Right now I’m reading the Seven Pillars of Wisdom by TE Lawrence. It’s a great book. And still relevant somehow.
Which noir cliché do you like the most?
The femme fetal; it’s politically incorrect now but I know that sex can get you into a lot of trouble.
Some of your favorite film noirs?
Dirty Pretty Things
Under The Volcano
Asphalt Jungle
Three Ten To Yuma (Original Version 1957)
Treasure of Sierra Madre
The Grifters
Mona Lisa
High Sierra because of Bogart’s line: “If that battery is dead … it’ll have company, see.”
And films beside noir?
Howards End
Bridge on the River Kwai
Stealing Beauty
Which fictional character (book or film) would you favor to kill face-to-face?
Lou Ford The Killer Inside me.
Internet?
Questions noir – Your life a film noir
1. Which would be your part in the movie?
The mad-dog gangster who is shot dead running and firing at the cops waiting outside the bank for him. I/he would run clutching the bag of money and be shot down in a hail of gunfire. The money would then fall from the bag and be scattered by the wind, bills hitting my dead face, my pistol held out in front of me. We’d pull back and see me from high above: just another dead gangster in the Big City.
(It’s a cliché scene but I love it.)
2. Your nickname in the movie?
“ The Kid”
3. Which author (living or dead) should write the script?
Jim Thompson
4. Famous quote in your movie? (Exmaple: Scarface = The World Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
“I used to be prettier.”
5. Shot in black and white or in color?
Color, very rich colors reds, golds. I would wear a beautiful blue suit. Impeccable.
6. Soundtrack by …
Miles Davis
7. Which femme fatale would lead you to your doom?
I like brunettes, so it would have to be Angelina Jolie. She IS the femme fetal of her generation, isn’t she?
8. Your getaway car?
A tractor trailer. There would be a great action scene of me smashing through road blocks with it.
9. Your weapons?
A Thompson sub-machinegun, and a simple lead pipe.
10. Book for your prison sentence?
War And Peace!
11. Finally: Epigraph on your tombstone?
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Mit jemand wie Kent Harrington sollte man sich nicht anlegen, wenn es vermeidbar ist. Nicht, dass er ein Raufbold ist oder extrem streitsüchtig – nein, gar nicht. Aber er hat gelernt, physische Bedrohungen anzunehmen und effektiv darauf zu reagieren:
„Bevor ich mein erstes veröffentlichtes Buch schrieb, DARK RIDE, arbeitete ich ein paar Jahre in einem üblen Slum in Oakland. Da gab es jede Menge Gewalt. Eines Tages geriet ich in ein Feuergefecht und wäre fast umgebracht worden. Danach gab ich meine frühere Haltung völlig auf: Von jetzt auf gleich war es mir scheißegal, ob ich lebte oder starb – solange ich mein Geld bekam. Es war diese I-don´t-give-a-shit-Attitüde, die mich zu der Figur Calhoun inspirierte.” Außerdem hat der in San Francisco als Sohn einer guatemaltekischen Mutter und eines irisch-jüdischen Vaters geborene Autor eine militärische Ausbildung, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Als Neunjähriger wurde er auf die Pablo Alto-Militärschule geschickt (wie sein Held Russel in RED JUNGLE). „Es veränderte mich völlig. Wenn man in diesem Alter die Geborgenheit der Familie verlassen muss und anfangen muss, sich ohne Hilfe durchzusetzen, wird man schnell ein völlig anderer Mensch. Ich bin heute froh darüber, es hat mich stark gemacht.“
An der Universität studierte er spanische Literatur. „Ich war nie glücklicher, als in meiner Studentenzeit. Wahrscheinlich bin ich deshalb Schriftsteller geworden. Das Schreiben macht dich zum ewig studierenden. Niemand beherrscht das Schreiben vollkommen. Niemand. Meine Vorstellung vom Paradies ist ein Campus, voll gestopft mit alten Büchern, Cappuccino und Diskussionen.“ An Kriminalliteratur geriet er fast zufällig.
„Es war keine bewußte Entscheidung, dass ich Crime Fiction zu schreiben begann. Ich wusste zu wenig um zu erkennen, dass Genre- Fiction von anderer Literatur abgegrenzt war. Ich wollte ein populärer Autor werden und das schreiben, was ich als Kind gerne gelesen habe. Ich habe auch nie viel Crime Fiction gelesen. Ich las das, was man mir in der Schule und an der UNI vorsetzte. Hemingway, Fitrzgerald, Greene, Faulkner, Orwell waren die Autoren, die ich liebte, und von denen ich lernte.“ Zum Genre fand er relativ spät.
„Ich habe erst in den Zwanzigern angefangen Crime Fiction zu lesen. Vorher habe ich mich durch die alten und modernen Klassiker gewühlt. Nach der Uni entdeckte ich Jim Thompson. Es hat mich umgehauen. Etwas wie Thomson hatte ich noch nie gelesen.“
Thompson inspirierte seinen ersten Roman, den schon heute als Neo-Noir-Klassiker zu bezeichnenden DARK RIDE: Der, Golden Boy Jimmy Rogers, bisher vom Leben nur beschenkt, wird gegen alle Erwartungen enterbt und muss ein elendes Leben als Versicherungsvertreter führen. Als er der Sex besessenen Frau seines Bosses verfällt, beginnt die Noir-Bombe zu ticken. Schon tausend Mal gelesen? Aber nicht so, wie bei Kent Harrington. Er schlägt nicht nur neue Funken aus dem Noir-Standardplot, er schreibt auch mit einer kalten Brillanz, die wie eine Mischung aus Thompson und Graham Greene erscheint, aber etwas völlig eigenes ist. „In DARK RIDE wollte ich über einen Charakter schreiben, der an den Erwartungshaltungen der Mittelklasse verrückt wird. Über diese ganze Ideologie des Erfolges, die Amerika beherrscht. Ich fühlte, dass dieses Erfolgsstreben verbunden ist mit dem Willen zum Herrschen und mit Aggression. Egal, DARK RIDE ist mein Portrait der amerikanischen Familie in Schwarzweiß.“
Der Erfolg war mäßig und ist es leider bis heute. Harrington lebt in Nordkalifornien und reist viel. Besonders in lateinamerikanische Länder.
Sein Großvater war Mexikaner und er sprach Spanisch, bevor er Englisch lernte. „Ich liebe Mexiko und werde es immer lieben, trotz der schlimmen Entwicklungen in den letzten Jahren. Es gibt kein Land, in dem ich glücklicher bin als in Mexiko.“ Wenn er nicht unterwegs ist, schreibt er diszipliniert. „Nachmittags kann ich nicht mehr gut schreiben. Dann mache ich meistens Sport, laufen, Gewichte heben. Am Wochenende arbeite ich nicht. Ich kann nicht trinken, wenn ich arbeite.
Alle seine Romane wären hervorragende Filmstoffe. Allerdings für Filme jenseits des Cinemaxe-Publikums. Derjenige, der das erkannt hat, ist John Hustons Sohn, der seit Jahren versucht, die Finanzierung von Harringtons Klassiker DIA DE LOS MUERTOS auf die Beine zu stellen. Das Buch ist im Englischen seit über zehn Jahren bei unterschiedlichen Verlagen ununterbrochen lieferbar. „Im Gegensatz zu RED JUNGLE war es leicht zu schreiben. Ich hatte das Gefühl, dass bei der Arbeit Hemingway, John Huston und Jim Thompson bei mir im Raum waren.“ Harrington schreibt bewusst in unterschiedlichen Stilen, die vom jeweiligen Sujet abhänmgen: Bei den Noir-Romanen sind die Einflüsse von Jim Thompson und James Malahan Cain spürbar. Die Polit-Thriller können seine Liebe zu Graham Greene wahrlich nicht verbergen. Natürlich ist er kein simpler Epigone, der stilistisch andere Autoren nachäfft. Es ist eher eine vergleichbare Weltsicht und erzählerische Perspektive, die er auf seine Weise nutzt. Und natürlich sind auch immer ein paar Tropfen Eric Ambler in seinen Giftcocktails.
„RED JUNGLE war die Rückkehr zu meinem anderen Stil, der eher an Graham Greene orientiert ist. Greene reduzierte die große Politik auf das Verhalten von Individuen. Ich glaube, das ist das, was Literatur leisten sollte. Gute Romane übersetzen die Komplexität der modernen Welt ins verständliche.“ Der Roman ist auch eine Reminiszenz an das Land seiner Mutter. „Ich habe den Roman im Haus meines Onkels in Guatemala begonnen.“ Für mich eines seiner besten Bücher, das in manchen Momenten auch an den grandiosen und heute vergessenen B.Traven erinnert. Viele wunderbare Sätze übersieht man fast im Schwung und Tempo dieses eleganten und speckfreien Polit-Thrillers, der auch ein Entwicklungsroman ist. Etwa:
„She was a modern woman and a failed Catholic… She had never forgiven God for that. God had sinned against her.“
oder:
“He would never learn empathy, but he had finally learned fear.”
Harrington enttarnt die Idiotien des Machismo der Lationos genauso brutal wie die verschlagene und verzweifelte Gier der Gringos.
Sein Held beginnt als einer dieser stupiden Anhänger des Neo-Liberalismus, der kein wirkliches Verständnis für die Verhältnisse in dem südamerikanischen Land hat (bis sie ihm von einem alten sozialistischen Senator ein wenig erklärt werden): Harringtons Protagonisten sind oft nicht leicht zu mögen. Die meisten mag man überhaupt nicht. Trotzdem faszinieren sie und dank Harringtons Kunst folgt man ihnen, gewöhnt sich an sie. Eben weil sie so dreidimensional und voller Leben (sei es noch so elend) sind. Aber wahrscheinlich ist das ein Grund weshalb er es bisher nicht auf die Bestsellerliste geschafft hat.
Was sich ändern wird.
Wie lange wird Kent Harrington wohl noch Perlen vor die Säue werfen?
Hoffentlich noch eine Weile für uns paar tausend Leser, die intelligenter, anspruchsvoller und feinfühliger sind als andere. In den USA kennt ihn kaum jemand, obwohl James Crumley ihm ein Vorwort schrieb und sogar PUBLISHERS WEEKLY beklagt, dass Harrington nicht auf der Bestsellerliste Stammkunde ist (als ob heutzutage Hemingway, Mailer oder Chandler es in die amerikanischen Bestsellerlisten schaffen würden). Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass er nicht ins deutsche übersetzt wird. Dafür aber u.a. ins Französische und italienische. Dank der geschmackssicheren Franzosen rollen wohl genug Cents rein, damit Harrington uns alle paar Jahre mit einem neuen Roman beglückt.
Sein neuer Thriller könnte Harringtons Durchbruch werden. Jedenfalls wird THE RAT MACHINE vollmundig so angekündigt: „ A thriller about the CIA, the Sicilian Mafia and the International Heroin Trade, as well as the importation of Nazi scientist and ex SS officers into Europe and The Americas during the Cold War. The story is set in 1980’s. The book is An HBO-style series set in Europe, London, the US, and Mexico with a large cast of characters. It is Harrington covering Robert Ludlum but distinctly Harringtonesque. The Rat Machine is the first in a series. The book is approximately 600 pages and is being developed for TV.“
BIBLIOGRAPHIE:
DARK RIDE, 1996
DIA DE LOS MUERTOS, 1997 (spätere Auflage mit einem Vorwort von James Crumley).
THE AMERICAN BOYS, 2000.
THE TATTOED MUSE, 2001.
RED JUNGLE, 2004.
THE GOOD PHYSICIAN, 2008.
THE RAT MACHINE, 2012.
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Anlässlich der deutschen Veröffentlichung des SCARFACE-Comics bei Schreiber & Leser, möchte ich nochmals an den Mythos erinnern, der in seiner populärkulturellen Bedeutung nicht überschätzt werden kann.
Auch der große Jack Kirby bearbeitete zweimal SCARFACE: 1947 und 1971.

FILM:
Howard Hawks Verfilmung von SCARFACE (1932) war der dritte große Gangsterfilm nach LITTLE CAESAR und PUBLIC ENEMY, der das Genre für die nächsten Jahrzehnte prägte und Stereotypen und Rituale festlegte. Dieser von Howard Hughes produzierte United Artists-Film erregte die Gemüter der Zensoren noch mehr als die beiden Gangsterfilme von Warner Brothers. Drei Schluss-Sequenzen wurden für den Film gedreht. Dabei wurde das übliche Klischee, wie der einstige furchtlose Gang-Boss um Gnade bittet, zur Freude der Zensoren bei den meisten Vorführungen in den USA verwendet. Das schönste Ende ist aber sicherlich die Version, in der Paul Muni von Maschinengewehrkugeln niedergemäht wird, vor dem Cook Tours-Zeichen mit der Aufschrift THE WORLD IS YOURS. Wie kompliziert die Adaption für den Film in Zeiten heftiger Zensur gewesen sein muss, sieht man an der langen Namensliste der Drehbuchautoren. Beteiligt am Drehbuch waren: Ben Hecht, Seton I.Miller, John Lee Mahin, William R.Burnett (der Romanvorlagen für LITTLE CAESAR, HIGH SIERRA, ASPHALTJUNGLE und mehr lieferte) und Fred Palsey.
Burnett: “Ein Agent von Howard Hughes rief mich an und bot mir 2000 Dollar pro Woche für die Arbeit am Drehbuch zu SCARFACE. Grundlage war dieses Buch von einem Heini namens Armitage Trail. Ein schlimmes Stück Mist – Pulp-Magazin-Zeugs eben. Ich arbeitete nicht für Howard Hawks, sondern für Hughes, der mir auch ein Büro gab. Plötzlich hatte ich zwölf verschiedene Drehbuchfassungen von SCARFACE auf dem Tisch. Egal. Ich schrieb ein komplettes Buch. Als ich fertig war, setzte Hughes den Drehbeginn an. Aber Hawks mochte nicht, was ich geschrieben hatte und holte zehn Tage vor Drehbeginn Ben Hecht dazu. Ben sagte: Ich schreib’ euch ein drehbares Skript in zehn Tagen und kriege täglich 1000 Dollar ausbezahlt. Hecht war brillant, brauchte aber immer Geld. Ich denke, Ben Hecht war letztlich dafür verantwortlich, dass der Film gedreht wurde.”
Laut anderen Quellen schrieb Hecht in zwei Wochen sechzig Seiten des Drehbuches. Dann wollte er zurück nach New York und übergab die Arbeit an John Lee Mahin mit den Worten: “Voller Löcher, das Ding. Kaum Dialog. Das ist eher ein gutes Treatment. Du wirst Probleme haben, aber das ist dein Job.” Hawks behauptete, er wäre zu Ben Hecht gegangen und hätte ihm die Anweisung gegeben, “Al Capones Geschichte wie die der Borgias zu erzählen”. Mahin: “Falsch. Ben sagte das zu Hawks. Ich habe selbst gehört, wie er es ihm sagte. Die Borgias faszinierten Ben schon immer. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Howard die Borgias überhaupt kannte. Vielleicht. Wahrscheinlich hat er aber im Lexikon nachgeschaut, nachdem Ben ihm das gesagt hatte. Howard ist ein großer Lügner. Er behauptete auch, die Idee, wie George Raft mit der Münze spielt, sei von ihm. War es nicht. Das stand alles schon im Drehbuch. Ben hatte auch das erfunden.” Raft musste das Flippen der Münze tagelang üben, bevor er es so gut konnte, dass er dabei einen anderen Schauspieler ansehen konnte.
Gleichzeitig arbeitete auch Seton Miller, ein alter Weggefährte von Howard Hawks, an dem Buch. Mahin konzentrierte sich auf die Dialoge, und schließlich erstellten die beiden Autoren zusammen mit Hawks die letzte Fassung. Angeblich verlangte Al Capone, der von dem Filmprojekt erfahren hatte, Einblick ins Drehbuch, das frei seine Lebensgeschichte erzählen sollte, zu nehmen. Der Capone-Biograph John Kobler schreibt: Eines nachts, so erzählte Hecht später, klopfte es plötzlich an der Tür seines Hotelzimmers in Los Angeles. Als er öffnete, standen zwei finster blickende Unbekannte vor ihm. Auf irgendeine Weise waren sie an eine Kopie seines Drehbuchs gekommen.
“Sind Sie der Mensch, der das geschrieben hat?” fragte der Mann mit dem Skript in der Hand.
Hecht bejahte.
“Wir haben es gelesen.”
“Und wie fanden Sie es?”
“Ist dieses Zeug über Al Capone?”
“Gott bewahre! Ich kenne Al noch nicht mal.” Er nannte die Namen einiger Gangster, die er in Chicago als Reporter kennen gelernt hatte – Colosimo, O’Bannion, Hymie Weiß…
“Okay. Wir sagen Al, dass dieses Zeug über andere Brüder ist.” Als sie gerade gehen wollten, fiel ihnen noch etwas ein:
“Wenn das Zeug nicht über Capone ist, warum haben Sie es dann SCARFACE genannt? Jeder denkt, dass er es ist.”
“Genau deshalb. Al ist einer der berühmtesten und faszinierendsten Männer, die es gibt. Wenn man den Film SCARFACE nennt, will jeder ihn sehen, weil er glaubt, er ist über Al. Das gehört zu den Tricks im Showgeschäft.”
“Werd’ ich Al sagen. Und was ist dieser Howard Hughes für ein Kerl?”
“Der hat damit gar nichts zu tun. Das ist der Dummkopf mit dem Geld.”
“Okay. Hol ihn der Teufel.” Befriedigt zogen sie ab.
Den Titelzusatz Shame of a Nation hatte ein Zensor des Hays Code durchgesetzt. Anscheinend war Capone von den Berichten seiner Drehbuch-Controler nicht völlig überzeugt. Jedenfalls besuchten einige von Capones Leuten die Dreharbeiten und wollten eine Preview des Films sehen. Hawks sagte ihnen, Al könne sich eine Eintrittskarte kaufen, wenn der Film in den Kinos sei. Capones Leuten gefiel diese Antwort überhaupt nicht, und sie machten ein bisschen Druck. In Windeseile stellte Hawks für sie eine Rohfassung zusammen. Den Gangstern gefiel der Film, und sie berichteten das Capone. Daraufhin wurde Hawks nach Chicago zu einer Audienz bei Capone eingeladen. “Capone und ich tranken zwei, drei Stunden Tee miteinander. Er hatte einen Morgenrock an.” Zur Premiere des Films in Chicago schenkte Capone Hawks eine Miniaturmaschinenpistole und verlangte, daß George Raft zu ihm kommen sollte.
Raft erzählte seinem Biographen Lewis Yablonsky von dem Gespräch: Capone rieb sich die berühmte Narbe und sagte: “Sag’ den Typen in Hollywood, sie kennen Al Capone nicht. Sie haben mich am Ende des Films umgelegt. Niemand legt den König von Chicago um. Sag’ ihnen das.” Als ich verschwinden wollte, sagte er: “Georgie, du spielst in dem Film meinen Leibwächter und machst dauernd mit dieser Münze rum.”
“Nur theatralisches Zeug.”
“War das ein viertel Dollar?”
“Nein. Ein Nickel.”
“Das ist schlimm. Sag’ ihnen, wenn einer meiner Leute mit einer Münze spielen würde, dann mit einer goldenen Zwanzigdollar Münze.” Ich wusste nicht, ob er nur Spaß machte oder es ernst meinte. Jedenfalls mochte er den Film und die Aufmerksamkeit, die er durch ihn bekam.
REMAKE?
1980 sah der amerikanische Produzent Martin Bregman im Nachtprogramm eines TV-Senders Howard Hawks Klassiker SCARFACE. Sofort dachte er daran, eine zeitgenössische Version des Films zu realisieren. Und er sah eine Chance für Al Pacino, mit dem er zuvor schon bei DOG DAY AFTERNOON (HUNDSTAGE) und SERPICO zusammengearbeitet hatte, “einen Charakter auf die Leinwand zu bringen, den Pacino nie zuvor gespielt hatte und der seit James Cagney in WHITE HEAT nicht mehr zu sehen war”.
Bregman wollte aber kein simples Remake: “Die Unterwelt hat sich, wie alles andere auch, geändert seit den Tagen von Capone. Inzwischen ist Kokain das große Geschäft geworden. Jemand, der skrupellos, clever und hungrig genug ist, kann unglaubliches Geld machen, indem er Drogen von Südamerika in die USA bringt.” Das Drogengeschäft, dass immer auch mit Unterstützung von so edlen Organisationen wie CIA oder DEA gemacht wird, ist für die Entwicklung der Organisierten Kriminalität genauso wichtig, wie es einmal das Alkoholverbot war. Riesige illegale Vermögen werden und wurden verdient und in den legalen Weltfinanzkreislauf eingespeist. “Mit dem Geld aus dem Drogenhandel könnte man locker ganz Schwarzafrika und mehr aufkaufen”, sagte einmal der zu ehrliche DEA-Fahnder Levine, der am eigenen Leib feststellen durfte, dass politische und wirtschaftliche Verantwortungsträger nicht das geringste Interesse daran haben, dieses schmutzige Geschäft zu zerstören. Oder wie es ein Wall Street-Banker in der bahnbrechenden Noir-TV-Serie MIAMI VICE ausdrückte: “Unsere Freunde in Südamerika können uns ihre Schulden nicht mit Indianerschnitzereien zurückzahlen.” Ein genialer Einfall von Stone und Bergman, die zeitgenössische Interpretation von SCARFACE in diesem Geschäft anzusiedeln!
Im Mai 1980 ließ Fidel Castro 125 000 Kubaner vom kubanischen Hafen Mariel aus in die USA deportieren. Castro nutzte die Chance, um Kubas Kriminelle in die USA zu exportieren. Versteckt unter den Neuankömmlingen befanden sich das schlimmste Gesindel und Psychopathen. Fast der gesamte Abschaum der Insel. Fidel muss sich krankgelacht haben, als er die Knäste leerte und diese Horrorgestalten bei den Erzfeinden abkippen durfte.
Ausgehend von diesen Ideen, holte Bregman Oliver Stone als Drehbuchautor zu dem Projekt. Zwei Monate recherchierte Stone in der lateinamerikanischen Unterwelt von Südflorida. Er sprach mit Mulis, FBI-Agenten und Straßendealern, dann flog er zur Karibikinsel Bimini und weiter nach Kolumbien, Ecuador und Peru. “Damals fühlte ich mich ziemlich bedroht. Die meiste Zeit verbrachte ich zwischen Mitternacht und Tagesanbruch in dubiosen Gegenden. Es ist nicht gerade die sicherste Zeit, erst recht nicht, wenn man dauernd Leute trifft, die sich vielleicht hinterher überlegen könnten, dass sie dir zuviel erzählt haben”, erinnerte sich Stone. Das fertige Drehbuch schickte Bregman an Brian de Palma, der gewöhnlich seine Filme selbst schreibt (vielleicht sein größter Fehler als Filmemacher), aber Stones Skript akzeptierte. Pacino begann auf die für ihn typische Art mit den Vorbereitungen: Er zog nach Miami und trieb sich unter Exilkubanern herum um die Bräuche und Spracheigenheiten der Marielitos kennen zu lernen, die so genannt werden, weil sie ursprünglich vom kubanischen Hafen Mariel aus nach Florida kamen.
Während der Dreharbeiten sprach er ausschließlich in diesem Slang.
In Brian de Palmas Version spielt die Handlung während der 80er Jahre im MIAMI VICE-Territorium. Tony Montanas (Pacino) flieht von Kuba nach Miami, um dort seinen eigenen amerikanischen Traum zu verwirklichen. Durch Drogenhandel im großen Stil wird er einer der mächtigsten Kingpins und muss feststellen, dass man genauso brutal die Macht verteidigen muss, wie man sie erobert hat. Nichts ist ihm dabei zu schmutzig. Am Ende ist er isoliert und der Schlachten mit seiner Frau (Michelle Pfeiffer), die zur Fixerin wurde, müde.
Der arme Maurice Coons, alias Armitage Trail, hat bestimmt nicht im Traum daran gedacht, dass sein Roman so einflussreich werden würde. Dieser Roman und Burnetts LITTLE CAESAR waren die Grundlage für die Mythologisierung des Gangsters zu einer Pop-Ikone des 20.Jahrhunderts.
NACHTRAG ZUM COMIC:
Ein naiver Kritiker, der den SCARFACE-Mythos nicht richtig einordnen konnte, sah diesen im Comic gar entzaubert: „De Metter entzaubert in einer schönen Miniatur einen der berühmten Topoi über das Gangstertum in Chicago und dessen soziale Funktion (Armenspeisung etc.) als reinen Kitsch: Camonte ist nett zu Kids aus der Unterschicht, derweil seine Jungs (offscreen) einen Feind foltern…“ Einem Geschäftsmann wie Capone Altruismus (Armenspeisung etc.) zu unterstellen, ist ziemlich naiv. In seiner sozialdemokratischen Romantik sah er wohl Gegensätze bei zwei Seiten derselben Medaille. Wahrscheinlich begreift er nicht die systemimmanenten Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft: Das zum Beispiel die Kinder der Armen in Kriegen für die Wirtschaftsinteressen der Reichen verheizt werden, gleichzeitig aber ein Präsidenten-Darsteller eine Gesundheitsreform durchsetzen darf, die durchaus die Lebensbedingungen der Armen verbessern könnte (und der Pharmaindustrie neue Märkte erschließt). Capones Armenspeisungen hatte die knallharte Funktion, sich ein nützliches Sympathisanten-Netzwerk zu schaffen.
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Eddie gehörte mal zu den wenigen männlichen Pornodarstellern, die es zu Starruhm gebracht haben. Aber die Halbwertzeit für Pornostars ist gering und jetzt ist er auf dem Weg nach unten. Zu viele Drogen, zu viele miese Geschäftchen nebenbei. Aber noch hält Schark, der Big Boss aller schmierigen Geschäfte, seine Hand über ihn. Gegen den Rat seiner rechten Hand, dem Killer Samba, der Eddie nicht über den Weg traut. 
Vor Samba haben alle Angst. Voll gepumpt mit Testosteron und einem Taipan im Wohnzimmer, übernimmt er gerne und hoch motiviert jede Drecksarbeit. Samba hat Eddie schon länger auf dem Kieker.
Zu recht, wie sich zeigt. Denn der ahnt oder weiß, dass Eddie auch für die Brüder Kremp arbeitet: Als Drogendealer, der sein bester Kunde ist und das Kolumbianische Rohrfrei auch noch streckt.
Das gefällt weder den Kunden noch den Kremps.
Und die meinen, sie könnten es mit auch mit Schark aufnehmen und Kalifen anstelle des Kalif werden. Ausgerechnet mit Schark, der doch Politik, Verwaltung und Polizei in der Tasche hat – oder?
Drogenkonsum, Größenwahn und Schulden veranlassen Eddie zu einem gefährlichen Doppelspiel. Er versucht die psychopathischen Kremps gegen den Mogul Schark zu auszuspielen.
Als Bonustrack der Essay zur Geschichte des Pornofilms VOM MEAT- ZUM MONEYSHOT.
Jede Menge bizarre Typen, zynische Dialoge und lakonische, brutale, sentimentale und lustige Szenen, die dem Teufel gefallen. Die richtige Lektüre für einen Urlaub in der Hölle.
Vorsicht: Dieser Roman aus dem Porno-Milieu ist nicht geeignet für Leute unter achtzehn Jahren
bei Kindle unter: <a href="<a href="<a href="<a href="http://www.amazon.de/MONEYSHOT-ebook/dp/B007T8W99Q/ref=sr_1_28
Rezensionsexemplare können bei mir als pdf (lesbar auf eBook-Reader in etwas geringerer Qualität) abgerufen werden.
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Eines von Kernicks liebsten Stilmitteln ist der “cliffhanger”: Auf dem Höhepunkt des Suspense wird auf eine andere Handlungsebene überblendet. Auch das wurde von “24″ für das Fernsehen perfektioniert (und verdankt den TV-Melodramen fast soviel wie den Pulps; der “Tarzan”-Schöpfer Edgar Rice Burroughs war ein Meister dieser Technik). Virtuos ist auch seine Darstellung von Action jeglicher Art – von Schießereien bis Autojagden. Kein zeitgenössischer Literat bringt physische Aktion filmischer zu Papier.

Zur wie auch immer gearteten Unterstützung seiner Gehetzten bringt Kernick gerne Profis ein: die Polizisten Mike Bolt oder Tina Boyd. Dabei führt er vor, daß die Logistik durch staatliche Institutionen nie ausreicht, um den Gefahren und Problemen zu begegnen. Entweder ist sie nicht effektiv oder – schlimmer noch – korrupt. Bei aller Konzentration auf physische Aktion (die freie Entscheidungsmöglichkeiten suggeriert) wurzeln Kernicks Thriller, wie Woolrichs, in einer klassischen Noir-Welt. Also in der Realität. Sein London hat nichts Gemütliches oder Idyllisches. Es ist ein zertrümmerte Stadt im Niedergang, beherrscht von penetranten Überwachungskameras, Gangs, skrupellosen Neubauten, Terroristen und drei einsatzbereit lauernden Hubschraubern, die in geringer Höhe über die Stadt knattern, um die Einwohner an Orwells faschistoide Zukunftsvision zu erinnern. Eine Welt von nur scheinbarer Geborgenheit im infantilen Luxus des familiären Mittelschichtmilieus. Die typische westliche Metropole des neuen Jahrtausends, in der die Straßen von einem Moment zum anderen zu Schlachtfeldern werden können. Kernick zeigt eine kranke Gesellschaft, die von Manipulationen und Verschwörungen beherrscht wird.
Disziplin ist auch für Kernick die wichtigste Autorentugend: “Ich schreibe jeden Wochentag, manchmal auch während des Wochenendes. Mittags eine große Pause. Mein Ziel sind 2000 Worte pro Arbeitstag. Die Planung und Vorbereitung für ein Buch dauert etwa zwei Monate. Das Schreiben weitere sechs. Heute recherchiere ich nicht mehr soviel wie früher. Ich glaube nämlich, daß man auch zuviel recherchieren kann.”
In der Regel bevorzugt er die erste Person als Erzählerperspektive. Die ist bei seiner Art von Thrillern sehr effektiv, da sie den Leser unmittelbar in die Geschichte saugt. Aber Kernick experimentiert auch gerne mal und nicht weniger überzeugend: In “Instinkt” wechselt er vom Ich-Erzähler zum allwissenden Erzähler (der Tina Boyds Handlungen begleitet).
In “The Murder Exchange” erzählen die beiden Hauptcharaktere, Ex-Söldner Iversson und DS Gallan, in der ersten Person. “Das war schwierig. Ich mußte immer wieder feilen und feilen, damit jeder mit seiner eigenen Stimme sprach und nicht beide dieselben Phrasen droschen.”

Kernicks Frauen sind genauso stark und überzeugend dargestellt wie die Männer. Auch Opfer wie Andrea in “Deadline” sind keine Weibchen, sondern selbstbewußte Frauen, die sich gesellschaftlich hochgeboxt haben und ebenso selbstbewußt mit ihrer Sexualität umgehen. Sie sind genauso weder schwarz noch weiß gezeichnet – wie seine männlichen Helden. Alle haben dunkle und helle Seiten, ohne deshalb zu grauen Mäusen zu degenerieren. Es sind diese ökonomisch kalkulierten und knappen Charakterstudien, die von der oberflächlichen Kritik gerne übersehen werden. Aber ohne ihre Effektivität würden seine Page-Turner nicht funktionieren. Kernick muß im Leser zumindest Empathie für seine Figuren wecken, wenn der ihnen auf den Höllentrips folgen soll.
Inzwischen kann er es sich leisten, auch einmal zu seinen Wurzeln zurückzukehren: In “Payback”, (2011) bringt er DI Tina Boyd und Milne zusammen in einer mörderischen Rachejagd von London über Hongkong zu den Philippinen.
Tina Boyd, genannt “die schwarze Witwe” (denn ihr Nahestehende haben meist ein kurzes Leben) hat auch einen Cameo-Auftritt in “Siege” und wichtige Rollen in “Deadline” und “Target”, Es scheint, daß Kernick in eine dritte Phase eintritt, die eine Synthese aus den frühen Noir-Romanen und seinen Speed-Thrillern formt. “Meine frühen Bücher, die Cop-Noir-Romane, waren viel brutaler als meine Thriller. Ich glaube, die Menschen wollen nicht mehr so gewalttätiges Zeug lesen wie vielleicht noch vor zehn Jahren. Wir haben soviel extreme Gewalt in der Realität.” Naja, der Bodycount in “Todesangst” kann auch einen McNab-Fan “befriedigen”. Und den Psycho-Terror, den Kernick verbreitet, macht ein Verhör durch Jack Bauer zum adretten Folterspiel. Er hat die Fähigkeit, den Leser aufs perfideste durch die Mangel zu drehen. Es gibt auch keine peinlichen Pornoszenen (ohne den Sex zu negieren): “Als Kind war ich natürlich scharf auf Sexszenen in Krimis. Aber heute als Autor glaube ich nicht mehr daran. Sex ist überall verfügbar, und wer das will, braucht nur ins Internet zu gehen oder sich einen Pornofilm einzulegen. Ich mache das lieber ganz romantisch und blende ab einem bestimmten Moment aus. Alles sehr geschmackvoll.”
Ihn interessiert vor allem Gerechtigkeit. Wie es sich meistens gehört, bekommen die Bösen am Ende seiner Thriller ihre gerechte Strafe. “Jeder weiß doch, daß in der Realität die Bösen oft genug gewinnen. Das Schöne am Schreiben ist, daß ich in den Büchern Gerechtigkeit herstellen kann. Das macht Spaß. Andererseits wird man selbst immer paranoider, wenn man in diesem Genre arbeitet.”




















