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1962 kam mit „Dr. No“ der erste Bond-Film in die Kinos und löste in der westlichen Welt das aus, was als „Bonditis“ in die Kulturgeschichte eingehen sollte. Parallel zur Beatlemania erreichte der 007-Kult mit „Goldfinger“ 1965 den Höhepunkt, und Sean Connery wurde wie ein Popstar gefeiert.
In Folge der Bond-Hysterie schossen Geheimagenten in großer Zahl in Film und Romanen wie Pilze aus dem Boden. Jeder wollte sich eine Scheibe vom Agenten-Kuchen abschneiden.
Auch in Deutschland wollte man von dieser Welle profitieren. Die Produzenten stürzten sich auf einheimische Groschenhefte und produzierten Serien über den FBI-Agenten Jerry Cotton und Guenters alte Erfindung Kommissar X.
Was lag also näher, als auch den deutschen James Bond zu verfilmen?
[Produzent Theo Werner und Regisseur Franz Josef Gottlieb schnappten sich die Rechte am ersten "Mister Dynamit"-Roman und drehten in Spanien den Film "Morgen küßt euch der Tod". Geplant war natürlich eine ganze Serie von Dynamit-Filmen. Als besonderen Trumpf verpflichtete man Lex Barker für die Hauptrolle. Der war dank der Karl-May-Verfilmungen damals auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Auch die Nebenrollen wurden prominent besetzt - mit Siegfried Rauch, Joachim Fuchsberger und dem unvermeidbaren Ralf Wolter. An Qualität und Aufwand konnte der Film natürlich nicht mit Bond mithalten. An der deutschen Kinokasse war er trotzdem recht erfolgreich, aber es sollte keine weiteren Filme mehr geben. Lex Barker mußte nämlich seine Gage einklagen und hatte verständlicherweise keine Lust mehr auf eine weitere Zusammenarbeit.
Der Film ist so mies, daß die Cotton-Verfilmungen dagegen wie großes internationales Action-Kino wirken. Er wurde in keiner Weise den Romanen gerecht, und man hatte die Chance verspielt, eine erfolgreiche deutsche Filmserie zu etablieren.
FORTSETZUNG FOLGT
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Der Diogenes Verlag hat eine Neuausgabe der Chandler-Briefe angekündigt. In einem Schreiben an den Verlag habe ich darauf hingewiesen, dass die frühere Knaus-Ausgabe mit der Übersetzung von Hans Wollschläger einer ziemlich harten Bearbeitung bedürfe. Ich verwies auf meine Kritik im SPIEGEL. Zwar bekam ich keine Antwort, aber der Erscheinungstermin wurde wohl verschoben. Hier also die alte SPIEGEL-Rezension. In den Leserbriefen der folgenden Wochen wurden noch eine Menge weitere Fehler aufgeführt und Wollschläger durfte mich auch beschimpfen und beleiodigen. Das war ein großer Spass.
DER SPIEGEL 19/1991 vom 06.05.1991, Seite 249-253
Autor: Martin Compart
Die Haare stehen einem zu Berge
Martin Compart über die Übersetzung der Chandler-Briefe durch Hans Wollschläger
Compart, 36, ist Herausgeber des Jahrbuches für Kriminalliteratur.
Raymond Chandlers Rolle in der Literatur ist längst unumstritten. Der Autor des „Langen Abschieds“ und der „Kleinen Schwester“ hat zusammen mit Dashiell Hammett in seinen kalifornischen Kriminalromanen einen Archetypus des 20. Jahrhunderts etabliert: den idealistischen Kleinunternehmer, der als Privatdetektiv für mehr Gerechtigkeit in der Welt sorgt. Daß er auch zu den großen Briefeschreibern dieses Jahrhunderts gehörte, belegte bisher in Deutschland nur der Diogenes-Band „Die simple Kunst des Mordes“, herausgegeben von Dorothy Gardiner und Kathrine Sorley Walker. Leider hatten die beiden den umfangreichen Brief-Corpus des Meisters ziemlich willkürlich bearbeitet – wie die 1981 von Chandler-Biograph Frank MacShane herausgegebenen „Selected Letters“ belegen.
Jetzt hat sich endlich auch ein deutscher Verlag dazu entschlossen, diese Briefsammlung zu veröffentlichen*. In ihr zeigt sich Chandler ähnlich witzig, klug und belesen wie in seinen Romanen und Kurzgeschichten. Tatsächlich erfährt man in diesem Buch über die Kunst – oder wie Chandler es wohl eher sah: handwerkliche Kunst – des Schreibens Eindrucksvolles.
Besonders über Hollywoods Filmindustrie und über den Beginn des TV-Zeitalters weiß Chandler seinen Briefpartnern anregend und originell, sarkastisch und bitter zu berichten. Und was er an Schelte und Lob über seine Kollegen austeilt, ist meistens treffend, immer aber witzig. Kurzum, es ist ein exzellentes Buch über das Schreiben und eine der unterhaltsamsten Briefsammlungen der angelsächsischen Literatur.
Der deutsche Leser, der auf die Lektüre des Originals verzichtet, muß sich allerdings mit einer Übersetzung zufriedengeben, _(* Raymond Chandler: „Briefe 1937-1959″. ) _(Aus dem Amerikanischen von Hans ) _(Wollschläger. Albrecht Knaus Verlag; 690 ) _(Seiten; 56 Mark. ) deren Qualität in keinem Verhältnis zum Ruf steht, den der Übersetzer genießt: Es ist Hans Wollschläger, der „Ulysses“-Neuübersetzer, der bereits Chandlers „Langen Abschied“ ins Deutsche übertragen hat. Hier, bei den Briefen, ist ihm das schier Unmögliche gelungen: Chandlers kurzweilige und direkte Prosa in eine oft gravitätisch daherstelzende Sprache zu übersetzen.
Außerdem drängt Wollschlägers Text dem Leser oft den Verdacht auf, der Chandler-Übersetzer verfüge nicht immer über sichere Kenntnisse des Chandlerschen Milieus, der amerikanischen Gegebenheiten und ihrer Sprache.
Medien wie die Pulp-Magazine scheint Wollschläger nicht zu kennen. Dabei waren diese Billigmagazine für die Entwicklung der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts von einiger Bedeutung. Autoren wie Jack London, Upton Sinclair, Sinclair Lewis, O“Henry, Tennessee Williams, Dashiell Hammett und Raymond Chandler begannen in ihnen ihre literarischen Karrieren. Über das Pulp-Magazin Black Mask schreibt Wollschläger: “ . . . daß sie und andere jahrelang in dem Buch gestanden hatten“. Genauso wie man Comic Book richtig mit Comic-Heft oder -Magazin übersetzt, sollte man auch bei den billigen Pulp-Magazinen von „Heft“ oder „Magazin“ sprechen.
An einer anderen Stelle dokumentiert Wollschläger, daß er sich offensichtlich nicht mit den amerikanischen Medien jener Zeit auskennt und daß er nicht den Unterschied zwischen dem englischen Ausdruck „novel“ (Roman) und „novelette“ (Novelle, lange Kurzgeschichte oder Kurzroman) kennt. Er übersetzt „just old pulp novelettes“ mit „alten Groschenromanen“. Der Ausdruck Groschenroman bezeichnet aber – um die Verwirrung komplett zu machen – die „Dime Novels“, Hefte, in denen romanlange Geschichten veröffentlicht wurden: direkte Vorläufer der typisch deutschen Groschenhefte, euphemistisch auch Romanhefte genannt.
Die Dime Novels erlebten ihre Blüte in den USA von 1860 bis etwa 1910 und wurden dann von den Pulp-Magazinen als beliebtestes literarisches Unterhaltungsmedium ihrer Zeit abgelöst. Während in den Dime Novels einzig ein langer Heftroman über einen trivialen Helden (Buffalo Bill, Kit Carson und so weiter) veröffentlicht wurde, brachten die Pulp-Magazine in jedem Heft verschieden — S.252 lange Kurzgeschichten („novelettes“ und „short stories“) von verschiedenen Autoren.
Aber nicht nur solche Ungenauigkeiten kennzeichnen die Übersetzung. Sie macht Chandlers direkte und unprätentiöse Sprache prätentiös. Zum Beispiel wird aus Chandlers profanem “ . . . the book now arrives“ ein hölzernes „Das Buch hat sich eingestellt“ und etwas später aus „various moods“ eine „verschiedene Gestimmtheit“. Aus „I wish Hollywood agents didn“t feel that they had to . . .“ wird „Ich wünschte, Hollywood-Agenten könnten sich des Gefühls entschlagen“. Chandler hat sich, so geht aus den Briefen hervor, den Kefauver-Ausschuß im Fernsehen angesehen. Er schreibt: „Kefauver himself is worth the price of admission any day“, also etwa: Kefauver allein lohnt das tägliche Zuschauen. Was steht bei Wollschläger? „Kefauver selbst ist den Preis der Bundeseingliederung jeden Tag wert“ – was immer das heißen mag.
Eine Seite später werden aus simplen Boten altgermanische „Sendlinge“. Wo Chandler vom hohen Ausstoß einiger Vielschreiber spricht, übersetzt Wollschläger einen „hohen Produktionsumfang“. Eine interessante Wortschöpfung findet sich da, wo Wollschläger Chandlers „catholicy of taste“ mit „Geschmackskatholizität“ eindeutscht, da muß man nicht päpstlicher als der Papst sein, um das als abstrus zu empfinden. ![0099533510[1] 0099533510[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/07/00995335101.jpg?w=135&h=180)
Holprig überträgt Wollschläger Chandlers „I don“t think the quality in the detective or mystery story which appeals to people has very much to do with the story a particular book has to tell“ zu „Ich meine nicht, daß die Qualität in der Detektiv- oder Kriminalgeschichte, die viele Leute so anspricht, sehr viel mit der Geschichte verbindet, die ein eigenständiges Buch zu erzählen hat.“
Eine lebensfremde Marotte, die Wollschläger schon in seiner Übersetzung des „Langen Abschieds“ hatte, ist die Ersetzung des Wortes „crook“ (Gauner, Ganove) durch das jiddische Wort „Ganeff“. Wer in Deutschland benutzt dieses ausgefallene Wort wirklich noch? Chandler beklagt an dieser Stelle die zunehmende Jugendkriminalität – es gibt also in diesem Zusammenhang nicht den geringsten Grund, den gebräuchlichen Begriff „crook“ durch einen im Deutschen geradezu antik gewordenen jiddischen Ausdruck zu übersetzen.
Auch vom Filmgeschäft der vierziger Jahre, an dem Chandler als Drehbuchautor (leidend und kreativ) gewichtigen Anteil hatte, scheint Wollschläger kuriose Vorstellungen zu haben. Da berichtet beispielsweise Chandler über die Regiearbeit von Howard Hawks: „Hawks shoots from the cuff more or less, he tells me, merely using a rough script to try out his scenes and then rewriting them on the set.“ Wollschläger macht daraus: „Hawks dreht mehr oder weniger aus dem Stegreif, sagt er mir, er benutzt bloß ein Rohscript, um seine Szenen zu probieren, und schreibt sie dann am Bildschirm nach.“ Offensichtlich verwechselt Wollschläger hier ein Fernsehgerät mit dem üblichen Ausdruck für Drehort („set“).
An einer anderen Stelle mutiert in seiner Übersetzung die Dramatikerin — S.253 („playwright“) Lillian Hellman zur Schauspielerin. Einem so gebildeten Menschen wie dem „Ulysses“-Übersetzer Wollschläger müßte die Autorin auch als Hammett-Lebensgefährtin und Streiterin gegen den McCarthyismus eigentlich bekannt sein. Daß der Gesang von Lauren Bacall statt „gedoubelt“ zu werden, „einsynchronisiert“ wird, ist ein weiteres Beispiel für Wollschlägers hilflose Sachferne; noch dazu, da es in einem Witz unter Drehbuchautoren auftaucht.
Komisch wird es, wenn Wollschläger „connoisseur of damp fart“ mit „Kenner der Feuchtfurzerei“ übersetzt. Zugegeben, der Dampffurz ist schwer zu übertragen. Aber im Kontext wird klar: Chandler spricht hier von Hollywoodschreibern, die ihre Sachen unter Druck schnell aus sich herauspressen, meinetwegen: herausfurzen.
An vielen Stellen wählt Wollschläger einen geschraubten Ausdruck für einen schlichten bei Chandler: Er legt seinem Autor beim Übersetzen nachträglich einen Stehkragen um. So heißt es zum Beispiel: „Ich möchte noch gern über den Punkt . . . mit Ihnen rechten.“ Chandler dagegen schrieb ganz simpel: „I dispute your point about ….“ An anderer Stelle übersetzt er „high budget mystery picture“, also einen teuren Kriminalfilm mit „hochaufwendiger Krimifilm“, was sicherlich nicht dasselbe ist.
Rätselhaft: Ein doppelter old-fashioned Whiskey macht die gänzlich unverständliche Metamorphose zu „zwei Schüssen Alte Kanzlei“ durch. Einen ähnlich kuriosen Getränkevorschlag lieferte Wollschläger bereits in seiner Diogenes-Übersetzung des „Long Goodbye“. Dort bezichtigt er den Keeper in Victor’’s Bar, daß er in einen Gimlet ein „Bitterbier“ gemischt habe. Des Rätsels Lösung: Im Original verwendet der Barkeeper „Angostura“ – was Chandler wie sein Held Marlowe als Cocktail-Puristen ablehnten.
Zuweilen findet Wollschläger eine deutsche Entsprechung, die einen klaren gesellschaftlichen Sachverhalt in ein seltsames deutsches Biedermeier überträgt. So wird aus den „old-school-ties“, also den berühmten englischen Schulkrawatten, die einen Sozialstatus annoncieren, ein altmodischer „Bratenrock“ (Chandler genoß ja bekanntlich eine britische Erziehung und hat mit dem Gegensatz zwischen kalifornischer Modernität und englischer Tradition oft gearbeitet).
Ein wenig unbeholfen erscheint es auch, wenn Wollschläger „tough“ dauernd mit „rabiat“ übersetzt, denn das heißt es nur in den seltensten Fällen.
Bizarr wird es dann, wenn Chandlers für Uneingeweihte unverständlicher Slangausruf „wukkahs“ („who cares?“, also etwa: Was soll’’s?) bei Wollschläger zu einem absolut unverständlichen „Ahbeeder“ wird. Die Haare stehen einem zu Berge, wenn er „unputdownable“ (also „man kann es nicht aus der Hand legen“ – weil es so spannend oder faszinierend ist) mit „unwiderleglich“ übersetzt.
Und so geht es fort und fort. Warum Hans Wollschläger über einen guten Ruf als Übersetzer verfügt, ist einem jedenfalls nach dieser Lektüre ziemlich unverständlich. Darauf ein Bitterbier!
— S.249 * Raymond Chandler: „Briefe 1937-1959″. Aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger. Albrecht Knaus Verlag; 690 Seiten; 56 Mark.
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VOR 79 JAHREN ERSCHIEN EINES DER EINFLUSSREICHSTEN BÜCHER DES 20.JAHRHUNDERTS
André Gide hielt ihn für einen ebenso guten Schriftsteller wie Balzac, Albert Camus verehrte ihn, und Wim Wenders verfilmte einen Roman, dessen Hauptperson er ist. Die Rede ist von Samuel Dashiell Hammett (1889-1961), einem der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er gilt als der Begründer der so genannten hard-boiled-novel, also des harten Kriminalromans, den er auf höchstes literarisches Niveau führte. Siebzig Jahre nach seiner Erstausgabe wird sein berühmtestes Buch DER MALTESER FALKE nach wie vor gelesen und hat nichts von seiner ursprünglichen Faszination verloren.
Die amerikanischen Pulp-Autoren um Hammett, deren berühmtestes Organ das BLACK MASK-Magazin war, griffen eine neue Sprache auf: Die Sprache der Straße, die Sprache der Verlierer, Arbeiter, Gangster und Geschäftemacher. In dieser Sprache stellten sie realistisch eine Welt dar, die brutal, unmenschlich und nicht mehr zu beherrschen war. Meist agieren in diesen Geschichten Detektivhelden, die versuchen Gerechtigkeit im Kleinen zu erkämpfen. Sie sind aber nicht einmal der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Bereits Hammett glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit im Mikrokosmos und wird zum Chronisten der Düsternis der Städte. Autoren wie Hemingway in A FAREWELL TO ARMS, 1929, Faulkner in SANCTUARY, 1931 oder John O’Hara in APPOINTMENT IN SAMARRA, 1934, griffen Sprache und Weltbild der hard-boiled-Autoren auf. Hammett beschrieb die Abkehr von allen zivilisatorischen Regeln, indem er seine Helden, die oft im Dienste des amoralischen Kapitals standen, zu Richtern, Geschworenen und Henkern gleichzeitig machte. Sein berühmter Nachfolger Raymond Chandler fiel in dieser Hinsicht hinter Hammett zurück, indem er romantisierte und einen staubigen Ritter die mean streets einer korrupten Zivilisation durchstreifen ließ. Ross Macdonald nannte den Chandlerschen Privatdetektiv den „klassen- und ruhelosen amerikanischen Demokraten
Spätestens nachdem sich Humphrey Bogart Trenchcoat und Hut übergezogen hatte, ist der abgebrühte, der hardboiled Privatdetektiv, ein popkultureller Mythos. In Tausenden Romanen, Comics, Fernsehserien und Filmen singt man seit Hammetts Tagen das hohe Lied vom ehrlichen Kleinstunternehmer, der sich nicht schmieren läßt und in einer korrupten Welt versucht, ehrlich zu bleiben.
Dashiell Hammet war selbst einmal Privatdetektiv bei der berühmten Pinkerton-Agentur gewesen. Diese Erfahrungen prägten nicht nur seine späteren literarischen Themen, sondern auch das politische Bewusstsein, dass den zweifachen Weltkriegsveteranen für sechs Monate ins Gefängnis brachte. „In meiner Zeit bei Pinkerton habe ich so etwas wie politisches Bewusstsein entwickelt. Pinkertons war gut darin, Streiks zu brechen und Gewerkschaften zu zerschlagen. Ich habe einfach Aufträge erledigt, und wenn unsere Klienten Menschenschinder waren, ging mich das nichts an. Sie heuerten uns an, um einen Streik zu brechen, also gingen wir hin und machten es. Wir hatten reichlich schmutzige Tricks auf Lager. Einmal ließ ich mich sogar ins Krankenhaus einliefern. Ich tat so, als wäre ich ein Gewerkschaftler und ein paar Pinkertondetektive hätten mich fertig gemacht. Ich machte das nur, um neben einem armen Kerl zu liegen, den wir als Radikalen verdächtigten. Der Bursche war schlimm dran. Furchtbar krank mit lauter Schmerzen. Und da lag ich neben ihm und versuchte alles mögliche aus ihm rauszuquetschen. Ich hielt mich für einen tollen Burschen. Das war oben in Montana, als die Industriearbeitergewerkschaft den Bergarbeiterstreik bei den Anaconda-Kupferminen organisierte. Frank Little war der große Gewerkschaftsorganisator und die Anaconda-Leute hassten ihn wie die Pest. Einer der Manager hatte von meiner Sache im Krankenhaus gehört. Niederträchtig wie er war, musste ihm das imponiert haben. Jedenfalls machte er ein Treffen mit mir aus und meinte, es gäbe für mich was zu verdienen. Er bot mir 5ooo Dollar an, wenn ich dafür Little umlegen würde. Ich war also jemand, von dem sie glaubten, dass er für ein paar Dollar einen Menschen umlegen würde. Ich war 23 Jahre alt und sah aus wie ein Killer. Ich sagte ihnen, ich sei nicht interessiert. Ein paar Tage später fand man Little tot an einer Eisenbahnbrücke hängen. Sie hatten eine Warnung an seine Unterwäsche geheftet. Manche sagten, sie hätten ihm die Eier abgeschnitten. Ich sagte mir: Du bist also einer, dem sie zutrauen, dass er solche Sachen macht. Ich ging weg von Pinkertons. Ich nahm meinen Tripper, den ich mir in der wilden Weite von Montana eingefangen hatte, und ging zur Armee, um mir noch eine schöne Tuberkulose zu holen. Über die Streiks hatte ich eine ganze Weile nachzudenken. Montana hat mich zum Kommunisten gemacht.“
Das hielt Hammett nicht davon ab, für die USA freiwillig in den ersten und zweiten Weltkrieg zu ziehen.
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Einmal jedoch kehrte Ray noch ins Filmgeschäft zurück: Im Juli 1950 bot ihm Warner Brothers 2500 Dollar pro Woche, um Patricia Highsmiths ersten (nicht unter Pseudonym geschriebebenen) Roman STRANGERS ON A TRAIN zu einem Drehbuch für einen Film von Alfred Hitchcock umzuarbeiten. Hitchcock hatte die junge Autorin wie üblich übers Ohr gehauen: Für die Filmrechte bezahlte er miese 2000 Dollar. Dabei sagte er ihr, eigentlich müsse sie für die Verfilmung zahlen, denn der Film würde viel zu ihrem künftigen Ruhm und Reichtum beitragen.
Die Zusammenarbeit war Hitchcocks Idee, der unbedingt mit Chandler kooperieren wollte – heißt es im Mythos. In Wirklichkeit hatten alle anderen Autoren, die Hitchcock gefragt hatte (darunter auch Dashiell Hammett), abgelehnt. Chandler stimmte zu, weil er eine hohe Meinung von Hitch hatte. Allerdings lehnte er es ab, im Studio zu arbeiten. Und so mußte Hitch – derartiges von untergeordneten Drehbuchautoren überhaupt nicht gewohnt – für die Story-Konferenzen etwa hundert Meilen zu Chandler nach La Jolla pilgern. Erst waren beide noch begeistert voneinander. Aber bald stellte sich heraus, daß jeder von ihnen eine völlig andere Vorstellung von dem Film hatte. Nach zwei Monaten reichte es Ray. Das anfängliche Entzücken über die Diskussionen mit Hitch waren tiefer Verachtung gewichen. Als er einmal den schwergewichtigen Regisseur vor seinem Haus aus dem Auto klettern sah, sagte er zu seiner Sekretärin: „Schauen Sie sich an, wie dieser fette Bastard versucht, aus dem Wagen herauszukommen.“ Die Sekretärin warnte entgeistert, Hitchcock könne ihn doch hören. Darauf Chandler: „Was kümmert’s mich?“ Es muß wohl kaum erwähnt werden, dass Hitchcock das Drehbuch nicht mochte. Deshalb engagierte er Czenzi Ormonde, eine Assistentin des Drehbuchfürsten Ben Hecht, um es umzuschreiben. Rausgekommen ist schließlich ein ziemlich bescheuerter Film. Trotz Einladung nahm Chandler nicht an der Premierenvorführung teil.
Ab 1957 verhandelte Chandler mit mit einer Produktionsgesellschaft über eine Philip Marlowe TV-Serie.
1959 war es dann endlich soweit und PHILIP MARLOWE am TV-Start. In der halbstündigen Serie, die mit ach und krach eine Season mit 26 halbstündigen Folgen schaffte und von E.Jack Neumann geschrieben wurde, mußte Phil Carey, sehr zu seinem Nachteil, den Vergleich mit Bogey antreten. Chandler giftete noch kurz vor seinem Tod gegen diese Demontage seines Lebenswerks. Besser machte es Mitte der Achtziger Powers Boothe als Marlowe in zwei Staffeln, die auf Chandlers Kurzgeschichten (in denen der Detektiv noch nicht Marlowe heißt) basierten und in Kanada gedreht wurden. Die Serie war ein erstklassiges period piece und fing die Atmosphäre der späten 3oer- und frühen 40er Jahre detailfreudig ein. Und Booth konnte prima neben Bogey und Robert Mitchum bestehen.
Fraglos hat Chandler dem Film viel gegeben – vor allem den Privatdetektiv-Film als eigenes, uramerikanisches Genre durchgesetzt. Wahrscheinlich waren die Adaptionen seiner Romane – sieht man einmal von DOUBLE INDEMNITY ab – wichtiger als seine Drehbücher. Die mit seinem Namen verbundenen Filme trugen dazu bei, Hollywoods verkrustete Moralcodes aufzuknacken. Alle Filme machten gute Profite. Aber Chandler hat sich seine oft lustlose und nachlässige Arbeit auch verdammt gut bezahlen lassen. Negativ betrachtet hat Hollywood Chandler ausgebeutet und umgekehrt. Positiv gesehen haben beide voneinander Nutzen erzielt und kein unschuldiges Opfer zurückgelassen. Chandler gehört zu den seltenen Autoren, die von Hollywood nicht brutal und dauerhaft über den Tisch gezogen wurden. Und anders als etwa F.Scott Fitzgerald verließ er das Filmgeschäft nicht ausgebrannt und schreibunfähig, sondern mit seinem besten Roman, THE LONG GOODBY (DER LANGE ABSCHIED), noch vor sich.
QUELLEN UND BIBLIOGRAPHIE:
Al Clark: Raymond Chandler in Hollywood. London & New York:Proteus, 1982.
Otto Friedrich: Markt der schönen Lügen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1988.
Dorothy Gardiner u. Kathrine Sorley Walker (Hrsg.): Chandler über Chandler. Frankfurt/Berlin: Ullstein, 1965. Neuübersetzt als: Die simple Kunst des Mordes, Zürich: Diogenes, 1975.
Tom Hiney: Raymond Chandler: A Biography.London: Chatto & Windus, 1997.
Hellmuth Karasek: Billy Wilder. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1992.
William Luhr: Raymond Chandler and Film. New York: Frederick Ungar, 1982.
Frank McShane: Raymond Chandler.Eine Biographie. Zürich: Diogenes, 1984.
Robert Ottoson: A Reference Guide to the American Film Noir: 1940-1958. Metuchen,NJ & London: Scarecrow Press, 1081.
Donald Spoto: Alfred Hitchcock. Hamburg: Kabel Vlg., 1984.
John Russell Taylor: Hitchcock. München: Hanser Vlg., 1980.
Jon Tuska: In Manors and Alleys.Conneticut: Greenwood Press, 1988.
David Wilt: Hardboiled in Hollywood. Bowling Green: University Press, 1991.
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Die deutschen Ausgaben von Chandlers Romanen, Kurzgeschichten, Briefe und Fragmente sind im Diogenes Verlag lieferbar.
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Das deutsche Fernsehen ist was Wunderbares: Jedes mal, wenn ich Hoffnung für den evolutionären Fortschritt der Menschheit empfinde, muss ich nur den Apparat anschalten und werde umgehend wieder zum Misanthropen, der Thomas Bernhard nachtrauert. Diese widerwärtige BRITT mit ihrer letzten übrig gebliebenen Nachmittagstalkshow (die unter Denkmalschutz gehört) führt täglich vor, was wir Kohl und Proll-Gert mit ihrer Parole MACHT KINDER IN DEUTSCHLAND zu verdanken haben. Gehirnamputiertes Lumpenproletariat, das sich in Talk-Shows setzt und beklagt, dass soziale Ämter ihre Videothekenrechnungen nicht übernehmen. Aber die Wirtschafts- Hämorrhoiden Birne+Gert wussten sehr wohl was sie taten, als sie bei zunehmender Arbeitslosigkeit zur Vermehrung aufriefen. Bei technologiebedingten Rückgang der Erwerbsarbeit kann zunehmende Bevölkerung nur zum Systemumbau führen. Ich überlasse Gore Vidal das Wort: „Obwohl junge Männer ermutigt werden, früh zu heiraten und viele Kinder in die Welt zu setzen, damit mehr Menschen leiden müssen, wenn sie wegen Ungehorsams gefeuert würden…“ Die Einführung des Kommerziellen Fernsehens war ein wichtiger Schritt für die Verblödung und die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Aber das ist ein anderes Thema, das man ausführlicher behandeln muss. Hier geht es jetzt mal um Inhalte. Wachstum bedeutet bekanntlich die ständig steigende Produktion unnützer Dinge. Und da war (dank der Krise ist nicht mehr soviel Geld da)und ist die deutsche Fernsehserie (ein eigenes Genre) ein tolles Produkt. Von LINDENSTRASSE bis SOKO – hat man je größere Scheiße gesehen? Es muss einen Grund dafür geben, das deutsche TV-Serien so erbärmlich sind.
2005 forderte mich der deutsche Drehbuchautorenverband auf, einen bösen Artikel aus Sicht der Autoren zu schreiben, Da der Verband ein Haufen von zeternden Opportunisten ist, die es sich ja nicht mit verantwortlichen Redakteuren, sollte ich aussprechen, was sie selbst nur bei bewusstseinserweiternden Rotweingelagen dem Nachbarn ins Ohr flüsterten.
Tat ich gerne. Und es wurde voller Freude und gegen das Honorar von ein paar Flaschen Wein (wohl eine durchaus übliche Währung unter Drehbuchautoren, die Plündrerei als affirmatives Einkaufen begreifen) in ihrer Hauspostille gedruckt, Hier also, leicht bearbeitet, mein Elaborat:
Stellen wir uns folgende, fantastische Szenen vor: Joel Surnow bietet die Konzepte von 24 oder LA FEMME NIKITA deutschen Sendern an, oder: Brian Clemens das Konzept zu MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE, oder: RoyHuggins das Konzept zu AUF DER FLUCHT, oder: Jimmy McGovern das Drehbuch zu CRACKER (FÜR ALLE FÄLLE FITZ), oder: Stephen J.Cannell das Konzept zu WISEGUY.
Man könnte das endlos weiter deklinieren. Was würde passieren? Wenn Sie nicht den Hauptwohnsitz im Darm des Programmchefs haben, würde dies passieren:
NICHTS.
Mit etwas Glück bekämen oben genannte Herren Monate später eine Absage. Meist in schlichten
Worten, die ausdrücken, dass der Zeichnende nichts begriffen hat und für den Rest seines Lebens in diesem problemlosen Zustand verharren wird. „Natürlich suchen wir immer gute Stoffe, aber momentan will der Zuschauer das von Ihnen Vorgeschlagene nicht akzeptieren.“ Großartige Logik!
Bevor es oben genannte Serien gab, wusste der Zuschauer bekanntlich nicht, dass er sie sehen wollte. Und: Wenn diese Quotenbüttel so genau wüssten, wonach der Zuschauer lechzt, warum reden sie sich dann die erbärmlichen Einschaltquoten schön?
Es ist kaum zu fassen, dass das großdeutsche Fernsehreich so gut wie nichts Innovatives im Krimiserienbereich auf die Beine gestellt hat. Immer wurden nur die Konzepte aus anderenLändern übernommen und teutonisch trivialisiert.
Angefangen beim legendären STAHLNETZ, das bis zur Titelmusik adaptiert wurde. Das trifft sich natürlich mit den literarischen Leistungen: Die deutsche Populärliteratur hat bekanntlich im Crime-Bereich ihre Hochleistung erbracht, als sie in den 50-ern einen amerikanischen Helden zum Synonym für Krimi-Unterhaltung machte: Jerry Cotton (geschrieben von Autoren, die New York nur vom Globus her kannten).
Originär war die deutsche Pop-Kultur nur in der Erfindung eines Genres, nämlich des Heimatromans (abgesehen vom schwulen Abenteuerroman durch Karl May). In diesem Genre waren dann auch die TV-Leistungen befriedigend.
Die Familienserie, die letztlich ein Subgenre des Heimatromans ist, hat bis heute unerreichte Maßstäbe gesetzt in den UNVERBESSERLICHEN. Strombergers Serie konnte durchaus mit britischen Kitchensink-Produktionen mithalten.
Dieter Wedel war großartig in diesem Genre (SEMMELINGS). Aber versuchte er es im CRIME-Genre (V-MANN, DER KÖNIG VON ST.PAULI), scheiterte er kläglich.
Großes Unheil richtete natürlich Herbert Reinecker an, der nach unausgegorener Simenon-Lektüre mit dem KOMMISSAR das Fernsehbild der deutschen Krimi-Serie prägte. Alle heutigen Kommissarinnen oder Schimanskis sind krampfhafte Versuche einen Gegen-Reinecker zu produzieren. Originalität ist nur zulässig wenn sie der Charakterisierung der Detektivfigur dient: „Er könnte ein
lustiges Hütchen tragen“, oder: „Machen wir ihn schwul“. Dass die Konzepte immer dieselben sind liegt an einer simplen Tatsache, die von der Pisa-Studie unterstrichen wird: Redakteure und Produzenten kennen das Crime-Genre mit seinen zahlreichen Facetten nicht. Das
ist so, als würde man einen Analphabeten auf einen Lehrstuhl für Literaturwissenschaft berufen.
Halt! Der Gerechtigkeit wegen darf eine echte deutsche Innovation nicht verschwiegen werden: der TATORT. Innovativ war ein Reihenkonzept, in dem Serien mit regionaler Identität gezeigt werden. Das war besonders zu Beginn faszinierend (als man etwa mit Zollfahnder Kressin einen hedonistischen Helden zuließ).
Heute ist die zu oft miese Qualität der Folgen kaum noch auszuhalten. Wahrscheinlich liegt es nicht mal an den Autoren. Einige mir bekannte Redakteure sind so dämlich, dass sie jeden stringenten Plot zerstören oder aufweichen bis nur noch Kot übrig ist.
In gewisser Hinsicht war auch ALARM FÜR COBRA 11 innovativ, da die Serie deutsche Stunt- Arbeit auf internationales Niveau katapultierte. Frei nach dem Motto amerikanischer
Action-Serien: 15 Stuntmen und kein Drehbuchautor in Sicht.
Das ist vielleicht ungerecht: Im Rahmen ihres Konzepts lässt das COBRA-Team gelegentlich nette Geschichten zu, so lange die dem Verschrotten von Fahrzeugen nicht zu sehr im Wege stehen. Wie sie es schaffen diese dann an den Hirnentkerten von RTL vorbei zu schmuggeln, ist eines der großen ungelösten Rätseln des Universums (ein Fall für GALILEO).
Einer der wenigen deutschen Exportschlager: Das erfreut sogar den Japaner.
Okay also, mit innovativen Crime-Serien-Konzepten hat man bei deutschen Sendern keine Chance. Was sollte man berücksichtigen, wenn man ihnen trotzdem ein Serienkonzept aufs Auge drücken will? Nach meinen Erfahrungen (ich habe zwei Drehbuchwettbewerbe mit Serienkonzepten gewonnen, die dann nicht realisiert wurden. In der SAT.1-Jury saß immerhin Oliver Hirschbiegel, der mein Konzept gegen den Willen des damaligen Serienchefs Thomas Teubner
als Preis würdig durchsetzte) folgendes:
1. Man sollte Verwandter eines Produzenten sein, der bereits viele erfolgreiche Serien für die Sender realisiert hat.
2. Man sollte bereit sein, möglichst alle Rechte an der eigenen Kreation abzutreten – bis hin zur Sittenwidrigkeit.
3. Man sollte darauf achten, dass sich das eigene Konzept nicht zu sehr von anderen Krimi-Serien des Senders unterscheidet. Statt einer 40-jährigen Kommissarin mit Menstruationsproblemen als Hauptfigur zu nehmen, sollte man andererseits mutig genug sein, eine 45-jährige Kommissarin mit Menstruationsprobleme ins Zentrum der Atem beraubenden Handlung zu stellen.
Die dreidimensionale Charakterisierung sollte folgende Tiefen nicht unterlaufen: In seiner Freizeit geht unser Held gerne zum Fußball. Oder: Ihre Arbeit als Kriminalistin belastet schon mal den Ehealltag.
4. Man sollte einen Namen haben als viel beschäftigter Drehbuchautor, der pflegeleicht jeden noch so idiotischen Änderungsvorschlag eines Redakteurs begeistert aufgreift. Überhaupt
ist eine Grundvoraussetzung – um einen mir bekannten Drehbuchautor zu zitieren – „so geschmeidig zu sein wie ein in Olivenöl eingelegtesZäpfchen“.
5. Man sollte Geburtstage, Namenstage (auch des Hundes), Hochzeitstage, Jubiläen aller Entscheidungsträger kennen und über Jahre materiell würdigen (manchmal tut es schon ein 40 Jahre alter Malt). Man kann das wieder reinholen, indem man Gastautoren des Fachblatts für Drehbuchhygiene mit zwei Flaschen Wein abspeist.
6. Nie nachfragen. Auch nicht nach 20 Jahren. So erhält man sich die Option mit seinen unaufgeforderten Werken in Vergessenheit zu geraten und mal was Neues hinterher zu schieben.
7. Nicht wundern oder ärgern, wenn sich Elemente des eigenen Konzepts in einer anderen nagelneuen Serie 1:1 wieder finden. Auf Nachfrage erfährt man höchstens, dass sich das realisierte Konzept lange vor dem eigenen in der Entwicklung befand – schon zu einer Zeit, als Deutschland noch Kolonialmacht war.
8. Die Plots sollten nicht logisch sein. Das würde nur verwirren. Die intelligenteren Zuschauer sind ja eh längst zur DVD abgewandert.
9. Bei momentan angesagten Gerichtsmediziner- Serien sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass der Autopsieraum an einen Schrebergartenschuppen erinnert, der mit CSI-Ästhetik abfotografiert wird.
Mit diesen Tipps könnte es klappen. Aber eine Garantie übernehme ich dafür nicht.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, untertänigst, immer, der Ihre,
MC
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Raymond Chandler war ein einsamer Mann; aber Schreiben ist ein einsames Geschäft. Sein Einfluss auf die Massenmedien war und ist allerdings alles andere als isoliert. Er schuf mit dem Privatdetektiv Philip Marlowe eine der großen multimedialen Pop-Ikonen des 20.Jahrhunderts und ist als Autor für mehr literarische Epigonen verantwortlich als selbst Ernest Hemingway. Dashiell Hammett hatte vor ihm das Subgenre der private-eye-novel, des harten Privatdetektivromans, erfunden oder zumindest in seinen fünf Romanen entscheidend die Richtungen ausgeformt. Mickey Spillane hat mehr Bücher als Chandler und Hammett zusammen verkauft, aber es ist Chandler, der bis heute den meistkopierten Stil der Literatur des 20.Jahrhunderts entwickelte. Chandler war bereits über vierzig Jahre alt, als er diesen Stil herauszubilden begann. 1934 erschien in dem Pulp-Magazin BLACK MASK seine erste Story: BLACKMAILER’S DON’T SHOOT. In dieser noch wenig beeindruckenden Geschichte beschäftigte er sich bereits mit der Welt des Films; es geht um das Kidnapping eines Filmstars aus Werbegründen. Man kann also kaum behaupten, daß Chandler der Glitzerwelt naiv gegenüber stand, bevor ihn der Ruf als Drehbuchautor ereilte. Er war nicht der erste und sollte nicht der letzte hard-boiled-Autor sein, den Hollywood einfing.
Die amerikanischen Pulp-Autoren, dessen berühmtestes Organ das BLACK MASK-Magazin war, griffen eine neue Sprache auf: Die Sprache der Straße, die Sprache der Verlierer, Arbeiter, Gangster und Geschäftemacher. In dieser Sprache stellten sie realistisch eine Welt dar, die brutal, unmenschlich und nicht mehr zu beherrschen war. Meist agieren in diesen Geschichten Detektivhelden, die versuchen Gerechtigkeit im Kleinen zu erkämpfen. Sie sind aber nicht einmal der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Bereits Dashiell Hammett, der herausragendste Vertreter der hard-boiled-school, glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit im Mikrokosmos und wird zum Chronisten der Düsternis der Städte. Autoren wie Hemingway (in A FAREWELL TO ARMS, 1929), Faulkner (in SANCTUARY, 1931) oder John O’Hara (in APPOINTMENT IN SAMARRA, 1934) griffen Sprache und Weltbild der Pulp-Autoren auf. Hammett beschrieb die Abkehr von allen zivilisatorischen Regeln, indem er seine Helden, die oft im Dienste des amoralischen Kapitals standen, zu Richtern, Geschworenen und Henkern gleichzeitig machte. Raymond Chandler fiel in dieser Hinsicht hinter Hammett zurück, indem er romantisierte und einen staubigen Ritter die mean streets einer korrupten Zivilisation durchstreifen ließ. Ross Macdonald nannte den Chandlerschen Privatdetektiv den „klassen- und ruhelosen amerikanischen Demokraten“
Spätestens nachdem sich Humprey Bogart Trenchcoat und Hut übergezogen hatte, ist der abgebrühte (hardboiled) Privatdetektiv ein popkultureller Mythos. In Tausenden Romanen und Filmen singt er das hohe Lied vom ehrlichen Kleinstunternehmer, der sich nicht schmieren läßt und in einer korrupten Welt für etwas mehr Gerechtigkeit sorgt. Diese Literatur sollte für Hollywood in den 40er Jahren ungeheuer wichtig sein. Denn nach den brutalen Gangsterfilmen der 30er Jahre hatte die katholische Zensurstelle, der so genannte Hays-Code, den Filmemachern soviele Beschränkungen auferlegt, dass sie kaum noch realistische Filme drehen konnten. Historiendramen und Musicals drohten Anfang der 40er Jahre das Publikum aus den Kinos zu vertreiben. Aber nicht nur diese harte, realistische Prosa war für die Stilentwicklung des film noir verantwortlich. Man musste sich auch wieder an frühe Formen der Filmsprache erinnern. An eine Filmsprache, die nicht amerikanisch war:
Nicht Hollywood sondern Deutschland war in den 20er Jahren der Mittelpunkt der Filmwelt. Die Deutschen waren die Meister des Lichts, der special effects und ungewöhnlicher Kamerastandpunkte. Die Filmemacher nutzten Techniken des experimentellen Theaters und des Expressionismus, um Spannung, Horror und das Gefühl totaler Verunsicherung auf die Leinwand zu bringen. Mit dem KABINETT DES DR.CALIGARI (1919) schufen sie das sowohl düsterste wie auch expressionistisch befremdlichste Werk der Epoche. Die Welt von Kafka durch die Kamera eines Expressionisten gesehen.
Gleichzeitig revolutionierte Sergei Eisenstein in Rußland die Filmkunst mit einer neuen Schnittechnik. Das expressionistische Licht des deutschen Films und Eisensteins Schnittechnik wurden die entscheidenden Elemente des späteren Film noirs, der in den 40er- und 50er Jahren in Hollywood als Schwarze Serie stilbildend wirkte. Es waren fast ausschließlich Emigranten wie Fritz Lang, Billy Wilder oder Robert Siodmak, die in den 40er Jahren die pessimistische Grundhaltung der Amerikaner auf die Kinoleinwand brachten. Literarische Vorlagen fand man eben in den Pulp-Magazinen und den Romanen der Noir-Autoren: Geschichten über Menschen, die in aussichtslose Fallen gerieten, gesellschaftliche Außenseiter ohne Hoffnung und die Ausgegrenzten, die nur noch Chancen im Verbrechen sahen. Diese handlungsbetonten Geschichten eigneten sich bestens für den Film. Der unerwartete Erfolg von John Hustons THE MALTESE FALCON (DER MALTESER FALKE, 1941) nach Hammetts Klassiker begründete das Interesse an Noir-Filmen, die auf den Werken der hard-boild-Schreiber basierten oder von ihnen direkt für die Leinwand geschrieben wurden. Deshalb karrte Hollywood ganze Zugladungen von ihnen heran. Die Crème der Noir-Autoren folgte dem Ruf des Zelluloids und verdingte sich mal besser, mal schlechter als Drehbuchautoren: Hammett, Chandler, James M.Cain, Horace McCoy, David Goodis, Frank Gruber, Jonathan Latiner, Peter Ruric, William Burnett, Eric Taylor, Dwight V.Babcock, John K.Butler, Steve Fisher, W.T.Ballard, Jim Thompson und viele mehr. Große Regisseure drehten nach Noir-Romanen Klassiker der Filmkunst. Darunter etwa Fritz Langs MINISTRY OF FEAR (MINISTERIUM DER ANGST, 1944) nach Graham Greene, William P.McGiverns BIG HEAT (HEISSES EISEN, 1953) oder Geoffrey Households ROGUE MALE als MANHUNT (MENSCHENJAGD, 1941). Billy Wilder drehte Cains DOUBLE INDEMNITY (FRAU OHNE GEWISSEN, 1944), Robert Siodmak Cornell Woolrichs PHANTOM LADY (ZEUGE GESUCHT, 1944), Orson Welles verfilmte Whit Mastersons TOUCH OF EVIL (IM ZEICHEN DES BÖSEN,1958) und Edward Dmytryk Don Tracys CRISS CROSS (GEWAGTES ALIBI, 1949) oder nach Chandlers FAREWELL, MY LOVELY mit MURDER MY SWEET den ersten Film mit der Figur Phil Marlowe. Dass man Noir-Filme auch in Farbe drehen kann, weiß man seit 1958, als Nicholas Ray mit PARTY GIRL (MÄDCHEN AUS DER UNTERWELT) den ersten „bunten“ Noir-Film vorlegte. Kein anderes Filmgenre hat soviele Klassiker hervorgebracht und keine Minute vergeht, in der nicht irgendwo auf der Welt im Fernsehen ein Noir-Film läuft.
< In diesen erschreckenden, gewalttätigen frühen Filmen (die manchmal aus Zensurgründen völlig unglaubwürdig das pessimistische Ende der literarischen Vorlage ins Positive umdrehten) wurde der Einsatz der subjektiven Kamera perfektioniert, um den Zuschauer noch intensiver in die Leinwand zu saugen. Chandler mäkelte einmal herum, dass diese subjektive Kamera in der Verfilmung von THE LADY IN THE LAKE ein alter Hut sei. Das war diese Technik damals natürlich nicht; sie wurde in diesem Film nur so penetrant eingesetzt, dass man den gesamten Film als gescheiterten, aber höchst interessanten Experimentalfilm ansehen muss. Wie in den Romanen hatte der Zuschauer keine Chance seinen eigenen Ängsten zu entkommen.
Die Noir-Filme waren eine Chance, langsam aber sicher die überholten Normen der Zensur des Hayes-Codes auszuhebeln, der inzwischen die Existenz Hollywoods gefährdete, da er dem neuen Lebensgefühl der Kinogänger nicht mehr entsprach. Depression und Krieg hatten das Bewusstsein der Menschen nachhaltig verändert. Erstes Genre-Opfer war der Western: Die naiven Vorkriegswestern voller makelloser Helden mit weißen Hüten waren lächerlich geworden angesichts der realen Schrecken des Krieges. Zynische Helden wie Bogart, die an keine patriotischen Floskeln mehr glaubten, verkörperten den Zeitgeist. Von den weiblichen Stars erwartete man nun eine stärkere, direktere sexuelle Ausstrahlung. Wenn Bogart mit Bacall rummachte und derb flirtete, wusste der Zuschauer, dass die beiden anschließend nicht zum gemeinsamen Blumenpflücken gehen würden. Diese harte, düstere und oft sexuell aufgeladene Stimmung schwang in der harten amerikanischen Kriminalliteratur mit. Selbst in den schlechtesten Pulp-Stories (und es gab eine Menge schlechte Geschichten) schwingt ein realistischeres Zeitgefühl mit als in den meisten Werken der damaligen Mainstream-Literatur. Vom klassischen Detektivroman britischer Prägung ganz zu schweigen.![blaMas_L01[1] blaMas_L01[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2009/05/blamas_l0112.jpg?w=360&h=500)
Im Gegensatz zu anderen Literaten, die seit den 30er Jahren von Hollywood eingekauft wurden, hatte Chandler nie Berührungsängste mit dem Kino. Anders als viele Kollegen sah er den Film nie als per se minderwertiges Medium an. Wieso auch? Hatte er doch in den billigen Pulp-Magazinen gezeigt, dass man aus jedem Genre qualitativ Hochwertiges herausholen konnte. Seine Frau Cissy, eine gescheiterte Schauspielerin (und in jungen Jahren ein Opium rauchendes Nacktmodel), hatte aus ihm einen regelmäßigen Kinogänger gemacht, der seine analytische Brillanz auch auf die Filmkunst bezog. Gleich nachdem CITIZEN KANE herausgekommen war, erkannte Chandler die Bedeutung des Streifens für die Filmsprache und wurde umgehend zu einem Bewunderer von Orson Welles. Niemals stellte er aber auch in Abrede, dass die Filmindustrie in erster Linie ein Geschäft ist und die Verantwortlichen vor allem Geld verdienen wollen. Das bereitete ihm keine Kopfschmerzen, da es letztlich dieselbe Ausgangssituation war, die er als Autor akzeptiert hatte, als er für die billigen Hefte des Pulp-Marktes zu schreiben begann. Letztlich folgte er dem Ruf nach Hollywood auch deshalb, weil ihn zu diesem Zeitpunkt seine Einkünfte aus dem literarischen Schaffen kein sorgenfreies Leben garantierten. Die große Legende, dass Chandler ach so furchtbar unter Hollywood gelitten haben soll, ist quatsch – wie sich noch zeigen wird. Eine Legende, die immer mal wieder auftaucht (gespeist auch durch Chandlers bitterbösen Aufsatz über Hollywood im ATLANTIC MONTHLEY: SCHRIFTSTELLER IN HOLLYWOOD, 1945). Sein bisher letzter Biograph Tom Hiney hat in seinem Buch gründlich mit diesem Mißverständnis aufgeräumt. Wenn man Hiney extrem verstehen will, könnte man heute behaupten, dass eher Hollywood (zumindest einige wichtige Leute dort) unter Chandler gelitten hatten, der sich dafür rächte, dass man seinen unfähigen Agenten anfangs schwer übers Ohr gehauen hatte, was Chandler einen Haufen Geld gekostet hatte: 1941 verkaufte sein Agent Sydney Sanders die Rechte an dem Roman FAREWELL MY LOVELY für 2000 Dollar an RKO. Die machten daraus das B-Picture THE FALCON TAKES OVER in der Billigserie THE FALCON. „Ein Beispiel wohl noch nie dagewesener Dummheit seitens meines New Yorker Agenten“, sagte Ray später dazu.
Im selben Jahr kaufte die Twentieth-Century Fox für 3500 Dollar die Rechte an THE HIGH WINDOW, um daraus den Film TIME TO KILL für die Michael Shayne-Serie zu machen. 1947 drehte John Brahm danach THE BRASHER DOUBLOON. Üblicherweise zahlten die Studios damals bis zu 50 000 Dollar für Romanrechte. Kein Wunder, dass Ray seinen Agenten feuerte, nachdem er die geschäftlichen Gepflogenheiten Hollywoods kennengelernt hatte. Statt Sanders vertrat ihn später H.N.Swanson, ein hoch angesehener, mit allen Wassern gewaschener Hollywood-Agent, der auch F.Scott Fitzgerald, William Faulkner und später Elmore Leonard zu seinen Klienten zählte.
FORTSETZUNG FOLGT!
Gespeichert unter: Conspiracy, Drehbuch, Krimis, La Femme Nikita, Noir, Porträt, TV | Schlagworte: 24, Joel Surnow, Kiefer Sutherland, La Femme Nikita, Miami Vice, Noir, Peta Wilson
Surnow gilt als tödliche Waffe innerhalb des anspruchsvollen Thriller-Genres. Tony Jonas, der Präsident von Warner Bros.TV, sagt über ihn: „Ein überragendes Talent. Er hat die Fähigkeit sowohl Action wie auch Charaktere zu schreiben und gleichzeitig eine ganze Serie als Produzent zusammen zu halten. Diese ungewöhnliche Kombination und das hohe Niveau machen ihn zu einem der Grössten im Fernsehgeschäft.“
Geboren wurde er 1954 in Detroit in eine jüdische Familie. Väterlicherseits stammte sie aus Odessa, mütterlicherseits aus Litauen. „Ich wurde mit jüdischen Werten erzogen.“ Sein Vater war Handlungsreisender. Als er neun Jahre alt war zogen seine Eltern nach Los Angeles. In den 60er Jahren in Beverly Hills aufzuwachsen, machte ihm großen Spaß. Als Teenager ging Surnow mit der Tochter des Horrorregisseurs William Castle. Er studierte ein paar Semester in Berkeley bevor er 1976 zur UCLA Film School wechselte. Sofort begann er auch zu schreiben. Sein erstes Drehbuch hieß SMALL TIME, das „John Cassavetes verfilmen wollte, aber dann starb er lieber“. Ende der 70er Jahre entdeckte er das Fernsehen als Möglichkeit für sich: „Ich war nicht wirklich scharf aufs Fernsehen. In den 70ern herrschte so eine arrogante GHerablassung gegenüber diesem Medium. Die wirklich spannenden Sachen passierten im Kinofilm.“ Nachdem er ein Spec-Skript für CHEERS geschrieben hatte, kamen die ersten Jobs: er schrieb einige Folgen ST.ELSWHERE, dann holte ihn Steven Bochco ins Team der kurzlebigen Baseballserie BAY CITY BLUES. Bochco war von Surnow beeindruckt genug um ihn auch für HILL STREET BLUES schreiben zu lassen. 1984 schrieb er für die kurzlebige Serie LEGMEN. Dann erreichte ihn der Ruf des großen Michael Mann als Chefdramaturg zu MIAMI VICE zu kommen. „Ich wurde in der ersten Season Head Writer und schrieb fast alle Folgen. Es gab kein Autorenteam, da Michael alle rausschmiss.“ Bereits hier zeigte sich Surnows scharfsichtiger Blick auf das politische System. „Durch Michael lernte ich, wie wichtig Details sind. Er sagte, eine Serie könnte beeindruckender aussehen als ein Kinofilm.“ 1985 wechselte er als Autor und Executive Producer zu THE EQUALIZER. Dann war er erstmal fertig und ausgebrannt. Eine Scheidung und die nervenaufreibende Arbeit an den beiden Hit-Serien forderten ihren Preis. Er lehnte sogar Stephen J.Cannells Angebot ab, bei WISEGUY mitzumachen. Für einige Jahre schrieb er nichts, ließ sich aber mit carte blanche für die letzte Season der Soap Opera FALCON CREST ins Business zurücklocken. „Wir machten die beste nicht angeschaute Season der Fernsehgeschichte. Wir waren verrückter als TWIN PEAKS. Nicht so stilvoll oder künstlerisch, aber echt wild.“ Daraufhin folgte er Cannells erneuten Ruf und arbeitete zwei Jahre an THE COMMISH. Als nächstes folgte 1992 die kurzlebige TV-Version von BILL AND TED’S EXCELLENT ADVENTURE. Dann entwickelte die Cop-Serie 50 MINUTE MAN, die nicht produziert wurde. 1992 verließ er die Staaten und ging nach Europa. In England war er eine Season bei CONVINGTON CROSS im Team. „Die ganze Kraft, die ich durch MIAMI VICE und EQUALIZER gewonnen hatte, war verschwunden. Ich musste einen Schritt zurück gehen und mich quasi neu erfinden, neue motivieren.“ Nebenher entwickelte er POINT MAN, die 1995 mit Jack Scalia als Syndication-Serie lief. Den Tiefpunkt seiner Karriere erreichte er 1993 mit dem David Hasselhoff und Thomas Gottschalk-Vehikel RING OF THE MUSKETEERS. Zu einem kleinen Kult entwickelte sich NOWHER MAN (1995), die er als Produzent überwachte. Hier nutzte er erstmals Verschwörungstheorien: Die Existenz des Fotografen Thomas Veil (Bruce Greenwood) wird offiziell ausradiert, wei er Zeuge einer geheimen Hinrichtung in einem Land der Dritten Welt wurde. Gegen alle staatlichen Kräfte versucht Veil seine Existenz zurückzubekommen. The Fugitive meets The Prisoner. Die erste Folge der Serie war UPNs zweithöchste Einschaltquote (nach STAR TREK:VOYAGER). Aber dann zogen sich die Zuschauer zurück, wohl weil die Serie keine erkennbare Struktur hatte. „Ehrlich gesagt glaube ich nicht, daß die Serie genug Substanz für 25 Folgen hatte. Wir machten ein paar Folgen a la PRISONER, dann ein paar nach THREE DAYS OF THE CONDOR usw. In den 25 Folgen machten wir vier oder fünf verschiedene Arten von Serien. Ich denke, es gibt einen Grund, weshalb mit PRISONER nach 17 Folgen aufgehört wurde. Sie hatten einfach keine Geschichten mehr um das Publikum an der Nase herumzuführen. Der Erfinder der Serie, Larry Hertzog, sah die Serie immer wie PRISONER. Er dachte, sie müsse nirgendwo enden oder hinführen. Er wollte Allegorien und meinte, sie bräuchte keine lineare Entwicklung. Am Ende war sie einfach zu begrenzt.“ Surnows „Tanzkarte“ kann sich sehen lassen. Es gibt kaum eine qualitativ hochwertige Crime-Serie seit den 80er Jahren, an der er nicht maßgeblich beteiligt war. 1996 konnte Surnow doch noch für WISEGUY arbeiten. Die Kult-Serie, die von 1987 bis 1990 auf CBS gelaufen war, sollte mit regelmäßigen TV-Movies auf ABC fortgesetzt werden. Surnow, der sehr stolz auf diesen Film ist, mußte zusehen, wie diese Pläne aber schnell wieder vom Tisch waren. Die Idioten von ABC hatten WISEGUY gegen eine einstündige Folge von SEINFELD und gegen den Megaerfolg E.R. plaziert. Trotz der Qualität wurde WISEGUY versenkt. Aber dann lachte ihm das Glück und er schuf sein Meisterwerk: LA FEMME NIKITA! „In gewisser Weise ist Nikita die weibliche Version von WISEGUY. In beiden Serien geht es um gequälte Menschen, die durch einen Führungsagenten in eine beklemmende, gefährliche Welt geschickt werden. Beide versuchen, ihren Frieden zu finden und gegen das System ihr eigenes Leben zurückzubekommen. Meine Helden sind keine wirklichen Helden.“
Ausgerechnet Deutschlands schlimmster Trash-Sender RTL 2 verfügte über die anspruchsvollste TV-Serie der letzten Jahre! Ein Schicksal schlimmer als der Tod. Dieser Sender macht es der nach AKTE X größten Kult-Serie der 90er Jahre natürlich nicht leicht: Immer wieder begann RTL 2 mit der Ausstrahlung, um dann mitten drin abzubrechen. Irgendwann wurde sie dann endgüätig begraben und als Hoffnung bleibt nur die Veröffentlichung auf DVD.
In den USA war die Serie die erfolgreichste Action-Show des Senders USA, der sie gegen den Willen der Fans nach der 5.Season killte. Sie ist auch ein Internet-Phänomen mit vielen Webpages. Als die Produktionsfirma Warner Brothers die Einstellung der Serie verkündete, rauschte es nur so im Internet. Eine „Unterschriftenaktion“ wurde organisiert, und hunderttausend Fans aus 5o Ländern beteiligten sich daran. Im September wurde die Einstellung rückgängig gemacht und eine kurze Fortsetzung der Serie über 2001 hinaus garantierte.
Ähnlich wichtig wie bei MIAMI VICE ist die Musik in NIKITA. Blaine Johnson, der dafür verantwortlich ist, nutzte junge Bands und Musiker aus der der Independent-Szene.
Mehr Fernsehserien wurden erfolgreich für das Kino adaptiert (AUF DER FLUCHT, MISSION IMPOSSIBLE, STAR TREK usw.) als umgekehrt. Funktioniert hatte das bisher nur bei zwei Comedys: MÄNNERWIRTSCHAFT und M.A.S.H. und einer Action-Serie: HIGHLANDER. NIKITA ist die erste crime-Serie, die nicht nur gelungen einen Film und sein Remake adaptiert, sondern diese auch noch übertrifft.
Die Serie verzichtete auf Happy-ends und die üblichen Konfliktlösungen innerhalb des gewohnten 45-Minuten-Schemas üblicher TV-Serien. NIKITA ist das Zynischste, was je als Serie über die Bildschirme flimmerte. Die in Toronto gedrehte Serie brachte es auf 96 Folgen in fünf Jahren und hat das Niveau nicht nur gehalten, sondern gesteigert. Immer wieder gab es Probleme mit der Produktionsfirma Warner Brothers, der das Buget mit 1 Million Dollar pro Folge ziemlich auf den Magen schlug (lächerlich, angesichts der weltweiten Verkäufe in über 50 Länder). Keine zu hohe Summe, bedenkt man den look und die ausgefeilte Ästhetik der Serie, die 180 Mitarbeiter beschäftigte.
Zur Handlung: Durch eine falsche Mordanklage wird die junge Frau Nikita zur Mitarbeit in einem Supergeheimdienst erpresst. Ihr Leben gehört ihr nicht länger, denn sollte sie die Mitarbeit verweigern, würde der Dienst sie ins Gefängnis oder auf den elekrischen Stuhl bringen. Die Prämisse ist bekannt: Es ist ja nichts ungewöhnliches, daß aus erfolgreichen Kinofilmen Fernsehserien gemacht werden (und umgekehrt). Luc Bessons stilisierter Thriller über ein junges, asoziales Mädchen, das von einer amoralischen Geheimorganisation zur Superkillerin konditioniert wird, wurde in den USA zuvor schon als Kinostreifen mit Bridget Fonda remaked. Auch eine Hongkong-Version gibt es.
In der ersten Staffel wird ausführlich gezeigt, wie die junge Frau durch die skrupellose Organisation psychisch neu konditioniert wird. Aber noch behält sie sich einen Rest Menschlichkeit. Das zwingt sie oft zum Schauspielern gegenüber ihren Vorgestzten. Atemberaubend wie Peta Wilson das spielt. Absolut glaubwürdig agiert sie in diesen Szenen als eine Schauspielerin, die einen Charakter spielt, der schauspielert. Nikita muß verbergen, daß sie nie wirklich so skrupellos werden will, wie man es von ihr erwartet. Die TV-Kritikerin Shelly Lyons verglich die Weltsicht der Serie mit Bertold Brecht, und Peta Wilsons Darstellung der Nikita brachte ihr die ehrenvolle Bezeichnung als „Emma Peel der 90er“
Sektion Eins nennt sich die Abteilung, die Nikita zur Mitarbeit presst. Sie ist nominell eine Anti-Terror-Organisation, und nur äußerst skrupellose Menschen nützen als Agenten. Jede Gefühlsrtegung wird als Schwäche verurteilt und bekämpft. Ohne mit der Wimper zu zucken läßt dieser Geheimdienst zu, daß unschuldige Bürger getötet werden, wenn es nur höheren Interessen dient. Zum Erhalt des Systems wird skrupellos gemordet oder ein gerade noch bekämpfter Giftgashändler ans Herz gedrückt („Solange er an beide Seiten verkauft, muß er sich keine Sorgen wegen seiner Geschäfte machen.“) und zum Verbündeten erklärt. Nikita ist der Schwachpunkt des Systems: Zwar eine ausgezeichnete Agentin, aber noch nich bar von Gefühlen und moralischen Skrupeln. Da muß sie noch viel lernen und so manche Gehirnwäsche über sich ergehen lassen. Nikitas „Ausbilder“ (und späterer Lover) Michael (Roy Dupuis) ist der einzige operative Agent mit Zugang zu Geheimwissen. Seine Vorgesetzten betrachten ihn mißtrauisch, fürchten, daß er sie eines Tages ersetzt. Die Beziehungen der einzelnen Agenten untereinander sind nicht statisch, sondern – auch ungewöhnlich für eine Serie – entwickeln sich, veränderten sich von Staffel zu Staffel. Aber auch Sektion Eins ist nicht autonom, sondern einer anderen mysteriösen Vereinigung untergeordnet. In der vierten Staffel stellte sich dann auch heraus, wer der wirkliche Chef von Sektion Eins ist: eine Neurochirurgin. Vieles erinnerte ein bißchen an die 60er-Jahre-Kultserie NIMMER 6 (PRISONER), bei der man die Nutznießer der Machtstrukturen ebenfalls nie personell festmachen konnte. Die zunehmende Dominanz des Staates über das Individuum spiegelt sich auch in Killer-Filmen wieder. Alain Delon (DER EISKALTE ENGEL) oder Charles BRONSON (KALTER HAUCH) waren in den 60er und 70er Jahren Freelancer, die auf eigenen Wunsch für staatliche Organisationen killten, auch Aufträge ablehnten oder sich anarchisch gegen die Auftraggeber wandten. Sie gehorchten nur sich selbst und unterwarfen sich keiner Organisation. Damit ist es längst vorbei. Die Mafia-Filme der letzten Jahrzehnte zeigten, daß beim hohen Niveau des Organisierten Verbrechens kein Platz mehr ist für Einzelgänger. So ergeht es jetzt auch den Killern, die nicht mehr auf eigene Rechnung ihre blutigen Dienste anbieten dürfen, sondern nur noch als Rädchen im Getriebe agieren, ohne Entscheidungsfreiheit oder genaues Wissen um die „wet jobs“, wie die Mordaufträge im Geheimdienstjargon genannt werden. Das Ende aller Romantik.
Indem NIKITA unser System der „freien westlichen Demokratien“ als blutrünstig, amoralisch und profitgeil darstellt, übte die Serie Kulturkritik wie man sie seit MIAMI VICE oder WISEGUY (KAMPF GEGEN DIE MAFIA) nicht mehr gesehen hatte. Aber sie war nicht moralinsauer oder auf simple Antworten bedacht. Sie stellte eher Fragen und spielte durch, was an an zivilisatorischen Alternativen heute überhaupt noch möglich ist. Und sie zeigte den aktuellen Stand der Technik, zu der ansonsten nur Experten und Militärjournalisten Zugang haben (konsequenterweise linkt eine Nikita-Homepage mit allen wichtigen Herstellern von Kriegstechnik). Geschickt arbeiteten die Autoren aktuelle Bezüge ein: Von Kinderpornoringen über Proliferation bis zur Bombadierung von Botschaften. Natürlich immer mit mehr faktischen Hintergrundswissen als all’ die elenden deutschen Produktionen, die Kindesmißbrauch auf einer falschen psychologischen Ebene behandeln und die wirtschaftlichen und politischen Dimensionen verschweigen. Die Aussagen der Serie über politische Hintergründe waren allerdings nicht die, die der Zuschauer durch Zeitungen oder Fernsehnachrichten erhält (und die er längst nicht mehr glaubt). Diese Realitätsbezüge, die nach bester Verschwörungstradition funktionieren, gaben dem Zuschauer das beklemmende Gefühl, hinter die Zeitungsmeldungen in die wahre Weltpolitik zu blicken. Andere Motive und Interessen, als die öffentlich zugegebenen, stehen inzwischen bekannt, hinter so mancher militärischen Terroraktion. Die Serie suggerierte Einblick in die geheime Welt hinter den offiziellen Verlautbarungen. Die Agenten der Seektion Eins erscheinen wie Geister, die nichts mit den normalen Menschen zu tun haben. Sie gehören einer anderen Dimension unserer Realität an. Gerechtigkeit oder Gesetzmäßigkeit haben in dieser Welt keine Bedeutung. Eine zunehmende Erfahrung, die der Zuschauer auch in der Realität macht. NIKITA spiegelt einen zivilisatorischen Verfall, in der ein mafioser Staat und seine Zombie-Helfer rücksichtslos Interessen durchsetzen – auf Kosten des Gemeinguts, wenn es sein muß. Nikitas Menschlichkeit steht unter dauerhaftem Druck durch die Institutionen, denen sie hilflos ausgeliefert ist und völlige Kontrolle über ihre Existenz verlangen. Wenn sie in einer Folge hilflos aufschreit: „Euch gehört meine Seele nicht“, muß niemand aus der Sektion darauf antworten. Natürlich wollen sie ihre Seele.
Im Grunde ist NIKITAs Subtext ganz simpel: Es geht um einen Menschen, der gegen seine Bedürfnisse dazu gezwungen wird in einem System zu funktionieren, das keine Humanität mehr zulässt. Auf die Frage, ob er glaubt, daß eine ähnliche Organisation wie Sektion Eins tatsächlich existiert, antwortete Joel Surnow: „Mit Sicherheit. Aber ihr Design ist bestimmt nicht so gut wie unseres dank des Produktionsdesigners Rocco Matteo.“
Nach dem überraschenden und unrühmlichen Ende von NIKITA gelang Surnow mit 24 ein weiterer erfolgreicher innovativer Streich: In 24 Stunden Echtzeit werden politische Intrigen erzählt. Im Mittelpunkt steht der Agent Jack Bauer(Kiefer Sutherland) mit seinem Team aus der fiktiven Counter Terrorist Unit. In der 1.Staffel verhindert er einen Anschlag auf das Leben eines schwarzen Präsidentschaftskandidaten, während gleichzeitig seine Frau und Tochter entführt sind. In der 2.Staffel muss Jack Bauer einen atomaren Anschlag auf Los Angeles verhindern. Das klingt in der Zusammenfassung recht trivial, ist es aber in der detailierten Ausführung überhaupt nicht. Surnow zeigt einmal mehr, wie korrupt und verbrecherisch Regierungsinstitutionen arbeiten. Sein „Held“ Bauer schreckt nicht einmal vor Foltermethoden zurück um an Informationen zu kommen, die den atomaren Schlag verhindern könnten.
Surnow arbeitet bereits lange und intensiv mit Robert Cochran zusammen: „Ich halte ihn in einem Käfig gefangen. Spaß beiseite. Was für unsere Zusammenarbeit wichtiger als alles andere ist: Wir können uns in ein Zimmer setzen und eine Story nach der anderen runterhaun. Ich komme mit den Ideen und Robert schreibt alles nieder. So haben wir 96 Folgen von NIKITA gemacht, 44 von THE COMMISH, 22 Folgen FALCON CREST etc.“ Sie trafen sich erstmals 1988 als Surnow ausführender Produzent bei FALCON CREST war. Damals bot er Cochran dessen ersten Job als Dramaturg und Autor an. „Ich hatte eines seiner Skripte gelesen, und holte ihn sofort ins Autorenteam. Als ich ihn persönlich sah, mochte ich ihn auf Anhieb. Und balds war er wegen seines Talents der Star im Team.“ Cochran war früher Anwalt und kam als Autor für L.A.LAW ins Fernsehgeschäft. „Seit ich denken kann wollte ich schreiben. L.A.LAW war ein guter Einstieg. Die Serie zeigte, wie unsere Gesellschaft funktioniert, aber ich mochte sie nie wirklich.“ Surnow: „Bob und ich haben einen jüdisch-christlichen Hintergrund. Bob ist christlich erzogen, ich jüdisch. Wir füttern die Serie mit unserem Wertesystem. Unser Held hat denselben Hintergrund.“
Robert Cochran: „Als er mir die Idee zu 24 erzählte, hatte er weder Charaktere noch eine Story. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte.“ Surnow:“Ich stimmte ihm zu. Aber es ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf und ich sagte ihm, daß wir weiter darüber nachdenken müssten. Wir waren wirklich nicht davon überzeugt, daß es funktionieren könnte bis die letzte Folge im Kasten war.“ Surnow und Cochran setzten sich drei Wochen zusammen um das Konzept auszuarbeiten. Wie bei NIKITA sind sämtliche Nebenfiguren inedividuelle und runde Charaktere. Surnow: „Als ich die Serie beschreiben musste, sagte ich: Es ist eine Thriller Soap Opera. Es geht um das Leben dieser Menschen im Kontext eines Thrillers.“
Fox bestellte erst nur 13 Folgen. Wäre sie gefloppt, hätte man das Finale vorziehen können (siehe das Showdown zwischen 12 und 13 Uhr). Surnow: „24 ist eine riskante Angelegenheit, denn die Serie ist von der Loyalität der Zuschauer abhängiger als Serien mit abgeschlossenen Episoden. Was wir von TWIN PEAKS gelernt hatten, war, daß man das Publikum nicht so lange belasten kann bis sie nur noch frustriert sind.“ Deshalb auch die vierlen Nebenkonflikte und „kleine Lösungen“, bzw. das Nutzen der Soap-Elemente. „Man braucht einen Teppich kleiner Spannungsmomente. Nur dank ihnen funktioniert auch die Show. Dagegen ist die Haupthandlung sogar zweitrangig. Wichtig ist es auch, parallel zu den Action-Szenarien persönliche Geschichten für die Charaktere zu entwickeln.“ Tatsächlich gelingt es Surnow (wie schon zuvor bei NIKITA), die Serie immer unter Dampf zu halten. Fox erwartete nicht viel von 24. „Ich glaube, sie waren sich am Anfang nicht mal sicher, ob sie überhaupt ausgestrahlt wird.“ Aber als die Verantwortlichen die Pilot-Folge sahen, flippten allle aus – bis hin zu Rupert Murdoch.
Die erste Folge kostete vier Millionen Dollar, jede weitere 1,5 Millionen. In der zweiten Staffel standen pro Folge 2,2 Millionen Dollar zur Vefügung. Zwei Folgen werden hintereinander in 15 Drehtagen abgedreht. Kiefer Sutherland als Hauptdarsteller ist pro Staffel acht Monate am Drehort. Fünf Tage die Woche und bis zu 14 Stunden am Tag.
Eine Serie in Echtzeit verlangt ganz besondere Aufmerksamkeit: So hat ein Produktionsassistent die Aufgabe nur darauf zu achten, daß alle Uhren, die in der Serie zu sehen sind, die genaue Handlungszeit anzeigen. Zur Echtzeitdramaturgie von 24 meldete Elfriede Jelinek: „24 ist wie permanentes Vögeln, ohne je zum Orgasmus zu kommen.“ Bisherige Serien in Echtzeit, etwa MURDER ONE, waren zumindest beim Publikum gescheitert. Surnow hat erkannt, daß man für ein derartiges Format eine spezielle Ästhetik entwickeln muss. „In einer Serie, die in Echtzeit spielt, gibt es eine Menge Telefonate. Und Telefonate im Fernsehen sind verdammt langweilig. Deswegen machten Regisseur Steven Hopkins und Cutter Dave Thompson den Vorschlag Split-Screen einzusetzen. Das gefiel uns so gut, daß wir jeden Akt mit einer Split-Screen begannen und beendeten.“ Seit Norman Jewisons innovativen Einsatz der Splt Screen in der THOMAS CROWN AFFAIR wurde diese Technik nie wieder so effektiv genutzt. Allerdings nutzte man sie in der 2.Staffel schon weniger.
Die Drehbücher werden immer für einen Arc von sechs Folgen geschrieben. Keiner der Schauspieler weiß, ob er das Ende der Season erreichen wird. Aber alle mußten Fünfjahresverträge abschließen. Robert Cochran: “ Die Leute fragen oft, ob wir die ganze Season im Voraus planen bevor wir die Drehbücher schreiben. Unmöglich! Das wäre viel zu kompliziert. Wir teilen eine Season in Arcs von sechs oder acht Folgen, die wir durchkonzipieren. Es ist eine Hochselakt. Wir haben eine Grundidee, wohin wir wollen. Aber 24 Folgen sind eine Menge. Deshalb sind die Nebenfiguren und Nebenhandlungen so wichtig.“ Nicht die genau gezeichneten Charaktere treiben die Serie voran, sondern die Story. „Wir lieben es, uns selbst zu überraschen, denn dann haben wir eine bessere Chance, dass uns das auch beim Publikum gelingt.“
Cochran: „Die Zeiten haben sich dramatisch geändert. Und dieses Gefühl hat jeder. Ich glaube, 24, ALIAS und THE AGENCY kamen ungefähr zur selben Zeit raus, wei allen klar ist, daß die Welt kleiner geworden ist und Amerika nicht länger ein sicherer Ort. Alle diese Serien waren bereits ein Jahr vor dem 11.September in der Entwicklung.“ Gute Fernsehserie antizipieren die Realität.
Die Handlung der ersten Staffel beginnt Dienstags um null Uhr. Die der zweiten eineinhalb Jahre später samstags um acht Uhr morgens. Surnow wollte das längere Tageslicht im Herbst nutzen und im Winter die Nachtszenen drehen.
Einem Kritiker fiel auf: Die Guten haben in der Serie einen Apple Macintosh Computer, die Bösen einen PC. Natürlich sind in Regierung, Verwaltung oder Polizeiapparat reichlich Böse vertreten. Da ist sich Surnow treu geblieben. Ein Interviewer fragte ihn, ob er je daran gedacht hat, Unterstützung durch Geheimdienste oder andere Institutionen der Regierung zu verlangen. Darauf Surnow zynisch: „Die Regierung war tatsächlich sehr cooperativ. Wir haben sie nie um etwas gebeten, und sie hat uns nie etwas gegeben. Sie nahm lediglich die Steuern von unseren Honorarchecks, so cooperativ war die Regierung.“
Surnow ist zum zweiten Mal verheiratet und hat fünf Kinder im Alter zwischen acht und einundzwanzig Jahren
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Die Zimmer im New Barbican Hotel sind etwas kleiner als Mick Jaggers Schuhschrank. Was ein relativ modernes Hotel mitten in Finsbury zu suchen hat, versteht keiner. Bis auf einige Bürogebäude, verdreckte und düstere Straßen ist hier, nahe der Grenze zu Shoreditch, nichts. Der Nordosten Londons hinter Old Street ist weder richtig Eastend, noch Westend. Stattdessen, von beidem das langweiligste. Ein paar hundert Meter weiter, in der festungsartigen Anlage Braithwaite House, wurden die Zwillinge um 6.oo Uhr früh am 9.Mai 1968 von Inspector „Nipper“ Read endgültig hochgenommen. Seitdem atmen sie gesiebt. Zwei Pubs, ein Fish & Ships-Laden und kaum Straßenbeleuchtung machen das Nachtleben zum Erlebnis. Es ist das östlichste Hotel, das ein deutsches Reisebüro buchen kann. Das Beste am ganzen Laden ist das exzellente Frühstück. Vielleicht denkt man das auch nur, weil man nach dem halbstündigen Platzanstehen so ausgehungert ist. Ich bin gerade dran, als ich zur Rezeption gerufen werde. Rita, Reggie Krays Kusine, ist am Telefon. „Ich hole dich in einer Stunde ab. Wir fahren zu Reg.“ Zeit genug, um noch mal anzustehen.
Rita ist eine gutaussehende Blondine, ein bisschen wie Billie Whitelaw in früheren Jahren. Sie kennt Reggie solange sie denken kann und ist inzwischen seine Vertraute. Eine zentrale Figur im Krays-Clan, zu dem neben vielen Freunden auch ein inoffiziell adoptierter Sohn gehört. Die hübsche Frau hat die Härte, aber auch den Charme des Eastends. Mindestens alle 14 Tage besucht sie Reg oder Ronnie und kümmert sich um vieles, was nur von außerhalb des Gefängnisses zu regeln ist. Ihre einzige Bedingung: die Krays müssen sie aus jeder Pressegeschichte raushalten. Sie organisierte meinen Besuch. Ich hatte lediglich Vornamen und eine Telefonnummer. Ich konnte einen Tag im Hotelzimmer rumsitzen – was in London einer verschärften Haftstrafe nahe kommt – und auf den Rückruf warten. Alles hatte etwas von einem konspirativen Treff. Kein Zweifel, die Krays haben ihr Gefühl für Dramatik bewahrt. Bevor unser Zug nach Brighton geht, trinken wir einen Kaffee in Victoria Station. Es ist eine wirkliche Schande, wie sie die alten Traditionsbahnhöfe zu einer Mischung aus Hallenbad und MacDonalds-Filialen restauriert haben. Sonntags braucht der Zug länger. Wir unterhalten uns über Reggies eventuelle Begnadigung. „Als sie ihn vor zwei Jahren nach Lewes verlegt haben, war das ein gutes Zeichen. Lewes ist eines der angenehmeren Gefängnisse in England. Sie haben Reggie gesagt, er solle keine Wellen machen und sich ruhig verhalten. Aber Reggie lässt sich ja nichts sagen. Erst kam der Film, dann sein neues Buch und jetzt auch noch die Schallplatte, auf der Reggie feixend Geschichten aus der wilden Zeit erzählt. Die Krays sind wieder in aller Munde. Nichts, was sich für eine vorzeitige Freilassung auszahlt.“ Rita traut mir noch nicht richtig über den Weg. „Reggie ist so leicht von Leuten auszunutzen.“ Klar, dass beweist seine ganze Biographie. Zwei arme, kleine Eastendzwillinge, die im Schneesturm ihr letztes Hemd an Onkel Dagobert verschenken. Umsteigen in Brighton. Noch mal eine ätzende halbe Stunde. Der Bahnhof von Lewes liegt am Fuße eines Hügels, um den das Zentrum des Ortes gruppiert ist. Eines dieser netten, kleinen Provinzstädtchen mit einem Charme, wie ihn nur englische Provinzstädtchen haben. Und wie alles in England an einem Sonntag: tot. Die Krone des Hügels ist eine alte Festung, der Hauptwohnsitz von Reginald Kray. „Die schlimmste Zeit waren die 16 Jahre in Gartree und auf Isle of Whight. Sie haben versucht, ihn zu brechen. Das war das dümmste, was sie tun konnten. Sie gaben ihm etwas, gegen das er kämpfen konnte. Dabei hätten sie ihn leicht fertig machen können: mit Freundlichkeit“, sagt Rita. Ein gutes Wort, und schon schmelzen sie dahin, die schlimmen Zwillinge. Die Seitentür im schweren Holztor ist noch geschlossen. Einige junge Frauen warten darauf, ihre Burschen zu besuchen. Besuchszeit ist von 13.oo Uhr bis 15.15 Uhr. Jetzt ist es gleich zehn nach Eins. Endlose Minuten, wie sie nur Gefangene und Flüchtlinge kennen. Zu Reggies prominenteren Besuchern, die gelegentlich vorbeischauen, gehören Patty Kensit, Roger Daltrey, Diana Dors, Rick Wakeman, Cliff Richard und Debbie Harry. Morgen ist Daltreys Manager angesagt. Daltrey will schon einige Zeit einen Kray-Film drehen und besonders erfreulich war Peter Medaks Machwerk wirklich nicht. Reggie hat ihn sich nichtmal angesehen. Alter Mist von Gestern interessiert ihn nicht. „Ein Wahnsinn. Manche sitzen nur fünf Monate hier. Reggie sagt ihnen, dass sie sich gar nicht erst hinzusetzen brauchen.“ Joe kommt. Joe war bei der BBC, hat Kinderfilme gemacht und arbeitet jetzt für die Pinewood Studios. Kein deutscher Fernsehsender würde es zulassen, dass Joe seine sensiblen Hallen betritt. Joe ist wie aus dem Ei gepellt, und golden glitzert es von Ringen und Kettchen. Er ist um die fünfzig und wirkt wie ein gepflegter Rausschmeißer. Unter seinem Maßanzug spielen harte Muskeln. Kein Knabe, dem man ungestraft das Bier verschüttet. Der richtige Mann für Kinderfilme. Der macht den lieben Kleinen schon klar, wie es im Leben läuft. Joe macht Konversation mit mir. Er kennt Hamburg und München, fragt mich nach seinen deutschen Kumpels. Ausnahmslos Puff- und Bumsbesitzer von der Reeperbahn und Spielhöllenchefs aus München. Als ich Joe mitteile, dass ich bedauerlicherweise keinen seiner Halbweltfreunde kenne, scheint er nicht sicher, ob ich wirklich aus Deutschland komme (inzwischen sitzt Joe auch im Knast. Nachdem Scotland Yard seine Filmproduktion unter die Lupe genommen hat, musste sie feststellen, dass Joe den Hauptumsatz nicht mit Käptn Blaubär macht, sondern mit weißen Pulver. Eine Zeitlang war Joe der Käptn Koks der Londoner Szene). Die magische Tür öffnet sich und wir gehen durch die laxen Sicherheitskontrollen. Schließlich eine Treppe hoch zum Aufenthaltsraum. Ein paar grobe Tische, Stühle und ein Getränke- und Snacktresen. Ich erkenne Reggie sofort. Er sieht viel jünger aus als auf den letzten Fotos von der Beerdigung seiner Mutter 1984. Kaum grau in den dunklen Haaren. Die Falten in dem jungenhaften Gesicht drücken mehr über seine Umgebung in den letzten 21 Jahren aus, als über sein Alter. Tiefe Lachfalten um Augen und Mund. Hält er das alles inzwischen für einen Betriebsausflug? Sicher nicht. Er ist wahrlich durch die Hölle gegangen und – trotz eines Selbstmordversuchs Anfang der 80er – irgendwie unbeschädigt geblieben. Ich brauch mir nichts vorzumachen: Das ist der härteste Knochen, der mir je genüber stand. Er lacht, winkt und umarmt Rita und Joe. Der Charme, dem sich auch sein kritischer Biograph John Pearson nicht entziehen konnte, funktioniert noch. Der fitteste Mann, den ich je gesehen habe. Seit 1969 trimmt er sich jeden Tag mehrere Stunden. Hat bis vor ein paar Jahren regelmäßig Knastmeisterschaften im Gewichtheben und anderes gewonnen. Außerdem gab er das Rauchen auf. Einer, der an die Zukunft denkt. Seine Bewegungen sind blitzschnell und völlig beherrscht. Der Junge würde Joe umhauen, bevor der überhaupt weiß was los ist. Und Joe weiß das. In einem seiner Bücher hat er geschrieben, dass er sich an elf Kiefer erinnert, die er gebrochen hat. Seine Spezialität war der „Cigarette punch“. Mit der Schnelligkeit und Präzision des Berufsboxers schlug er auf die Kinnlade seines Gegenübers, wenn der sich gerade die angebotene Zigarette in den geöffneten Mund steckte. Englands größte lebende Legende neben den Rolling Stones. Die sind allerdings inzwischen so gefährlich wie Perry Como. Bei Reggie bin ich mir da nicht so sicher. Er umarmt mich wie einen alten Freund. Unser wöchentlicher Briefwechsel hat uns irgendwie zu Vertrauten gemacht. Wir setzen uns, und Reggie öffnet seine Aktenmappe. Lets talk business. Vorschläge für Fernsehdokumentationen, Vertriebsprobleme mit der Schallplatte, sein neues Buch mit den schönen Titel FAMOUS VILLAINS WE HAVE KNOWN ist fast fertig. Joe muss ein paar Sachen erklären, Rita nimmt Anweisungen entgegen, holt Kaffee und Snacks, die liegen bleiben werden. Wir Kerle hier sind einfach zu hart, um in einen Schokoladenriegel zu beißen. Das hätte sie wissen müssen! Er verteilt Zettel, auf die er für jeden in seiner unmöglichen Handschrift genau fixiert hat, was sie in nächster Zeit zu erledigen haben. Als ich seinen ersten Brief erhielt, wusste ich nicht mal wie rum ich ihn halten soll. Rita holt wieder Kaffee. Am Nebentisch steht eine junge Frau auf und flüstert etwas in Reggies Ohr. Er nickt und grinst. Sie bringt ihm einen Pappbecher. Fuselgestank steigt auf. Wenn eine Braut ihrem Freund Alkohol in den Knast schmuggelt, trinkt Mr.Kray selbstverständlich mit. Er ist der Guru, der ihnen klarmacht, dass sie ihre kleinkriminelle Laufbahn schleunigst aufgeben und lieber mit dem Computer umgehen lernen sollen. Er ist nicht mehr an Verbrechen interessiert. Er hat im Knast seinen Horizont erweitert und mit Büchern, Filmen, T-Shirts und dem ganzen Kray-Merchandising viel Geld verdient. „Selbst wenn ich wollte, ich hätte heute draußen keine Chance mehr, ein Racketeering aufzuziehen. Heute ist alles viel härter, und ich bin 57 Jahre alt. Die Welt ist anders als 1969.“ Den Straßenschläger möchte ich erst noch sehen, der Reggie Kray von den Füßen holt. Nein, Reggie steht jetzt auf andere Sachen. „Wenn ich rauskomme, mache ich erstmal einen langen Urlaub um wieder richtig fit zu werden.“ Vielleicht will er einen Kontinent umgraben. „Und dann mache ich ein keep-fit-Video für über Sechzigjährige.“ Ich sehe meine völlig verfetteten Onkel im Trainingsanzug vor der Sportschau sitzen. „Zusammen mit Jane Fonda.“ Großes Gelächter. Zärtlich nimmt er Rita am Arm. „Come closer, dear. Feel comfortable.“ Reggie hat es gern, wenn sich die Leute wohl fühlen. Das hat ihm schon in den Klubs Freude gemacht. Mit einem Glas in der Hand herumzuwandern und sehen, dass alle ihren Spaß haben. Und wer stört, bekommt was auf die Birne. „Du kannst es dir nicht vorstellen. Du hattest damals nur drei Wahlmöglichkeiten im Eastend: Berufsboxen, Berufsverbrechen oder in die Fabrik gehen. Kein intelligenter Junge träumt davon, in die Fabrik zu gehen, oder? Eher hätten wir uns die Kugel gegeben.“ Joe hat seine Anweisungen bekommen, Reggie entlässt ihn. Immer noch der Boss und Joe steht auf und verabschiedet sich artig. Reggie kriegt Unmengen Post, meist von Unbekannten, darunter schlimmste Psychos. Reggie reicht mir einen Brief, den er gerade erhalten hat. Er ist von zwei britischen Soldaten vom Golf. Sie wünschen ihm alles Gute und loben sein Buch BORN FIGHTER. Er hätte recht mit seiner Aussage, dass nichts auf der Welt rechtfertigt, dass zwei Länder ihre jungen Männer in einen Krieg zum gegenseitigen Abschlachten aufeinander hetzen. Reggie diktiert Rita, zehn Bücher an die Soldaten im Golf zu schicken.“ Frag alles, was du fragen willst.“ In den Büchern wurde immer deutlich, dass Ronnie der düstere Antreiber von Reggie war. So wie Günter Mittag als böser Geist von Erich Honecker galt. Etwas, gegen das sich Reggie immer wandte. „Ronnie war geradeaus. Er ging die Sachen direkt an, egal was. Auch seinen Mord. Der Unterschied zwischen ihm und mir ist: ich liebe die Intrige. Jede Sekunde, von der Planung bis zur Ausführung.“ Kann er sich noch an den Moment erinnern, als er Jack the Hat das Messer ins Gesicht stach? „Es steht ganz klar vor mir. Als wäre es gerade geschehen.“ Ich verkneife mir das voyeuristische Klischee à la was-fühlt-man-dabei. „In den Büchern wurde Jack the Hat immer runtergespielt. Man stellte ihn hin, als wäre er ein harmloser Drogentrottel gewesen. Er hat seine Freundin aus dem fahrenden Auto geworfen, und sie blieb gelähmt. Er war mit einer Schrotflinte hinter mir her. Das Miststück war verdammt gefährlich, völlig unberechenbar. Es ging um ihn oder mich. Hätte ich ihn nicht kalt gemacht, hätte er mich erwischt.“ Rita bestätigt ihn: das Eastend zitterte vor dem durchgedrehten Glatzkopf. Rita meint, im Film wäre der Schauspieler von Jack als Einziger der realen Figur nahe gekommen. Bis heute ist seine Leiche nicht gefunden. Wann war der entscheidende Punkt, an dem alles aus dem Ruder lief? „Ich glaube, so um 1964. Da hätten wir innehalten sollen und alles überdenken. Statt sorglos einfach immer weiter zu machen, hätten wir einen Schritt zurückgehen müssen. Wir haben den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Damals hätten wir noch legale Geschäftsleute werden können.“ Der Tod seiner Frau Frances, 1967? Danach schien er mehr zu saufen und Ronnies wilden Aktionen blind zu folgen. Er selber wurde unberechenbar. „Nach Frances Tod interessierten mich die Dinge nicht mehr so sehr. Alles war nicht mehr so wichtig. Aber immerhin habe ich noch dafür gesorgt, dass wir zurück ins Eastend gingen und uns nicht mehr auf das Westend konzentrierten.“ Was denkt er über die Verräter heute? Alles Leute, die es sich in der „Firma“ der Krays jahrelang gut gehen ließen. „Ich denke nicht oft an Scotch Jack Dickson, Ronnie Hart oder Les Payne. Die denken wohl öfter an mich. Die haben mich für immer. Sie sitzen auch im Gefängnis. Ihr Kopf ist ihr Gefängnis. Natürlich tat es weh, dass gerade unser Cousin Ronnie Hart den Kronzeugen machte. Nach einem Selbstmordversuch lebt er jetzt mit neuer Identität in Australien. Aber er hat immer noch dasselbe Gehirn, denselben Kopf. Typisch für ihn, dass sein Selbstmord nicht geklappt hat. Er kann so weit weglaufen, wie er will. Sein Verrat wird ihn immer begleiten.“ Und Nipper Read, der Mann, der sie in den Knast brachte? „Ich hab keinen Kontakt zu ihm. Warum auch? Dieser Teil meines Lebens ist vorbei. Der Mann machte seinen Job. Und er machte ihn gut. Ich glaube, er ist inzwischen pensioniert. Weiß nicht mal, ob er noch lebt.“ Warum ging es schließlich schief? Sorglosigkeit, Überheblichkeit, Größenwahn, zu große Brutalität? „Von allem etwas. Es war meine Schuld. Ich war wie der Kapitän auf der Brücke. Ich trage die Verantwortung. Ich beklage mich nicht über mein Urteil. Das habe ich nie getan. Ich war der Kapitän, und das Schiff ist abgesoffen. Die anderen sind als Zeugen gegen uns – nicht alle – in die Rettungsboote gegangen. Ich hasse sie nicht dafür.“ Ich habe keine Lust mehr, ein Interview abzuziehen. Wir unterhalten uns über das Eastend und seine besondere Schönheit, seine unvergleichliche Atmosphäre. Reggie hat ein Buch über den Eastendslang geschrieben. Als er Ronnie erzählte, er habe ein Exemplar an Ronald Reagen geschickt, fragte Ronnie: „Und wie hat’s ihm gefallen?“ „Ronnie kann sehr komisch sein und merkt es nichtmal.“ Ab drei sieht Reggie immer wieder auf seine goldene Armbanduhr. Schließlich zieht er eine gestreifte Jacke über. „Sie wollen, dass wir das hier tragen. Aber meine Besucher fühlen sich unwohl, wenn ich die Streifenjacke anhabe.“ Wir umarmen uns zum Abschied. „Du kommst wieder.“ Keine Frage. Ich gehe hinter Rita zum Ausgang. Ich drehe mich noch mal um. Reggie steht da, lacht und winkt. Plötzlich fühle ich mich beschissen. Mir geht auf, dass er seit 1969 im Gefängnis ist. Länger, als jeder Mörder oder Kinderschänder – von korrupten EU-Kommissaren ganz zu schweigen. Ich grinse schief zurück. Warum können wir nicht woanders hingehen und ein paar Biere schlucken? Ich fühle mich wohl in seiner Gesellschaft und möchte mit ihm durch die Eastend-Pubs ziehen. Ich bin durch die Tür. Etwas benommen. Auch ‘ne Art jet-lack.
Die Commercial Street macht ihren Namen alle Ehre.
Sie führt Mitten ins Gewühl von Whitechapel und ist eine der großen Lebensadern des Eastend. Ein altes Manufakturgebäude hinter dem anderen. Hier schlägt das Herz der englischen Bekleidungsindustrie, heute fest in der Hand von Indern, Pakistani und einigen schwerreichen britischen Moguln. An einer Bushaltestelle balanciert eine Farbige eine Waschmitteltrommel freihändig auf dem Kopf. Die alten vier- bis sechsgeschossigen Häuser mit ihren ungepflegten Fassaden beherbergen Hunderte von Textilfirmen. Dazwischen mal ein ungehöriger Neubau, auch verlassene Fabrikgebäude mit eingeschlagenen Fenstern. An den mit Paketen und Papp-Containern voll gestopften Bürgersteigen werden riesige LKWs be- und entladen. Die Straße ist ein einziges Textillager. Hunderte Ausgänge führen auf unübersichtliche Hinterhöfe und in kleine dunkle Gassen. Die Gegend ist nicht kontrollierbar. Ein Alptraum für jede deutsche Behörde, deren Beamte man hier ihre Strafzeit nehmen lassen sollte. Für Krimiautoren der harten Schule so etwas wie Disneyland. Ein düsteres Labyrinth, in dem der hässliche Kapitalist der Minotaurus ist. Rechts war die schmale, wenig einladende Duval Street, die leider einem Gebäudekomplex weichen musste. Früher hieß sie Dorset Street, und Detektivsergeant Leeson schrieb 1934 in seinen Memoiren LOST LONDON: „Es bleibt offen, ob die Dorset Street oder der Ratcliffe Highway die Ehre für sich in Anspruch nehmen konnte, die schlimmste Verbrecherstraße Londons zu sein. So mancher Konstabler, der einen fliehenden Verbrecher verfolgte, gab die Jagd auf, wenn sich der Missetäter in den Schutz der Dorset Street begab.“
In der schmalen Passage Miller’s Court,kurz bevor die Duval Street in die Crispin Street mündete, metzelte Jack the Ripper Mary Jane Kelly nieder. Die alte Kneipe Ten Bells steht noch an der Commercial Street. Hier nahm die arme Mary Kelly ihren letzten Gin, bevor sie dem Ripper begegnete. Die Gegend von Commercial Road bis Brick Lane im Osten und Whitechapel Road im Süden heißt Spitalfields. Noch bis zur Jahrhundertwende der schlimmste Slum der Welt, Ort furchtbarster Armut und schrecklichster Verbrechen. Als Charles Booth 1889 seine berühmte Armutskarte von London entwarf, zeichnete er Spitalfields schwarz, um es als „sehr arm, unterste Schicht, lasterhaft, halbverbrecherisch“ zu bezeichnen. Wenn man heute die Gegend nachts durchwandert, scheint man immer noch, kaum überdeckt, den Geruch von Armut und üblen Lastern zu riechen. Als wäre Spitalfields wirklich ein verfluchter Ort. Tagsüber ist das etwas anderes. Eher, als würde man in der Kulisse eines Gangsterfilms herumwandern. Das eifrige Treiben der Textilfirmen beim Beladen der Laster hat irgendwas Illegales. Wie das Schnapsverschieben während der Prohibition.
Hergestellt werden sowohl teure Modefähnchen für die Boutiquen Europas, wie billigste No-Name- Produkte, zusammengeschustert von kleinen Firmen, die Tausende von Asiaten in schmutzigen Löchern für kargen Lohn schuften lassen. Der Einstieg ins Krays-County.
Die Winthop Street liegt hinter der Whitechapel Road. Unvorstellbar. Hier lebt niemand. Die einzige Bewegung geht von einem Bagger aus, der einen Schrottplatz umpflügt. Selbst Hausbesetzer machen einen großen Bogen um diese Ecke. Hier gibt es genug Abrissarbeiten für die nächste Generation. Früher hieß diese Gasse Buck’s Row und war eine der gemeinsten Hinterstraßen von Whitechapel. In ihr lag das berüchtigte Barbers Pferdeschlachthaus, und am 31.August 1888 fand man hier die Leiche von Mary Ann Nichols, Jack the Rippers erstes Opfer.
Zwischen Bethnal Green Road und Whitechapel Road breitet sich das ganze Spektrum des östlichen Londons aus: heruntergekommene Straßen neben gerade frisch renovierten. Und gegenüber von düsteren, in die Bahndämme gegrabenen Autowerkstätten hat ein völlig durchgeknallter Architekt eine Zeile mit modernen Einfamilienhäusern hingesetzt, die in deutschen Vororten normalerweise unweit von Einkaufszentren zu finden sind. In der nicht ganz so düsteren Cheshire Street, über die noch Pferdewagen jagen, entsteht ein riesiger, moderner Bürobau. Nichts passt hier zusammen und alles zusammen ist ein harmonisches Ganzes. In einem der Häuser hat George Cornell 1962 angeblich den Gangster Ginger Marks erschossen. Jedenfalls hat er das mal Ronnie erzählt, und Ginger Marks wurde auch nie wieder gesehen. Man steht davor und kann nicht einmal das Dezennium erkennen, in dem diese Straßen entstanden. Kein Problem, hier einen Film über Jahrhundertwende oder einen Gangsterfilm aus den 3oer- oder 50er Jahren zu drehen.
Kurz vor der Ecke zur Tapp-Streit hat man den Randstreifen mit Parkuhren bestückt. Vielleicht wurden sie vom Jugendamt als Trainingsgerät für die Streetfighter aufgestellt. Bevor es ans Renovieren geht, hat man jedenfalls schon mal die künftigen Parkplätze geregelt. Wie sagte mir Gavin Lyall? „Überall nur Stückwerk. Da wird ein bisschen was gebaut und dort ein bisschen was renoviert. Aber es gibt keinen umfassenden Sanierungsplan.“ Gut so, mir gefällts. Wenn jemals deutsche Stadtplaner aufs Eastend losgelassen werden, sollten die Londoner gleich hinter Moorgate Pallisaden errichten. Endlich bin ich in der Tapp Street. Der legendäre Lion-Pub steht noch. Unverändert, direkt vor einer Bahnunterführung. Das war einer der großen Treffpunkte der Firma. In ihm verkehrten die Zwillinge seit frühester Jugend hingegangen. Am 9.März 1966 fuhr Ronnie in Begleitung der beiden Schotten Ian Barrie und John Dickson kurz nach acht von hier aus zum Blind Beggar, erschoss George Cornell und kam zurück, um zum gemütlichen Teil des Abends überzugehen. Reggie hatte mit ein paar anderen Firmenmitgliedern gesoffen, ohne zu ahnen, was Brüderchen eben erledigen ging. Der Lion ist noch immer ein typischer Pub für die Anwohner. Ein kleiner Laden, der sich in den letzten Jahrzehnten nicht sehr verändert haben dürfte. An den Wänden Tapeten mit schwarzen Palmenblättern auf gelben Hintergrund. Ein altersschwacher Schäferhund sieht voller Milde und Weisheit den Stammgästen zu. Der Tresen scheint neu, irgendein Hartplastik das an Marmor erinnern soll. Ungewöhnlich, aber nicht störend. Genau die richtige Höhe. Was für Profis – nicht irgendwelcher neumodischer Firlefanz. Der alte Wirt gibt mir mein Ruddles Best Bitter und kümmert sich um die beiden Stammgäste an der rechten Seite des hufeisenförmigen Schanktisches. An der linken Seite streitet sich ein Inder mit seiner englischen Freundin und gießt Gin Tonic in sich rein. Reggies Lieblingsgetränk. Typischer 6oer Drink. Darf man heute eigentlich nur noch auf Borneo trinken, an einem wirklich schwülen Sommerabend. Oder wenn man als Inder krach mit seiner englischen Freundin hat. Furchtbares Gesöff, sollte aus ästhetischen Gründen längst verboten sein. Dazu jault Johnny Cash ununterbrochen frühe Songs über Bahnarbeiter, Landstreicher und wie es immer die Besten als erste erwischt. Das Ruddles kommt gut. Ich kann mich unschwer zwanzig Jahre zurückversetzen. Arbeiter am Tresen, die sich hier von Job und Familie erholen. Lachen, Billardspiele und der Zigarettenqualm hängt so tief, dass man kaum noch die Pints erkennen kann. Dann kommen Reg & Ron mit ihren Jungs durch die Schwingtüren. Großes Hallo. Zwei aus der Nachbarschaft, die es zu etwas gebracht haben. Die weder Familie noch ihre alten Freunde verleugnen und den arroganten Westendern die Kohle aus der Tasche ziehen. Gangster? Bei mir ist nichts zu holen. Harte Jungs, aber okay. Lokalrunden, und für ein paar zugeschüttete Stunden existiert nichts anderes im Universum. Jack London nannte die Kneipen die Klubs des kleinen Mannes. Wo sollte das mehr Berechtigung haben als in London, wo die vornehmen Westendklubs Jahresbeiträge kassieren, die für die Gäste des Lion einem Jahresverdienst gleichkommen.
Neben der Vallance Road verläuft eine gigantische Wiese bis zur Bahnunterführung, neben der einst „Fort Vallance“, wie das Haus der Krays im Volksmund hieß, stand. Genügend Platz für scheißende Hunde und Nachwuchskicker. Vielleicht ein Mahnmal für den Nachwuchs: Schlagt nicht den Weg der Krays ein, sondern tretet gegen den Ball, dann könnt auch ihr Gazzas werden. Das Chancenspektrum hat sich auch im Eastend erweitert: Neben Fronarbeit, Berufsboxen und Gangster, kann man jetzt auch noch sein Glück als Fußballprofi, Schauspieler (Michael Caine, Terrence Stamp, Twiggy) oder Pop-Star versuchen. Neben dem Bahndamm verläuft die Cheshire Street. An einer Ecke steht ein schmales, dreistöckiges Haus und beherbergt noch immer das Carpenters Arms. Dieser rotplüschige Pub war zeitweilig im Besitz der Krays. Hier ist noch nichts los; aus den Lautsprechern erklingt DAVY CROCKETT, KING OF THE WILD FRONTIER, 1954 ein echter Hit. Michael Jackson hat es nie bis ins Eastend geschafft. Auf dem roten Teppichboden suche ich nach alten oder neuen Blutflecken. Am letzten Samstag im Oktober 1967 begann für Reggie Kray hier der Abend, an dessen Ende die Ermordung von Jack the Hat stand.
Die Cheshire Street endet an der Brick Lane, die südlich auf die Whitechapel Road stößt. Hier ist alles fest in asiatischer Hand. Imbißbuden, Curry-Restaurants und immer wieder Textilgeschäfte. Ecke Woodseer Street präsentiert sich die Firma Titash stolz als führender Spezialist für Hochzeitssarees. Und immer wieder halbverfallene Häuser, aus denen Ratten nach zwei Nächten entnervt ausziehen. Würde nicht die blutrote Eastendsonne am grauen Herbsthimmel versinken, könnte man sich angesichts des bunten Treibens wie in Kalkutta fühlen. Majestätisch stehen rechts als Monument höchster Qualität die Neu – und Altbauten der Black Eagle-Brauerei. Jedes Bad Godesberger Ministerium könnte stolz auf so eine gepflegte Sandsteinfaßade sein. Als ich endlich auf der breiten Whitechapel bin, dröhnt plötzlich der undisziplinierte Autoverkehr einer Millionenstadt um mich herum. Rechts erheben sich fünf Meter hohe Mauern. Sie umrahmen Englands größte Moschee. Und wie auf Kommando beginnt der Muezzin lautstark über Whitechapel zu tönen. Da hat selbst der Autoverkehr keine Chance. Am Boothhaus springt plötzlich eine leicht zerlumpte Gestalt auf mich zu. Er will ein bisschen Geld, für Tee. Klar. Mit ungeheurer Geschwindigkeit redet er auf mich ein. Ich stelle mich blöd, sage ihm auf Preußisch, das ich kein Wort verstehe. Unbeeindruckt bringt er sein Anliegen in fließendem, akzentfreien Deutsch vor. Völlig verdattert gebe ich ihm etwas Kleingeld. Bevor ich ihn mir schnappen kann um ihn in den nächsten Pub zu zerren, ist er angeekelt zurückgesprungen und blitzschnell verschwunden. Egal was man anzieht, im Eastend stinkt man als Tourist meilenweit gegen den Wind.
Ein paar Hundert Meter hinter der U-Bahn-Station ist der Blind Beggar, echte Folklore und der vielleicht berühmteste Pub des Eastends. Auf dem breiten Bürgersteig bei der U-Bahnstation haben ein paar Dutzend Straßenhändler ihre Stände aufgebaut. Taschen und Textilien. Was ich vermisse, sind die nachgemachten Bobbyhelme aus Gummi, die man im Westend an jeder Touristencke kaufen kann und mit denen ich bei meinen Freunden so großen Erfolg als Souvenir hatte. Die Polizei ist wirklich nicht populär im Eastend. Nachdem der Beggar unfreiwillig durch Ronnie Kray eine ganz bestimmte Sorte von Publictiy bekommen hatte, wurde er innen völlig renoviert. Am Eingang klebt verheißungsvoll Ruddles Best Bitter Lives Here. Ein guter Grund einzutreten. Rotes Licht, ein anheimelnder Kamin und nur ein paar Tische an den Wänden. Vor der großen Theke ist genug Platz für die sauber gekleideten Geschäftsleute, die nach der Arbeit auf ein Gläschen einkehren. Das Publikum ist gemischt: Subkulturtypen, die immer weiter ins Eastend vordringen, ein paar alte Oldtimer, die ich mir schon als Opfer ausgespäht habe, Verkäuferinnen, junge Verliebte. Seinen Namen hat der Pub nach einem Gedicht aus dem 17.Jahrhundert: THE BLIND BEGGAR OF BETNAL GREEN. Ein armer Bettler hatte eine wunderschöne Tochter. Doch wenn die Jungs, die hinter ihr her waren, erfuhren, dass sie die Tochter eines Bettlers war, nahmen sie reisaus. Aber eines Tages kam dann der obligatorische hübsche Bursche. Ihm waren die wirtschaftlichen und familiären Verhältnisse egal, und er heiratete sie. Umgehend stellte sich heraus, dass der Bettler kein armes Schwein, sondern ein Verwandter des reichen und mächtigen Simon de Montfort war. Der Bettler schwamm im Geld und hatte nur nicht gewollt, dass seine Tochter wegen des schnöden Mammons geheiratet würde. Die richtige Story für diesen Ort zerbrochener Träume.
Für ein paar Pfund und reichlich Drinks erzählen mir die Wind-und-Wetter gegerbten Oldtimer wie so die Trinksitten der Krays waren. Sie waren damals junge Hafenarbeiter und wurden gelegentlich von ihnen freigehalten, wenn sie wie Cowboys nach einem langen Viehtrieb in den Saloon einfielen: „Sie steckten einen Haufen Pfundnoten in ein Bierglas gleich hier vorne am Ausschank auf den Tresen. Wer eingeladen war, konnte bestellen was und soviel er wollte. Jedes Mal wenn der Keeper wieder ein Getränk rausrückte, nahm er sich das Geld dafür aus dem Glas. Wenn das Glas leer war, gingen sie hin und stopften neue Pfundnoten rein.“ Mochten sie die Krays, oder fürchteten sie sie? „Beides. Ronnie war unberechenbar. Mal großzügig und mal düster und beängstigend. Die kleinen Leute hatten keinen Grund, die Krays zu fürchten. Frauen und alten Leuten gegenüber waren sie immer respektvoll und freundlich. Ihre Mutter hatte sie gut erzogen. Sie hatten Manieren.“ Die Legende lebt. Eine freundlichere Eastendlegende als Jack the Ripper. Aber wie so vieles in diesem Schmelztiegel, voller Gewalt und Brutalität. Draußen ist es tiefe Nacht geworden. Der Betrieb auf der Whitechapel Road läßt langsam nach. Die Straßenhändler haben ihre Stände abgebaut. Auch der Second-Hand-Plattenladen, in dem ich für ein läppisches Pfund die Original-Single OUT OF TIME von Chris Farlowe und eine EP der Pretty Things erwischt hatte, ist geschlossen. Im Eastend ist die Nacht besonders dunkel. Ich nehme ein Taxi zum Hotel.
1999. Nachtrag: Kürzlich unterhielt ich mich mit Russell James, dem „Chronisten der Südlondoner Unterwelt“ über die Krays und meine Faszination. Es amüsierte ihn. Ihn faszinieren reale Gangster nicht mehr. In seinem Roman PAYBACK – DIE RÜCKKEHR DES FLOYD CARTER hat er seinen Kommentar zu der Krays gegeben. Rational musste ich dem zustimmen. Aber analytisch gesehen sind meine geliebten High-School-Songs wohl auch nicht von der entscheidenden Bedeutung für die Pop-Musik, wie ich es gerne sehe. Was ist schon rational daran, wenn sich Nebel über Limehouse legt und irgendwo aus der der Undurchsichtigkeit ein Knall kracht… Ein Schuss? Oder nur ein geplatzter Reifen?
Auswahlbibliographie:
Campbell, Duncan: The Underworld. London: BBC Books, 1994.
Dickson, John: Murder Without Conviction. London: Sidgwick & Jackson, 1986.
Donoghue, Albert (und Martin Short): The Krays’Lieutnant. London: Smith Gryphon, 1995.
Fraser, Frankie (mit James Morton): Mad Frank. London: Little Brown, 1994.
Fry, Colin: The Kray Files. London: Mainstream Publ., 1998.
Kelland,G.: Crime in London. London: Century, 1986.
Kray, Charles (mit Robin McGibbon): Me and My Brothers. London: Grafton, 1988.
Kray Charlie (und Colin Fry): Doing the Business. Smith Gryphon, 1993.
Kray, Kate: Ronnie Kray: Sorted.London: Blake, 1998.
Kray, Reg: Born Fighter. London: Century, 1990.
Kray, Reg: Villains We Have Known. Leeds: N.K.Publ. 1993.
Kray, Reg & Ron (mit Fred Dinenage): Our Story. London: Sidgwick & Jackson, 1988.
Kray, Ron (mit Fred Dinenage): My Story. London: Sidgwick & Jackson, 1993.
Lambrianou, Chris (mit Robin McGibbon): Escape From the Kray Madness. London: Sidgwick & Jackson, 1995.
Lambrianou, Tony: Inside the Firm. London: Smith Gryphon, 1991.
Pearson, John: The Profession of Violence. London: Weidenfeld and Nicolson, 1972; Grafton 1989/6.
Morton, James: Gangland. Londons Underworld. London: Little Brown, 1992.
Morton, James: Gangland 2. The Underworld in Britain and Ireland. London: Little Brown, 1994.
Read, Leonard (und James Morton): Nipper. London: Macdonald & Co., 1991.
Richardson, Charlie: My Manor. London: Sidgwick & Jackson, 1991.
Samuel, Richard: East End Underworld. London: Routledge & Kegan Paul, 1981.
Thompson, Tony: Gangland Britain. London: Hodder and Stoughton, 1995.
Gespeichert unter: Bücher, Drehbuch, Sodom Kontrakt | Schlagworte: Ambros Waibel, Bruno Lässer, Hans Gerhold, Jens Müller, Sodom Kontrakt
Zur Erzählstrategie:
Im SODOM KONTRAKT benutze ich eine Erzählweise, die weder dem allwissenden Erzähler entspricht, noch dem Ich-Erzähler. Stattdessen ist sie irgendwo dazwischen, gleichzeitig in der dritten Person und aus dem
Blickwinkel der Haupt- und im Focus stehenden Personen. Die szenisch im Mittelpunkt stehende Figur dient als visueller auditiver und psychologischer Brennpunkt. Ihr Blickwinkel soll der Erzählweise Farbe geben und abgrenzen. Die Anwendung dieser Erzählstrategie soll dem Leser intime Einblicke in die Denkprozesse von mehr als nur der Hauptfigur ermöglichen, ohne dabei auf den allwissenden Erzähler zurückzugreifen. Die Beschränkung des Erzählers sollte dazu führen, dass der Leser die Weltsicht der Figuren auf einer tieferen Ebene nachvollziehen kann. Die unterschiedlichen Auffassungen der Figuren über die Geschehnisse sollen zusätzliche Spannung erzeugen. Damit wird der Leser aufgefordert, Haltungen und Situationen selbst zu beurteilen, Dies erscheint mir von einiger Bedeutung: Nicht die individuelle Wahrnehmung der Figuren soll für eine gewisse Spannung sorgen, sondern die Widersprüche in ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen. Mit der existenzialistischen Psychologie ausgedrückt: Jeder nimmt gleichzeitig zwei Welten wahr: den idios kosmos, der die eigene, persönliche Welt ist, und den koinos kosmos, die (mit anderen) geteilte Welt. Das Stemmen gegen den Zusammenbruch des idios kosmos sollte als unbewusst wahrzunehmendes Spannungselement die Thriller-Handlung unterstützen. Der Astigmatismus der Figuren soll den Leser dazu bringen, den eigenen koinos kosmos abzuleiten. Der Leser übernimmt die Aufgaben des allwissenden Erzählers und muss Urteile fällen, Wertvorstellungen festlegen (oder die vom individuell ausgerichteten Erzählers verwerfen/zustimmen) und die Erzählung auf seine Metaebene heben. Natürlich versuche ich dies zu steuern, indem ich die Blickwinkel auswähle. Aber der Leser muss selbst die Bedeutung produzieren, indem er eigene Schlüsse zieht um sie seinem koinos kosmos anzugleichen, da dass Konglomerat aus verschiedenen Sichtweisen nicht durch einen allwissenden Erzähler aufgelöst wird.
Einige Rezensionen zum Roman SODOM KONTRAKT
JUNGE WELT
24.09.2007 / Feuilleton / Seite 13
Der beste Kaffee
Zwei klassische Thriller von Ross Thomas und Martin Compart geben vor, was heute anliegt
Von Ambros Waibel
… Der Alexander-Verlag flankiert nun seine Werkausgabe mit Büchern aus Fausers persönlichem und ideellem Umfeld, eine realistische Traditionslinie wird sichtbar, die nach Jahren im Untergrund der Genre-Literatur mit Leuten wie Meyer und Saviano gerade wieder auftaucht. Zuletzt erschienen sind der Klassiker »Umweg zur Hölle« von Ross Thomas, im Original 1978, 1984 auf Deutsch bei Ullstein herausgekommen, und ein schnelles, schmutziges, höchst unterhaltsames Paranoia-Ding vom eben damals verantwortlichen Ullstein-Herausgeber und Fauser-Kumpel Martin Compart, »Der Sodom-Kontrakt«…. Martin Comparts konsequenter »politisch inkorrekter Anti-EU-Thiller« »Der Sodom-Kontrakt«, der in einer agitprop-mäßig noch deutlich schärferen Fassung bereits 2001 im Strange-Verlag erschienen ist, geht da einen Schritt weiter, indem er mindestens einen zurückgeht. Er will nicht den Pulp-Roman auf die Höhe der goutierten Literatur bringen, sondern er nimmt ihn als reißfeste Tüte, in die er kräftig hineinkotzt. Das kann sich wohl nur jemand erlauben, der von der anderen, der Verleger-Seite herkommt und es da bis zum deutschen »Krimi-Papst« gebracht hat. Compart weiß den Zeitungen noch etwas zu entnehmen, insbesondere denen aus Witten/Ruhr, und was er nicht weiß, reimt er sich so kräftig zusammen, daß er in aller Ruhe und mit fieser Ironie Raymond Aron zitieren kann: »Die Gesamtheit der Ursachen, welche die Gesamtheit der Wirkungen bestimmen, übersteigt die Fassungskraft des menschlichen Verstandes.«
Zuschaufeln, mit dem Auto drüber und Schluss!
Martin Compart glänzt mit einem bitterbösen Thriller
Von Jens Müller
TAGESSPIEGEL 13.1.2008
Charlie und Lee in „The Killers“. Mr. Wint und Mr. Kidd in „Diamonds Are Forever“. Jules und Vincent in „Pulp Fiction“. Killerduos mit sarkastischem Dialogwitz haben manchmal enormen Unterhaltungswert. Vorausgesetzt, man ist nicht ihr nächstes Opfer und muss nicht mit anhören, auf welche Art und Weise man selbst das Zeitliche segnen soll: „,Zuschaufeln, zweimal mit dem Wagen drüber, und das war’s.‘ ,Einfache Lösung, Herr Schmidt, einfach aber nicht simpel. Bewundernswert.‘ ,Vielen Dank, Herr Schneider.‘“
Mit den Herren Schmidt und Schneider bereichert Martin Comparts Thriller „Der Sodom-Kontrakt“ die Typologie der Killerduos um ein illustres Pärchen. Im Ruhrgebiet hinterlassen sie zwischen Witten und Dortmund eine beispiellose Blutspur: Sie zerlegen ihre Opfer mit einem Samuraischwert, erschießen sie aus dem fahrenden Auto oder knüpfen sie an einem Nylonseil auf – um nur einige Methoden zu nennen.
Ihren ersten Mord wollen sie Gill in die Schuhe schieben, einem Freund des Opfers. Was ein Fehler ist, denn dieser Gill ist ein harter Hund, ein ehemaliger Stasi-Agent, der mit seiner Glock-Pistole schlafen geht: „Man hatte es ihm während seiner Ausbildung beigebracht. Er war jedes Mal brutal durch einen Stromstoß geweckt worden, wenn er im Schlaf die Hand öffnete und die Waffe fallen ließ.“ Wow! Der Autor Compart spricht gerade dem aus Skandinavien importierten Krimistil Hohn, der in den vergangenen Jahren so reüssierte. Er psychologisiert nicht wie Henning Mankell; er reibt einem nicht seine literarische Ambition unter die Nase wie Hakan Nesser.
Compart beschwört eine ältere, sehr amerikanische, sehr schwarze Tradition: schnörkellos, rasant, brutal, schmutzig, trashig. Hier hat ein Kenner – Compart war Herausgeber der Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und Du Mont – kurzen Prozess gemacht und die ihm bekannten Genre-Versatzstücke derb gesampelt. Unnachgiebig verfolgt sein desillusionierter hardboiled detective das Killerduo und kommt dabei einer europäischen Korruptionsaffäre im Dunstkreis des Kinderschänders Dutroux auf die Spur. Weitere Akteure: Eine nymphomane Kommissarin, eine lokale Kiez-Größe („Karibik-Klaus“), ein exzentrischer Althippie mit ausgesuchtem Musikgeschmack (etwa: „Gilded Palace of Sin“ von den Flying Burrito Brothers). Und: korrupte Polizisten, korrupte Geheimdienstler, korrupte Politiker. Der böse Mann im Hintergrund ist ein deutscher EU-Kommissar, dessen bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Martin Bangemann gewiss nicht zufällig ist. Comparts Roman trägt den Zweittitel „Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller“. Hier hat jemand mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch geschrieben.
Dass er nun – überarbeitet – im Berliner Alexander Verlag neu erscheint, liegt sicher auch an Comparts Freundschaft zu einem anderen Autor. Für die Jörg-Fauser-Werkausgabe hat der Verlag zu Recht– viel Lob erfahren. Vielleicht war es mehr als alles andere das, was die beiden Männer, Compart und Fauser, verbunden hat: die Wut im Bauch. Ein paar mehr solcher literarischen Killerduos könnte das Land gut vertragen.
MÜNSTERLÄNDISCHE VOLKSZEITUNG: 9.5.07
Politisch unkorrekter harter Thriller – Philosophische Killer
Von Hans Gerhold
Privatdetektiv Gill, ehemaliger Geheimdienstmann, der untreue Pärchen überwacht, gerät in Mordverdacht und zwischen alle Fronten. Zwei Killer hängen sich an seine Fersen, schalten ihn aus und schieben ihm den Mord an seinem Freund Hans Brenner, für den er einen Geldkoffer übergeben sollte, in die Schuhe. Wie Gill aus dieser Schieflage herauskommt, was er zwischen Dortmund, Witten und Brüssel erlebt und wie sich die verbissen hartnäckige Kriminalkommissarin Alexa Bloch, Star und Leiterin der Dortmunder Mordkommission, an den Mann ohne Koffer hängt, gehört zu einem Thriller, der fern der Behägigkeit deutscher Regionalkrimis in der Tradition des Hard-Boiled-Genres wandelt, nein: spurtet.
Denn Martin Compart, langjähriger Herausgeber der einflussreichen Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und DuMont, legt ein furioses Tempo vor und liefert ein Glanzstück des Genres, das es mit amerikanischen Vorbildern aufnehmen kann, sie bruchlos auf deutsch-europäische Verhältnisse überträgt. Compart hat ein Ohr für Kneipengespräche, schaut „dem Volk aufs Maul“ und bringt das Maß an drastischem Realismus und absurdem Humor ein, das ein Noir-Roman benötigt. Eine Verfolgungsjagd mit Pfiff gehört dazu, der authentische Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux, undurchsichtige Geschäfte eines Karibik-Klaus, korrupte Beamte, die ineffektive EU-Bürokratie in Brüssel, unfähige Anwälte.
Herzstück ist das Killerpaar Schmidt und Schneider, zwei Gemütsmenschen, die sich wie Philosophen beim Stammtisch unterhalten und an legendäre Vorbilder wie Ernest Hemingways Short Story „The Killers“ und deren Verfilmungen erinnern, deren Niveau Compart mit geistreich witzigen Dialogen spielend erreicht. Grandios die Anspielungen auf populäre Kultur, Songs der Doors oder Charles Bronson („Spiel mir das Lied vom Tod“), dem eine Passage gewidmet ist, die jeden Film- und Thrillerfreund entzücken wird.
Voralberger Nachrichten
Kultur
Böse Buben und starke Frauen
Der Ruhrpott ist spätestens seit Schimanski als gefährliches Pflaster verrufen.
Von BRUNO LÄSSER
(VN) Vor einer Kulisse wie jener in der „Tatort“-Serie hat Martin Compart, bekannt als „Deutschlands Krimipapst“ mit dem Roman „Der Sodom-Kontrakt“ einen knallharten und spannenden Thriller mit unverhohlen deutlichem Realitätsbezug geschrieben.
Gill, ein ehemaliger Söldner und Einzelkämpfer im Auftrag des deutschen Geheimdienstes BND, hat sich von den kriegerischen Schauplätzen in Afrika und im Nahen Osten verabschiedet und arbeitet mittlerweile vergleichsweise ruhig als Privatermittler und Sicherheitsexperte. Eines Tages erhält er den Hilferuf von Brenner, einem Bekannten aus alten Tagen, der um sein Leben fürchtet. Obwohl Gill sofort seine Kontakte zur Halbweltszene nutzt, kann er nicht verhindern, dass dieser kurze Zeit später vor seinen Augen hingerichtet wird. Schlimmer noch, Gill steht bald darauf selbst unter Mordverdacht und wird von der Polizei ebenso wie von Brenners Auftragsmördern gejagt.
Bald schon pflastern noch mehr Leichen seinen Weg und, obwohl in Wirklichkeit unschuldig, glaubt die Polizei nach wie vor an Gill als Haupttäter und will ihn, ebenso wie der um auf möglichst wenig Publizität bedachte BND, so schnell als möglich aus dem Weg räumen.
Perfekt abgeschmeckt
Gill findet heraus, dass sein verstorbener Kollege Brenner sich seine Finger im wahrsten Sinn des Wortes an einer Erpressungssache verbrannt hat. Gills Ermittlungen lassen auch deutliche Querverbindungen zum Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux und einem unglaublichen Sumpf aus politischer Korruption bis in höchste EUKreise, moralischer Verkommenheit und skrupelloser Geschäftemacherei erkennen. Neben allerhand bösen Buben bevölkern Comparts Buch auch ein paar starke Frauen, die das Blut der Macho-Protagonisten bis zum ultimativen Showdown noch zusätzlich in Wallung bringen.
„Der Sodom-Kontrakt“ ist eine perfekt abgeschmeckte Mischung aus Spannung, Macho-Herrlichkeit und Aufdecker-Journalismus, garniert mit Sex, Hippie-Flair und fast schon wieder rührender Wissenshuberei über Popbands aus den 1960 er-Jahren.


