Martin Compart


DER FLUG DES MALTESER FALKEN zu DASHIELL HAMMETT 3/

Diesmal mußte Hammett, oder Dash wie ihn seine Freunde nannten, nicht ins Gefängnis. Aber wirtschaftlich war der einstige Großverdiener Hammett nach den Anhörungen und dem Gefängnisaufenthalt zerstört, denn Hollywood machte keine Verträge mehr mit ihm, seine Bücher wurden nicht neu aufgelegt, seine Hörspielserien wie DIE ABENTEUER DES SAM SPADE oder DER FETTE MANN wurden abgesetzt, und kaum jemand erinnerte sich daran, dass dieser ausgebrannte Mann eine Menge Menschen finanziell immer großzügig unterstützt hatte. Noch Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft des inquisitorischen Senators standen Hammetts Bücher auf dem Index der öffentlichen Büchereien. Dabei verfolgten ihn die Steuerbehörden seit dem ersten Prozess gnadenlos. Die letzten Jahre überlebte er nur durch Tantiemen aus dem Ausland und die Unterstützung seiner einstigen Lebensgefährtin Lillian Hellman. Er starb 1961 als gebrochener Mann an Krebs.

Drei Monate nach dieser Anhörung, am 22.Juni 1953, erging eine vertrauliche Anweisung des State Departments an die amerikanischen Bibliotheken in Übersee, die die Entfernung subversiver Autoren anordnete. Die Hammett-Biographin Diane Jonson berichtete: Bücher von Hammett, Lillian Hellman, Langston Hughes, Theodore W.White und eine Reihe anderer waren betroffen. Die Bücherei in Tokio verbrannte in ihrer Begeisterung die Bücher, doch in anderen Ländern legten sie sie vorsichtshalber für später beiseite. In San Antonio forderte ein Frauenkomitee die Verbrennung von Albert Einsteins VIER VORLESUNGEN ÜBER RELATIVITÄTSTHEORIE und einer Ausgabe von MOBY DICK, die von dem linken Maler Rockwell Kent illustriert worden war. Thomas Mann, der noch in Kalifornien lebte und in Nazi-Deutschland die Verbrennung seiner Bücher erlebt hatte, erlebte nun erneut ihre Verbrennung in Amerika. McCarthy war begeistert von solchen Angriffen auf verräterische oder obszöne Autoren wie Hammett.
McCARTHY: Bloß weil etwas auf einem Stück Papier steht, ist es noch lange nicht heilig.

In seiner Autobiographie ZEITKURVEN erinnert sich Arthur Miller an die Zeit des ausgehenden McCarthyismus und an Hammett:

„Kennen Sie Dashiell Hammett?“
„Natürlich, sicher.“ Was alles in der Welt konnte ein Radikaler wie Hammett mit diesem John Wayne-Typ zu tun haben?
„Er war mein Sergeant auf den Aleuten: wir schliefen ein paar Jahre lang im selben Zelt. Ich verdanke ihm alles, was ich weiß.“ Ich war sprachlos! … Mit Hammett hatte mich nie eine besondere Freundschaft verbunden, und sei es auch nur deshalb, weil er selten etwas sagte. Manchmal hielt ich seine Schweigsamkeit für eine Strategie, um alle anderen mit seinen erhobenen Augenbrauen in die Defensive zu drängen. Aber er war ein ungewöhnlicher Mann mit Prinzipien, den man einfach achten musste. Natürlich hat er wundervoll geschrieben. Trotz seines Rufes als Mann der Tat fragte ich mich oft, ob er in Wirklichkeit nicht schrecklich introvertiert war. Alles Neue der Nachkriegszeit bedachte er mit einem verächtlichen Lächeln, als sei die Vergangenheit nicht weit und die Gegenwart nicht ernst zu nehmen. Wie seine langjährige Klebensgefährtin Lillian Hellman war er im Grunde trotz seiner egalitären politischen Überzeugungen ein Aristokrat. Er gab zwar vor, die unreifen politischen Ansichten und das persönliche Versagen von Hemingway und Fitzgerald abzulehnen, fühlte sich ihnen aber eindeutig näher als den Schriftstellern der Linken. Die zwanziger Jahre waren immer noch sein Maßstab, die Zeit, in der man Talent und die interessanten Reichen unbekümmert verehrte. Schneller als alles andere brachten ihn die derzeitige Gleichgültigkeit und Kälte im Umgang miteinander in Rage.
Mir schwindelte, als Royce ebenfalls Komplize wurde: „Ich bin nur heute hier, um Rinder zu kaufen. Ich lebe in Texas. Ich könnte Sie in etwa eineinhalb Stunden hier rausfliegen. Meine Maschine steht abflugbereit auf dem Flughafen. Ich habe ein paar tausend Morgen Land, und eines der Häuser da mitten drin ist im Augenblick leer. Dort wird man Sie nie finden. Übrigens wohnte Dash in dem Haus, als sie hinter ihm her waren. Er war nur dumm genug, wieder wegzufahren, und da haben sie ihn erwischt. Er hätte nie im Gefängnis gesessen, wenn er dort geblieben wäre.“
Martin Compart



NEUE HÖRBÜCHER
24. März 2009, 3:24
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OLIVER ROHRBECK liest SHUTTER ISLAND von DENNIS LEHANE (Lübbe Audio, 6 CDs)

Das Gute zuerst: Rohrbecks Vortrag ist eine beeindruckende schauspielerische Leistung. Ihm gelingt es fast jede Figur in einem unterschiedlichen Ton zu treffen. Ein Grund, weshalb ich dem Hörbuch bis zum Ende gefolgt bin. Den Roman hätte ich spätestens nach 100 Seiten in die Tonne gehaun. Denn mit Dennis Lehane ist einer der größten Langweiler der zeitgenössischen amerikanischen Kriminalliteratur am Werk! Und er schafft es tatsächlich mit jedem Buch öder zu werden. Erst schrieb er eine Serie um ein Private-Eye-Paar, voll von Beziehungsproblemen, die eine Amelie Fried vor Verzückung glühen lassen. Dann hatte er mit dem Schnarchroman MYSTIC RIVER (von Clint Eastwood ebenso langweilig verfilmt) sowas wie seinen Durchbruch. Wie bei MYSTIC RIVER jaulen unbelesene Feuilletonisten von einem Meisterwerk. Wahrscheinlich haben sie bis auf ein paar Skandinavier und Trutschenkrimis nichts gelesen. Uninteressante Charaktere auf einer Insel, verquaster Psychomist, ein bißchen Neo-Gothic, CIA-Artischocke-Anspielungen, so dümpelt es dahin bis zum hirnrissigen Schluss. Nie wieder Lehane! Das ist Verschwendung von Restlebenszeit.

Der lange Abschied

Der lange Abschied

DER LANGE ABSCHIED von Raymond Chandler. Gelesen von Gert Heidenreich.13 CDs; 39,90 Euro. Diogenes Verlag.

Lang´ ist´s her, da bin ich gerne nachts mit dem Auto sinnlos durch Holland und Deutschland rum gefahren um dabei Bruce Springsteen zu hören, dem vielleicht größten Poeten nächtlicher Geschwindigkeitsübertretungen. Das war großer Spaß und große Freiheit. Man brauchte nicht mehr Geld als für eine erschwingliche Tankfüllung und ein paar Kaffees in Raststätten mit dem Charme eines Güterbahnhofs. War schon irgendwie prägend.
Lange hatte ich kein ähnliches Hörerlebnis. Heidenreichs Lesung von Chandlers Klassiker hat mir diese Empfindungen wieder geschenkt. Die Melancholie des Textes passt ganz wunderbar zu nächtlichen Autofahrten und sei jedem empfohlen, der längere Strecken beabsichtigt (vielleicht mit dem Auto bis Kapstadt). 956 Minuten Chandler at his best. Die inzwischen durchgesehene Diogenes-Übersetzung holpert gelegentlich, ist aber durchwegs gelungen. Ich lese den langen Abschied alle paar Jahre. Und er ist jedes Mal neu und ergreifend. Heidenreichs Vortrag ist großartig, packt einen und reißt mit.

HARD CASE CRIME bei Argon Hörbuch. Immer 4 CDs für je 16,95 Euro.

Crack

Crack

Alle gelesen von Reiner Schöne! Und das ist auch verdammt gut so. Denn Reiner Schönes kraftvolle, manchmal humorvolle, Vorträge geben den Dingern den echten Kick. Immer genau den Ton der Sujets treffend. Mit das Beste, was er seit HAIR gemacht hat. Ohne ihm zu Nahe treten zu wollen, behaupte ich mal: Die beste Stimme für große Pulp-Literatur.
Bisher erschienen:
Mickey Spillane: Das Ende der Straße
Richard Aleas: Tod einer Stripperin
Donald E.Westlake: Mafiatod
Lawrence Block: Abzocker
Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse
Ken Bruen & Jason Starr: Flop

EDWARD BOYD
Was ich wirklich nicht begreife: Warum bringen der SWF und der WDR nicht die Hörspielserien von Edward Boyd auf Kauf-CDs heraus). Der Schotte Boyd war und ist für das Kriminalhörspiel das, was Raymond Chandler für die Hard-boiled-Novel ist. Also nichts weniger als unerreichte Klasse und von einer Sprachgewalt, von der durchschnittliche Autoren nur träumen können. Und ohne Old Ray zu nahe treten zu wollen: Boyds Plots sind meistens besser, aber genauso eigenwillig. Um einen kurzen Überblick zu geben, um welche Hörspiele es sich handelt (sie werden mehr oder weniger regelmäßig in den ARD-Anstalten wiederholt:

DIE STEVE GARDINER TRILOGIE:

Die Figur des Steve Gardiner war ursprünglich die Hauptperson in Boyds Fernsehserie THE ODD MAN (1962-63).

1969 Fünf Finger machen eine Hand (40, 45, 42 und 38 Minuten)

1970 Die schwarze Kerze (57, 57 und 59 Minuten)

1973 Schwarz wird stets gemalt der Teufel (52, 48 und 47 Minuten)

UND:

1971 Kein Mann steigt zweimal in denselben Fluss (52, 54 und 54 Minuten) Davon gibt es eine Romanfassung, DER SCHWARZE ENGEL, die als Goldmann-Krimi antiquarisch für ein paar Cents zu kaufen ist.

1975 Dachse im Eulenlicht (34, 36 und 39 Minuten) 1982 gab es bei der BBC einen Dreiteiler, der auf der Hörspelserie basierte.

1986 Bullivants Match oder Brachvogel im Herbst (50, 49 und 53 Minuten)

1989 Spanische Schlösser (44, 49 und 52 Minuten)

Edward Boyd (1916-1989) war Theater-, Radio-, und TV-Autor. Er schuf die Serien THE CORRIDOR PEOPLE und die wunderbare PI-Serie THE VIEW FROM DANIEL PIKE, arbeitete an zahlreichen Serien wie Z-Cars mit. Aus THE ODD MAN gingen zwei spin-offs hervor: Die Serien IT´S COLD OUTSIDE und MR.Rose. 1967 schrieb er das Drehbuch zu Peter Hyams Klassiker ROBBERY mit Stanley Baker.
Aber sein größter und bleibendster Eindruck sind seine Hörfunkserien, die schlichtweg zu den Höhepunkten des gesamten Genres Kriminalliteratur zählen. Wie jedes gute Kunstwerk kann man sie wieder und wieder hören, wird in ihrer Dichte immer wieder etwas Neues finden. Eine Reproduktion in Spitzenqualität auf CD ist überfällig. Die deutsche Dramaturgie und Regie (Heiner Schmidt) ist perfekt. Absolut ein Höhepunkt deutscher Hörspielkunst, wie man sie heute nie oder selten zu Ohren bekommt. Wenn ich eine Boyd-Phase habe (in regelmäßigen Abständen), höre (im wahrsten Sinne des Wortes ich erst auf, wenn die Ohren bluten.