Einsortiert unter: Andy McNab, Bücher, Crime Fiction, Fragebogen, Heftroman, Jim Thompson, Krimis, Noir, Porträt | Schlagwörter: Film Noir, Fragebogen, George T.Basier, Jim Thompson, Noir
Er gehört zu den wenigen deutschen Thriller-Autoren, die gegen den Strom schwimmen. Und das radikal und kompromisslos. Deswegen veröffentlicht er seine Bücher als Book on Demand, denn er hat keine Lust, sich von inkompetenten Lektoren kastrieren zu lassen. Und sein Erfolg beweist, dass man nicht unbedingt einen Publikumsverlag braucht um interessierte Leser jenseits frustrierter Mittelschichtshausfrauen zu finden. Vor dem Bünnagelschen Noir-Fragebogen also näheres zur Person:
„1969 in Wedel bei Hamburg geboren. Teilweise auf den Schiffen meines Vaters (Kapitän) aufgewachsen. Mutter ist als Köchin mitgefahren. Dadurch habe ich zum Beispiel als Jugendlicher in den frühen Achtzigern den Libanon von innen gesehen.
Nach dem Zivildienst habe ich erfolgreich zwei ingenieurwissenschaftliche Studiengänge in den Sand gesetzt. Finanziert habe ich das Vergnügen mit Jobs in der Alten- und Kinderpflege. Dann hat mir ein Professor geraten, es mal mit der Mathematik zu probieren. Was auch sehr gut gepasst hat. Nebenbei war ich längere Zeit in einer linksautonomen Gruppe aktiv und bin seit über zwanzig Jahren von einer massiven Sportsucht geplagt. Vier bis sechsmal in der Woche ins Fitnesscenter, drei mal Fahrradtraining, zwei mal Joggen, am Wochenende oft eine Mischung aus Wandern und Survivaltraining, oder Klettern und Fallschirmspringen. Gelegentliche Gewaltmärsche, wie etwa in vier Tagen von Hamburg nach Hannover (unter Umgehung von Straßen natürlich) oder ähnliche selbst auferlegte Prüfungen meiner Männlichkeit waren lange Zeit unumgänglich. Gewohnt habe ich immer in Hamburg. Viele Reisen führten mich aber in die Berge und in tropische Regionen, meist mit nur wenig mehr als Taschenmesser und BW-Poncho im Gepäck. Geführt hat mich diese permanente Suche nach meiner Männlichkeit aber nur in eine mittelgradige Depression und ins Schreiben. Vor drei Jahren bin ich mit meiner langjährigen Freundin, wir kennen und schätzen uns nun schon seit fast zwanzig Jahren, und heutigen Frau in die Nordheide aufs Land gezogen und suche nun meine Männlichkeit zwischen Windeln, Einkaufskörben und Herd. Sollte ich eine beschreibende Bezeichnung für mich selbst finden müssen, dann würde ich irgendwo zwischen recyceltem Punk und gescheitertem Mathematiker suchen.“
„Das Buch ist, wie ein Leser in einer Amazon-Rezension ganz richtig vermutet, als Adaption von Frank Millers „The Hard Goodbye“ angelegt. Erreichen wollte ich eine Art Technothriller, ohne die oft scharfe Trennung zwischen Gut und Böse. Wobei das Gute in dem Subgenre ja zu allem Überfluss auch noch oft von staatlichen Stellen kommt z.B. Clancy. Dabei lag mir sowohl der technischer Realismus, als auch das Scheitern, als Gegengewicht zu Hollywood, sehr am Herzen. Bei der Gewaltdarstellung wollte ich vor allem Entsetzen und Eckel erregen. Alles andere kann meiner Meinung nach nur verharmlosen. Das Buch entstand in einem zweiwöchigen Schreibrausch fast ohne Schlaf.“
„Jägers Fall“:
Dieses Buch ist so etwas wie meine „Abrechnung“ mit dem Krimigenre im Allgemeinen. Ich denke, dichter werde ich dem „Standardkrimi“ wohl nie wieder kommen. Schon die Perspektive des üblichen Krimis, Kriminalität als Objekt polizeilicher Arbeit, empfinde ich als falsch, weil es für mich einfach nicht das Wesentliche der Kriminalität zeigt. Die Geschichte ist für mich so etwas wie eine Reise in die kranke Psyche eines Monsters. Etwa so wie ein Gespräch mit einem Fremden auf einer Party, bei dem man im Verlauf langsam merkt wie durchgeknallt der Typ neben einem ist, und wie wenig klar es ihm selber ist.
Das Buch ist ganz anders als „Der Killer und die Hure“ entstanden. Ich habe Flussdiagramme für die Handlung gezeichnet und über längere Zeit hinweg Szene für Szene konstruiert. Erreichen wollte ich dabei auch eine gewisse „Künstlichkeit“, wie in einem Musikstück, deshalb auch Jägers „Refrain“. Überhaupt lasse ich mich gerne von Musik inspirieren. Am liebsten hätte ich noch eine Gebrauchsanweisung für den Leser vorweg gestellt: „Bitte wie ein Mann lesen! Also langsam, mit etwas schleppender Stimme und viel Atempausen.“ Ich glaube anders kann Jäger gar nicht richtig wirken.Man kann „Jägers Fall“ auch als eine Art Fortsetzung von „Der Killer und die Hure“ lesen. Obwohl ich finde, dass die beiden Bücher fast zu unterschiedlich sind. Darüber hinaus hatte ich bei beiden Büchern das Ziel, Leseerwartungen zu enttäuschen. Also den Helden scheitern zu lassen und den Kommissar mit dem Serienkiller zu verschmelzen. Müsste ich mir eine gemeinsame Überschrift, über alles was ich bisher geschrieben habe und alles was noch geplant ist suchen, würde ich sicher Männerwelten wählen.
NOIR-FRAGEN:
Name?
George T. Basier (was natürlich schon gelogen ist, keine Sau heißt wirklich so)
Berufungen neben dem Schreiben?
Familie, Wandern, Filme, Lesen, möglichst oft das Leben genießen (und das kann vieles heißen, von dem Glas Rotwein bis zum Sprung aus einem fliegenden Flugzeug).
Film in Deinem Geburtsjahr?
Ein Fressen für die Geier (Ein Film, den ich immer wieder gerne sehe).
Was steht im Bücherschrank?
Gustav Hasford (Eine Ausgabe von „Höllenfeuer“ mit Charlie Sheen und Tom Berenger auf dem Cover! Das meint man wohl mit Ignoranz!), Cormac McCarthy, Andrew Vachss, Jim Thompson, James Lee Burke, Robert B. Parker, Joe R. Lansdale, James Sallis, Daniel Woodrell, Andy McNab… und viele Fachbücher zu diversen Themen (von Konfliktforschung über Reisebeschreibungen bis hin zu Mathematik)
Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Ich glaube, so etwas hatte ich nie.
Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Das Harter-Mann-Schöne-Frau-Ding.
Ein paar Film noir-Favoriten?
Sin City – ihr könnt mich schlagen, aber gibt es etwas Plakativeres, etwas, wo der Kontrastregler weiter aufgedreht wurde?
Und abgesehen von Noirs?
Brazil, Naked Lunch, Harold and Maude, Barton Fink, Buffalo 66, Secretary, Fight Club, Dark Star, Tremors, Falling Down, Alien, Heat, Blade Runner, Die Brücken am Fluss, Hinter dem Horizont…das ist fast grenzenlos, ichglaube, es gibt für jede Stimmung einen Film, der mir gefällt.
Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Ein paar meiner Figuren zum Beispiel. Alleine dafür, dass sie in meinem Kopf herum geistern.
Internet?
Was mich gerade interessiert.
Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Das Omega-Männchen, das plötzlich durchdreht und alles kurz und klein haut.
2. Und der Spitzname dazu?
Butschi.
3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Frank Miller (vielleicht in Koproduktion mit Andy McNab).
4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World
Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
„Meinst du mich? Redest du mit mir?” Natürlich in Anlehnung an Taxi Driver.
5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Postkartographie in brillanten Farben. So brillant, dass jede Hautunreinheit auf meiner fettigen Stirn sichtbar wird.
6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Rummelsnuff.
7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Die freundliche Kassiererin von Aldi, die mich fast an das Gute imMenschen glauben lässt, mich dann aber verarscht.
8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
Geplant wäre ein Lada Niva, aber wahrscheinlich würde es ein uralter Fiat 500 werden, mit etwas Pech sogar in Lila, ich kenn mich doch!
9. Und mit welcher Bewaffnung?
Alles was in die klapperige Karre rein geht: HK MP7, HK416, FN Minimi, Glock 19.
10. Buch für den Knast?
Die Nackten und die Toten, damit ich weiß, wie gut es mir geht.
11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Ich fürchte: „Er hatte Schuhgröße 42!“:
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ARCHÄOLOGIE I:
Wenn man an britische Kriminalliteratur denkt, meint man meistens die klassischen Detektivgeschichten. Übermächtig überschatten Sherlock Holmes, Agatha Christie oder Dorothy L.Sayers dieses Genre und verstellen den Blick auf unabhängige Strömungen, die als Subgenre mit diesen Klassikern nichts oder nicht viel zu tun haben. Trotz verschiedener “Revolutionen”im Genre , von Francis Iles Transformation der inverted story bis hin zum Psychothriller der angry young men Anfang der 50er Jahre, wird die britische Kriminalliteratur entweder mit klassischen Detektivromanen oder bestenfalls noch Spionageromanen gleichgesetzt. Diese Betrachtungsweise war immer schon verkürzt und ist heute besonders unzutreffend: Um 1990 begannen neue britische Autoren die kriminalliterarische Landschaft ihrer Heimat zu verändern. Der Schock, den Derek Raymond in den 80er Jahren der britischen Kriminalliteratur verpasst hatte, zeigte Wirkung und rüttelte das Genre aus der Lethargie – eine zweifellos kommerziell erfolgreiche Lethargie, wie die Auflagen von P.D.James, Martha Grimes, Ruth Rendell, Minette Walters, Len Deighton oder John LeCarré zeigten. Aber die neuen Autoren wollten jenseits von klassischen Detektivromanen, Psychothrillern oder Polit-Thrillern die Mean Streets Britanniens wiederentdecken. ![n72900[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2010/05/n729001.jpg?w=420)
Derek Raymond hatte mit seiner Factory-Serie an eine Tradition erinnert, die trotz gelegentlicher Einzelleistungen keine Bedeutung zu haben schien: an die höchst eigenwillige britische Noir-Tradition, die zwar einige Meisterwerke hervorgebracht hatte, aber nie so stilprägende Autoren wie die amerikanischen Vettern mit Dashiell Hammett, James M.Cain, Raymond Chandler, Mickey Spillane, Jim Thompson, David Goodis oder Ross Macdonald. Der britische Noir-Roman, wenn nicht einfach nur kommerzieller Epigone der Amerikaner, war ein im Schatten blühendes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gepflegt wurde und von wenigen Lesern, die sich damit als wahre Afficionados erwiesen, in eine Tradition eingeordnet wurde. Selbst der große Kriminalliteraturtheoretiker Julian Symons hat in seinem verdienstvollen Standardwerk BLOODY MURDER diesen Teil der britischen Kriminalliteratur unterschlagen oder einzelne Autoren nur isoliert betrachtet. Folgerichtig waren es weniger die eigenen Traditionen, die die Fresh-Blood-Autoren Ende der 80er Jahre inspirierten. Es waren die zeitgenössischen Amerikaner wie Elmore Leonard, Carl Hiaasen, Charles Willeford, James Crumley oder James Ellroy, die den Wunsch auslösten, eine ähnliche Literatur zu produzieren.
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Thomas Griffith Torn III. wurde am 26. August 1937 in Brooklyn, New York, als Sohn von Edwin Torn und Selma Torn geboren. Der Vater war Journalist, die Mutter versuchte sich als Malerin. Ihre Bilder befinden sich heute im Marvin Dobb Museum in Brooklyn.
Torn fing bereits im frühen Alter an zu schreiben. Seine ersten Arbeiten reichte er bei diversen Magazinen ein. Nach Ablehnung der Arbeiten versuchte er sich als Journalist.

Er ließ sich von seinem Vater finanziell unterstützen und arbeitete an seinem ersten Roman „Calling Wilde“ (dt. “Jenseitsmusik”). Er brach die Arbeiten an dem Roman immer wieder ab. Der Erfolg für ihn kam 1970 mit der Veröffentlichung von „Jenseitsmusik“. Der Roman wurde in Auszügen im „New Yorker“ vorab gedruckt.
Zu Torn: http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Torn
Berufungen neben dem Schreiben?
Trinken
Film in Deinem Geburtsjahr?
Dead End
Was steht im Bücherschrank?
Zu viel, was ich endlich in den Mülleimer befördern müsste. Übrig blieben dann noch Jim Thompson, Ed Harlan, Hammett, Chandler, Spillane, Woolrich, einige Sachen von Hemingway
Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Armitage Trails „Scarface“
Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Der ständig abgebrannte Privatdetektiv. Erinnert mich an mein Leben.
Ein paar Film noir-Favoriten?
Der kleine Cäsar, The Public Enemy, Scarface
Und abgesehen von Noirs?
Scheiße! Da gibt es nichts.
Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Ich kann Cops nicht ausstehen. Und dann noch diese verfluchten Blondinen, die den Helden ständig in die Scheiße reiten wollen. Es gibt eine Menge Bastarde, die es verdient hätten. Schätze, das würde ein verfluchtes Massaker werden.
Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Ich wäre der Bogart-Typ. Ständig abgebrannt. Eine Kippe im Maul. Einen Drink in der Hand.
2. Und der Spitzname dazu?
Ein solcher Typ hat keinen Spitznamen. Und wenn du ihm doch einen verpasst, dann hast du ein echtes Problem.
3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Dashiell Hammett
4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?
„Hast du dich schon mal im Spiegel angesehen? Wenn ich deine Fresse mit meinem Totschläger aufbereitet habe, wirst du deutlich mehr Chancen bei den Frauen haben.“
5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Schwarzweiß!
6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Adolph Deutsch
7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Barbara Stanwyck
8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
In einem gestohlenen Polizeiwagen.
9. Und mit welcher Bewaffnung?
Thompson-Maschinengewehr
10. Buch für den Knast?
Verflucht. Was will ich da mit einem Buch? Ich nehme alles von Woolrich und Spillane mit
11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Ihr könnt mich alle mal …
Einsortiert unter: Bücher, Crime Fiction, Fragebogen, Jim Thompson, Krimis, Noir, Porträt | Schlagwörter: Fragebogen, Guido Rohm, Jim Thompson, Noir
Guido Rohm wurde 1970 in Fulda geboren, wo er heute auch lebt und arbeitet.
Er schreibt u.a. Buchrezensionen für verschiedene Onlinemagazine. Dabei
entdeckte er auch den amerikanischen Kultautor Tom Torn für den
deutschsprachigen Raum. Nach der Kurzgeschichtensammlung »Keine Spuren« legt
er mit »Blut ist ein Fluss« seinen ersten Roman vor.
Berufungen neben dem Schreiben?
Eine Frau namens Annette
Meine Kinder
Auf dem Sofa mit geschlossenen Augen liegen und „innere“ Filme ablaufen lassen
Fluchen
Hände waschen (Sind inzwischen völlig ausgetrocknet)
Film in Deinem Geburtsjahr?
FIVE EASY PEACES (Ein Mann sucht sich selbst) von Bob Rafelson
Was steht im Bücherschrank?
Tom Torn, Jim Thompson, Ed Harlan, Ken Bruen, Daniel Woodrell, Cormack McCarthy, George P. Pelecanos …
Und dann noch viele andere Bücher, die mich meistens langweilen. Nur die Noir-Romane, die bleiben im Kopf und im Herz stecken. Das haben gut gezielte Geschosse so an sich.
Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Charles Laughtons „Die Nacht des Jägers“
Jim Thompsons „After Dark, My Sweet“
Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Der trunksüchtige Held.
Ein paar Film noir-Favoriten?
Get Carter, Point Blank, Night of the hunter, No country for old man, There will be blood (Ein echter Western noir)
Und abgesehen von Noirs?
Filme von Gaspar Noe, Haneke, Peckinpah, Lars von Trier („Antichrist“ ist großartig), Luis Bunuel, Orson Welles.
Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Den echten und den fiktiven Adolf Hitler.
Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Ein saufender Autor namens James Tippie, der seit Jahren kein Manuskript mehr untergebracht hat.
2. Und der Spitzname dazu?
Tippie
3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Ken Bruen und ich
4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?
„Ich habe mir echtes Blut immer ganz anders vorgestellt.“
James Tippie zu seiner Nachbarin Laura, die er gerade erst mit seiner Schreibmaschine erschlagen hat
5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Natürlich Schwarzweiß!
6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Tom Waits
7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Ihren Namen darf ich nicht schreiben. Aber ich liege jeden Abend neben ihr im Bett.
8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
In einem Mustang aus dem Jahr 1971
9. Und mit welcher Bewaffnung?
Eine Glock
10. Buch für den Knast?
Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“
11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Komme gleich wieder!
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Als James Myers Thompson am 7. April 1977 in Los Angeles starb, war er ein vergessener Schriftsteller, und kein Buch von ihm war noch lieferbar. Wenige Jahre zuvor hatte er in Second- Hand-Läden alte Ausgaben seiner Romane aufgekauft und versucht, die Filmrechte an seinem G e s a m t w e r k für 500 Dollar an Hollywood zu verkaufen. Zum Glück seiner Erben griff keiner dieser instinktlosen Glamourpiraten zu, und heute müssen die Produzenten tief in die Tasche greifen, wenn sie ein Thompsonrecht erwerben wollen. An seiner Beerdigung in Westwood nahmen nur wenige Menschen teil; lediglich vier Trauergäste gehörten nicht der Familie an, darunter Thompsons langjähriger Lektor und Freund Arnold Hano: “Ich fühlte mich schlecht, es waren nur wenige Leute da. Es kam mir vor, als wäre ich in einer Jim Thompson-Geschichte.”
Jim Thompson wurde am 27.September 1906 im Gefängnis des Caddo County in Anadarko im Oklahoma Territory (das erst ein Jahr später als Bundesstaat anerkannt wurde) geboren. Thompsons Vater war dort Sheriff, nachdem er zuvor als Ölmann eine Million Dollar gemacht und verloren hatte. Jim war ein echter Junge vom Land und lernte als Kind die Ölfelder von Oklahoma und Texas und die Prärien von Nebraska kennen. Landschaften, die in seinen späteren Romanen immer wieder eindrucksvoll verarbeitet wurden. Sein Verhältnis zu seinem Vater, der ein glückloser Rumtreiber war, blieb zeit seines Lebens problematisch. Nie schien er dessen Anerkennung erringen zu können, und bis zu seinem eigenen Tod fühlte er sich als Versager. Jim begann mit vierzehn Jahren zu schreiben und veröffentlichte seine erste Story mit fünfzehn. Daneben beendete er die Schule und hatte verschiedene Jobs als Hotelboy (davon erzählt er in dem grandiosen autobiographischen Roman BAD BOY, 1953) und Golfcaddy. An der Universität von Nebraska, wo er Journalismus studierte, lernte er 1931 Alberta Hesse kennen, die er 1932 heiratete. Zu diesem Zeitpunkt war Alberta mit dem ersten Kind schwanger, zwei weitere sollten folgen. Die Ehe hielt bis zu seinem Tod, 46 Jahre. Nach der Geburt seiner Tochter Patricia gab Jim das Studium auf, um Geld für seine Familie zu verdienen. Das war in den Jahren der Depression nicht so leicht, und Jim hatte zahlreiche, obskure Jobs und brachte die Familie kärglich als kleiner Geschäftemacher oder Ölfeldarbeiter durch. Geldsorgen sollten ihn bis an sein Lebensende begleiten. Mitte der 30er Jahre war er für drei Jahre Direktor des “Writer’s Project” in Oklahoma City, ein Projekt des New Deals von Roosevelt für arbeitslose Schriftsteller und einer von Jims besseren Jobs. In dieser Zeit fasste er wohl den endgültigen Entschluss, sich künftig als Autor durchs Leben zu schlagen.
1942 erschien sein erster Roman, NOW AND ON EARTH. Bis 1949 folgten zwei weitere, wobei der letzte, NOTHING MORE THAN MURDER, 1949, bereits Thompsons Markenzeichen einführt: den psychopathischen Ich-Erzähler. Der große Erfolg als Autor blieb jedoch aus und Jim wurde in den vierziger Jahre zunehmend zum Alkoholiker. Anfang der 50er Jahre hatte er mehrere Jobs bei Zeitungen und schrieb regelmäßig über wahre Kriminalfälle für die “True Crime”-Magazine. Kurze Zeit hielt er sich sogar als Managing Editor für eines dieser billigen Magazine, bevor ihm sein Alkoholismus einen weiteren Rausschmiss bescherte. 1952 schien Jim am Ende zu sein, ein hoffnungsloser Säufer, der keinen Job mehr vernünftig auf die Reihe brachte. Das muss ihm in einem seiner seltenen klaren Momente bewusst geworden sein. Jedenfalls stoppte er das Trinken, nüchterte aus und beriet sich mit seiner Agentin Ingrid Hallen. Die schleppte den noch zittrigen Thompson kurz entschlossen in die Büros von Jim Bryans und Arnold Hano, den Lektoren des neuen Taschenbuchverlags Linon Boocks. Anfang der 50er Jahre schossen die Taschenbuchverlage nur so aus dem Boden. Mit billigen Nachdrucken von Bestsellern und immer mehr spannenden Originalromanen, meist Western, Liebesromane oder Thriller, verdrängten sie die Magazine (Pulps) in der Gunst des Publikums und bedienten einen schier unersättlichen Markt. Hano mochte den schüchternen Mann sofort. Er legte ihm ein paar äußerst grobe und klischeehafte Konzepte für Romane vor, die er für den Verlag geschrieben haben wollte. Jim wählte zwei davon aus. Aus dem zweiten wurde CROPPER’S CABIN, Thompsons optimistischster und Erskine Caldwel ähnlicher Roman (das für Thompson überhaupt nicht typische Schlusskapitel beruhte auf einer Anordnung des Verlages, der das ursprüngliche, pessimistische Ende nicht akzeptierte). Das andere Konzept trug den Titel SLEEP WITH THE DEVIL und handelte von einem Großstadtpolizisten, der sich in eine Prostituierte verliebt und sie dann umbringt. Daraus sollte Jims erstes Buch für Lion werden, der unsterbliche schwarze Klassiker THE KILLER INSIDE ME, für viele Jims bestes Buch. Mit Hanos Konzept hat der Roman nicht mehr viel zu tun. Thompson schrieb THE KILLER INSIDE ME in zwei Wochen und bekam 2000 Dollar für den Roman. Hano war so sehr von dem Buch beeindruckt, dass er es als Kandidaten für den National Book Award einreichte. Und niemand, der die Geschichte von Sheriff Lou Ford gelesen hat, wird diesen düsteren Roman je vergessen können.
Ohne jeden Zweifel gehört es zu den zehn wichtigsten und einflussreichsten Werken der nordamerikanischen Kriminalliteratur. Erstmals wurden in diesem Buch Elemente der hard-boiled-novel konsequent und geradezu diabolisch mit der Psychoanalyse verbunden. Dass die Erzählung vom psychopathischen Täter selbst vorgetragen wird, ist heute natürlich nichts ungewöhnliches mehr, war aber 1952 ein innovatives Wagnis. Bedenkt man, dass der Killer ein Polizist ist und das Buch zur Zeit der Terrorherrschaft des Senator McCarthy erschien, muss man es auch als ein mutiges Buch anerkennen. Genreimanent stellte es zusätzlich den gerade seinen Siegeszug in der Publikumsgunst beginnenden Polizeiroman auf den Kopf. Marcel Duhamel, Herausgeber von Gallimards Serie Noire, die als erste für Thompsons Anerkennung als brillanter Schriftsteller sorgte, erinnerte Thompson an Henry Miller, Erskine Caldwell und Céline. Er sagte über ihn: “Thompsons Werk unterscheidet sich grundlegend von mittelmäßiger Kriminalliteratur; er besitzt einen völlig eigenen Stil und eine höchst individuelle Weltsicht.” Und Thompson selbst:”Alle Schriftsteller, angefangen bei Cervantes, haben nur ein Thema: Die Dinge sind nicht so, wie zu sein scheinen.” Das trifft seine Romanwelt ziemlich genau: Lou Ford scheint ein netter, menschenfreundlicher Deputy Sheriff zu sein und ist doch in Wirklichkeit ein psychopathischer Killer. Auch staatliche Institutionen und demokratische Kontrollinstanzen zeigen sich hinter den Kulissen nicht als das, was sie nach außen vorgeben zu sein. Thompson zeigt in jedem seiner Romane ein rabenschwarzes Bild der nordamerikanischen Gesellschaft. Er zeigt, wie sehr Gewalttätigkeit, Machtstreben und Korruption mit der kapitalistischen Gesellschaft verbunden sind. Sein Markenzeichen, der paranoide Schizophrene, ist nichts anderes als die perverse Konsequenz aus dem Verfassungsgrundsatz, dass jeder “Amerikaner das Recht hat, nach seinem Glück zu Streben”.
Für Thompson, der kurze Zeit in der Kommunistischen Partei war, Marx gelesen hatte und von Naturalisten wie Zola, William Cunningham und Frank Norris beeinflusst war, gab es nie einen Zweifel daran, dass das System naturbedingt Millionäre genauso hervorbrachte, wie es psychisch kranke Killer zeugte. In Thompsons Welt können die Dämonen des Schicksals nicht bezwungen werden. Die Kreatur – und seine Menschen sind allesamt armselige Kreaturen – ist ohnmächtig diesem Walten und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen ausgeliefert. Bestenfalls können sie sich durch äußerste Brutalität für einige Zeit einen Freiraum erkämpfen.
Jims Tage als Hardcoverautor waren gezählt. Für den Rest seines Lebens schrieb er direkt für die grellen, reißerischen Taschenbuchreihen. Sicherlich auch ein Grund, weshalb die amerikanische Literaturkritik seinen Stellenwert als Literat erst lange nach den Europäern entdeckte. Ein Schicksal, dass er allerdings mit vielen anderen Autoren teilte, nicht zuletzt mit David Goodis, John D.MacDonald, Charles Williams oder Cornell Woolrich. Bis 1954 entstanden elf weitere Bücher für Lion-Books, dann verließ Hano den Verlag, nachdem man beschlossen hatte, künftig keine Originalromane mehr zu veröffentlichen. Jim war so geschockt, dass er wieder zu trinken begann. Er schlug sich mit Zeitungsjobs durch und veröffentlichte nebenher weiter Romane bei billigen Taschenbuchverlagen.
Sein Lektor Arnold Hanno erinnerte sich, wie es zu dem Roman THE ALCOHOLICS kam: “Jim sagte, er wolle ein Buch über Alkoholismus schreiben. Er argumentierte: es gibt 4o Millionen Alkoholiker und ich werde 40 Millionen Bücher verkaufen.” Thompson übersah wohl, dass die meisten dieses Ordens ihre Zeit nicht mit Lesen verplempern.
Ein Hoffnungsschimmer erschien am Horizont, als der junge Regisseur und Thompson-Fan Stanley Kubrick sich an ihn heranmachte. Durch ihn erhielt er ein paar Drehbuchaufträge und war für kurze Zeit im Hollywood-Geschäft. Aber die beiden Männer waren zu verschieden, sie verstanden einander nicht wirklich und schließlich endete die Freundschaft mit einem Prozess. Thompsons weiteres Leben bestand aus Enttäuschungen, kurzen euphorischen Phasen, furchtbaren Alkoholexzessen und schließlich tiefster Niedergeschlagenheit. 1975 tauchte er in einer kleinen Nebenrolle, als Richter Grayle, in Dick Richards Chandler-Verfilmung FAREWELL MY LOVELY auf. Dabei sah er Robert Mitchum wieder, den er 1948 während eines Jobs als Reporter interviewt hatte als dieser wegen des Rauchens von Marihuana eine kurze Gefängnisstrafe verbüßen musste. Auch sein gigantischer Erfolg in Frankreich, wo man ihn neben Hammett und Chandler als einen der wichtigsten Autoren des 20.Jahrhunderts verehrte, gab dem Gebrochenen keine Kraft mehr.
Als Jim starb, war er am Ende seines Weges angelangt und blickte auf ein Leben zurück, das kaum weniger schrecklich war, als das seiner Romanhelden. Sein Leben war eine gruselige Soap Opera ohne Quoten und seine Bücher die letzten Haltestellen auf dem Weg in die Hölle. Thompson war von ihrer literarischen Qualität immer überzeugt. Heute ist es auch die restliche Welt und jeder, der kein kompletter Ignorant ist, weiß bei der Lektüre von THE KILLER INSIDE ME, das er einen der großen Romane des 20. Jahrhunderts liest. Er selbst hatte seiner Frau gesagt, in zwanzig Jahren, also nach seinem voraussehbaren Tod, würden sie Bedeutung haben. Speziell in wirtschaftlicher Hinsicht – wie die vielen Verfilmungen und Neuauflagen belegen.


