Einsortiert unter: Crime Fiction, Deutsches Feuilleton, Fragebogen, Jörg Fauser, Krimis, Noir, Politik & Geschichte, WILLI VOSS | Tags: CIA, E.W.Pless, Film Noir, Fragebogen, Jörg Fauser, Noir, Willi Voss
Wer ist Willi Voss?
Im letzten Jahr begann man, Willi wegen seiner Vergangenheit als Abenteurer, Freiheitskämpfer, Terrorist und CIA-Agent durch die Medien zu hypen. Und Willi konnte Faulkners Satz am eigenen Leib erfahren: “Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht mal vergangen”. Dabei versuchten ihn die üblichen Opportunisten in die rechte Ecke zu rämpeln (in ihrer geistigen Bescheidenheit erkennen sie natürlich nicht, dass die Angrenzung zwischen PLO, Schwarzer September und RAF nahe liegender ist/war als kurzfristige Schnittmengen mit Gladio). Willi hat in jungen Jahren so einiges erlebt und angestellt (sicherlich mehr, als die meisten deutschen Autoren zusammen), aber eines ist er dabei nicht gewesen: Antisemit oder Faschist. Das „Syndikat“, eine Vereinigung von Menschen, die gerne schreiben und lesen, wollte gar ein politisches Ausschlussverfahren gegen Willi eröffnen um ihn als Faschisten zu brandmarken und rauszuwerfen. Die verantwortlichen Buben, die nichts erlebt haben und darüber Kriminalromane schreiben, sahen wohl eine Chance, in ihrer selektiven Entrüstung für sich selber als politisch korrektes Gammelfleisch ein wenig mediales Interesse zu erschleichen. Willi kam dem Schrebergarten-Gesinnungsprozess zuvor und bewahrte sich seine Integrität. Inzwischen ist er auf nationaler und internationaler Bühne ein gern eingeladener Gesprächsgast, der spannendes und informatives zu berichten weiß.
Ich lernte Willi kennen, als ich 1986 von Ullstein zu Lübbe wechselte. Voss hatte sich bereits einen Namen als Profi gemacht, Heftromane und Taschenbuchkrimis geschrieben. Als mir sein Buch GEGNER (unter dem PseudonymWilli Voss E.W.Pless geschrieben) in die Hände fiel, erfreute es mich so sehr, dass ich es Jörg Fauser schickte. Fauser war von dem Libanon-Roman begeistert. Umso mehr, da das Buch von einem deutschen Autor stammte, dessen literarische Sozialisation nicht auf Toscana-Besuchen, Weißwein beim Italiener und Stadtschreiberstipendiaten bestand. Kurz darauf schrieb Willi mit SIGNUM F einen der ersten modernen deutschen Conspiracy-Thriller.
Inzwischen hatte ich Willi persönlich kennen gelernt (und ihn an meinen Ullstein-Nachfolger Georg Schmidt vermittelt, der seine Potenz natürlich sofort erkannte). Also kam es, wie es kommen musste: Fauser reiste von München an, Willi aus Spanien und zu dritt verlebten wir ein denkwürdiges Wochenende zwischen Bergisch-Gladbach und Witten-Ruhr (aber das ist eine ganz eigene Geschichte). Genug der Panegyriken.
Hier erstmal der Bünnagelsche Fragebogen mit WILLI VOSS:
Name?
Willi Voss, und andere je nach Gelegen- und Notwendigkeit
Berufungen neben dem Schreiben?
Nach gutem Lesestoff fahnden. Bogen um Fastfood machen. Am Herd Essbares komponieren. Im Halbsuff Weltbewegendes quatschen. Originaltexte wie diesen von einem gewissen X (Ich lasse den Namen hier weg um seinen werlosen Arsch zu schützen. M.C.) gelassen ertragen:
„DAS (siehe unten) sehe ich ganz anders. Vielleicht bin ich auch als Vater eines noch jungen Polizistensohnes sensibler geworden. Aber auch als Krimiautor sage ich: Wer in irgendeiner Weise kriminelle Taten begangen hat, gehört nicht ins SYNDIKAT. Als Krimiautoren jonglieren wir eh bei jedem Buch, bei jeder Lesung mit dem moralischen Aspekt. MEIN Publikum erwartet von mir, bei allem Gruseln, Horror, Gänsehaut-Feeling etc, einen Menschen, der ihnen das Kriminelle, das Grauen, manchmal auch heiter verpackt, präsentiert, aber nicht repräsentiert. In diesem Zusammenhang (ich weiß, dass interessiert im SYNDIAKT keinen Menschen): geht es irgendwo auch noch um Literatur? Oder wollen wir allen Ex-Knackis, Ex-Terroristen, Ex-Sympathisanten etc. einen Logenplatz (und sei es in dieser Mailingliste) reservieren, bloß weil SPIEGEL und Co (und das gesamte Unterschicht-TV von RTL bis sonstwo) solche Typen brauchen
Lieber Willy Voss, oder wie immer du heißen magst: Ich habe nie eine Knarre besessen und rühme nicht, irgendwelche Idioten gekannt zu haben, die am Massaker von 1974 beteiligt waren.
Daher fordere ich mal ganz plakativ: Krimanal-Autoren ja! Kriminelle Autoren = nein!“
Film in Deinem Geburtsjahr?
La Paloma mit Hans Albers und kreisenden Papmachétauben in den Hauptrollen, sozusagen als Ankündigung der Kontinuität deutschen Filmschaffens.
Was steht im Bücherschrank?
Ein Sammelsurium von Brecht, Heine, Storm, Wolfe, Hammet, Fauser, Caputo, meine Sachen, aber wegen abrupter Zeitläufte unvollständig; Perez-Reverte und Trevanian als Mahnung, niemals nachzulassen. Kenneth Spencer, der in meiner Erinnerung gnadenloseste Leihbuchschreiber aller Zeiten. Schreibe von den Kulturwächtern wg. Erfolg, Sex & Brutalität unter den Ladentisch verdammt oder gar verboten.
Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Nix Buch, nix Film. Will Platten, Redakteur der Deutschen Reihe im Bastei Verlag, den ein Autor auf´n Topf gesetzt hat, und der mich fragte, ob ich mir zutraue, einen Ersatz zu schreiben. Weil ich nicht nur anderen, sondern auch mir fast alles zutraue, habe ich den Job angenommen und innerhalb von vier Tagen mit „Tränen schützen nicht vor Mord“ geliefert. Ahnungslos, weil vom Kriminalroman vollkommen unbeleckt, außerdem bewiesen, dass auch Henne nach dem Ei möglich ist.
Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Wenn im heftigsten Geballere die Liebe zuschlägt und der Regisseur den bösen Gangstern für die Knutscherei ( und das Abkühlen der 268-schüssigen Sechskammer-Revolver ) zwei Minuten Waffenstillstand genehmigt.
Ein paar Film noir-Favoriten?
Fahrstuhl zum Schafott. Guns for hire. Psycho. Richtig umgehauen hat mich lediglich „Der eiskalte Engel“. (Damals)
Und abgesehen von Noirs?
Brücke am Kwai. Seitdem war mir klar, dass Krieg mit schmissiger Marschmusik beschallt wird und eine wahrhaftig heroische Veranstaltung ist. Jenseits von Eden. Ein Streifen der ´ne Weile mein Auftreten und besonders meine Kleidung veränderte.
Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Ich gehörte exekutiert, wenn ich für einen der saudepperten Eliminierenswerten Knast riskierte.
Internet?
Geht Leben ohne Wasser?
Noir-Fragen – Dein Leben als Film Noir
1.Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Die des rauchenden Kerls an der ihn stützenden Laterne, der verdammt genau weiß, dass er einige Leichen zu wenig hinterlassen hat.
2.Und der Spitzname dazu?
Dirty Trench
3.Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Theodor J. Reisdorf
4.Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World
Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
„Baby, die Harpune darfst du zur Gangsterjagd laut § 0341B nur unter Wasser benutzen.“
5.Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Die Bösen schwarzweiß, die Guten in Farbe.
6.Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Die ich gefragt habe, bestanden darauf, anonym zu bleiben
7.Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Keine, es sei, Ikea ( oder welcher Hersteller auch immer ) hätte mir das Bettmodell „Untergang“ ins Schlafzimmer gestellt.
8.In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
Im Bentley vom Erzbischoff, dessen Chauffeuse und die reichhaltig ausgestattete Bar stresshemmend sein dürften.
9. Und mit welcher Bewaffnung?
Die Dame am Steuer und schussicherem Jäckchen trägt unverschämt H&K MP 7A1, 4,6 MM, verfügt in der Hutablage seiner Heiligkeit über ein halbes Dutzend Handgranaten, zwei Stinger-Raketen und gilt laut Waffenjournal selbst als die schärftse Waffe seit Erfindung des Schießpulvers.
10.Buch für den Knast?
Memoiren von “El Lute”. „Camina o revienta“, in der Hoffnung, darin ein brauchbares Rezept für den schnellstmöglichen Ausbruch zu finden.
11.Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Würd´ich gerne drüber schreiben, alter Junge
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Nun ist es doch passiert: Die Kölner Krimi-Buchhandlung ALIBI (eine der beiden ältesten in Deutschland) schließt die Pforten zu fiktionalen Höllenqualen. Und damit wird eine legendäre Institution zu Grabe getragen.
22 Jahre gab es ALIBI in Köln an verschiedenen Standorten. An zweien gehörte ALIBI zu den schönsten Buchhandlungen der Stadt und hob sich wohltuend von atmosphärelosen Großbaustellen wie THALIA oder MAYERSCHE ab.
Für die Atmosphäre war ein Mann zuständig: Manfred Sarrazin (vom Schicksal gestraft mit dem Bruder Theo). Manni gehört zu den umfangreichsten Kennern der Kriminalliteratur; wahrscheinlich kennt er von uns allen die meisten Titel. Denn er muss sich jeden Scheiß reinziehen, der gerade en vogue ist und von irgendwelchen Krimilemuren verlangt wird. Kein Subgenre, in dem Manni sich nicht auskennt. Unter vielen anderen verdanke ich ihm die Entdeckung von Stephen Hunter (was ich aber nie zugeben werde). In Köln läuft kein Crime-Afficionado rum, der ihm nicht mindestens einen Lieblingsautor verdankt.
Als er 1990 in der Engelbertstrasse 11 das erste ALIBI aufmachte, war er in einer ähnlichen Situation wie ein katholischer Missionar des 19.Jahrhunderts im Kongo. Er brachte das Wort. Anders als Missionare verkaufte er aber keine spinnerten Normen, sondern Ratio und Aufklärung (Denn der Krimi ist in seinen guten Werken nicht nur Kind sondern auch aktueller Vertreter der Aufklärung). Echte Kernerarbeit, die nur einer mit stählernen Nerven durchsteht. Und große Unterstützung durch die Kölner Medien bekam er dabei (bis auf den WDR ) nicht. Er musste den Job alleine erledigen – wie Charles Bronson oder Alain Delon.
Und Manni ließ es krachen: Er überzeugte die Buchhalter Kölner Kultur zur Mitfinanzierung von Lesungen der Elite der internationalen Kriminalliteratur: Ross Thomas, Lee Child, James Ellroy, George V.Higgins – um nur einige, wenige zu nennen. Alle waren in Köln und Manni hatte immer die Finger im Spiel.
Seit einigen Jahren macht er bei WDR5 alle zwei Monate bei der „telefonischen Mordsberatung“ mit. Und er ist der einzige Grund, sich dieses Krimistadl anzuhören, das sich ansonsten nur durch abstoßenden Frohsinn auszeichnet.
Das zehnjährige bestehen feierte ALIBI in der Ehrenstrasse. Zwar war dort das zweitschönste ALIBI, aber auch eine Gegend mit fürchterlichen Läden und elender Laufkundschaft, die eher darauf abzielt, ihre Wildschweinkörper in modisch-geschmacklose Outfits pressen zu lassen. ALIBI wirkte dort weite Trails lang wie Fort Apache in der Bronx. Die schönste ALIBI-Version war übrigens die auf dem Ring. Aber vielleicht meine ich das auch nur, weil Manni dort sein umfangreichstes Antiquariat hatte und mir zu fairen Preisen Paperback Originals überließ, nach denen ich ewig gefahndet hatte.
Neben der halbverblödeten Laufkundschaft („Der Herr Mankell schreibt so menschlich tief, nicht?“) lungerten im ALIBI zum Glück auch immer gute Freaks und vorlaute Stammkunden herum. Das sorgte dafür, dass die Kaffeemaschine nicht still stand, wir Stammtischkapazitäten uns über Manchette die Köpfe heiß redeten und jeden Zufallskäufer zu vergraulen drohten. Aber irgendwie wuselte Manni dazwischen hin und her um das Niveau einer Joy Fleming-Leserin auf die nächste Evolutionsstufe zu heben. Dort sind so manche Freundschaften und einige Stammtische begründet worden. Aber auch Loser wie Peer Steinbrück haben Mannis Regale besudelt und eingekauft.
Es wäre natürlich ungerecht zu unterschlagen, dass Mannis Partner großen Anteil an Erfolg und Mythos von ALIBI hatten; Vor allem seine Frau Barbara hielt ihrem genialischen Ehemann den Rücken frei. Und Michael Möhrke sorgte dafür, dass die betriebswirtschaftliche Komponente nicht unter der Begeisterung platt gedrückt wurde.
Aber der Star bei ALIBI war Manfred Sarrazin.
Manni, ich vermisse Deinen Laden jetzt schon und wünsche Dir nur das Allerbeste. Vor allem vermisse ich, wie wir uns dort oft gefetzt haben, da Du ja nie kapieren wolltest, dass ich alles besser weiß. Auch meinen Vorschlag, dass man ALIBI nicht ohne polizeiliches Führungszeugnis und einen von mir ausgestellten Geschmacksnachweis betreten dürfe, hast Du schmählich abgelehnt. Und Du hast auch mittags nie abgesperrt, um mit mir in Ruhe eine Flasche Whisky zu trinken.
Einsortiert unter: Hans Gruhl, Hörbücher, Krimis, Rezensionen | Tags: deutscher Krimi. Hörspiel, Drehbuchautoren
Es wurde genussvoll geraucht und gesoffen, dass man es heute kaum noch nachvollziehen kann. Es wurden chauvinistische Sprüche abgelassen und keine politische Unkorrektheit ausgelassen. Frauen wussten, wo sie hingehören und Männer tranken jeden Tag bei jeder Gelegenheit Kognac – wenn sie nicht gerade mordeten oder Mörder überführten. Und nichts davon wurde wirklich so ernst genommen wie die grünlackierten Toscana-Faschisten ihr Rauchverbot ernst nehmen um die restliche Kneipenkultur zu zerstören. Zitate gefällig?
” Ich war so besoffen, ich hätte den Wagen nicht mal mehr auf allen Vieren erreicht. An Autofahren war also nicht mehr zu denken.”
“Sie war zu alt für diese Zeit.”
“Es ist das Ende des Abendlandes, wenn der Mann abwäscht.”
So war die Welt von Hans Gruhl in vier Hörspielserien, die zum besten gehört, was je als Hörspielkrimi in Deutschland produziert wurde. Gruhl stand in der Tradition von Francis Durbridge und Paul Temple. Aber er konnte besser schreiben und seine Plots waren besser. Alle basierten auf Romanen, die zu den wenigen Klassikern der deutschen Kriminalliteratur der 1950er- und 1960er Jahre gehören. Alle wurden von Hans Georg Berthold vorbildlich für den Funk aufgearbeitet und immer sprach der großartige Martin Hirthe (1921-1981) den Protagonisten und Ich-Erzähler. Durchgehend ist auch der großartige Arnold Marquis als Kommissar Nogees dabei!
Die Hörspielserien wurden vom SFB mit dem WDR von 1964 bis 1969 produziert und sind über die Unterhaltung hinaus ein leicht verspätetes Sittengemälde der Wirtschaftswunderjahre. Bis auf das erste, NIMM PLATZ UND STIRB, spielen alle weitgehend im Mediziner-Milieu. In NIMM PLATZ UND STIRB spricht – nein: spielt! – Hirthe einen Drehbuchautor. Der Dreiteiler ist im Filmmilieu angesiedelt und macht sich bestens über dieses lustig („Es gibt nur zwei Arten von Filmen. Ich mache Filme für München, nicht für Bielefeld!“).
Das hoerspieltipps.net schrieb über ihn: „Hörspiele nach den Romanen von Hans Gruhl sind Klassiker des deutschen Kriminalhörspiels. Obwohl es hier für einen Krimi – aus heutiger Sicht – sehr gediegen zugeht, unterhält dieses insgesamt mehr als dreistündige Hörspiel wirklich sehr, sehr gut. Gerade die entschleunigte Erzählweise macht einen ganz besonderen Reiz der Geschichten aus. Die Atmosphäre des Filmmilieus wird von diesem Hörspiel sehr glaubwürdig eingefangen; Ein gutes Dialogspiel, passende Zwischenmusiken, eine dezente Geräuschkulisse und die im Timing perfekte Geschichte machen diese Produktion sehr empfehlenswert.“
Hans Gruhl, der eigentlich Hans Gruhl-Braams hieß, wurde am 25. Dezember 1921 in Bad Altheide, Schlesien, geboren. Über sein Leben ist wenig bekannt, was eine Schande ist. Er promovierte zum Dr. med. und Dr. phil und arbeitete als Röntgenfacharzt. Nebenher begann er zu schreiben. 1957 erschien sein erster Kriminalroman: DAS VIERTE SKALPELL. Im Jahr darauf kam der große Erfolg mit seinem ersten Buch um den Dackel Blasius. Das, „Liebe auf krummen Beinen“ wurde 1959 nach einem Drehbuch von Herbert Reinecker mit Walter Giller, Liesl Karlstadt, Sonja Ziemann verfilmt. Bis heute werden „Liebe auf krummen Beinen“ und „Ehe auf krummen Beinen“ von Rowohlt immer wieder neu aufgelegt (seit 2012 gibt es auch ein Hörbuch). Damit war Gruhl einer der bestverkauften Autoren Deutschlands und sofort streckte die Filmindustrie ihre Gichtfinger nach ihm aus. So schrieb er dann für die Filme „Ich schwöre und gelobe“ (1959) und „Heute kündigt mir mein Mann“ (1964) die Drehbücher. Seine Erfahrungen mit der Filmindustrie verarbeitete er 1964 in seiner ersten Hörspielserie NIMM PLATZ…(die Romanversion erschien erst 1967 bei Heyne). Aber spätestens mit dem Erfolg des Sozio-Krimis kam Gruhl aus der Mode und wurde zum Geheim-Tipp (besonders unter Hörspiel-Fans).
Hans Gruhl starb 11. Oktober 1966 in München durch, so die offizielle Verlautbarung, „wahrscheinlich unabsichtliche Selbsttötung“. „…an der Schreibmaschine, bei der Arbeit an einem neuen Kriminalroman. Wohl um sich in eine entscheidende Szene seiner Geschichte zu versetzen – so wurde später Freunden berichtet – hielt er sich seine Pistole an die Schläfe. Das Magazin hatte er vorher entleert, man fand die Patronen später im Wollflausch seines Teppichs. Aber er hatte offenbar nicht bedacht, daß sich eine Patrone noch im Lauf befand. Er wurde zu spät gefunden. Tot. Kaum 50jährig.“ (Autorennotiz von Radio 88.8)
Ich weiß nicht, ob Gruhl im Krieg war oder sonst wie Erfahrungen mit Waffen hatte. Als Mediziner wird er jedenfalls ihre Auswirkungen gekannt haben. Bei der Nummer mit der „vergessenen Patrone“ wird wahrscheinlich jeder Krimileser argwöhnisch. Ich weiß auch so gut wie nichts über sein Leben.. War er depressiv? Könnte es Selbstmord gewesen sein, der aus versicherungstechnischen Gründen wie ein Unfall aussehen sollte? Oder war es gar ein erfolgreicher Mord? Der Stoff aus dem die Mythen sind. In jedem anderen Land wäre er schon alleine deswegen in der Krimiszene ein allgemein bekannter Autor. Leider hat er den nachhaltigen Erfolg der Rundfunkadaptionen seiner Bücher, die Radiogeschichte geschrieben haben, nur zu Beginn erlebt. Vielleicht hilft die Neuausgabe seiner Hörserien bei Pidax ihn wiederzuentdecken. Pidax geht aber nicht das „Wagnis“ ein, alle vier Serien sofort heraus zu geben. Man hat bereits FÜNF TOTE ALTE DAMEN veröffentlicht und NIMM PLATZ… angekündigt.
http://www.pidax-film.de/product_info.php?info=p214_Nimm-Platz-und-stirb—-Hoerspiel-Klassiker.html

Nach seinem Tod erschienen seine Krimis bis in die 1980er hinein. Darunter auch Erstausgaben: Die lange Spur (1975), Nichts sprach für Mord (1975),Die Boten des Todes (1975).
Der Bastei Verlag versuchte seine Neuausgaben mit dem schwachsinnigen Etikett „Psychokrimis“ unters Volk zu bringen. Genauso gut könnte man sie „Boulevard-Thriller“ nennen. .Sein Klassiker, DAS VIERTE SKALPEL wurde 1973 sogar in den Niederlanden als Hörspiel produziert, wie ein Jahr später auch „Ga zitten en sterf“. Es dürfte nicht viele deutsche Kriminalliteraten geben – wenn überhaupt – die es ins holländische Radio geschafft haben.
BIBLIOGRAPHIE (nach WIKIPEDIA):
Kriminalromane:
Das vierte Skalpell (1957)
Fünf tote alte Damen (1960)
Tödlicher Cocktail (1965)
Nimm Platz und stirb (1967)
Der Feigling (1969)
Ganz in Weiß mit einem Totenstrauß (Romanheft, gekürzte Fassung von Das vierte Skalpell) (1969)
Mit Mördern spielt man nicht (1969)
Die letzte Visite (1973)
Die lange Spur (1975)
Nichts sprach für Mord (1975)
Die Boten des Todes (1975)
Tödlicher Cocktail – Vier Meisterpsychos (Sammelband mit: Tödlicher Cocktail, Nichts sprach für Mord, Die lange Spur, Mit Mördern spielt man nicht) (1985)
Andere Bücher:
Liebe auf krummen Beinen (1958)
Ehe auf krummen Beinen (1959)
Hörspieladaptionen:
Nimm Platz und stirb (1964) SFB, 187 Minuten, Bearbeitung: Hans Georg Berthold. Regie: Curt Goetz-Pflug.
Fünf tote alte Damen (1965) SWF/WDR, 234 Minuten, Bearbeitung: Hans Georg Berthold. Regie: Curt Goetz-Pflug.
Das vierte Skalpell (1968) SFB/WDR, 190 Minuten, Bearbeitung: Hans Georg Berthold. Regie: Curt Goetz-Pflug
Die letzte Visite (1969) SFB/WDR, 190 Minuten, Bearbeitung: Hans Georg Berthold. Regie: Friedhelm von Petersson.
Ga zitten en sterf (1974) VARA (Niederlande), 5 Teile, 190 Minuten, Regie: Klaus Mehrländer, nach dem Roman Nimm Platz und stirb von Hans Gruhl
Verfilmungen und Drehbücher:
Liebe auf krummen Beinen (1959) Regie: Thomas Engel, Drehbuch: Herbert Reinecker und Utz Utermann nach dem gleichnamigen Roman von Hans Gruhl
Ich schwöre und gelobe (1959) Regie: Geza von Radvanyi Drehbuch: Stefan Olivier, Peter Goldbaum, Hans Gruhl nach einem Roman von Ernst Ludwig Ravius; mit Wolfgang Lukschy.
Heute kündigt mir mein Mann (1962) Regie: Rudolf Nussgruber, Drehbuch: Peter Goldbaum, Hans Gruhl; mit Gert Fröbe, Hilde Krahl (nach Somerset Maugham).
Zu FÜNF TOTE ALTE DAMEN:
„Hans Gruhls Krimis sind in ihrer Radioumsetzung schon seit langem mehr als Geheimtipps. Die Geschichten, die meist im Milieu des Arztwesens zu Hause sind, warten nicht nur mit einer exzellenten Krimigeschichte, sondern auch mit viel Humor, exzellenten Dialogen und sehr, sehr guten Sprechern auf. Gruhl bietet in Fünf tote alte Damen ein Zehn kleine Negerlein-Spiel, was einen sehr eingeschränkten Verdächtigenkreis bedingt. Aber Hans Gruhl schafft es, dass man bis zum Schluss im Dunkeln tappt und von diesem wendungsreichen Krimi immer wieder überrascht wird. Kennern erzähle ich hier nichts Neues, allen anderen lege ich diesen Krimi nochmal deutlich ans Herz. Wieder mal ein richtig guter Klassiker!” – hoerspieltipps.net
Mitwirkende:
Martin Hirthe, Erika von Thellmann, Annamarie Boehme, Edith Wöber, Wolfgang Kühne, Edith Wöber, Manfred Grote, Paul Wagner, Otto Braml, Arnold Marquis, Dorothea Thiess
Autor: Hans Gruhl
Bearbeitung: Hans-Georg Berthold
Komponist: Hans-Martin Majewski
Regie: Curt Goetz-Pflug
1 CD im Jewelcase
Laufzeit: ca. 240 Minuten
Tonformat: MP3 Dolby 2.0 Mono
Sprache: Deutsch
Produktion: Koproduktion von SFB (heute:rbb) und WDR, Deutschland 1965
Einsortiert unter: Crime Fiction, Heftroman, Krimis, Noir-Theorie, Pulp, Rezensionen | Tags: Noir, pulp
Immer wieder blökt es in der Krimikritik laut und erschreckt „pulp“ wie aus einer Hammelherde, die den Wolf gesehen hat. Der falsche Umgang mit literaturgeschichtlichen Begriffen bei uns zeigt einmal mehr, die erbärmliche Rezeption von Kriminalliteratur in Deutschland. Eine konsequente Tradition, die sich aus den Printfeuilletons ins Internet fortsetzt: Kein Hauch von Genre geschichtlichen Kenntnissen. Da bezieht sich dann ein Unwissender auf einen anderen und durch diese Parallelquellen soll ein genügender Grad an Verifikation erreicht werden.
Der auffälligste Fehler dabei ist die Nutzung dieses Terminus für Inhalte statt Form. Selbst Wikipedia behauptet, dass „Pulp“ umgangssprachlich für „Schund“ zu verwenden wäre. Dafür gibt es wohl eher das schöne neudeutsche Wort „trash“. Wikipedia: „Der Name „Pulp“ leitet sich vom billigen, holzhaltigen Papier (engl. wood pulp) ab, auf dem die Magazine gedruckt wurden. Pulp ist umgangssprachlich auch als „Schund“ zu verstehen (siehe Intro des Spielfilmes Pulp Fiction).“ Der Titel von Tarantinos Film bezieht sich nicht nur auf die Inhalte, sondern mehr noch auf den anthologischen Aufbau, der dem strukturellen Aufbau der Pulp-Magazine folgt. Außerdem sollten umgangssprachliche Idiotismen – von „chillen“ bis „public viewing“ – in Rezensionen nichts zu suchen haben; die kann man getrost RTL-Kunden wie der Schuhfachverkäuferin Sheila überlassen.
Diese Kritiker benutzen den Begriff „pulp“ fast so, wie Proll-Gert und Tony Blair mit dem Begriff „Reformen“ umgegangen sind, also der ursprünglichen Bedeutung entkleiden und ins Gegenteil kehren. Sie wollen mit dem Ausdruck „pulp“ anzeigen, dass es sich um etwas wildes, subversives, ursprüngliches, den Hard-boiled-Traditionen verpflichtetes, handelt, das ihrer sonstigen Lektüre abgeht. Ihre selbstgefällige Kleinbürgerlichkeit und ihre brave Spießigkeit erschrecken vor der Maßlosigkeit des Genres.
Falsche Begriffsnutzung ist ein Ärgernis und fördert falsches, bestenfalls ungenaues denken.
So werden Groschenhefte wie JERRY COTTON, LASSITER oder PERRY RHODAN als „deutsche Pulps“ bezeichnet, was ein großer Blödsinn ist. Denn die Heftromane lassen sich auf den publizistischen Vorläufer der „Pulps“ zurück führen, den „Dime Novels“: 1860 wurde in den USA von Verleger Erasmus Beadle die ersten Dime Novels veröffentlicht, Heftromane mit abgeschlossenen Abenteuern einer Serienfigur. Die erste Dime Novel-Reihe, die sich ausschließlich der Detektivliteratur widmete, war die OLD CAP.COLLIER LIBRARY des Verlages Norman L.Munro. Die Reihe erschien von 1893 bis 1899 und brachte neben ausländischen Lizenzen, wie Übersetzungen Gaboriaus, auch Originalstoffe; z.Bsp. OLD BROADBRIM, THE QUÄKER-DETECTIVE. 1886 erschien dann NICK CARTER von John Russell Coryell. Er war wohl der berühmteste Held der Dime Novels und für die Entwicklungsgeschichte der Kriminalliteratur im Allgemeinen und des Heftromans im Besonderen von zentraler Bedeutung. In Deutschland wurde NICK CARTER ab 1906 veröffentlicht.
1896 war das Geburtsjahr der Pulps: Frank Munsey änderte die Jugendzeitschrift ARGOSY in ein Abenteuermagazin für Erwachsene. Gedruckt auf 192 Seiten, rauen, holzigen und unbeschnittenen Papier im Format 17,5×25 cm. Von den Seiten wurden ca.60 für Anzeigen verwendet. Um 1900 lag die Auflage von “Argosy” bereits bei eine halben Million. “Der Vorteil der Pulp-Magazine gegenüber den Dime Novels – 1919 wurde die letzte Dime-Novel-Serie, THE NEW BUFFALO BILL WEEKLY, in ein Pulp-Magazin umgewandelt – war neben einer größeren Variationsbreite die Experimentierfreudigkeit, die das Medium förderte. Nur wenige nutzten das Pulp-Format um inhaltlich das Dime Novel-Konzept fortzuführen. Beispielsweise DOC SAVAGE und THE SHADOW.
Da das Publikum der Pulps relativ konsumschwach war, sank die Zahl der Anzeigen. Die Profitrate war sehr gering (in den 30er Jahren etwa zwischen 450 und 750 Dollar bei einer Auflage von 100000) und basierte alleine auf dem Verkaufserlös und nicht auf den Anzeigen. Das zwang die Verleger dazu, das Literaturmaterial billig einzukaufen (3-4 Cents pro Wort in den 1920ern, ein Cent durchschnittlich in den 1930ern).
1905 führte der Dresdener Eichler Verlag mit der Lizenz der amerikanischen Dime Novel-Serie BUFFALO BILL den Heftroman in Deutschland ein und prägte mit seinem 20 Pfennig-Preis auch den Begriff „Groschenheft“.
Die Pulp-Magazine unterscheiden sich von den Dime Novels konzeptionell dadurch, dass sie als Anthologien mit unterschiedlichen Geschichten verschiedener Autoren aufgebaut waren. Die meisten dieser Magazine konzentrierten sich auf ein bestimmtes Genre: BLACK MASK auf Kriminalliteratur, WEIRD TALES auf Horror, AMAZING STORIES auf Science Fiction – um nur einige der bekanntesten zu nennen. Deswegen ist Evolver Books SUPER PULP tatsächlich ein Pulp-Magazin (sowohl im inhaltlichen Konzept wie im formalen), dagegen aber JERRY COTTON, PERRY RHODAN oder LASSITER reine Dime Stories.
Gerne werden auch die Paperback Original-Autoren (Thompson, Brewer, Whittington, Goodis, Williams, Block, Westlake usw.) unter „pulp“ subsumiert. Dabei waren es genau diese Taschenbuchromane, die dem Medium Pulp-Magazin die massenmediale Dominanz im Printbereich nahmen, sogar auslöschten und einer völlig anderen Dramaturgie folgten. Die wenigen Pulp-Magazine (etwa ELLERY QUEEN´S MYTERY MAGAZINE), die die Marktbereinigung überstanden, mussten sich in das zeitgemäßere „Digest-Format“ wandeln.
Wenn man inhaltlich „pulp“ etwa als Schund oder „trash“ verwendet, geht das ebenfalls völlig daneben. Denn die Pulps waren Veröffentlichungsorte für Autoren wie Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Jack London, H.P. Lovecraft, Philip K.Dick, Louis L´Amour, Upton Sinclair oder Ray Bradbury. Also für Schriftsteller, die subversive Weltliteratur geschrieben haben.
Die weniger gebildeten „Kritiker“ sollten wenigstens ein paar Standardwerke zur Literaturgeschichte lesen, um nicht dauernd ihre Ahnungslosigkeit wie eine Monstranz vor sich her zu tragen. Ihr Verhältnis zum Genre erinnert an Alkoholiker, die sich für Whiskysammler halten.
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Eines von Kernicks liebsten Stilmitteln ist der “cliffhanger”: Auf dem Höhepunkt des Suspense wird auf eine andere Handlungsebene überblendet. Auch das wurde von “24″ für das Fernsehen perfektioniert (und verdankt den TV-Melodramen fast soviel wie den Pulps; der “Tarzan”-Schöpfer Edgar Rice Burroughs war ein Meister dieser Technik). Virtuos ist auch seine Darstellung von Action jeglicher Art – von Schießereien bis Autojagden. Kein zeitgenössischer Literat bringt physische Aktion filmischer zu Papier.

Zur wie auch immer gearteten Unterstützung seiner Gehetzten bringt Kernick gerne Profis ein: die Polizisten Mike Bolt oder Tina Boyd. Dabei führt er vor, daß die Logistik durch staatliche Institutionen nie ausreicht, um den Gefahren und Problemen zu begegnen. Entweder ist sie nicht effektiv oder – schlimmer noch – korrupt. Bei aller Konzentration auf physische Aktion (die freie Entscheidungsmöglichkeiten suggeriert) wurzeln Kernicks Thriller, wie Woolrichs, in einer klassischen Noir-Welt. Also in der Realität. Sein London hat nichts Gemütliches oder Idyllisches. Es ist ein zertrümmerte Stadt im Niedergang, beherrscht von penetranten Überwachungskameras, Gangs, skrupellosen Neubauten, Terroristen und drei einsatzbereit lauernden Hubschraubern, die in geringer Höhe über die Stadt knattern, um die Einwohner an Orwells faschistoide Zukunftsvision zu erinnern. Eine Welt von nur scheinbarer Geborgenheit im infantilen Luxus des familiären Mittelschichtmilieus. Die typische westliche Metropole des neuen Jahrtausends, in der die Straßen von einem Moment zum anderen zu Schlachtfeldern werden können. Kernick zeigt eine kranke Gesellschaft, die von Manipulationen und Verschwörungen beherrscht wird.
Disziplin ist auch für Kernick die wichtigste Autorentugend: “Ich schreibe jeden Wochentag, manchmal auch während des Wochenendes. Mittags eine große Pause. Mein Ziel sind 2000 Worte pro Arbeitstag. Die Planung und Vorbereitung für ein Buch dauert etwa zwei Monate. Das Schreiben weitere sechs. Heute recherchiere ich nicht mehr soviel wie früher. Ich glaube nämlich, daß man auch zuviel recherchieren kann.”
In der Regel bevorzugt er die erste Person als Erzählerperspektive. Die ist bei seiner Art von Thrillern sehr effektiv, da sie den Leser unmittelbar in die Geschichte saugt. Aber Kernick experimentiert auch gerne mal und nicht weniger überzeugend: In “Instinkt” wechselt er vom Ich-Erzähler zum allwissenden Erzähler (der Tina Boyds Handlungen begleitet).
In “The Murder Exchange” erzählen die beiden Hauptcharaktere, Ex-Söldner Iversson und DS Gallan, in der ersten Person. “Das war schwierig. Ich mußte immer wieder feilen und feilen, damit jeder mit seiner eigenen Stimme sprach und nicht beide dieselben Phrasen droschen.”

Kernicks Frauen sind genauso stark und überzeugend dargestellt wie die Männer. Auch Opfer wie Andrea in “Deadline” sind keine Weibchen, sondern selbstbewußte Frauen, die sich gesellschaftlich hochgeboxt haben und ebenso selbstbewußt mit ihrer Sexualität umgehen. Sie sind genauso weder schwarz noch weiß gezeichnet – wie seine männlichen Helden. Alle haben dunkle und helle Seiten, ohne deshalb zu grauen Mäusen zu degenerieren. Es sind diese ökonomisch kalkulierten und knappen Charakterstudien, die von der oberflächlichen Kritik gerne übersehen werden. Aber ohne ihre Effektivität würden seine Page-Turner nicht funktionieren. Kernick muß im Leser zumindest Empathie für seine Figuren wecken, wenn der ihnen auf den Höllentrips folgen soll.
Inzwischen kann er es sich leisten, auch einmal zu seinen Wurzeln zurückzukehren: In “Payback”, (2011) bringt er DI Tina Boyd und Milne zusammen in einer mörderischen Rachejagd von London über Hongkong zu den Philippinen.
Tina Boyd, genannt “die schwarze Witwe” (denn ihr Nahestehende haben meist ein kurzes Leben) hat auch einen Cameo-Auftritt in “Siege” und wichtige Rollen in “Deadline” und “Target”, Es scheint, daß Kernick in eine dritte Phase eintritt, die eine Synthese aus den frühen Noir-Romanen und seinen Speed-Thrillern formt. “Meine frühen Bücher, die Cop-Noir-Romane, waren viel brutaler als meine Thriller. Ich glaube, die Menschen wollen nicht mehr so gewalttätiges Zeug lesen wie vielleicht noch vor zehn Jahren. Wir haben soviel extreme Gewalt in der Realität.” Naja, der Bodycount in “Todesangst” kann auch einen McNab-Fan “befriedigen”. Und den Psycho-Terror, den Kernick verbreitet, macht ein Verhör durch Jack Bauer zum adretten Folterspiel. Er hat die Fähigkeit, den Leser aufs perfideste durch die Mangel zu drehen. Es gibt auch keine peinlichen Pornoszenen (ohne den Sex zu negieren): “Als Kind war ich natürlich scharf auf Sexszenen in Krimis. Aber heute als Autor glaube ich nicht mehr daran. Sex ist überall verfügbar, und wer das will, braucht nur ins Internet zu gehen oder sich einen Pornofilm einzulegen. Ich mache das lieber ganz romantisch und blende ab einem bestimmten Moment aus. Alles sehr geschmackvoll.”
Ihn interessiert vor allem Gerechtigkeit. Wie es sich meistens gehört, bekommen die Bösen am Ende seiner Thriller ihre gerechte Strafe. “Jeder weiß doch, daß in der Realität die Bösen oft genug gewinnen. Das Schöne am Schreiben ist, daß ich in den Büchern Gerechtigkeit herstellen kann. Das macht Spaß. Andererseits wird man selbst immer paranoider, wenn man in diesem Genre arbeitet.”
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Seine Cops, wie Milne oder John Gallan und Tina Boyd gehören nicht der Inspector Rebus-Garde an. Es scheint eher, dass der 1966 geborene Autor von der Konventionen sprengenden Fernsehserie THE SWEENEY (1975-78) beeindruckt wurde. „Die meisten meiner Charaktere basieren irgendwie auf realen Menschen. Bei meinen Recherchen stoße ich auf merkwürdige Typen.“ Und natürlich ist er beeinflusst vom Großmeister des Brit-Noir Ted Lewis. „Lewis bekam nie wirklich die ihm zustehende Anerkennung für JACK´s RETURN HOME. Für mich der beste britische Noir-Roman aller Zeiten.“
Seine Noir-Cop- Romane brachten einen neuen Wind in die britische Kriminalliteratur, die an den langweiligen Ermittlern der Colin Dexter-John Harvey-Ian Rankin-Schule erstarrte.
Ab 2006 wechselte er die Richtung: Mit GNADENLOS (RELENTLESS) begann er seine „pot boiler“, für die er heute bekannt ist und ihn erfolgreich machten. Seine düstere Weltsicht hat er beibehalten, aber diese schnellen Action orientierten Romane konzentrieren sich auf den Kampf gegen die Zeit. Niemand setzt Zeitdruck besser in Szene. 
Seine Thriller lesen sich in Passagen wie Vorlagen für Jason Statham-Filme und haben natürlich das Interesse der Filmindustrie auf sich gezogen. Einige Fans seiner frühen Romane mochten diesen Tempo-Wechsel gar nicht, aber Kernick gelang damit der Ausbruch aus der Noir-Nische in die Bestsellerlisten. Trotz des Erfolges ist er ein pflegeleichter Autor, der sich tatsächlich noch bei SIEGE vom Verlag vorschreiben ließ, das Ende umzuschreiben und den Titel zu ändern. Hoffen wir mal, dass er einen fähigen Lektor hat(te). Aber jemand, der so lange und verbissen darum gekämpft hat veröffentlicht zu werden, verliert nicht so schnell die Bodenhaftung. Die ersten vier Romane brachten zwar tolle Kritiken, aber wenig Geld. GNADENLOS war 2007 der erfolgreichste Kriminalroman in Großbritannien.
Die Idee für GNADENLOS kam Kernick durch einen Alptraum, den er in Toronto nach einem exzessiven Besäufnis hatte. Protagonist Tom Meron hört am Telefon, wie ein alter Schulfreund umgebracht wird. Seine letzten Worte sind Merons Adresse. Der Höllenzug verlässt den Bahnsteig…
Der Nachfolger TODESANGST beginnt mit einem Satz, der das Schicksal von Noir-Protagonisten Im Allgemeinen und von Kernicks „Helden“ im Besonderen auf den Punkt bringt: „Kaum öffne ich die Augen, weiß ich, es wird ein Scheißtag.“
Der Ex-SAS-Soldat Tyler erwacht blutüberströmt neben der kopflosen Leiche seiner Geliebten und erinnert sich an nichts. Und dann geht es ab, dass der Leser aus der Kurve fliegt. Eventuelle Plotschwächen werden einem egal, weil man nur noch mit zitternden Fingern die Seiten umdreht. Kernick fährt mit Bleifuss und schaltet bis zum Finish nicht einmal runter. Um das Tempo noch zu erhöhen, hat er TODESANGST als bisher einzigen Roman im Präsens geschrieben. Eine schwierige literarische Technik, die leicht albern klingt und am besten bei komödiantischen Handlungen funktioniert (siehe Peter Cheyneys Lemmy Caution-Romane, die ich sehr unterhaltsam aber nie spannend fand).
In DEADLINE erzählt Kernick zwar in der dritten Person, wählt aber die Perspektive der Protagonistin, deren Tochter entführt wurde. Tausendmal gelesen und gesehen? Aber nicht so! DEADLINE ist Kernicks einziger Roman, der bei uns auch als Hörbuch vorliegt (Audiobuch Verlag).
Wie Johannes Steck es vorträgt, ist unglaublich! Sehr intensiv und dem Tempo entsprechend. Das sollte man nicht auf Kurzstrecken hören, sonst fährt man bis zum Nordkap durch.
Mit seinen On-the-Edge-Thrillern steht Kernick in der Tradition von Cornell Woolrich: Ein (vermeintlich) Unschuldiger gerät in eine Verschwörung, die er nicht durchschaut, und wird gehetzt. Von einer Sekunde auf die andere brechen Ereignisse in das Leben des Protagonisten ein, dass es völlig aus den Fugen gerät. Chandler sagte über Woolrich: „Der Mann mit den besten Einfällen, aber man muss ihn schnell lesen und darf ihn nicht zu genau analysieren; er ist zu fieberig.“ Es wäre ungerecht, dieses Urteil 1:1 auf Kernick zu übertragen. Aber ähnlich wie Woolrich ordnet er den Twists und dem Tempo alles unter. Dieser klassische Thriller-Topos lässt sich mindestens bis zu John Buchan zurückverfolgen. Es geht letztlich um Kontrollverlust. Ein Lebensgefühl, das heute aktueller denn je ist. Manipulation und Kontrollverlust gipfeln in Verschwörungen. Seine düstere Weltsicht unterlegt Kernick auch in den Thrillern, wenn auch nicht so exzessiv wie in den Noir-Romanen. Als intelligenter Zeitzeuge spiegelt er den immer offeneren Moralverfall der westlichen Zivilisation seit dem Aufstieg der Neo-Cons.
Im Gegensatz zu Lee Child lassen sich Kernicks Plots nicht vorher sehen. Wenn man meint, man wisse wie der Hase läuft, schlägt er eine überraschende Volte. „Meiner Meinung nach ist eine der wichtigsten Regeln die Handlung unberechenbar zu halten. Das lässt den Leser die Seiten umblättern.“
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Simon Kernick gehört zu den britischen Autoren, die sich seit der Jahrtausendwende im Windschatten des Erfolges von Autoren wie Lee Child oder Andy McNab als eine Art New Breed des britischen Thrillers etablieren.
Sie sind genauso von multimedialen Pop-Kulturtraditionen geprägt, wie von den literarischen Traditionen des Genres. Sie gehören zu einer Generation, die einen Bondfilm gesehen hat, bevor sie Romane von Ian Fleming oder Eric Ambler entdeckte. Und sie schreiben in einer Zeit, in der sie mit Fernsehserien wie 24, LUTHER oder SPOOKS um das Publikum konkurrieren. Denn diese und andere Serien, deren primäres Medium die DVD ist und denen die Erstausstrahlung im TV nur als Schaufenster dient, haben Einfluss auf Literatur und Rezeption.
Kernick ist das voll bewusst – und er hat es drauf. Ihm gelingt es, das Tempo der TV-Serien auf den Roman zu übertragen: Gleich auf der ersten Seite fängt er den Leser ein, schaltet den Motor seines Romans in Blitzgeschwindigkeit hoch in den fünften Gang und rast durch die Story bis das Getriebe kracht. Den Leser beim Schlafittchen packen und auf geht’s in die Turboachterbahn. Wie etwa bei „24“ kann er durch das hohe Tempo eventuelle Plotunstimmigkeiten oder Unwahrscheinlichkeiten überfahren, Widersprüche von der Fahrbahn kicken. Und wie „24“ kommt er damit durch weil er genügend Überraschungsmomente im Köcher hat. Wer das nicht mag, sollte die Finger von ihm lassen. Ich dagegen bin froh über Autoren, die nicht mit völlig psychopathischen Forensikstudien wie Patricia Cornwell oder Charakterquark wie die völlig durchgeknallte Mo Hayder daherkommen. Ich langweile mich zu Tode bei diesen Waltons-meet-Dr.Lecter-Geschichten von Karin Slaughter oder Kathy Reich und mir wird übel bei den Reissbrett-Slashern von Cody McFadyan oder der langweiligen Sozialdemokratie eines Hanning Mankells (der Traum aller verlebten Thalia-Kundinnen).
Der 1966 in Slough geborene Kernick wuchs in Henley-on-Thames auf, eine Kleinstadt fünfzig Kilometer von London entfernt. „Ich schreibe, seitdem ich einen Stift halten kann. Es hat Jahre gedauert und einige hundert Ablehnungen, bis ich mit 35 Jahren meinen ersten Vertrag bekam. Ich glaube, ich musste einfach so lange üben und lernen, bis ich was Druckbares hin bekam.“
Mit 19 ging er vom College ab und schlug sich mit einem Job als Transportmanager durch. Nach einem Jahr ging er nach Toronto, wo er wieder aufs College ging und sich verlobte. „Es hielt kein Jahr. Danach ging ich über Australien zurück nach England. Ich hatte Heimweh. Ich ging in Brighton aufs Polytechnikum und machte anschließend die unterschiedlichsten Jobs: Im Straßenbau, als Barkeeper oder als Holzfäller für Weihnachtsbäume. Schließlich etablierte ich mich als Handelsvertreter in der Computerbranche und blieb zehn Jahre dabei.“ In seiner wilden Zeit machte er auch eine böse Erfahrung, die sich wohl in der Intensität bestimmter Szenen in seinen Büchern niedergeschlagen hat: Beim trampen mit Freunden wurde er einmal ausgeraubt. Sie mussten sich ausziehen, wurden geschlagen und kamen gerade noch mit dem Leben davon.
Inzwischen ist er verheiratet, hat zwei Töchter und lebt als erfolgreicher Schriftsteller in Oxfordshire.
„In meiner Jugend war ich ein großer Science Fiction und Fantasy-Fan. Wahrscheinlich hat mich Tolkien am stärksten beeindruckt. Gefolgt von Michael Moorcock – insbesondere die Corum- und Runestaff-Zyklen. Großartig und völlig unterbewertet wie vieles in dem Genre. Auf dem College entdeckte ich Raymond Chandler. Ich las THE BIG SLEEP in einem Rutsch. Es hat mich umgehauen und mir einiges beigebracht. Zum Beispiel, dass man nicht zuviel beschreiben muss. Weniger ist oft mehr, wenn es um Thriller geht. 95% von allem, was ich gelesen habe, war Kriminalliteratur inklusive einer ordentlichen Portion true crime.“ Er sieht sich vor allem von amerikanischen Autoren beeinflusst und bewundert Leute wie Dennis Lehane oder Harlan Coben, den er – wen wundert es – für seine überraschenden Wendungen schätzt. „Mein größter Einfluss war Lawrence Block. Ich habe alles von ihm gelesen – und er hat eine Menge geschrieben. Ich bewundere seine Vielseitigkeit. Er kann alles.“ 2004 hielt Kernick bei der Verleihung der Diamond Dagger Awards für Blocks Lebenswerk eine bewegende Laudatio auf sein Idol. Wie Block schreibt er in einem scheinbar kunstlosen Stil, der sich ganz der Geschichte unterordnet.
Begonnen hat er mit Noir-Romanen in der britischen Tradition. Sein Debut, “Tage des Zorns”/”Vergebt mir!” (The Business of Dying, 2002)
, war ein rabenschwarzer Cop-Roman über einen Bullen, der nebenher Leute umbringt, die es nach seinem Wertesystem verdient haben und ihm zusätzlich ein bißchen Geld einbringen. Er wird von seinem Auftraggeber reingelegt und tötete bei einem Hit unschuldige Zollbeamte. Von da an geht es bergab und schließlich muß er aus England fliehen. Im zweiten Roman über Dennis Milne, “Fürchtet mich” (A Good Day To Die, 2005), lebt er als Gelegenheitskiller auf den Philippinen. Als er vom Mord an seinen besten Freund und Ex-Partner erfährt, kehrt er nach London zurück, um diese Angelegenheit auf seine Weise zu regeln. Laut Aussage des Autors ist dies sein Lieblingsbuch.
Bei der Recherche zu “Tage des Zorns” lernte Kernick Beamte von der Metropolitan Police kennen. “Ich war überrascht, wie angefressen die waren. Sie fühlten sich von Politikern und ihren Chefs unter Druck gesetzt und empfanden sich als dämonisiert, nur weil sie ihre Arbeit taten.
Sie hatten nicht genügend Instrumente, um die Kriminalität einzudämmen, und wurden von der Öffentlichkeit und denjenigen kritisiert, die ihnen diese Instrumente verweigerten. Sie blieben nur wegen der Pension dabei. Ich schickte das Manuskript an einen Agenten, der es ablehnte, nachdem er zuerst Interesse gezeigt hatte. Das traf mich ziemlich hart. Ich dachte daran, was Neues zu schreiben. Aber meine Frau Sally glaubte an den Roman. Ich schrieb ein paar Szenen um und fand eine Agentin, die das Buch anbot. Als mir Transworld einen Vertrag dafür und ein weiteres Buch anbot, nahm ich sofort an, ohne noch Reaktionen anderer Verlage abzuwarten. Das war eine gute Entscheidung. Die Copper waren ebenfalls zufrieden mit dem Buch, da ich keine Verfahrensfehler gemacht hatte.”
Auch die drei anderen frühen Romane behandeln die düstere Welt des organisierten Verbrechens in Nord-London. “Mich hat die organisierte Kriminalität immer interessiert – in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Ich finde es bemerkenswert, daß man Kriminalität genauso wie ein normales Geschäft führen kann, direkt unter den Augen der Autoritäten, die kaum Interesse haben, etwas dagegen zu unternehmen.”
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Sicherlich wäre es eleganter, in meinem Blog schweigend darüber hinweg zu gehen, aber im inneren Kampf understatement versus Eitelkeit hat letztere ganz klar nach Punkten gewonnen. Aber wofür macht man einen Blog, wenn man nicht kokett der Meinung ist, man müsste der restlichen Welt die eigenen Gedanken mitteilen? Schließlich wartet das Universum gierig auf die eigenen Ergüsse.
Wenn eine der ältesten und einflussreichsten Netzinstitutionen zur Kriminalliteratur in einem Jahresrückblick den eigenen Roman unter die Bemerkenswertesten zählt, verzückt das. Tatort ist die KRIMI-COUCH und ermittelt hat die Bücher Dieter Paul Rudolph, den man der Gemeinde nun wirklich nicht vorstellen muss unter:
http://www.krimi-couch.de/krimis/dprs-krimilabor-2011-ein-fast-nur-deutsches-jahr.html
Rudolph, selbst Romancier und Mastermind von WATCHING THE DETECTIVES (siehe Links), würdigt an dieser Stelle auch die Wiederveröffentlichung der beiden epochalen Backwood-Thriller DELIVERANCE und OPEN SEASON, die in jede Basisbibliothek gehören.

Dass DIE LUCIFER CONNECTION mit der Darstellung von Realität wirklich Angst machen kann, wurde mir von der Weird-Fiction-Fraktion bestätigt. Im größten deutschen Print-Magazin zum Genre, VIRUS (mit dem schönen Ladenpreis 6,66 Euro) ist er eindrucksvoll besprochen und erreichte in der Wertung 9 von 10 Punkten. Dass ich damit sogar vor einigen Angelsachsen landete, ist mir höchster Ansporn. Außerdem mag ich es, in Magazinen erwähnt zu werden, die so dezente und geschmackvolle Cover ziert.Generell kann ich die Rezensionen in VIRUS jedem empfehlen: Max Link & Co. kennen ihre Genres genau und analysieren kenntnisreich und geschliffen. Also all das, was man im Main-stream-Feuilleton höchst selten geliefert bekommt. By the way: In diesem Heft wird auch der neue Jackj Ketchum-Film, THE WOMAN, mit drei Seiten (Interview mit Regisseur, Star und Produzent) abgehandelt.
Die anderen Rezensionen, für die ich mich auch im Namen von EVOLVER BOOKS bedanke, werden nach Ablauf einer gewissen Schamfrist in diesem Blog noch dargestellt und verlinkt.
http://www.evolver-books.at/buchshop.php
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1916 diente Buchan als Stabsoffizier im französischen Hauptquartier der englischen Armee. Während des Krieges lernte er den späteren Feldmarshall Edmund Ironside, Lord of Archangel, kennen, der im Krieg mit nachrichtendienstlichen Aufgaben in Rußland betreut war.
Ironside war angeblich das Vorbild für Richard Hannay (seine Figur Sandy Arbuthnot, Kenner und Freund der arabischen Welt, basiert zweifellos auf dem begeisterten Buchan-Leser T.E.Lawrence und dessen arabische Abenteuer). Nachdem Lloyd George Prämierminister geworden war, holte man Buchan als Direktor ins Informationsministerium unter Lord Beavenbrook. Kurze Zeit später wurde er Chef des Nachrichtendienstes. Ereignisse dieser Zeit hat Buchan geheim gehalten und kein Biograph weiß nähere Einzelheiten über Buchans Treiben als Geheimdienstler. Nach dem Krieg verlief seine Karriere weiterhin erfolgreich. Es würde den Rahmen sprengen, wollte man alle gesellschaftlichen Stellungen und Auszeichnungen und seine vielfältigen literarischen Aktivitäten hier gebührend würdigen. 1924 bis 1930 war er Präsident der schottischen historischen Gesellschaft. Von 1927 bis 1935 war er konservativer Abgeordneter des Parlaments; 1933 wurde er für zwei Jahre Hochkommissar für die schottische Kirche. 1935 wurde er als Baron Tweedsmuir in den Adelsstand erhoben und bis zu seinem Tod am 11.Februar (einige Quellen nennen den 6.) 1940 war er Generalgouverneur von Kanada. In dieser Funktion unterschrieb er am 9. September 1939 die kanadische Kriegserklärung an Deutschland.
Obwohl er ein überzeugter Tory war, setzte er sich für progressive Ideen ein: Er unterstützte die Suffragetten, stimmte für die Anerkennung der Sowjetunion und setzte sich nach dem Krieg für eine Amnestie der Kriegsdienstverweigerer ein.
1915 erschien mit THE 39 STEPS der Roman, der bis heute die entscheidenden Impulse für die romantische Richtung (im Gegensatz zur realistischen) des Spionageromans ausgab. Der Gentleman-Agent, der im Dienste seines Landes gegen eine feindliche Umgebung das bedrohliche Ungeheuer besiegt. Im ersten Roman ist Buchans Held Richard Hannay noch ein Zivilist, der zufällig in einen Komplott verwickelt wird. Wir wissen, daß Buchan großen Eindruck auf Hitchcock machte, der die 39 STUFEN 1935 verfilmte und immer davon träumte, eines Tages GREENMANTLE filmisch umzusetzen. Angesichts der geradezu schwachsinnigen Adaption der 39 STUFEN (von allen die schlechteste Umsetzung), muss man wohl dafür dankbar sein, dass es nicht dazu kam.
Buchan war der erste Spionageromanautor, der überzeugende Serienfiguren erfand und mit Richard Hannay und seinen immer wieder kehrenden Freunden einen eigenen kleinen Kosmos von Agenten schuf. Der Anfang der 39 STEPS erinnert an den Anfang eines anderen großen Abenteuerbuches eines ebenfalls großen schottischen Abenteuerromanciers, in dessen Tradition sich Buchan immer gesehen hat: an Robert Louis Stevenson “Schatzinsel”. Beide
Bücher beginnen damit, daß ein Sterbender die Szene betritt um dem Protagonisten eine geheimnisvolle Nachricht mitzuteilen, deren Entschlüsselung für den Handlungsverlauf von immenser Bedeutung ist.
Viele halten den zweiten Hannay-Roman GREENMANTLE, in dem sich Buchans Held als Spion durchs deutsche Reich und die Türkei schlägt um zu verhindern, daß die Deutschen durch das Anfachen eines Jihad den Kriegsschauplatz vergrößern, für einen noch besseren Roman.
So gut und spannend dieser Roman auch ist, er hat nicht die Geschlossenheit der 39 STEPS. Erstaunlich ist jedenfalls, das Buchan als Ich-Erzähler Hannay die Deutschen nicht einfach verteufelt und dem Kaiser sogar soetwas wie Sympathie entgegen bringt. Trotz der Anerkennung “deutscher Tüchtigkeit” bleiben die Teutonen natürlich die Feinde die ein Lebensprinzip verkörpern, das einem Angelsachsen wenig lebenswert erscheint. Im Gegensatz zuseinen Vorgängern, wie LeQueux, oder den trivialen Nachfolgern à la Sapper und Horler, bemüht er sich aber um ein differenzierteres Bild. Reale Ereignisse und Personen spielen in seinen Romanen eine wichtige Rolle, denn sie sind Auslöser
für seine Plots die damals als realistisch empfunden wurden: In den 39 STUFEN geht es darum, daß die Deutschen versuchen, die britischen Marinepläne zu stehlen. GREENMANTLE gipfelt in der Darstellung einer realen Schlacht, der Kampf um Erzerum und erinnert auch an Gordons Verteidigungsschlacht um Khartoum. PRESTER JOHN basiert auf Bambatas Revolte in Natal und MR.STANDFAST reflektiert die britische Friedensbewegung und die Arbeiterkämpfe während des Krieges.
Robert Powell verkörperte Hannay auch in einer kurzlebigen TV-Serie.
Den ersten richtigen antisowjetischen Thriller der Spionageliteratur schrieb John Buchan mit seinem ersten Dickson Mc’Cunn-Roman, HUNTINGTOWER,1922, in dem der Held eine ruritanische Prinzessin vor Bolschewisten rettet.
Ganz unverholen drückte
sich Buchans Liebe zur Monarchie im dritten und letzten Mc’Cunn-Roman, THE HOUSE OF THE FOUR WINDS(1935), aus. In dem ruritanischen Land Evallonia kämpfen die Helden gegen Kommunisten um einen Prinzen wieder auf den Thron seiner Vorfahren zu setzen. In seinem leider weniger bekannten Roman THE COURTS OF MORNING (1929), der in dem auf Chile basierenden fiktiven Land Olifa spielt, setzt er sich ernsthaft mit den faschistischen und korrupten südamerikanischen Diktaturen auseinander. In dem Thriller A PRINCE OF CAPTIVITY (1933) untersucht er die europäische Politik und den aufsteigenden
Faschismus; bemerkenswert auch, daß dieser Roman im Jahr von Hitlers Machtübernahme erschien.
Unübertroffen ist Buchan in seiner romantischen Darstellung- wenn man will: Verklärung – von allem, was britisch ist. Kaum ein anderer Autor kann Schönheit und Traditionen der Insel so schwärmerisch und mitreissend beschreiben. Dabei zeichnet ihn über seine klar umrissenen Feindvorstellungen auch eine typisch britische Toleranz aus, die man bei vielen seiner Zeitgenossen vergeblich sucht.
SPOOKS großartiger Adam Carter, alias Rupert Penny-Jones, in der bisher letzten Verfilmung:
Max Vonderscheid ist ein Profi. Skrupellos, eiskalt und berechnend. Doch er ist mehr als ein Killer: »Er ist ein Trick«.
Und mit seiner Lust am Töten ist er nicht alleine … Seinen Weg kreuzen drei perverse Millionäre, ein blinder Gangsterboss und dessen Handlanger.
Und alle zusammen schlagen sie eine Blutschneise durch das Land.
Und dann sind da noch die Opfer …
Der Autor
Guido Rohm wurde 1970 in Fulda geboren, wo er heute auch lebt und arbeitet. Er schreibt u.a. Buchrezensionen für verschiedene Onlinemagazine. Dabei entdeckte er auch den amerikanischen Kultautor Tom Torn für den deutschsprachigen Raum. Nach »Blut ist ein Fluss« legt er mit »Blutschneise« den zweiten Band der Blut-Trilogie vor.
Guido Rohm
Blutschneise
Seeling Verlag
ISBN: 978-3-938973-14-1
168 Seiten, 13 x 20 cm
Broschur
Preis: 10.- Euro (D)
![wvossparde[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2013/06/wvossparde1.jpg?w=294&h=300)
![9783865321541[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2013/06/97838653215411.jpg?w=181&h=300)








