Martin Compart


BRIT NOIR: SIMON KERNICK – SPEEDKING 3/ by Martin Compart
3. Januar 2012, 3:00 nachmittags
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Eines von Kernicks liebsten Stilmitteln ist der “cliffhanger”: Auf dem Höhepunkt des Suspense wird auf eine andere Handlungsebene überblendet. Auch das wurde von “24″ für das Fernsehen perfektioniert (und verdankt den TV-Melodramen fast soviel wie den Pulps; der “Tarzan”-Schöpfer Edgar Rice Burroughs war ein Meister dieser Technik). Virtuos ist auch seine Darstellung von Action jeglicher Art – von Schießereien bis Autojagden. Kein zeitgenössischer Literat bringt physische Aktion filmischer zu Papier.

Zur wie auch immer gearteten Unterstützung seiner Gehetzten bringt Kernick gerne Profis ein: die Polizisten Mike Bolt oder Tina Boyd. Dabei führt er vor, daß die Logistik durch staatliche Institutionen nie ausreicht, um den Gefahren und Problemen zu begegnen. Entweder ist sie nicht effektiv oder – schlimmer noch – korrupt. Bei aller Konzentration auf physische Aktion (die freie Entscheidungsmöglichkeiten suggeriert) wurzeln Kernicks Thriller, wie Woolrichs, in einer klassischen Noir-Welt. Also in der Realität. Sein London hat nichts Gemütliches oder Idyllisches. Es ist ein zertrümmerte Stadt im Niedergang, beherrscht von penetranten Überwachungskameras, Gangs, skrupellosen Neubauten, Terroristen und drei einsatzbereit lauernden Hubschraubern, die in geringer Höhe über die Stadt knattern, um die Einwohner an Orwells faschistoide Zukunftsvision zu erinnern. Eine Welt von nur scheinbarer Geborgenheit im infantilen Luxus des familiären Mittelschichtmilieus. Die typische westliche Metropole des neuen Jahrtausends, in der die Straßen von einem Moment zum anderen zu Schlachtfeldern werden können. Kernick zeigt eine kranke Gesellschaft, die von Manipulationen und Verschwörungen beherrscht wird.

Disziplin ist auch für Kernick die wichtigste Autorentugend: “Ich schreibe jeden Wochentag, manchmal auch während des Wochenendes. Mittags eine große Pause. Mein Ziel sind 2000 Worte pro Arbeitstag. Die Planung und Vorbereitung für ein Buch dauert etwa zwei Monate. Das Schreiben weitere sechs. Heute recherchiere ich nicht mehr soviel wie früher. Ich glaube nämlich, daß man auch zuviel recherchieren kann.”

In der Regel bevorzugt er die erste Person als Erzählerperspektive. Die ist bei seiner Art von Thrillern sehr effektiv, da sie den Leser unmittelbar in die Geschichte saugt. Aber Kernick experimentiert auch gerne mal und nicht weniger überzeugend: In “Instinkt” wechselt er vom Ich-Erzähler zum allwissenden Erzähler (der Tina Boyds Handlungen begleitet). In “The Murder Exchange” erzählen die beiden Hauptcharaktere, Ex-Söldner Iversson und DS Gallan, in der ersten Person. “Das war schwierig. Ich mußte immer wieder feilen und feilen, damit jeder mit seiner eigenen Stimme sprach und nicht beide dieselben Phrasen droschen.”

Kernicks Frauen sind genauso stark und überzeugend dargestellt wie die Männer. Auch Opfer wie Andrea in “Deadline” sind keine Weibchen, sondern selbstbewußte Frauen, die sich gesellschaftlich hochgeboxt haben und ebenso selbstbewußt mit ihrer Sexualität umgehen. Sie sind genauso weder schwarz noch weiß gezeichnet – wie seine männlichen Helden. Alle haben dunkle und helle Seiten, ohne deshalb zu grauen Mäusen zu degenerieren. Es sind diese ökonomisch kalkulierten und knappen Charakterstudien, die von der oberflächlichen Kritik gerne übersehen werden. Aber ohne ihre Effektivität würden seine Page-Turner nicht funktionieren. Kernick muß im Leser zumindest Empathie für seine Figuren wecken, wenn der ihnen auf den Höllentrips folgen soll.

Inzwischen kann er es sich leisten, auch einmal zu seinen Wurzeln zurückzukehren: In “Payback”, (2011) bringt er DI Tina Boyd und Milne zusammen in einer mörderischen Rachejagd von London über Hongkong zu den Philippinen. Tina Boyd, genannt “die schwarze Witwe” (denn ihr Nahestehende haben meist ein kurzes Leben) hat auch einen Cameo-Auftritt in “Siege” und wichtige Rollen in “Deadline” und “Target”, Es scheint, daß Kernick in eine dritte Phase eintritt, die eine Synthese aus den frühen Noir-Romanen und seinen Speed-Thrillern formt. “Meine frühen Bücher, die Cop-Noir-Romane, waren viel brutaler als meine Thriller. Ich glaube, die Menschen wollen nicht mehr so gewalttätiges Zeug lesen wie vielleicht noch vor zehn Jahren. Wir haben soviel extreme Gewalt in der Realität.” Naja, der Bodycount in “Todesangst” kann auch einen McNab-Fan “befriedigen”. Und den Psycho-Terror, den Kernick verbreitet, macht ein Verhör durch Jack Bauer zum adretten Folterspiel. Er hat die Fähigkeit, den Leser aufs perfideste durch die Mangel zu drehen. Es gibt auch keine peinlichen Pornoszenen (ohne den Sex zu negieren): “Als Kind war ich natürlich scharf auf Sexszenen in Krimis. Aber heute als Autor glaube ich nicht mehr daran. Sex ist überall verfügbar, und wer das will, braucht nur ins Internet zu gehen oder sich einen Pornofilm einzulegen. Ich mache das lieber ganz romantisch und blende ab einem bestimmten Moment aus. Alles sehr geschmackvoll.”

Ihn interessiert vor allem Gerechtigkeit. Wie es sich meistens gehört, bekommen die Bösen am Ende seiner Thriller ihre gerechte Strafe. “Jeder weiß doch, daß in der Realität die Bösen oft genug gewinnen. Das Schöne am Schreiben ist, daß ich in den Büchern Gerechtigkeit herstellen kann. Das macht Spaß. Andererseits wird man selbst immer paranoider, wenn man in diesem Genre arbeitet.”



BRIT NOIR: SIMON KERNICK – SPEEDKING 2/ by Martin Compart

Seine Cops, wie Milne oder John Gallan und Tina Boyd gehören nicht der Inspector Rebus-Garde an. Es scheint eher, dass der 1966 geborene Autor von der Konventionen sprengenden Fernsehserie THE SWEENEY (1975-78) beeindruckt wurde. „Die meisten meiner Charaktere basieren irgendwie auf realen Menschen. Bei meinen Recherchen stoße ich auf merkwürdige Typen.“ Und natürlich ist er beeinflusst vom Großmeister des Brit-Noir Ted Lewis. „Lewis bekam nie wirklich die ihm zustehende Anerkennung für JACK´s RETURN HOME. Für mich der beste britische Noir-Roman aller Zeiten.“

Seine Noir-Cop- Romane brachten einen neuen Wind in die britische Kriminalliteratur, die an den langweiligen Ermittlern der Colin Dexter-John Harvey-Ian Rankin-Schule erstarrte.

Ab 2006 wechselte er die Richtung: Mit GNADENLOS (RELENTLESS) begann er seine „pot boiler“, für die er heute bekannt ist und ihn erfolgreich machten. Seine düstere Weltsicht hat er beibehalten, aber diese schnellen Action orientierten Romane konzentrieren sich auf den Kampf gegen die Zeit. Niemand setzt Zeitdruck besser in Szene.
Seine Thriller lesen sich in Passagen wie Vorlagen für Jason Statham-Filme und haben natürlich das Interesse der Filmindustrie auf sich gezogen. Einige Fans seiner frühen Romane mochten diesen Tempo-Wechsel gar nicht, aber Kernick gelang damit der Ausbruch aus der Noir-Nische in die Bestsellerlisten. Trotz des Erfolges ist er ein pflegeleichter Autor, der sich tatsächlich noch bei SIEGE vom Verlag vorschreiben ließ, das Ende umzuschreiben und den Titel zu ändern. Hoffen wir mal, dass er einen fähigen Lektor hat(te). Aber jemand, der so lange und verbissen darum gekämpft hat veröffentlicht zu werden, verliert nicht so schnell die Bodenhaftung. Die ersten vier Romane brachten zwar tolle Kritiken, aber wenig Geld. GNADENLOS war 2007 der erfolgreichste Kriminalroman in Großbritannien.

Die Idee für GNADENLOS kam Kernick durch einen Alptraum, den er in Toronto nach einem exzessiven Besäufnis hatte. Protagonist Tom Meron hört am Telefon, wie ein alter Schulfreund umgebracht wird. Seine letzten Worte sind Merons Adresse. Der Höllenzug verlässt den Bahnsteig…

Der Nachfolger TODESANGST beginnt mit einem Satz, der das Schicksal von Noir-Protagonisten Im Allgemeinen und von Kernicks „Helden“ im Besonderen auf den Punkt bringt: „Kaum öffne ich die Augen, weiß ich, es wird ein Scheißtag.“Der Ex-SAS-Soldat Tyler erwacht blutüberströmt neben der kopflosen Leiche seiner Geliebten und erinnert sich an nichts. Und dann geht es ab, dass der Leser aus der Kurve fliegt. Eventuelle Plotschwächen werden einem egal, weil man nur noch mit zitternden Fingern die Seiten umdreht. Kernick fährt mit Bleifuss und schaltet bis zum Finish nicht einmal runter. Um das Tempo noch zu erhöhen, hat er TODESANGST als bisher einzigen Roman im Präsens geschrieben. Eine schwierige literarische Technik, die leicht albern klingt und am besten bei komödiantischen Handlungen funktioniert (siehe Peter Cheyneys Lemmy Caution-Romane, die ich sehr unterhaltsam aber nie spannend fand).

In DEADLINE erzählt Kernick zwar in der dritten Person, wählt aber die Perspektive der Protagonistin, deren Tochter entführt wurde. Tausendmal gelesen und gesehen? Aber nicht so! DEADLINE ist Kernicks einziger Roman, der bei uns auch als Hörbuch vorliegt (Audiobuch Verlag). Wie Johannes Steck es vorträgt, ist unglaublich! Sehr intensiv und dem Tempo entsprechend. Das sollte man nicht auf Kurzstrecken hören, sonst fährt man bis zum Nordkap durch.
Mit seinen On-the-Edge-Thrillern steht Kernick in der Tradition von Cornell Woolrich: Ein (vermeintlich) Unschuldiger gerät in eine Verschwörung, die er nicht durchschaut, und wird gehetzt. Von einer Sekunde auf die andere brechen Ereignisse in das Leben des Protagonisten ein, dass es völlig aus den Fugen gerät. Chandler sagte über Woolrich: „Der Mann mit den besten Einfällen, aber man muss ihn schnell lesen und darf ihn nicht zu genau analysieren; er ist zu fieberig.“ Es wäre ungerecht, dieses Urteil 1:1 auf Kernick zu übertragen. Aber ähnlich wie Woolrich ordnet er den Twists und dem Tempo alles unter. Dieser klassische Thriller-Topos lässt sich mindestens bis zu John Buchan zurückverfolgen. Es geht letztlich um Kontrollverlust. Ein Lebensgefühl, das heute aktueller denn je ist. Manipulation und Kontrollverlust gipfeln in Verschwörungen. Seine düstere Weltsicht unterlegt Kernick auch in den Thrillern, wenn auch nicht so exzessiv wie in den Noir-Romanen. Als intelligenter Zeitzeuge spiegelt er den immer offeneren Moralverfall der westlichen Zivilisation seit dem Aufstieg der Neo-Cons.

Im Gegensatz zu Lee Child lassen sich Kernicks Plots nicht vorher sehen. Wenn man meint, man wisse wie der Hase läuft, schlägt er eine überraschende Volte. „Meiner Meinung nach ist eine der wichtigsten Regeln die Handlung unberechenbar zu halten. Das lässt den Leser die Seiten umblättern.“



BRIT NOIR: SIMON KERNICK – SPEEDKING 1/ by Martin Compart

Simon Kernick gehört zu den britischen Autoren, die sich seit der Jahrtausendwende im Windschatten des Erfolges von Autoren wie Lee Child oder Andy McNab als eine Art New Breed des britischen Thrillers etablieren. Sie sind genauso von multimedialen Pop-Kulturtraditionen geprägt, wie von den literarischen Traditionen des Genres. Sie gehören zu einer Generation, die einen Bondfilm gesehen hat, bevor sie Romane von Ian Fleming oder Eric Ambler entdeckte. Und sie schreiben in einer Zeit, in der sie mit Fernsehserien wie 24, LUTHER oder SPOOKS um das Publikum konkurrieren. Denn diese und andere Serien, deren primäres Medium die DVD ist und denen die Erstausstrahlung im TV nur als Schaufenster dient, haben Einfluss auf Literatur und Rezeption.
Kernick ist das voll bewusst – und er hat es drauf. Ihm gelingt es, das Tempo der TV-Serien auf den Roman zu übertragen: Gleich auf der ersten Seite fängt er den Leser ein, schaltet den Motor seines Romans in Blitzgeschwindigkeit hoch in den fünften Gang und rast durch die Story bis das Getriebe kracht. Den Leser beim Schlafittchen packen und auf geht’s in die Turboachterbahn. Wie etwa bei „24“ kann er durch das hohe Tempo eventuelle Plotunstimmigkeiten oder Unwahrscheinlichkeiten überfahren, Widersprüche von der Fahrbahn kicken. Und wie „24“ kommt er damit durch weil er genügend Überraschungsmomente im Köcher hat. Wer das nicht mag, sollte die Finger von ihm lassen. Ich dagegen bin froh über Autoren, die nicht mit völlig psychopathischen Forensikstudien wie Patricia Cornwell oder Charakterquark wie die völlig durchgeknallte Mo Hayder daherkommen. Ich langweile mich zu Tode bei diesen Waltons-meet-Dr.Lecter-Geschichten von Karin Slaughter oder Kathy Reich und mir wird übel bei den Reissbrett-Slashern von Cody McFadyan oder der langweiligen Sozialdemokratie eines Hanning Mankells (der Traum aller verlebten Thalia-Kundinnen).

Der 1966 in Slough geborene Kernick wuchs in Henley-on-Thames auf, eine Kleinstadt fünfzig Kilometer von London entfernt. „Ich schreibe, seitdem ich einen Stift halten kann. Es hat Jahre gedauert und einige hundert Ablehnungen, bis ich mit 35 Jahren meinen ersten Vertrag bekam. Ich glaube, ich musste einfach so lange üben und lernen, bis ich was Druckbares hin bekam.“
Mit 19 ging er vom College ab und schlug sich mit einem Job als Transportmanager durch. Nach einem Jahr ging er nach Toronto, wo er wieder aufs College ging und sich verlobte. „Es hielt kein Jahr. Danach ging ich über Australien zurück nach England. Ich hatte Heimweh. Ich ging in Brighton aufs Polytechnikum und machte anschließend die unterschiedlichsten Jobs: Im Straßenbau, als Barkeeper oder als Holzfäller für Weihnachtsbäume. Schließlich etablierte ich mich als Handelsvertreter in der Computerbranche und blieb zehn Jahre dabei.“ In seiner wilden Zeit machte er auch eine böse Erfahrung, die sich wohl in der Intensität bestimmter Szenen in seinen Büchern niedergeschlagen hat: Beim trampen mit Freunden wurde er einmal ausgeraubt. Sie mussten sich ausziehen, wurden geschlagen und kamen gerade noch mit dem Leben davon.
Inzwischen ist er verheiratet, hat zwei Töchter und lebt als erfolgreicher Schriftsteller in Oxfordshire.

„In meiner Jugend war ich ein großer Science Fiction und Fantasy-Fan. Wahrscheinlich hat mich Tolkien am stärksten beeindruckt. Gefolgt von Michael Moorcock – insbesondere die Corum- und Runestaff-Zyklen. Großartig und völlig unterbewertet wie vieles in dem Genre. Auf dem College entdeckte ich Raymond Chandler. Ich las THE BIG SLEEP in einem Rutsch. Es hat mich umgehauen und mir einiges beigebracht. Zum Beispiel, dass man nicht zuviel beschreiben muss. Weniger ist oft mehr, wenn es um Thriller geht. 95% von allem, was ich gelesen habe, war Kriminalliteratur inklusive einer ordentlichen Portion true crime.“ Er sieht sich vor allem von amerikanischen Autoren beeinflusst und bewundert Leute wie Dennis Lehane oder Harlan Coben, den er – wen wundert es – für seine überraschenden Wendungen schätzt. „Mein größter Einfluss war Lawrence Block. Ich habe alles von ihm gelesen – und er hat eine Menge geschrieben. Ich bewundere seine Vielseitigkeit. Er kann alles.“ 2004 hielt Kernick bei der Verleihung der Diamond Dagger Awards für Blocks Lebenswerk eine bewegende Laudatio auf sein Idol. Wie Block schreibt er in einem scheinbar kunstlosen Stil, der sich ganz der Geschichte unterordnet.

Begonnen hat er mit Noir-Romanen in der britischen Tradition. Sein Debut, “Tage des Zorns”/”Vergebt mir!” (The Business of Dying, 2002), war ein rabenschwarzer Cop-Roman über einen Bullen, der nebenher Leute umbringt, die es nach seinem Wertesystem verdient haben und ihm zusätzlich ein bißchen Geld einbringen. Er wird von seinem Auftraggeber reingelegt und tötete bei einem Hit unschuldige Zollbeamte. Von da an geht es bergab und schließlich muß er aus England fliehen. Im zweiten Roman über Dennis Milne, “Fürchtet mich” (A Good Day To Die, 2005), lebt er als Gelegenheitskiller auf den Philippinen. Als er vom Mord an seinen besten Freund und Ex-Partner erfährt, kehrt er nach London zurück, um diese Angelegenheit auf seine Weise zu regeln. Laut Aussage des Autors ist dies sein Lieblingsbuch.
Bei der Recherche zu “Tage des Zorns” lernte Kernick Beamte von der Metropolitan Police kennen. “Ich war überrascht, wie angefressen die waren. Sie fühlten sich von Politikern und ihren Chefs unter Druck gesetzt und empfanden sich als dämonisiert, nur weil sie ihre Arbeit taten. Sie hatten nicht genügend Instrumente, um die Kriminalität einzudämmen, und wurden von der Öffentlichkeit und denjenigen kritisiert, die ihnen diese Instrumente verweigerten. Sie blieben nur wegen der Pension dabei. Ich schickte das Manuskript an einen Agenten, der es ablehnte, nachdem er zuerst Interesse gezeigt hatte. Das traf mich ziemlich hart. Ich dachte daran, was Neues zu schreiben. Aber meine Frau Sally glaubte an den Roman. Ich schrieb ein paar Szenen um und fand eine Agentin, die das Buch anbot. Als mir Transworld einen Vertrag dafür und ein weiteres Buch anbot, nahm ich sofort an, ohne noch Reaktionen anderer Verlage abzuwarten. Das war eine gute Entscheidung. Die Copper waren ebenfalls zufrieden mit dem Buch, da ich keine Verfahrensfehler gemacht hatte.”

Auch die drei anderen frühen Romane behandeln die düstere Welt des organisierten Verbrechens in Nord-London. “Mich hat die organisierte Kriminalität immer interessiert – in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Ich finde es bemerkenswert, daß man Kriminalität genauso wie ein normales Geschäft führen kann, direkt unter den Augen der Autoritäten, die kaum Interesse haben, etwas dagegen zu unternehmen.”



LUCIFER CONNECTION UNTER DEN 10 BESTEN by Martin Compart
10. Dezember 2011, 9:50 vormittags
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Sicherlich wäre es eleganter, in meinem Blog schweigend darüber hinweg zu gehen, aber im inneren Kampf understatement versus Eitelkeit hat letztere ganz klar nach Punkten gewonnen. Aber wofür macht man einen Blog, wenn man nicht kokett der Meinung ist, man müsste der restlichen Welt die eigenen Gedanken mitteilen? Schließlich wartet das Universum gierig auf die eigenen Ergüsse.

Wenn eine der ältesten und einflussreichsten Netzinstitutionen zur Kriminalliteratur in einem Jahresrückblick den eigenen Roman unter die Bemerkenswertesten zählt, verzückt das. Tatort ist die KRIMI-COUCH und ermittelt hat die Bücher Dieter Paul Rudolph, den man der Gemeinde nun wirklich nicht vorstellen muss unter:

http://www.krimi-couch.de/krimis/dprs-krimilabor-2011-ein-fast-nur-deutsches-jahr.html

Rudolph, selbst Romancier und Mastermind von WATCHING THE DETECTIVES (siehe Links), würdigt an dieser Stelle auch die Wiederveröffentlichung der beiden epochalen Backwood-Thriller DELIVERANCE und OPEN SEASON, die in jede Basisbibliothek gehören.


Dass DIE LUCIFER CONNECTION mit der Darstellung von Realität wirklich Angst machen kann, wurde mir von der Weird-Fiction-Fraktion bestätigt. Im größten deutschen Print-Magazin zum Genre, VIRUS (mit dem schönen Ladenpreis 6,66 Euro) ist er eindrucksvoll besprochen und erreichte in der Wertung 9 von 10 Punkten. Dass ich damit sogar vor einigen Angelsachsen landete, ist mir höchster Ansporn. Außerdem mag ich es, in Magazinen erwähnt zu werden, die so dezente und geschmackvolle Cover ziert.Generell kann ich die Rezensionen in VIRUS jedem empfehlen: Max Link & Co. kennen ihre Genres genau und analysieren kenntnisreich und geschliffen. Also all das, was man im Main-stream-Feuilleton höchst selten geliefert bekommt. By the way: In diesem Heft wird auch der neue Jackj Ketchum-Film, THE WOMAN, mit drei Seiten (Interview mit Regisseur, Star und Produzent) abgehandelt.

Die anderen Rezensionen, für die ich mich auch im Namen von EVOLVER BOOKS bedanke, werden nach Ablauf einer gewissen Schamfrist in diesem Blog noch dargestellt und verlinkt.

http://www.evolver-books.at/buchshop.php



DIE DUNKLE WELT DES BOSTON TERAN 1/ by Martin Compart
26. Juni 2011, 1:27 nachmittags
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1999 erschien bei Knopf (der Verlag von Hammett und Chandler u.a.) der erste Roman von Boston Teran: GOD IS A BULLET. Beim Noir-Publikum schlug er ein wie eine Bombe (und selbst die Mystery Writers of America kamen nicht um eine Edgar-Nominierung herum). Wie ein Charon nimmt er den Leser mit auf eine Reise über den Styx. Der Verlag war von dem Manuskript so beeindruckt, dass er eine halbe Million Dollar als Vorschuss hinlegte.

Sprachgewaltig und düster erzählt er die Quest eines Deputy Sheriffs und einer Ex-Junkie durch die Wüsten Südkalifiorniens auf der Suche nach einem Satans-Kult, der die Tochter des Deputys entführt hatte. Als ob Hunter S.- und Jim Thompson ein Update von John Fords SEARCHERS gemacht hätten. Case, die ehemalige Junkie, war einst Mitglied des Kultes und weiß besser um die Gefahren, die sie erwarten, als Bob, der Cop. Schmerzhafte Erfahrungen und Entwicklungen machen sie zu einer Kriegerin, die es so in der Literatur noch nicht gegeben hat. Auch der eingerostete Bulle muss sich ändern, wenn sie ihr Ziel erreichen wollen. Er muss zur Bestie werden, wenn sie überleben wollen. Mit ihrer Hilfe geht Bob undercover um den Kult und den von ihnen kontrollierten Drogenhandel auszuräuchern. Eine Reise durch die Hölle und zurück. Bob und Case werden dazu gezwungen, für Cyrus, dem Manson des Kultes, jemanden umzubringen bevor es zu einem nie zuvor gelesenen Showdown in der Wüste kommt. Selten wurde im Präsenz so überzeugend und kraftvoll erzählt.

Teran teilt das Buch in drei Phasen, die er anscheinend von Arnold VanGenneps 1909 veröffentlichter anthropologischen Studie RITES OF PASSAGES übernommen hat: The rite of seperation, the rite of transition und the rite of incorporation. Van Gennep problematisierte rituelle Entwicklungen, die einen Menschen sein altes Ich überwinden lassen um ein neue Persönlichkeit zu erreichen mit einer neuen gesellschaftlichen Position. Bobs und Cases Quest beinhalten auch diesen psychischen Prozess. Durch Case und die gewählte Aufgabe wandelt sich Bob in schmerzhaften ritualisierten Prozessen von einem passiven, nur den Regeln verpflichteten Menschen zu einem aktiven Mann mit Einblick in die Natur des Bösen. Wie Satre scheint Teran der Meinung anzuhängen, dass nur in der reinen Aktion Hoffnung liegt. Teran bietet auch keine der üblichen psychologischen oder Erklärungsmodelle als Verallgemeinerung. Er differenziert: Case Hingebung ins Böse(als früheres Mitglied des Kultes)und Drogensucht wird erklärt durch Misshandlungen und Missbrauch in ihrer Kindheit. Sie gab die Drogen auf, damit sie Cyrus aufgeben konnte. Dagegen sagt die Ziehmutter über Cyrus, er habe nichts erlebt, was seine abgrundtiefe Schlechtigkeit erklären könne.
Sprachlich und thematisch hat Terans Roman mehr gemein mit Cormac McCarthys BLOOD MERIDIAN als mit den zeitgenössischen Genrekollegen. Teran erspart einem nichts. Seine Noir-Welt ist brutal und erbarmungslos. Dagegen ist Ellroy nur ein verängstigt kläffender Köter. Publishers Weekly befand den Roman “Cynical and DeLillo-like in its observations”.

Teran brennt Sätze ab wie:

“At least all things must be equal in their nothingness.”

“The first time she´s been part of a sentence that is not fundamentally a condemnation.”

“Case notices that she has the crinkled look of a decade more of laydowns and she listens to her friends´ high-pitched clutter as if she knows that plans are just a disappointment in the making.”

“…the redneck border country where grease and beer and Jesus were specialities of the house.”

“They pass silently, but they eye Case through their own brand of family values.”

“Even with their teased hair and faces powdered they look to be all of seventeen, full of long hopes and short budgets.”

“They all laugh and huddle up close, clucking away till there´s barely enough room for sunlight between them.”

“You´re a desk boy at the door of the real world.”

Es ist ein Trip des Grauens, John Steinbecks Version von HEART OF DARKNESS. Der Leser begegnet Charakteren (jede Nebenfigur ist voller Leben), denen er außerhalb des Buches nicht begegnen möchte. Cyrus, der Kult-Führer, ist beängstigender als Dr.Lecter und Charles Manson zusammen. „He ist he scream from a silent razor across your throat.” Der Leser hält eine gezündete Granate in den Händen, die ihm jederzeit um die Ohren zu fliegen droht.

Das Buch war kein großer Erfolg, aber Hollywood sicherte sich umgehend die Rechte. Seitdem geistert es herum, wird herum gereicht und Adaptionen erstellt. Zuletzt war Ehren Kruger (Scream 3 u.a.) damit betraut. Momentan bereitet Todd Field die Verfilmung von Terans vorletzten Roman, THE CREED OF VIOLENCE, vor. Die Filmrechte waren noch vor den Buchrechten verkauft. Ein Thriller, der während der Mexikanischen Revolution spielt, und der erste Roman um John Lourdes, den Teran in seinem neuesten Thriller, GARDEN OD GRIEF (der den Völkermord an den Armeniern behandelt), wieder aufgreift. Sollte dieser Neo-Western ein Erfolg werden, wird es wahrscheinlich auch endlich mit der Verfilmung von GOD IS A BULLET klappen. Jedenfalls spricht für einen absehbaren Erfolg, dass Leonardo DiCaprio eine der Hauptrollen spielen will.

Bis auf seinen Freund, den Piloten und Vietnamveteran Donald Allen, scheint niemand zu wissen, wer Boston Teran ist. Es gab bereits Vermutungen, es sei mehr als nur ein Autor (Bücher wie TROIS FEMMES (2006) – nur im Noir-Country Frankreich veröffentlicht – und Giv – The Story of a Dog and America (2009) unterscheiden sich oberflächlich betrachtet sehr von seinen drei ersten Noir-Thrillern. Aber das gilt auch für seine beiden letzten Romane, die historische Thriller sind. Allen gemein ist Terans Erkunden der dunklen Seiten). Als einigermaßen sicher gilt, dass er in der Süd-Bronx aufgewachsen ist und seine ersten Romane auf authentischen Stoffen beruhen. Allen stellt sich vor auf der Boston Teran-Homepage: „My name is Donald Allen. I have been a close friend and business advisor to the author. I was a pilot in Vietnam, a member of law enforcement and successful entrepreneur. I have worked with members of the Intelligence community, for the DNC, and two presidential candidates. I am also the gentleman who introduced the author to an ex-pat known as “the Ferryman,” and in part was responsible for a journey the author took into Mexico to find a girl who had escaped a violent cult. That journey, which put the author’s life at risk, became the background for his award-winning novel GOD IS A BULLET.”

Ehren Kruger

Es ist unglaublich, dass dieser Autor bisher nicht übersetzt wurde (ähnlich skandalös wie die ausstehenden Übersetzungen von Cormac McCarthys The Orchard Keeper und Child of God,). Ich habe es verschiedenen Verlagen angetragen und wenn es eine Reaktion gab, war sie geprägt von Ignoranz, Ängstlichkeit und Dummheit. Bestenfalls vertrat man die Auffassung, Teran habe nicht soviel Bestsellerpotential wie Dieter Bohlens Erinnerungen. Ein weiterer Beleg dafür, wie sehr deutsche Verlage ihr Publikum von internationalen Tendenzen und Meisterwerken abgeschnitten halten. Unbegreiflich, dass sich Verlage wie Hanser oder Diogenes nicht sofort auf diese atemberaubende neue Stimme gestürzt haben. Aber vielleicht ändert sich auch das, falls CREED OF VIOLENCE in die Kinos kommt. Dann hätte man vielleicht Aussicht auf „das Buch zum Film“.



ZEN-MEISTER DES THRILLERS: TREVANIAN 3/ by Martin Compart
17. Juni 2011, 8:15 vormittags
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“The Trevanian Buff is a strange and wonderful creature: an outsider, a natural elitist, not so much a cynic as an idealist mugged by reality, not just one of those who march to a different drummer, but the solo drummer in a parade of one”, bemerkte Trevanian einmal. Trevanian-Buffs sind nicht nur verrückt nach seinen Stories und Charakteren, sie lechzen auch nach jedem Satz des Meisters, beten seinen Stil an, der zynisch und poetisch ist. Seine Wut auf die Konsumgesellschaft, die auch Leben als Ware ansieht, gibt diesem Stil seine durchschlagende Wirkung. SHIBUMI ist der kompromisslose Höhepunkt seiner Poesie der Wut und Verachtung.

„Wie sich herausstellte, übte (Hels Sammlung von Kiyonobu- und Sharaku-Drucken) einen gewissen Einfluss auf den Niedergang der gleichmacherischen Kunst Amerikas aus. Der Offizier, der sie beschlagnahmt hatte, schickte sie nach Hause, wo sein geistig minderbemittelter Sohn die freien Flächen prompt mit Buntstiften ausmalte und sich dabei so genial innerhalb der vorgegebenen Linien hielt, dass die liebevolle Mutter in ihrer Überzeugung von der Kreativität des Kindes bestärkt wurde und seine Erziehung auf die Kunst ausrichtete. Dieser begabte Knabe wurde später aufgrund seiner mechanischen Präzision bei der Darstellung von Lebensmittelkonservendosen ein führender Künstler der Pop-Art-Szene.“

Für viele deutsche Leser sind Trevanians kultivierte und gleichzeitig ironisch bösartige Formulierungen wohl wenig goutierbar. Zuviel Schund hat sie zu Thriller-Pisaisten gemacht. Sätze, in denen wunderbare Apercus aufblitzen, überfordern sie: „Im Laufe der Monate, während der er im Auftrag der Muttergesellschaft alle CIA-Aktivitäten im Zusammenhang mit den Interessen der ölproduzierenden Länder überwachte, hatte er erfahren müssen, dass Männer wie Starr trotz ihrer institutionalisierten Unfähigkeit keineswegs wirklich dumm waren.“

Wer schon durch Robert Ludlum oder Ross Thomas überfordert ist, der sollte die Finger von diesem komplexen Roman lassen; für diese Klientel gibt es hinreichend Lektüre von Matthew Reilly bis James Rollins. SHIBUMI ist was für Feinschmecker, die jede – manchmal zeitlupenhaft gedehnt – Szene genießen, die wahnwitzigen Tempiwechsel beklatschen und sich an Charakteren erfreuen, die in der Literatur außerhalb von Trevanians Kosmos nicht zu finden sind.
Bereits in den Hemlock-Romanen hatte er mit parodistischen und humoristischen Mitteln gearbeitet und eine seltsame Mischung aus Realismus, Komik und tragischen Elementen entwickelt. Manchmal hat es sogar etwas von den allerbesten Meisterwerken der Marvel-Comics (Stan Lee gelang in seinen guten Momenten auch diese Ausgewogenheit zwischen in den Wahnsinn gesteigerter Fiktion, Realismus und persönlicher Tragödie).

Trevanian nahm in SHIBUMI den modernen Techno-Thriller von Clancy &Co. (nicht den traditionellen, der wohl mit Adam Hall und Len Deighton begann) vorweg und schuf gleichzeitig seine ideologische Anti-These.
Gegenüber stehen sich der Supergeheimdienst der „Muttergesellschaft“ und der Einzelkämpfer Nikolai Hel. Der Dienst kontrolliert seine Technik kaum noch, sondern wird von ihr beherrscht. Als bürokratische Vertreter der am Horizont aufscheinenden IT-Gesellschaft pflegen sie die Technologie in der Erwartung, dass diese ihre Probleme löst.
Hel dagegen strebt mit Erkenntnis dem Ideal des autonomen Individuums nach, geprägt durch eine alte Kultur, deren Spiritualität er als Waffe und Existenzverwirklichung nutzt. Man könnte den philosophischen Subtext endlos durchdeklinieren: Degenerierte Zivilisation gegen Natur, West gegen Ost, Masse gegen Individuum, kurzfristiges, egoistisches Erfolgsdenken gegen langfristige Konzepte, Mentalität von Maschinisten und Krämern gegen unabhängiges denken.

Was man SHIBUMI zu Recht vorwerfen kann, ist Trevanians Glorifizierung der japanischen Kultur. Die unerträglichen Grausamkeiten dieser Krieger- und Unterwerfungsmentalität spart er aus (wer fiktional und literarisch auf hohem Niveau deren Absurdität und Menschenverachtung erleben möchte, sollte unbedingt Stephen Beckers DER LETZTE MANDARIN lesen). Die Arroganz dieser Kultur zeigt Trevanian sympathisch überhöht in Nikolai.

Im Gegensatz zu dümmlichen Verschwörungstheoretikern lässt Trevanian keinen Zweifel daran, dass die Menschen verachtende Muttergesellschaft und die ihr übergeordneten Interessen nicht der Grund für den moralischen und ökonomischen Niedergang des Westens und der von ihm dominierten Regionen ist, sondern das Resultat.

Natürlich kann sich Winslow weder literarisch noch thematisch mit Trevanian vergleichen. Aber er macht einen ganz guten Job, hat die Fakten richtig und ist weitgehend in Hels Charakter und Weltsicht eingetaucht. Aber er verfügt weder über Trevanians Eleganz, noch über seinen politischen Zynismus. Besonders der zweite Teil in Indochina wirkt etwas lustlos routiniert, während Winslow im ersten Teil wohl noch von seinem Enthusiasmus für dieses einmalige Unternehmen getragen wurde. Trotzdem ist SATORI ein guter Thriller – nur eben kein Trevanian. Zum Glück nie so peinlich wie Robert B.Parkers Marlowe-Romane oder John Gardners restringierte Fleming-Sequals. Winslow fehlt diese letzte Portion Gnadenlosigkeit in der Weltsicht, die Trevanian als Stilelement einsetzt und Nebensächlichkeiten originell wirken lassen.




DIE BESTEN DEUTSCHEN KRIMIS SCHREIBT EIN SCHOTTE: CRAIG RUSSELL by Martin Compart
18. Mai 2011, 12:33 nachmittags
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Schon der in zwei Kapitel geteilte Prolog von Craig Russells neuem Thriller TIEFENANGST treibt einem den Schweiß auf die Stirn: Eine Unterwasser-Szene, die einem in den Gliedern hängen bleibt und einer beklemmende Verfolgungsjagd durch die Hamburger Speicherstadt, die düsterer rüberkommt als die Docklands bei Sax Rohmer: „Sie standen reglos in der Mitte des Lagerhauses. Vier dunkle Silhouetten. Schatten. Geschlechtslos, alterslos. Sie hoben sich von dem milchigen Glühen des breiten Fensters ab. Zwei von ihnen hatten etwas Unförmiges vor den Augen. Nachtsichtbrillen. Keiner rührte sich. Als Meliha erschien, keine Spur einer Reaktion. Sie hatten seit zwei Stunden hier gestanden und darauf gewartet, dass Meliha aus ihrem Versteck kam. Auf diese Weise war es effektiver, ruhiger…“

Auch wieder als Hörbuch, gelesen vom großartigen David Nathan.

Und natürlich geht es neben Organisierter Kriminalität wieder um einen Serienkiller – und um Hamburg während einer Sturmflut.

Nach der eher enttäuschenden WALKÜRE (der Plot war geradezu hirnrissig) ist Russell wieder in Hochform. Umso ärgerlicher, dass er die Fabel-Serie zu beenden denkt. TIEFENANGST ist der sechste Roman der Serie. Sie gehören zu den aufregendsten Krimis, die in Deutschland spielen.

Es ist schon erschreckend und peinlich: Ein Schotte muss daher kommen und den Deutschen zeigen, wie man ihre Städte (Hamburg und Köln) so aufbereitet, dass sie international Thriller- und Noir tauglich aufglühen. Schlimmer noch: Russell führt vor, was den wenigsten deutschen Autoren gelingt: Wie man regionalem Kolorit mythische Dimensionen abgewinnt. „ Ich wollte meine britischen Leser an einem für sie neuen Ort führen. Ich kenne Deutschland schon sehr lange und mich nerven die Stereotypen in den britischen Medien. Das ist nicht das Deutschland, wie ich es kenne.“ Nein, das ist bei Craig Russell viel gruseliger. Craig Russell schreibt die besten deutschen Kriminalromane der Gegenwart, allerdings auf Englisch. „Bei uns (Britannien) kann man auch mit Krimis literarisch ehrgeizig sein. Ich glaube, dass ich mich dadurch freier fühle als deutsche Autoren.“

Seine Bücher wurden 23 Sprachen übersetzt.

Mit BLUTADLER startete er 2005 seine als Sextett angelegte Serie um den halb schottischen und halb ostfriesischen Kommissar Jan Fabel und sein Team. Eine der besten Ensemble-Serien seit langem, voller tragischer Verwicklungen und Veränderungen. Ein übler ukrainischer Gegenspieler beherrscht die Subplots: der Ex-Spetsnaz Witrenko, der die deutsche Unterwelt mit Gewalt unterwirft (man erinnere sich an die blutigen Schlachten zwischen Türken und Ukrainern um die Vorherrschaft in Hamburg, in der Tote lediglich Opfer des freien Wettbewerbs waren). Im ersten Roman eingeführt, zieht sich Witrenkos blutige Spur durch die weiteren. Für Witrenko unterscheidet sich nämlich Hamburg von Afghanistan nur landschaftlich. Im Mittelpunkt der bisherigen Romane steht immer ein Serienkiller. Natürlich ist man als Vielleser von diesen Kretins inzwischen überfüttert und genervt. Aber bei Russell nehme ich sie hin, weil er sie mit spannenden kulturgeschichtlichen Milieus verknüpft: Son of Sven aus BLUTADLER übt umstrittene Strafrituale der Wikinger aus, die in TERRA X sicherlich nie behandelt werden. „ „Ich wollte, dass der Böse in meinem Buch eine fast märchenhafte Gestalt ist. Er ist eine Figur der Angst. Und das ist meine Absicht: Ich möchte die Leute beängstigen.“ Neben der Noir-Atmosphäre und dem berührenden Ensemble sind es die genau recherchierten soziologischen oder kulturellen Hintergründe spezieller Themen, die die Stärke dieser Romane ausmachen. In WOLFSFÄHRTE geht es um die Gebrüder Grimm und ihre Horrormärchen, in BRANDMAL wird die Geschichte der RAF aufgearbeitet. Und in CARNEVAL um Kölner Jeckenkultur, Kannibalismus und Menschenhandel. Im letzteren Roman verschlägt es Fabel nach Köln, wo im jährlichen Ausflippen der Einheimischen der schlimmste Clown der Literatur seit Stephen Kings ES sein Unwesen treibt. Seine Thriller sind nichts für schwache Nerven und seine Tatbeschreibungen erschreckend. „Ich habe in einer Studie gelesen, dass es Frauen sind, die explizite Mordszenen wollen. Männer fürchten sich eher davor, Männer sind schwächer.“ Aber er scheut auch keine intellektuellen Diskurse in die Romane einzubauen: „Webers Hypothese lautete, dass nur die Staatsorgane, also die Polizei und die Armee, physische Gewalt anwenden sollten, sonst werde der Staat zerfallen und Anarchie herrschen. Timo hatte geplant, in seiner Dissertation auszuführen, dass ein solches Monopol, wie im Fall der Nationalsozialisten, ebenfalls schädlich für den Staat sein könnte.“

Die deutschen Ausgaben, erschienen bei Ehrenwirth in der Bastei-Lübbe-Gruppe, verdienen ein großes Lob: Sie sind liebevoll gestaltet, Satz und Druck sind vorbildlich. Hinzu kommen detaillierte Stadtpläne auf den Innendeckeln, die einem helfen, der Geographie der Handlung zu folgen (natürlich exzellent recherchiert) oder einen Überblick zu gewinnen. Die Übersetzungen des alten Cracks Bernd Rullkötter sind einfühlsam, treffend und lesen sich fast so rasant wie die Originale. Und Englisch ist nun mal „schneller“ als Deutsch. Nur die besten Übersetzer kriegen da den Drive hin. Rullkötter gehört zweifelsfrei dazu. Clever ist das Cover von CARNEVAL: Indem man das „N“ kyrillisch gesetzt hat, weiß der Fan, dass der Arsch Witrenko auch diesmal an Bord ist.

Lisa Film hat die TV-Rechte für eine Jan Fabel-Serie erworben und die erste gemächliche Adaption, WOLFSFÄHRTE, mit Langweiler Peter Lohmeyer in der Hauptrolle bereits ausgestrahlt. Lisa Maria Potthoff als Maria Klee torkelt geradezu stümperhaft durch die Handlung. Angesichts der Düsternis und Vielschichtigkeit des Brüder Grimm-Romans kann man die Verfilmung, bis auf den Opener, nur als schwach bezeichnen. Aber deutsche oder österreichische Crime-Serien haben bisher nie das Niveau von HBO- oder BBC-Produktionen erreicht und angesichts der Feigheit der Sender, egal ob öffentlich-rechtlich oder kommerziell, musste Lisa Film Fabel wohl fast auf Brunetti- oder Laurenti-Niveau glatt bügeln.
Geboren wurde Russell 1956 im schottischen Fife. Bevor er ab 1990 freier Autor wurde, belastete er seine Biographie mit einer ziemlich kruden beruflichen Mischung: Er war fast vier Jahre Polizist und in der Werbebranche. Beides immerhin Jobs für Zyniker. „Einen Roman zu plotten ist so ähnlich, wie eine PR-Strategie zu entwickeln. Meine Erfahrungen als Polizist mit dem Tod helfen mir, wenn ich einen Mord beschreibe. Ich habe Todesszenen gesehen, und die sind nun mal nicht angenehm. Ich hasse diese Agatha-Christie-Morde. Jemand bekommt einen Schlag auf den Kopf, es gibt fast kein Blut, alles ist sehr schnell vorbei. Mord ist unangenehm, und das musste ich schildern.“

Mit das verblüffendste an Russell ist sein lang bestehendes Interesse an der deutschen Sprache und an der – man fasst es kaum! – deutschen Nachkriegsgeschichte. Als ob Adenauer und Brandt größere populärkulturelle Qualität haben denn „the Blitzkrieg“ führende Sauerkrautfresser. „Schon als Kind habe ich mich gefragt, wenn ich diese alten Filme oder englischen Serien mit Nazis gesehen habe, ob die Deutschen wirklich so blöd sind wie sie unsere Medien bis heute gerne hinstellen.“ Gute Frage. Aber man weiß so wenig. Jedenfalls wühlte sich Craig richtig tief in alles Deutsche, weiß mehr über das Land als die meisten Politiker, spricht die Sprache fließend und verfügt über einen Wortschatz,. der für die Gäste einer deutschen Nachmittagstalkshow verwirrend und unverständlich sein muss. Regelmäßige Reisen durch die Republik und die Lektüre deutscher Printmedien halten ihn auf dem Laufenden. So werden in den Romanen auch gerne aktuelle Bezüge genommen: Vom Kannibalen von Rothenburg bis zum Hamburger U-Bahnschubser. In ihnen drückt sich ein Verständnis für das Land aus, dass den meisten deutschen Autoren völlig abgeht. Und er – wie schon gesagt – trotzt dem Provinziellen tatsächlich mythische Qualitäten ab. Was Nicolas Freeling und Janwillem Van de Wetering für Amsterdam gelang, erledigt Russell für Hamburg. Und da er kein Rechtsradikaler ist, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis wir ihm („Da draußen ist einer, der uns lieb hat.“) zu Tränen gerührt voller teutonischer Sentimentalität das Bundesverdienstkreuz an die Brust hängen. Hamburger Senat und Polizei sind schon voraus gegangen und haben ihn 2007 mit dem „Polizeistern“, was immer das sein mag, ausgezeichnet. Nicht zuletzt wohl wegen seiner bestechenden Darstellung realistischer Polizeiarbeit. Zu seinen bisherigen Auszeichnungen gehören auch Der Duncan Lawrie Golden Dagger (2007) der britischen Crime Writers Association, der französische Prix Polar und der CWA Dagger in the Library (2008).

Befragt zu den literarischen Einflüssen oder Vorbildern, nennt Russell als Gottvater natürlich Chandler an erster Stelle. „Ich möchte behaupten, dass meine Einflüsse von Außerhalb des Genres kommen. Von Heinrich Böll bis Mikhail Scholokhov. Ich bin ein Fan von Ross Macdonals Lew Archer-Krimis. Ich mag die Schweden Mankell und Sjöwall/Wahlöö und den Holländer van de Wetering.“ Und Lieblingsbücher und Lieblingsfilm? „ Fast unmöglich zu sagen, es gibt so viele Bücher, die ich aus unterschiedlichen Gründen liebe. Vielleicht 1984 von George Orwell; es hat mein politisches Bewusstsein geschärft, als ich als Teenager las. Und Wo warst du, Adam? von Heinrich Böll.
Wieder schwer zu sagen. Wahrscheinlich The Big Lebowski. Einer meiner Freunde ist der Dude.“

Craig Russell ist eine Vollkaskoversicherung für spannende, intelligente und düstere Unterhaltung. Über seine neue LENNOX-Serie demnächst hier bei Brit-Noir.



ZEN-MEISTER DES THRILLERS: TREVANIAN 2/ by Martin Compart
10. Mai 2011, 9:38 vormittags
Einsortiert unter: China, James Bond, Krimis,die man gelesen haben sollte, Porträt, Trevanian | Schlagwörter: , ,

Asien war immer ein attraktiver Schauplatz für Thriller. Besonders die seriellen Geheimagenten der 1950er und 1960er Jahre hatten immer wieder Einsätzen in Fernost – angefangen bei James Bond (YOU ONLY LIVE TWICE) über Adam Halls Quiller (THE 9th DIRECTIVE) bis hin zu diversen Aufträgen für Jean Bruces´ OSS 117, Edward S. Aarons Sam Durrell oder Phillip Atlees Joe Gill. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre entstand ein neues Interesse an asiatischen Schauplätzen, insbesondere Japan und China. Ängstlich mu7ssten die Europäer erkennen, dass der Pazifikraum für die verbündeten Amerikaner wirtschaftlich und geostrategischer wichtiger wurde als die Alte Welt. Die geradezu bedrohliche Wirtschaftsmacht Japan und der Aufstieg Chinas zur Weltmacht mussten Thriller-Autoren interessieren. 1977 machte John LeCarré in THE HONOURABLE SCHOOLBOY einen ersten Ausflug nach Hongkong, wo William Marshall bereits 1975 seine Yellowthread Street-Serie angesiedelt hatte. Adam Halls Quiller trieb sich in MANDARIN CYPHER (1975) ebenfalls in der Kronkolonie herum und untersuchte 1978 in SINKIANG EXECUTIVE das chinesische Atomtestgebiet bevor 1981 in PEKIN TARGET wieder ins Reich der Mitte eindrang. Selbst Roger L.Simons Privatdetektiv Moses Wine flog 1979 in PEKING DUCK nach China. Und Eric van Lustbader startete 1980 mit seinem ersten Nicholas Linnear-Thriller, THE NINJA, einen Trend für Japan-Thriller.
Nicht einer dieser großartigen Romane kann es mit SHIBUMI aufnehmen.

Als Trevanian diesen Roman, der umgehend wieder ein Welterfolg des Autors wurde, 1979 vorlegte, schien der Thriller neu definiert: Obwohl nur ein Drittel des Buches in Japan spielte, wurde die Kultur des Inselstaates seit Flemings YOU ONLY LIVE TWICE nie eindrucksvoller dargestellt.

Angeblich das einzige Foto von Trevanian (mit seiner Frau).


Trevanian war das Pseudonym des amerikanischen Professors für Filmkunst Rodney William Whitaker (1931-2005). Der Korea-Kriegsveteran und Fulbright-Stipendiat unterrichtete u.a. in den 1960er uns 1970er Jahren an Universitäten in Nebraska und Texas. Er war in ärmlichen Verhältnissen in Albany aufgewachsen und sein letztes Buch, THE CRAZYLADIES OF PEARL STREET, 2005, gilt als autobiographischer Roman dieser Zeit. Während seiner Studienjahre In England lernte er bei einem Paris-Besuch seine Frau Diane Brandon kennen, mit der er vier Kinder hat. Sein Pseudonym „Trevanian“ (eines unter mehreren) verdankt er seiner Frau, die ein großer Fan des englischen Historikers und Romanciers G.M.Trevelyan ist. Er war vierzig Jahre alt und unterrichtete in Austin als sein erster Roman veröffentlicht wurde: THE EIGER SANCTION (IM AUFTRAG DES DRACHEN) schlug 1972 wie eine Bombe ein und verkaufte eine Million Exemplare. Gedacht als eine Art Parodie auf die Agentenromane à la Bond, war der Roman mehr als das. Nämlich ein gebildetes, und selbstironisch reflektierendes Stück Genreliteratur, das nicht nur als intellektuelles Spiel mit den Möglichkeiten des Spionageromans spielte, sondern auch ungeheuer spannend war und eine damals seltene Amoralität vorstellte. 1975 wurde der Roman von und mit Clint Eastwood verfilmt und gehört leider zu den schlechtesten Werken des Regisseurs Eastwood. 1973 griff Trevanian seinen Protagonisten, den Kunstsammler und Killer Jonathan Hemlock noch einmal auf für den ebenso erfolgreichen Thriller THE LOO SANCTION (DER EXPERTE). In dem Buch beschreibt der Autor einen überaus cleveren Kunstraub, der anschließend von Gangstern in Italien haarklein in die Realität überführt wurde. Damit war der Name Trevanian als Bestsellermarke etabliert. Seine Intelligenz und sein wunderbarer Stil sorgten dafür, dass man ihn als den einzigen Autor von Airportbestsellern bezeichnete, den man sowohl mit Zola, Ian Fleming, Edgar Allan Poe und Chaucer vergleichen konnte. Er war der Bestsellerautor der denkenden Menschen. Als drittes versuchte er etwas völlig anderes und war ebenfalls erfolgreich: Der Roman eines Cops und seiner Stadt Montreal, THE MAIN (EIN HERZSCHLAG BIS ZUR EWIGKEIT), 1976, gehört heute noch zu den besten Polizeiromanen, Police Procedurals oder Cop Novels, die je geschrieben wurden. Für diesen Roman schlüpfte er in die Gestalt eines Franco-kanadischen Autors und legte sich auch ein entsprechendes Pseudonym zu. Aus rechtlichen und verlagstechnischen Gründen musste er das Buch dann aber unter „Trevanian“ veröffentlichen.


Und dann kam SHIBUMI!

„Nach SHIBUMI gab es für mich keine Möglichkeit mehr, den Agententhriller weiter zu treiben. Ich hatte das Genre komplett ausgelotet und es gab keinen Punkt mehr, den ich noch erreichen konnte.“
Trevanian lehnte den üblichen Bestsellerzirkus kompromisslos ab. Er trat nie in Talk-Shows auf, ging nie auf Lesereise und gab höchst selten Interviews (das erste erst 1979 der „New York Times“ auf Flehen seines Verlages Crown zur Unterstützung des Marketings zu SHIBUMI. Seine zunehmende Verachtung für die USA (die in seinen Romanen spürbar ist) und die kapitalistische Konsumgesellschaft ließ ihn sein Heimatland verlassen. Mit seiner Familie zog er ins französische Baskenland, dem Wohnort von Nikolai Hel. Wie Hel war auch Whitaker ein begeisterter Bergsteiger und Höhlenforscher. Diese Aura des Schweigers und mysteriösen Schriftstellers förderte seinen Mythos. Ganz selten antwortete er auf Leserbriefe. In seinen letzten Lebensjahren stellt er eine Homepage ins Internet, die Fragen seiner kultischen Verehrer zum Teil beantwortete: http://www.trevanian.com. Seine Tochter Alexandra, ebenfalls Schriftstellerin, hat diese Page aktualisiert

Nach dem „psychologischen Horrorroman“ THE SUMMER OF KATYA (DER SOMMER MIT KATYA) wurde es still um ihn. Er schrieb weiterhin – auch unter Pseudonym – veröffentlichte aber nur ein paar Kurzgeschichten als Trevanian. Erst 1998 erschien ein neuer Roman. Diesmal ein historisch genauer Western: INCIDENT AT TWENTY-MILE. Das Buch konnte keinen großen Erfolg verbuchen, aber die weltweite fanatische Trevanian-Fan-Gemeinde (zu der sich auch der Autor dieser Zeilen zählt)jaulte auf vor Glück. Sein nächster Roman, STREET OF THE FOUR WINDS, über Pariser Künstler, die in die 1848er Revolution verwickelt waren, fand keinen Verleger (und wird mit anderen Werken wohl in den nächsten Jahren herausgegeben werden). Ein weiteres Armutszeugnis für die degenerierende Buchverlagsszene.

Für sich hatte der Autor eine bemerkenswerte Technik entwickelt: Trevanian überlegte zuerst, welche Art von Geschichte er erzählen wollte. Dann entwickelte er wie ein Method Actor den perfekten Autor, der diese Story schreiben könnte und versetzte sich in ihn herein.

Trevanians Schreibtisch

Don Winslow, ebenfalls ein stilistisches Chamäleon, bekannte sich immer als großer SHIBUMI-Fan. Nach der ersten Lektüre lernte er sogar GO. Seine Kenntnisse des Orients, sein Wissen über Kampfsport und Militärgeschichte und seine stilistischen Fähigkeiten führten zu seiner „Berufung“ durch Trevanians Agenten und Familie. Es ist bemerkenswert, wie sicher er im Prequel mit dem Sujet zurecht kommt und wie gut er den Geist des Originals trifft. Was Trevanian-Fans befürchtet hätten, ist zum Glück nicht eingetreten; SATORI ist ein wunderbares Buch, dass Trevanians Vermächtnis würdigt und nicht befleckt. „Um dieses Buch schreiben zu können, musste ich nicht Trevanian werden – das wäre peinlich und dumm gewesen. Ich musste Nikolai Hel werden. Denn das hatte ich mit Trevanian gemeinsam. Solange ich die Welt mit Nikolais Augen sah, sah ich sie mit Trevanians Augen. Die Stimme, der Sound kam dann von selbst… Ich behaupte nicht, dass es leicht war. Trevanian hat eine ganz spezifische Welzsicht, die sich in Hel ausdrückt… Wenn ich nicht mehr weiter wusste, was häufig passierte, versuchte ich die Ziele von Hel durch seine Augen zu sehen. Wie reagierte er auf Herausforderungen? Was würde er für sich und sein angestrebtes Ziel Satori, Erleuchtung, zu erreichen daraus lernen? Die Aufgabe war ein großes Geschenk. Wenn man morgens weiß, dass man an einem Buch wie SATORI arbeiten wird, weiß man, dass man einen guten Tag hat.“ Winslow hat mit seinen eigenwilligen Romanen selbst tiefe Spuren im Noir- und Thriller-Genre hinterlassen. Spätestens seit seinem blendend recherchierten Drogenkrieg-Thriller POWER OF THE DOG (TAGE DER TOTEN; Suhrkamp) gehört er zu den Schwergewichtlern der Kriminalliteratur.

Durch SATORI erfahren wir ungeheuerliches: Kang Sheng, der Meister der Schatten, starb gar nicht 1975! Im Schatten Maos und der Viererbande war er einer der großen Strippenzieher; Begründer des chinesischen Geheimdienstes, Erfinder des Roten Buches, der Kulturrevolution und der Gulags. Wie Winslow heraus fand wurde er bereits 1951 von Nikolai Hel umgebracht! Also muss er anschließend durch einen Doppelgänger ersetzt worden sein. Die Geschichte muss einmal mehr neu geschrieben werden.



ZEN-MEISTER des THRILLERS: TREVANIAN 1/ by Martin Compart
7. Mai 2011, 4:03 nachmittags
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Freuen wir uns über eines der Großereignisse des literarischen Jahres: in schöner Qualität hat der Heyne Verlag das lange überfällige getan: Trevanians Jahrhundertthriller SHIBUMI neu aufgelegt. Darüber hinaus veröffentlicht Heyne (und das war sicherlich der Anlass) zeitgleich Don Winslows beeindruckendes und befriedigendes Prequel SATORI!

1981, als ich das erste mal SHIBUMI las, war das geradezu eine Erleuchtung – ein Satori (der zen-buddhistische Ausdruck für unerwartete Erkenntnis über den Sinn des Lebens). Der Roman katapultierte den Thriller in eine neue Dimension – literarisch und thematisch. Zu einer bisher nicht gekannten Komplexität.

Der politische Durchblick des Autors, das Buch wurde 1979 erstveröffentlicht, ist aus heutiger Sicht noch immer atemberaubend. Natürlich gab es seit den 1960ern Thriller, die sich kritisch mit den Machenschaften der Geheimdienste auseinander setzten. Und nach Laos, Chile und Watergate wurde das CIA bashing sogar Bestandteil des Blockbuster-Kinos (All tue Presidents Men, 3 Days of tue Condor usw). Aber dahinter stand letztlich das naive Erstaunen kritischer Mittelschichtsintellektueller darüber, dass einige böse Menschen im System soviel Mist anstellen konnten, dass das System darunter litt. Trevanian zeigte, dass hinter dem System nicht fehlgeleitete Schutzinteressen der US-Regierung und ihrer Geheimdienste standen, sondern das brutale Profitstreben eines Establishments, daß von der Öl, bzw. der Energieindustrie geleitet wird. Seit den Bushs weiß es inzwischen jedes Kind, aber 1979 hätte man es als verschwörungstheoretische Hirngespinste abgetan. In SHIBUMI geht es denn auf einer Ebene darum, wie eine korrupte Regierung alles dran setzt, um die Ölinteressen im Mittleren Osten zu sichern. Und es geht um den gelenkten Einsatz von Terroristen als Instrument. Nach der Tötung des angeblichen Oberterroristen also wieder von hoher Aktualität (beim regelmäßigem Widerlesen verblüffte mich immer wieder wie prophetisch Trevanian den Niedergang der westlichen Kultur darstellt).

“Trotz seiner blonden Haare und strahlend grünen Augen,
wirkt Hel eher asiatisch als westlich. Er geht sogar wie ein Asiate -
die Arme hinter dem Rücken verschränkt, um möglichst
wenig Raum einzunehmen und einem Entgegenkommenden
keine Unannehmlichkeiten zu bereiten.”

Nikolai Hel wurde damals zu einem geradezu mythischen Helden, dem ich so verfiel wie mit sechs Jahren Tarzan, mit acht Dicki aus Enid Blytons Schwarzer 7, mit zwölf James Bond oder mit dreizehn Philip Marlowe. Alleine der Name „Nikolai Hel“ ist schon genial und hat einen mythischen Klang, den man nie vergisst. Er war ein Protagonist für Erwachsene mit dem man sich nicht identifizierte, sondern der einen faszinierte und dessen Gedankengänge man genauso verschlang wie seine Aktionen. Der Roman spielt zu einer Zeit als Hel Ende fünfzig ist und sich mit seiner Geliebten (mit der er – heute würde man missverständlich sagen – tantrischen Sex betreibt)in einem kleinen Schloss im französischen Baskenland als Auftragskiller zur Ruhe gesetzt hat (und natürlich klopft das Verhängnis an die Pforte um ihn nochmals zu mobilisieren). Der Thriller, der auch als Biographie Hels gelesen werden kann, zeigt in vielen Rückblenden die Entwicklungsgeschichte Hels. Er ist der Sohn einer russischen Aristokratin und eines mysteriösen deutschen Vaters, geboren in Shanghai in den 1920ern. Dort wächst er auch auf und erhält nach dem Einmarsch der Japaner einen General des Tennos als Ziehvater. Der schickt ihn nach Japan zur Ausbildung (im japanischen Sinne, nicht im europäischen) durch einen Go-Meister. Hel saugt die japanische Kultur in sich auf und lernt auch die Kunst des „Nackttötens“. Als sein Ziehvater als Kriegsverbrecher durch den Tod am Strang verurteilt wird, erspart ihm Nikolai diese Schmach indem er ihn vorher umbringt. Die Amerikaner stecken ihn umgehend ins Gefängnis und lassren ihn foltern (Guantanamo Bay hat viele Vorläufer). Im Gefängnis verfeinert er seine vielen Fähigkeiten und lernt durch ein altes Buch die baskische Sprache. Nach drei Jahren rekrutieren ihn die Amerikaner (da sie jemanden brauchen, der sowohl Russisch wie Chinesisch spricht – neben anderen Fähigkeiten) als Killer für den Geheimdienst. Dieser erste Auftrag ist Handlung von Winslows Prequel SATORI. Er wird der perfekteste Auftragskiller des Planeten. Aber natürlich ist er nicht der übliche Genre-Killer: „…denn im buddhistischem Sinne ist das Leben nur ein Traum, ein Kreislauf der trügerischen Wahrnehmungen, die uns glauben machen, wir würden uns von anderen Wesen unterscheiden. Indem ich diese Menschen getötet habe, bin ich selbst gestorben; indem ich überlebe, leben sie in mir weiter. Ich erfülle ihr Karma und sie meines.“
Es ist schwierig, diesen komplexen Roman so zu beschreiben, dass man dem Leser nicht zuviel verrät und ihm dadurch eines der größten Vergnügen beraubt, dass die Literatur zu bieten hat. In meiner Arroganz teile ich die Crime-Leser in zwei Kategorien: Die, die SHIBUMI gelesen haben, und die, die SHIBUMI nicht gelesen haben.

Man darf aber sicherlich nicht verschweigen, dass Trevanians Faszination von der japanischen Kultur ihn (fast) blind macht und er die unendlichen Grausamkeiten und Kriegsverbrechen der Söhne Nippons ausblendet. Und während Europa, insbesondere die Basken, noch ganz gut wegkommen, lässt er an den Amerikanern kein gutes Haar. Man kann sich gut vorstellen, wie sehr seine Verachtung für die USA seit Reagen und den nachfolgenden Präsidenten zugenommen haben muss.

FORTSETZUNG FOLGT



BRIT NOIR: WILLIAM MCILLVANNEY – KÖNIG VON SCHOTTLAND by Martin Compart
29. Januar 2011, 12:10 nachmittags
Einsortiert unter: Bill James, Brit Noir, Crime Fiction, Edward Boyd, Krimis, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir, Porträt, William McIllvanney | Schlagwörter: , ,

Britische Kritiker nennen ihn “die Stimme des heutigen Schottlands”. Angesichts der traditionell vielen, großartigen Erzähler und Dichter, die dieses Land immer wieder hervorbringt, kein geringes Kompliment. Wahrscheinlich bezieht sich dieser Ehrentitel auch auf die vielen unterschiedlichen Genres, in denen es William McIlvanney zur Meisterschaft gebracht hat. Er hat als Lyriker, Kurzgeschichtenautor, Romancier und Noir-Schriftsteller höchste Anerkennung gefunden. Dem Regionalisten ist besonders die Stadt Glasgow (mit dem Photographen Oscar Marzaroli hat er den wunderbaren Band GLASGOW 1956-1989: SHADES OF GREY… AND SOME LIGHT TOO herausgebracht) eine nicht versiegende Quelle seiner Inspiration. Das er besonders in seinen Noir-Romanen das genaue Bild dieser Stadt zeichnet, liegt in der Natur des Genres: die Noir-Literatur, die auf Poe, Beaudelaire, Fielding und Defoe zurückgeht, hat wie kein anderes Genre die Schrecken und Faszination des urbanen Lebens thematisiert.

McIlvanney wurde am 25.November 1936 in Kilmarnock, Ayrshire in Schottland geboren.Er studierte an der Universität von Glasgow und schloß 1959 mit einem Master of Arts mit Auszeichnung ab. 1961 heiratete er Moira Watson, mit der er einen Sohn und eine Tochter hat. 1982 ließen sie sich scheiden. 1970 ging er als Englischlehrer für ein Jahr nach Grenoble und unterrichtete anschließend an verschiedenen Schulen und Universitäten in Schottland. Neben seiner Tätigkeit als Dozent schrieb er Romane und Gedichte. Sein erster Roman, REMEDY IS NONE, erhielt den Faber Memorial Preis. Sein zweiter, A GIFT FROM NESSUS, wurde mit dem Scottish Arts Counsil Award ausgezeichnet und sein dritter Mainstream-Roman, DOCHERTY, erhielt den Whitbread Award. Für LAIDLAW wurde er mit dem Silver Dagger der britischen Crime Writers Association ausgezeichnet (ebenso für THE PAPERS OF TONY VEITCH). Seine Lyrik erhielt ebenfalls zahlreiche Auszeichnungen.

William McIlvanney begann erst 1977 Kriminalliteratur zu schreiben und hat bisher lediglich vier Romane um den Glasgower Kriminalbeamten Jack Laidlaw vorgelegt (wobei Laidlaw in THE BIG MAN nur eine periphere Rolle spielt). Seine stilistische Brillanz, sein Gespür für Charaktere und Atmosphäre und die moralische Dimension seiner Kriminalromane, die weit über den Standards des Genres liegen, haben ihm nicht nur Vergleiche mit Chandler und Ross Macdonald eingebracht, sondern ihn auch zum Geheimtip als einem der besten lebenden Kriminalliteraten werden lassen. Allein seine geringe Produktivität im Genre hat ihn nach Ansicht der Spezialisten daran gehindert, als führender britischer Autor des Genres weltweit Anerkennung und Bestsellererfolg einzuheimsen. Es gibt wenige zeitgenössische Noir-Autoren, die ihr Material so vielschichtig anlegen und so souverän handhaben.

Heute kann man von einer neuen Welle von britischen Polizeiromanen sprechen. Es sind keine reinen police procedurals, wie sie die amerikanischen Vettern schreiben, sondern eine Mischform aus britischen Traditionen und amerikanischen Anregungen. Im Mittelpunkt stehen immer ein oder zwei Kriminalbeamte wie zum Beispiel John Harveys Resnick, Ian Rankins Rebus, Bill James’ Harpur oder Frank Palmers Jacko. Die Autoren nehmen sich viel Raum um ihre Persönlichkeiten zu beschreiben und haarklein vor dem Leser auszubreiten. Meistens machen diese Charaktere von Buch zu Buch Entwicklungen durch, die für den Leser von großem Reiz sind und ihn an die Serie binden. Auch die Polizeiarbeit wird genau und realistisch geschildert, aber anders als im police procedural ist sie im britischen Polizeiroman nicht der alleinige Motor, der zur Aufklärung des Verbrechens führt. Bei der Lösung des Problems und dem Engagement der Protagonisten klingt etwas von der Tradition der klassischen Polizeidetektivromane von A.E.W.Mason oder Freeman Wills Crofts nach. Zugegeben: nur wenig, da deren Rätselfixierung und Pappcharaktere die New Wave des britischen Polizeiromans eher abstößt. Einflußreicher war der Autor Maurice Procter, der in den 50er Jahren, inspiriert durch die amerikanischen police procedurals, den echten britischen Polizeiroman begründete, indem er die Traditionen des britischen Polizeidetektivs (wie Crofts Inspector French) mit den neuen, von Lawrence Treat, Ed McBain oder Jack Webbs TV-Serie DRAGNET entwickelten, Perspektiven verschmolz. Eine besondere Position kommt dem 1921 in Leeds geborenen Ex-Polizisten John William Wainwright zu. Gemeinhin gilt er seit seinem ersten Buch, das 1965 erschien, als einer der herausragenden Autoren des britischen Polizeiromans. Im Gegensatz zu den amerikanischen police procedural-Autoren und Wainwrights Lieblingsautor Ed McBain behandelt Wainwright in seinen Polizeiromanen immer nur einen einzigen Fall. Bemerkenswert ist auch die frühe Betonung des Organisierten Verbrechens. Seine Helden stehen in ihren Extremsituationen den schwarzen Thrillern näher als den sonst üblichen, durchschnittlichen Polizeiheroen. Beispielsweise scheut sich einer seiner Serienhelden, der ein Anhänger der Todesstrafe ist, nicht, einen jugendlichen Mörder sofort hinzurichten. Die Methoden der Polizei und die der Gangster sind bei Wainwright fast identisch. Er treibt die erstmals bei John Bingham auftauchende Negativdarstellung der britischen Polizei weiter. Das scheint angesichts der beruflichen Vergangenheit des Autors noch beängstigender. Seine überzeugendste Leistung im Schwarzen Roman war seine Tetralogie um den Ex-Polizisten Davis, der die Fronten wechselt. Stilistisch überzeugend zeigt Wainwright Intimes aus der Unterwelt und Charaktere, die der Leser so schnell nicht vergißt. Es gab jedenfalls schon einige Traditionen, an die McIlvanney anknüpfen konnte – wenngleich auch mit höheren Ansprüchen.

Die Identität des Mörders ist in LAIDLAW von Anfang an bekannt: Tommy hat ein junges Mädchen ermordet, weil der Versuch, seine sexuelle Identität gegen Vorwürfe der Homosexualität zu beweisen, kläglich scheiterte. Verschiedene Gruppen jagen den Mörder, der viel von einem Opfer hat, aus unterschiedlichen Gründen, darunter auch der Vater des Opfers, ein handfester Proletarier, der Rache will. Für Inspector Laidlaw von der Polizei in Glasgow gibt es keine vorprogrammierten Schurken. Gegen den Widerstand der Glasgower Racheengel muß er Tommy schleunigst finden, um ihn der irdischen Gerechtigkeit zu überliefern und vor der Lynchjustiz zu retten.
Der Roman zieht einen Großteil seiner Spannung aus den philosophi¬schen und moralischen Fragen, die im Zusammenhang mit der Mörderjagd entstehen. Damit macht er sich grundsätzliche Gedanken über unseren zivilisatorischen Stand und dessen schleichende Degeneration. In seinem Buch CRIME & MYSTERY: THE 100 BEST BOOKS (London: Xanadu, 1987) schrieb H.R.F.Keating über LAIDLAW: “Der Roman wurde von einem Dichter geschrieben. Es gibt Passagen, die diese edelsteinharte Konzentration von wahrer Poesie haben.” Keating wies darauf hin, daß man den Roman auf mehreren Ebenen lesen kann. Darunter auch als eine Studie über die “Philosophie der Exekutivkräfte”. Diese bildet sich in der durch den Roman ziehenden Diskussion zwischen Laidlaw und Milligan heraus. Für Milligan sind Gesetzesbrecher eine andere Spezies, mit der er und seinesgleichen keine Gemeinsamkeiten haben und gegen die er Krieg führen muß. Der grüblerische Laidlaw hingegen entläßt die Gesellschaft nicht aus der Verantwortung für Inhumanität und abweichendes Verhalten. Laidlaws ungewöhnliche Qualität ist seine Fähigkeit zum Mitfühlen. Fast Christus ähnlich sieht er das Böse in der Welt als Verstoß gegen die Nächstenliebe: “Es gibt keine Feen, keine Monster, nur Menschen.” Diese aufklärerische Position scheint im aktuellen Noir-Roman immer mehr aufgegeben zu werden, zu Gunsten von Dämonisierung abweichenden Verhaltens. Laidlaw und Milligan kämpfen mit ihren unterschiedlichen Überzeugungen um die Seele des jungen Polizisten Harkness und versuchen ihn von ihren jeweiligen Positionen zu überzeugen.

Vor allem ist das Buch ein Roman der Stadt Glasgow. Eine sterbende Stadt, die bei aller genauen Detailschilderung eine Metapher für unsere Zivilisation ist – ähnlich wie Kalifornien im Werk von Ross Macdonald. Laidlaw ist mit seinen harten Seiten ein Sohn Glasgows, das eine der brutalsten Städte der westlichen Welt ist. McIlvanney ist nicht der erste Kriminalliterat, den diese Stadt so fasziniert, daß er sie zum Handlungsort seiner Romane macht: Seit 1957 schreibt Bill Knox seine Serie über die Detektive Colin Thane und Phil Moss vom Glasgower CID. THE DARK NUMBER, der einzige Roman des besten Kriminalhörspielautors der Welt, Edward Boyd, spielt ebenfalls in Glasgow. 1981 begann Peter Turnbull mit seiner Serie über die P-Division, ein fiktives Polizeirevier im Zentrum von Glasgow. Als Ergänzung zu Reiseführern und als beste Unterhaltungsliteratur sind alle diese Romane vortrefflich. Aber an McIlvanney kommen sie nicht ran. So wie man Russell James als Godfather des neuen britischen Gangsterromans nennt, könnte man McIlvanney als Paten der neuen Welle britischer Polizeiromane bezeichnen. Ob John Harvey oder Ian Rankin: Die besseren Autoren dieses Genres verdanken McIlvanney einiges, da er die Genregrenzen aufgebrochen und neu abgesteckt hat. Man könnte sich noir ärgern, dass der Mann so wenig schreibt! Aber das ist wohl der Preis für die hohe Qualität seiner außergewöhnlichen Bücher.

Remedy is None – 1967
A Gift from Nessus – 1968
The Longships in Harbour – 1970 (poetry)
Docherty – 1975
Laidlaw – 1977
The Papers of Tony Veitch – 1983
These Words: Weddings and After – 1984
The Big Man – 1985
In Through the Head – 1988
Walking Wounded – 1989 (short stories)
Shades of Grey – Glasgow 1956-1987 – 1990
Strange Loyalties – 1991
Surviving the Shipwreck – 1991
The Kiln – 1996
Weekend. . 2006




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