Martin Compart


Ein Leipziger Autor stellt sich und sein Debüt vor by Martin Compart
2. September 2014, 6:13 vormittags
Filed under: Alexander Trabert, Crime Fiction, E-BOOKS, Krimis | Schlagwörter: , ,

Gelesen habe ich schon immer gerne und viel, erst historische Abenteuerromane und ab meinem fünfzehnten Lebensjahr Thriller und Krimis. Besonders angetan hatten es mir damals die Tatsachenromane und Thriller von Harry Thürk, deren Handlungsort Asien war.

Nach der Wende 1989/90 entdeckte ich dann die Bücher von Marc Olden, Elmore Leonard, Jack Higgins, Robert Daley, Mai Sjöwall/Per Wahlöö, Joseph Wambaugh, Olov Svedelid, Eugene Izzi und Ed McBain. Nachdem ich die Romane des „World Class Detroiters“ Elmore „Dutch“ Leonard und seines Kollegen Eugene Izzi aus Chicago gelesen hatte, erwachte in mir der Wunsch auch Geschichten, deren Protagonisten Gangster, Polizisten und gesellschaftliche Verlierer sind und in dem Erzählstil der beiden Autoren zu schreiben, ohne jedoch diese billig zu kopieren.

Doch lange Zeit tat sich in Punkto Schreiben nicht viel bei mir. Um die Jahrtausendwende begann ich einen Thriller, aber leider brachte ich damals nicht mehr als eine A 4-Seite zustande und das ist ja für einen Thriller ein bisschen wenig. Mehr als eine Seite hatte ich auch nicht geschrieben, als ich Mitte der Achtziger einen historischen Abenteuerroman, der zu der Zeit, als sich die Griechen und die Römer um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum bekriegten, spielen sollte, zu Papier bringen wollte.

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Dann begann im Mai 2007 im Südosten des wiedervereinigten Deutschlands eine der schmutzigsten Affären Mitteldeutschlands nach der Wende. Die Affäre erlangte unter dem Titel „Sachsensumpf“ deutschlandweit traurige Berühmtheit. Plötzlich drangen Informationen über alte und neue Verbrechen, die seit Anfang der Neunziger im Freistaat Sachsen begangen worden waren, wieder an die Öffentlichkeit. Für die Opfer dieser Verbrechen und deren Angehörige war dies natürlich überhaupt nicht gut und für die Täter selbstverständlich auch nicht, doch mein Mitleid mit den Letzteren hält sich sehr, sehr in Grenzen oder ist gar nicht vorhanden. Für mich aber, der zu dieser Zeit mit dem Gedanken spielte, ein Sachbuch über die Entwicklung der Organisierten Kriminalität in Leipzig seit der Wiedervereinigung zu schreiben, waren diese Informationen äußerst interessant. Ich begann wie ein Besessener Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zu dieser Affäre zu sammeln und tue es auch heute noch, obwohl sie zuletzt ja irreführend lapidar nur eine „Aktenaffäre“ genannt und von der sächsischen CDU äußerst ungeschickt abmoderiert wurde.

Als ich dann aber merkte, wie sich der Wind ab Juni 2007 drehte und ab 2009 zu recht kritische Journalisten, ehemalige Opfer und fähige und engagierte Staatsdiener vor Gericht gezerrt wurden, verwarf ich den Gedanken, das obenerwähnte Sachbuch zu schreiben. Ich beschloss nun den „Sachsensumpf“ und den „Diskokrieg“, der Leipzig in den Jahren 2008 und 2009 in Unruhe versetzte, als Vorlagen für einen harten Thriller zu nehmen, den ich schon schreiben wollte seit ich 18 geworden bin.

So begann ich im Juli 2008 mit der Arbeit an meinen Debütroman. Da ich mich, während ich an dem Buch schrieb, um so „nebensächliche“ Dinge wie Studium und Arbeit, um selbiges und den Lebensunterhalt zu finanzieren, kümmern musste, und ich auch noch ein Privatleben habe, dauerte es bis zum Mai diesen Jahres, bis ich das Buch veröffentlichen konnte. Jetzt ist es als E-Book und auch als Druckausgabe bei Amazon.de unter dem Titel „L.E. 2007“ erhältich.

Lest selbst und bildet euch ein Urteil! Kundenkritiken könnt ihr natürlich auch schreiben. Konstruktive Kritik, nett formuliert, höre ich immer gerne.

Alexander Trabert, im August 2014

 

L.E. 2007: Ein Thriller aus Leipzig

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Neues eBook by Martin Compart
22. September 2013, 7:15 nachmittags
Filed under: Brit Noir, Die Krays, E-BOOKS | Schlagwörter: , ,

DIE KRAYS - Ein Gangster-Mythos

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Als Dank dafür, dass die FDP rausgeflogen ist:
Am nächsten Wochenende als kostenloser Download.

Der Auszug der FDP aus dem Bundestag schließt die Lücke, die sie hinterlässt.



NEUES E-BOOK: über Noir-Fiction by Martin Compart

Eine Reihe dieser Texte sind in irgendeiner Form bereits in unterschiedlichen Medien veröffentlicht worden. Andere hatte ich für diesen Blog geschrieben. Allerdings ermöglicht mir diese Form eine neue optische und inhaltliche Präsentationsform, die – hoffentlich – neue Blickwinkel ermöglicht. Außerdem ist es doch wohl nicht verwerflich, wenn ich damit ein paar Cent verdiene. Ich bin immer wieder mal darauf angesprochen worden, einen neuen Reader zu machen. Dem versuche ich hiermit nachzukommen. Ein weiterer, über Spionageliteratur, soll folgen.
Richtig genießen kann man die Cover und das Bildmaterial auf einem Tabloid (reinzoomen, vergrössern und in Farbe).

PAINT IT BLACK - über Noir-Fiction

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Rezensionen, Essays, Portraits, Lesetipps und Analysen zur Noir-Fiction. In diesem mit selten gesehenen Bildern ausgestatten Noir-Reader veröffentlicht Compart Einblicke in die Welt der Noir-Literatur. Wer sich für düstere Kriminalliteratur und existenzialistische Thriller interessiert, bekommt nicht nur Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Genres, sondern auch Lektüre-Tipps von jemand, der sich fast sein Leben lang mit allen Facetten der Noir- und Kriminalliteratur beschäftigt.
Martin Comparts Arbeiten sind dafür bekannt, dass sie ebenso unterhaltsam wie analytisch und provokant sind.

Aus dem Inhalt:
On the Noir Road: Die schmutzigen Straßen des JAMES CRUMLEY,
CHARLES WILLEFORD: Keine Hoffnung für die Lebenden, Der Texaner: JOE R.LANSDALE, EVIL von JACK KETCHUM, Es war einmal in Washington: GEORGE P.PELECANOS, Queneau in den Mean Streets: JAMES SALLIS, Stadtführer für Perverse: MATTHEW STOKOES Roman HIGH LIFE oder Noir goes mainstream, ,PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie, HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum Backwood-Genre, WAS IST PULP?, LEO MALETS Schwarze Trilogie und der Neo-Polar, Noir-Abenteurer: PIERRE MACORLAN und vieles mehr.



DER SODOM KONTRAKT by Martin Compart
26. Juli 2013, 9:15 vormittags
Filed under: E-BOOKS, Sodom Kontrakt | Schlagwörter: ,

Als Erinnerung an meine Katze Kuching, die vor zwei Jahren gestorben ist, gibt es bei Kindle Anfang August drei Tage lang meinen Roman DER SODOM KONTRAKT als kostenlosen download.

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DER SODOM KONTRAKT

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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: WILLIAM WINGATE, DON DER PROFI-KILLER by Martin Compart

41G+olO9z7L._SY300_[1]In HONGKONG: LET CANDICE GO (VERSCHOLLEN IN HONG KONG) ,1985, verschwindet die 14jährige Tochter des Ex-Marine Anthony Rice spurlos aus einem Hongkonger-Kaufhaus. Bald stellt sich heraus, dass die Triaden die hübsche Candice entführt haben um aus ihr eine Sexsklavin zu machen. Wie so üblich, wenn Bürger in Not sind, nützen die Institutionen gar nichts, weder Konsulat noch Polizei. Denn HongKong hat etwa 200 kleinere und größere Inseln und Candice könnte zur „Ausbildung“ auf jede dieser Inseln verschleppt worden sein. Absolut brillant schildert Wingate durch seinen Ich-Erzähler die Atmosphäre der Stadt und den Zorn und die Hilflosigkeit in dieser Situation. Aber Rice hat noch einen Trumpf im Ärmel: Seit der Evakuierung Saigons 1975 schuldet ihm der CIA-Mann Tarrant einen Gefallen. Und den fordert Rice jetzt ein. Tarrant schickt ihm seien unheimlichsten Mann: den bulgarischen Überläufer und Profi-Killer Yazov, alias Crystal, alias Hardacre, alias Miami Slim. Der hat einen ganz einfachen Plan: den Triaden so lange in den Arsch treten und sie mit biblischen Plagen zu überziehen, bis sie Candice entnervt freiwillig heraus geben.

Das klingt wie ein primitiver Action-Film, ist es aber natürlich nicht. Denn Wingate ist ein großartiger Schriftsteller und spätestens mit diesem, seinen fünften Roman um Yazov, den neben Trevanians Nikolai Hel besten Profi-Killer der Kriminalliteratur, auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Er verleiht seinem Ich-Erzähler eine ganz eigene Stimme, die den Leser von Anfang an in den Bann zieht und mitempfinden lässt. Wie der wütende Ex-Marine mit einer für ihn kaum durchschaubaren Kultur konfrontiert ist, wie seine nervige Frau durchdreht (und er damit auch noch zurecht kommen muss), dass ist schriftstellerisches Können auf hohem Niveau und deshalb auch spannende Unterhaltung. Das William Wingate seit 1986 keinen weiteren Roman mehr geschrieben hat, ist für jeden Thriller-Afficionado ein herber Verlust. Der unglaublichen Dämlichkeit der Verlagsindustrie (und Hollywood) ist es zu verdanken, dass er aufgehört hat. Der HongKong-Roman ist übrigens nur auf deutsch 1989 bei Ullstein erschienen und erlebte kürzlich seine englischsprachige Erstveröffentlichung als eBook! Wingate: “Only Germans were tough enough to buy the book. It was never published in English..Other publishers made promises, but wanted changes to make the book more ‘politically correct’. One disliked the idea of ‘gooks’ being used to describe an incident in the war in Vietnam, another hated that one of the major villains was a gay Chinese torturer.
My publishers and I could not agree.So, Thank you Charles Darwin—of Survival of the Fittest fame—that the day of the High & Mighty Publisher is over. Publishing has ‘evolved’ beyond ‘High &Mighty’ publishing.In the bad old days you really had to ‘suck around’ and ‘toe the line’.And if you couldn’t do that, then you were out of luck.Thank Amazon/Kindle that I don’t have to do that any longer.The Internet has broken the power of the traditional High & Mighty Publishers…”

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William Wingate ist eines der bestgehütesten Geheimnisse des Thrillers. Trotz gewisser Erfolge (eine Hollywood-Verfilmung) hat er unbegreiflicher Weise nie den verdienten Durchbruch zum internationalen Bestsellerautor geschafft. Vielleicht hat er auch zu früh demoralisiert aufgegeben: Seine fünf Crystal-Romane erschienen zwischen 1977 und 1989. Über ihn ist wenig bekannt. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der 1939 geborene südafrikanische Jurist Ronald Ivan Grbich. Er ist ein begeisterter Pokerspieler, wie das 2011 veröffentlichte eBook „Wake up late, read This … Play Winning Poker before Noon“ beweist. Außerdem kennt er sich mit Macchiavelli aus, wie das witzige Sachbuch „The Don: How to Run a Mafia Family“ belegt.
Mehr weiß man nicht. Ich selbst hatte Mitte der 1980er nur ein kurzes, angenehmes Telefonat mit ihm. Aber statt Mr.Grbich auszufragen, habe ich ihm nur enthusiastisch seine Romane erklärt. Mann, ich muss damals einige Autoren wirklich amüsiert haben.

Wingates Romane sind nicht gerade dünn, aber auch nicht so retardierend und umfangreich wie die seiner Bestsellerkollegen Tom Clancy, Clive Cussler, Dan Brown, David Baldacci Adler Olson oder Ken Follett (die retardierend sein müssen, da sie für ein Publikum arbeiten, dass nur über ein geringes Kurzzeitgedächtnis verfügt). Aber jeder Satz sitzt. Selbst ein ganz ordentlicher Autor wie Vince Flynn verliert sich zu oft in langweiliger Minutiösität. Dagegen ist Wingate immer temporeich. Selbst wenn er innehält um einen Ort, Charakter, eine Atmosphäre oder eine Technologie zu beschreiben, gelingt es ihm, zu faszinieren.
Besonders in den beiden Romanen, die er in der ersten Person verfasst hat, zeigen sich seine Fähigkeiten. Er treibt darin nicht nur Spannung und Setting voran, sondern entwirft auch die packenden Charakterstudien einer 15jährigen Hinterwäldlerin und eines verzweifelten Vaters und Ex-Marine.

51en0xw5FqL[1]Sein Held Yazov, alias Crystal oder Hardacre, ist ein völlig amoralischer Killer ohne goldenen Herzen. Er kennt weder Liebe noch Loyalität und ist nur an seinem Überleben und Lohn interessiert. Oder wie Rice sagt: “Er war der unvergeßlich gefährlichste Typ, dem ich je begegnet bin. Vielleicht hatte er zu diesem oder jenem Zeitpunkt für alle Agencys gearbeitet, Gottes Arbeit getan, die Bevölkerungsstatistik in Grenzen gehalten. Er war nur mit der Kneifzange anzufassen.” Wen Yazov Mauern niederreißt, interessiert es ihn ein en Dreck ob es sich dabei um tragende Wände handelt. Eine interessante Figur, die Entfremdung als Autarkie definiert.
Eingeführt wurde er im ersten Roman FIREFLY (FEUERSPIEL), 1977. Das Buch spielt Anfang der 1970er auf der Höhe des Kalten Krieges. Angeregt wurde Wingate durch einen realen U-Boot-Unfall der Sowjets, den der große Journalist Seymour Hersh damals für die International Herald Tribune aufgearbeitet hatte. Ein mit der neuesten Technologie ausgestattetes Atom-U-Boot sinkt nach einem Unfall im Pazifik. Im Gegensatz zu den Amerikanern verfügen die Sowjets nicht über die Möglichkeit das Schiff zu orten. Die CIA will natürlich das Wrack bergen um es auszuwerten. Dazu benötigt sie die Hilfe durch einen an Howard Hughes orientierten Konzernchef, der nicht alle Tassen im Schrank hat. Als das Bergungsunternehmen anläuft, verrät es der engste Mitarbeiter des Tycoons. Und nun kommt Yazov, der beste Mann der Russen ins Spiel und dreht die Handlung ins aberwitzige.
Wingate hatte kein Problem, seinen Erstling umgehend an den ersten Verlag zu verkaufen. Es war auf der Höhe der Thrillermanie der 1970er Jahre und Forsyth, LeCarré, Higgins, Trevanian, Deighton oder Follett hatten die Bestsellerlisten fest im Griff. Tatsächlich liest sich FIREFLY sehr an Forsyth orientiert. Erst mit dem Einführen von Yazov entwickelt sich sein eigener Ton. „But English-world best-sellerdom was not to be. Fireplay did not become thriller of the year and I was not the new Frederick Forsyth. See, again in retrospect, Fireplay had one great flaw. Men don’t read novels much, mostly women do. At least in big numbers that matter to markets. And in its essentially all-male spy world, Fireplay lacked a major female heroine. Q.E.D. And so, among other improvements in this ebook version, I have revised Fireplay to create such a major female character. John Mallory becomes JoAnn Mallory. Elementary, my dear Watson…If only I had known that, done that, then…”

Auch BLOODBATH (BLUTBAD), 1978,3548103073[1] wurde von der Realität inspiriert: die Entführung der Air France durch Deutsche und Palästinenser nach Entebbe und diie Geiselbefreiung durch ein israelisches Kommando-Unternehmen. Diesmal soll Yazov den Diktator von Uganda umlegen. „In the novel, Idi Amin was thinly disguised as Obama Okan, two names common enough in East Africa. Since then, time has moved on, and it is probably more politic to write of Idi Okan rather than Obama Okan. And so I have“, sagt Wingate zur Neuausgabe als eBook.

In HARDACRE´S WAY/SHOTGUN (DIE VERGELTUNG DES FREMDEN), 1980, wechselte Wingate erstmals von der Perspektive des allmächtigen Erzählers zum Ich-Erzähler. Der Roman ist eine Noir-Version von Jack Schaefers klassischen Western SHANE. Yazov kommt in ein kleines Nest in Tennessee und räumt mit einem sich dort niedergelassenen alten Mafioso und seiner Gang auf. Der Roman könnte fast eine Blaupause für Lee Childs Rearcher gewesen sein (allerdings ist Reacher ein harmloser Messdiener im Vergleich zu Yazov). Der alte Don hat ein Auge auf die 15jährige Lou geworfen, die die Autowerkstatt in Schwung hät, in der Yazov mit seinem kaputten VW Käfer gelandet ist. Der Roman wird aus ihrer Perspektive erzählt. Also wird Yazov in die ganze Geschichte hinein gezogen.Ym4yNzk2[1] Zwei Killer des Don, deren Dialoge einen Kritiker an die aus Hemingways THE KILLERS erinnerte, wollen Yazov, der sich hier Hardacre nennt, umlegen – und so beginnt der blutige Reigen. SHOTGUN war Wingates erfolgreichstes Buch und wurde mit Burt Reynolds und Cliff Robertson als MALONE mittelprächtig verfilmt. „It wasn’t a bad movie. Only I wish they had stuck more closely to the last third of the book—and my ending, not their own. Mine was much, much better. At least, I think so.” An dem Film war der Autor dieser Zeilen wohl nicht ganz unbeteiligt: Kurz nach dem ich meinen Job als Herausgebe bei Ullstein begonnen hatte, schickte ich das Buch an Adel-Productions, die Produktionsfirma von Alain Delon (in Frankreich wurde es nicht veröffentlicht, dabei hätten die Franzosen einen Autor wie Wingate sofort goutiert). Ich war (und bin) der Meinung, es war ein perfekter Filmstoff für Delon. Außerdem hätte man die Handlung problemlos nach Frankreich oder Spanien transponieren können. In der Delon-Firma lag es dann eine Weile mit vielen anderen möglichen Projekten herum. Schließlich griff es sich der Drehbuchautor Christopher Frank, mit dem Delon an seinem Film LE BATTANT zusammen gearbeitet hatte, und machte – wahrscheinlich mit Delons Einverständnis – einen Hollywood-Deal. Zwar wurde auch SHOTGUN nicht der erhoffte internationale Bestseller, aber immerhin erleichterte der Film-Deal Wingates künftiges Leben: „I used the upfront money for Malone in a crazy investment nobody with half a brain would have looked at twice. And when the investment, by some miracle or two, actually worked out I got paid only half the money the folks I invested with were supposed to pay me. But that is another story…Anyway, half or not, it helped me quit my day job and not really have to do much more after that—like having to wake up every day and do something real for a living. So I am grateful to Malone and Burt Reynolds. Only I wish the investment people had stuck more closely to the deal first agreed—our agreement, not their own.”

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Als vorletzter Roman erschien 1983 CRYSTAL, vielleicht neben HONG KONG mein Lieblingsroman von Wingate. Diesmal räumt der Killer unter den Drogenbossen der French-Connection auf. „I did much research for Crystal, and visited most of the cities that figure in the book, including the docks of Istanbul, Marseille and New York. So, in the end, I believe the novel has an authentic sense of place and time.And in the end too, I could have grown, treated and made heroin myself. Much of the detail about how heroin gets from poppy planting in Turkey to the pretty, white crystalline stuff on the docks of New York is largely true, though I fudged some of the chemistry to avoid problems with crazies.”!BqgdU-QBmk~$(KGrHqUOKiEEuZqSK+ryBLvyeD!Hrw~~_35[1]

Wer auf literarisch gute Polit-Thriller steht und keine Probleme mit extremer Gewalt und Sex hat, der sollte nicht auf die Lektüre von Wingate verzichten. Im Gegensatz zu manch anderen Autoren kann er nämlich extreme Situationen schreiben. Er ist ein harter, böser Zyniker, fernab von jeder politischen Naivität. Bei ihm brennt höchstens Napalm am Ende des Tunnels. Und keiner seiner Romane gleicht vom Plot her den anderen – ausgenommen darin, dass Yazov es in jedem richtig krachen lässt. Man bekommt alle seine Bücher noch antiquarisch oder eben jetzt als kostengünstige eBooks. Allerdings wird man nach der Lektüre des „real McCoy“ Probleme mit aktuellen Bluffern haben. Nie waren Polit-Thriller so noir…

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Schund! Theorie und Praxis eines Versuchs von Dieter Paul Rudolph by Martin Compart
23. April 2013, 7:52 vormittags
Filed under: Dieter Paul Rudolph, E-BOOKS, Heftroman, Pulp | Schlagwörter: , , ,

Dieter Paul Rudolph stellt, ausgehend von theoretischen Überlegungen, hier das Verlagsprojekt SCHUNDHEFTE vor.

Das Theoretische…

Ach ja, Schund. Über Schund redet man nicht, an Schund verdient man. Schund, das ist, sagen wir das böse Wort, Unterschichtlesen. So anspruchsvoll wie Reality-TV, so nahrhaft wie ein XXL-Whopper, so kurzlebig wie die Sozialknete, für die man – neben dem obligatorischen Flachbildschirm – gelegentlich Minderleisterlektüre ersteht, um sie im bildungsfernen Milieu soziologisch korrekt zu konsumieren.

Schund, kurz und bündig, das ist ein Pfeil im Arsenal der sozialen Diffamierung. Historisch betrachtet, steht er für die Kolportage- oder Hintertreppenliteratur des 19. Jahrhunderts, angeblich von Dienstboten gelesen (was nicht stimmt; meist wanderte die Lektüre von der Herrschaft hinunter zu den Domestiken) und eben das genaue Gegenteil dessen, was das Bildungsbürgertum, das damals tatsächlich auch noch Vermögensbürgertum war, zu lesen pflegte. Offiziell jedenfalls. Später schuf man neue Namen für das Schmuddelkind, Trivialliteratur, Unterhaltungsliteratur, Heftchenliteratur, sie fand als Forschungsgegenstand Eingang in die akademischen Überlegungen (insbesondere im Nachklapp der 68er Jahre), war dann allerdings zumeist von literatursoziologischem Interesse (Rezeptionsforschung), kaum von literarischem. Immerhin stellte sich heraus, dass einige amerikanische Krimiautoren es geschafft hatten, trotz zweifelhafter Pulp-Herkunft eine schöne Karriere zu machen, Hammett und Chandler natürlich.

Gerade beim Krimi allerdings wird deutlich, wie vage der Begriff Schund die Dinge umschreibt. Was wir heute Kriminalliteratur nennen, verdankt sich dem Einfluss des Versatzstückhaften und Knalligen auf die literarische Grundessenz. Es bediente sich bei der Verbrechensliteratur von den griechischen Tragöden bis Schiller und Kleist, bei den Schauerromanen und den Mysterien der Romantik, naschte vom Realismus und spannte den Mechanismus einer immer industrialisierten Gesellschaft für seine Zwecke ein. Die Entwicklung des Genres mit seinen Regeln war also eine Entwicklung zum Trivialen, seine aktuelle Ausprägung, in solchen Wortungetümen wie „anspruchsvoller / literarischer Krimi“ fixiert, muss daher als Rückschritt bezeichnet werden. Das ist wahrscheinlich ein literaturbiologischer, gar kunstbiologischer Prozess, eine Form von Degenerierung und beileibe nicht singulär.praz+liebe-tod-und-teufel-die-schwarze-romantik[1]
Zwei Beispiele. Vor über 200 Jahren entstand kunstübergreifend die Romantik. In ihrer literarischen Ausprägung war sie ein Gegenstück zur formal hochgezüchteten Klassik, ihre dunkle, vage Ausformung, allerdings ohne die klassischen Antworten, dafür mit umso mehr Fragen. Sie war, nebenbei, auch hochpolitisch. Ihr widerfuhr im Laufe der Zeit nun das, was wir ihre „Popularisierung“ nennen wollen. Heute ist der Begriff „Romantik“ gleichbedeutend mit einem küssenden Pärchen auf der nächtlichen Parkbank unter dem diskreten Vollmond oder einem Strauß Rosen zwischen zwei Kandelabern mit flackernden Kerzen und einem geigenden Schmalztopf in der Lautsprecheranlage.

Wenn wir schon bei der Musik sind: die „Neue Deutsche Welle“. Das war, die Älteren erinnern sich vielleicht, einmal der musikalische Output genialer Dilettanten auf billigen Casio-Keyboards, auf MusiCassetten gespeichert und u.a. von dem Journalisten Alfred Hilsberg auf Winziglabels vertrieben, Hilsberg, der auch den Begriff „Neue Deutsche Welle“ prägte. Nur wenige Jahre später war „Neue Deutsche Welle“ dies: schlagerjodelndes Jungvolk mit schnoddrigen Texten zu leidlich aufgepeppter Popmusik, wo sich Lima auf Klima und Gas auf Spaß reimte, ein Riesengeschäft eben.

Was war geschehen? Zwei künstlerische Bewegungen hatten sich – vorwiegend aus ökonomischen Erwägungen – verkitscht. Kitsch? Man hält bisweilen Kitsch für ein Synonym von Schund, aber das ist grundverkehrt. Während Schund, wie bereits erwähnt, ein soziologischer Kampfbegriff ist, steht Kitsch für eine literarische Diagnose. Kitsch bezeichnet das Unechte, Verzuckerte, Abgeschliffene, Nachahmende, Verstiegene, er ist allgegenwärtig, in der sogenannten Hoch- ebenso wie in der, nun ja, Schundliteratur. Kitsch versucht krampfhaft, „Literatur“ zu sein, dieses auf das Ergebnis einer schlechten Deutschstunde reduzierte Kulturgut mit seinen Textinterpretationen und Subtexten, seiner stilistischen Brillanz und seiner Bedeutungsschwere. Das meiste davon ist, wie gesagt, längst antiquiert, Schmuckverpackung für schalen Inhalt, Transportmittel für banalste Weisheiten.

Im Krimigenre, dem wir, siehe oben, eine gewisse Neigung zum Dekadent-Degenerierten nachsagen wollen, ist der Kitschanteil besonders evident. Sobald etwa ein Protagonist zu grübeln anhebt, erscheint vor dem inneren Auge des erfahrenen Lesers, der routinierten Leserin augenblicklich der Warnhinweis „Vorsicht, Kitsch!“ Und meist zu Recht. Da Krimis immer auch Unterhaltungsliteratur sind und damit automatisch unter Schundverdacht stehen, wird dieser Kitsch zumeist mit eben jenem Schundanteil assoziiert – und nicht etwa, wie es zutreffender wäre, mit seinem intendierten Maß an Hoch- und Schwerliteratur. Dabei liegt genau hier das Problem. Die meisten Kriminalromane sind nicht deshalb unlesbar, weil sie „Schund“, vulgo: unterhaltsam sind, sondern weil sie beanspruchen, „Literatur“ zu sein (die gute, die hehre, die anspruchsvolle), diesen Anspruch aber nicht einlösen können.

Zurück zum Schund. Er soll uns unterhalten, er soll uns die Zeit vertreiben, er soll positive Gefühle in uns wecken, zum Weinen oder Lachen bringen. Die Diffamierung des Schunds ist dabei unauflöslich mit der behaupteten Abwesenheit von Nachdenken verbunden, jener fortschrittlichen Gehirnfunktion also, von der angenommen wird, sie werde bei „Hochliteratur“ automatisch aktiviert (nichts könnte irriger sein…). Wer sich darauf einlässt, dass man an seine niederen Instinkte appelliert (denn genau darum geht es beim Schund), schaltet nicht unbedingt seinen Verstand ab. Dass er ihn nicht einsetzen kann, liegt nicht am „Schund“, es liegt an den Produzenten desselben.
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Wenn wir für einen Moment die Argumentation der Schundverächter übernehmen wollen, dann können wir feststellen, dass Schund ein ideales Transportmittel für unangenehme Wahrheiten sein kann, für die produktive Arbeit mit den unappetitlichen Seiten der Gesellschaft, für die Vorurteile, die banalen Geheimnisse oder den Potemkinismus der Schleiflackkultur. Er ist, im Wortsinne, „trivial“, sprich: jedermann zugünglich. Im Schund, dessen Leserschaft nicht auf intellektuelle Feinkost aus ist, fühlt sich der ungeschliffene Klartext am wohlsten, die Regelverletzung, das hemmungslose Spiel mit den Versatzstücken, das Ersetzen der verdünnten Lesebrühe durch den kräftigen Extrakt.

So wie das Starkgebärdige des Schunds konstituierend für das Genre des Krimis wurde, so destruierend wirkt sich seine Verkitschung aus. Spätestens seit Mankell regiert der Psychokitsch, einhergehend mit dem Politkitsch. Der Krimi als ABC-Fibel für das Einpauken der Gut-Böse-Weltbilder mitsamt einer beruhigenden Portion Küchenpsychologie, die Schweinereien der Globalisierung als auf der To-Do-Liste des Anspruchsvollen abzuhakende Items. Neben dem Kitsch der Erniedrigung von Geschichten und Sprache existiert also auch der Kitsch der Erhöhung von Geschichten und Sprache zu einem letztlich affirmativen System von „Anspruch“. Wer nicht liest, um sein Gehirn bei der Bearbeitung des intellektuellen Common Sense hörbar ächzend in Schwingungen zu versetzen, wer gar nur „aus Wolluscht“ schmökert, fällt ohne Umschweife aus der Hochkultur.

… die Zurichtung des Theoretischen…

Schund als Kampfbegriff. Was sich wie ein roter Faden durch die kulturelle Entwicklung zieht, kann auch als die Diffamierung des Denkens außerhalb akademischer Bahnen, außerhalb intellektueller Verständigungssystems generell definiert werden. Dann bleibt Schund zwar ein Kampfbegriff – wendet sich aber nun gegen diejenigen, die ihn erfunden haben. Schund bedeutet nicht die Abwesenheit von Kultur, sondern ihre Anwesenheit in anderer Form. Vor allem jedoch erweist sie sich als probates Mittel im Kampf gegen den als Anspruch verbrämten Kitsch, der längst als Alibi für bahnengebundenes Denken herhalten muss. Also lasst uns Schund produzieren, um die intellektuelle Blümchentapete von den Wänden der Texte zu reißen!

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… zum Praktischen.

Die Reihe [Schundheft!] (http://schundheft.wordpress.com/) möchte gleich dreierlei ausprobieren. Erstens: Krimis und andere Genreprodukte ohne kitschige Zierleisten herstellen. Zweitens: Lesevergnügen für Bauch, Zwerchfell und Kopf. Drittens: Eine Renaissance der längeren Erzählung (mit der, nebenbei, die Kriminalliteratur begann!), die zwischen die Mühlsteine dickleibiger Thriller und flotter Kurzgeschichten geraten ist, im Zeitalter von E-Books und des problemlosen Selbstverlegens von Papierbüchern aber unverhofft eine neue Chance erhält.

Darüber steht für alle beteiligten AutorInnen das große Motto: Habt Spaß! Spielt und experimentiert! Betrachtet die Hirnmasse nicht allein als den Ort, an dem Konsumentscheidungen emotional manipuliert werden können!
Denn der Schund – oder sollten wir ihn die niederschwellige Literatur nennen? – ist ein Einfallstor für die widerborstigen Geschichten, die abgeschnittenen und in den Abfalleimer gekehrten Haare im vornehmen, parfümierten Frisörsalon des literarischen Betriebs. Schund kann subversiv sein, Schund kann dich in Gegenden deines Bewusstseins führen, von denen du bisher gar nicht wusstest, dass sie überhaupt existieren.
Die AutorInnen schreiben – unter mehr oder weniger geheimen – Pseudonymen. Sie sind im wirklichen kriminalliterarischen Leben durchweg renommierte Vertreter ihrer Zunft und sehen die Teilnahme am Schundprojekt auch als eine stilistische Entschlackungskur.

In der [Schundheft!] – Reihe (die von einer merkwürdigen Organisation namens Schundbüro herausgegeben wird) sind bisher acht Titel erschienen (ein neunter, ein Ritterroman mit Suspense!, ist in Vorbereitung). Neben traditionellen Krimis mit erfolglosen Privatdetektiven (siehe die beiden Schundromane von O.M. Gott) gibt es eine erbarmungslose Agentenpersiflage (Hans I. Glocks „Beiß die Zähne zusammen, alter Schwede“), eine Cyborg-Dystopie zu Ehren Isaac Asimovs (Isa Oblomovs „Robozid – Das große Verschrotten“), einen Western aus der deutschen Spätpubertät (Hans I. Glocks „Der Herbert ist dem Karl sein Freund“), zwei hartgesottene Krimis aus dem gesellschaftspolitischen Müll (Edi La Gurkis „Buschzulagenficker“ und „Loch Starnberg“) – und in Zukunft noch einiges mehr, gerne auch Tarzanromane, Mädchenromane, Arztromane.

60 Seiten. Schnörkellos verspielt. Weitgehend kitschfrei (garantiert unter 2%). Direkt von den Erzeugern (oder über Amazon…). Haarscharf an der deutschen Kritik vorbei, die derweil über „gute Krimis“ räsoniert. Bauchnahrung, Hirnnahrung: Vollwertsschund!

Dieter Paul Rudolph

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SCHWEINEREIEN by Martin Compart
18. März 2013, 9:36 vormittags
Filed under: E-BOOKS, Essen & Trinken, Politik & Geschichte, Tierschutz | Schlagwörter:

DCk9c[1]Das war es also mit dem Schweineschnitzel. Nach der Lektüre von Annamaria Grabowskis erhellendem Buch wird man kein anoymes Schnitzel als entfremdeten Gegenstand auf dem Teller ansehen.

Die Autorin sagt: “Ich habe mich den Tieren in der Massentierhaltung, hier besonders den Schweinen, zugewandt.Ich bin der Frage, was uns Menschen bewegt, Tiere in Massentierhaltung, Massentiertransporten, Massenschlachtanlagen zu bringen, nachgegangen.Enstanden ist dieses Buch, das auch eine Kulturgeschichte des Fleisches, des Fleischgenusses, aber auch der Gewalt ist. Vorgestellt wird auch die Situation derer, die in Schlachthöfen, auf Tiertransporten und Auktionshäusern für Farmtiere arbeiten;die Frage wird gestellt, welche Auswirkungen ihre Tätigkeit auf ihre Umwelt, die nähere und weitere, haben könnte, wleche Folgen chronische Gewalt an Tieren bei Tier und Mensch auslöst. Wissenschaftler werden zitiert, die nach intensicen Forschungsarbeiten davon überzeugt sind, dass Schweine intelligente, aufgeweckte und soziale Tiere sind. Es wird berichtet von Hamlet und Omelette, zwei Schweinen, die Videospiele lieben, von Lulu, die die Mutter ihrer Besitzerin rettet, von Schweinen, die sich selbst im Spiegel erkennen, die schwimmen und tauchen können, ach und noch so viel mehr.Das Schreien und Weinen der Schweine, bei der Kastration der Ferkel, bei der Wegnahme der Ferkel vom Muttertier, bei Abholung für den Transport zum Schlachthof, beim Schlachten am Hof, hat mich so bewegt, dass ich mich daran machte, über das Leben der Schweine zu recherchieren.”

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Mit Engagement und Sachverstand
Rezension von Melody

Mit bewunderungswürdigem Engagement widmet sich die Autorin dem Schicksal der Schweine in unserer Kultur und in unserem Alltagsleben. Sie schildert die Zustände in den Fleischfabriken und beleuchtet die reichhaltige Literatur zum Verhalten – und ebenso der Intelligenz – dieser so neugierigen und verspielten Säugetiere und kommt zu erschütternden Ergebnissen. Wer dieses Buch mit Herz und Verstand liest, ist aufgefordert sein eigenes Verhalten zu überdenken. Es liegt auf der Hand, daß billiges Schweinefleisch wie es gerade in Deutschland en masse “produziert” wird, mit unsäglichem Tierelend einhergeht und die Mehrheit der VerbraucherInnen dies akzeptiert, weil sie nicht von ihren Essensgewohnheiten ablassen mag, wozu Schweineschnitzel und Wurstwaren gehören. Grabowski zeigt, welche Folgen dies hat, für unsere Gesundheit, unsere Umwelt, unser Wohlbefinden – und das Leben der Tiere, das kaum mehr als “Leben” und definitiv nicht als artgerechtes Leben bezeichnet werden kann. Auf fast 1000 Seiten zeigt uns die Autorin alle Aspekte des Schweinelebens, und der Bedeutung, die dieser systematische Mißbrauch für uns alle hat.
Wer nun ein trockenes Sachbuch erwartet wird eines Besseren belehrt. Mit zahlreichen Abbildungen, Textcollagen und eigenen Meinungen macht die Autorin dieses Buch trotz seiner erschütternden Thematik zu einer erträglichen und abwechslungsreichen Lektüre, wobei die Ernsthaftigkeit ihres Ansatzes, der durch Hinweise auf die moderne Tierethik und Tierphilosophie unterstützt wird, immer präsent ist. Problematisch ist Grabowskis Versuch die Schoah und die Massentierhaltung miteinander zu verknüpfen und in diesen ohnehin sehr anspruchsvollen Text einzufügen. Dies könnte manchen LeserIn zu Mißverständnissen verleiten, eine Gefahr die der Ankündigungstext nahelegt; die Verknüpfung von Schwein und Schoah ist nicht ausreichend dargestellt. Muslimische und jüdische LeserInnen wird diese Verknüpfung irritieren: das Schwein ruft in vielen Kulturen und Religionen negative Assoziationen hervor und wird als “unrein” betrachtet; ein Vergleich von Mensch und Schwein gilt als massive Beleidigung. Annamaria Grabowski, die auch Psychologin und Psychotherapeutin ist und zur Veröffentlichung einen eigenen Verlag gegründet hat, stellt die industrielle Tierproduktion und Tiervernichtung und die deutschen Vergangenheit in ein Kontinuum.
Kurzum: Ein mutiges und engagiertes Buch mit politischem und gesellschaftsveränderndem Anspruch, reichhaltigem Fotomaterial, ausführlichen Texten, dem unbedingt eine große Verbreitung zu wünschen ist.

Schwein gehabt? - Gewalt auf unseren Tellern

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