Martin Compart


NEUES E-BOOK: über Noir-Fiction by Martin Compart

Eine Reihe dieser Texte sind in irgendeiner Form bereits in unterschiedlichen Medien veröffentlicht worden. Andere hatte ich für diesen Blog geschrieben. Allerdings ermöglicht mir diese Form eine neue optische und inhaltliche Präsentationsform, die – hoffentlich – neue Blickwinkel ermöglicht. Außerdem ist es doch wohl nicht verwerflich, wenn ich damit ein paar Cent verdiene. Ich bin immer wieder mal darauf angesprochen worden, einen neuen Reader zu machen. Dem versuche ich hiermit nachzukommen. Ein weiterer, über Spionageliteratur, soll folgen.
Richtig genießen kann man die Cover und das Bildmaterial auf einem Tabloid (reinzoomen, vergrössern und in Farbe).

PAINT IT BLACK - über Noir-Fiction

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Rezensionen, Essays, Portraits, Lesetipps und Analysen zur Noir-Fiction. In diesem mit selten gesehenen Bildern ausgestatten Noir-Reader veröffentlicht Compart Einblicke in die Welt der Noir-Literatur. Wer sich für düstere Kriminalliteratur und existenzialistische Thriller interessiert, bekommt nicht nur Einsichten in die Entwicklungsgeschichte des Genres, sondern auch Lektüre-Tipps von jemand, der sich fast sein Leben lang mit allen Facetten der Noir- und Kriminalliteratur beschäftigt.
Martin Comparts Arbeiten sind dafür bekannt, dass sie ebenso unterhaltsam wie analytisch und provokant sind.

Aus dem Inhalt:
On the Noir Road: Die schmutzigen Straßen des JAMES CRUMLEY,
CHARLES WILLEFORD: Keine Hoffnung für die Lebenden, Der Texaner: JOE R.LANSDALE, EVIL von JACK KETCHUM, Es war einmal in Washington: GEORGE P.PELECANOS, Queneau in den Mean Streets: JAMES SALLIS, Stadtführer für Perverse: MATTHEW STOKOES Roman HIGH LIFE oder Noir goes mainstream, ,PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie, HINTERWÄLDLER, KANNIBALEN UND MONSTER – zum Backwood-Genre, WAS IST PULP?, LEO MALETS Schwarze Trilogie und der Neo-Polar, Noir-Abenteurer: PIERRE MACORLAN und vieles mehr.



DIE BESTEN DEUTSCHEN KRIMIS SCHREIBT EIN SCHOTTE: CRAIG RUSSELL by Martin Compart
18. Mai 2011, 12:33 nachmittags
Einsortiert unter: Brit Noir, Craig Russell, Crime Fiction, Hörbücher, Krimis, Krimis,die man gelesen haben sollte, Noir, Rezensionen, thriller | Schlagwörter: ,

Schon der in zwei Kapitel geteilte Prolog von Craig Russells neuem Thriller TIEFENANGST treibt einem den Schweiß auf die Stirn: Eine Unterwasser-Szene, die einem in den Gliedern hängen bleibt und einer beklemmende Verfolgungsjagd durch die Hamburger Speicherstadt, die düsterer rüberkommt als die Docklands bei Sax Rohmer: „Sie standen reglos in der Mitte des Lagerhauses. Vier dunkle Silhouetten. Schatten. Geschlechtslos, alterslos. Sie hoben sich von dem milchigen Glühen des breiten Fensters ab. Zwei von ihnen hatten etwas Unförmiges vor den Augen. Nachtsichtbrillen. Keiner rührte sich. Als Meliha erschien, keine Spur einer Reaktion. Sie hatten seit zwei Stunden hier gestanden und darauf gewartet, dass Meliha aus ihrem Versteck kam. Auf diese Weise war es effektiver, ruhiger…“

Auch wieder als Hörbuch, gelesen vom großartigen David Nathan.

Und natürlich geht es neben Organisierter Kriminalität wieder um einen Serienkiller – und um Hamburg während einer Sturmflut.

Nach der eher enttäuschenden WALKÜRE (der Plot war geradezu hirnrissig) ist Russell wieder in Hochform. Umso ärgerlicher, dass er die Fabel-Serie zu beenden denkt. TIEFENANGST ist der sechste Roman der Serie. Sie gehören zu den aufregendsten Krimis, die in Deutschland spielen.

Es ist schon erschreckend und peinlich: Ein Schotte muss daher kommen und den Deutschen zeigen, wie man ihre Städte (Hamburg und Köln) so aufbereitet, dass sie international Thriller- und Noir tauglich aufglühen. Schlimmer noch: Russell führt vor, was den wenigsten deutschen Autoren gelingt: Wie man regionalem Kolorit mythische Dimensionen abgewinnt. „ Ich wollte meine britischen Leser an einem für sie neuen Ort führen. Ich kenne Deutschland schon sehr lange und mich nerven die Stereotypen in den britischen Medien. Das ist nicht das Deutschland, wie ich es kenne.“ Nein, das ist bei Craig Russell viel gruseliger. Craig Russell schreibt die besten deutschen Kriminalromane der Gegenwart, allerdings auf Englisch. „Bei uns (Britannien) kann man auch mit Krimis literarisch ehrgeizig sein. Ich glaube, dass ich mich dadurch freier fühle als deutsche Autoren.“

Seine Bücher wurden 23 Sprachen übersetzt.

Mit BLUTADLER startete er 2005 seine als Sextett angelegte Serie um den halb schottischen und halb ostfriesischen Kommissar Jan Fabel und sein Team. Eine der besten Ensemble-Serien seit langem, voller tragischer Verwicklungen und Veränderungen. Ein übler ukrainischer Gegenspieler beherrscht die Subplots: der Ex-Spetsnaz Witrenko, der die deutsche Unterwelt mit Gewalt unterwirft (man erinnere sich an die blutigen Schlachten zwischen Türken und Ukrainern um die Vorherrschaft in Hamburg, in der Tote lediglich Opfer des freien Wettbewerbs waren). Im ersten Roman eingeführt, zieht sich Witrenkos blutige Spur durch die weiteren. Für Witrenko unterscheidet sich nämlich Hamburg von Afghanistan nur landschaftlich. Im Mittelpunkt der bisherigen Romane steht immer ein Serienkiller. Natürlich ist man als Vielleser von diesen Kretins inzwischen überfüttert und genervt. Aber bei Russell nehme ich sie hin, weil er sie mit spannenden kulturgeschichtlichen Milieus verknüpft: Son of Sven aus BLUTADLER übt umstrittene Strafrituale der Wikinger aus, die in TERRA X sicherlich nie behandelt werden. „ „Ich wollte, dass der Böse in meinem Buch eine fast märchenhafte Gestalt ist. Er ist eine Figur der Angst. Und das ist meine Absicht: Ich möchte die Leute beängstigen.“ Neben der Noir-Atmosphäre und dem berührenden Ensemble sind es die genau recherchierten soziologischen oder kulturellen Hintergründe spezieller Themen, die die Stärke dieser Romane ausmachen. In WOLFSFÄHRTE geht es um die Gebrüder Grimm und ihre Horrormärchen, in BRANDMAL wird die Geschichte der RAF aufgearbeitet. Und in CARNEVAL um Kölner Jeckenkultur, Kannibalismus und Menschenhandel. Im letzteren Roman verschlägt es Fabel nach Köln, wo im jährlichen Ausflippen der Einheimischen der schlimmste Clown der Literatur seit Stephen Kings ES sein Unwesen treibt. Seine Thriller sind nichts für schwache Nerven und seine Tatbeschreibungen erschreckend. „Ich habe in einer Studie gelesen, dass es Frauen sind, die explizite Mordszenen wollen. Männer fürchten sich eher davor, Männer sind schwächer.“ Aber er scheut auch keine intellektuellen Diskurse in die Romane einzubauen: „Webers Hypothese lautete, dass nur die Staatsorgane, also die Polizei und die Armee, physische Gewalt anwenden sollten, sonst werde der Staat zerfallen und Anarchie herrschen. Timo hatte geplant, in seiner Dissertation auszuführen, dass ein solches Monopol, wie im Fall der Nationalsozialisten, ebenfalls schädlich für den Staat sein könnte.“

Die deutschen Ausgaben, erschienen bei Ehrenwirth in der Bastei-Lübbe-Gruppe, verdienen ein großes Lob: Sie sind liebevoll gestaltet, Satz und Druck sind vorbildlich. Hinzu kommen detaillierte Stadtpläne auf den Innendeckeln, die einem helfen, der Geographie der Handlung zu folgen (natürlich exzellent recherchiert) oder einen Überblick zu gewinnen. Die Übersetzungen des alten Cracks Bernd Rullkötter sind einfühlsam, treffend und lesen sich fast so rasant wie die Originale. Und Englisch ist nun mal „schneller“ als Deutsch. Nur die besten Übersetzer kriegen da den Drive hin. Rullkötter gehört zweifelsfrei dazu. Clever ist das Cover von CARNEVAL: Indem man das „N“ kyrillisch gesetzt hat, weiß der Fan, dass der Arsch Witrenko auch diesmal an Bord ist.

Lisa Film hat die TV-Rechte für eine Jan Fabel-Serie erworben und die erste gemächliche Adaption, WOLFSFÄHRTE, mit Langweiler Peter Lohmeyer in der Hauptrolle bereits ausgestrahlt. Lisa Maria Potthoff als Maria Klee torkelt geradezu stümperhaft durch die Handlung. Angesichts der Düsternis und Vielschichtigkeit des Brüder Grimm-Romans kann man die Verfilmung, bis auf den Opener, nur als schwach bezeichnen. Aber deutsche oder österreichische Crime-Serien haben bisher nie das Niveau von HBO- oder BBC-Produktionen erreicht und angesichts der Feigheit der Sender, egal ob öffentlich-rechtlich oder kommerziell, musste Lisa Film Fabel wohl fast auf Brunetti- oder Laurenti-Niveau glatt bügeln.
Geboren wurde Russell 1956 im schottischen Fife. Bevor er ab 1990 freier Autor wurde, belastete er seine Biographie mit einer ziemlich kruden beruflichen Mischung: Er war fast vier Jahre Polizist und in der Werbebranche. Beides immerhin Jobs für Zyniker. „Einen Roman zu plotten ist so ähnlich, wie eine PR-Strategie zu entwickeln. Meine Erfahrungen als Polizist mit dem Tod helfen mir, wenn ich einen Mord beschreibe. Ich habe Todesszenen gesehen, und die sind nun mal nicht angenehm. Ich hasse diese Agatha-Christie-Morde. Jemand bekommt einen Schlag auf den Kopf, es gibt fast kein Blut, alles ist sehr schnell vorbei. Mord ist unangenehm, und das musste ich schildern.“

Mit das verblüffendste an Russell ist sein lang bestehendes Interesse an der deutschen Sprache und an der – man fasst es kaum! – deutschen Nachkriegsgeschichte. Als ob Adenauer und Brandt größere populärkulturelle Qualität haben denn „the Blitzkrieg“ führende Sauerkrautfresser. „Schon als Kind habe ich mich gefragt, wenn ich diese alten Filme oder englischen Serien mit Nazis gesehen habe, ob die Deutschen wirklich so blöd sind wie sie unsere Medien bis heute gerne hinstellen.“ Gute Frage. Aber man weiß so wenig. Jedenfalls wühlte sich Craig richtig tief in alles Deutsche, weiß mehr über das Land als die meisten Politiker, spricht die Sprache fließend und verfügt über einen Wortschatz,. der für die Gäste einer deutschen Nachmittagstalkshow verwirrend und unverständlich sein muss. Regelmäßige Reisen durch die Republik und die Lektüre deutscher Printmedien halten ihn auf dem Laufenden. So werden in den Romanen auch gerne aktuelle Bezüge genommen: Vom Kannibalen von Rothenburg bis zum Hamburger U-Bahnschubser. In ihnen drückt sich ein Verständnis für das Land aus, dass den meisten deutschen Autoren völlig abgeht. Und er – wie schon gesagt – trotzt dem Provinziellen tatsächlich mythische Qualitäten ab. Was Nicolas Freeling und Janwillem Van de Wetering für Amsterdam gelang, erledigt Russell für Hamburg. Und da er kein Rechtsradikaler ist, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis wir ihm („Da draußen ist einer, der uns lieb hat.“) zu Tränen gerührt voller teutonischer Sentimentalität das Bundesverdienstkreuz an die Brust hängen. Hamburger Senat und Polizei sind schon voraus gegangen und haben ihn 2007 mit dem „Polizeistern“, was immer das sein mag, ausgezeichnet. Nicht zuletzt wohl wegen seiner bestechenden Darstellung realistischer Polizeiarbeit. Zu seinen bisherigen Auszeichnungen gehören auch Der Duncan Lawrie Golden Dagger (2007) der britischen Crime Writers Association, der französische Prix Polar und der CWA Dagger in the Library (2008).

Befragt zu den literarischen Einflüssen oder Vorbildern, nennt Russell als Gottvater natürlich Chandler an erster Stelle. „Ich möchte behaupten, dass meine Einflüsse von Außerhalb des Genres kommen. Von Heinrich Böll bis Mikhail Scholokhov. Ich bin ein Fan von Ross Macdonals Lew Archer-Krimis. Ich mag die Schweden Mankell und Sjöwall/Wahlöö und den Holländer van de Wetering.“ Und Lieblingsbücher und Lieblingsfilm? „ Fast unmöglich zu sagen, es gibt so viele Bücher, die ich aus unterschiedlichen Gründen liebe. Vielleicht 1984 von George Orwell; es hat mein politisches Bewusstsein geschärft, als ich als Teenager las. Und Wo warst du, Adam? von Heinrich Böll.
Wieder schwer zu sagen. Wahrscheinlich The Big Lebowski. Einer meiner Freunde ist der Dude.“

Craig Russell ist eine Vollkaskoversicherung für spannende, intelligente und düstere Unterhaltung. Über seine neue LENNOX-Serie demnächst hier bei Brit-Noir.




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