Martin Compart


KRIMIS, DIE MAN GELESEN HABEDN SOLLTE: JIM THOMPSON by Martin Compart
2. März 2014, 4:24 nachmittags
Filed under: Crime Fiction, Jim Thompson, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir | Schlagwörter: , ,

Auch wenn er keinen aktuellen deutschen Verlag hat (Ausnahme: zwei Bücher bei Heyne Hardcore), ist das keine Entschuldigung dafür, Jim Thompson nicht zu lesen.
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Als James Myers Thompson am 7. April 1977 in Los Angeles starb, war er ein vergessener Schriftsteller, und kein Buch von ihm war noch lieferbar. Wenige Jahre zuvor hatte er in Second- Hand-Läden alte Ausgaben seiner Romane aufgekauft und versucht, die Filmrechte an seinem G e s a m t w e r k für 500 Dollar an Hollywood zu verkaufen. Zum Glück seiner Erben griff keiner dieser instinktlosen Glamourpiraten zu, und heute müssen die Produzenten tief in die Tasche greifen, wenn sie ein Thompson-Recht erwerben wollen. An seiner Beerdigung in Westwood nahmen nur wenige Menschen teil; lediglich vier Trauergäste gehörten nicht der Familie an, darunter Thompsons langjähriger Lektor und Freund Arnold Hano: “Ich fühlte mich schlecht, es waren nur wenige Leute da. Es kam mir vor, als wäre ich in einer Jim Thompson-Geschichte.”

Jim Thompson wurde am 27.September 1906 im Gefängnis des Caddo County in Anadarko im Oklahoma Territory (das erst ein Jahr später als Bundesstaat anerkannt wurde) geboren. Thompsons Vater war dort Sheriff, nachdem er zuvor als Ölmann eine Million Dollar gemacht und verloren hatte. Jim war ein echter Junge vom Land und lernte als Kind die Ölfelder von Oklahoma und Texas und die Prärien von Nebraska kennen. Landschaften, die in seinen späteren Romanen immer wieder eindrucksvoll verarbeitet wurden. Sein Verhältnis zu seinem Vater, der ein glückloser Rumtreiber war, blieb zeit seines Lebens problematisch. Nie schien er dessen Anerkennung erringen zu können, und bis zu seinem eigenen Tod fühlte er sich als Versager. Jim begann mit vierzehn Jahren zu schreiben und veröffentlichte seine erste Story mit fünfzehn. Daneben beendete er die Schule und hatte verschiedene Jobs als Hotelboy (davon erzählt er in dem grandiosen autobiographischen Roman BAD BOY, 1953) und Golfcaddy. An der Universität von Nebraska, wo er Journalismus studierte, lernte er 1931 Alberta Hesse kennen, die er 1932 heiratete. Zu diesem Zeitpunkt war Alberta mit dem ersten Kind schwanger, zwei weitere sollten folgen. Die Ehe hielt bis zu seinem Tod, 46 Jahre. Nach der Geburt seiner Tochter Patricia gab Jim das Studium auf, um Geld für seine Familie zu verdienen. Das war in den Jahren der Depression nicht so leicht, und Jim hatte zahlreiche, obskure Jobs und brachte die Familie kärglich als kleiner Geschäftemacher oder Ölfeldarbeiter durch. Geldsorgen sollten ihn bis an sein Lebensende begleiten. Mitte der 30er Jahre war er für drei Jahre Direktor des “Writer’s Project” in Oklahoma City, ein Projekt des New Deals von Roosevelt für arbeitslose Schriftsteller und einer von Jims besseren Jobs. In dieser Zeit fasste er wohl den endgültigen Entschluss, sich künftig als Autor durchs Leben zu schlagen.

351_67610_105254_xl[1]1942 erschien sein erster Roman, NOW AND ON EARTH. Bis 1949 folgten zwei weitere, wobei der letzte, NOTHING MORE THAN MURDER, 1949, bereits Thompsons Markenzeichen einführt: den psychopathischen Ich-Erzähler. Der große Erfolg als Autor blieb jedoch aus und Jim wurde in den vierziger Jahre zunehmend zum Alkoholiker. Anfang der 50er Jahre hatte er mehrere Jobs bei Zeitungen und schrieb regelmäßig über wahre Kriminalfälle für die “True Crime”-Magazine. Kurze Zeit hielt er sich sogar als Managing Editor für eines dieser billigen Magazine, bevor ihm sein Alkoholismus einen weiteren Rausschmiss bescherte. 1952 schien Jim am Ende zu sein, ein hoffnungsloser Säufer, der keinen Job mehr vernünftig auf die Reihe brachte. Das muss ihm in einem seiner seltenen klaren Momente bewusst geworden sein. Jedenfalls stoppte er das Trinken, nüchterte aus und beriet sich mit seiner Agentin Ingrid Hallen. Die schleppte den noch zittrigen Thompson kurz entschlossen in die Büros von Jim Bryans und Arnold Hano, den Lektoren des neuen Taschenbuchverlags Lion Boocks. Anfang der 50er Jahre schossen die Taschenbuchverlage nur so aus dem Boden. Mit billigen Nachdrucken von Bestsellern und immer mehr spannenden Originalromanen, meist Western, Liebesromane oder Thriller, verdrängten sie die Magazine (Pulps) in der Gunst des Publikums und bedienten einen schier unersättlichen Markt. Hano mochte den schüchternen Mann sofort. Er legte ihm ein paar äußerst grobe und klischeehafte Konzepte für Romane vor, die er für den Verlag geschrieben haben wollte. Jim wählte zwei davon aus. Aus dem zweiten wurde CROPPER’S CABIN, Thompsons optimistischster und Erskine Caldwel ähnlicher Roman (das für Thompson überhaupt nicht typische Schlusskapitel beruhte auf einer Anordnung des Verlages, der das ursprüngliche, pessimistische Ende nicht akzeptierte). Das andere Konzept trug den Titel SLEEP WITH THE DEVIL und handelte von einem Großstadtpolizisten, der sich in eine Prostituierte verliebt und sie dann umbringt. Daraus sollte Jims erstes Buch für Lion werden, der unsterbliche schwarze Klassiker THE KILLER INSIDE ME, für viele Jims bestes Buch. Mit Hanos Konzept hat der Roman nicht mehr viel zu tun. Thompson schrieb THE KILLER INSIDE ME in zwei Wochen und bekam 2000 Dollar für den Roman. Hano war so sehr von dem Buch beeindruckt, dass er es als Kandidaten für den National Book Award einreichte. Und niemand, der die Geschichte von Sheriff Lou Ford gelesen hat, wird diesen düsteren Roman je vergessen können.

Ohne jeden Zweifel gehört es zu den zehn wichtigsten und einflussreichsten Werken der nordamerikanischen Kriminalliteratur. Erstmals wurden in diesem Buch Elemente der Hard-boiled-novel konsequent und geradezu diabolisch mit der Psychoanalyse verbunden. Das die Erzählung vom psychopathischen Täter selbst vorgetragen wird, ist heute natürlich nichts ungewöhnliches mehr, war aber 1952 ein innovatives Wagnis. Bedenkt man, dass der Killer ein Polizist ist und das Buch zur Zeit der Terrorherrschaft des Senator McCarthy erschien, muss man es auch als ein mutiges Buch anerkennen. Genreimanent stellte es zusätzlich den gerade seinen Siegeszug in der Publikumsgunst beginnenden Polizeiroman auf den Kopf. Marcel Duhamel, Herausgeber von Gallimards Serie Noire, die als erste für Thompsons Anerkennung als brillanter Schriftsteller sorgte, erinnerte Thompson an Henry Miller, Erskine Caldwell und Céline. Er sagte über ihn: “Thompsons Werk unterscheidet sich grundlegend von mittelmäßiger Kriminalliteratur; er besitzt einen völlig eigenen Stil und eine höchst individuelle Weltsicht.” Und Thompson selbst: “Alle Schriftsteller, angefangen bei Cervantes, haben nur ein Thema: Die Dinge sind nicht so, wie zu sein scheinen.” Das trifft seine Romanwelt ziemlich genau: Lou Ford scheint ein netter, menschenfreundlicher Deputy Sheriff zu sein und ist doch in Wirklichkeit ein psychopathischer Killer. Auch staatliche Institutionen und demokratische Kontrollinstanzen zeigen sich hinter den Kulissen nicht als das, was sie nach außen vorgeben zu sein. Thompson zeigt in jedem seiner Romane ein rabenschwarzes Bild der nordamerikanischen Gesellschaft. Er zeigt, wie sehr Gewalttätigkeit, Machtstreben und Korruption mit der kapitalistischen Gesellschaft verbunden sind. Sein Markenzeichen, der paranoide Schizophrene, ist nichts anderes als die perverse Konsequenz aus dem Verfassungsgrundsatz, dass jeder “Amerikaner das Recht hat, nach seinem Glück zu Streben”.

Für Thompson, der kurze Zeit in der Kommunistischen Partei war, Marx gelesen hatte und von Naturalisten wie Zola, William Cunningham und Frank Norris beeinflusst war, gab es nie einen Zweifel daran, dass das System naturbedingt Millionäre genauso hervorbrachte, wie es psychisch kranke Killer zeugte. In Thompsons Welt können die Dämonen des Schicksals nicht bezwungen werden. Die Kreatur – und seine Menschen sind allesamt armselige Kreaturen – ist ohnmächtig diesem Walten und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen ausgeliefert. Bestenfalls können sie sich durch äußerste Brutalität für einige Zeit einen Freiraum erkämpfen.

Jims Tage als Hardcoverautor waren gezählt. Für den Rest seines Lebens schrieb er direkt für die grellen, reißerischen Taschenbuchreihen. Sicherlich auch ein Grund, weshalb die amerikanische Literaturkritik seinen Stellenwert erst lange nach den Europäern entdeckte. Ein Schicksal, das er allerdings mit vielen anderen Autoren teilte, nicht zuletzt mit David Goodis, John D.MacDonald, Charles Williams oder Cornell Woolrich.

Bis 1954 entstanden elf weitere Bücher für Lion-Books, dann verließ Hano den Verlag, nachdem man beschlossen hatte, künftig keine Originalromane mehr zu veröffentlichen. Jim war so geschockt, dass er wieder zu trinken begann. Er schlug sich mit Zeitungsjobs durch und veröffentlichte nebenher weiter Romane bei billigen Taschenbuchverlagen.
Jim Thompson - The Alcoholics[1]
Sein Lektor Arnold Hanno erinnerte sich, wie es zu dem Roman THE ALCOHOLICS kam: “Jim sagte, er wolle ein Buch über Alkoholismus schreiben. Er argumentierte: es gibt 4o Millionen Alkoholiker und ich werde 40 Millionen Bücher verkaufen.” Thompson übersah wohl, dass die meisten dieses Ordens ihre Zeit nicht mit Lesen verplempern.45698[1]

Ein Hoffnungsschimmer erschien am Horizont, als der junge Regisseur und Thompson-Fan Stanley Kubrick sich an ihn heranmachte. Durch ihn erhielt er ein paar Drehbuchaufträge und war für kurze Zeit im Hollywood-Geschäft. Aber die beiden Männer waren zu verschieden, sie verstanden einander nicht wirklich und schließlich endete die Freundschaft mit einem Prozess. Thompsons weiteres Leben bestand aus Enttäuschungen, kurzen euphorischen Phasen, furchtbaren Alkoholexzessen und schließlich tiefster Niedergeschlagenheit. 1975 tauchte er in einer kleinen Nebenrolle, als Richter Grayle, in Dick Richards Chandler-Verfilmung FAREWELL MY LOVELY auf. Dabei sah er Robert Mitchum wieder, den er 1948 während eines Jobs als Reporter interviewt hatte als dieser wegen des Rauchens von Marihuana eine kurze Gefängnisstrafe verbüßen musste. Auch sein gigantischer Erfolg in Frankreich, wo man ihn neben Hammett und Chandler als einen der wichtigsten Autoren des 20.Jahrhunderts verehrte, gab dem Gebrochenen keine Kraft mehr.

Als Jim starb, war er am Ende seines Weges angelangt und blickte auf ein Leben zurück, das kaum weniger schrecklich war, als das seiner Romanhelden. Sein Leben war eine gruselige Soap Opera ohne Quoten und seine Bücher die letzten Haltestellen auf dem Weg in die Hölle. Thompson war von ihrer literarischen Qualität immer überzeugt. Heute ist es auch die restliche Welt und jeder, der kein kompletter Ignorant ist, weiß bei der Lektüre von THE KILLER INSIDE ME, das er einen der großen Romane des 20. Jahrhunderts liest. Er selbst hatte seiner Frau gesagt, in zwanzig Jahren, also nach seinem voraussehbaren Tod, würden sie Bedeutung haben. Speziell in wirtschaftlicher Hinsicht – wie die vielen Verfilmungen und Neuauflagen belegen.



DIE SPRACHE DER MEAN STREETS – zur Neuausgabe von George V.Higgins by Martin Compart

Eddie Coyle ist eine echte Ratte, ein kleiner Gangster, der ständig zwischen den Fronten hin- und herwieselt, um seine schmutzigen Geschäfte durchzuziehen. Mal dient er als Polizeispitzel, mal dreht er mit den Freunden ein Ding. Ganz spezielle Freunde sind das: Bankräuber, Waffenhändler und kleine Ganoven wie Eddie selbst. Bei seinem Doppelspiel muss er schwer aufpassen. Und dann spitzt sich die Situation so zu, dass man von ihm verlangt, einen seiner Freunde ans Messer zu liefern. Eddies Wahl besteht nur darin, zu entscheiden, wen er verrät.

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Eddie lebt in der Bostoner Combatzone, deren Kriegsberichterstatter George V.Higgins war. Mit seinem Debüt, DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE,verpasste er  dem Crime-Genre 1971 eine neue Dosis literarischen Realismus. Selbst Norman Mailer war fassungslos über die Qualität dieses Erstlings, der 1985 von einer Buchhändlervereinigung zu einem der 25 wichtigsten Romane des 20.Jahrhunderts gewählt wurde. Ross Macdonald nannte ihn das „kraftvollste und beängstigendste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe.“ Über Nacht wurde Higgins zum neuen Stern am Noir-Himmel. „Über Nacht? War eine verdammt lange Nacht, die 17 Jahre gedauert hat und in der ich bereits 14 Romane geschrieben hatte, die alle keinen Verleger fanden. Darüber bin ich heute froh.“ Higgins damaliger Agent sagte FRIENDS OF EDDIE COYLE wäre niemals verkäuflich und strich ihn von seiner Klientenliste. Nachdem der Verlag Alfred Knopf (der schon Hammett, Chandler und andere Big Shots herausgebracht hat) den Roman für 2000 Dollar Vorschuss gekauft hatte, verbrannte Higgins seine alten Romanmanuskripte.

American writers; George V. Higgins

Zu schreiben begonnen hatte das verwöhnte Einzelkind eines Lehrerehepaars schon früh. Den ersten Roman schrieb George Vincent Higgins mit 15 Jahren. Geboren und aufgewachsen im proletarischen Brockton, Massachusetts, verinnerlichte er die irisch-katholischen  Arbeiterkultur, der er materiell und snobistisch entkommen konnte, die aber seine Literatur prägte. Er studierte u.a. an der renommierten Universität Stanford. Vorübergehende Untauglichkeit bewahrte ihn vor Vietnam. Bevor er Anwalt wurde, arbeitete Higgins als Kriminalreporter in Providence und Springfield und lernte die Unterwelt der Ostküste kennen. Eines Tages war er als Gerichtsreporter bei einem Mafia-Prozess: „Ich dachte, diese Anwälte haben mehr Spaß als ich. Also studierte ich Jura und wurde 1967 Ankläger im Büro der Staatsanwaltschaft.“ Später wurde er stellvertretender Staatsanwalt, dann niedergelassener Anwalt, der so illustre Charaktere wie den Watergate-Einbrecher G.Gordon Liddy und den Black Panther-Führer Eldridge Cleaver verteidigte. 1983 beendete er seine Anwaltskarriere um nur noch zu schreiben und am Boston College zu unterrichten. Aus diesen Schreibkursen entstand 1990 seine originelle Schreibfibel ON WRITING, laut Nick Tosches, der ein Fan von ihm ist, eines der schlechtesten Bücher über das Handwerk des Schreibens.

Der moderne Gangsterroman verdankt ihm mehr als jedem anderen Autoren. Elmore Leonard bezeichnete ihn als den Meister, von dem er alles lernte (einer der Hauptcharaktere in Higgins Roman heißt übrigens Jackie Brown – ein Name, den Leonard später aufgriff, um seine Reverenz zu erweisen). Higgins selbst nannte den heute vergessenen John O´Hara als seinen wichtigsten Einfluss.

Higgins hält sich fast nie an die Konventionen des Gangsterromans, die am Ende das große Shootout à la Richard Stark  oder W.R.Burnett fordern. Es geht auch nie um den einen, großen Coup, sondern um das tägliche Überleben auf der Strasse. Er entkleidet den Unterweltsroman aller glamourösen Aspekte. Er gab den Gangstern ihre eigene Sprache, die er aus Protokollen und Gesprächen destillierte um daraus Kunst zu machen.

Seine Figuren leben in einer Hobbschen Welt, in der jeder jedes Wolf ist und nur die eigenen Interessen zählen. In diesem Kosmos geht es nur um Ausbeutung und Zweckgemeinschaften. Wie schon Meyer Lansky wusste: Kriminalität ist die reinste Form der Marktwirtschaft. Bei Higgins durchzieht Korruption jede gesellschaftliche Schicht, und Taktiken und Strategien der Gangster sind dieselben wie die der Politiker oder Polizisten. Higgins zeigt eine paranoide Gesellschaft, die von Kriminellen aller Art belagert und geplündert wird, wie der Kapitalismus mit dem Mittel der Korruption alle sozialen Felder kolonialisiert. Seine Politiker, Anwälte, Cops und Gangster überleben (oder auch nicht) als Choreographen des zivilisatorischen Verfalls.

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Das Personal besteht aus kleinen und größeren Gaunern, Killern, Bürokraten, schmutzige Bullen, Anwälten und Politikern, abgenutzt vom Leben, aber voller Gier. Der Heroismus der unteren Chargen besteht darin, über den Tag zu kommen. Auch die Cops sind Gefangene des Systems und nicht ihre Wärter. Es ist eine männliche Welt, in der Frauen bestenfalls emotionale Konsumgüter sind. Sie spielen kaum eine Rolle in dieser maskulinen Welt, die ihnen nur die üblichen Rollen zugesteht. Trotzdem gelingen Higgins mmer wieder berührende Momente, die das traditionelle Frauenbild absurd erscheinen lassen.

Er moralisiert nicht, indem er seine Verbrecher be- oder gar aburteilt, und er verteidigt sie nicht, indem er sie erklärt. Er lässt sie sich einfach um ihre miesen, kleinen Leben quatschen.

Die große Stärke seiner besten Büchern ist leider auch die größte Schwäche seiner weniger gelungenen: Der Dialog. Niemand schrieb Dialoge wie George V.Higgins, der 1999 nur 59jährig starb. Er konnte eine ganze Geschichte fast völlig in Dialogen erzählen, die die Story vorantrieben und gleichzeitig die Personen charakterisierten. Sein behavioristischer Stil leitet die Realität davon ab, was die Leute reden,  nicht aus Beschreibung ihres Innenlebens. Der Leser muss die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen selber einschätzen. Die Charakterisierung seiner Figuren entsprießt aus dem, was sie sagen und wie sie es sagen. Gerade das hat sich Elmore Leonard von Higgins abgeschaut und oft effektiver genutzt. „Higgins zeigte mir, wie man in ein Szene geht ohne Zeit zu verlieren, ohne lange zu erklären, wer die Charaktere sind und wie sie aussehen.“

Die meisten seiner 27 Romane spielen in Boston, einige in Washington. Die Darstellung der Stadt unterscheidet sich gewaltig von dem zeitgleich, aber viel erfolgreicher schreibenden Bostoner Kollegen Robert B.Parker. Einen Heilsbringer wie Parkers Privatdetektiv Spenser sucht man vergebens in den Mean Streets von Higgins. Einige Kritiker klebten Higgins das Etikett „der Balzac Bostons“ an.

bccdc060ada0ae365c9f2210.L[1]In seinen Polit-Thrillern, wie A CHOICE OF ENEMIES, IMPOSTERS oder VICTORIES verkündet Higgind immer wieder seine psychologischen Systemanalysen: Politiker schaffen es nicht an die Spitze weil sie anderen Gefallen erweisen. Sie schaffen es, indem sie andere dazu bringen, ihnen Gefallen zu gewähren.  Sie sind genauso manipulativ wie die Gangster seiner Unterweltgeschichten.

Von dem Erfolg des Erstlings hat sich der Autor nie erholen können.  Er konnte sich nie aus dem langen Schatten von EDDIE COYLE lösen: „Ich habe die Schnauze voll von Rezensionen, die lauten: Natürlich gibt es bei Higgins keinen der üblichen Plots, aber die Dialoge sind wunderbar.“ Higgins war stets unzufrieden mit seiner Rezeption und dem wirtschaftlichen Erfolg in den USA (obwohl er durchschnittlich von jedem neuen Buch etwa 30 000 Hardcover verkaufte). In zu vielen Romanen verlor er die Kontrolle über die Geschichten und der Erzähler war nur noch ein Moderator mäandernder Mono- und Dialoge, die den Leser ermüden. Seine größte Anerkennung hatte er in Großbritannien; nur dort erschien auch sein einziger Kurzgeschichtenband. In Deutschland versuchten bisher vergeblich die Verlage Hoffmann & Campe und Goldmann Higgins unter deutsche Leser zu bringen. Sein neben EDDIE COYLE bester Roman, der Polit-Thriller A CHOICE OF ENEMYS, wurde bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt. Es ist zu hoffen, dass der  neue deutsche Verlag einen langen Atem und mehr Erfolg hat. Für die Masse der deutschen Krimileser (vorwiegend anspruchslose Frauen), die debilen Psychoquark, sozialdemokratisch depressive Skandinavier  oder gestammelte Provinzkrimis bevorzugen, taugt Higgins natürlich nicht als Lektüre. Aber vielleicht gibt es ja noch ein paar tausend intelligente und literarisch  verwöhnte Leser, die das Risiko des Verlages rechtfertigen.

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Aus verständlichen Gründen begann der Verlag Antje Kunstmmann die neue Higgins-Edition mit dem dritten Roman, ICH TÖTE LIEBER SANFT (COGAN´S TRADE, 1974), 2012 mit Brad Pitt verfilmt. Die grandiose Verfilmung von THE FRIENDS OF EDDIE COYLE von Peter Yates mit Robert Mitchum, ein seltener Glücksfall für einen Autor, ist bereits ein Klassiker. Higgins hat über Elmore Leonard nicht nur zeitgenössische Noir-Autoren beeinflusst, sondern auch Filmemacher wie Quentin Tarantino. Und eine TV-Serie wie DIE SOPRANOS, die dialoglastig die Banalität der systemimmanenten Organisierten Kriminalität thematisierte, wäre ohne Higgins nicht denkbar.

Higgins gehört zu den Autoren wie Robert Stone, James Crumley, Newton Thornburg oder Edward Bunker, die für den amerikanischen Noir-Roman in den 1970er Jahren die Traumata des Vietnamkrieges aufarbeiteten und neue Wege für das Genre aufzeigten. Wie die Pulp-Autoren während der Depression präsentierten diese Autoren schonungslos eine durch und durch korrupte Welt. Higgins & Co beschrieben den Kater nach der Aufbruchsstimmung der 1960er. Der Sixties-Traum einer „New Society“ war ausgeträumt. Und bekanntlich kam es noch schlimmer: Seit Reagen wurden systematisch alle rudimentären demokratischen Errungenschaften der Roosevelt-Ära für den Vorteil einer blutrünstigen Oligarchie auf dem Altar des absoluten Profitstrebens geopfert. So gesehen ist Noir-Kultur die erste Form, die nicht national definiert wird, sondern Länder und Sprachen überschreitend durch das übergreifende wirtschaftliche System. Noir-Literatur ist die sozio-politische Beschreibung der Entfremdung des Individuums von den Strukturen des Kapitalismus.

George V.Higgins: DIE FREUNDE VON EDDIE COYLE und ICH TÖTE LIEBER SANFT. Beide übersetzt von Dirk van Gunsteren im Verlag Antje Kunstmann, je € 14,95.

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NEUES E-BOOK: über Noir-Fiction by Martin Compart

Eine Reihe dieser Texte sind in irgendeiner Form bereits in unterschiedlichen Medien veröffentlicht worden. Andere hatte ich für diesen Blog geschrieben. Allerdings ermöglicht mir diese Form eine neue optische und inhaltliche Präsentationsform, die – hoffentlich – neue Blickwinkel ermöglicht. Außerdem ist es doch wohl nicht verwerflich, wenn ich damit ein paar Cent verdiene. Ich bin immer wieder mal darauf angesprochen worden, einen neuen Reader zu machen. Dem versuche ich hiermit nachzukommen. Ein weiterer, über Spionageliteratur, soll folgen.
Richtig genießen kann man die Cover und das Bildmaterial auf einem Tabloid (reinzoomen, vergrössern und in Farbe).

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Rezensionen, Essays, Portraits, Lesetipps und Analysen zur Noir-Fiction. In diesem mit selten gesehenen Bildern ausgestatten Noir-Reader veröffentlicht Compart Einblicke in die Welt der Noir-Literatur. Wer sich für düstere Kriminalliteratur und existenzialistische Thriller interessiert, bekommt nicht nur Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Genres, sondern auch Lektüre-Tipps von jemand, der sich fast sein Leben lang mit allen Facetten der Noir- und Kriminalliteratur beschäftigt.
Martin Comparts Arbeiten sind dafür bekannt, dass sie ebenso unterhaltsam wie analytisch und provokant sind.

Aus dem Inhalt:
On the Noir Road: Die schmutzigen Straßen des JAMES CRUMLEY,
CHARLES WILLEFORD: Keine Hoffnung für die Lebenden, Der Texaner: JOE R.LANSDALE, EVIL von JACK KETCHUM, Es war einmal in Washington: GEORGE P.PELECANOS, Queneau in den Mean Streets: JAMES SALLIS, Stadtführer für Perverse: MATTHEW STOKOES Roman HIGH LIFE oder Noir goes mainstream, ,PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie, HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum Backwood-Genre, WAS IST PULP?, LEO MALETS Schwarze Trilogie und der Neo-Polar, Noir-Abenteurer: PIERRE MACORLAN und vieles mehr.



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: CUTTER AND BONE by Martin Compart

CUTTER AND BONES von Newton Thornburg (1929-2011) ist ein großer, viel zu lange ignorierter Noir-Thriller, für den heutigen Noir-Roman so wegweisend wie einst James M. Cains THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE für die 1940er und 1950er Jahre. Als der Roman 1976 veröffentlicht wurde, schrieb die NEW YORK TIMES: “the best novel of its kind for ten years”.

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Der Aussteiger Richard Bone kommt zehn Jahre zu spät, um den Hippie-Traum zu leben. Ihm steht nur noch eine fragwürdige Form der alternativen Müllkippe zur Verfügung. Trotz gelegentlicher Zweifel zieht er diese aber der systemimmanenten Karriere, die er hinter sich gelassen hat, vor: „Er war sich mit dreißig plötzlich wie ein eingesperrtes Tier vorgekommen. Aus irgendeinem Grund war seine Frau Ruth zu einer Personifizierung unüberbietbarer Langeweile geworden, eine Glucke, die höllisch über ihren kostbaren Küken wachte. Was zwischen ihnen an Sex vorkam, war im Grunde nur gegenseitige Masturbation, bei der sie ihm jede zweite oder dritte Nacht ihren Körper als eine Art Auffangbecken überließ…Mit einemmal sah er das üppige Büro und die ach so beneidenswerte Position nur als eine Treppe, die keineswegs zu schönen und besseren Dingen führte…“

Richard Bone ist der Protagonist des Romans CUTTER AND BONE, den der Erzähler in der dritten Person fast ausschließlich aus seinem Blickwinkel erzählt. Er lebt als ein Strand-Casanova in Santa Barbara und ernährt sich durch die Zuwendungen begatteter Frauen, kleiner Jobs und der Großzügigkeit von Barbetreibern.

Ihn verbindet eine merkwürdige Freundschaft mit dem invaliden Vietnamveteranen Alex Cutter, der in seiner Desillusioniertheit, gepaart mit Zynismus und Selbstmitleid, bereits in der heraufdämmernden Zeit der nächsten Jahrzehnte angekommen ist. Cutter, seine von Drogen aufrecht gehaltene Frau Mo („So fraß Mo morgens, mittags und abends nichts als diese Tabletten – nicht zu viele, aber genug, um dem Leben die scharfen kanten zu nehmen.“), und sein kleiner Sohn krebsen ebenfalls am Existenzminimum herum. Cutters Kaputtheit belastet die Ehe genauso wie andere menschlichen Kontakte. „Ich bin wahrscheinlich einer der wenigen Gesunden. Ich sehe das Leben, wie es ist. Und Verzweiflung gegenüber dem Leben ist die einzig gesunde Haltung, die es gibt.“ Vietnam hat beide zerstört – und Bone die Logistik, das Marketing für ein System, das diese Kriege braucht. Die enttäuschten Veteranen des Krieges und der Revolte verlieren sich an Drogen, Zynismus und Apathie. Cutter und Bones „Heldentum“ besteht darin, über den Tag zu kommen indem sie genug Betäubungsmittel auftreiben.

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In einer Regennacht beobachtet Bones zufällig, wie ein Mörder die Leiche einer jungen Frau beseitigt. Er meint, den Mörder in einem Zeitungsbild wieder zuerkennen. Bemerkenswert dabei ist, dass Bone den Mörder an seiner Arroganz, die sich in seiner Körperhaltung ausdrückt, wieder zuerkennen meint. Wir sind Lichtjahre vom klassischen Detektivroman entfernt. Es handelt sich um den ekeligen Wirtschaftstycoon J.J.Wolfe. Zusammen mit der Schwester der Ermordeten beschließen Bones und Cutter ihn zu erpressen. Nur Bones kommen Bedenken. „In dieser Welt. Dieser Grube aus Pisse und Elend! Da hältst du es für unmoralisch, von so einem mörderischen Philister wie Wolfe ein bisschen tägliches Brot zu borgen?“ Wolfe gehört zu diesen Wirtschaftsharpyien, die nach dem ersten Ölschock begierig die Globalisierung anvisieren. Für Cutter symbolisiert Wolfe den schuldigen Kapitalisten, schuldig am Krieg, der sein Verhängnis wurde, und schuldig an den systemimmanenten Verbrechen, die Umwelt und Menschen ins Verderben stürzen. Ob er der Mörder der jungen Prostituierten ist, bleibt dabei bis zum Ende unklar.

Wie bei allen Noir-Autoren ist die Pazifikküste kein Ort an dem die Träume wahr werden, sondern der Ort, in dem sie jämmerlich krepieren. „Gott, er hasste Kalifornien, diese überbevölkerte Theaterlandschaft, wo Amerika unermüdlich Zukünftiges ausprobierte und gleich wieder auswechselte; da blieb nie etwas lang im Verkaufsangebot.“ Kalifornien ist lediglich die letzte Grenze der Lügen und Hoffnungen. Oder wie es Lew Welch in THE SONG MOUNT TAMALPAIS SINGS ausdrückte: „This is the last place. There is nowhere else to go“.

Sie lösen Mechanismen aus, die ihre Welt endgültig zur Jauchegrube der Sixties macht. Anders als die Verfilmung von Ivan Passer (1981 als CUTTER´S WAY), endet der Roman im völligen Nihilismus. Nach den Hoffnungsträger-Morden, nach Altamont und Charles Manson sind die am Tunnelende (um mal wieder eine meiner Lieblingsmetapher zu gebrauchen) geschwenkten Feuerzeuge endgültig erloschen. Thornburg reflektiert, dass individueller Aktionismus, ob von den Weatherman oder etwa der Baader-Gruppe, zu keiner politischen Lösung führen kann, aber sehr wohl die faschistischen Elemente des Systems beflügelt

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Der Roman, 1976 erstveröffentlicht, spiegelt eine Zeitenwende der westlichen Kultur, speziell der amerikanischen Gesellschaft: Nämlich die Katerstimmung nach der kurzen Phase der Euphorie, die in den 1960er Jahren eine gerechtere Ordnung suggerierte. Mitte der 1970er Jahre sind die Ideale verglüht, statt Marihuana hat der Markt härtere Drogen durchgesetzt und jeder sieht zu, wo er noch einen Platz findet.

Es ist die Zeit zwischen Watergate und Reagan, das Todeszucken der 60er-Rebellion, bevor die Neo-Cons im darauf folgenden Jahrzehnt damit begannen, den Planeten endgültig zugrunde zu richten. „Die Aktienkurse waren schon seit geraumer Zeit gefallen und unbeständig, die Arbeitslosenzahl stieg, und in jeder Bar hockten Pessimisten, die eine Katastrophe vorhersagten.“ Die Erinnerung an den ersten „postmodernen Krieg“ verdeutlicht den Beginn der neuen Phase des amerikanischen Imperialismus(vorbereitet seit den 1940ern, wie die PENTAGON PAPERS belegen). Der Vietnamkrieg war viel zu unpopulär um ihn durch höhere Steuern zu finanzieren. Er war der Anfang der Schuldenspirale, die sich bis heute immer schneller dreht und nur durch extreme Aggression des Establishment nach Außen und Innen aufrecht erhalten werden kann. “Cutter and Bone did come out strongly against the Vietnam war. So to that extent I don’t mind it being (interpreted as) leftist.”

Neben Crumleys Romanen (Pelecanos zählt auch noch Kem Nunn dazu) war es wohl Newton Thornburgs Meisterwerk, das für die amerikanische Noir- Literatur der nächsten Jahrzehnte richtungweisend war, indem es diese Kulturwende thematisierte und das Kommende antizipierte. Woody Haut nennt ihn bewusst und mit bestechender Argumentation im direkten Zusammenhang mit Robert Stones DOG SOLDIER, eine der Noir-Fanfaren für die 1970er.
Thornburg: “I’ve never considered myself a pure crime writer. Cutter and Bone is a straight novel, no matter how you look at it – strong characterisations, simple plot. I don’t like novels with private eyes you know, formula ones. I like crime stories, but I like them to be about ordinary people not crime professionals.”

Ekkehard Knörer schrieb über den Roman: „Einzig die Romane Cormac McCarthys lassen sich mit Thornburgs Meisterwerk verlgeichen. Auch in seiner freilich weniger wuchtig daher kommenden Sprachgewalt muss sich Thornburg vor McCarthy nicht verstecken, ihm gelingen so präzise wie (im besten Sinne) poetische Momentaufnahmen. Der Katastrophe wie des Glücks, das bald vorüber sein wird. Der Schuld, die nichts als Sprachlosigkeit zurück lässt. Der untergründigen Bedrohung, der die Katastrophe unweigerlich folgen wird.“

Ich persönlich sehe stilistisch zwar wenige Gemeinsamkeiten mit Cormac McCarthy, aber zweifellos ist der Roman ein literarisches Ausnahmewerk, das diesen Vergleich nicht zu scheuen hat. CUTTER AND BONE funktioniert auf mehreren Ebenen, beschreibt unter dem überspannenden Dach der Melancholie viele Stimmungen. Kein falsches Wort und nur richtige Sätze, die vom Leben selbst berührt sind. Ein großer Noir-Roman und ein großer Roman des 20. Jahrhunderts, dem die Zeit nichts von seiner Wahrhaftigkeit nehmen kann. Cutter, Bones und Mo sind Figuren der Weltliteratur, die man nie vergisst und die echter sind als so manche Büro- oder Kneipenlemuren, denen man im Paralleluniversum des “wirklichen Lebens” begegnet.

„Regardless of how they finish the novel, Cutter and Bone bear the burden of future noir protagonists, whose fate will be to investigate the culture whatever the cost.” (Woody Haut in NEON NOIR).

Der Ethos des Wilden Westens („erst schießen, dann fragen“) wurde durch den Vietnamkrieg zu einer Lizenz zum töten für Soldaten, Cops, Vigilanten und Psychos. Das spiegelt sich in der Pop-Kultur der 1970er wider, von Filmen wie DIRTY HARRY bis zu Paperback Original-Serien wie THE EXECUTIONER.
Nachhall und Erinnerung an den Vietnamkrieg, der die westlichen Gesellschaften spaltete, als eine der Hebammen der modernen Neo-Noir-Kultur. Die dunklen Mächte, die uns ins Verderben jagen, sind ausgemacht: man betrachtet fatalistisch ihre Zerstörungswut.

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“I always thought the characterization and cast was good. But the plot broke down halfway through.I think the characterisations are fine, the main characters and so on. But before the end, it just got absurd.” (Thornburg)

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NOIR-FRAGEN AN WILLI VOSS by Martin Compart

Wer ist Willi Voss?

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Im letzten Jahr begann man, Willi wegen seiner Vergangenheit als Abenteurer, Freiheitskämpfer, Terrorist und CIA-Agent durch die Medien zu hypen. Und Willi konnte Faulkners Satz am eigenen Leib erfahren: “Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht mal vergangen”. Dabei versuchten ihn die üblichen Opportunisten in die rechte Ecke zu rämpeln (in ihrer geistigen Bescheidenheit erkennen sie natürlich nicht, dass die Angrenzung zwischen PLO, Schwarzer September und RAF nahe liegender ist/war als kurzfristige Schnittmengen mit Gladio). Willi hat in jungen Jahren so einiges erlebt und angestellt (sicherlich mehr, als die meisten deutschen Autoren zusammen), aber eines ist er dabei nicht gewesen: Antisemit oder Faschist. Das „Syndikat“, eine Vereinigung von Menschen, die gerne schreiben und lesen, wollte gar ein politisches Ausschlussverfahren gegen Willi eröffnen um ihn als Faschisten zu brandmarken und rauszuwerfen. Die verantwortlichen Buben, die nichts erlebt haben und darüber Kriminalromane schreiben, sahen wohl eine Chance, in ihrer selektiven Entrüstung für sich selber als politisch korrektes Gammelfleisch ein wenig mediales Interesse zu erschleichen. Willi kam dem Schrebergarten-Gesinnungsprozess zuvor und bewahrte sich seine Integrität. Inzwischen ist er auf nationaler und internationaler Bühne ein gern eingeladener Gesprächsgast, der spannendes und informatives zu berichten weiß.

Ich lernte Willi kennen, als ich 1986 von Ullstein zu Lübbe wechselte. Voss hatte sich bereits einen Namen als Profi gemacht, Heftromane und Taschenbuchkrimis geschrieben. Als mir sein Buch GEGNER (unter dem PseudonymWilli Voss E.W.Pless geschrieben) in die Hände fiel, erfreute es mich so sehr, dass ich es Jörg Fauser schickte. Fauser war von dem Libanon-Roman begeistert. Umso mehr, da das Buch von einem deutschen Autor stammte, dessen literarische Sozialisation nicht auf Toscana-Besuchen, Weißwein beim Italiener und Stadtschreiberstipendiaten bestand. Kurz darauf schrieb Willi mit SIGNUM F einen der ersten modernen deutschen Conspiracy-Thriller. 28662646[1] Inzwischen hatte ich Willi persönlich kennen gelernt (und ihn an meinen Ullstein-Nachfolger Georg Schmidt vermittelt, der seine Potenz natürlich sofort erkannte). Also kam es, wie es kommen musste: Fauser reiste von München an, Willi aus Spanien und zu dritt verlebten wir ein denkwürdiges Wochenende zwischen Bergisch-Gladbach und Witten-Ruhr (aber das ist eine ganz eigene Geschichte). Genug der Panegyriken.

Hier erstmal der Bünnagelsche Fragebogen mit WILLI VOSS:

Name?

Willi Voss, und andere je nach Gelegen- und Notwendigkeit

Berufungen neben dem Schreiben?

Nach gutem Lesestoff fahnden. Bogen um Fastfood machen. Am Herd Essbares komponieren. Im Halbsuff Weltbewegendes quatschen. Originaltexte wie diesen von einem gewissen X (Ich lasse den Namen hier weg um seinen werlosen Arsch zu schützen. M.C.) gelassen ertragen:

„DAS (siehe unten) sehe ich ganz anders. Vielleicht bin ich auch als Vater eines noch jungen Polizistensohnes sensibler geworden. Aber auch als Krimiautor sage ich: Wer in irgendeiner Weise kriminelle Taten begangen hat, gehört nicht ins SYNDIKAT. Als Krimiautoren jonglieren wir eh bei jedem Buch, bei jeder Lesung mit dem moralischen Aspekt. MEIN Publikum erwartet von mir, bei allem Gruseln, Horror, Gänsehaut-Feeling etc, einen Menschen, der ihnen das Kriminelle, das Grauen, manchmal auch heiter verpackt, präsentiert, aber nicht repräsentiert. In diesem Zusammenhang (ich weiß, dass interessiert im SYNDIAKT keinen Menschen): geht es irgendwo auch noch um Literatur? Oder wollen wir allen Ex-Knackis, Ex-Terroristen, Ex-Sympathisanten etc. einen Logenplatz (und sei es in dieser Mailingliste) reservieren, bloß weil SPIEGEL und Co (und das gesamte Unterschicht-TV von RTL bis sonstwo) solche Typen brauchen
Lieber Willy Voss, oder wie immer du heißen magst: Ich habe nie eine Knarre besessen und rühme nicht, irgendwelche Idioten gekannt zu haben, die am Massaker von 1974 beteiligt waren.
Daher fordere ich mal ganz plakativ: Krimanal-Autoren ja! Kriminelle Autoren = nein!“

Film in Deinem Geburtsjahr?

La Paloma mit Hans Albers und kreisenden Papmachétauben in den Hauptrollen, sozusagen als Ankündigung der Kontinuität deutschen Filmschaffens.

Was steht im Bücherschrank?

Ein Sammelsurium von Brecht, Heine, Storm, Wolfe, Hammet, Fauser, Caputo, meine Sachen, aber wegen abrupter Zeitläufte unvollständig; Perez-Reverte und Trevanian als Mahnung, niemals nachzulassen. Kenneth Spencer, der in meiner Erinnerung gnadenloseste Leihbuchschreiber aller Zeiten. Schreibe von den Kulturwächtern wg. Erfolg, Sex & Brutalität unter den Ladentisch verdammt oder gar verboten.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?

Nix Buch, nix Film. Will Platten, Redakteur der Deutschen Reihe im Bastei Verlag, den ein Autor auf´n Topf gesetzt hat, und der mich fragte, ob ich mir zutraue, einen Ersatz zu schreiben. Weil ich nicht nur anderen, sondern auch mir fast alles zutraue, habe ich den Job angenommen und innerhalb von vier Tagen mit „Tränen schützen nicht vor Mord“ geliefert. Ahnungslos, weil vom Kriminalroman vollkommen unbeleckt, außerdem bewiesen, dass auch Henne nach dem Ei möglich ist.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?

Wenn im heftigsten Geballere die Liebe zuschlägt und der Regisseur den bösen Gangstern für die Knutscherei ( und das Abkühlen der 268-schüssigen Sechskammer-Revolver ) zwei Minuten Waffenstillstand genehmigt.

Ein paar Film noir-Favoriten?

Fahrstuhl zum Schafott. Guns for hire. Psycho. Richtig umgehauen hat mich lediglich „Der eiskalte Engel“. (Damals)

Und abgesehen von Noirs?

Brücke am Kwai. Seitdem war mir klar, dass Krieg mit schmissiger Marschmusik beschallt wird und eine wahrhaftig heroische Veranstaltung ist. Jenseits von Eden. Ein Streifen der ´ne Weile mein Auftreten und besonders meine Kleidung veränderte.

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?

Ich gehörte exekutiert, wenn ich für einen der saudepperten Eliminierenswerten Knast riskierte.

Internet?

Geht Leben ohne Wasser?

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Noir-Fragen – Dein Leben als Film Noir

1.Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?

Die des rauchenden Kerls an der ihn stützenden Laterne, der verdammt genau weiß, dass er einige Leichen zu wenig hinterlassen hat.

2.Und der Spitzname dazu?

Dirty Trench

3.Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?

Theodor J. Reisdorf

4.Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World
Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)

„Baby, die Harpune darfst du zur Gangsterjagd laut § 0341B nur unter Wasser benutzen.“

5.Schwarzweiß- oder Farbfilm?

Die Bösen schwarzweiß, die Guten in Farbe.

6.Wer liefert den Soundtrack zum Film?

Die ich gefragt habe, bestanden darauf, anonym zu bleiben

7.Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?

Keine, es sei, Ikea ( oder welcher Hersteller auch immer ) hätte mir das Bettmodell „Untergang“ ins Schlafzimmer gestellt.

8.In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?

Im Bentley vom Erzbischoff, dessen Chauffeuse und die reichhaltig ausgestattete Bar stresshemmend sein dürften.

9. Und mit welcher Bewaffnung?

Die Dame am Steuer und schussicherem Jäckchen trägt unverschämt H&K MP 7A1, 4,6 MM, verfügt in der Hutablage seiner Heiligkeit über ein halbes Dutzend Handgranaten, zwei Stinger-Raketen und gilt laut Waffenjournal selbst als die schärftse Waffe seit Erfindung des Schießpulvers.

10.Buch für den Knast?

Memoiren von “El Lute”. „Camina o revienta“, in der Hoffnung, darin ein brauchbares Rezept für den schnellstmöglichen Ausbruch zu finden.

11.Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?

Würd´ich gerne drüber schreiben, alter Junge



THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: CHARLES WILLIAMS – VON DEN BACKWOODS ZUR HOCHSEE by Martin Compart

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Es fängt mal wieder ganz harmlos an: Der herunter gekommene Ex-Footballer Lee Scarborough muss sein Auto verkaufen und gerät dabei an die attraktive Madelone Butler. Und die schlägt ihm ein windiges Geschäft vor: Er soll in ein Haus einbrechen und die versteckte Beute aus einem Raub holen. Und damit geht die Party natürlich erst richtig los.
A TOUCH OF DEATH (100 MEILEN ANGST bei Heyne, 1968) gehört zu den düstersten Romanen von Charles Williams. Vielleicht der Roman mit der schlimmsten femme fatale aller Zeiten. Williams Frauenfiguren haben weniger mit den üblichen femmes fatales der Pulp- und Paperback Originals gemein, als dass sie die „Heldinnen“ in Neo-Noir-Filmen, wie LAST SEDUCTION (1994) von John Dahl oder Lawrence Kasdans BODY HEAT (1981), vorweg nehmen. Sie sind emanzipiert und absolut skrupellos. Und Williams dämonisiert nicht, sondern versucht zu verstehen. Die Frauen sind in seinen Büchern die komplexeren Wesen, die seine begrenzten Ich-Erzähler weder begreifen, noch durchschauen.

YnMta3QtMDA0MDMtYmswMDQ=Williams männlichen Helden, abgesehen von den Hochsee-Romanen, sind meistens die typischen Noir-Figuren: von Gier beherrschte, zur Gewalt neigende Gescheiterte aus der Arbeiterklasse oder der unteren Mittelschicht. Ihrer einstigen Hoffnungen beraubt, sind sie dazu bereit, eine Menge Risiken einzugehen um einmal an das große Geld und eine Sexgöttin zu kommen. Sie sind keine primitiven Machos, aber selten dazu in der Lage die Manipulationen durch die Frauen zu durchschauen. Eines der durchgehenden Subtexte in Williams Romanen ist, dass der Held, oder Anti-Held, feststellen muss, dass er nicht die geringste Ahnung von Frauen hat, da er sie nur an seiner Denkungsweise misst. Die „Ironie des Schicksals“ könnte man Williams Plot-Technik bezeichnen. Seine Ich-Erzähler beschreiben unsentimental jede überraschende Wendung, die ihnen (und den Lesern) zustößt. Sein literarisches Können zeigt sich auch darin, mit wie wenigen Sätzen er seinen Personen und dren beziehungen zueinander Tiefe verleiht. Für jeden Fime-Macher sind seine Vorlagen ein Traum; und zum Glück sind einige großartige Filme nach seinen Romanen entstanden (Truffauds Verfilmung von THE LONG SATURDAY NIGHT gehört m.E. nicht dazu; dieser 1962 erschienene Roman war übrigens sein letztes Buch für Gold Medal). Von den 23 Romanen wurden 14 Filmoptionen verkauft und bisher 10 für das Kino verfilmt.

Williams, Scorpion Reef, UK SCORPION REEF war sein erstes Hardcover und sein erster Hochsee-Thriller. Ein Kritiker nannte diese Romane „nautic noir“. Williams selbst war ein fanatischer Segler und Angler. Der aktuelle Meister des Hochsee-Thrillers, der Brite Sam Llewellyn, verdankt ihm mindestens soviel wie Dick Francis.

HELL HATH NO FURY (THE HOT SPOT) von 1953 war das erste Paperback Original, das von der New York Times besprochen wurde. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es sich bei dem NYT-Rezensenten nicht um Anthony Boucher handeln würde, der einflussreichste Kritiker der amerikanischen Kriminalliteratur und von da an bekennender Williams-Fan.

Am nächsten an ein en konventionellen Privatdetektiv- oder Detektivroman kommt Williams in GO HOME, STRANGER (1954). Der Protagonist versucht die Unschuld seiner zu Unrecht des Mordes an ihrem Mann angeklagte Schwester zu beweisen, indem er den wahren Killer sucht. Aber es sind genügend typisch Williamsche Backwood-Elemente vorhanden um den Roman ebenfalls zu einem herausragendes Paperback original zu machen.

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Seine Backwood-Thriller, die einiges Erskine Caldwell verdanken, umfassen nicht nur Noir-Thriller, sondern auch die aberwitzige Comedy UNCLE SAGAMORE AND HIS GIRLS, die Manchette für die komischste Geschichte über Hinterwäldler hielt.

Am bekanntesten ist Charles Williams heute noch für seine Hochsee-Thriller (dank der erfolgreichen Verfilmungen von AGROUND und DEATH CALM). Daneben schrieb er erfolgreich in anderen Subgenres, etwa Southern-Bachwoods wie seine Girl-Trilogie oder gemeine Kleinstadt-Thriller und On the Run-Thriller.

Stranger Er ist der große Vergessene (außer in Frankreich) der Paperback Original-Autoren der 1950er- und 1960er Jahre. Er war lediglich einmal für den EDGAR nominiert („Best Paperback Original“ für AND THE DEEP BLUE SEA).
Um ihn hat es nie einen Kult gegeben wie um Jim Thompson oder David Goodis. Warum, ist schwer zu begreifen: Seine Plots sind oft besser, seine Weltsicht genauso düster und seine Figuren umwerfend. Vielleicht liegt es daran, dass er keinen so in sich geschlossenen psychopathischen Kosmos beschreibt wie Thompson oder Goodis. Er beschildert die erkennbare Realität der amerikanischen Gesellschaft eher aus einer cooleren Perspektive, ohne deshalb ihre Verkommenheit auszusparen. Das gibt den Büchern eine zeitlose und moderne Dimension, die Goodis oder Thompson fehlen (mit äußerstem Verlaub gesagt). Seine Thriller sind oft action orientierter und haben mehr überraschende Handlungswendungen als fünf gute PO-Thriller zusammen. Im Grunde schrieb er bereits Neo-Noir als Goodis und Thompson noch Noir-Klassiker notierten. Ed Gorman, der als erster einen Essay über Williams schrieb, sagt, er sei der beste aller Gold Medal-Autoren.6992967609_5e10e1e44c_z

Charles Williams wurde am 13. August 1909 in San Angelo, Texas, geboren. Er hatte vier Brüder. San Angelo hatte damals unter 10 000 Einwohner und lebte von Rindern, Schafe und Öl. Die Kleinstadt über dem Fluss sollte später in den unterschiedlichsten Formen in vielen seiner Thriller beschworen werden. Genauso, wie die texanischen Backwoods. Wahrscheinlich begann hier in seiner Jugend seine andauernde Leidenschaft fürs Fischen und Leben in der Natur.
Er ging 1929 für zehn Jahre zur Handelsmarine, wo er sich auf Radiotechnik spezialisierte und vor allem als Funker arbeitete. So entkam er der Depression, indem er um die Welt fuhr. Seine Liebe zum Meer hielt ein Leben lang an und inspirierte ihn zu seinen exzellenten Hochsee-Thrillern. Nachdem er 1939 Lasca Foster geheiratet hatte, arbeitete er für RCA und andere Firmen bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Dann ging er mit seiner Frau nach San Francisco, wo er bei Mackay Radio arbeitete bis 1951 sein erster Roman, HILL GIRL, erschien. Er war bereits 41 Jahre alt. Der Roman war ein Riesenerfolg und verkaufte über zwei Millionen Exemplare. Es folgte sein erster on-the-run-Thriller: BIG CITY GIRL. williams-hill Williams arbeitete von nun an als Schriftsteller und Drehbuchautor. Anfangs natürlich ausschließlich für die Paperback Originals. Ray Banks bemerkte, dass er von den PO-Klassikern derjenige war, der die wenigsten Qualitätsschwankungen in seinen Büchern aufwies. Er zog mit seiner Familie öfters um und lebte eine Zeitlang in der Schweiz, in Peru. Frankreich, wo seine Romane hoch geschätzt wurden; auch als Drehbuchautor war er dort gefragt. Für seinen NOTHIN IN HER WAY erhielt er 1956 den Grand prix de littérature policière. Die Franzosen taten einmal mehr für Williams das, was sie auch für Goodis, Thompson und einige andere Noir-Klassiker getan hatten: Sie hielten ihn lieferbar, als in seinem Heimatland seine Bücher nur noch in Secondhand-Shops aufzutreiben waren. Die Franzosen verfilmten auch einige seiner Romane: NOTHING IN HER WAY mit Belmondo und Jeanne Moreauvon Marcwel Ophüls (1963) war die zweite Williams-Verfilmung nach THE THIRD VOICE (1960) von Hubert Cornfield (nach ALL THE WAY).

John D. MacDonald sagte über ihn: “Nobody can make violence seem more real.”
Anfang der 1970er Jahre starb seine Frau an Krebs. Williams kaufte etwas Land an der Grenze zwischen Oregon und Kalifornien und lebte dort in einem Trailer. Er konnte zwar fischen, aber nichts schreiben. Also zog er 1972 nach Los Angeles, wo er an einigen Drehbüchern mitarbeitete. In den letzten 12 Jahren seines Lebens hatte er nur noch drei Romane geschrieben. Sein Erfolg verblasste in den USA bereits in den 1960ern.
1975 setzte er seinem Leben ein Ende und erschoss sich. Im selben Jahr gab es noch eine Verfilmung: The Man Who Would Not Die) nach dem Roman THE SAILCLOTH SHROUD. Er wurde am 7.April in seinem Appartement in Van Nuys tot aufgefunden.


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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN MUSS: JOHN D.MACDONALDs TRAVIS McGEE by Martin Compart

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Schon längere Zeit (also etwa ein Jahr) hatte ich nichts mehr von ihm in der Hand gehabt, ihn aber bereits mehrfach Michael Krause empfohlen. Nun hatte Michael endlich meine Empfehlung erhört und sich den ersten John D.MacDonald zugelegt. Und bei allen zeitlich bedingten Einschränkungen, sprang der Funke über. Das war mir ebenfalls Anlass, mich mal wieder etwas in John D. zu vertiefen, der so was wie eine fast lebenslange Krimi-Liebe von mir ist. Außerdem scheint in den USA eine kleine Renaissance bevor zu stehen, denn er wird dort endlich wieder aufgelegt.

48_A Deadly Shade of Gold 1965 Entdeckt habe ich Jaydee, wie wir Fans zu sagen pflegen, Ende der 1960er bei Heyne, die dankenswerter Weise damals auch die genialen Fawcett-Cover übernahmen. Gleich mein erster Travis McGee schlug bei mir ein wie eine Bombe. Endlich ein hard-boiled-Protagonist, der nicht in „der Tradition von Hammett und Chandler“ stand. Bei aller Liebe zu den Großmeistern, waren diese doch in vielen Dingen antiquiert und brachten mit Sicherheit nicht den Zeitgeist der 1960er Jahre (wie hätten sie auch können?) auf den Noir-Punkt.

43 Non-Series-Romane, 21 McGee-Romane, 3 Sciene Fiction-Romane, 4 Sachbücher (darunter mit THE HOUSE GUESTS eines der besten über Katzen) und etwa 500 Kurzgeschichten. Das Meiste auf hohem Niveau. Wer kann da ein bis drei Bücher auswählen, die man unbedingt gelesen haben sollte. Ich versuche es trotzdem: The Deep Blue Good-by (1964), Darker than Amber (1966), Dress Her in Indigo (1969 The Turquoise Lament (1973), The Empty Copper Sea (1978), gehören zu meinen McGee-Favoriten. THE EXECUTIONERS/CAPE FEAR (1962) oder END OF THE NIGHT (1960), oder NEON JUNGLE… oder, oder… oder…

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J.D.war der erste amerikanische Kriminalliterat, der sich mit Umwelt- und Wirtschaftsverbrechen beschäftigte. Mit der Zeit wurden seine Kommentare zum american way of death immer schärfer und verzweifelter. Da ihm die Perspektive einer (sozialistischen) Alternative fehlte, bemerkte er zum Schluss nur noch zynisch wie die verdammenswerte Konsumgesellschaft den Planeten zerstörte und in den Abgrund führte. Er wurde nie müde, die freie Marktwirtschaft, deren Axiome er lange unterstützte, in ihren Auswüchsen zu beklagen. Allerdings gelang er selten zu der Erkenntnis, dass eben diese Auswüchse konsequente Folge des unkontrollierten kapitalistischen Systems sind. Für MacDonald versagt nicht das System, sondern die menschliche Moral. Heute wären für ihn Banker und Politiker noch mehr als zu seiner Zeit Symbole des Bösen.

Kein anderer Autor (außer Ed McBain) führte die amerikanische Kriminalliteratur thematisch und mental so gründlich in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kein anderer zeitgenössischer Autor der 1950er bis 1970er behandelte die neuen Themen so breit und intensiv wie er: Jugendkriminalität, Stadtflucht, Umweltzerstörung, Rassismus, Entwurzlung der Kriegsveteranen, Wirtschaftskriminalität, Verknüpfung der Organisierten Kriminalität mit der legalen Wirtschaft, Konsumterror, Drogen, Suburbia-Neurosen, Revolte usw. Außerdem war er einer der ersten Noir-Autoren, die die Großstädte verließen um in der Provinz den Schrecken zu beschreiben. Er fügte Florida der Noir-Landkarte hinzu und war der Begründer des „Sunshine State Noir“, heute vertreten u.a. von so großartigen Autoren wie Carl Hiaasen, Randy Wayne White und James W.Hall (besonders letztere verdankten JD und Travis McGee eine Menge).
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In den 50er Jahren gab es erstmals auf breiter Ebene das Phänomen der Jugendrevolte. Die in Freiheit und Wohlstand aufwachsende junge Generation begann die Werte der Eltern nicht nur in Frage zu stellen, sondern auch erste Ansätze einer Gegenkultur zu entwickeln. Eine Tatsache, die MacDonald zutiefst beunruhigte.. Als einer der ersten Autoren – zu nennen wären auch noch Ross Macdonald, Ed McBain, Hal Ellson, Thomas B.Dewey und die zahlreichen Schreiber so genannter “juvenile delinquents” – beschäftigte er sich mit diesem Thema. Mit großer Skepsis sah er die Entwicklungen und die Verbrechen der Mansion-Family Ende der 6oer Jahre muss ihm wie eine Bestätigung für seinen fast prophetischen Roman END OF THE NIGHT vorgekommen sein. MacDonald schrieb in der Regel auch keine Detektiv- oder PI-Romane; er schrieb amerikanische Thriller, oft Noir-Thriller.

Wirkliches Verständnis für die jugendliche Subkultur hatte er nicht – trotz des ehrenwerten Versuches in DRESS HER IN INDIGO. Als Libertärer hatte er allerdings auch kein Verständnis für die staatliche Repression gegenüber Drogen: “Der Besitz von Marihuana ist ein Kapitalverbrechen. Egal ob Marihuana nun so harmlos ist, wie viele glauben, oder so schlecht und schädlich wie andere meinen… Die selbstherrlichen Säulen der Gesellschaft und der Kirche glauben, den Rauschgiftgenuß damit verhindern zu können, indem sie den Besitz zum Kapitalverbrechen stempeln… Diese Strafe ist zu hart. Sie verschließt zu viele Türen. Diese Strafe zerstört einem jungen Menschen – der ein kleines Experiment gemacht hat – das ganze Leben…” (“Der Hippie im Indigo-Dress”; München 1970, Seite 18ff.)
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Seine Sprache erscheint auf den ersten Blick weniger kunstvoll. Das täuscht gewaltig, denn er ordnet jeden Satz der Geschichte oder seines kapitalismuskritischen Kommentar unter. Das unglaubliche Können, das sein Handwerk zu echter Kunst erhebt, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen. Man muss sich zum Beispiel im ersten Kapitel von A DEADLY SHADE OF GOLD das Telefonat zwischen McGee und Taggert ansehen. Auf zwei Seiten Dialog zeichnet J.D. ein genaues Psychogramm des alten Freundes, setzt den Plot, beschwört Vergangenheit und Beziehung herauf und legt die erste Schicht für die Atmosphäre, die den Roman durchzieht. Angesichts dieses Kunsthandwerks… Nein, angesichts dieser Kunst kann man nur in die Knie gehen vor einem Autor, der mit einem simples Telefonat dreidimensionale Figuren schafft und dabei noch den Suspense eröffnet.
Seine Stimme als Autor – der ganz bestimmte, unvergleichliche Erzählerton – kommt nicht aus der hard-boiled-Tradition des Genres. Viel mehr Gemeinsamkeiten hat sie mit Scott Fitzgerald oder John O’Hara, den MacDonald sehr bewunderte. Auch Graham Greene kommt einem bei der Lektüre manchmal in den Sinn. Er machte keine großen stilistische Experimente, sondern konzentrierte sich auf den Aufbau seiner Geschichten und auf die Erzählerstimme. Deshalb bleibt mehr noch als die vielen hinreißenden Charaktere, originellen Szenen und teuflischen Plots eben diese besondere Stimme in der Erinnerung. MacDonalds unnachahmlicher Ton gab den Takt an für seine höllischen Orchester. MacDonald ist ein komplexer Autor, der alle Aspekte der amerikanischen Gesellschaft aus einer kritischen, wertkonservativen Position heraus kommentierte und oft Weitsicht bewies. In der amerikanischen Kriminalliteratur steht er als Original völlig einzigartig da. Mit Travis McGee gelang ihm eine der komplexesten Serienfiguren des gesamten Genres.

Der ehemalige Harvard-Business-Schüler begann mit Ende vierzig seinen Magnum Opus; die Travis McGee-Serie. Er war eher konservativ, besser gesagt, ein Libertärer. Aber er beäugte den Markt genauso skeptisch wie den Staat. Als Bestseller-Autor war er spätestens Mitte der 1950er etabliert. Sein bis dahin ambitioniertester Roman, THE DAMNED, hatte 2 Millionen Exemplare verkauft. Bis 1963 weigerte sich John D. eine Serie zu schreiben. Aber dann überwarf sich sein Lektor bei Fawcett mit dem politischen Blindgänger Richard S.Prather. 22851732Dessen Shell Scott-Serie gehörte zu den erfolgreichsten Produkten des Verlages, aber der McCarthyismus von Prather störte Lektor Knox Burger zunehmend und er strich den verballhornten Namen eines demokratischen Politikers, den Prather einem Antagonisten gegeben hatte, aus dem Manuskript. Prather war sauer und bekam gleichzeitig ein Angebot für seine Erfolgsserie von Fawcetts Konkurrenten Pocket Books. Burger war in Schwierigkeiten. Die Verlagsleitung war sauer, dass er die Milchkuh auf eine andere Weide laufen ließ. Also wandte er sich an J.D., mit dem er inzwischen befreundet war (und der ihm als Autor von Dell zu Fawcett gefolgt war). Um die Sache kurz zu machen: J.D. schrieb erstmal drei Romane über einen Dallas McGee, bevor er meinte, er käme mit einer Serie zurecht. Wegen der Ermordung Kennedys in Dallas (so hat doch alles etwas gutes) wurde dann Dallas zu Travis.

Mit Travis McGee schüttelte JD endgültig den Trenchcoat vom amerikanischen Noir-Helden ab. McGee ist kein Privatdetektiv, also kein idealisierte Kleinunternehmer. Er lebt auf einem Hausboot in Fort Lauderdale und arbeitet nur, wenn er muss oder es sich lohnt. Denn er ist der Meinung, erst das Vergnügen und dann die Arbeit.

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McGee löst lieber Bikini-Oberteile als knifflige Fälle, feiert, trinkt und angelt gern. Ein Hedonist, der mit den Jugendlichen der Sechziger mehr gemein hat als mit der Generation ihrer Eltern (zu der JD gehörte). Im Gegensatz zu Marlowe und Spade und Hammer behandelte er Frauen mit Respekt und Gleichberechtigung. Er ist ein guter Freund und hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ein Leben als Angestellten-Lemure kommt ihm schon gar nicht in den Sinn. Dazu liebt er die Freiheit zu sehr. Aber er weiß natürlich, dass Freiheit in der kapitalistischen Gesellschaft ein teures Gut ist. Deshalb macht er „Bergungsjobs“(„salvage consultant”). Er kümmert sich also um Geld oder Vermögenswerte, die jemanden legal, aber nicht legitim, geraubt wurden oder die durch sonstige kriminelle Machenschaften den Besitzer gewechselt haben. Für die Hälfte holt ihnen McGee das Geraubte zurück. Davon legt er dann was für später zurück und von dem anderen Teil lebt er in den Tag hinein, bis es mal wieder eng wird und er den nächsten Job erledigt. Natürlich ist sein Kodex nicht immer mit dem Gesetz deckungsgleich. Da empfindet er ähnlich wie seine Vorläufer. Nur scheint er intelligenter, empfindsamer und hat mehr Interessen. Wenn es hart auf hart geht, weiß er natürlich zu kämpfen, muss aber oft verdammt viel einstecken. Und oft genug hat es Travis mit Burschen zu tun, die mit Dämonen aus der Hölle verwandt sind.Image.ashx

Das Böse in seiner mythischen und irrationalen Vorstellung existierte für John D.MacDonald. Es manifestierte sich in vielen seiner Romane in dämonisch skrupellosen Figuren, die nicht nur von Macht- Geld- oder Sexgier angetrieben werden, sondern einen Teil ihrer Motivation und Kraft aus der Hölle direkt beziehen. Nick Cady aus den EXECUTIONERS oder Junior Allen, Boo Waxwell und Ans Terry – um nur einige Kontrahenten von McGee zu nennen – sind das personifizierte Böse, dem man- laut MacDonald – mit soziologischen oder psychologischen Erklärungsmodellen nur unzureichend beikommen kann. Diesem anthropologischen Pessimismus bringt er in seinem vorletzten Travis McGee-Roman auf den Punkt, wenn er seinen Helden und Sprachrohr mit dem Freund Meyer streiten lässt: “Du gehst davon aus, dass jeder erst einmal unschuldig und rein ist, und dann passiert irgendwas, das ihn verändert. Du gehst von dem Konzept aus, dass die Menschen erst einmal gut sind, und was wir als Gesellschaft dann verstehen sollen, sind die Gründe, durch die sie verdorben werden. Verstehen und versuchen zu heilen. Ich dagegen glaube, dass es so etwas gibt wie das Böse, dass das auch ohne Grund existiert. Das schwarze Herz, dem es Spaß macht, schwarz zu sein…”(Zimtbraune Haut, München 1983, Seite 139) 07_25_2010_05_47_27PM

Bis zum 17, Band, THE EMPTY COPPER SEA, waren die Romane alle “stand alones”, die man in beliebiger Reihenfolge lesen konnte. Ab diesem Roman intensivierte MacDonald das serielle Erzählen. Jetzt nahm jeder Roman auf den vorhergehenden Bezug oder baute darauf auf. Bei aller erzählerischen Kraft, ließ aber meines Erachtens von nun an MacDonalds Fähigkeit zum plotten deutlich nach.

comfort23Seit einiger Zeit geistert das Gerücht herum, dass diCaprio McGee in einer Verfilmung von THE BEEP BLUE GOOD-BYE spielen wird. Bisher gab es eine ganz akzeptable Verfilmung von DARKER THAN AMBER und ein TV-Movie nach THE EMPTY COPPER SEA. Beide, sonst von mir geschätzte, Schauspieler konnten mich nicht als Travis überzeugen. Der junge Robert Redford oder Ray Liotta kämen meinen Vorstellungen näher.
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John Dann MacDonald wurde am 24 Juli 1916 in Sharon, Pennsylvania geboren. Als er 12 Jahre alt war, zog seine Familie nach Utica, New York. Kurz darauf wurde er schwer krank und musste ein ganzes Jahr lang das Bett hüten. In dieser Zeit las er wie ein Besessener, um vor Krankheit und Monotonie zu fliehen. 1934 schrieb er sich an der Wharton School of Finance an der Universität von Pennsylvania ein. Nach dem Studium ging er nach New York und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Natürlich arbeitete er auch als Tellerwäscher – das darf wohl in keiner amerikanischen Erfolgsbiographie fehlen! Später landete er an der Universität von Syracus, wo er Betriebswirtschaft studierte und mit Diplom abschloss. MacDonald gehört zu den ganz wenigen Schriftstellern, die eine Ausbildung in Ökonomie machten. Ein Aspekt, der sich in seinem Werk niederschlagen sollte. An der Universität lernte er die Kunststudentin Dorothy Prentiss kennen, die er 1937 heiratete. Anschließend zogen beide nach Massachusetts, wo MacDonald an der wirtschaftlichen Fakultät von Harvard seine Studien vertiefte. 1939 beendete er endgültig seine Studien; in diesem Jahr wurde auch sein Kind, Maynard John, geboren. Nach wenig befriedigenden Jobs in der Wirtschaft trat er 1940 in die Armee ein. Im Juni 1943 wurde er nach Neu-Delhi ins Hauptquartier für den hinterindischen Kriegsschauplatz als Stabsoffizier versetzt. Dort wurde er auch dem Office of Strategic Service(OSS), dem direkten Vorläufer der CIA, zugeteilt. In dieser Funktion war er direkt an den Guerilla-Aktionen der Amerikaner gegen die Japaner in China und Hinterindien beteiligt und an der Planung der Burma-Offensive, die die Kriegswende zu Gunsten der Amerikaner mit einleitete, involviert. Wegen der strengen Geheimhaltungsvorschriften des OSS unterlag selbst seine Post an die Familie strengen Zensurmaßnahmen. Deshalb schrieb MacDonald für seine Frau einmal eine 2100 Worte lange Kurzgeschichte über sein Leben in Neu Delhi, statt eines Briefes. Ohne MacDonald zu fragen, verkaufte Dorothy diese Impression an das Magazin “Story” für 25 Dollar.john d. macdonald 60s Die Story wurde im Sommer 1946 unter dem Titel INTERLUDE IN INDIA veröffentlicht und gehört zu den gesuchtesten Raritäten der MacDonald-Fans. Im September 1945 kehrte John nach New Jersey, wo seine Familie inzwischen lebte, zurück, und Dorothy überreichte ihrem verblüfften Mann den Scheck des “Story-Magazins”. Erstmals dachte er darüber ernsthaft nach Schriftsteller zu werden. Zumindest schien ihm das eine gute Gelegenheit um sich langsam in die Nachkriegsgesellschaft wieder einzuleben. “In den nächsten vier Monaten schrieb ich etwa 800 000 unverkäufliche Worte. Es war die klassische learning-by-doing-Methode. Hätte ich damit begonnen, einen Roman pro Jahr zu schreiben, hätte es zehn Jahre gedauert bis ich das Handwerk gelernt hätte. So saß ich vier Monate wöchentlich 80 Stunden an der Schreibmaschine, schrieb und lernte. Ungefähr 25 bis 30 Kurzgeschichten von mir zirkulierten ständig zwischen den Magazinen.”mystery_book_1949sum Fünf Monate später verkaufte er seine zweite Geschichte für 40 Dollar an das Pulp-Magazin “Detective Tales”. Anfang 1947 hatte er bereits 23 Geschichten an alle möglichen Magazine verkauft und konnte seine Familie mit der Schriftstellerei ernähren. In den nächsten Jahren war MacDonalds Ausstoß an Kurzgeschichten geradezu atemberaubend: Er verkaufte 1947 mindestens 35, 1948 etwa 50 und 1949 sogar 73 Geschichten. 1950, das Jahr, in dem er Romane zu schreiben begann, veröffentlichte er 52 Short Stories. Er schrieb alle Arten von Geschichten: Sportstories, Abenteuergeschichten, Western, Science Fiction, Fantasy und Kriminalgeschichten – immer mehr Kriminalgeschichten, bis in die frühen 50er Jahre über 160 Crime Stories. Er veröffentlichte so viele Geschichten, dass manchmal mehrere im selben Magazin erschienen. In der 1949er Juli-Ausgabe von “Fifteen Sports Stories” etwa, erschienen vier gleichzeitig. Deshalb musste er sich eine Reihe von Pseudonymen zulegen; so schrieb er als John Wade Farrell, Robert Henry, John Lane, Scott O’Hara, Peter Reed und Henry Rieser. Trotzdem verkaufte er nichtmal alle Geschichten. Später erzählte er, wie er einen Nachmittag damit verbrachte seinem elfjährigen Sohn zuzuschauen, wie dieser zwei Millionen unverkaufte Worte verbrannte. JDM-Brass1951 zogen die MacDonalds in den Bundesstaat, dessen genauester Chronist er werden sollte: nach Florida. Zuvor hatte er aber mit THE BRASS CUPCAKE bei “Gold Medal Books” seinen ersten Roman, eine Taschenbuchoriginalausgabe, veröffentlicht. Anfang der 50er Jahre war das große Sterben der Pulp-Magazine nicht mehr zu übersehen. Neue Medien, wie Fernsehen und Taschenbuch, verdrängten die jahrzehntelang für die Literaturgenres eine innovative Rolle spielenden Pulps in der Gunst der Leserschaft. Keine Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane in großformatigen Magazinen waren jetzt noch gefragt, sondern schnelle, spannende Romane in billigen, kleinen Taschenbüchern, die sich auf den täglichen Fahrten mit Bus oder Bahn aus den Vororten in die Stadt zügig runterlesen ließen. Der Ökonom MacDonald erkannte die Trendwende ziemlich rasch und warf sich auf das neue Medium “Taschenbuchoriginalroman”. Von den 42 Romanen zwischen 1950 und 1964, die MacDonald vor dem ersten Serienroman um Travis McGee geschrieben hat, gelten heute viele als Klassiker. Wie kaum einem anderen amerikanischen Autor gelingt ihm ein facettenreiches Bild der US-Gesellschaft im Umbruch. Auf dem Höhepunkt der MacDonald-Renaissance Anfang der 1990er, waren in den USA wieder alle Non-MacGees lieferbar.
Bis auf zwei Ausnahmen, deren Wiederveröffentlichung er noch vor seinem Tod ablehnte: die James M.Cain-Imitation WEEP FOR ME aus dem Jahre 1951 (die von verschiedenen Fans hochgeschätzt wird) und die Novellisierung eines Judy Garland-Films.

17_April Evil 1956

Da MacDonalds Romane meistens als Taschenbuchoriginalausgaben erschienen, wie gleichzeitig die Bücher von Jim Thompson, David Goodis oder Charles Williams, wurden sie bei Erscheinen von der Kritik wenig beachtet. Lediglich Anthony Boucher, der große Mann der amerikanischen Kriminalliteraturkritik, besprach und lobte seine Bücher regelmäßig. Er verglich ihn sogar mit Simenon, was den großen Ausstoß (in den 5oer Jahren durchschnittlich vier Romane im Jahr) und das gleichmäßig hohe Niveau angeht. Im Laufe der Jahre wurde MacDonald mit mehreren literarischen Ehrungen bedacht: 1955 erhielt seine Story THE BEAR TRAP den “Benjamin-Franklin-Preis” der Universität von Illinois als beste Short Story des Jahres. Der Roman A KEY TO THE SUITE wurde 1964 in Frankreich mit dem “Grand Prix de la Littérature Policière” ausgezeichnet. Sein Roman THE LAST ONE LEFT wurde 1967 für den “Edgar-Allan-Poe-Preis” nominiert; mal wieder typisch für die amerikanische Kriminalschriftstellervereinigung und ihrer Ostküstenklüngelpolitik, dass MacDonald ebenso wenig wie Mickey Spillane, E.S.Gardner, Rex Stout, Ed McBain, Chester Himes, Gavin Lyall, Len Deighton, Desmond Bagley und, und, und, einen “Edgar” für den besten Roman des Jahres verliehen bekamen. 1972 gabenihm die Mystery Writers of America, wie in solch peinlichen Situationen üblich, dann aber noch ihren “Grand Master Award”.

Er starb am 28. Dezember 1986 in Milwaukee.

JohnDMacDonald

P.S.: Die Berufsbezeichnung seines Protagonisten in Jörg Fausers DAS SCHLANGENMAUL war übrigens eine bewusste Reminiszenz an J.D.s großen Helden.

Auch wenn Rod nicht wirklich McGee ist, der Film ist ein kleines Juwel.

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THRILLER, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE: DIE LOVEJOY-SERIE VON JONATHAN GASH by Martin Compart

Als 1977 mit THE JUDAS PAIR (LOVEJOYS DUELL) der erste Lovejoy-Roman von Jonathan Gash in England veröffentlicht wurde, ahnten sicherlich die wenigsten Kritiker und Leser, daß hier eine der erfolgreichsten Serienfiguren der Pop-Kultur sein Debut gab. 41msDJA-RPL._SL500_SS500_Zwar konnte man sofort erkennen, welche Potenz der liebenswerte Mistkerl hat, aber würde der bisher unbekannte Autor Jonathan Gash auch das Stehvermögen haben, auf diesem hohen Niveau regelmäßig weitere Abenteuer vorzulegen? Zu unser aller Glück gelang das Mr.Gash bis 2008 mit 23 Fortsetzungen (wobei nicht verschwiegen werden soll, daß auch die Lovejoy-Serie Höhen und Tiefen mit besseren und schlechteren Romanen durchläuft). Das Lovejoys erstes Auftreten gleich den John Creasey Award der Crime Writers Association als bester Erstling des Jahres erhielt, war nur noch eine Formsache. In den nächsten Jahren erschienen in immer höheren Auflagen weitere Romane und machten aus dem Antiquitätenhändler einen der populärsten fiktionalen Helden der angelsächsischen Literatur. Vielleicht nicht in derselben Liga wie Sherlock Holmes, James Bond, Phil Marlowe, Tarzan oder Flashman – aber sein Ruhm wächst ja noch. Nachdem er die Länder des Commonwealth erobert hat, ist sein Erfolg in den die USA, wo die TV-Serie äußerst erfolgreich im Kabel ausgestrahlt wurde und die Romane im renommierten Verlag Mysterious Press erscheinen, eher begrenzt. Die bisherigen Versuche, die Serie auch bei uns zu etablieren, sind leider gescheitert: Scherz veröffentlichte den ersten Lovejoy in der damaligen Krimi-Reihe (ohne weitere folgen zu lassen), und ich die ersten drei Romane in der DuMont-Noir-Reihe. Vielleicht ist die Mischung aus hartem Thriller, höherem Bildungsniveau und Zynismus nichts für das deutsche Publikum, das sich eher mit flachen Regionalkrimis oder tumben Serienkiller-Blutorgien erfreut. Gash ist eher etwas für Leser mit einem gewissen Anspruch (und die lesen wahrscheinlich sowieso nur die Originale).

Gash

Lovejoy war eine neue Form des Antihelden, der einiges den angry young men der 50er Jahre verdankt. Ein Frauenheld, immer etwas schmuddlig, skrupellos und tierlieb. Ein Ich-Erzähler, der den Leser von der ersten Zeile an in den Bann schlägt und nicht mehr los lässt. Auch wenn die Plots des Autors Gash manchmal ziemlich schräg sind und gelegentlich auch schon mal weniger originell, legt man die Romane befriedigt aus der Hand. Denn letztlich liest man Lovejoys haarsträubende Abenteuer vor allem wegen des Tons und der Stimme des Ich-Erzählers, der einen mit Witz und Sarkasmus durch die Seiten jagt und dem es trotzdem gelingt atemlose Thrillerspannung aufzubauen. Es gibt zwar immer deduktive Elemente in den Romanen, aber sie sind doch eher dem Thriller als dem Detektivroman zuzuordnen. Gash ist großartig, wenn er Lovejoy durch physische Ausnahmesituationen jagt.

Jonathan Gash ist ein Pseudonym des britischen Autors John Grant (ein weiteres ist “Graham Gaunt”, unter dem er 1981 den Thriller THE INCOMER veröffentlichte). Er wurde am 30.September 1933 in Bolton, Lancashire geboren. Er studierte Medizin in London und absolvierte seinen Wehrdienst im Sanitätscorps, das er im Rang eines Majors verließ. Als Pathologe arbeitete er u.a. von 1962 bis 1965 in Hannover und Berlin. Anschließend führte ihn ein Lehrauftrag an die Universität von Hongkong. Er war von 1970 bis 1988 Mitglied der Royal Society of Medicine und war abt 1988 privater Spezialist für Infektions- und Tropenkrankheiten. 1955 heiratete er Pamela Richard, mit der er drei Töchter hat, die ihn bisher zum vierfachen Großvater machten. Seinen ersten schriftstellerischen Erfolg feierte er am Theater: 1976 wurde in Chester, Cheshire sein Stück TERMINUS aufgeführt. Ein Jahr später betrat sein Held Lovejoy die Bühne in seinem ersten Roman: LOVEJOYS DUELL (THE JUDAS PAIR).
205 Nach seiner Rückkehr aus Hongkong hatte Gash mit dem ersten Lovejoy-Roman begonnen. “Ich dachte an eines dieser Phantome, die durch die Literatur und Kunstwelt geistern: Shakespeares verloren gegangenes Stück oder die verschwundenen Tagebücher von Dr.Johnson. Und ich dachte an diese Antiquitätenjägerlegenden wie der zufällig auf einem Dachboden entdeckte Rembrandt. Das Judas-Paar ist so ein Mythos. Man weiß, dass Durs zwölf Paare Duellpistolen angefertigt hat, aber kein dreizehntes.” Gash wählte bewusst ein Pseudonym, da Ärzte damals keine Werbung für sich machen durften und auch die Veröffentlichung eines Buches als unerlaubter Wettbewerbsvorteil zu seinem Ausschluss aus der Ärztekammer hätte führen können. Der Slangausdruck “gash”, der unter den Antiquitätenhändlern des Eastends viel benutzt wurde, entsprang ursprünglich der Roma-Sprache des 18.Jahrhunderts und bedeutet soviel wie “absolut wertlos”.

Gashs Interesse für Antiquitäten entwickelte sich in jungen Jahren. Als Medizinstudent arbeitete er für einen Antiquitätenhändler in der Cutler Street, um sein Studium zu finanzieren. Hier traf er viele der merkwürdigen Typen, die später verschlüsselt als Charaktere in den Romanen wieder auftauchten. “In den 5oer Jahren war das Business in den Händen einiger wirklich harter Jungs. Ich nenne keine Namen, aber einige sind heute noch bekannt und berüchtigt. Wenn man für die arbeitete, musste man schnell lernen und durfte keinen Fehler machen. Sonst bekam man Ärger, schlimmen, lebensgefährlichen Ärger.” Einige der brutalsten Szenen in den Büchern sind nicht der Phantasie des Autors entsprungen, sondern der Realität entlehnt. Er begann sich auch dafür zu interessieren, wie Kunstwerke hergestellt werden, welche handwerklichen Voraussetzungen nötig sind. Er nahm Malunterricht bei Tom Keating, und er entwickelte ein Talent zum Aufspüren von Antiquitäten. Sein Doppelleben faszinierte ihn: “In der Medizin muss man einfach stur gewisse Dinge lernen. Weiß ist weiß und schwarz ist schwarz. Es gibt Gesetze, auf die man sich verlassen kann. Im Antiquitätengeschäft gilt das nur teilweise. Vieles hat mit Instinkt zu tun. Es gibt Leute, die brauchen einen Gegenstand nur anzusehen und wissen, ob er echt ist. Die machen keine Untersuchungen oder Spektralanalysen. Die wahren Könige der Szene. Ich wurde oft mit einem Stück zu so einem Kerl, Divvie genannt, geschickt. Manchmal sah er nur kurz aus den Augenwinkeln hin und schüttelte den Kopf. Das war’s dann. Er fasste es nichtmal an. Bis zu einem gewissen Grad verfüge ich ebenfalls über diese Fähigkeit. Aber sie läßt mit dem Alter nach.” gashrag

Jonathan Gash nimmt seine Lovejoy-Romane nicht besonders ernst. Das heißt nicht, dass er sich nicht sehr viel Mühe mit ihnen gibt. Aber das zunehmende Interesse durch Akademiker an der Figur verwundert ihn. “Es ist reine Unterhaltung. Aber heutzutage kann man ja schon eine Doktorarbeit schreiben, wenn man herausfindet, wo G.K.Chesterton seinen Tabak gekauft hat.” Da fröhnt ein großartiger englischer Autor dem typisch britischen understatement. Schließlich verlangt es einem Schriftsteller ein hohes Maß an Können ab, sich in eine Figur wie Lovejoy konsequent über hunderte von Seiten zu versetzen und die Welt durch seine Augen zu betrachten, den oft kunstvollen Handlungsaufbau gar nicht berücksichtigt. Gash erreicht, was nur den wirklich großen Autoren des Genres gelingt: eine völlig individuelle, unverwechselbare Figur erzählen zu lassen, die in ihrem Kosmos absolut glaubwürdig ist. Ohne Titel und Autor zu kennen, wüsste der Gash-Leser nach wenigen Sätzen, dass er einen Lovejoy-Roman vor sich hat.

Gash ist ein instinktiver Schriftsteller: “Ich plane nichts, mache keine Outline. Ich setze mich vor ein leeres Blatt Papier und weiß nicht, was dabei rauskommt”, sagt er. “Erst beim Schreiben überlege ich, was als nächstes passieren wird.” Er schreibt seine Bücher mit dem Füllfederhalter. Dann korrigiert er das Manuskript zuerst mit roter Tinte und bei einem zweiten Durchgang mit grüner. “Am Ende sieht es aus wie der Plan der Londoner U-Bahn.” Anschließend geht das Manuskript zum Abtippen. “Für meine medizinische Arbeit benutze ich einen Computer, aber einen Roman könnte ich nie darauf schreiben.”

In seiner spärlichen Freizeit ist er ein leidenschaftlicher Leser, der sich für alles interessiert. Auch Kriminalliteratur liest er gerne, nur keine police procedural mehr. “Wahrscheinlich habe ich zulange als Pathologe gearbeitet. Ich kann diese harten Sachen von Wambaugh und seinen Epigonen nicht mehr lesen. Ich liebe William Goldman und Elmore Leonard, und ich mag Colin Dexter und Ruth Rendell. Ich mag Trevanian sehr und Adam Halls Quiller-Romane. Und ich bewundere Mario Puzo, Morris West und James Hadley Chase. Mein absoluter Favorit, auch in literarischer Hinsicht, ist der leider völlig in Vergessenheit geratene P.M.Hubbard. Er schrieb nur sechzehn Thriller. Aber die gehören zum Allerbesten. In keinem ein überflüssiges Wort. Wer lernen will, wie man einen erstklassigen Thriller schreibt, sollte Hubbard studieren.” Der Schotte Philip Maitland Hubbard (1910-1980) konnte ähnlich schweißtreibende Menschenjagden erzählen wie Gash.

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Der Bestsellererfolg in der englischsprachigen Welt führte 1987 zu einer langlebigen Fernsehserie der BBC, in der Ian McShane bis 1994 in 90 Folgen einen gesofteten Lovejoy spielte. Selbst bei den Wiederholungen lockt die Serie in Großbritannien bis zu vierzehn Millionen Zuschauer an und ist damit eine der erfolgreichsten englischen TV-Serien. Es sagt viel über die deutsche Fernsehlandschaft mit ihren andauernden Wiederholungen der immer selben Serien aus, dass kein Sender diesen potentiellen Hit auf deutsche Bildschirme gebracht hat. “Anfangs hat mir das nicht gefallen. Sie haben einiges verändert, aber das Fernsehen gehorcht anderen dramaturgischen Prinzipien. Außerdem sind sie erfolgreich. Man muss sich damit abfinden, dass eine TV-Adaption eben eine Interpretation der Bücher ist. McShane ist nicht schlecht. Der Charakter von Lovejoy ist da, auch wenn es eine harmlosere TV-Version ist.” Gerade der Erfolg in den USA führte dazu, dass Lovejoys Charakter in der TV-Serie immer mehr verwässert wurde. Während er in den Büchern immer am Rande des völligen Bankrotts agiert, war der Volvo-Fahrer der Fernsehserie nie ohne Strom und Gas und nahm als anerkannter Weinkenner an den Polospielen der Windsor Castle-Elite teil. “Ich mag die Serie, weil sie das wunderschöne ländliche England zeigt. Ich mochte sie aus mehreren Gründen, aber keiner davon hat etwas mit den Originalgeschichten zu tun. Die Produzenten haben mich x-mal gebeten Drehbücher zu schreiben. Aber das ist eine Horrorvorstellung. Damit will ich nichts zu tun haben.” Trotz aller berechtigter Kritik: Für mich wird Lovejoy immer das Gesicht von Ian McShane haben.

Merkwürdigerweise sind die meisten Fans des nicht gerade angenehmen Weiberhelden Lovejoy Frauen. Gashs Verlag hatte vor einigen Jahren eine Untersuchung gemacht. Demnach werden seine Bücher zu 63% von Frauen und zu 37% von Männern gekauft. “Ich dachte schon, ich bin ein Autor für Frauen. In der Woche nach der Veröffentlichung eines neuen Romans bekomme ich ungefähr fünfzig Briefe; sie sind immer von Frauen. Ich glaube, Frauen kriegen genau mit, dass Lovejoy kein dumpfer Macho ist, sondern ein großer Junge. Wie die meisten Kerle tief in ihrem Inneren. Frauen durchschauen uns: Sie wissen, wann wir bluffen und den starken Mann markieren. Immer wieder fragt man mich in Interviews nach Lovejoys Chauvinismus. Es ist ein beharrliches Missverständnis, das offensichtlich nicht auszurotten ist. Er ist kein Chauvi, er ist das ganze Gegenteil davon. Und es sind immer Männer, die damit anfangen.”
Seit einigen Jahren schreibt Gash auch noch historische Romane und eine weitere Thriller-Serie um die Protagonistin Dr.Clare Burtonall,

DIE LOVEJOY-ROMANE:

1. LOVEJOYS DUELL (THE JUDAS PAIR), 1977
2. LOVEJOYS GOLD (GOLD FROM GEMINI), 1978.
3. LOVEJOYS GRAL (THE GRAIL TREE), 1979.
4. SPEND GAME, 1980.
5. THE VATICAN RIP, 1981.
6. FIREFLY GADROON, 1982.
7. THE SLEEPERS OF EDEN, 1983.
8. THE GONDOLA SCAM, 1983.
9. PEARLHANGER, 1985.
10. THE TARTAN RINGERS, 1986.
11. MOONSPENDER, 1986.
12. JADE WOMAN, 1988.
13. THE VERY LAST GAMBADO, 1989.
14. THE GREAT CALIFORNIA GAME, 1990.
15. THE LIES OF FAIR LADIES, 1992.
16. PAID AND LOVIN EYES, 1993.
17. THE SIN WITHIN HER SMILE, 1993.
18. THE GRACE IN OLDER WOMEN, 1995.
19 .POSSESSIONS OF A LADY, 1996.
20. THE RICH AND THE PROFANE, 1999.
21. A RAG, A BONE AND HANK OF HAIR, 1999
22. EVERY LAST CENT, 2001.
23. TEN WORD GAME, 2003.
24, FACES IN THE POOL, 2008.

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THRILLER, die man gelesen haben sollte: EVIL von JACK KETCHUM by Martin Compart

EVIL, oder wie der Originaltitel lautet: THE GIRL NEXT DOOR, ist einer der furchtbarsten und erschreckendsten Thriller, die je geschrieben wurden. Dabei entwickelt Jack Ketchum einen erzählerischen Sog, den man nur als Malstrom bezeichnen kann.

evil

Der Ich-Erzähler David, inzwischen vierzig Jahre alt und erfolgreich, erzählt rückblickend eine entsetzliche Geschichte aus seiner Kindheit, die sich 1958 abgespielt hat.
Alles beginnt in einer scheinbar idyllischen Kleinstadt, wie sie Stephen King so vortrefflich zu entzaubern weiß. David ist der Nachbar der geschiedenen und allein erziehenden Ruth und deren drei Söhne. Ruth ist unter den Heranwachsenden äußerst beliebt, da man bei ihr rauchen und Bier trinken darf. Ihre Scheidung hat sie verbittert und sie hasst Männer, da diese nur auf Sex aus sind und Frauen ausnutzen. Nach dem tödlichen Autounfall der Eltern, muss Ruth auch noch ihre Nichten Meg und deren jüngere Schwester Susan aufnehmen. Susan, die schwer verletzt wurde, muss Beinschienen tragen und wird von der älteren Schwester, die sich für sie verantwortlich fühlt, behütet und geliebt. David verliebt sich in Meg und beobachtet, wie sich die Situation in der Nachbarsfamilie zuspitzt. Zuerst demütigt Tante Ruth nur die ältere Nichte, die sie als Schlampe betrachtet, die hinter den Männern her ist. Als Druckmittel gegen Meg setzt sie Susan ein, die an ihrer statt bestraft wird wenn sie Ruth sadistische Rituale nicht befolgt. Eine Spirale aus Vergewaltigung, Folter und Vernichtung wird in Gang gesetzt, die der Leser kaum aushält. Ruth sozialisiert kleine- zu großen Barbaren. Und alle sehen weg – bis hin zur Polizei, die nur mal kurz an Ruth Fassade kratzt. Meg ist inzwischen im Atombomben sicheren Keller, den Megs Mann anlegen ließ, den Quälereien der Kinder ausgesetzt, die dem voller Freude nachgehen. Der Schutzraum wird zum Folterkeller.

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Könnte das nicht auch bei uns jederzeit im Nachbarhaus passieren? Kaum ein Monat vergeht, ohne dass ein Fall von Kindesmißbrauch oder Mord durch die Medien gejagt wird. Und nie haben die Nachbarn etwas bemerkt. Unsere Gesellschaft hat die Kunst des Wegsehens perfektioniert. Jeder ist seines Glückes Schmied – da bleibt keine Zeit für Anteilnahme. Ketchum enttarnt Passivität als Illusion, die in den Abgrund führt – auch die Wegseher.

Am erschreckendsten für den Leser ist vielleicht die Figur des Ich-Erzählers. Man wünscht sich, dass sie endlich handelt und dem Grauen ein Ende setzt. Aber David bleibt lange untätig, hin und her gerissen zwischen seiner Sympathie für Meg und der Faszination an den Quälereien. Damit vermittelt der dem Leser ein höchst ungutes Gefühl, macht ihn mit seiner Passivität fast zum Komplizen. Bei der grausamsten Szene blendet David aus, weil er sich selbst nicht mehr erinnern will. Der Leser dankt es ihm, dürfte sich aber inzwischen selbst im Schock-Zustand befinden.

jack-ketchum_bw Ketchum erzählt zwar distanziert, aber Schmerzen und Qualen der gepeinigten Meg vermitteln sich dadurch so intensiv, als würde man daneben stehen. Ein großer Autor kann mit einem Roman einen Leser tatsächlich immer noch mehr aufwühlen als es jedem anderen Medium gelingt. Das macht das Buch auch so außergewöhnlich.
David zögert zu lange, um etwas gegen Megs Martyrium zu unternehmen. Dann macht er das falsche und es ist sowieso schon zu spät. Ketchum zeigt die ebenso triviale wie wahre Grundwahrheit, dass nicht rechtzeitiges Handeln in den Untergang führen kann, dass Entsolidarisierung am Ende jeden zum Opfer macht. Der Kritiker Thomas Harbach nannte den Roman „ein Plädoyer für Zivilcourage“.

410bxfXr2bL._SL500_AA300_ Der Roman basiert auf dem wahren Fall der sechzehnjährigen Sylvia Likens, deren abgezehrte Leiche 1965 in Indianapolis in einem Zimmer der Gertrude Baniszewski aufgefunden wurde. Gertrude, drei ihrer Kinder und zwei Jungen aus der Nachbarschaft wurden anschließend abgeurteilt. 1979 hatte Kate Millet ein Sachbuch darüber geschrieben: IM BASEMENT – MEDITATIONEN ÜBER EIN MENSCHENOPFER. Millett enttarnt die puritanische Ideologie als eine Ursache hinter Ruth/Gertrudes Zerstörung der Weiblichkeit ihrer Opfer. Es ist dieselbe Ideologie, die hinter der Tea-Party-Bewegung steckt.
Dieses Sachbuch mit seiner intellektuellen Betrachtung des Themas ist vielleicht das einzige wirksame Gegenmittel für das Nervengift, das Ketchum dem Leser in den Körper pumpte.

Der eventuelle Leser sei gewarnt: Dies ist eines der Bücher, die sich gnadenlos ins Gedächtnis einbrennen und die man nie wieder los wird. Jeder sollte sich genau überlegen, ob er sich dieser Lektüre, die zur Erfahrung wird, aussetzen will.

f-101154-1EVIL von Jack Ketchum

Die Originalausgabe erschienen 1989 unter dem Titel The Girl Next Door, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Heyne Hardcore und ist inzwischen in der 5.Auflage, 334 Seiten. Es gibt sowohl ein eBook, wie auch ein Hörbuch der deutschen Ausgabe.

Das Buch wurde 2007 unter der Regie von Gregory M. Wilson unter dem Titel Jack Ketchum’s Evil verfilmt. Bei allen Kompromissen ist die Adaption gut gelungen (im Gegensatz zu BEUTEGIER). Zuvor wurde das Sujet schon mal verfilmt als AMERICAN CRIME.

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ERBAULICHE LEKTÜRE FÜR DIE HEILIGE ZEIT by Martin Compart

Der eine oder andere wird über die Feiertage vielleicht keinen Abenteuerurlaub machen und zwischen den obligatorischen Besuchen auch den Volksempfänger meiden. Wer die Tage lieber lesend verbringt, soll hier ein par höchst subjektive Empfehlungen erhalten (oder letzte Geschenkideen).

5656Seit Jahren pflegt der Heyne-Verlag vorzüglich das Gesamtwerk des großen Hunter S.Thompson, der den politischen Niedergang der USA seit den 1960ern aktiv als Kandidat und als beobachtender Autor begleitet hat, Er war und ist die nachhallende Stimme der Revolte und schrieb so, wie Keith Richard (mit dem er befreundet war) Gitarre spielt. Jetzt gibt es dank Heyne einen 770-Seiten-Schinken, der alle Reportagen Hunters für den ROLLING STONE enthält. Dazwischen eingestreut sein Briefwechsel mit STONE-Gründer und Herausgeber Jann Wenner. Nachrichten aus einer anderen Zeit, deren schlimmsten Weichenstellungen bis heute fortwirken. Hunter war wirklich ein sehr, sehr wütender Mensch. Er ist wohl nie darüber hinweg gekommen, dass er anfangs auf Bill Clinton (…er hat Oralsex während der Arbeitszeit gesellschaftsfähig gemacht.“) hereingefallen ist.

Hunter S,Thompson
DIE ROLLING STONE JAHRE
Heyne; 770 Seiten; 24,99 €.

920300
Nicht Jedes Buch, das aus dem viel geschmähten Kopp-Verlag kommt, taugt nicht. Der eitle Litauer Daniel Estulin hat für sein Buch SCHATTENMEISTER: “Wie Regierungen und deren Geheimdienste mit internationalen Drogendealern und Terroristen zusammenarbeiten” ordentlich herum geschnüffelt und zum Teil Fakten ausgebuddelt, die man vielleicht noch nicht kannte (wie IWF und die USA etwa Russland unter Jelzin ausgeplündert haben). Vieles Behauptungen erscheinen mir strittig und oft genug vergaloppiert sich der Autor. Aber einiges ist neu und verdammt interessant. Ein Buch für den fortgeschrittenen und in sich gefestigten „Verschwörungstheoretiker“, der bereits über genügend Wissen verfügt um Estulins Erkenntnis richtig zu bewerten. Denen wird das Buch eine Menge bieten. Leider sind Übersetzung und Lektorat nicht optimal.

Daniel Estulin
SCHATTENMEISTER
Kopp Verlag; 420 Seiten; 9,95 €.

kopfjägerDie neue Crime-Reihe des Festa Verlages beginnt mit einem Knaller:
Der Name Michael Slade beinhaltet seit 1984 mit das Aufregendste, das die kanadische Kriminalliteratur zu bieten hat: Mountie Noir. Der 1947 geborene Jurist und Historiker Jay Clarke legte damals mit Der Kopfgeldjäger den ersten Band seiner “Special X”-Serie vor. Dabei handelt es sich um eine Abteilung der RCMP, die sich mit Serienkillern und okkulten Verbrechen beschäftigt. Das klingt mittlerweile zwar so ausgelutscht wie ein alter Kaugummi von Elvis, war es damals aber nicht und ist es heute immer noch nicht. Dem Historiker Clarke gelingt es nämlich ebenso spannend vergessene Ereignisse der Geschichte (besonders der kanadischen) als Hintergründe einzuarbeiten, wie unglaublich bizarre Figuren und erschreckende Szenen zu beschreiben. Inzwischen haben sich einige Koautoren zu Clarke gesellt, die sich aber bestens in das Slade-Konzept einfügen. Und das heißt ganz einfach: Bei der Lektüre sollte man Beruhigungsmittel bereitlegen. Eine komplette Würdigung muss an anderer Stelle erfolgen.

Michael Slade
KOPFJÄGER
Festa Verlag; 528 Seiten; 13, 95€.

Bradley_Cover_high Und ich werde nicht müde, auf Andreas Winterers Scott Bradley zu verweisen, den Mann aus dem Dirty-Tricks-Departmrnt von Perry Rhodan!
Die Galaxis steht vor dem Abgrund … doch Weltraum-Commander Scott Bradley ist längst einen Schritt weiter. Als dickfelliger Söldner und trinkfester Haudrauf ist er vor allem für tödliche Einsätze zu haben. Dabei operiert er stets jenseits von Gut und Böse und befreit das Universum von Aliens, Blobs, Mutanten und politisch korrekten Gutmenschen. Eine lustbetonte Ein-Mann-Armee, die Imperatoren, Partisanen und schönen Damen gleichermaßen unter die Arme beziehungsweise in die Gedärme greift, KULTURPLATZ brachte es auf den Punkt: „ Auch für Dumpfbacken tauglich und knallvoll mit Schwachsinn. Perfekte Trash-Literatur. Was willst du mehr, Leser?
Tief durchatmen und …. waaa-aaa-aaa!!! Der Untertitel ist Programm. Der totale Overkill an Blödheiten, Anspielungen und … Blödheiten. Auf jeder Seite des freundlich handlichen Büchleins finden sich mindestens ein halbes Dutzend … Blödheiten. Andreas Winterer hat in das Büchlein doppelt mehr Unfug hineingepackt als Mel Brooks in Spaceballs untergebracht hat. Und das will was heißen. Hut ab und Kratzfuß, lieber Andreas Winterer“
Wie könnte man auch ein Buch nicht bewundern, in dem so kunstvolle wie intelligente Sätze stehen (mein Lieblingssatz) wie: “Der Kobalt-Torpedo zischte vorbei, schrammte die Heckflosse und verlor sich dann in der Ferne des Alls (wo er dann Lichtjahre später aus Versehen eine hochstehende und gottesfürchtige Zivilisation auslöschen würde: die Supernova hatte jedoch auch ihr Gutes, da sie auf einer fernen Welt drei Typen aus dem Morgenland den Weg wies, was zahllose weitere Kriege, Folterungen und Steuern nach sich zog, aber das ist eine andere Geschichte).”

Andreas Winterer:
SCOTT BRADLEY
Evolver Books; 213 Seiten; 14 €.
Jetzt als eBook bei Kindle als kostenloser Download.
Besser ist aber ein “richtiges Buch”, dass man sich von Andreas signieren lassen kann (der Verlag macht da garantiert mit)!

Unbenannt-2 Zsolnay hat uns jetzt lang genug mit den Pastiches von Donald Westlake über den altersschwachen Parker gelangweilt. Jetzt bringt der Verlag den neuen schottischen Noir-Star Tony Black. Sein zweiter Gus Dury-Roman beginnt damit, dass Gus einen Hund rettet, der von einer jugendlichen Gang gequält wird. Und dann stolpert der härteste Alkoholiker Edinburghs auch bald über eine Leiche. Der zuständige Bulle, der Durys Ex heiraten will, verpasst ihm erstmal eine Abreibung und macht ihn zum Verdächtigen. Alles noch harmlos, denn dann geht es erst richtig los und der großartige Autor schleift den Leser am Schlafittchen durch die Hinterhöfe der Hölle. “At the start of Gutted, he’s caught up in another brutal city killing and he suspects it’s not going to be long before he’s put in the frame. Add to that the fact that he’s inherited a pub – which is like putting a pyromaniac in charge of a fireworks factory – and it’s clear to see things have gone from bad to worse for the poor bloke.” Dummerweise wird Black gerne als „neuer Ian Rankin“ bezeichnet. Quatsch. Er ist anders und viel besser. „ Inside the crime genre I like Jim Thompson and David Goodis, and contemporary writers like Ken Bruen and Martyn Waites. I’m a huge Irvine Welsh fan“

Tony Black
GELYNCHT
Zsolnay Verlag; 382 Sewiten; 19,90€.




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