Martin Compart


ZEN-MEISTER DES THRILLERS: TREVANIAN 2/ by Martin Compart
10. Mai 2011, 9:38 vormittags
Einsortiert unter: China, James Bond, Krimis,die man gelesen haben sollte, Porträt, Trevanian | Schlagwörter: , ,

Asien war immer ein attraktiver Schauplatz für Thriller. Besonders die seriellen Geheimagenten der 1950er und 1960er Jahre hatten immer wieder Einsätzen in Fernost – angefangen bei James Bond (YOU ONLY LIVE TWICE) über Adam Halls Quiller (THE 9th DIRECTIVE) bis hin zu diversen Aufträgen für Jean Bruces´ OSS 117, Edward S. Aarons Sam Durrell oder Phillip Atlees Joe Gill. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre entstand ein neues Interesse an asiatischen Schauplätzen, insbesondere Japan und China. Ängstlich mu7ssten die Europäer erkennen, dass der Pazifikraum für die verbündeten Amerikaner wirtschaftlich und geostrategischer wichtiger wurde als die Alte Welt. Die geradezu bedrohliche Wirtschaftsmacht Japan und der Aufstieg Chinas zur Weltmacht mussten Thriller-Autoren interessieren. 1977 machte John LeCarré in THE HONOURABLE SCHOOLBOY einen ersten Ausflug nach Hongkong, wo William Marshall bereits 1975 seine Yellowthread Street-Serie angesiedelt hatte. Adam Halls Quiller trieb sich in MANDARIN CYPHER (1975) ebenfalls in der Kronkolonie herum und untersuchte 1978 in SINKIANG EXECUTIVE das chinesische Atomtestgebiet bevor 1981 in PEKIN TARGET wieder ins Reich der Mitte eindrang. Selbst Roger L.Simons Privatdetektiv Moses Wine flog 1979 in PEKING DUCK nach China. Und Eric van Lustbader startete 1980 mit seinem ersten Nicholas Linnear-Thriller, THE NINJA, einen Trend für Japan-Thriller.
Nicht einer dieser großartigen Romane kann es mit SHIBUMI aufnehmen.

Als Trevanian diesen Roman, der umgehend wieder ein Welterfolg des Autors wurde, 1979 vorlegte, schien der Thriller neu definiert: Obwohl nur ein Drittel des Buches in Japan spielte, wurde die Kultur des Inselstaates seit Flemings YOU ONLY LIVE TWICE nie eindrucksvoller dargestellt.

Angeblich das einzige Foto von Trevanian (mit seiner Frau).


Trevanian war das Pseudonym des amerikanischen Professors für Filmkunst Rodney William Whitaker (1931-2005). Der Korea-Kriegsveteran und Fulbright-Stipendiat unterrichtete u.a. in den 1960er uns 1970er Jahren an Universitäten in Nebraska und Texas. Er war in ärmlichen Verhältnissen in Albany aufgewachsen und sein letztes Buch, THE CRAZYLADIES OF PEARL STREET, 2005, gilt als autobiographischer Roman dieser Zeit. Während seiner Studienjahre In England lernte er bei einem Paris-Besuch seine Frau Diane Brandon kennen, mit der er vier Kinder hat. Sein Pseudonym „Trevanian“ (eines unter mehreren) verdankt er seiner Frau, die ein großer Fan des englischen Historikers und Romanciers G.M.Trevelyan ist. Er war vierzig Jahre alt und unterrichtete in Austin als sein erster Roman veröffentlicht wurde: THE EIGER SANCTION (IM AUFTRAG DES DRACHEN) schlug 1972 wie eine Bombe ein und verkaufte eine Million Exemplare. Gedacht als eine Art Parodie auf die Agentenromane à la Bond, war der Roman mehr als das. Nämlich ein gebildetes, und selbstironisch reflektierendes Stück Genreliteratur, das nicht nur als intellektuelles Spiel mit den Möglichkeiten des Spionageromans spielte, sondern auch ungeheuer spannend war und eine damals seltene Amoralität vorstellte. 1975 wurde der Roman von und mit Clint Eastwood verfilmt und gehört leider zu den schlechtesten Werken des Regisseurs Eastwood. 1973 griff Trevanian seinen Protagonisten, den Kunstsammler und Killer Jonathan Hemlock noch einmal auf für den ebenso erfolgreichen Thriller THE LOO SANCTION (DER EXPERTE). In dem Buch beschreibt der Autor einen überaus cleveren Kunstraub, der anschließend von Gangstern in Italien haarklein in die Realität überführt wurde. Damit war der Name Trevanian als Bestsellermarke etabliert. Seine Intelligenz und sein wunderbarer Stil sorgten dafür, dass man ihn als den einzigen Autor von Airportbestsellern bezeichnete, den man sowohl mit Zola, Ian Fleming, Edgar Allan Poe und Chaucer vergleichen konnte. Er war der Bestsellerautor der denkenden Menschen. Als drittes versuchte er etwas völlig anderes und war ebenfalls erfolgreich: Der Roman eines Cops und seiner Stadt Montreal, THE MAIN (EIN HERZSCHLAG BIS ZUR EWIGKEIT), 1976, gehört heute noch zu den besten Polizeiromanen, Police Procedurals oder Cop Novels, die je geschrieben wurden. Für diesen Roman schlüpfte er in die Gestalt eines Franco-kanadischen Autors und legte sich auch ein entsprechendes Pseudonym zu. Aus rechtlichen und verlagstechnischen Gründen musste er das Buch dann aber unter „Trevanian“ veröffentlichen.


Und dann kam SHIBUMI!

„Nach SHIBUMI gab es für mich keine Möglichkeit mehr, den Agententhriller weiter zu treiben. Ich hatte das Genre komplett ausgelotet und es gab keinen Punkt mehr, den ich noch erreichen konnte.“
Trevanian lehnte den üblichen Bestsellerzirkus kompromisslos ab. Er trat nie in Talk-Shows auf, ging nie auf Lesereise und gab höchst selten Interviews (das erste erst 1979 der „New York Times“ auf Flehen seines Verlages Crown zur Unterstützung des Marketings zu SHIBUMI. Seine zunehmende Verachtung für die USA (die in seinen Romanen spürbar ist) und die kapitalistische Konsumgesellschaft ließ ihn sein Heimatland verlassen. Mit seiner Familie zog er ins französische Baskenland, dem Wohnort von Nikolai Hel. Wie Hel war auch Whitaker ein begeisterter Bergsteiger und Höhlenforscher. Diese Aura des Schweigers und mysteriösen Schriftstellers förderte seinen Mythos. Ganz selten antwortete er auf Leserbriefe. In seinen letzten Lebensjahren stellt er eine Homepage ins Internet, die Fragen seiner kultischen Verehrer zum Teil beantwortete: http://www.trevanian.com. Seine Tochter Alexandra, ebenfalls Schriftstellerin, hat diese Page aktualisiert

Nach dem „psychologischen Horrorroman“ THE SUMMER OF KATYA (DER SOMMER MIT KATYA) wurde es still um ihn. Er schrieb weiterhin – auch unter Pseudonym – veröffentlichte aber nur ein paar Kurzgeschichten als Trevanian. Erst 1998 erschien ein neuer Roman. Diesmal ein historisch genauer Western: INCIDENT AT TWENTY-MILE. Das Buch konnte keinen großen Erfolg verbuchen, aber die weltweite fanatische Trevanian-Fan-Gemeinde (zu der sich auch der Autor dieser Zeilen zählt)jaulte auf vor Glück. Sein nächster Roman, STREET OF THE FOUR WINDS, über Pariser Künstler, die in die 1848er Revolution verwickelt waren, fand keinen Verleger (und wird mit anderen Werken wohl in den nächsten Jahren herausgegeben werden). Ein weiteres Armutszeugnis für die degenerierende Buchverlagsszene.

Für sich hatte der Autor eine bemerkenswerte Technik entwickelt: Trevanian überlegte zuerst, welche Art von Geschichte er erzählen wollte. Dann entwickelte er wie ein Method Actor den perfekten Autor, der diese Story schreiben könnte und versetzte sich in ihn herein.

Trevanians Schreibtisch

Don Winslow, ebenfalls ein stilistisches Chamäleon, bekannte sich immer als großer SHIBUMI-Fan. Nach der ersten Lektüre lernte er sogar GO. Seine Kenntnisse des Orients, sein Wissen über Kampfsport und Militärgeschichte und seine stilistischen Fähigkeiten führten zu seiner „Berufung“ durch Trevanians Agenten und Familie. Es ist bemerkenswert, wie sicher er im Prequel mit dem Sujet zurecht kommt und wie gut er den Geist des Originals trifft. Was Trevanian-Fans befürchtet hätten, ist zum Glück nicht eingetreten; SATORI ist ein wunderbares Buch, dass Trevanians Vermächtnis würdigt und nicht befleckt. „Um dieses Buch schreiben zu können, musste ich nicht Trevanian werden – das wäre peinlich und dumm gewesen. Ich musste Nikolai Hel werden. Denn das hatte ich mit Trevanian gemeinsam. Solange ich die Welt mit Nikolais Augen sah, sah ich sie mit Trevanians Augen. Die Stimme, der Sound kam dann von selbst… Ich behaupte nicht, dass es leicht war. Trevanian hat eine ganz spezifische Welzsicht, die sich in Hel ausdrückt… Wenn ich nicht mehr weiter wusste, was häufig passierte, versuchte ich die Ziele von Hel durch seine Augen zu sehen. Wie reagierte er auf Herausforderungen? Was würde er für sich und sein angestrebtes Ziel Satori, Erleuchtung, zu erreichen daraus lernen? Die Aufgabe war ein großes Geschenk. Wenn man morgens weiß, dass man an einem Buch wie SATORI arbeiten wird, weiß man, dass man einen guten Tag hat.“ Winslow hat mit seinen eigenwilligen Romanen selbst tiefe Spuren im Noir- und Thriller-Genre hinterlassen. Spätestens seit seinem blendend recherchierten Drogenkrieg-Thriller POWER OF THE DOG (TAGE DER TOTEN; Suhrkamp) gehört er zu den Schwergewichtlern der Kriminalliteratur.

Durch SATORI erfahren wir ungeheuerliches: Kang Sheng, der Meister der Schatten, starb gar nicht 1975! Im Schatten Maos und der Viererbande war er einer der großen Strippenzieher; Begründer des chinesischen Geheimdienstes, Erfinder des Roten Buches, der Kulturrevolution und der Gulags. Wie Winslow heraus fand wurde er bereits 1951 von Nikolai Hel umgebracht! Also muss er anschließend durch einen Doppelgänger ersetzt worden sein. Die Geschichte muss einmal mehr neu geschrieben werden.



ZEN-MEISTER des THRILLERS: TREVANIAN 1/ by Martin Compart
7. Mai 2011, 4:03 nachmittags
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Freuen wir uns über eines der Großereignisse des literarischen Jahres: in schöner Qualität hat der Heyne Verlag das lange überfällige getan: Trevanians Jahrhundertthriller SHIBUMI neu aufgelegt. Darüber hinaus veröffentlicht Heyne (und das war sicherlich der Anlass) zeitgleich Don Winslows beeindruckendes und befriedigendes Prequel SATORI!

1981, als ich das erste mal SHIBUMI las, war das geradezu eine Erleuchtung – ein Satori (der zen-buddhistische Ausdruck für unerwartete Erkenntnis über den Sinn des Lebens). Der Roman katapultierte den Thriller in eine neue Dimension – literarisch und thematisch. Zu einer bisher nicht gekannten Komplexität.

Der politische Durchblick des Autors, das Buch wurde 1979 erstveröffentlicht, ist aus heutiger Sicht noch immer atemberaubend. Natürlich gab es seit den 1960ern Thriller, die sich kritisch mit den Machenschaften der Geheimdienste auseinander setzten. Und nach Laos, Chile und Watergate wurde das CIA bashing sogar Bestandteil des Blockbuster-Kinos (All tue Presidents Men, 3 Days of tue Condor usw). Aber dahinter stand letztlich das naive Erstaunen kritischer Mittelschichtsintellektueller darüber, dass einige böse Menschen im System soviel Mist anstellen konnten, dass das System darunter litt. Trevanian zeigte, dass hinter dem System nicht fehlgeleitete Schutzinteressen der US-Regierung und ihrer Geheimdienste standen, sondern das brutale Profitstreben eines Establishments, daß von der Öl, bzw. der Energieindustrie geleitet wird. Seit den Bushs weiß es inzwischen jedes Kind, aber 1979 hätte man es als verschwörungstheoretische Hirngespinste abgetan. In SHIBUMI geht es denn auf einer Ebene darum, wie eine korrupte Regierung alles dran setzt, um die Ölinteressen im Mittleren Osten zu sichern. Und es geht um den gelenkten Einsatz von Terroristen als Instrument. Nach der Tötung des angeblichen Oberterroristen also wieder von hoher Aktualität (beim regelmäßigem Widerlesen verblüffte mich immer wieder wie prophetisch Trevanian den Niedergang der westlichen Kultur darstellt).

“Trotz seiner blonden Haare und strahlend grünen Augen,
wirkt Hel eher asiatisch als westlich. Er geht sogar wie ein Asiate -
die Arme hinter dem Rücken verschränkt, um möglichst
wenig Raum einzunehmen und einem Entgegenkommenden
keine Unannehmlichkeiten zu bereiten.”

Nikolai Hel wurde damals zu einem geradezu mythischen Helden, dem ich so verfiel wie mit sechs Jahren Tarzan, mit acht Dicki aus Enid Blytons Schwarzer 7, mit zwölf James Bond oder mit dreizehn Philip Marlowe. Alleine der Name „Nikolai Hel“ ist schon genial und hat einen mythischen Klang, den man nie vergisst. Er war ein Protagonist für Erwachsene mit dem man sich nicht identifizierte, sondern der einen faszinierte und dessen Gedankengänge man genauso verschlang wie seine Aktionen. Der Roman spielt zu einer Zeit als Hel Ende fünfzig ist und sich mit seiner Geliebten (mit der er – heute würde man missverständlich sagen – tantrischen Sex betreibt)in einem kleinen Schloss im französischen Baskenland als Auftragskiller zur Ruhe gesetzt hat (und natürlich klopft das Verhängnis an die Pforte um ihn nochmals zu mobilisieren). Der Thriller, der auch als Biographie Hels gelesen werden kann, zeigt in vielen Rückblenden die Entwicklungsgeschichte Hels. Er ist der Sohn einer russischen Aristokratin und eines mysteriösen deutschen Vaters, geboren in Shanghai in den 1920ern. Dort wächst er auch auf und erhält nach dem Einmarsch der Japaner einen General des Tennos als Ziehvater. Der schickt ihn nach Japan zur Ausbildung (im japanischen Sinne, nicht im europäischen) durch einen Go-Meister. Hel saugt die japanische Kultur in sich auf und lernt auch die Kunst des „Nackttötens“. Als sein Ziehvater als Kriegsverbrecher durch den Tod am Strang verurteilt wird, erspart ihm Nikolai diese Schmach indem er ihn vorher umbringt. Die Amerikaner stecken ihn umgehend ins Gefängnis und lassren ihn foltern (Guantanamo Bay hat viele Vorläufer). Im Gefängnis verfeinert er seine vielen Fähigkeiten und lernt durch ein altes Buch die baskische Sprache. Nach drei Jahren rekrutieren ihn die Amerikaner (da sie jemanden brauchen, der sowohl Russisch wie Chinesisch spricht – neben anderen Fähigkeiten) als Killer für den Geheimdienst. Dieser erste Auftrag ist Handlung von Winslows Prequel SATORI. Er wird der perfekteste Auftragskiller des Planeten. Aber natürlich ist er nicht der übliche Genre-Killer: „…denn im buddhistischem Sinne ist das Leben nur ein Traum, ein Kreislauf der trügerischen Wahrnehmungen, die uns glauben machen, wir würden uns von anderen Wesen unterscheiden. Indem ich diese Menschen getötet habe, bin ich selbst gestorben; indem ich überlebe, leben sie in mir weiter. Ich erfülle ihr Karma und sie meines.“
Es ist schwierig, diesen komplexen Roman so zu beschreiben, dass man dem Leser nicht zuviel verrät und ihm dadurch eines der größten Vergnügen beraubt, dass die Literatur zu bieten hat. In meiner Arroganz teile ich die Crime-Leser in zwei Kategorien: Die, die SHIBUMI gelesen haben, und die, die SHIBUMI nicht gelesen haben.

Man darf aber sicherlich nicht verschweigen, dass Trevanians Faszination von der japanischen Kultur ihn (fast) blind macht und er die unendlichen Grausamkeiten und Kriegsverbrechen der Söhne Nippons ausblendet. Und während Europa, insbesondere die Basken, noch ganz gut wegkommen, lässt er an den Amerikanern kein gutes Haar. Man kann sich gut vorstellen, wie sehr seine Verachtung für die USA seit Reagen und den nachfolgenden Präsidenten zugenommen haben muss.

FORTSETZUNG FOLGT



DR. HORRORs NEUJAHRSGRUSS AUS CHINA by Martin Compart
30. Dezember 2010, 3:14 nachmittags
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Langweilig wird es gewiss nicht werden, das Neue Jahr, und wenn man Sinn für Schwarzen Humor hat, ein Fan mehr oder minder absurder Verschwörungs- oder Untergangstheorien ist, mag man sogar voll auf seine Kosten kommen.
Kurz vor Weihnachten saß ich, wegen einer falschen Information, nach dem Besuch einer Computer-Fachmesse mehrere Tage in Seoul fest, weil mein Rückreisevisum nach China nicht mehr gültig war. Es war wie die Ruhe vor dem Sturm, auch wenn sich keiner richtig Sorgen zu machen schien angesichts der möglichen Eskalation eines Konflikts. Dienst nach Vorschrift im Angesicht des Sturms.

Leben auf dem Vulkan nennt man so etwas: Umweltkatastrophen. Eine kleine Eiszeit legt den Flugverkehr über halb Europa lahm. Dunkle Wolken nicht nur über dem Gelben Meer, sondern auch am Persischen Golf und über Nahost.
Angst ging um selbst auf den Weihnachtsmärkten, Angst nicht unbedingt vor dem neuen Schwarzen Mann, dem extremen Islam.
Die Amerikaner drucken unermüdlich Dollarscheine auf wertlosem Papier und stellen damit die Regenerationskräfte des Kapitalismus auf eine harte Probe.

Und allerorten werden Statistiken geschönt. Wie eigentlich kann es sein, dass wir mehr Hartz-IV-Empfaenger haben als Arbeitslose?

In Europa wird eine Teilung in Nord- und Süd-Euro diskutiert, Erhöhung der Mehrwertsteuer, hinter nur halb vorgehaltener Hand. Nach Einführung einer neuen Währung wird es vielleicht einen Waherungsschnitt geben, denn wer wird sonst der Schulden Herr…
Die Kacke ist ganz schön am Dampfen, und niemand mag lauthals ein gutes Neues Jahr wünschen. Das klingt geradezu zynisch.
Mittelstand und Mittelmass sind ganz schön unter Beschuss geraten. Menschen, die früher überall gerade ihres geringen Formats wegen durchgerutscht sind, haben es heute schwer, selbst der Herr Bundesminister des Äusseren und “Nachfolger” Möllemanns auf dem Vizekanzlersessel.

Auf einmal wird wieder nach einer geistigen Elite und mehr Bildung gerufen. Doch was tun angesichts der Vorbilder, die man im deutschen Fernsehen und auf deutschen Websites propagiert hat?
Deutschland sucht den Superstar und Dschungelcamp, bald auch mit Rainer Langhans… Shakes-Bier statt Shakespeare.
Geht es noch eine Stufe tiefer als Katzenberger, Luder Kot, Bohlen und SAT 1-Nachmittagstalk, wo auch der so genannte Abschaum mal auf den Bildschirm darf?

Keine Sorge, es geht immer eine Stufe tiefer!
Man muss nur höllisch aufpassen, dass sich diese drei niemals mehr verbünden oder paaren:
THE BRUTAL, THE STUPID AND THE NEEDLESS…
Klingt wie der Titel eines Italo-Westerns, ist es aber nicht.
Es gab schon mal gesellschaftliche Phasen, in denen die Unholy Three zusammenfanden.
Carl Zuckmayer hat den Anschluss Österreichs 1938 live miterlebt und in seinen Erinnerungen beschrieben: Sinngemaess formulierte er, der Schlund der Hölle habe sich aufgetan angesichts der schieren Begeisterung. Solch vertierte Gesichter habe er im Leben noch nicht gesehen.
Die Brutalen.
Die Blöden.
Und die Nutzlosen.
Davon gibt es immer noch reichlich…

Rolf Giesen
24. Dezember 2010



DER BLUTIGE WEISSE BARON by Martin Compart
2. Dezember 2010, 3:54 nachmittags
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Es ist tatsächlich auf Deutsch erschienen: Das bisher beste Buch über Baron Ungern-Sternberg, eine der mysteriösesten Gestalten des 20.Jahrhunderts. Hervorragend übersetzt von Nora Natocza und Gerhard Falkner und exzellent lektoriert von Christian Döring (der einst aus DuMont einen ernsthaften Literaturverlag gemacht hatte und endlich den unerträglichen Michael Naumann als Herausgeber bei Eichborn ablöst)) liegt es jetzt in einer schönen Ausgabe der ANDEREN BIBLIOTHEK vor:

James Palmer
DER BLUTIGE WEISSE BARON
Eichborn 2010, 384 Seiten; 32, 00 Euro.

Baron Ungern-Sternberg, der blutige Baron oder auch der wahnsinnige Baron! Der weiße Khan und Eroberer der Mongolei. Ein Mann, der vor 90 Jahren
12 000 Kilometer östlich von Deutschland gehasst und getötet hat.
Wenn die Reitervölker Zentralasiens zur Eroberung aufbrachen, herrschte Angst und Entsetzen in Europa. Unter Dschinghis Khan und Tamerlan errichteten die Mongolen das größte Reich, dass die Welt je gesehen hatte. Aber einmal kam ein Weißer, ein Blutsäufer, der hinter Timur Lenk nur quantitativ zurück stand, und eroberte das Land der Söhne der großen Khane.

Bei uns ist er fast völlig in Vergessenheit geraten, bestenfalls eine Fußnote in Betrachtungen der Russischen Revolution und des Bürgerkriegs. Merkwürdig und geheimnisvoll und widersprüchlich: Tapfer und tollkühn in der Schlacht, unmenschlich grausam und despotisch überall dort, wo er unumstrittene Macht ausübte. Randalierender Trunkenbold und Asket. Dem russischen Adel ebenso zugetan wie den wilden nomadischen Reitervölkern. Baltendeutscher voller Stolz auf seine Vorfahren und überzeugter Eurasier. Der Baron war der erste, der im Zeichen der Swastika Judenpogrome durchführte. Ein Wahnsinniger, der mit einem Wahnsinnsplan die Sowjets stürzen wollte um in Russland wieder das Zarenreich zu errichten. Anhänger des russischen Imperiums und Handlanger der imperialen Interessen Japans.

Während des 3.Reiches genoss er eine gewisse Popularität. Das lag sicherlich auch an dem Bestseller von Ferdinand Ossendowski, TIERE, MENSCHEN, GÖTTER (lieferbar bei Fantasy Productions),
das als (umstrittener) Augenzeugenbericht über Ungerns Aktivitäten in der Mongolei gilt. Außerdem traf der verquaste Mystizismus den Zeitgeist und Himmlers Besessenheit von allem irrationalen. Die Nazis sahen in diesem eingefleischten Monarchisten einen Ordensritter und Vorläufer. Sein brutaler Antisemitismus, sein Antikommunismus und seine Verbundenheit mit dem japanischen Reich deckten sich mit ihren Haltungen. In dieser Zeit entstand das einzige deutsche Buch über Ungern-Sternberg: Bernt Krauthoffs Roman ICH BEFEHLE, der vor Spekulationen, Unwahrheiten und Nazismus nur so strotzt. Später wurde der blutige Baron vor allem von rechten Esoterikern wie Julius Evola wieder entdeckt. Populär war dieser schurkische Eroberer auch in Frankreich; dort wurden seit den 1970er Jahren einige Monographien veröffentlicht (Hugo Pratt ließ ihn in seinen Comich CORTO MALTESE IN SIBIRIEN mitspielen). In Russland ist er inzwischen eines der Idole von Neo-Monarchisten und Faschisten und Filme, TV-Serien und Bücher künden von seiner Ruchlosigkeit.

Der weltgeschichtliche Hintergrund, vor dem Ungern-Sternbergs Schicksal spielt, ist die russische Revolution, die aggressive Expansion des japanischen Kaiserreichs und das allgemeine Chaos des 1.Weltkriegs. Dahinter stand noch eine tiefgehende geschichtliche Umwälzung: der Zusammenbruch alter Systeme, wie Zarenreich und Manchu-Dynastie und der den Verlauf des 20.Jahrhunderts maßgeblich bestimmende Aufstieg neuer imperialistischer Reiche wie die Sowjetunion und Japan. Für Europäer etwas außer Sicht und wenig im Bewusstsein war dabei die geostrategisch zentrale Position der Mongolei mit ihrer riesigen Fläche und gerade mal zwei Millionen Einwohner, Begehrt wurde sie von Japan und Russland gleichermaßen. Die Sowjets trugen durch die Errichtung einer Republik und ihres ersten Satellitenstaaten den Erfolg davon. Ungern, der aus Berechnung für die japanischen Interessen eintrat, war die Bedeutung der Mongolei im Konflikt beider Imperien ebenso deutlich wie seinen Gegenspielern im Kreml.

Ungern-Sternbergs Herrschaft währte nicht lange dank zeitpolitischer Konstellationen. Aber noch heute wird in Jurten, an Lagerplätzen und in den hässlichen Plattenbauten Ulan Bators sein Name genannt. Immer mehr Mongolen sprechen von ihm voller ängstlicher Achtung als von dem weißen Kriegsgott. Mit der Rückkehr des von den Sowjets unterdrückten Lamaismus wächst auch Ungerns Popularität.

Der irische Polit-Thrillerautor hat 1989 einen tollen Roman veröffentlicht, in dem auch der wahnsinnige Baron eine entscheidende Rolle spielt: THE NINTH BUDDHA. Der Aufbau Verlag hat ihn dieses Jahr bei uns veröffentlicht. Wer einen richtig guten exotischen Abenteuer-Thriller sucht, ist mit diesem Period Piece bestens bedient:

“1921: Christopher Wylam, Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, sucht nach seinem zehnjährigen Sohn, der gekidnappt wurde. Er verfolgt die blutige Spur von England über Indien bis in ein tibetisches Kloster. Dort trifft er auf seinen Gegenspieler, den Vertreter einer feindlichen Macht.
Ein furioser Thriller, der in die faszinierende Geschichte Tibets und der Mongolei führt.”



Dr. Horror III: EMPIRES OF THE DEEP by Martin Compart
24. August 2010, 10:56 vormittags
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Dilettantismus hat in Deutschland nicht nur Konjunktur, sondern auch einen Namen.
Hatte einen Namen.
Wir trauern um Christoph Schlingensief, der vor zwanzig Jahren dem wahrscheinlich größten Dilettanten der deutschen Geschichte mit dem Film Hundert Jahre Adolf Hitler ein unsterbliches Trash-Mahnmal setzte. Seitdem läuft Hitler in den Medien wieder gut. Schlingensiefs Leben währte derweil nicht mal 100, sondern nur 49 Jahre.
Müssen wir deshalb um das Ansehen des Dilettantismus in Deutschland und der Welt fürchten?
Zum Glück gibt es unsere chinesischen Freunde, in deren Heimat der Dilettantismus vermutlich wie so viele andere Kulturschätze erfunden wurde.
Da haben manche Filmemacher nicht nur kein Talent wie Schlingensief, sondern im Gegensatz zu diesem auch noch Geld wie Heu, um es unter Beweis zu stellen.
Jon Jiang aus Beijing hat seine Milliarden mit Immobiliengeschäften verdient.
Trotzdem fand er neben dem Geldscheffeln noch die Zeit, sich 4000 DVDs anzugucken und sich danach selbst zum Movie Tycoon auszurufen. Denn die ausufernde Passion endlosen Filmkonsums befähigt ihn jetzt, das bis dato teuerste Werk der chinesischen Filmgeschichte zu produzieren. Für umgerechnet 100 Millionen Dollar will er seine Favoriten Lucas, Spielberg, Peter Jackson und James Cameron ausstechen und auf die hinteren Plätze verweisen.
Dafür hat er einen schönen Stoff gefunden, der, wie er hofft, noch erfolgreicher sein wird als Gladiator, Pirates of the Caribbean und Avatar zusammen. Um ein geflügeltes Wort eines an eigener Selbstüberschätzung gescheiterten deutschen Möchtegern-SF-Regisseurs zu zitieren: “Wenn mein Film anläuft, müssen die Kinos anbauen.”
Die Rede ist von Empires of the Deep. Monica Bellucci oder Sharon Stone sollten die Hauptrolle spielen, aber irgendwie schien ihnen das Projekt nicht zu gefallen. Jetzt verkörpert Olga Kurylenko, ein ehemaliges Bond-Girl aus der Ukraine, die Königin der Seejungfrauen, die es darauf anlegen, alle Männer beim Sex umzubringen. In Nebenrollen treten auf: griechische Götter und Heroen (die angesichts des Offenbarungseids von EU-Mitglied Griechenland nach China ausgewandert sind und dort im Dutzend billiger zu haben waren: eine schöne Vorstellung), denn die Geschichte spielt im sagenhaften Hellas, dazu noch Piraten, Seeungeheuer sowie der finstere Dämon Mage. Die dazugehörigen Kostüme stammen wahrscheinlich aus dem Ausverkauf eines amerikanischen Partyverleihs. Der Regierung war das verständlicherweise nicht chinesisch genug, und darum hat Jon Jiang noch Drachenmenschen und den chinesischen Star Hu Jun (Hu Who?) als Drachenlord in die Geschichte verrührt, ganz so als koche er seine Zutaten im Wok.
Ansonsten mochte Herr Jiang aber nicht mit chinesischen Kreativen arbeiten: “I’m an international producer. I don’t want to make Chinese movies. I don’t know how movies are made in China.” Denkbar ist, dass Jiang weder weiß, wie Filme in China entstehen, noch überhaupt sonstwo. Daher braucht er jede Menge Hilfe und hat bereits eine ganze Anzahl internationaler Autoren und Regisseure verschlissen, unter ihnen fragwürdige Zeitgenossen wie Pitoff (Catwoman mit Halle Berry), Jonathan Lawrence, Michael French und Scott Miller. Irvin Kershner, der Regisseur von The Empire Strikes Back, wurde vermutlich nur seines Namens wegen als Produzent an Bord geholt. 40 Mal wurde das Drehbuch inzwischen umgeschrieben.
Nachforschungen haben ergeben, dass Jon Jiang Schlingensief nicht kannte. Sonst hätte er ihn vermutlich zu Lebzeiten unter Vertrag genommen. Vielleicht versucht er es ja jetzt bei Lars von Trier. Und wenn der nicht will, sollte sich Jiang Kim Jong Il, “a fellow film buff”, zum Vorbild nehmen, der gelegentlich mal einen Filmregisseur nach Nordkorea entführen ließ, damit er ihm einen schönen Film dreht. Vielleicht hat Kim, wenn Jiang ihn freundlich bittet, neben einigen Leichen ja noch ein paar Regisseure im Keller…
Rolf Giesen
24. August 2010



Dr. Horror: ALTE FEINDBILDER BRAUCHT DAS LAND by Martin Compart
11. August 2010, 4:18 nachmittags
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Verstopfung oder Durchfall – das ist hier die Frage
Der Mensch, sagt der Psychotherapeut Georg Groddeck, sei ein Klosett auf zwei Beinen: “Die meisten Menschen leiden an Verstopfung und ihre Gedanken sind drei Viertel ihres Lebens auf dem Klosett.”
Allerorten wütet der Fäkalexhibitonismus. Bei manchen Leuten quillt die Scheiße förmlich aus dem Hirn: Shit im Kopf hat der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer eine seiner Kurzgeschichten überschrieben.
Kein Wunder: Immer dann, wenn Kulturen ihren Zenit erreichen und so in eine Sackgasse des Niedergangs rollen, artikulieren sie sich anal.
Angeblich leiden 70 Prozent der Deutschen unter Verdauungsstörungen. George Grosz hielt Deutschland gar für das “Hauptquartier der Verstopfung”. Aber wenn dann was im Toilettenbecken landet, wird es fein säuberlich analysiert.
Besonders in Deutschland stellte sich nach eingehender Betrachtung heraus, dass Scheiße kotverschmiert und braun ist.
So wurde aus den Braunen in Deutschland sogar einmal eine ganze Bewegung. (Wiederholungsgefahr besteht, solange man das Leben als beschissen empfindet.)
Die Braunen empfanden die Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg sprichwörtlich als ganz große Scheiße. Immer noch ratsam in diesem Zusammenhang ist der Griff zu Klaus Theweleits Männerphantasien von 1977: “Die Front ist identisch mit dem Schließmuskel, der es nicht mehr zurückhalten kann: der Krieg geht in die Hose; der bisher abgewehrte Feind bricht über den Soldaten herein und aus ihm heraus, als ‘entquellende Übermacht’. So ist der Zusammenbruch ein Vorgang am eigenen Körper, nach dem man beschmutzt dasteht. (Der Sprachgebrauch kennt diese Koppelung ebenfalls, wenn er das Nichtbestehen einer Prüfung und den Zwang zur Darmentleerung mit demselben Wort bezeichnet: Durchfall). [...] Was sich beim soldatischen Mann zuerst wieder aus dem Dreck erhebt, ist die saubere Gesinnung, das nationale Denken, sein Verantwortungsgefühl für ‘das Ganze’. Ein Mangel an dieser Gesinnung, Feigheit, scheint es überhaupt zu sein, der den ‘Durchfall’ erst möglich macht.”

Kot- und Untermenschen
Diese eklige “Woge von Kot” vermischte sich mit Blut und schwemmte herrliche Feindbilder ins Unterbewusstsein der künftigen Volksgenossen, die heute teilweise verdrängt sind:
“Nie wahrte der Untermensch Frieden, nie gab er Ruhe. Denn er brauchte das Halbdunkle, das Chaos.
Er scheute das Licht des kulturellen Fortschritts.
Er brauchte zur Selbsterhaltung den Sumpf, die Hölle, nicht aber die Sonne.” [Der Untermensch. Berlin 1935. Herausgegeben vom Reichsführer-SS]
Wie von Marx vermutet, hat sich das Kapital globalisiert und die Nationalstaaten der Pleite überantwortet. Es knirscht allerorten gewaltig. In Europa – von Griechenland, das die Deutschen mit dem Verkauf von Leopard-Panzern überschwemmt haben über Portugal, Spanien und Italien bis hin zu unseren Nachbarn weiter östlich. Amerika kann sich kaum mehr einen vernünftigen Krieg leisten und bittet die Verbündeten zur Kasse. In China, dem großen Hoffnungsträger, mag demnächst oder etwas später die Immobilienblase und was noch platzen. Und jetzt schlägt auch noch die Natur zurück, an der sich der Mensch “versündigt” hat. In Russland brennen die Wälder. Im Golf von Mexiko sprudelte monatelang das Öl. Im Himalaja schmelzen die Gletscher, was die Trinkwasserversorgung Asiens in Zukunft gefährdet. Kurz: wir stecken ganz schön in der Scheiße.

Westerwelle reicht nicht zur Feindfigur
Jetzt bräuchten wir wenigstens vernünftige Feindbilder, damit wir uns, dem globalen Kapital zuliebe, gegenseitig an die Gurgel gehen und abmurksen. Aber siehe da, die Feindbilder haben nicht mehr das furchteinflößende Format von früher. Die Haltbarkeit ist begrenzt. Saddam Hussein ist hingerichtet und steht nicht mehr zur Verfügung. Kim Jong Il ist allenfalls ein durchgedrehter Filmnarr, der schon mal einen Regisseur entführen lässt, damit er ihm einen schönen Film dreht. George W. Bush hat sich aus der Verantwortung gestohlen und die Beseitigung des von den Weißen angerichteten Scherbenhaufens einem Schwarzen überlassen. Jürgen W. Möllemann ist schon ein paar Jahre davor aus den Wolken in den Tod gesprungen. Sauerland dagegen, Duisburgs unglückseliger OB, heißt mit Vornamen zwar Adolf, verweigert aber den Freitod durch Harakiri, weil er ja kein echter Samurai ist. Guido Westerwelle übt immer noch im stillen Kämmerlein, damit er auch auf Englisch herbeten kann: You will not buy my Schneid.
Dieser Tage läuft in den Kinos ein neuer Actionfilm mit Angelina Jolie an: Salt. Es geht um die Unterwanderung Amerikas durch von den Russen umgedrehte Schläfer. Zitat aus dem Presseheft: “Es gibt zum Beispiel Verfechter der Theorie, dass zuerst die Sowjetunion und später Russland in den Achtziger- und Neunzigerjahren verdeckte Agenten als ganz normale Bürger in westliche Länder einschleusten, als Teil eines Netzwerks von Geheimagenten, die unter falschem Namen 15 oder 20 Jahre oder sogar länger ein ganz normales Leben führen. Nach ihrer Aktivierung sollten diese Schläfer dann den ‘Tag X’ orchestrieren, eine Kette von Sabotageakten und terroristischen Angriffen innerhalb der Vereinigten Staaten, die Auslöser für einen groß aufgezogenen Krieg mit Russland sein würden.”
Lee Harvey Oswald war laut Film Nummer eins.
Für ihn, sagt Salt-Regisseur Phillip Noyce, bestehe kein Zweifel, dass es Schläferagenten gibt: “Diese Praktik gehört von jeher zu den Grundlagen des Spionagegeschäfts.”
Aber wer nur ist der Drahtzieher?
Wer steckt hinter all der Scheiße?

Die gelbe Gefahr
Wenn wir schon knietief oder noch tiefer drin stecken (in der Scheiße), wollen wir wenigstens klare Feindbilder haben. Und klar waren nur die alten Feindbilder. Das waren noch Archetypen. Gelegentlich restauriert ja das deutsche Fernsehen den Schrecken von damals, so dass einem beim Abendbrot ein wohliger Schauer über den Rücken kriecht: Einer wie Hitler ist heute, dank Guido Knopp & Co., in den Medien präsenter denn je. Bisweilen werden auch Filme mit Dracula, Frankenstein, dem Wolfsmenschen, der Mumie und Dr. Mabuse wiederholt.
Wo aber steckt der große Unbekannte, der geheime Drahtzieher, der die Geschicke der Welt in seinen Krallen hält? Das Vorbild von Darth Vader und dem Imperator der Sternenkriege. Wo nur – da Asien uns abstrakt das Fürchten lehrt – bleibt die Wiederkehr der personifizierten Gelben Gefahr, die heute mehr denn je um sich greift, von geheimen Schaltzentralen aus, die in Chinarestaurants versteckt sind? Boris Karloff, Henry Brandon und Christopher Lee haben “Ihn” auf der Leinwand verkörpert.
“Denke dir jemand: groß, schlank, tigerhaft, hochschultrig, mit einer Stirn wie Shakespeare und dem Gesicht des Satans mit einem fast glattrasierten Schädel und mandelförmigen, hypnotischen Augen von der Farbe des Katzengrüns. Gib ihm alle grausame Verschlagenheit der morgenländischen Rassen, aufgehäuft mit einem gigantischen Intellekt, gib ihm die ganzen Hilfsquellen früherer und heutiger Wissenschaft – denke dir dieses entsetzliche Wesen, und du hast ein geistiges Bild Dr. Fu-Mandschus – der gelben Gefahr, verkörpert in einem Menschen!”
Attila, Dschingis Khan, Boxeraufstand, Mao Zedong und großer Sprung nach vorn – diese herrliche Gestalt verkörpert alles in einem und ist der rechte Partner zum Hassen und Fürchten. Gegen ihn ist Osama bin Laden nur ein Waisenknabe…

Rolf Giesen
10. August 2010



DR.HORROR: GOODBY MAO by Martin Compart
27. Juli 2010, 12:38 nachmittags
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Und hier, wie versprochen, die erste Kolumne von Deutschlands bedeutenden Kulturpessimisten:

Des Sandmanns großer Sprung nach vorn

Was haben Mao und der deutsche Sandmann gemeinsam?
Mao liegt aufgebahrt in seinem Mausoleum in Beijing, vor dem sich lange Schlangen stauen, obwohl er – will man eingeweihten Fachhistorikern glauben – nie gebadet hat, sondern seinen Körper nur von einem Leibkommunisten mit heißen Handtüchern abreiben ließ. Er hat sich auch nie die Zähne geputzt, sondern nur mit grünem Tee gegurgelt. Und geraucht hat er wie ein Schlot. Dabei immer scharfes Zeug aus Hunan, der heimischen Provinz, gegessen, nachdem er Schlafpillen genommt hatte. Deshalb ist er noch beim Abendessen eingeschlafen, und Leibkommunistinnen mussten seinen Mund mit Stäbchen säubern, bevor sie ihn zur Ruhe betteten.
Vor allem hat er die Jugend zur Kulturrevolution aufgerufen. Den deutschen Sandmann hätte er garantiert zwecks Umerziehung aufs Land geschickt…
Unser aller (Ost-) Sandmann ist nach der deutschen Vereinigung allerdings nicht als Stasi-Spitzel enttarnt worden und, dank reichlich Alkoholkonsum, lallend in der Gosse gelandet. Auch mussten sich seine Helfershelfer nicht vor Gericht verantworten wie die Mao-Sippe. Vielmehr ist der Sandmann zum gesamtdeutschen Superstar mutiert. Schließlich hat er, trotz seiner weit entfernten Ähnlichkeit mit Walter Ulbricht, die gelegentlich allzu renitente Kinderschar nur in den Schlaf gewiegt.
Es ist übrigens wenig bekannt, dass es Mao war, der Ulbricht gelegentlich eines Besuchs zum Bau eines antifaschistischen Schutzwalls riet, nach dem Vorbild der Großen Chinesischen Mauer.

Jetzt aber ist nicht nur Mao in einem großen chinesischen Spielfilm auf die Leinwand zurückgekehrt, der die Gründungsphase der Volksrepublik besingt. Auch der Sandmann hat, zum 50. Jubiläum, sozusagen einen großen Sprung nach vorn gemacht und seinen eigenen Kinofilm bekommen.
Deutsche Kinderfilme und chinesische Politfilme sind – und das haben sie gemeinsam – politisch korrekt: Früher durften wir uns bei deutschen Kinder- und Hausmärchen gruseln und wurden, zur Freude der Erwachsenen, in unsere kindlichen Schranken gewiesen. Im deutschen Kinderfilm aber darf man sich nicht gruseln, allenfalls ein Nickerchen im Kino machen, wenn “Das Sandmännchen – Abenteuer im Traumland” läuft, mit der Stimme von Volker Lechtenbrink, der einen langen Weg gehen musste, von Bernhard Wickis “Brücke” bis zur Stimme des Sandmanns.
Diese Kultfiguren sind heilig und sollten nur mit Ehrfurcht betrachtet werden: Chairman Mao – der Sandmann – Jesus Christus in biblischen Filmen von Cecil B. DeMille bis George Stevens.
Beim Verlassen des Kinos, in dem der “Sandmann”-Film voraufgeführt wurde, auf der Berliner Bleibtreustraße, die im Volksmund schon mal Bleistreustraße hieß, holte mich nach ausgiebigem Schlaf die Realität ein: Drei Polizisten in Zivil hatten einen jugendlichen Delinquenten auf den Gehweg geworfen und ihn mit Handschesseln gefesselt. In seiner Hosentasche fand sich simples Werkzeug zum Einbruch in ein Geschäft oder zum Knacken eines Autos. Die Untersuchungen werden wohl nicht viel ergeben haben. Längst wird der junge Mann wieder auf freiem Fuß sein. Wie der elfjährige libanesische Junge, der in Berlin Drogen verkauft. Auf der Straße wächst eine Generation heran, auf die weder der Traumsand des Sandmanns noch die Chinesische Kulturrevolution einen Einfluss haben.

Go East!

Durch Berlin fließen Spree und Havel.
In China lockt ein ganz anderer Fluss all jene, die noch nicht vor dem deutschen Fernseher eingeschlafen sind. (Aber keine Bange, das chinesische Fernsehen ist noch ermüdender…)
Die Rede ist vom Geldfluss. Im Gegensatz zu den Peanuts, die man in Berlin verdient, oder dem Hartz IV, das man bezieht (vielleicht benennt man in Zukunft ja Zuwendungen ganz anderer Art in Deutschland nach anderen Übeltätern, etwa Hitler V… wenn schon, denn schon), kann in China jeder daran partizipieren. Die vermeintlich goldenen Berge der so genannten Schwellenländer, die sich nach Amerikas Abdankung in Afghanistan und im Irak nicht mehr im Westen, sondern im Osten befinden, locken auch den aufgeweckten, noch nicht mit provinziell Märkischem Traumsand aus Merkelland benebelten Deutschen.
Allen abenteuerlustigen China-Reisenden empfehle ich die Lektüre eines großartigen Buches “Herr Wu lacht”, das Martin Brandes geschrieben hat, der seit 2001 in Beijing lebt. Darin lässt er sich über Reinigung mit Schmutzwasser, chinesische Klos (davon ein andermal) und Weinliebhaber aus:
“Wein nämlich gilt den Yuppie-Chinesen der gerade entstehenden Mittelschicht als hochschickes Getränk. Die wenigsten wissen jedoch, wie man die verflixte Flasche öffnet.
Meist hacken sie mit dem Küchenmesser auf den armen Korken ein, bis der völlig zerfetzt in der begehrten Flüssigkeit herumschwimmt. Oft wird der Korken auch komplett in die Flasche hineingedrückt, die dann meist eine Weindusche für den Drücker bereithält.”
Sehr zu empfehlen: Edition Glanz & Elend, Strandgut Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2008.
Ich jedenfalls habe mich seit geraumer Zeit entschieden, zwischen den Kulturen zu leben, zwischen Berlin und Beijing, mit einem klitzekleinen Schreibtisch, der eine bescheidene Insel im Geldfluss darstellt, ohne Vorkenntnisse der chinesischen Kultur und Sprache, wahlweise mit Kakerlaken am Frühstücksbüffet oder Putz eingedeckt, der von den Hotelwänden fällt, weil man ja doch nächstens ein neues, größeres Hotel (dann aber gleich mit 5 Sternen statt ohne Stern) baut. Nicht in Russland, in China erfährt man den wahren Sinn des Begriffs Potemkinsches Dorf. Gleich auf den bröckelnden Putz folgt nämlich die Pappe. Und auch die goldenen Berge sind vermutlich nur Illusion wie der Scheinriese aus Michael Endes bahnbrechend-chinesifiziertem Kinderbuch-Klassiker “Jim Knopf”.

Meiyou

Xiè-xiè, das heißt im Reich der nicht mehr ganz ausgewogenen Mitte soviel wie danke. Und wenn was nicht geht oder man keinen Bock hat, reicht das kleine Wörtchen Meiyou, Synonym einer Lebensphilosophie zwischen Verzicht und Gelassenheit. Wenn man bei einem Vortrag (delivery of a speech) freundlich mit Ni hao grüßt, erhält man schon den ersten lang anhaltenden Beifall. Obwohl ich nicht verstehe, was die Chinesen um mich herum sagen, weiß ich doch, was sie meinen. Das reicht. Ich kann schmunzeln und muss auch schon mal laut lachen. Hauptsache, das Essen schmeckt. Auch wenn sich KFC (Kentucky Fried Chicken, nach jüngstem Gewinneinbruch in USA) und McDonalds jetzt auch in chinesischen Groß- und “Klein”städten ausbreiten, hat die chinesische Esskultur überlebt, die bekanntlich nicht fett macht. Ich habe inzwischen nur 10 Kilo zugenommen. Das ist der Beweis. Das geht.
Wenn ich gegessen habe, dürste ich nach Tsingtao Bier. Ich habe auch das von einem Deutschen entworfene Biermuseum von Tschingtau oder Qingdao besucht. Es ist eines der besten Museen der Welt für Leute, die an wahrer Kultur interessiert sind. Dabei ist die Bierkultur in China gerade mal hundert Jahre alt, die chinesische Kultur selbst 5000 – und damit älter als Siegfried und die Nibelungen, deren Schatz bisher ebensowenig gehoben wurde wie der von Dschingis Khan, dem mongolischen Welteroberer aus der Nachbarschaft
Nach einigen Jahren der Übung finde ich mich auch im U-Bahnnetz Beijings zurecht. Denn auf den Straßen haben die Autos Vorfahrt, weil sie stärker sind als Fahrräder und Menschen. In Beijing gibt es inzwischen 4 Millionen Autos, aber nach dem Wunsch der deutschen Autobauer, die ja erklärte Umweltschützer sind, sollen es bald 8 Millionen sein. Schließlich sind es ja nicht die Abgase der Autos, die die Luft verpesten, sondern die gase der Rinder. Nicht China oder Amerika, sondern Argentinien ist daher der größte Umweltsünder.

Die Erde gehört den Chinesen!

In Deutschland kommt man, wie Konrad Wolf mal sagte, nur von einer Provinz in die nächste.
In China sagt man sich sinngemäß: Nicht kleckern – klotzen!
Es sind die ungeheuren Dimensionen, die uns alle zum Rind und Herdentier machen und restlos überzeugen. Auch das Wort Mitläufer findet hier zu seiner ursprünglichen Wortbedeutung.
Curt Siodmak, der alte, verstorbene Gruselschriftsteller ["Donovans Gehirn"], sagte mal, dass er, als er nach England und Amerika kam, die Sprache wie ein Baby neu lernen musste. Das habe sein Leben verlängert. In China verhält es sich ähnlich, sofern man nicht Chinesisch spricht und versteht. Drei Monate dort sind für den Sprachunkundigen wie gefühlte fünf.
Die Welt der Zukunft sollte daher chinesisch werden. Zu viel hat der Westen versaut und verbrannte Erde hinterlassen. Trotz Ein-Kind-Politik, von der Minderheiten ausgenommen sind (ein Innerer Mongole sagte mir, er könne Kinder haben so viel er wolle, nur die Vielweiberei sei leider nicht gebräuchlich), sind es 1,3 Milliarden. Insider munkeln, wegen ungenauer Zählweise seien es womöglich schon 1,7 Milliarden!

Urheberrechtsverletzungen

Jahrhunderte blieben die Chinesen unter sich. Jetzt gibt es das Internet, das der chinesischen Nationalkultur und Mentalität des Kopierens oder besser: Raubkopierens erstaunlich nahe kommt.
Copyright? Copy, right!!!
Sie meinen es nicht böse. Sie wollen allein dem verehrten Meister und Schöpfer des Originals ihre Reverenz erweisen. Da sie sich alles merken und auswendig lernen, sind Chinesen hervorragende Kopisten. Sehr häufig, meist beim Kopieren westlicher Produkte, geschieht dies aber ohne Sinn und Verstand, also ohne das Produkt voll zu begreifen. So leiden die Klone unter genetischen Mängeln. Kopiert wird dies und jenes, im Grunde alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Und dabei wird es auch der Wertarbeit beraubt, die in Deutschland ja mal eine Tugend war: standardisiert und normiert.
Es gibt nur diese Alternative: entweder chinesisch oder virtuell.
Virtuell, das heißt am Ende: entkörperlicht, als digitale Wesenheit. Dann schon lieber chinesisch. Denn das Essen schmeckt. Nur, bitte, in der Inneren Mongolei Vorsicht walten lassen, wo sich die Wüste Gobi täglich mehr ausdehnt und das nicht allzu ferne Beijing mit einer Staubschicht überzieht, die jede Abgaswolke durchdringt. Man muss schon aufpassen, dass man beim Essen nicht einstaubt…
Und wenn man einschläft, kommt der Sandmann und pickt einem mit einem Stäbchen die Essensreste aus dem Mund. So einen Service bekommt man daheim in Deutschland nicht…

Rolf Giesen
23. Juli 2010




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