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Experten wie der österreichische Autor und Verleger Josef Preyer erkannten schon als junge Leser die höhere Qualität von Guenters Texten im Vergleich zu denen anderer „Kommissar X“-Autoren. Guenter war so etwas wie der Star-Schreiber des Pabel-Verlags, ohne daß sein Name auf dem Titel genannt wurde.
Aber das sollte sich bald ändern: 1963 begann er über einen neue Figur nachzudenken.
![junge[1] junge[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/10/junge1.jpg?w=240&h=380)
„Nachdem ich die Figur entwickelt hatte, habe ich mir Zeit gelassen. Denn ich wollte „Mister Dynamit“ nicht in die Hände des Verlegers geben. Hätte ich seinerzeit gesagt, ich schreibe euch monatlich einen Roman, dann wäre die Antwort gewesen: O. K., Sie schreiben, alle Rechte bei uns. Das stand für mich nicht zur Debatte.“
Genau das hatte Guenter mit „Kommissar X“ erleben müssen. Es war damals allgemein üblich, daß die alleinigen Rechte an einem Serienhelden bei den Heftverlagen blieben. Das mußte auch der angebliche „Jerry Cotton“-Erfinder Werner Höber schmerzhaft erfahren. Er ging vor Gericht, um seine Urheberrechte gegen den Bastei-Verlag durchzusetzen – und verlor. Für die Verlage war diese Regelung auch deshalb vorteilhaft, weil sie verschiedene Autoren für dieselbe Serie einsetzen konnten.
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„Als dann der Verleger kam und monatlich einen Roman wollte, war das natürlich ein Erfolg. Ich konnte fordern. Heute habe ich als einer der wenigen Autoren die kompletten Weltrechte an meinen Romanen. Und „Dynamit“ wird immerhin in die USA, Frankreich, Brasilien, Italien und und und übersetzt.![us1v[1] us1v[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/10/us1v1.jpg?w=240&h=380)
Der Verlag hat versucht, ein Modell zu finden, daß ich gewisse Teile meines Vertrages in Form von Generallizenzen abgebe; um Vater Guenter zu entlasten. Doch ein passender Co-Autor ist nicht aufzustellen. Er muß ja ein guter Autor sein, der Ideen produzieren kann, der Phantasie hat, technisches Allgemeinwissen. Solche Leute lassen sich für Mister Dynamit nicht einspannen.“
Um Monat für Monat einen neuen Roman abzuliefern, bedarf es Disziplin. Für einen Profi wie Guenter war das kein Problem. Mit der Zeit wurde ein Ritual daraus:
„An den Entwurfstagen, wenn ich in Stimmung bin für die Geschichte und das jeweilige Land, setze ich mich hin. Da habe ich den Titel, da habe ich ungefähr den Aufhänger, mehr brauche ich nicht. Dann wird Kapitel für Kapitel entworfen, jedes Kapitel maximal vier Zeilen. Der ganze Romanentwurf muß auf ein Blatt passen, eng beschrieben. Das schreibe ich prinzipiell dreimal, an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Dann steht die Geschichte. Anschließend setze ich mich morgens hin, nicht vor halb zehn, und schreibe 15 bis 20 Druckseiten. Das sollte nach Möglichkeit – der Nachmittag schadet der Literatur, gleich welches Niveau sie hat – bis halb eins erledigt sein.
Der Roman muß in einem Zug durchgeschrieben werden, das dauert etwa zehn bis zwölf Tage. In diesen Tagen erlaube ich mir keine Exzesse. Es kommt noch Roh- und Reinschrift. Die wird noch mal endgültig überlesen und fertig, der Roman landet versandfertig in meinem Tresor. Das habe ich bei meinem ersten Dynamit so gemacht, das mache ich auch beim letzten so.“
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Mehr als 30 Jahre folgte er diesem Schema und wurde einer der wenigen wohlhabenden deutschen Schriftsteller. Er lebte gutbürgerlich mit seiner Frau und zwei Töchtern in München – doch er konnte aufgrund der deutschen Besonderheiten im Verlagsgeschäft nicht so am Erfolg partizipieren wie etwa angelsächsische Bestseller-Autoren.
„Ich schreibe für ein Festhonorar, dem eine gesunde Mischkalkulation zu Grunde liegt. Die Rechnung mit den Prozenten, bei der am Ende 75.000 Mark pro Roman herauskommen, geht daher nicht auf.“
Nachdem „Mister Dynamit“ 1992 eingestellt wurde, schrieb Guenter für den Ullstein-Verlag Seekriegsromane. Ab 1999 veröffentlichte der Oerindur-Verlag einige „Kommissar X“- Klassiker und unveröffentlichte „Mister Dynamit“-Romane in schön gestalteten Sammlerausgaben. Diese Ausgaben sollen künftig im Blitz-Verlag fortgeführt werden.
Karl Heinz Guenter starb am 5.Juni 2005.
Aber „Mister Dynamit“ lebt! Die Fans durchforsten Antiquariate und Internet nach fehlenden Romanen. Dank der Arbeit von Josef Preyer, der in den Neuauflagen der Klassiker genau recherchierte Check-Listen der Romane veröffentlichte, ist Guenter wieder in und wird besonders von einem intellektuellen Publikum entdeckt, das früher nur die Nase gerümpft hätte. ![nd103[1] nd103[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/10/nd1031.jpg?w=240&h=380)
So schrieb etwa Peter Hiess, der Vorzeigeintellektuelle des großartigen Internet-Magazins EVOLVER, in einer Würdigung als Dr. Trash:
„Persönlich durfte der Doc den großen deutschen Schriftsteller, der „Kommissar X“ und „Mister Dynamit“ erfand, leider nie kennenlernen, obwohl er ihm einige der schönsten Stunden seiner Jugendzeit verdankt. Sparen Sie sich die hämischen Bemerkungen! Das war DAMALS, als man die Pubertätsjahre noch nicht mit Techno und Tattoos vergeudete, sondern mit wertvoller Lektüre aus der Romantauschzentrale …
1963 trat dann ein neuer Held auf den Plan: Urban, Bob Urban. Seine Gegner fürchteten den Agenten des deutschen Nachrichtendienstes BND als „Mr. Dynamit“, seine Fans horteten die monatlich erscheinenden Abenteuer der gelungenen James-Bond-Lokalausgabe im Taschenbuchregal. Und Guenter jagte 15 bis 20 Druckseiten pro Tag aus seiner Schreibmaschine – 300 Bände lang.
Für den Anhang des neuaufgelegten „Kommissar X“-Bands „Der Mann aus dem Nichts“ verfaßte Guenter übrigens eine „ultimative Schreibschule“. Darin heißt es: „Beim Schreiben ist es wie beim Telefonieren: Fasse dich so kurz, wie es geht. Mein erster Verleger hat mir pro Roman nur einen einzigen guten Satz erlaubt. Schreibst du den guten, so an die zehn Meter langen Satz, mußt du zusehen, daß du grammatikalisch elegant aus ihm herauskommst. Und nicht vergessen: dein Leser auch.“
Aus diesen Worten spricht der Profi, der ungeniert kommerzielle Autor, der jahrzehntelang A. für die Leser und B. für Geld arbeitete, ohne sich bei Podiumsdiskussionen als Künstler aufzuspielen. Und der genau deswegen so gut war. C. H. Guenter wird – und sollte – uns fehlen. Der Doc trinkt jedenfalls einen großen Schluck Whisky auf ihn.“
ENDE
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Für die Serie „Rothaut“ schrieb er die Hefte „In die Falle gelockt“ und „Am Marterpfahl“, aber auch auch utopische Romane. Unter dem Pseudonym Joe Amsterdam folgten Abenteuerromane wie „Kein Weg aus Shanghai“, und schließlich schrieb er auch Romane für die Reihe „Der Landser“ – unter seinem eigentlichen Namen Karl-Heinz Günther: „Die Wölfe von Antwerpen“, „Aktion Wetterfrosch“, „Flammen über Venedig“ …
Doch seine große Stunde sollte bald kommen. In Bergisch Gladbach hatte der ehemalige Leutnant Gustav H. Lübbe seinen Bastei-Verlag gegründet, der sich ebenfalls auf Heftromane konzentrierte. Heute ist er auch ein angesehener Buchverlag mit Bestsellerautoren wie Dan Brown oder Ken Follett. Dabei sollte man nicht vergessen, daß diese Programmerweiterung einem FBI-Agenten zu verdanken ist, der seit 1956 ununterbrochen Woche für Woche seine Fälle im Heftroman ausbreitet: „Jerry Cotton“. Cotton war die Gans, die Bastei jahrzehntelang die goldenen Eier legte. 1956 gestartet und heute immer noch in mehreren Heften und Taschenbüchern am Kiosk, ist er zum Synonym für den Heftkrimi schlechthin geworden. Sein Erfolg kam schnell und hielt an. Ende der 50er Jahre ließ er die Konkurrenz aufhorchen: Wie heute im Fernsehen üblich, wurde jedes erfolgreiche Konzept umgehend von den Konkurrenten kopiert.
Der damalige Verlagsleiter des Pabel-Verlags beauftragte Guenter, eine Krimiserie zu entwickeln, die Cotton Paroli bieten könne. Guenter wollte keinesfalls einen weiteren FBI-Agenten als Protagonisten. Das wäre als Kopie – es gab bereits einige Agenten, die heute längst vergessen sind – zu offensichtlich gewesen, und man hätte das Original wohl kaum übertreffen können. Außerdem war Guenter ein Mann mit Ehrgeiz und Phantasie, der sich nicht mit plumpen Plagiaten abgeben wollte. Er entwickelte daher den New Yorker Privatdetektiv Jo Walker, genannt „Kommissar X“, der mit seinem Freund, Polizei-Captain Tom Rowland, das Verbrechen bekämpfte. Eine zusätzlichen Reiz bot die Serie durch exotische und internationale Schauplätze. Während Jerry Cotton bis auf wenige Ausnahmen nur in den USA agieren durfte, tummelte sich Kommissar X in der ganzen Welt. Guenter schickte ihn, wie später den noch polyglotteren Mister Dynamit, rund um den Planeten, nach Hongkong, Monte Carlo oder Thailand. Bereits damals ließ er viel Lokalkolorit in die Geschichten einfließen. ![kx1[2] kx1[2]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/10/kx12.jpg?w=180&h=248)
Heft 73, „Drei gelbe Katzen“, das Kommissar X nach Siam (heute Myanmar) führte, gilt als Klassiker des Abenteuerkrimis. Die Serie wurde 1959 ohne Werbemaßnahmen eingeführt und erreichte schnell eine wöchentliche Auflage von 40.000 Exemplaren. Bald folgten Abenteuer im Taschenbuch und wie bei Cotton eine Filmserie, die es zwischen 1965 und 1971 immerhin auf sieben Kinofilme brachte.
Bis 1964 schrieb Guenter unter dem Verlagspseudonym Bert F. Island 58 Heftromane und 51 Taschenbücher. „Kommissar X“ brachte es auf 1740 Heftromane, bevor er 1992 eingestellt wurde. Damals begann die Krise des Heftromans. Während man in den 60er Jahren Serien einstellte, die weniger als 20.000 Exemplare verkauften, kann man heute von solchen Absatzzahlen nur träumen.
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Karl-Heinz Günther wurde 1924 in Nürnberg geboren. Mütterlicherseits stammte er aus Frankreich. In Nürnberg ging er zur Schule und machte das Abitur.
Bis zur mittleren Stufe meiner schulischen Ausbildung war ich nicht imstande, auch nur einen vernünftigen Aufsatz zu schreiben.
1942 wurde er zur Marine eingezogen, ein Jahr darauf nahm er als Seeoffizier an den Kampfhandlungen teil, unter anderem auch an U-Boot-Einsätzen. Diese Erfahrungen sollten später in seine Seekriegsromane für den Ullstein-Verlag einfließen. Nach dem Krieg wollte der begeisterte Jazz-Fan eigentlich Musik studieren. Aber es kam anders: Er lernte Lotte kennen, heiratete früh und mußte sieben Jahre das Geschäft seines Schwiegervaters führen. Nebenbei schrieb er Schlagertexte und erste Erzählungen.
Etwa zur selben Zeit hatte Erich Pabel seinen Verlag neu gegründet, den alten hatte er in der sowjetischen Zone zurücklassen müssen. Anfangs trug der alte Pabel seine Produkte im Rucksack durchs Land und verkaufte direkt an Kioske und Endverbraucher – ganz in der Tradition der Kolportage des 19. Jahrhunderts, in der auch seine Produkte standen. Aus Kostengründen produzierte er billige Groschenhefte. Nachdem erstmal ein Vertrieb aufgebaut worden war, wurde Pabel zu einem Big Player in diesem Geschäft.![guenter2[1] guenter2[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/09/guenter21.jpg?w=180&h=220)
Die 50er und 60er Jahre waren das goldene Zeitalter des Heftromans, auch abwertend Groschenheft genannt. Es war ein gewohnter Anblick, in Heftchen vertiefte Arbeiter in Bussen oder Straßenbahnen auf dem Weg zur Schicht zu sehen. Lesen war Volkssport, Hefte konnte sich jeder leisten und sie auch verstehen. Gleich nach dem Krieg wurde das Medium wiederbelebt, das mit Serien wie „Buffalo Bill“, „Nick Carter“, „Lord Lister“, „Percy Stuart“, „Billy Jenkins“, „John Kling“ oder „Rolf Torring“ von der Kaiserzeit bis ins Dritte Reich zur deutschen Popkultur gehörte und ungeheuer beliebt war.
Viele kleine und größere Verlage tummelten sich an den Kiosken und konkurrierten erbittert mit Serien aus allen Genres um die Gunst der Käufer. Es gab alles: Liebesromane, Piratengeschichten, Western, Science Fiction – und natürlich Krimis. In dieser Branche waren nicht die Druckmaschinen für die Autoren da, sondern umgekehrt. In den 60er Jahren kam es zu einer Marktbereinigung, bei der natürlich nur die größten Verlage übrigblieben.
Heute gibt es nur noch den Hamburger Kelter-Verlag, Moewig-Pabel in Raststatt mit dem Dauerbrenner „Perry Rhodan“ und den Bergisch Gladbacher Bastei-Verlag. Der Heftroman ist ein sterbendes Medium, dessen ältere Leserschaft wegstirbt, ohne das ausreichend neue Leser hinzukommen.
Diesem Pabel-Verlag schickte Guenter seine Arbeiten. Immer auf der Suche nach Autoren, die professionell und schnell arbeiten, hatte Pabels Schwiegersohn, der den Verlag leitete, den richtigen Instinkt und verpflichtete den jungen Autor.
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1962 kam mit „Dr. No“ der erste Bond-Film in die Kinos und löste in der westlichen Welt das aus, was als „Bonditis“ in die Kulturgeschichte eingehen sollte. Parallel zur Beatlemania erreichte der 007-Kult mit „Goldfinger“ 1965 den Höhepunkt, und Sean Connery wurde wie ein Popstar gefeiert.
In Folge der Bond-Hysterie schossen Geheimagenten in großer Zahl in Film und Romanen wie Pilze aus dem Boden. Jeder wollte sich eine Scheibe vom Agenten-Kuchen abschneiden.
Auch in Deutschland wollte man von dieser Welle profitieren. Die Produzenten stürzten sich auf einheimische Groschenhefte und produzierten Serien über den FBI-Agenten Jerry Cotton und Guenters alte Erfindung Kommissar X.
Was lag also näher, als auch den deutschen James Bond zu verfilmen?
[Produzent Theo Werner und Regisseur Franz Josef Gottlieb schnappten sich die Rechte am ersten "Mister Dynamit"-Roman und drehten in Spanien den Film "Morgen küßt euch der Tod". Geplant war natürlich eine ganze Serie von Dynamit-Filmen. Als besonderen Trumpf verpflichtete man Lex Barker für die Hauptrolle. Der war dank der Karl-May-Verfilmungen damals auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Auch die Nebenrollen wurden prominent besetzt - mit Siegfried Rauch, Joachim Fuchsberger und dem unvermeidbaren Ralf Wolter. An Qualität und Aufwand konnte der Film natürlich nicht mit Bond mithalten. An der deutschen Kinokasse war er trotzdem recht erfolgreich, aber es sollte keine weiteren Filme mehr geben. Lex Barker mußte nämlich seine Gage einklagen und hatte verständlicherweise keine Lust mehr auf eine weitere Zusammenarbeit.
Der Film ist so mies, daß die Cotton-Verfilmungen dagegen wie großes internationales Action-Kino wirken. Er wurde in keiner Weise den Romanen gerecht, und man hatte die Chance verspielt, eine erfolgreiche deutsche Filmserie zu etablieren.
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Die „Mister Dynamit“-Geschichten spielen auf der ganzen Welt. Reisen war eine Leidenschaft des Autors. Mit seinem Porsche und seiner Frau Lotte fuhr er kreuz und quer durch Europa. Das kam natürlich auch den Romanen zugute, in die Guenter geschickt Lokalkolorit einbaute und den Lesern die große weite Welt vorführte. Auch vor dem Ostblock schreckte der geistige Vater des Sowjetschrecks Urban nicht zurück. Später beschrieb er eine Episode während einer Fahrt durch die Tschechoslowakei:
Weniger komisch war es auf der Fahrt nach Prag. Der Grenzer warnt uns: „Vorsicht. Die nehmen Sie wegen jeder kleinen Delle fest“
Prompt rast mir ein paar Kilometer weiter eine Krähe im Tiefflug gegen den Kotflügel. Kratzer, Blut und Federn. Natürlich hält uns in Prag die Polizei an.
„Vor einer Stunde ist ein Kind überfahren worden.“ Sie entdecken meinen Schaden und halten mich für überführt.
„Seit wann haben tschechische Kinder Federn?“ fragt Lotte.
Beleidigt durchsuchen sie das Auto und finden dummerweise einen Roman von mir. Titel „In Moskau ist es aus mit dir“. Jetzt halten sie uns für Terroristen. Aber sie haben auch eine Zeitung gefunden. Auf der Filmseite zwei Photos, das von mir und dem russischen Staatschef und Generalsekretär der KPDSU Josef Stalin, der in Wirklichkeit der Schauspieler Alexander Allerson ist.
„Sie kennen den?“
„Josi ist ein Freund von uns“, behauptet Lotte.
„Wo fahren Sie hin?“ Lotte verweist auf das Kennzeichen. Es hat M wie München. Sie verwechseln M mit Moskau.
„Angenehme Reise, gnädige Frau.“![523[1] 523[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/08/5231.jpg?w=240&h=380)
Wenn er nicht gerade durch die Welt reiste oder schrieb, bastelte Guenter gern an Oldtimern oder einem der zehn Porsches, die er in seinem Leben gefahren hat. Oder er las Sachbücher und Zeitschriften, immer auf der Suche nach Material für den monatlichen Roman.
In den 70er Jahren wurde die Unterhaltungsliteratur von der linken Ideologiekritik in Folge von Adorno gerne als Trivialliteratur diffamiert und als verdummend und systemstabilisierend enttarnt. Besonders der Agenten-Thriller galt als kriegslüstern, chauvinistisch und antisozialistisch.
Natürlich ist da was dran.
Guenter, geprägt von Krieg und Wiederaufbau, war ein Produkt seiner Zeit. Er war kein Sympathisant der Sowjets oder des Sozialismus. Aber er war auch Zyniker und Realist, der den Westen nicht glorifizierte und Schwachpunkte ansprach. Immer wieder beschrieb er, wie machtgeile Politiker den BND instrumentalisierten. Für Politiker hatte er generell nicht viel übrig:
„Wissen Sie, diese Politiker sind es nicht gewohnt, Verantwortung zu übernehmen, für sich, für das, was sie sagen und was sie tun.“
Auch die kleingeistige Konkurrenz der westlichen Geheimdienste und anderer Behörden wurde immer wieder thematisiert:
„Du weißt, wie das ist. Keiner verrät seine Tricks. Sie sind alle erfolgsgeil, eifersüchtig darauf bedacht, daß die anderen erst mal ihre Fehler machen. Daran hapert es im System“, sagte Urban. „Zu wenig Kooperation.“
Selbst die trivialsten Helden können Entwicklungen durchmachen: Bond war nach dem Tod seiner Frau Tracy nicht mehr derselbe, sondern ein gebrochener Mann. Auch Bob Urban veränderte sich:
Natürlich wandelt sich die Figur im Laufe der Zeit. Am Anfang war Bob Urban rechts gegen links, gut gegen böse. Meinetwegen ein kalter Krieger. Inzwischen findet er die Sowjetunion ansprechbar. Ökologische oder militärische Probleme machen, wie man weiß, nicht an Staatsgrenzen halt. Ich kenne zwar die Kritik: Machwerke, kriegstreiberisch, Ächtung von Minderheiten usw. Wenn aber jemand in jedem zweiten Roman einen heißen Krieg verhindert, dann ist es Bob Urban. Tatsächlich ist Urban Humanist.
Über das Schreiben sagte Guenter einmal:
„Beinahe alles, was du schreibst, besteht aus Versatzstücken, Gemeinplätzen, die zu einem Mosaik aus Klischees zusammengesetzt sind. Daß das keiner merkt, ist die Kunst. Fleiß überwindet so gut wie alles. Sogar Mangel an Talent.“
In seiner Schriftstellerlaufbahn verbrauchte Guenter zehn Schreibmaschinen.
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Wer ist nun dieser Mister Dynamit?
Sein bürgerlicher Name lautet Robert Urban, genannt Bob. Er ist Code-Agent Nr. 18 des Bundesnachrichtendienstes. Wegen einer angeborenen Muskelverkürzung lächelt er immer; das Dauergrinsen verunsichert Freunde und Feinde. Er fährt natürlich nur teure Autos: erst einen Porsche, dann einen Mercedes 300SL mit Flügeltüren und später diverse BMWs. Er ist zwischen 180 und 187cm groß, hat braunes Haar und graue Augen, wohnt in einem Schwabinger Penthouse und wirkt auf Frauen – wer hätte das gedacht – unwiderstehlich.
Er ist ewig Ende zwanzig/Anfang dreißig und geborener Franke. Nach dem Abitur studierte er Hochfrequenztechnik und Maschinenbau in Berlin und München und promovierte mit einer Arbeit über Halbleiterelektronik.![guenter2[1] guenter2[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/08/guenter21.jpg?w=180&h=220)
Er spricht Französisch, Spanisch und Englisch und ist ein olympiareifer Fünfkämpfer. Er war Leutnant bei den Pionieren, aber auch beim militärischen Nachrichtendienst, je zwei Jahre bei Marine und Luftwaffe. Nach sieben Jahren verließ er die Bundeswehr im Rang eines Majors und heuerte beim BND an. Dazu Guenter: „Warum soll es immer ein CIA-Agent sein? Der Hauptmarkt für solche Bücher ist in Europa. Nimm einen BND-Agenten, sagte ich mir, obwohl der BND damals auch keinen besseren Ruf hatte, nämlich überhaupt keinen. Über die armen Kerle in Pullach schreibt kein Schwein.“ ![c01[1] c01[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/08/c011.jpg?w=189&h=300)
Urban ist der übliche Supermann der 60er Jahre: Er hat einen IQ von 120, das Patent als Steuermann auf großer Fahrt, kann Düsenjäger und große Transportflugzeuge fliegen. Wie James Bond raucht er extra für ihn angefertigte Zigaretten, die Monte-Christo-Goldfilter mit einer Mischung aus ägyptischem und Virginia-Tabak, von denen jährlich 10.000 Stück für ihn angefertigt werden. Er liebt Tolstoi und Flamenco-Musik, trinkt Bourbon und hat einen eigenen Drink kreiert, den „Dynamit“: vier Teile Bourbon und ein Teil trockener Wermut.
Seine Aufträge erhält er von Oberst a. D. Wolf Sebastian, einem ehemaligen Panzergeneral – klein, rundlich und mit Monokel. Natürlich hat auch Mister Dynamit einen Q, der ihn mit den neuesten technischen Gadgets ausrüstet: Professor Strohmann ist ein weißhaariger Zwickelträger, und seine Leidenschaft ist das Brennen von Spirituosen, die er Urban immer wieder aufzwingt.
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Oft reichen Urbans Fälle weit in die Vergangenheit zurück, die bis heute fortwirkt. Gern geht es um verschollene Weltkriegsflugzeuge oder U-Boote, die ein Geheimnis bergen. Guenter baut aber auch aktuelles Tagesgeschehen ein. Ob afrikanische Putsche, japanische Genforschung oder Neo-Nazis – er benennt die Fakten genau und nutzt die Realität geschickt als Hintergrund oder Ausgangspunkt. So lesen sich die 314 „Dynamit“-Romane wie eine Chronik der Krisenherde der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er schreckt dabei auch nicht vor den ungewöhnlichsten Plots zurück: In einem seiner letzten Romane, „Der Texas-Kontrakt“, verknüpft er Nazis mit dr Ermordung Kennedys.
Der Autor versteht es meisterlich, naturwissenschaftliche Vorgänge einfach zu erklären und in seine Romane einzubauen. Komplexe Wissenschaft wird dem Laien verständlich dargelegt. Oft sind sie sogar die Antriebsriemen der Stories. In dem Thriller „Ein Tresor in Berlin“ aus dem Jahr 1992 spekuliert er über Bakterien, die Ölrückstände bei Tankerkatastrophen oder auf Giftmülldeponien fressen können. Guenter erklärt sie als zugehörig zur Gruppe der hydrokarbonklastischen Bakterien, die beim Reinigungsprozeß von Öl genutzt werden. Entdeckt hat sie ein ostdeutscher Forscher, der sie aus Angst vor Mißbrauch unter Verschluß hielt. Nach der Wiedervereinigung und dem Sturm auf die Stasi-Zentrale sind die Bakterien plötzlich verschwunden. Ganz klar: ein Fall für Mister Dynamit.
Ein Fan drückte es so aus:
Guenter beschreibt und erklärt dem Leser physikalische und biologische Phänomene kurz, klar, unaufdringlich, von der Gletscherbildung über den Anrufbeantworter, die Austernzucht, bis zur Funktion eines Autos oder einer Waffe.
Eigentlich müßten sogar die Grünen Fans von Mister Dynamit sein. Sinnierte er doch schon 1984 in „Des Teufels Abendstern“:
Wird Zeit, daß Tabakgenuß wieder verboten wird, wie vor 200 Jahren schon, anders kommt man nicht runter von dem schönen Laster.
Überhaupt wurde Bob Urban seit den Achzigern immer öfter aktiv, um ökologische Katastrophen abzuwenden. Sogar Kunstgeschichte wird der Agenten-Leserschaft nahe gebracht:
Sie führen heimlich Statuetten und antikes Keramikzeug in hohlen Zedernstämmen aus.
„Byzantinischer Herkunft?“ wollte Urban wissen.
Ich bin kein Kunstexperte, aber wenn ich mich recht entsinne, ging Byzanz im 14. Jahrhundert unter. Seitdem sind die Türken Mohammedaner. Ihr Glaube verbietet die Darstellung des menschlichen Körpers. Wenn sie also Statuetten exportieren, müssen diese byzantinisch sein.
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Gespeichert unter: Bücher, Crime Fiction, Film, Heftroman, James Bond, Mister Dynamit, Politik & Geschichte | Schlagworte: 007, C.H.Guenter, CIA, Heftroman, Ian Fleming, James Bond, Mister Dynamit
Als James Bond 1953 das Licht der Welt erblickte, ahnte nicht einmal sein Erfinder Ian Fleming die Folgen. Sein Geheimagent mit der Lizenz zum Töten sollte zur Ikone des Kalten Krieges werden. Agentenromane und -filme entwickelten sich in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einer eigenen Industrie: Der Geheimagent galt als Archetypus der Angestelltengesellschaft, dessen Pflichterfüllung durch ein hedonistisches Leben belohnt wurde.
Parallel zum Welterfolg Bonds entstand eine Unzahl von Epigonen, die sich – am großen Vorbild ausgerichtet – unter vollem Körpereinsatz durch unzählige Filme und Romane prügelten und liebten.
Literaturhistorisch steht am Anfang des Spionageromans keine Schlüsselfigur, wie etwa Edgar Allan Poe beim Detektivroman. Während man von der Spionage als vom „zweitältesten Gewerbe der Welt“ spricht, muß man das multimediale Genre spy story als ein Kind des ausgehenden 19. Jahrhunderts ansehen, das im 20. Jahrhundert zu voller Blüte heranreifte und immensen Erfolg verbuchte.
Bereits in der Bibel wird fleißig spioniert, wenn beispielsweise Kundschafter nach Jericho geschickt werden. In der Literatur wiederum taucht die Spionage erstmals im chinesischen Klassiker „Die Kunst des Krieges“ („Ping Fa“) von Sunzi ca. 510 v. Chr. auf. Die erste Fiktion, in der Spionage eine Rolle spielt, verdanken wir ebenfalls der chinesischen Kultur – dem historischen Roman „San Kuo“ aus dem 13. Jahrhundert, verfaßt von Lo Kuan-Chung. Als erster „richtiger“ Spionageroman gilt allgemein James Fenimore Coopers „The Spy“ (1821), allerdings nur, weil der Roman einen Spion in den Mittelpunkt der Handlung stellt; der Spionagetätigkeit wird von Cooper nur wenig Raum gewidmet. Anschließend tauchen Elemente des Spionageromans und des Polit-Thrillers im Kontext vieler Romane des 19. Jahrhunderts auf, doch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts formt sich das Genre zu einer eigenen, unverwechselbaren Gestalt.
Die ersten britischen Spionageroman-Autoren und damit die ersten „hauptberuflichen“ Schreiber von spy novels überhaupt waren William Le Queux und E. P. Oppenheim. Bei aller Trivialität ihrer Bücher muß man feststellen, daß es ohne ihre Pionierarbeit wohl weder einen John Buchan noch einen Eric Ambler gegeben hätte. Und schon gar keinen 007 …
Buchans Held Hannay bezeichnet man gern als Vorfahren von Flemings Bond. Sein berühmtester und wichtigster Roman, „The 39 Steps“, ist seit seinem Erscheinen 1915 bis heute nie vergriffen gewesen und wurde dreimal verfilmt, unter anderem auch von Alfred Hitchcock.
Es war Buchan, der den modernen Agentenroman kreierte, in dem die physische Aktion betont wird: Phantastische Plots, überlebensgroße Schurken und wilde Verfolgungsjagden sind die atemberaubende Quintessenz seiner Hannay-Romane, die Buchans Landsmann Robert Louis Stevenson einiges verdanken.
In den 30er Jahren zeichneten Autoren wie Somerset Maugham und Eric Ambler ein realistisches Bild der Welt der Agenten und Spione. Ihre Schule, die man im Gegensatz zum „romantischen Spionageroman“ als „realistisch“ bezeichnet, setzte sich mit Autoren wie Ross Thomas oder John le Carré fort.
Aber es waren die romantischen spy novels Buchans, Sappers oder von Dornford Yates, die Ian Fleming inspirierten und James Bond zu einem Welterfolg machten, dem andere nacheiferten.
Die Franzosen schickten OSS 117, Malko („SAS“) und eine Vielzahl anderer Spione an die Front. Die Amerikaner setzten Matt Helm, Joe Gall und Sam Durell ein. Und die Engländer hatten natürlich 007 und eine ganze Legion gefährlicher Secret-Service-Leute wie Charles Hood, Boysie Oakes, Modesty Blaise oder George Smiley.
Und wen hatten wir? Wer beschützte die Westdeutschen in der Fiktion vor KGB-Killern, verrückten Wissenschaftlern und Schurken, die die Welt beherrschen wollten?
Dafür war Bob Urban alias Mister Dynamit zuständig. Seine Lizenz zum Töten – oder, wie John Le Carré über Bond sagte, eher die Lizenz zum schlechten Benehmen – erhielt er vor 45 Jahren durch den Autor Karl-Heinz Günther, der als C. H. Guenter im Pabel-Verlag bis 1992 mehr als 300 Einsätze hatte. Seit 1965 kam jeden Monat ein Taschenbuch mit dem deutschen James Bond heraus. Daneben erschienen noch Nachdrucke und Sondereditionen. Mitte der 80er Jahre hatten die Romane monatlich Auflagen zwischen 120.000 und 200.000 Exemplaren.
Der Autor selbst ist einer der Mystery-Men der deutschen Nachkriegsliteratur. Nur ein einziges Interview ist überliefert; das führte Helmut Ziegler 1987 für die Zeitschrift „Wiener“. Alle anderen Daten verdanken wir Guenters Freund und letztem Verleger Josef Preyer, der eine Reihe von „Mister Dynamit“- und „Kommissar X“-Romanen im Oerindur-Verlag herausgegeben hat. Es sind schön gestaltete Bücher, die ganz den Geist des Sujets atmen, mit Zusatzmaterial zu Autor und Werk – eine vorbildliche Aufarbeitung populärkultureller Mythen!
FORTSETZUNG FOLGT
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Fernsehserien spiegeln nicht nur die Moden ihrer Zeit wieder, sondern geben ihr auch Impulse oder bestimmen sie mit. Ein grausames Beispiel dafür waren die Schulter betonten Kleider Anfang der 80er Jahre im DENVER CLAN, in denen jede Frau von hinten wie Arnold Schwarzenegger als Möbelpacker aussah. Der Erfolg der Edel-Soap DALLAS des Senders CBS hatte dem Konkurrenten ABC keine Ruhe gelassen und so wurde von ihrem Hausproduzenten Aaron Spelling, der in den 50er Jahren als Drehbuchautor und Schauspieler angefangen hatte, mit DYNASTY(DENVER CLAN) ein Konkurrenzprodukt entwickelt, in dem alles noch wilder und bombastischer sein sollte als in DALLAS. Das gelang auch: Wo DALLAS auf Charakterisierung und Story setzte, konzentrierte sich DENVER CLAN auf Glamour und Stil. Ein Kritiker schrieb: „Ein Dutzend Gardrobieren und kein Drehbuchautor in sicht“.
DENVER wurde eine der teuersten Serien der Fernsehgeschichte: Die 169 Episoden, gedreht von 1981 bis 1989, kosteten 1,2 Millionen Dollar pro Folge; davon jeweils mindestens 25ooo Dollar für meist geschmacklose Damenoberbekleidung.
Da DENVER neben DALLAS die weltweit erfolgreichste Edel-Soap war, konnten die Produzenten über derartige Kosten nur müde lächeln. Die Vermarktung lief in den USA hervorragend und bald verdiente man mit Merchandising, wie DYNASTY-Kleider, zusätzliche Millionen. Eine Art amerikanische Neureichenmode, die von dem Modevandalen Spelling auch noch in Kaufhauskollektionen unter die geschmacklosen Käuferinnen gebracht wurde. Aus Spellings ohnehin schon erfolgreichen Produktionsfirma entwickelte sich ein Imperium das ihn zum mächtigsten Mann im Geschäft machte. Dank seiner Teenager-Soaps BEVERLY HILLS 90210 und MELROSE PLACE ist er das noch heute.
FRISUREN
Die für DALLAS und DENVER typische Löwenmähne der Damen hatte man bereits einige Jahre zuvor etabliert. Sie läßt sich auf die ebenfalls von Spelling produzierte Serie DREI ENGEL FÜR CHARLY zurückführen, in der Farah Fawcett ihren Kopfumfang vefünffachte.
„Im Pop geht es immer nur um hübsche Jungs mit unglaublichen Frisuren“, sagte Mick Jagger einmal.
Der erste Pop-Star der Seriengeschichte war Nachwuchsdetektiv Kookie, alias Edd Byrnes, der fast ununterbrochen seine unglaubliche Tolle in Form harkte. Die erste Fernsehserie, die bei Jugendlichen einen Starkult hervorrief, war die 1960 gestartete Serie 77 SUNSET STRIP mit dem Kammfetischisten Edd Byrnes als unvergessener Kookie, bei uns von Hans Clarin synchronisiert. In dieser Krimiserie um ein Hollywooder Privatdetektivbüro wurde mit der Figur Kookie der Nachkriegsjugend und Rock’n Roll-Generation erstmals eine
überzeugende Identifikationsfigur geliefert. Roy Huggins, der
Erfinder der Serie und einer der wichtigsten Fernsehproduzenten überhaupt, hatte das natürlich nicht so geplant: „Kookie war nur eine Nebenrolle. Der Junge, der die Autos für das Restaurant neben dem Detektivbüro parkte und gerne Privatdetektiv werden wollte.“ Byrnes fing an, für Erwachsene schwer verständlichen Kauderwelsch zu reden.
Er brachte damals so neue Worte wie „steiler Zahn“ und „Wuchtbrumme“ ins Fernsehen, saß ewig grinsend in einem Ford Modell T und machte sich um nichts in der Welt mehr Sorgen, als um den Sitz seines Haupthaares, den er alle paar Minuten mit dem Kamm überprüfte. Zusammen mit Connie Stevens nahm Byrnes ein Duett auf. Der Song „Kookie,Kookie, Lend Me Your Comb“ wurde eine Hit-Single.
Innovative Haarmode war aber schon ein paar Jahre früher gemacht worden: In der coolsten Detektivserie der 50er Jahre: PETER GUNN, erfunden von Blake Edwards, der als Ehemann von Julie Andrews und Spezialist für Hollywoodkomödien berühmt werden sollte. PETER GUNN war von der Anlage konsequent auf den Bildschirm zugeschnitten. Weil Farbe zu teuer war, nutzte Edwards die Besonderheiten von Schwarzweiß, sprich eine Noir-Ästhetik. Da man kein Geld für teure Tagesdreh_arbeiten in der Stadt ausgeben konnte, filmte man nachts und meistens noch im Studiogelände, wo Kamerawinkel und ausgeklügelte Beleuchtung die altbekannten Kulissen in neue Perspektiven tauchten. Lange, unwirkliche Schatten, die nächtliche Atmosphäre unterlegt mit Jazz, machten Gunns Los Angeles zum mythischen Ort, zur definitiven Noir-City des Fernsehens. Ähnlich wie dreißig Jahre später Michael Mann bei MIAMI VICE schuf Edwards einen neuen, originären Stil, der den Inhalten entsprach.
Nichts überließ er dem Zufall. Selbst Hauptdarsteller Stevens wurde für die Edwardsche Vision maßgeschneidert: „Blake schleppte mich zum Friseur und erfand eine neue Frisur: den Bürstenhaarschnitt mit Scheitel, der als Peter Gunn-Haircut berühmt wurde und noch während der ersten Season überall in den USA in Mode kam. Dann ging er mit mir zu seinem Schneider und ließ Anzüge für mich machen. Wegen der Action-Szenen brauchten wir eine Menge Anzüge; irgendwann hatte ich ungefähr 380 im Schrank hängen. Alles war Blakes Vision. Als Kontrast zu den vielen miesen Typen mußte Gunn immer smart gekleidet sein und einen klaren, scharfen look haben.“
1964, auf dem Höhepunkt der Bienenkorbfrisuren für Frauen, war es Mia Farrow die in der Soap Opera PEYTON PLACE die für sie so charakteristische Kurzhaarfrisur popularisierte. Zusammen mit einem Minirock entstand so der Stil der jungen, selbstbewussten urbanen Frau der 60er Jahre.
Ebenfalls 1964 war es David McCallum in der Agentenserie SOLO FÜR O.N.C.E.L., der für die Akzeptanz langer Haare, beziehungsweise einer gemäßigten Beatles-Frisur verantwortlich war. Auf dem Höhepunkt der Popularität waren die Hauptdarsteller McCallum und Robert Vaughn selbst Pop-Stars, die bei Auftritten hysterische Reaktionen auslösten, die der Beatlemania ähnlich waren. Aber McCallums nachhaltigster Einfluß auf die Mode war sein Rollkragenpullover, turtleneck genannt. Nachdem er in den O.N.C.E.L.-Folgen Rollis unter dem Anzug trug, taten es ihm weltweit viele Männer nach und sogar die Luxusrestaurants mit Krawattenzwang akzeptierten zähneknirschend diese tollkühne Mode.
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Gespeichert unter: Bücher, Crime Fiction, James Bond, Krimis, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir, Rezensionen | Schlagworte: 007, Agatha Christie, Crime Fiction, Eric Ambler, Geoffrey Household, George V.Higgins, H.C.Bailey, Ian Fleming, Irvine Welsh, James Bond, James Hadley Chase, Jim Thompson, Krimis, Len Deighton, Nicholas Blake, Noir, Rex Stout, Thriller, Tim Willocks
Ausgehend von einer kleinen Serie, die ich vor einigen Jahren in der FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND veröffentlicht habe, möchte ich an dieser Stelle gelegentlich besondere Krimis vorstellen, Klassiker, die jeder Krimi-Fan in seiner Basis-Bibliothek haben sollte. Zwar sind einige Titel momentan nicht lieferbar (Schande über die Verlage), aber im Internet oder Antiquariaten sind sie leicht auffindbar, da sie meist in verschiedenen Ausgaben und hohen Auflagen veröffentlicht wurden. Es geht quer durch alle Subgenres der Kriminalliteratur.
DIE MASKE DES DIMITRIOS von Eric Ambler
Dimitrios hat es endlich erwischt! Keiner weint dem Gangster und Terroristen eine Träne nach, als man seine Leiche aus dem Bosporos zieht. Lang genug grub sich seine blutige Spur quer durch den Balkan. Der englische Krimiautor Latimer ist von Dimitrios’ Lebensgeschichte so fasziniert, dass er sie rekonstruieren will und damit eine Reise durch die politische Hölle Osteuropas in den 20er- und 30er Jahre beginnt.
Ambler verschachtelt komplexe Handlungen, zeitgeschichtliche Dokumente und Rückblenden zu einer atemberaubenden Menschenjagd. Seine Prosa ist ungemein modern in ihrer Effektivität. Aber dem Leser bleibt keine Zeit, die Qualität des Stils zu bemerken, denn die Story jagt mit hohem Tempo auf ihr dramatisches Finale zu. „Ich hatte Schwierigkeiten mit Dimitrios. Ich wußte, dass es etwas ganz Neues sein würde und dass ich nur das Beste abliefern dürfte“, schrieb der 1998 verstorbene Autor in seinen Memoiren.
Großkaliber wie John LeCarré, Gavin Lyall, Len Deighton oder Ross Thomas wären ohne die Innovationen von Ambler nicht vorstellbar. Er verband den Spionageroman mit politischer Aufklärung und machte zeitgleich mit Graham Greene ein eigenes Genre daraus. Und da sein politisches Bewusstsein immer auf Weitwinkel eingestellt war, erklärte er in seinen 19 Romanen dem Leser die Welt hinter den Schlagzeilen. Immer nach der Devise: Es kommt nicht darauf an, wer die Pistole abfeuert, sondern darauf, wer die Schützen bezahlt. Amblers Romane sind auch Handbücher für Putsche, Revolutionen oder Kriege. Die perfekte Synthese aus Roman und Sachbuch. Darüberhinaus wüssten wir ohne seine Osteuropa-Thriller noch weniger über den Balkan – was ihn gerade heute wieder aktuell macht. Mehr als einmal stockt man bei der Lektüre des 1939 erschienen Romans und erkennt Parallelen zur Gegenwart.
Eric Ambler: Die Maske des Dimitrios. Erstmals ungekürzte Neuübersetzung. Diogenes Verlag.
DIE HOTTENTOTTEN-VENUS von H.C.Bailey
Wenn man bei uns an die großen Detektive des Golden Age denkt, fällt den wenigsten der Name Reggie Fortune ein. Obwohl einer der wahren Giganten des Genres, wurde er bei uns lediglich durch eine inzwischen viel gesuchte Publikation in der frühen
Rowohlt-Thrillerreihe veröffentlicht
Bailey (1878-1961) war einer der Großmeister der klassischen Detektivgeschichte um den Great Detective und sein Held Reggie Fortune steht ganz in der Tradition der exzentrischen Amateurdetektive. Er ist dick, gemüt- und humorvoll und faul.
Er liebt große Autos, gutes Essen und Trinken und Varieteegirls. Er kann ungeheuer sentimental sein, aber auch wütend und bösartig. Baily hetzte das Dickerchen durch 85 Kurzgeschichten und neun Romane. Dabei erschrieb er der Form eine menschliche, ethische und moralische Dimension, die einigen Kritikern sogar als Chesterton überlegen gilt. Daneben verdient Bailey auch für einige der ausgeklügelsten und spannendsten Geschichten gelobt zu werden, die zusammen mit der Dreidimensionalität der Charaktere und dem feinen Gespür für Atmosphäre zum Allerbesten der Gattung zählen. Anders als seine zeitgenössischen Kollegen, verachtet Fortune, bzw. Bailey, den Snobismus der Oberschicht, die Klassenstrukturen der britischen Gesellschaft zwischen den Weltkriegen. Durch sein Mitfühlen wird er oft emotional in seine Fälle verwickelt – für die großen Detektive des Golden Age meist etwas unvorstellbares. Und der kleine Fettsack Reggie hat natürlich auch seine eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit, die sich nicht unbedingt
mit dem Strafgesetzbuch decken müssen. Um allen literarischen Ansprüchen zu genügen, schrieb Bailey relativ lange Kurzgeschichten, da er weder auf sorgfältige Charakterisierung, noch auf Atmosphäre verzichten wollte.![Ym4wMDcx[1] Ym4wMDcx[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/ym4wmdcx1.jpg?w=300&h=400)
Es ist dem Diogenes Verlag mal wieder zu danken, dass er diesen Klassiker ausgegraben hat. Aber leider hat das auch Wermutstropfen: dies ist der erste Band mit Fortune-Geschichten und Bailey ist noch weit von seiner Bestform entfernt (allerdings zwingt sich beim Lesen auch manchmal der Verdacht auf, dass man die Stories etwas flüssiger hätte
übersetzen können). Dieser Klassiker macht nämlich deutlich, was wir heute beim Lesen zeitgenössischer Kriminalliteratur zu oft vergessen: welch ungeheures Vergnügen
die wirklichen Meister des Golden Age bereiten können! Leider blieb es bei dem einen Band im Diogenes Verlag. H.C.Bailey wartet nach wie vor auf eine gepflegte deutsche Veröffentlichung. Die besseren Geschichten findet man im Rowohlt-Band, der Bailey auf der Höhe seines Könnens zeigt.
H.C.Bailey: Die Hottentotte-Venus(CallMr.Fortune,1920).Deutsch von Cornelia C.Walter. Diogenes Verlag;252 Seiten.
MEIN VERBRECHEN von Nicholas Blake
„Ich will einen Menschen töten. Ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nicht, wo er wohnt, ich habe keine Ahnung, wie er aussieht. Aber ich werde ihn finden und ihn töten…“
So beginnt der 1938 erschienen Kriminalroman THE BEAST MUST DIE von Nicholas Blake, der neue Akzente setzte, von Claude Chabrol verfilmt wurde und noch heute gierig verschlungen wird.
Blake wiech mit diesem Buch von seinen sonstigen Detektivromane über Nigel Strangeways, die voller literarischer Anspielungen sind, ab. Indem er die Perspektive eines rächenden Vaters, der den Mörder seines Sohnes sucht um ihn zu töten, wählte, schrieb er einen psychologischen Thriller und keinen klassischen Detektivroman. Auf die Idee war er gekommen, als sein kleiner Sohn fast überfahren worden wäre. Der erste Teil wird von Felix Lane erzählt, einen Krimiautor, dessen Sohn überfahren wurde. Brillant ist die Detektivarbeit von Lane, mit der er die Identität des Fahrerflüchtigen ermittelt. ![BlakeNicholas[1] BlakeNicholas[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/blakenicholas1.jpg?w=152&h=207)
Cecil Day Lewis(1904-72), der Vater des Schauspielers Daniel Day Lewis, war Kommunist und ein bewunderter Lyriker, als er 1935 unter dem Pseudonym Nicholas Blake Kriminalromane zu schreiben begann. Der Grund? Er brauchte Geld um sein Dach reparieren zu lassen. Es folgten 15 höchst originelle Kriminalromane, die oft die Formel des klassischen Detektivromans durchbrachen oder originelle Milieus und Charaktere in den Mittelpunkt stellten.
Nicholas Blake: Mein Verbrechen. Diogenes Verlag, 1995.
KEINE ORCHIDEEN FÜR MISS BLANDISH von James Hadley Chase
Das Geburtsjahr des britischen Noir-Romans war 1939. In diesem Jahr debutierte Rene Raymond alias James Hadley Chase (1906-85) mit seinem ultrabrutalen, in einem mythischen Amerika
angesiedelten, NO ORCHIDS FOR MISS BLANDISH. Die Entführung einer Millionenerbin durch eine perverse Gangsterbande, die an Ma Barkers Gang erinnert, wurde für damalige Verhältnisse geradezu schockierend brutal erzählt. Angeblich war der Roman von William Faulkners SANCTUARY (1931) inspiriert. Die Realität ist eine andere: Chase arbeitete Mitte der 30er Jahre als Buchhandelsvertreter und erlebte den sensationellen Erfolg von James Malahan Cains Roman WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT hautnah mit. Er besorgte sich ein amerikanisches Slanglexikon, eine Schreibmaschine und legte los. Innerhalb von sechs Wochenenden schrieb er das Buch. Chase druckte eine hohe Auflage, bestückte jeden seiner Buchhändler mit sechs Freiexemplaren und organisierte ein Presseecho. Innerhalb von fünf Jahren verkaufte er eine Million Exemplare.
Obwohl Chase später brutale Geschichten aus der Londoner Unterwelt erzählte, kehrte er immer wieder in sein mythisches Amerika zurück. Wie andere große Autoren schuf er sich einen eigenen Kosmos. Chase, der die USA nur von einem einzigen Kurztrip kannte, ließ seine besten Romane in „Chase Counrty“ spielen, in dem er den gesellschaftlichen Sozialdarwinismus ungeschminkt vorführte. Chase erzählte schmutzige, schnelle Geschichten über wenig sympathische Menschen, die für Sex, Macht und Geld alle gesellschaftlichen Normen brechen. Er zeichnete ein düsteres Bild der westlichen Zivilisation, in der jeder der Wolf des Anderen sein muss, wenn er nicht untergehen will.
Chase war ein Freund vo Graham Greene (und sie hatten denselben Steuerberater, was sie auch noch zu Komplizen machte).
James Hadley Chase: Keine Orchideen für Miss Blandish; Amsel Verlag 1955. Zuletzt bei Ullstein. Vergriffen.
ALIBI von Agatha Christie
Es ist leider modisch geworden, über Agatha Christie die Nase zu rümpfen. Sie sei altmodisch, verkörpere die Ideologie einer längst untergegangenen Gesellschaftsschicht und schrieb nur Pappcharaktere, sind nur einige Vorwürfe. Dabei übersieht man, dass ihr spröder Charme und die Eleganz ihrer Handlungsführung immer wieder neue Lesergenerationen in den Bann ziehen. Und man vergisst, dass Dame Agatha mehr innovative Rätsel erfand als jeder andere Autor des klassischen Detektivromans. Einen guten Eindruck von ihrem schier unendlichen Einfallsreichtum bietet der Miss Marple-Band DER DIENSTAGABEND-KLUB (Scherz) mit ausgefuchsten Kurzgeschichten. Ihre bis 1945 geschriebenen Bücher sind von höherer Qualität als die späteren. Mrs. Christies Welt der idyllischen Morde – falls es soetwas gibt – versank in den Stahlgewittern des 2.Weltkrieges, und das beeinträchtigte ihren Einfallsreichtum ein wenig. Für gelegentliche Geniestreiche wie etwa DAS FAHLE PFERD, war sie aber noch immer gut.
ALIBI (THE MURDER OF ROGER ACKROYD) war Christies 7.Roman und erschien 1926. Mit einem Schlag gehörte sie zu den besten Autoren des Genres. Es ist der Roman, den die Krimitheoretiker nach wie vor für ihr cleverstes Buch halten. Am Anfang steht der für sie so charakteristische Mord in einem anheimelnden Dörfchen auf dem Lande. So erfand sie für diesen Hercule Poirot-Roman eine Lösung, die den unvorbereiteten Leser noch heute verblüfft. Kopiert wurde diese Struktur selten (zum Beispiel in A.D.G.s großartigem Roman DIE NACHT DER KRANKEN HUNDE). Denn um mit diesem Trick durchzukommen, verlangt es all die schriftstellerischen Fähigkeiten, die verschiedene Kritiker ihr so gerne absprechen.
Agatha Christie: Alibi; Scherz Verlag
IPCRESS – STRENG GEHEIM von Len Deighton
Als 1962 THE IPCRESS FILE
herauskam, war er auf Anhieb die Sensation des boomenden Spionagegenres. Einigen Kritikern galt Deighton „besser als Ian Fleming“, dessen das Publikum enttäuschender aber experimenteller Bond-Roman THE SPY WHO LOVED ME im selben Jahr erschien.
IPCRESS zeichnete sich durch einen faktischen Realismus aus, den man zuvor im Genre nicht gekannt hatte. Len Deighton war als erster Autor immer auf der Höhe der technischen Entwicklungen und setzte sie realistisch in seinen kompliziert geplotteten Spionage-Epen ein. Wenn man so will, war er ein Vorläufer der heute so erfolgreichen Techno-Thriller. Tatsächlich gilt einigen Theoretikern sein 1966 erschienener Roman DAS MILLIARDEN-DOLLAR-GEHIRN (Knaur, 1988) um einen Supercomputer, der für einen faschistischen texanischen Ölbaron einen Angriff auf Lettland lenkt, als erstes Exemplar des Subgenres High-Tech-Thriller.
Harte Schnitte, extreme Szenenüberblendungen und abrupte Perspektivenwechsel machen es dem Leser nicht leicht, sich ein Bild von der komplizierten Handlung in IPCRESS zu machen. Aber sie erzeugen ein Gefühl der Authentizität, die den Realismusanspruch des Autors
unterstreicht. Deightons Ich-Erzähler ist ein Antiheld, der nur in den drei ausgezeichneten Filmen mit Michael Caine den Namen Harry Palmer
trägt. Ein echter Typ der 6oer Jahre: Sein Kampf gegen die Hierachien und die Intrigen des eigenen Dienstes waren oft anstrengender als der Krieg gegen den kommunistischen Gegner. Ausserdem stammte er aus der Arbeiterklasse und war dem Establishment gegenüber mehr als misstrauisch: „Ich hatte keine Chance zwischen dem Kommunismus auf der einen Seite und unserem Establishment auf der anderen.“ Als gesellschaftlicher Außenseiter, der seinen Job illusionslos und ohne ideologische Befangenheit verrichtet, ist er dem namenlosen Continental-Detektiv von Dashiell Hammett näher als James Bond. Im Laufe der Zeit wurde Deightons Erzähltechnik immer konventioneller und gefälliger. Auch der freche Dialogwitz der frühen Romane ist inzwischen fast ganz verschwunden. Politisch entwickelte
er sich gegen die Zeit: Während er in den frühen Büchern ideologiefrei seinen Antihelden Bündnisse mit sympathischen Russen eingehen ließ, wurde er mit jedem weiteren Bestseller mehr zum kalten Krieger.
Len Deighton: Ipcress streng geheim; Knaur TB 1734, 1988.Vergriffen.
IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT von Ian Fleming
John LeCarré bringt es auf den Punkt: „Ich habe Bond nie wirklich als Spion gesehen. Ich halte ihn eher für ein Wirtschaftswunderkind mit der Lizenz, sich im Interesse des Kapitals extrem schlecht zu benehmen.“ Bond ist natürlich mehr: Eine unsterbliche Pop-Ikone mit immensem Einfluss auf Moden und Wunschvorstellungen, Symbolfigur des Kalten Krieges und eines modernen Hedonismus.![majesty[1] majesty[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/majesty1.jpg?w=220&h=325)
1953 erschien CASINO ROYAL, Ian Flemings erster Bond-Roman, der sofort bewies, dass hier ein absoluter Meister des Thrillers schrieb. Zu seinen Fans gehörte sogar Raymond Chandler. Über Nacht waren die Geheimagenten alter Schule, John Buchans Richard Hannay oder die Clubland-Heroes von Dornford Yates, Schnee von gestern. Es folgten elf Romane und acht Kurzgeschichten. Der Ruhm der Figur überstrahlte den des geistigen Vaters. IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Fleming die wahnwitzigsten Handlungen völlig glaubwürdig schilderte. Wie in GOLDFINGER wird die Fleming-Formel perfekt umgesetzt: Ein Profi kämpft mit Hilfe technischer Tricks, physischer Kraft und Intelligenz gegen einen furchtbaren Feind, der England vernichten will. Dabei hat er noch Zeit für amouröse Abenteuer und gutes Essen. Seine Feinde waren Kommunisten und frühe Globalisierer wie das multinationale Gangstersyndikat SPECTRE oder Hugo Drax’ Wirtschaftskonzern. Fleming war vor Uwe Johnson der erste Literat, der Markenartikel als Realismusinseln einführte. Bond war auch ein Rassist und Chauvinist. Ihm galten alle Völker als den Briten unterlegen. Bonds rassistische Äußerungen wurden aus den Übersetzungen teilweise getilgt. Fleming legt ein Tempo vor, daß dem Leser keine Pausen gönnt. Gemessen an ihm sind die modernen Bestsellerautoren lahme Enten. Flemings Qualität beweist die Lektüre seiner weniger talentierten Nachfolger John Gardner oder Raymond Benson, die neue Bond-Romane vorlegten.
Nachdem sich Präsident Kennedy 1961 im LIFE-Magazin als Bond-Fan outete, jagten die Umsätze von Flemings Büchern in ungeahnte Höhen und machten ihn zu einem der meistverkauften Schriftsteller aller Zeiten. Und dann kam auch noch das Kino…
Ian Fleming: Im Dienst Ihrer Majestät. Zuletzt bei Heyne.
DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE von George V.Higgins
Eddie Coyle ist eine echte Ratte, ein kleiner Gangster, der ständig zwischen den Fronten hin- und herwieselt, um seine schmutzigen Geschäfte durchzuziehen. Mal dient er als Polizeispitzel, mal dreht er mit den Freunden ein Ding. Ganz spezielle Freunde sind das: Bankräuber, Waffenhändler und kleine Ganoven wie Eddie selbst. Bei seinem Doppelspiel muss er schwer aufpassen. Und dann spitzt sich die Situation so zu, dass man von ihm verlangt, seine Freunde ans Messer zu liefern.
Niemand schrieb Dialoge wie der Bostoner Jurist George V.Higgins, der 1999 nur 59jährig starb. Er konnte eine ganze Geschichte fast völlig in Dialogen erzählen, die die Story vorantrieben und gleichzeitig die Personen charakterisierten. Mit seinem Debut verpasste er 1972 dem Crime-Genre eine neue Dosis literarischen Realismus. Selbst Norman Mailer war fassungslos über die Qualität dieses Erstlings, daß 1985 von einer Buchhändlervereinigung zu einem der 25 wichtigsten Romane des 20.Jahrhunderts gewählt wurde. Die gelungene Verfilmung von Peter Yates mit Robert Mitchum, ein seltener Glücksfall für einen Autor, wurde ebenfalls zum Klassiker.
Der moderne Gangsterroman verdankt ihm mehr als jedem anderen Autor. Elmore Leonard bezeichnete ihn als den Meister, von dem er alles lernte (Einer der Hauptcharaktere in Higgins Roman heisst übrigens Jackie Brown – ein Name, den Leonard später aufgriff, um seine Reverenz zu erweisen). Bevor er Anwalt wurde, arbeitete Higgins als Kriminalreporter und lernte die Unterwelt der Ostküste kennen. Später wurde er Staatsanwalt, dann Anwalt, der so illustre Charaktere wie den Watergate-Einbrecher G.Gordon Liddy und den Black Panther-Führer Eldridge Cleaver verteidigte. Als Schriftsteller von der Kritik verehrt, konnte er den Erfolg seines Erstlings mit den späteren Büchern nicht wiederholen.
George V.Higgins: DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE.Hoffmann & Campe,1973. Goldmann, 1990.
EINZELGÄNGER – MÄNNLICH von Geoffrey Household
1939 veröffentlichte Geoffrey Household einen Schocker, der heute noch unter die Haut geht: ROGUE MALE. Ein Klassiker und eine der drei besten Jagd- und Fluchtgeschichten. Im Roman berichtet ein namenloser Erzähler, der bei einem scheinbaren Attentat auf einen mitteleuropäischen Diktator erwischt und von der Geheimplizei schlimm gefoltert wird. Scheinbar tot kann er seinen Peinigern in einer nervenzerfetzenden Flucht nach England entkommen. Durch unglückliche Umstände wird er von der Polizei und den Agenten des Diktators durch die grandiose Landschaft von Dorset gehetzt. Auch wenn keine Namen fallen und Deutschland nicht erwähnt wird, bleibt keine Sekunde unklar, dass es sich bei dem mitteleuropäischen Diktator um Hitler handelt. ![51TJ1cASKtL._SS500_[1] 51TJ1cASKtL._SS500_[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/51tj1casktl-_ss500_11.jpg?w=420&h=420)
Der literarische Thriller reicht über die Jagdgeschichten John Buchans hinaus. Wie Buchan ist Household am besten, wenn er physische Aktion beschreibt, besonders Fluchtszenen in der Natur. Obwohl Household seinen Figuren ein anspruchsvolleres Innenleben gibt und seine Romane insgesamt mehr intellektuelle Substanz haben, ist er nie dem Einfluss Buchans entwachsen. Household geht in seiner Zivilisationskritik aber weit über ihn hinaus. Die bürokratische Konsumgesellschaft ist ihm ein Graus. Er verachtet Politik und Politiker und sieht das Heil in einer Art „Anarchismus des Adels“, ein Leben auf dem Land, in der Natur, ohne die Akzeptanz staatlicher Autorität. Seine Helden sind oft Angehörige der upper class, Landlords, die vom Leben in der Wildnis geprägt sind. Die Rückkehr zur Natur war bereits 1939 für Household die einzige Hoffnung für die Menschheit.
Wieder einmal sollte ein Roman auch Auswirkungen auf die Realität haben: General Sir Noel Mason
Macfarlane studierte das Buch genau, als er ein Attentat auf Hitler ausarbeitete. Es kam zwar nie zur Durchführung des Anschlags, aber Macfarlane unterließ es nie darauf hinzuweisen, dass Households Roman die Inspiration für eine derartige Möglichkeit war.
Household nahm aktiv am 2.Weltkrieg teil. Er diente als Einsatzleiter im Militärischen Geheimdienst und wurde hochdekoriert entlassen. Als Militärattaché in Rumänien jagte er die Ölfelder in die Luft um sie nicht den Nazis und ihren Verbündeten in die Hände fallen zu lassen.
Geoffrey Household: Einzelgänger, männlich. Haffmanns Verlag, 2000. Kein & Aber; 2009.
![41DFDHHW3RL._SS500_[1] 41DFDHHW3RL._SS500_[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/41dfdhhw3rl-_ss500_11.jpg?w=420&h=420)
KALT WIE GOLD von Marcel Montecino
Das kriminalliterarische Subgenre des Polizeiromans hat inzwischen eine über 5ojährige Tradition – und erfreut sich größter Beliebtheit. Der Polizeiroman, oder police procedural, begann in den 50er Jahren durch Autoren wie Ed McBain und dessen Geschichten über das 87. Polizeirevier. Vorher dominierte die Figur des großen Einzelgängers das Genre, etwa der intellektuelle Detektiv à la Sherlock Holmes oder der harte Privatdetektiv. Es ist kein Wunder, dass der Polizeiroman nach dem 2.Weltkrieg immer populärer wurde: Für die moderne Industriegesellschaft wurde das Individuum unwichtig und musste sich aus ökonomischen Gründen ins Team eingliedern. Das Polizeiteam und die Faszination an der neuen Technik lösten die Heroisierung des Einzelgängers ab. Durchbrochen wurde dieses Muster in den 70er Jahren von Joseph Wambaugh, der die Polizisten nicht mehr als gut geölte Maschinen zeigte, sondern als Psychopathen, die in einer immer brutaleren Gesellschaft ihren Job mehr schlecht als recht erledigen. Autoren wie James Ellroy griffen die Lektion auf und führten sie weiter. Seitdem jagen unangenehme Polizisten noch unangenehmere Serienkiller durch bluttriefende Buchseiten voller Gewaltpornografie. Ganz anders der beste Polizeiroman seit Jahrzehnten: Marcel Montecinos erstaunlicher Erstling THE CROSSKILLER erzählt die Geschichte des abgeklärten jüdischen Polizisten Jack Gold, der im Inferno von Los Angeles seine Sisyphosarbeit erledigt. Von korrupten Vorgesetzten strafversetzt, wird er zum Gegenspieler eines rassistischen Psychopathen, der als „arischer“ Kreuzkiller eine blutige Spur durch die Stadt zieht. Im Gegensatz zu Ellroy und Konsorten dämonisiert Montecino nicht antiaufklärerisch diesen Serienmörder. Er zeigt genau auf, wie ein ungebildeter Weißer durch persönliche und ökonomische Frustrationen zum Ungeheuer wird. Wie er all sein persönliches Versagen auf Sündenböcke – hier Juden und Schwarze – abwälzt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Montecino erklärt uns diese traurige Figur, entschuldigt nichts und lässt keine Sympathie aufkommen. Daneben beschreibt er unsentimental die Zustände in der jüdischen Gemeinde der „Stadt der Engel“ und die furchtbare Situation einer schwarzen Familie. Ihm ist ein fast 600 Seiten langer Krimi gelungen, bei dem keine Zeile zuviel ist.
Marcel Montecino: Kalt wie Gold, Goldmann 41224.Zuletzt SZ-Krimibibliotheck
DIE LIGA DER FURCHTSAMEN MÄNNER von Rex Stout
![5196FRG8W7L._SS500_[1] 5196FRG8W7L._SS500_[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/5196frg8w7l-_ss500_11.jpg?w=420&h=420)
Mit seinen Nero Wolfe und Archie Goodwin-Geschichten schuf Rex Stout die perfekte Synthese aus klasschischer Detektivgeschichte und der durch Hammett definierten hard-boiled-school: Nero Wolfe ist die typische Denkmaschine in der Tradition von Sherlock Holmes. Er verlässt so gut wie nie sein Haus und löst die kompliziertesten Rätsel zwischen gutem Essen und Orchideenzucht im Lehnstuhl. Der fette und faule Meisterdetektiv hatte sein Vorbild in Sherlock Holmes’ Bruder Mycroft. Um an die nötigen Informationen zu gelangen, schickt er seinen Helfer Archie Goodwin hinaus in die böse Welt. Archie ist ein Charakter wie aus einem Hammett- oder Chandlerroman: Er prügelt sich, steigt den Frauen hinterher und hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Der grosse Unterhaltungswert und die stilistische Brillanz von Stouts Geschichten kommt durch die Erzählperspektive: Als Ich-Erzähler berichtet der schnoddrige Archie über die Fälle, die Nero Wolfe am Ende jeder Geschichte in seinem Haus in Manhattans 35.Strasse durch scharsinnige Gedankenarbeit klärt. Dazu werden dann in klassischer Manier alle Tatverdächtigen zusammen gerufen.
Stout war bereits 48 Jahre alt, als er sein Duo erfand. Er schriebbis zu seinem Tod 1975 insgesamt 73 Novellen und Romane über Wolfe. Alle sind unterhaltsam, aber DIE LIGA DER FURCHTSAMEN MÄNNER von 1935 ist sein absolutes Meisterstück: Ehenmalige Harvardstudenten bitten Wolfe um Schutz vor einem ehemaligen Kommilitonen, an dessen Verkrüppelung sie schuld waren. Der Plot ist genial (was man über die wenigsten Wolfe-Geschichten sagen kann) und die Charaktere ausdrucksstark. Die Stout-Fans, die sich in der Organisation Wolf Pack zusammengeschlossen haben, halten PER ADRESSE MÖRDER X (THE DOORBALL RANG) für Nero Wolfes besten Fall.
Rex Stout: Die Liga der furchtsamen Männer. Heyne, 1090. vergriffen.
DER MÖRDER IN MIR von Jim Thompson
![KillerInsideMe[1] KillerInsideMe[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/killerinsideme11.jpg?w=150&h=231)
Lou Ford scheint ein netter, menschenfreundlicher Deputy Sheriff zu sein und ist doch in Wirklichkeit ein psychopathischer Killer. Ausserdem ist er der Ich-Erzähler in Jim Thompsons Klassiker THE KILLER INSIDE ME. Niemand, der die Geschichte von Sheriff Lou Ford gelesen hat, wird diesen düsteren Roman je vergessen können. Thompson schrieb den Roman in zwei Wochen und bekam 2000 Dollar dafür. Erstmals wurden in diesem Buch Elemente der hard-boiled-novel mit der Psychoanalyse verbunden. Dass die Erzählung vom psychopathischen Täter selbst vorgetragen wird, ist heute natürlich nichts Ungewöhnliches mehr, war aber 1952 ein innovatives Wagnis. Marcel Duhamel, Herausgeber von Gallimards Serie Noire, erinnerte Thompson an Henry Miller, Erskine Caldwell und Céline: „Thompsons Werk unterscheidet sich grundlegend von mittelmäßiger Kriminalliteratur; er besitzt einen völlig eigenen Stil und eine höchst individuelle Weltsicht.“
Thompson Gesellschaftsbild ist rabenschwarz. Gewalttätigkeit, Machtstreben und Korruption wächst aus ihr geradezu zwanghaft. Sein Markenzeichen, der paranonide Schizophrene, ist nichts anderes als die perverse Konsequenz aus dem Verfassungsgrundsatz, dass jeder „Amerikaner das Recht hat, nach seinem Glück zu Streben“. Für Thompson, der kurze Zeit in der Kommunistischen Partei war, Marx gelesen hatte und von Naturalisten wie Zola, William Cunningham und Frank Norris beeinflußt war, gab es nie einen Zweifel daran, dass das System naturbedingt Millionäre genauso hervorbrachte, wie es psychisch kranke Killer zeugte. In Thompsons Welt können die Dämonen des Schicksals nicht bezwungen werden. Seine Menschen sind allesamt armselige Kreaturen, die ohnmächtig diesem Fatum und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen ausgeliefert sind.
Als James Myers Thompson am 7. April 1977 in Los Angeles starb, war er ein vergessener Schriftsteller, und kein Buch von ihm war noch lieferbar. An seiner Beerdigung in Westwood nahmen nur wenige Menschen teil; lediglich vier Trauergäste gehörten nicht der Familie an. In Frankreich war fast Staatstrauer angesagt.
Jim Thompson: Der Mörder in mir. Diogenes. Audio: Audioverlag; Potsdam, 2000.
DRECKSAU von Irvine Welsh
„Warum ich zur Polizei gegangen bin? Oh, ich würde sagen, das hat mit polizeilichen Übergriffen zu tun. Ich bin in meiner Gemeinde Zeuge von Polizeigewalt geworden und hab beschlossen, dass ich bei so was auch mitmachen will“, erklärt der gemeine Ich-Erzähler Bruce Robertson, Polizist bei der Mordkommission von Edinburgh und der bösartigste Bulle der gesamten Kriminalliteratur.![filth_big[1] filth_big[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/filth_big1.jpg?w=155&h=250)
Bruce ist nur auf seinen Vorteil bedacht, er linkt jeden ab (auch seinen besten Freund), pumpt sich mit Drogen voll und erpresst Frauen zu Sex. Vielleicht Irvine Welshs(TRAINSPOTTING) bestes Buch. Bestimmt sein dreckigstes. Wer gemeine Ich-Erzähler liebt, kommt hier auf seine Kosten. Gegen Bruce Robertson sind Ellroys Bullen die reinsten Pfadfinder: „Ich meine, wir wissen, dass es Scheißgesetze gibt, also hat es nicht viel Sinn, dass wir sie selbst befolgen, auch wenn es unser Job ist, sie anderen gegenüber durchzusetzen.“ Eine nette Referenz an Moravias ICH UND ER sind die Monologe des Bandwurms, der Bruce zu schaffen macht.
Nichts für Leser, die in der Kriminalliteratur Realitätsflucht suchen.
Irvine Welsh: Drecksau (Filth,1998). Kiepenheuer & Witsch.
DIE GEFANGENEN VON GREEN RIVER von Tim Willocks
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Wenn kein Gesellschaftsvertrag existiert, der das Zusammenleben regelt, gibt es nur noch den Krieg aller gegen alle, verkündete der Philosoph Thomas Hobbes. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Wie das aussieht, leuchtet Willocks in seinem Gefängnisroman DIE GEFANGENEN VON GREEN RIVER aus. Er beschreibt 24 Stunden im schlimmsten Knast der Welt. Eine unerträgliche Atmosphäre aus Gewalt und Perversion beherrscht Green River. Und der durchgeknallte Direktor, der nicht von ungefähr Hobbes heißt, tut alles, um die Bedingungen zu verschlechtern, damit die letzten zivilisatorischen Regeln zum Klo runtergespült werden. Er zieht die Repressionsschraube immer weiter an, bis die kritische Masse explodiert und es zur ultimativen Schlacht zwischen Bestie und Geist kommt. Das Ende ist schlimmer als ein Auftritt der NO ANGELS. Nach der Lektüre beherzigt man gerne Alfred Hitchcocks Ratschlag für Filmemacher: „Bleibt aus den Gefängnissen raus.“ Alan Pakula hat die Filmrechte an diesem wahrscheinlich bisher besten Knastroman erworben.
Willocks’ Psychopathen wollen die menschliche Gesellschaft überwinden, indem sie Tabus zerschmettern und in sinnlosen Blutbädern und Orgien waten, um den vorgesellschaftlichen Naturzustand herzustellen. Bis sie dann endgültig in eine der unteren Höllen auf Grund laufen. Die komplexe Handlung wird zu einem apokalyptischen Finale geführt, das Willocks’ Markenzeichen ist. Zurück bleiben zutiefst leidende Charaktere und Leser, die noch lange grauenhafte Hironymus Bosch-Bilder im Kopf behalten.
Die Gefangenen von Green River, Heyne 1998.
Rezension von 1989:
John Gardner: Scorpius
(Scorpius,1988).
Deutsch von Hartmut Huff; Heyne o1/8033; 317 Seiten; DM 7,80.
Es ist der Geldgier der Fleming-Erben zu verdanken, dass John Gardner nun schon zum siebenten Mal den Versuch unternehmen kann, einen der großen Mythen das 2o.Jahrhunderts und Flemings Unsterblichkeit in den Dreck zu treten. Wer 007 lediglich durch die unerträglichen Moore-Filme oder die an der Schmerzgrenze des anspruchsvollen Thriller-Fans angesiedelten Gardner-Bonds kennt, wird nie verstehen können, warum der Hector der westlichen Beamtenschaft zum Welterfolg werden konnte.
Man muss Fleming und Bond mögen um zu erkennen, was ihnen durch diese rip-offs angetan wird. Wer Flemings überragendes literarisches Talent nicht erkennt und sich über die Pop-Ikone 007 ideologisch ereifert, dem dürfte eh wurscht sein, was Gardner anstellt. Aber für diejenigen, die Fleming und sein Werk schätzen, ist es ein echtes Ärgernis. Und immerhin gehörte der vielleicht schärfste aller Krimi-Kritiker zu Flemings härtesten Fans und Bewunderern: Raymond Chandler rezensierte sogar enthusiastisch die Bond-Romane LIVE AND LET DIE, MOONRAKER und DR.No.
Gardner hat kaum Ahnung von seinem Helden. Zwar hat sich das im Laufe seiner bisher geschriebenen Romane da ein bisschen was getan, aber wirklich begriffen hat er weder die Figur noch deren Schöpfer. So lässt er den hundertprozentigen Briten etwa französische Anzüge tragen oder macht den von Kingsley Amis als Kulturbanausen richtig erkannten Bond plötzlich zum Jazz-Fan. Statt cooler Arroganz ist dem Gardner-Bond debiles Menscheln eigen. Und M, von Fleming als Inbegriff des effektiven emotionslosen Apparatschik charakterisiert, lässt er kaum motivierte Wutausbrüche hinlegen. Und „sein“ Bond behauptet gar – und da bleibt wohl jedem Fleming-Kenner die Spucke weg -:“Mein Vorgesetzter ist von einem hübschen Gesicht und einer noch hübscheren Figur leicht herumzukriegen.“ Gardner degradiert einen Pop-Mythos mit ähnlichen Steherqualitäten wie die Rolling Stones zu einem langweiligen Halbidioten der sich mühsam durch ungemein langweilige Bücher schleppt, die offensichtlich von einem Schwachsinnigen geschrieben wurden. Gardner ist völlig unfähig, so etwas wie Spannung zu erzeugen. Peinlich wird er besonders dann, wenn er krampfhaft versucht Flemings eigenwillig harten Szenenanreißer zu kopieren; das klingt dann eher nach Parodie (und die Bond-Parodien um Boysie Oakes, mit denen der Gute vor vielen Jahren mal ins Geschäft kam, waren schon schwer erträglich). Ein paar Stümpereien gefällig? Bitte sehr:
„Das Summen des Radioweckers schnitt wie das Messer eines Vandalen in den tiefen Kokon des Schlafes.“
„`Nein! Nein!Nein!`’Ja’, sagte Bond scharf und herrisch. ‘ Ja!Ja! Und Ja!’“
Der Plot? Irgendein Schwachsinn über die xte Sekte mit einem diabolischen Führer der die Welt beherrschen will. Ein Plot, für den sich Fleming geschämt hätte. Es gibt nicht ein positives Moment für dieses stinklangweilige Buch festzuhalten. Warum durfte Bond nicht friedlich entschlummern? Und wenn schon nicht, dann hätte man wenigstens Kingsley Amis alias Robert Markham die Bond-Saga fortschreiben lassen sollen. Denn der kannte Fleming wie kein anderer und sein Bond-Roman COLONEL SUN ist immerhin besser als Flemings MAN WITH THE GOLDEN GUN. John Gardner gehört offensichtlich zu einem Komplott von SPECTRE um Bond endgültig auszuschalten.
Diese Rezension ist von 1989