Martin Compart


DAN SIMMONS – DAS ALLROUND-GENIE by Martin Compart
12. Januar 2011, 10:56 vormittags
Filed under: Bücher, Dan Simmons, Krimis,die man gelesen haben sollte, Porträt, Science Fiction, thriller | Schlagwörter: ,

Eines sei gleich zu Anfang eingestanden: Mit der hochgelobten Science Fiction von Dan Simmons kann der Autor dieser Zeilen nichts anfangen; sie geht ihm – wie man in Fachkreisen gerne sagt – am Allerwertesten vorbei. (Er gehört ja auch zu den Ignoranten, die sowieso nur Steampunk, Ballard, Farmer, Dick, – schluck – van Vogt und ein paar andere SF-Autoren regelmäßig lesen …) Doch auf so ziemlich alles andere, was Simmons regelmäßig an Literatur liefert, steht er gewaltig.

Im Vergleich zu Dan Simmons’ Delirien wirken die meisten zeitgenössischen Horror-Autoren wie Schulhofkrakeler. Seine Weird Fiction steckt voller Szenen, die man nicht vergessen wird.

Sein erster Roman, GÖTTIN DES TODES, war der einzige Erstling, der je den World Fantasy Award gewann. Eher ein exotischer Abenteuerroman mit Horrorelementen. Neun Wochen hatte sich Simmons in Indien aufgehalten und ein Schauerszenario der Stadt Kalkutta abgeliefert, deren marternde Worte den Leser erbarmungslos foltern. Wer dachte, der gruseligste Ort sei der Bundestag, wird eines besseren belehrt: Seine Darstellung Kalkuttas als Höllenloch ist eines Dantes würdig. Eine Stadt, gegen die die Welten von BLADE RUNNER oder ALIEN geradezu wie friedliche Vororte wirken.

Zur Weird Fiction kehrte er immer wieder zurück: KINDER DER NACHT ist ein moderner Vampirroman, der zu den besten des Genres gehört und neue Volten aus dem abgenutzten Genre schlägt. Dabei sind die beschriebenen Zustände in Rumänien fast grauenhafter als der Genrehorror.

KRAFT DES BÖSEN ist ein unglaublicher Genre-Mix aus Horror, Conspiracy, Polit-Thriller und Hollywoodroman. “Es beherrschte anderthalb Jahre mein Familienleben. Es war eine schreckliche Zeit. Alles wurde dem Buch geopfert. Es war die intensivste Erfahrung des Schreibens, die ich je machte.” SOMMER DER NACHT ist sein dickleibiger Stephen King-Roman. Eine weitere Facette des Chamäleons Simmons, in dem er Kindheit in der amerikanischen Provinz der 60er Jahre mit Horror verbindet. In dem Sequal A WINTER HAUNTING kehrt einer der Protagonisten 40 Jahre später an den Ort des Schreckens zurück. Simmons – und das ist wieder so originell an ihm – zeigt die psychischen und emotionalen Nachwirkungen der grauenhaften Erfahrung.

Er ist einer der vielseitigsten lebenden Autoren. Sein bisheriges Oevre umfasst herausragende Werke in fast allen Genres: Science Fiction, Fantasy, Horror, Polit-Thriller, Mainstream, Crime. “Unterschiedliche Genres sind wie unterschiedliche Spezies am Baum der Evolution. Ich weiß, wie sauer Leser reagieren, wenn der Autor die Genre-Regeln nicht kennt. Ich kenne sie, weil ich all diese Genres liebe und lese. Jeder, der sein ganzes Leben lang nur dasselbe Genre liest, ist ein Idiot. Für einen Verleger ist das natürlich ein Alptraum. Er kann mir nicht ein bestimmtes Etikett aufkleben und mich damit vermarkten.” Kein Autor hat in so vielen Grenres so markante Duftmarken gesetzt. Ein solches Kaliber ignoriert man nur auf eigene Gefahr. Einzige Schwäche bei manchen seiner voluminösen Epen sind unnötige Subplots, die die Romane dicker machen, aber die Handlung oder Charaktere nicht voran bringen. Sein vermeintlich einfacher, direkter und schnörkelloser Stil ist äußerst effektiv. “Je komplexer die Story, um so simpler sollte der Stil sein und umgekehrt.“

Simmons wurde 1948 in Illinois geboren. Er studierte Englisch und wurde überzeugter Grundschullehrer. Wie es sich für solche Biografien gehört, war er von klein auf ein begeisterter Popliteraturleser. “Einige SF-Storys machten mir deutlich, dass der Kapitalismus nicht so toll ist wie ich dachte.” Heute lebt er mit seiner Frau Karen und seiner Tochter Jane in Colorado. In den 70er Jahren hatte er vergeblich versucht SF-Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Bevor er die Schreiberei an den Nagel hängen wollte, machte er 1981 einen letzten Versuch und ging zu einem Workshop, in dem auch der legendäre Harlan Ellison unterrichtete. Ellison erkannte sofort Simmons’ Talent und drohte ihm physische Gewalt an, wenn er das Schreiben aufgäbe. “Ich nahm diese Drohung ziemlich ernst. Was er tatsächlich meinte, war, dass Schreiben eine Unumgänglichkeit ist und mir keine andere Wahl blieb.” Kurz darauf verkaufte er seine ersten Kurzgeschichten. 1987 hatte er so viele Preise eingesackt und Bücher verkauft, dass er Berufsschriftsteller wurde. Inzwischen veröffentlicht er in 30 Ländern.

Schon direkt nach dem Erscheinen wurde HYPERION zu einem SF-Klassiker und verkaufte bis heute über eine Million Exemplare in 20 Sprachen. Der Roman ist nach den Canterbury Tales strukturiert und erzählt eine Reise durch die Galaxis aus der wechselnden Perspektive von 6 Personen, die ihre Geschichte erzählen. Jeder dieser Berichte ist stilistisch unterschiedlich und präsentiert eine bestimmte Form der Science Fiction, von der Hardcore-SF bis zum Cyberpunk. Simmons erhielt dafür den wichtigsten Preis der SF-Literatur. “Ich hätte in Holland sein sollen, um den Hugo Gernsback Preis entgegenzunehmen, aber ich konnte es mir nicht leisten. Ich musste den Hugo gewinnen, um genug Geld zu verdienen, dass ich hätte zur Verleihung kommen können.” Das gigantische Werk, in dem er u.a. mit dem uralten katholischen Schwindel aufräumt, lässt sich höchstens mit C.S.Lewis, Olaf Stapledon oder David Lindsey vergleichen. Trekkies oder STAR WARS-Fans sind wohl kaum dazu in der Lage, Schritt für Schritt in dieses Buch einzudringen und scheitern bereits auf der ersten Seite. In der SF hinterlässt er regelmäßig breite Spuren: Ob mit herausragenden Kurzgeschichten, dem Hyperion-Nachfolger ENDYMION oder gerade mit ILLIUM, der ILLIAS als Space Opera. Simmons nutzt häufig klassische Vorlagen für seine Bücher: John Keats inspirierte ihn zu HYPERION, Dante und T.S.Eliot haben ihre Spuren in DER HOHLE MANN.

Als Meister des historischen Polit-Thrillers erweist er sich in FIESTA IN HAVANNA. Aus der Perspektive des FBI-Agenten Joe Lucas erzählt er wie Hemingway und seine Gang im 2.Weltkrieg auf einen Nazi-Komplott stoßen, der den Kriegsausgang verändern könnte. Großartig sind die Charakterisierungen realer Figuren von Gary Cooper über J.Edgar Hoover bis hin zu Ian Fleming. Und Hemingway selbst springt einem aus den Seiten direkt ins Zimmer. Sein Auge für Details, machen diesen Thriller authentisch. Die erhabenen Kommentare des literarisch uninteressierten Ich-Erzählers sind immer vergnüglich: „Hemingway hatte für diese alberne Fischgeschichte den Nobelpreis bekommen.“

Inzwischen hat er auch noch eine Privatdetektivserie auf der Piste, die mehr an Jim Thompson und Richard Stark orientiert ist als an Raymond Chandler. “Mein Ziel war, als ich HARDCASE, den ersten Joe Kurtz schrieb, kein Kapitel sollte länger als 5 Seiten haben. Und ich wollte einen Protagonisten, der so gemein ist, dass ihn nicht mal seine Mutter lieben kann. Ich schrieb es in zwei Monaten.” Der bodycount ist genauso hoch wie das Tempo dieser schwarzen Thriller. Drei sind bisher erschienen und der vierte, in dem Joe Kurtz ins Grass beißt, wird wohl nicht erscheinen.
Als Romancier zeigt er nicht nur die Menschen in ihren Beziehungen zueinander, sondern auch in ihren Beziehungen zu der Welt, in der sie leben.

In den letzten Jahren hat er einige historische Romane der Sonderklasse geschrieben. In TERROR geht es um die dritte Franklin-Expedition, die 1845 die Nord-West-Passage suchte. Beide Schiffe, die HMS Erebus und die HMS Terror, verschwanden seinerzeit mit 130 Mann Besatzung spurlos. Ihr Schicksal ist bis heute ein ungelöstes Rätsel – aber nicht für Simmons-Leser. Auf 990 Seiten zieht der Meister wieder alle Register und macht uns einmal mehr klar, warum wir ihn lieben wird dieser voluminöse Schmöker (im besten Sinne des Wortes) durch Horror. Was dann kommt, weiß man schon im vorhinein: Der Tag ist gelaufen. Dan Simmons und sein dickleibiger Schmöker übernehmen die Kontrolle über die kommenden Stunden – da haben weder Telefon noch Internet oder DVDs eine Chance; das älteste Massenmedium der Welt siegt wieder einmal im heroischen Kampf um den guten Geschmack. Nicht einmal die Vorauswahl von “Deutschland sucht den Superstar” (die sich jeder ansehen sollte, der one man, one vote für eine Voraussetzung der Demokratie hält), kann da mithalten. Um geistig gesund zu bleiben, muß man sich eben öfters in Bücher versenken, die die Kraft der Phantasie mobilisieren und unser reiches Innenleben abrufen. Und das beherrschen die Werke von Dan Simmons ganz vortrefflich.


Noch besser gefiel mir DROOD, der beste neo-viktorianische Roman seit QUINCUNX von Charles Palliser (der eine eigene Betrachtung wert wäre und zu den besten Romanen gehört, die ich je gelesen habe). Aus der Perspektive von William Wilkie Collins beschreibt er die Konkurrenz und Freundschaft zwischen ihm und Charles Dickens und vermittelt einen Eindruck in deren Persönlichkeiten, das die meisten Biographen nach Hause gehen können. Seine Schilderung der Londoner Unterwelt jagt dem Leser wohlige Schauer über den Rücken. Einige Kritiker – wie schon zuvor bei TERROR – bemängeln Umfang und Horrorelemente in DROOD. Dem muss ich widersprechen: Kein Wort ist zuviel. Es sind Romane, in die man sich fallen lassen kann und ein Wochenende in ihnen lebt. Auch ein Aspekt großer Literatur, der selten geworden ist wenn man an die alle paar Kapitel retadierenden Wiederholungen der viel zu dicken Kriminalromane denkt, die lediglich wegen des vom Marketing festgelegten Umfangs die Bestsellerliste blockieren.

Aus diesem Schriftsteller, der Genre-Meisterwerke auf Bestellung liefert, ist noch viel mehr herauszuholen. Also lesen Sie nach, was Sie bisher versäumt haben – der Suchteffekt wird sich mit Sicherheit einstellen.

BIBLIOGRAPHIE

GÖTTIN DES TODES (Song of Kali, 1985), Heyne, 1991.

KRAFT DES BÖSEN (Carrion Comfort, 1989); Heyne, 1993.

IN DER SCHWEBE (Phases of Gravity, 1989); Heyne, 1994.

DIE HYPERION-GESÄNGE (Hyperionund End of Hyperion); Heyne, 2002.

STYX (Kurzgeschichten); (Prayers to Broiken Stones, 1990); Heyne, 1995.

SOMMER DER NACHT (Summer of Night, 1991); Heyne, 1996.

Going After the Rubber Chicken, 1991.

Summer Sketches, 1992.

KINDER DER NACHT (Children of the Night, 1992); Heyne, 1993.

DER HOHLE MAN (The Hollow Man, 1992); Heyne, 1994.

LIEBE UND TOD (Lovedeath, 1993); Heyne 1995.Blitz Verlag, 2000.

DIE FEUER VON EDEN (Fires of Eden, 1994); Goldmann, 1997.

ENDYMION (Endymion und The Rise of Endymion); Goldmann 2003.

DAS SCHLANGENHAUPT (Darwin’s Blade, 2000); Goldmann, 2002.

FIESTA IN HAVANNA (The Crook Factory,1999); Goldmann 2000.

Hardcase, 2001.

IM AUGE DES WINTERS (A Winter Haunting, 2002), Heyne 2006.

Hard Freeze, 2002.

Welten und Zeit genug (2004) und Helix (2008) (Kurzgeschichtensammlung);
World Enough and Time, 2002

ILLIUM (Illium,2003); Heyne, 2004.

Olympos, Heyne 2004.

Hard As Nails, 2004.

TERROR (The Terror, 2007) Heyne 2007.

Muse of Fire (2008)

DROOD (Drood, 2009), Heyne 2009.

Black Hills (2010)Ursprünglich erschien das Portrait in DARK ZONE – EIN NOIR READER. Zu bestellen durch:
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