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1914 begann Ja-Lama gegen die angebahnten freundlichen Beziehungen zwischen Russland und der Mongolei zu hetzen. Die russische Regierung schickte eine Kosakenabteilung über die Grenze. Mit einem Überraschungsangriff eroberten sie Kobdo. Sie fanden den Dscham Lama in seiner Jurte sitzend auf einem Thron aus den Häuten der abgeschlachteten Chinesen. Nach einigen Schwierigkeiten und durch Verrat gelang es den Russen ihn zu überwältigen und gefangen nach Russland zu schaffen. Hierzu taucht in der Legende eine Variante der oben erzählten Geschichte auf: Eine Abteilung soll er mit seinen hypnotischen Kräften irre gemacht haben. Die Kosaken fielen plötzlich in großer Wut über ihren Rittmeister her und schlugen ihn tot, weil sie glaubten, er sei der Dscham Lama. Bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges blieb Dscham in Russland im Gefängnis.
Die mongolische Unabhängigkeit hatte gerade mal zwei Jahre gedauert. Russen und Chinesen arbeiteten zusammen, um das Land unter sich aufzuteilen. Bogdo Khan erntete die Frucht seiner Ausschweifungen und wurde zu einem syphilitischen, fast erblindeten Mann. Die Mongolei war einer der unangenehmsten und gefährlichsten Orte der Welt Anfang der 1920er Jahre. Das Gefängnis von Urga – die Zellen waren wie hochkant gestellte Särge – galt als das Schlimmste der Welt.
Nach der Revolution ließen ihn die Bolschewisten, die Ja-Lamas Fähigkeiten kannten, gegen das Versprechen frei, in der Mongolei für die bolschewistische Idee Propaganda zu machen.
Rastlos durchstreifte er die Mongolei. Die Stämme fürchteten oder feierten ihn als Wiedergeburt des legendären Freiheitshelden Amursana, der im 18.Jahrhundert gegen die Manchus focht. Angeblich hatte dieser Amursana den Schwarzen Stein des Königs der Welt nach Urga zum Bogdo Gigen gesandt. 1918 gründete er einen unabhängigen Staat “in der Gegend von Kobdo, indem er sich selbst zum König ernannte und die Anerkennung jeder anderen Autorität neben sich verweigerte. Zuweilen fiel es ihm auch ein, die Befehle des Bogdo Gigen zu übersehen. Und wenn es sich um Durchführung seiner Pläne handelte, war er in seinem Vorhaben nicht sanft. Wer es wagte, sich ihm entgegenzustellen, wurde rücksichtslos entfernt. Die Anhänger des geheimnisvollen Kalmücken wurden blinde Werkzeuge in seinen Händen, die in abergläubischer Furcht vor ihm zitterten… Dscham hatte keine Schwierigkeit, seine Macht in der Provinz Kobdo zu festigen und zu vergrößern. Er hielt sich endlich für größer als den Bogdo Gigen und gehorchte ihm nur noch, wenn es ihm gefiel. Mit Beharrlichkeit bereitete er sich auf die große Abrechnung mit den Fremden vor, die sich in der Mongolei niedergelassen hatten. Er tauchte an den verschiedensten Stellen des Landes überraschend auf, und wo das geschah, fand man überall seine Spur – Russen und Chinesen mit durchschnittenen Kehlen. Es war unmöglich, schien es, ihm Widerstand zu leisten; seine hypnotische Macht schlug seinen Opfern die Verteidigungswaffe aus der Hand. Es war auch unmöglich, ihn festzunehmen oder gar zu töten, denn das Volk schützte ihn und betete ihn an” (Forbath, S.222f.). Seinen Gegner stach er die Augen aus und bewahrte sie in einem Säckchen auf und führte die gefolterten Kreaturen, die er mit einer bestialischen Methode lebend verwesen ließ, mit sich. Wenn der Fäulnisgestank der armen Geschöpfe unerträglich geworden war, tötete er sie und ließ Überzüge aus ihrer Haut machen.
1919 schloss er sich angeblich der Soldateska von Ungern-Sternberg an, der 1920 mit seiner etwa 1000 Mann starken Armee aus Weißrussen, Mongolen, Burjaten, Chinesen und Tibetern in die Mongolei einfiel. Angeblich stellte er dem blutigen Baron eine Leibgarde aus besonders grausamen Tibetern zur Seite. “Später, nicht gar solange nach meinem Besuch, als die Mongolen sich gegen die blutsaugerischen Fremden erhoben, erging es den Russen nicht anders wie den Chinesen. Vergeblich erwarteten sie damals Baron Ungern-Sternberg als Erlöser, der mordend und plündernd die Mongolei durchzog.” (Forbath, S.130)
Palmer bestreitet die Kumpanei der beiden Irren: „Falls Ungern sich je mit dem Ja Lama getroffen hat, war er wohl von ihm enttäuscht – er hatte vor seiner Ankunft in der Mongolei (1913) sein Lob geszngen, sich später aber nur noch herabsetzend über ihn geäußert – obwohl er von uhm einiges gelernt haben dürfte.“ (Palmer, S.90)
Im Westen hatte Dscham Lama die Provinz Kobdo von der restlichen Mongolei inzwischen vollständig abgespaltet. Der nur pro forma mächtige Bogdo Khan hatte die Raserei Ungern-Sternbergs und Dscham Lamas bald satt. Wahrscheinlich fürchtete er inzwischen selbst um sein Leben. Er verbündete sich heimlich mit Sukke Bator und der Volkspartei. Er verfasste einen Hilferuf, den Sukke Bator versteckt im Griff einer Bullenpeitsche aus der Mongolei schmuggelte. Dschamsaramo, Sukke-Bator, der wahnsinnige Koibalsan und andere Kommunisten und Unabhängigkeitskämpfer reisten nach Moskau, um die Bolschewisten gegen Ungern und Dscham Lama zu Hilfe zu holen. Ein guter Grund für Trotzki, die Rote Armee in die Mongolei zu schicken und die Bindung des künftigen Regimes an Moskau zu festigen. An der Spitze der Roten Armee kam Sukke Bator zurück. Ungern hatte inzwischen das ruinierte Urga verlassen um gegen Russland zu ziehen und im Norden die Schlacht zu suchen. Die Einnahme Urgas war unproblematisch und Sukke benannte die Stadt zu seinen Ehren in Ulan Bator um.
Nach der Niederlage Ungern-Sternbergs zog sich Dscham Lama mit seinen Gefolgsleuten zur Oase von Bayanbulag in der Gobi zurück. Dort gründete er die Festung Tempei Gyaltsen, die auch Nicholas Roerich auf einer Reise besuchte.
Er musste vor den Kommunisten fliehen, die inzwischen mit Hilfe der Sowjets die ganze Mongolei unter ihren Machteinfluss brachten. Dagegen sammelte Dscham die „reinrassigen“, die so genannten Chalcha-Mongolen. Mit ihnen bildete er Kriegertrupps, die gegen alle Fremdlinge kämpften und die Errichtung eines Nationalstaates anstrebten, in dem nur Mongolen leben sollten. Hass gegen alles Fremde, raste nun, angeführt von Dscham Lama, durch die Mongolei.
Die neue nationale mongolische Regierung musste mit den Kriegsherren und konterrevolutionären Kräften aufräumen, wenn sie überleben wollte. Sie schickten eine Abordnung zu Dscham, der sich nun wieder in Kobdo festgesetzt hatte, um ihn zur Unterwerfung aufzufordern. Mit wilder Volksverhetzung hatte er sich die Provinz zurückerobert. “Dscham Lama war beim Anhören der Regierungsbotschaft in lautes Lachen ausgebrochen. Dann starrte er die Gesandten so langte wütend an, bis sie im Banne seiner Hypnose steif dastanden und sich nicht mehr bewegen konnten. Hierauf zog er ein langes Messer hervor und schnitt jedem mit einem wilden Stoss das Herz heraus. Das ist die Art, wie man in der Mongolei Schafe tötet, und so verfuhr der hohnlachende Dscham mit der Abordnung der neuen Regierung” (Forbath, S.224). Dies wurde der Regierung durch einen geflüchteten Urton-Reiter berichtet. Vorläufig traute sich niemand mehr, dem Dscham Lama nahe zu kommen. Aber auch beunruhigende Nachrichten erreichten die neuen Machthaber: Dscham rüste zum Kriege gegen die nationale Regierung, die er nicht anerkenne.
Ende 1922 ereilte ihn endlich sein Schicksal: “Da meldete sich eines Tages Baldan Dorsche, der Kommandeur der mongolischen Staatspolizei beim Ministerpräsidenten Sukkebator und erbot sich persönlich Dscham Lama unschädlich zu machen. Natürlich wurde sein Angebot freudig angenommen, und Baldan Dorsche brach nach Kobde auf. Er kannte Dscham Lamas gefährliche hypnotische Macht und reiste daher ganz geheim und sorgfältig verkleidet. In Kobdo angekommen, hatte Baldan Dorsche keine Schwierigkeit, festzustellen, wo Dscham wohnte. Eines Nachts brachte er es fertig, an den Eingang seines Zeltes heran zu kriechen, und sich auf den Knien emporrichtend, feuerte er seinen Revolver auf ihn ab. Er wusste genau, wenn er einen Augenblick zögerte, würde er dem hypnotischen Zauber des Ungeheuers verfallen. Aber das Glück war auf seiner Seite. Sein erster Schuss genügte, um das Leben des grossen Empörers auszulöschen. Noch in derselben Nacht jagte ein Urton-Reiter mit einem an den Sattel gebundenen Sack nach Urga. Der Sack enthielt Dscham Lamas Kopf, den Baldan Dorsche der nationalen Regierung mit Respekt übersandte.” (Forbath,S.224f.)
Eine etwas andere Version seines grausamen, aber verdienten, Endes findet sich bei Trimondi: “Die Russen schickten einen mongolischen Fürsten vor, der sich als ein Gesandter des lebenden Buddha ausgab und deswegen das Lager unbeschadet betreten konnte. In Front des ahnungslosen Rächerlamas schoss er sechs Revolverkugeln auf diesen ab. Dann riß er dem Ermordeten das Herz aus dem Leibe und verschlang es vor allen Augen, um – wie er nachträglich sagte – dessen Anhänger in Angst und Schrecken zu versetzen. So gelang ihm die Flucht. Später kehrte er mit den Russen an den Ort zurück und holte den Kopf von Dambijantsan als Beweisstück ab. Aber das Herausreißen und Essen des Herzens war in diesem Fall nicht nur ein grausames Mittel, um Furcht zu verbreiten, sondern ein traditioneller Kult der mongolischen Kriegerkaste, der schon unter Dschinghis Khan praktiziert wurde und die Jahrhunderte überlebt hatte.” (Trimondi, S.609) Die Kommunisten schafften die barbarischen Kulte genauso ab, wie die frühere Gesetzgebung gegenüber Dieben: Die Hand des Verurteilten wurde in einen Sack mit wilden Zwiebeln gebunden. Dann schnürte man den Sack so fest ab, dass die Hand abstarb und mit den Zwiebeln verfaulte. Dies bedeutete wochenlange Qualen, die meistens mit dem Tod endeten.
Der mumifizierte Kopf des Rächerlamas wird als Nr. 3395 unter der Bezeichnung „Kopf des Mongolen“ im Völkerkundemuseum von St.Petersburg aufbewahrt. Mumifiziert nach alter Tradition: geräuchert und eingesalzt. Den Schädel hatte der Orientalist Vladimir Kazakievitch im Auftrag des NKWD nach der Ermordung in einem Koffer aus der Mongolei geholt. Kazakievitch, der sich intensiv mit diesem mysteriösen Mann beschäftigt hatte, hinterließ wichtige Aufzeichnungen, die heute in den wieder geschlossenen KGB-Archiven vergammeln.
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Seine Legende wirkt bis heute in der Mongolei fort. Der Mann war und ist bekannt unter vielen Namen und Schreibweisen: Dja Lama, Dscham Lama, Tushegun Lama – alles Bezeichnungen für “Rächer Lama” oder “den rächenden Lama” (auch der „schwarze“ oder „falsche Lama“). Laut Ossendowski war er mit Baron Ungern Sternberg verbündet oder zumindest bekannt.
Er war hager und von unbestimmbarem Alter. Er hatte auffällig vorspringende Backenknochen und darüber schräg stehende Augen. Den Augen konnte man sich nicht entziehen. Fast meinte man, durch diese Augen direkt in die Hölle blicken zu können. Er trug ein prächtiges gelbes Gewand, das ihn als hohen Lama auswies. Darüber eine blaue Scherpe unter der er allerhand Mordwerkzeuge versteckt hielt. Dieser Mann hatte die Fähigkeit nur durch seine Erscheinung Angst zu erzeugen. Dieser Mann war nicht nur menschlich; er konnte sicherlich ein paar Dämonen zu seinen Vorfahren rechnen. Er war unberechenbar und galt sogar unter den Steppenvölkern als besonders grausam und rachsüchtig. Niemand zwischen Altai und Pazifik drängte sich danach ihn zum Feind zu haben.
Für die Kommunisten war Dscham Lama ein reaktionärer Abenteurer, für andere galt er als Freiheitskämpfer oder Verfechter eines Panmongolismus. Der Panmongolismus wurde seit Anfang des 20.Jahrhunderts von Japan geschürt, die Mongolen gegen Russen und Chinesen aufhetzten, um ihre eigenen Interessen eines großasiatischen Reiches voranzutreiben. So gesehen war Dscham Lama ebenso wie Ungern-Sternberg oder Ataman Semjonow ein Handlanger der Japaner.
Nach dem Volksglauben “war Dja Lama ein rotmütziger Lama, ein Priester des Herrn der Welt, der die geheimnisvollen Klöster des ewigen Lebens besucht hatte, den Wohnsitz der unsterblichen Lamas. Diese sind selbst den Gesetzen der Schwerkraft nicht unterworfen und zergehen in Luft, wenn es ihnen gefällt” (Forbath, S.91).
Geboren wurde er als Dambin Jansang oder Dambijantsan zwischen 1860 und 1870. 1920 soll er bereits über 60 Jahre alt gewesen sein. Als Sohn des kalmückischen Nomadenstammes der Durbete wuchs er im zu Russland gehörenden Altai Gebirge an der Grenze zur Mongolei auf. Er studierte den tibetischen Lamaismus, engagierte sich schon bald gegen sowohl russische wie auch chinesische Unterdrückung der Nomadenvölker. Revolutionäre Propaganda brachte ihn ins Gefängnis und in die sibirische Verbannung. “Viele Geschichten über ihn gingen im Volke um. So erzählte man sich zum Beispiel, dass er auf seiner Flucht aus Sibirien erkannt und von einem Trupp Kosaken verfolgt wurde. Dscham wurde hierbei gegen das Ufer des Sur Nor-Sees gejagt und hatte nun die Fläche des Sees vor sich und die Verfolger hinter sich. Die Bewohner eines kleinen Nomadenlagers beobachteten dies mit angehaltenem Atem und erwarteten jeden Augenblick, daß Dscham von den Kosaken erschlagen werden würde. Zu ihrem größten Erstaunen änderten aber die Kosaken plötzlich ihre Richtung. Anstatt weiter hinter Dscham herzureiten, der ruhig ein paar Meter vor ihnen stand, galoppierten sie um den See herum. `Da ist er!’ schrien die Kosaken. `Da ist er!’ Aber dieses `da’ bezeichnete für jeden einen anderen Punkt. Sie ritten nach verschiedenen Richtungen auseinander, dann trafen sie sich wieder und fielen nun mit ihren langen Lanzen übereinander her. Dscham Lama stand unterdessen am Ufer und sah zu, wie einer den anderen umbrachte; jeder von den Kosaken schien fest überzeugt, den verfolgten Dscham vor sich zu haben” (Forbath, S.221).
Er floh südlich in die Mongolei und tauchte 1890 in Tibet auf, wo er sich mehrere Jahre intensiv mit dem lamaistischen Buddhismus beschäftigte. Er lernte die einflussreichen Lamas kennen und befreundete sich eng mit dem Dalai Lama. “Es gab in der Tat das Gerücht, dass der Gottkönig von Lhasa den militanten Kalmüken honoriert habe” (Trimondi, S.608). Anschließend ging er nach Indien, um sich die Kenntnisse der indischen Joghis anzueignen. Als Freiheitskämpfer soll er auf Ceylon gewesen sein. Er sprach Sanskrit, Russisch, Mongolisch, Chinesisch und Englisch. Später arbeitete er am Astronomischen Institut in Peking, zu dessen Aufgaben die Präzisierung des mongolischen Kalenders gehörte. “Nach einer abenteuerlichen Flucht ging er nach Tibet und Indien, wo er sich in der tantrischen Magie ausbildete. In den Neunziger Jahren beginnt er seine politische Tätigkeit in der Mongolei. Ein irrender Ritter des Lamaismus, Steppendämon und Tantriker in der Art des Padmasambhava, erweckte er dumpfe Hoffnungen bei den einen, Furcht bei den anderen, scheute vor keinem Verbrechen zurück, ging aus jeder Gefahr wohlbehalten hervor, so daß er für unverwundbar und unangreifbar galt, kurz, er hielt die ganze Gobi in seinem Bann”, drückt es Robert Bleichsteiner in seinem noch immer bedeutenden Buch aus (Bleichsteiner, S.110).
Um 1900 erschien er als Priester in der Mongolei und machte mit einer Gruppe von Gefolgsleuten Propaganda für die Befreiung der Mongolei von den Chinesen, die er auch blutig bekämpfte. Dann musste er sich vor den chinesischen Behörden verbergen. Während dieser Jahre reiste er im Auftrag des russischen Forschers Koslow nach Tibet.
Die Mongolei war zu einer chinesischen Provinz verkommen. 1911 kam es zur Rebellion und der “lebende Buddha” wurde zum ersten Staatschef der autonomen Mongolei ausgerufen, zum “Bogdo Khan”. Er galt als die achte Inkarnation eines Buddha.Wie Tibet war die Mongolei zu einer Buddhokratie geworden mit der Inkarnation eines Gottes als Staatsoberhaupt. Dieser Khan und Großlama war kein gebürtiger Mongole: Jabtsundamba Khutuktu (1870-1924) war der Sohn eines hohen Beamten in Lhasa. Gegen seine Untertanen war er brutal, oft grausam, und man beschuldigte ihn zahlreicher Giftmorde. Dem Alkohol und dem weiblichen Geschlecht war er ebenso zugetan, wie infantilen Spielzeugen. Er erklärte die Unabhängigkeit von China, und der Dscham Lama rüstete zu blutigen Aufständen gegen die chinesischen Garnisonen von Uljassutai und Kobdo. Damals arbeitete er erstmals mit Ungern-Sternberg zusammen, der die mongolische Kavallerie des Bogdo Gigen geführt haben soll.
“Als Dscham Lamas Horden nach Uljassutai kamen, suchten die chinesischen Kaufleute vor der Wut der Mongolen bei den Russen Zuflucht, wobei sie ihren ganzen irdischen Besitz mit sich schleppten. Die Russen versteckten alles sehr gut samt den Chinesen, aber als die Mongolen ihre Häuser durchsuchten, empfingen sie sie mit lächelnden Mienen und schmeichelnden Worten, auf einmal erzbereit, den Mongolen zu dienen. `Ist eine Chinese hier?’war die ständige Frage der Mongolen… Die Russen verrieten sie fast alle. Die Mongolen erbrachen die Türen der Keller und Kammern, und Blutvergießen und Todesgestöhn war die Folge der russischen Freundschaft. Die Russen kümmerte es wenig, daß die Chinesen ihr Leben lassen mussten; sie kümmerten sich nur um die chinesischen Waren, die sie vor den Mongolen wohl zu verbergen wussten. Wochen und Monate dauerten diese blutigen Chinesenverfolgungen, bis schließlich das ganze Vermögen der Chinesen in russische Hände gelangt war.” (Forbath S.128) Diese Waren nutzten die Russen nun zum Aufbau eines neuen Kreditsystems, dass die Mongolen alsbald in unglaubliche Schuldknechte verwandelte und die Russen so “beliebt” machte wie die Chinesen. Aus diesem Fremdenhass sog der Dscham Lama einen Großteil seiner Macht.
Auch Kobdo wurde genommen und drei Tage geplündert. Von den zehntausend Chinesen blieb keiner am Leben. Hundert schlachtete der Dscham Lama in zeremonieller Weise zur Feier des Sieges persönlich. “Die Kriegsführung von Dambijantsan war von kalkulierter Grausamkeit, die von ihm jedoch als religiöse Tugendtat angerechnet wurde. Am 6.August 1912 ließ er nach der Einnahme von Khobdo gefangene Chinesen und Sarten innerhalb eines tantrischen Ritus schlachten. Er stieß ihnen in vollem Ornat wie ein aztekischer Opferpriester das Messer in die Brust und riß mit der Linken die Herzen heraus. Diese legte er zusammen mit Teilen des Hirns und einigen Innereien in Schädelschalen, um es als Bali-Opfer den tibetischen Schreckensgöttern darzubringen.” (Trimondi, S.609)
In den nächsten zwei Jahren übte er in der ganzen Westmongolei seine Schreckensherrschaft aus. Sein Einfluß im Lande wuchs, und Bogdo Gigen, der Heilige Kaiser, ernannte ihn zum Fürsten. Nominell war er lediglich ein Stadthalter oder Gouverneur des Khutuku, aber er herrschte wie ein absolutistischer Despot. An den Wänden seiner Jurte hängte er die abgezogenen Häute seiner Feinde. Seine Grausamkeit und sein maßloser Stolz machten ihm auch Feinde. Durch ihn war erstmals die Vorherrschaft des Bogdo Gigen über alle mongolischen Stämme des Westens herausgefordert worden.
HIER EINE DOKU:
http://english.cntv.cn/program/documentary/20120922/104356.shtml
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ALLGEMEINE VORBEMERKUGEN
Wie es die beiden Ex-Agenten Victor Marchetti und John D.Marks in ihrem von der CIA durch Gerichtsbeschluss
zensiertem Buch CIA(Deutsche Verlagsanstalt, 1974)) ausdrückten:
“Ein großer Teil der Machtstellung der CIA hängt
von ihrer sorgfältigen Mythologisierung und Glorifizierung der Leistungen des geheimen Berufs ab… Wie die meisten Mythen
sind die Intrigen und Erfolge der CIA über die Jahre weg eher eingebildet als real gewesen. Was unglücklicherweise real ist, ist die Bereitschaft sowohl der Öffentlichkeit wie der Anhänger des Kults die Fiktion zu glauben, die das Nachrichtengeschäft tränkt.”(S.38)
Wäre man paranoid genug, könnte man hinter der Unmenge erfolgreicher Spionageromane, Polit-Thriller, Agentenfilme und Fernsehserien eine der großen propagandistischen Coups der psychologischen Kriegsführung durch die Geheimdienste sehen. Und der Großteil der
in diesem und letzten Jahrhundert veröffentlichten Spionageromane dienten in markant anti-aufklärerischer Manier tatsächlich nur der Verteufelung des Gegners und der Rechtfertigung bürokratischer Behörden, deren wirklichen Erfolge in keinem Verhältnis zu materiellen Aufwand und zum politischen Risiko stehen. Aber der Spionageroman und im weiteren Sinne der Polit-Thriller, kann natürlich mehr leisten als anti-aufklärerische Propaganda.
Er kann auch ein Instrument der Aufklärung sein, wie es die Werke von Graham Greene, Eric Ambler, Kent Harrington, Andy McNab, Ross Thomas und vieler anderer eindrucksvoll beweisen. Die Literatur, die die geheime Welt und ihr politisches Treiben beschreibt, spiegelt alle Spannungen wieder, die unsere Zeit politisch und wirtschaftlich bestimmten.
Literaturhistorisch steht am Anfang des Spionageromans keine Schlüsselfigur, wie etwa Edgar Allan Poe für den Detektivroman oder William Godwin für den Noir-Roman. Während man von der Spionage als vom “zweitältesten Gewerbe der Welt” spricht, muss man das multimediale Genre “spy story” als ein Kind des 19.Jahrhunderts ansehen, dass im 20.Jahrhundert zu voller Blüte heranreifte und immens erfolgreich wurde.
In der Literatur taucht die Spionage erstmals in dem chinesischen Klassiker über DIE KUNST DES KRIEGES(PING FA) von Sunzi ca. 510 v. Chr. auf. Die erste Fiktion, in der Spionage eine Rolle spielt, verdanken wir ebenfalls der chinesischen Kultur: im 13.Jahrhundert in dem historischen Roman SAN KUO von Lo Kuan- Chung. Als erster “richtiger westlicher” Spionageroman gilt allgemein James Fenimore Coopers THE SPY(1821).Allerdings nur, weil der Roman einen Spion in den Mittelpunkt der Handlung stellt; der Spionagetätigkeit wird von Cooper wenig Raum gewidmet.

Anschließend tauchen Elemente des Spionageromans und des Polit-Thrillers im Kontext vieler Feuilleton-Romane des 19.Jahrhunderts auf, aber erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts formt sich das Genre zu einer eigenen, unverwechselbaren Gestalt. Die ersten britischen Spionageromanautoren – und damit die ersten “hauptberuflichen” Autoren von spy novels überhaupt – waren William LeQueux und E.P.Oppenheim. Bei aller Trivialität ihrerBücher muss man erkennen, dass sie Wegbereiter für John Buchan bis Ambler oder Tom Clancy (der besonders LeQueuxs „war prophecy novel“ aktualisierte) waren.
Jeder Spionageroman ist ein Polit-Thriller, aber nicht jeder Polit-Thriller ist ein Spionageroman.
Der Spionageroman als ein Nachfolger des Abenteuerromans ist sehr oft eine Mischform aus den verschiedenen Genres: zwar
handelt er primär über internationale Intrigen, benutzt aber Elemente des Abenteuer-, Detektiv-, Gangster- Liebes- und
Kriegsroman.
Der Polit-Thriller ist seit den 196oer Jahren ungebrochen eines der beliebtesten Sub-Genre der facettenreichen Kriminalliteratur.
Nicht zu Unrecht wird die Kriminalliteratur als die Literatur angesehen, die das Industrie- und Informationszeitalter am besten
widerspiegelt. Kriminalliteratur hat nämlich im Grunde nur ein Thema: Die Schwierigkeit des Menschen sich in Gesellschaften
großer Dichte zu organisieren und die Reaktion durch abweichendes Verhalten auf Ungerechtigkeitsordnungen. Während
andere kriminalliterarische Genre dieser Problematik innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Organisationen nachgehen,
thematisiert der Polit-Thriller im Sub-Genre Spionageroman, wie unterschiedliche Gesellschafts- und multinationale Intressenformen konkurrieren und wie Apparate einer bestimmten Größenordnung eine von den ursprünglichen Zielen abweichende Eigendynamik entwickeln
können. Der zunehmenden Komplexität der Welt wird in keiner anderen Literatur mehr Rechnung getragen als im Polit-Thriller.
Die Kriminalliteratur im Allgemeinen und der Polit-Thriller im Besonderen sind im besten Sinne des Wortes populäre
Literatur. Ob in trivialer Form (Land,Cussler) oder in literarisch anerkannter (LeCarré, Ambler, Greene) – im Gegensatz zur bürgerlichen Hochliteratur wird der Polit-Thriller in hohen Auflagen verbreitet und gelesen. Es ist eine demokratische Literatur, die quer durch alle Schichten rezipiert wird. Die Form ist für alle Ideologien offen, wird aber in ihren besten Werken eher progressiv genutzt. Das
heißt: Sie warnt vor (welt-)gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, enttarnt politische, wirtschaftliche Zusammenhänge und zeigt immer wieder eindrucksvoll, wohin unkontrollierter Egoismus von Machtträgern -ob von Organisationen oder Einzelpersonen- führt. Ambler nannte den Thriller mal die “letzte Zuflucht für Moralisten”.
Der Polit-Thriller kann sich mit jedem anderen Subgenre der Kriminalliteratur verbinden: sei es mit dem Privatdetektivroman, wenn er politische Korruptionsmechanismen beschreibt, mit dem Psycho-Thriller, der die Innenwelt von Machthabern auslotet oder sogar mit dem klassischenDetektivroman (“Call the Dead” von LeCarré), in dem die Frage nach dem Motiv des Täters politische Dimensionen haben
kann. Der Detektivroman, Privatdetektivroman, Psycho-Thriller, Polizeiroman usw. beschäftigt sich mit der Kriminalität des
Individuums in der Konkurrenzgesellschaft; der Spionageroman mit kriminellen Machenschaften zwischen konkurrierenden Systemen. Im Detektivroman wird der innenpolitische Kampf eines Systems geschildert, im Spionageroman der außenpolitische.
Wir leben in einer Zeit der bewusst wahrgenommenen Krisen. Polit-Thriller sind Krisenliteratur, Ausdruck und Reaktion auf reale Krisen. Das war er immer. Aber, wie sich zeigen wird,hat der Polit-Thriller mit den Mitteln der Fiktion oft die Realität mitbestimmt und beeinflusst, ja manchmal bewusst Realität manipuliert. Dem Einfallsreichtum der Autoren huldigen
die Geheimdienste bis heute, in dem sie sich von Spionageromanen anregen lassen, was sich dann wiederum in der
Fiktion spiegeln kann: In dem Film DIE DREI TAGE DES CONDOR, eine gelungene Verfilmung von James Gradys Klassiker SIX DAYS
OF A CONDOR, spielt Robert Redford einen CIA-Analytiker, der für den Geheimdienst Spionage- und Kriminalromane liest und in
einen teuflischen Komplott gerät. Bei keiner anderen Literaturgattung gibt es offensichtlich eine so intensive Wechselwirkung von Realität und Fiktion wie im Polit-Thriller.
In James Gradys Roman SIX DAYS OF THE CONDOR heißt es:
“Die Aufgabe des Departments 17 besteht darin, jeder Erwähnung von Spionage und verwandten Gebieten in der Literatur nachzugehen. Mit anderen Worten, das Department liest Spionagethriller und Kriminalromane. Die Grundideen und Handlungsabläufe tausender Kriminal- und Spionageromane sind in den Akten des Departments 17 sorgfältig aufgezeichnet und analysiert. Selbst so alte Autoren wie James Fenimore Cooper sind untersucht worden. Die meisten Bücher der Gesellschaft befinden sich im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia… Die Analytiker des Departments sind auf literarischem Gebiet ständig auf dem laufenden. Ihre Arbeit teilen sie untereinander durch gegenseitige Absprachen auf. Jeder Analytiker hat seine Fachgebiete, beziehungsweise seine speziellen Autoren. Als Ergänzung zu ihrer Arbeit, der Zusammenfassung von Handlungsabläufen und Methoden aller Bücher, erhalten die Analytiker täglich eine Reihe von besonders gereinigten Berichten aus Langley. Diese Berichte enthalten kurzgefaßte Beschreibungen von tatsächlichen Ereignissen, bei denen jedoch alle Namen fortgelassen sind und die genaue Einzelheiten auf das Nötigste beschränkt sind. Dichtung und Wahrheit werden verglichen, und wenn es größere Übereinstimmungen gibt, beginnt der Analytiker mit einer weiteren Untersuchung unter Zuhilfenahme eines detaillierten, aber immer noch gereinigten Berichts. Falls die Übereinstimmung immer noch deutlich feststellbar ist, werden die Informationen und die Berichte zur Überprüfung an eine höhere Abteilung des Departments weitergeleitet. Irgendwo wird dann die Entscheidung darüber gefällt, ob der Autor nur richtig geraten hat oder ob er mehr wusste, als er sollte. Im letzteren Fall hat der Autor entschieden Pech gehabt, denn dann wird ein Bericht an die Planungsabteilung geleitet, die irgendetwas unternimmt. Die Analytiker haben auch den Auftrag, Listen nützlicher Tips für Agenten zusammenzustellen. Diese Listen werden den Ausbildern der Planungsabteilung zur Verfügung gestellt, die ständig auf der Suche nach neuen Tricks sind.” 1)
In Thomas Powers Buch über den ehemaligen CIA-Chef Richard Helms heißt es: “Der erste CIA-Chef, Allen Dulles, hat Schriftsteller dieses Gewerbes sogar gefördert und manchmal sogar mit Material versorgt (zum Beispiel Helen McInnes), weil er glaubte, das werde das Verständnis der Öffentlichkeit für seine Behörde wecken, die ja ihre Erfolge nicht selbst bekannt geben durfte. Es gab jedoch einen Spionageroman, der Helms nicht gefiel. Das war Le Carrés DER SPION, DER AUS DER KÄLTE KAM, ein bitteres zynisches Buch über Gewalt, Verrat und geistige Erschöpfung…LeCarré untergrub das moralische Fundament des Nachrichtendienstes und den Glauben dieser Männer an den Wert ihrer Arbeit…”2)
Es waren auch amerikanische Spionageromanautoren wie Grady, Charles McCarry, Wilson McCarthy, Brian Garfield usw. die die Öffentlichkeit sensibilisierten und die Diskussion über die CIA, ihre Verbrechen, Methoden und mögliche Kontrolle mit in Gang brachte. In keinem anderen literarischen Genre ist die gegenseitige Befruchtung von Realität und Fiktion stärker.
Kein anderes Genre spiegelt die politische, soziale, wirtschaftliche und psychische Großwetterlage ähnlich intensiv wieder. Die Verknüpfungen von Realität und Fiktion sind fast schon Strukturelemente des Genre. Beeindruckend ist auch die große Anzahl von Autoren, die aus erster Hand Erfahrungen mit der Spionage gemacht haben und zum Teil in hohen Positionen geheimdienstliche Aktivitäten mitbestimmten: Ted Allbeury, Kenneth Benton, John Buchan, A.E.W.Mason, Compton Mackenzie, William LeQueux, Somerset Maugham, Graham Greene, Dennis Wheatley, Ian Fleming, Sidney Horler, Sir John Masterman, John LeCarré, Bernard Newman, Geoffrey Household, William Haggard u.a.
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1) aus: James Grady: Die sechs Tage des Condor. Fischer Taschenbuch Nr.1669, Frankfurt/M., 1975; Seite 11ff.
2) aus Thomas Powers: CIA. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1980; Seite 98f.
FORTSETZUNG FOLGT IM MAGAZIN EVOLVER
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Asien war immer ein attraktiver Schauplatz für Thriller. Besonders die seriellen Geheimagenten der 1950er und 1960er Jahre hatten immer wieder Einsätzen in Fernost – angefangen bei James Bond (YOU ONLY LIVE TWICE) über Adam Halls Quiller (THE 9th DIRECTIVE) bis hin zu diversen Aufträgen für Jean Bruces´ OSS 117, Edward S. Aarons Sam Durrell oder Phillip Atlees Joe Gill. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre entstand ein neues Interesse an asiatischen Schauplätzen, insbesondere Japan und China. Ängstlich mu7ssten die Europäer erkennen, dass der Pazifikraum für die verbündeten Amerikaner wirtschaftlich und geostrategischer wichtiger wurde als die Alte Welt. Die geradezu bedrohliche Wirtschaftsmacht Japan und der Aufstieg Chinas zur Weltmacht mussten Thriller-Autoren interessieren. 1977 machte John LeCarré in THE HONOURABLE SCHOOLBOY einen ersten Ausflug nach Hongkong, wo William Marshall bereits 1975 seine Yellowthread Street-Serie angesiedelt hatte. Adam Halls Quiller trieb sich in MANDARIN CYPHER (1975) ebenfalls in der Kronkolonie herum und untersuchte 1978 in SINKIANG EXECUTIVE das chinesische Atomtestgebiet bevor 1981 in PEKIN TARGET wieder ins Reich der Mitte eindrang. Selbst Roger L.Simons Privatdetektiv Moses Wine flog 1979 in PEKING DUCK nach China. Und Eric van Lustbader startete 1980 mit seinem ersten Nicholas Linnear-Thriller, THE NINJA, einen Trend für Japan-Thriller.
Nicht einer dieser großartigen Romane kann es mit SHIBUMI aufnehmen.
Als Trevanian diesen Roman, der umgehend wieder ein Welterfolg des Autors wurde, 1979 vorlegte, schien der Thriller neu definiert: Obwohl nur ein Drittel des Buches in Japan spielte, wurde die Kultur des Inselstaates seit Flemings YOU ONLY LIVE TWICE nie eindrucksvoller dargestellt.
Trevanian war das Pseudonym des amerikanischen Professors für Filmkunst Rodney William Whitaker (1931-2005). Der Korea-Kriegsveteran und Fulbright-Stipendiat unterrichtete u.a. in den 1960er uns 1970er Jahren an Universitäten in Nebraska und Texas. Er war in ärmlichen Verhältnissen in Albany aufgewachsen und sein letztes Buch, THE CRAZYLADIES OF PEARL STREET, 2005, gilt als autobiographischer Roman dieser Zeit. Während seiner Studienjahre In England lernte er bei einem Paris-Besuch seine Frau Diane Brandon kennen, mit der er vier Kinder hat. Sein Pseudonym „Trevanian“ (eines unter mehreren) verdankt er seiner Frau, die ein großer Fan des englischen Historikers und Romanciers G.M.Trevelyan ist. Er war vierzig Jahre alt und unterrichtete in Austin als sein erster Roman veröffentlicht wurde: THE EIGER SANCTION (IM AUFTRAG DES DRACHEN) schlug 1972 wie eine Bombe ein und verkaufte eine Million Exemplare. Gedacht als eine Art Parodie auf die Agentenromane à la Bond, war der Roman mehr als das. Nämlich ein gebildetes, und selbstironisch reflektierendes Stück Genreliteratur, das nicht nur als intellektuelles Spiel mit den Möglichkeiten des Spionageromans spielte, sondern auch ungeheuer spannend war und eine damals seltene Amoralität vorstellte. 1975 wurde der Roman von und mit Clint Eastwood verfilmt und gehört leider zu den schlechtesten Werken des Regisseurs Eastwood. 1973 griff Trevanian seinen Protagonisten, den Kunstsammler und Killer Jonathan Hemlock noch einmal auf für den ebenso erfolgreichen Thriller THE LOO SANCTION (DER EXPERTE). In dem Buch beschreibt der Autor einen überaus cleveren Kunstraub, der anschließend von Gangstern in Italien haarklein in die Realität überführt wurde. Damit war der Name Trevanian als Bestsellermarke etabliert. Seine Intelligenz und sein wunderbarer Stil sorgten dafür, dass man ihn als den einzigen Autor von Airportbestsellern bezeichnete, den man sowohl mit Zola, Ian Fleming, Edgar Allan Poe und Chaucer vergleichen konnte. Er war der Bestsellerautor der denkenden Menschen. Als drittes versuchte er etwas völlig anderes und war ebenfalls erfolgreich: Der Roman eines Cops und seiner Stadt Montreal, THE MAIN (EIN HERZSCHLAG BIS ZUR EWIGKEIT), 1976, gehört heute noch zu den besten Polizeiromanen, Police Procedurals oder Cop Novels, die je geschrieben wurden. Für diesen Roman schlüpfte er in die Gestalt eines Franco-kanadischen Autors und legte sich auch ein entsprechendes Pseudonym zu. Aus rechtlichen und verlagstechnischen Gründen musste er das Buch dann aber unter „Trevanian“ veröffentlichen.
„Nach SHIBUMI gab es für mich keine Möglichkeit mehr, den Agententhriller weiter zu treiben. Ich hatte das Genre komplett ausgelotet und es gab keinen Punkt mehr, den ich noch erreichen konnte.“
Trevanian lehnte den üblichen Bestsellerzirkus kompromisslos ab. Er trat nie in Talk-Shows auf, ging nie auf Lesereise und gab höchst selten Interviews (das erste erst 1979 der „New York Times“ auf Flehen seines Verlages Crown zur Unterstützung des Marketings zu SHIBUMI. Seine zunehmende Verachtung für die USA (die in seinen Romanen spürbar ist) und die kapitalistische Konsumgesellschaft ließ ihn sein Heimatland verlassen. Mit seiner Familie zog er ins französische Baskenland, dem Wohnort von Nikolai Hel. Wie Hel war auch Whitaker ein begeisterter Bergsteiger und Höhlenforscher. Diese Aura des Schweigers und mysteriösen Schriftstellers förderte seinen Mythos. Ganz selten antwortete er auf Leserbriefe. In seinen letzten Lebensjahren stellt er eine Homepage ins Internet, die Fragen seiner kultischen Verehrer zum Teil beantwortete: http://www.trevanian.com. Seine Tochter Alexandra, ebenfalls Schriftstellerin, hat diese Page aktualisiert
Nach dem „psychologischen Horrorroman“ THE SUMMER OF KATYA (DER SOMMER MIT KATYA) wurde es still um ihn. Er schrieb weiterhin – auch unter Pseudonym – veröffentlichte aber nur ein paar Kurzgeschichten als Trevanian. Erst 1998 erschien ein neuer Roman. Diesmal ein historisch genauer Western: INCIDENT AT TWENTY-MILE. Das Buch konnte keinen großen Erfolg verbuchen, aber die weltweite fanatische Trevanian-Fan-Gemeinde (zu der sich auch der Autor dieser Zeilen zählt)jaulte auf vor Glück. Sein nächster Roman, STREET OF THE FOUR WINDS, über Pariser Künstler, die in die 1848er Revolution verwickelt waren, fand keinen Verleger (und wird mit anderen Werken wohl in den nächsten Jahren herausgegeben werden). Ein weiteres Armutszeugnis für die degenerierende Buchverlagsszene.
Für sich hatte der Autor eine bemerkenswerte Technik entwickelt: Trevanian überlegte zuerst, welche Art von Geschichte er erzählen wollte. Dann entwickelte er wie ein Method Actor den perfekten Autor, der diese Story schreiben könnte und versetzte sich in ihn herein.
Don Winslow, ebenfalls ein stilistisches Chamäleon, bekannte sich immer als großer SHIBUMI-Fan. Nach der ersten Lektüre lernte er sogar GO. Seine Kenntnisse des Orients, sein Wissen über Kampfsport und Militärgeschichte und seine stilistischen Fähigkeiten führten zu seiner „Berufung“ durch Trevanians Agenten und Familie. Es ist bemerkenswert, wie sicher er im Prequel mit dem Sujet zurecht kommt und wie gut er den Geist des Originals trifft. Was Trevanian-Fans befürchtet hätten, ist zum Glück nicht eingetreten; SATORI ist ein wunderbares Buch, dass Trevanians Vermächtnis würdigt und nicht befleckt. „Um dieses Buch schreiben zu können, musste ich nicht Trevanian werden – das wäre peinlich und dumm gewesen. Ich musste Nikolai Hel werden. Denn das hatte ich mit Trevanian gemeinsam. Solange ich die Welt mit Nikolais Augen sah, sah ich sie mit Trevanians Augen. Die Stimme, der Sound kam dann von selbst… Ich behaupte nicht, dass es leicht war. Trevanian hat eine ganz spezifische Welzsicht, die sich in Hel ausdrückt… Wenn ich nicht mehr weiter wusste, was häufig passierte, versuchte ich die Ziele von Hel durch seine Augen zu sehen. Wie reagierte er auf Herausforderungen? Was würde er für sich und sein angestrebtes Ziel Satori, Erleuchtung, zu erreichen daraus lernen? Die Aufgabe war ein großes Geschenk. Wenn man morgens weiß, dass man an einem Buch wie SATORI arbeiten wird, weiß man, dass man einen guten Tag hat.“ Winslow hat mit seinen eigenwilligen Romanen selbst tiefe Spuren im Noir- und Thriller-Genre hinterlassen. Spätestens seit seinem blendend recherchierten Drogenkrieg-Thriller POWER OF THE DOG (TAGE DER TOTEN; Suhrkamp) gehört er zu den Schwergewichtlern der Kriminalliteratur.
Durch SATORI erfahren wir ungeheuerliches: Kang Sheng, der Meister der Schatten, starb gar nicht 1975! Im Schatten Maos und der Viererbande war er einer der großen Strippenzieher; Begründer des chinesischen Geheimdienstes, Erfinder des Roten Buches, der Kulturrevolution und der Gulags. Wie Winslow heraus fand wurde er bereits 1951 von Nikolai Hel umgebracht! Also muss er anschließend durch einen Doppelgänger ersetzt worden sein. Die Geschichte muss einmal mehr neu geschrieben werden.
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Freuen wir uns über eines der Großereignisse des literarischen Jahres: in schöner Qualität hat der Heyne Verlag das lange überfällige getan: Trevanians Jahrhundertthriller SHIBUMI neu aufgelegt. Darüber hinaus veröffentlicht Heyne (und das war sicherlich der Anlass) zeitgleich Don Winslows beeindruckendes und befriedigendes Prequel SATORI!

1981, als ich das erste mal SHIBUMI las, war das geradezu eine Erleuchtung – ein Satori (der zen-buddhistische Ausdruck für unerwartete Erkenntnis über den Sinn des Lebens). Der Roman katapultierte den Thriller in eine neue Dimension – literarisch und thematisch. Zu einer bisher nicht gekannten Komplexität.
Der politische Durchblick des Autors, das Buch wurde 1979 erstveröffentlicht, ist aus heutiger Sicht noch immer atemberaubend. Natürlich gab es seit den 1960ern Thriller, die sich kritisch mit den Machenschaften der Geheimdienste auseinander setzten. Und nach Laos, Chile und Watergate wurde das CIA bashing sogar Bestandteil des Blockbuster-Kinos (All tue Presidents Men, 3 Days of tue Condor usw). Aber dahinter stand letztlich das naive Erstaunen kritischer Mittelschichtsintellektueller darüber, dass einige böse Menschen im System soviel Mist anstellen konnten, dass das System darunter litt. Trevanian zeigte, dass hinter dem System nicht fehlgeleitete Schutzinteressen der US-Regierung und ihrer Geheimdienste standen, sondern das brutale Profitstreben eines Establishments, daß von der Öl, bzw. der Energieindustrie geleitet wird. Seit den Bushs weiß es inzwischen jedes Kind, aber 1979 hätte man es als verschwörungstheoretische Hirngespinste abgetan. In SHIBUMI geht es denn auf einer Ebene darum, wie eine korrupte Regierung alles dran setzt, um die Ölinteressen im Mittleren Osten zu sichern. Und es geht um den gelenkten Einsatz von Terroristen als Instrument. Nach der Tötung des angeblichen Oberterroristen also wieder von hoher Aktualität (beim regelmäßigem Widerlesen verblüffte mich immer wieder wie prophetisch Trevanian den Niedergang der westlichen Kultur darstellt).
“Trotz seiner blonden Haare und strahlend grünen Augen,
wirkt Hel eher asiatisch als westlich. Er geht sogar wie ein Asiate -
die Arme hinter dem Rücken verschränkt, um möglichst
wenig Raum einzunehmen und einem Entgegenkommenden
keine Unannehmlichkeiten zu bereiten.”
Nikolai Hel wurde damals zu einem geradezu mythischen Helden, dem ich so verfiel wie mit sechs Jahren Tarzan, mit acht Dicki aus Enid Blytons Schwarzer 7, mit zwölf James Bond oder mit dreizehn Philip Marlowe. Alleine der Name „Nikolai Hel“ ist schon genial und hat einen mythischen Klang, den man nie vergisst. Er war ein Protagonist für Erwachsene mit dem man sich nicht identifizierte, sondern der einen faszinierte und dessen Gedankengänge man genauso verschlang wie seine Aktionen. Der Roman spielt zu einer Zeit als Hel Ende fünfzig ist und sich mit seiner Geliebten (mit der er – heute würde man missverständlich sagen – tantrischen Sex betreibt)in einem kleinen Schloss im französischen Baskenland als Auftragskiller zur Ruhe gesetzt hat (und natürlich klopft das Verhängnis an die Pforte um ihn nochmals zu mobilisieren). Der Thriller, der auch als Biographie Hels gelesen werden kann, zeigt in vielen Rückblenden die Entwicklungsgeschichte Hels. Er ist der Sohn einer russischen Aristokratin und eines mysteriösen deutschen Vaters, geboren in Shanghai in den 1920ern. Dort wächst er auch auf und erhält nach dem Einmarsch der Japaner einen General des Tennos als Ziehvater. Der schickt ihn nach Japan zur Ausbildung (im japanischen Sinne, nicht im europäischen) durch einen Go-Meister. Hel saugt die japanische Kultur in sich auf und lernt auch die Kunst des „Nackttötens“. Als sein Ziehvater als Kriegsverbrecher durch den Tod am Strang verurteilt wird, erspart ihm Nikolai diese Schmach indem er ihn vorher umbringt. Die Amerikaner stecken ihn umgehend ins Gefängnis und lassren ihn foltern (Guantanamo Bay hat viele Vorläufer). Im Gefängnis verfeinert er seine vielen Fähigkeiten und lernt durch ein altes Buch die baskische Sprache. Nach drei Jahren rekrutieren ihn die Amerikaner (da sie jemanden brauchen, der sowohl Russisch wie Chinesisch spricht – neben anderen Fähigkeiten) als Killer für den Geheimdienst. Dieser erste Auftrag ist Handlung von Winslows Prequel SATORI. Er wird der perfekteste Auftragskiller des Planeten. Aber natürlich ist er nicht der übliche Genre-Killer: „…denn im buddhistischem Sinne ist das Leben nur ein Traum, ein Kreislauf der trügerischen Wahrnehmungen, die uns glauben machen, wir würden uns von anderen Wesen unterscheiden. Indem ich diese Menschen getötet habe, bin ich selbst gestorben; indem ich überlebe, leben sie in mir weiter. Ich erfülle ihr Karma und sie meines.“
Es ist schwierig, diesen komplexen Roman so zu beschreiben, dass man dem Leser nicht zuviel verrät und ihm dadurch eines der größten Vergnügen beraubt, dass die Literatur zu bieten hat. In meiner Arroganz teile ich die Crime-Leser in zwei Kategorien: Die, die SHIBUMI gelesen haben, und die, die SHIBUMI nicht gelesen haben.
Man darf aber sicherlich nicht verschweigen, dass Trevanians Faszination von der japanischen Kultur ihn (fast) blind macht und er die unendlichen Grausamkeiten und Kriegsverbrechen der Söhne Nippons ausblendet. Und während Europa, insbesondere die Basken, noch ganz gut wegkommen, lässt er an den Amerikanern kein gutes Haar. Man kann sich gut vorstellen, wie sehr seine Verachtung für die USA seit Reagen und den nachfolgenden Präsidenten zugenommen haben muss.
FORTSETZUNG FOLGT
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Langweilig wird es gewiss nicht werden, das Neue Jahr, und wenn man Sinn für Schwarzen Humor hat, ein Fan mehr oder minder absurder Verschwörungs- oder Untergangstheorien ist, mag man sogar voll auf seine Kosten kommen.
Kurz vor Weihnachten saß ich, wegen einer falschen Information, nach dem Besuch einer Computer-Fachmesse mehrere Tage in Seoul fest, weil mein Rückreisevisum nach China nicht mehr gültig war. Es war wie die Ruhe vor dem Sturm, auch wenn sich keiner richtig Sorgen zu machen schien angesichts der möglichen Eskalation eines Konflikts. Dienst nach Vorschrift im Angesicht des Sturms.
Leben auf dem Vulkan nennt man so etwas: Umweltkatastrophen. Eine kleine Eiszeit legt den Flugverkehr über halb Europa lahm. Dunkle Wolken nicht nur über dem Gelben Meer, sondern auch am Persischen Golf und über Nahost.
Angst ging um selbst auf den Weihnachtsmärkten, Angst nicht unbedingt vor dem neuen Schwarzen Mann, dem extremen Islam.
Die Amerikaner drucken unermüdlich Dollarscheine auf wertlosem Papier und stellen damit die Regenerationskräfte des Kapitalismus auf eine harte Probe.
Und allerorten werden Statistiken geschönt. Wie eigentlich kann es sein, dass wir mehr Hartz-IV-Empfaenger haben als Arbeitslose?
In Europa wird eine Teilung in Nord- und Süd-Euro diskutiert, Erhöhung der Mehrwertsteuer, hinter nur halb vorgehaltener Hand. Nach Einführung einer neuen Währung wird es vielleicht einen Waherungsschnitt geben, denn wer wird sonst der Schulden Herr…
Die Kacke ist ganz schön am Dampfen, und niemand mag lauthals ein gutes Neues Jahr wünschen. Das klingt geradezu zynisch.
Mittelstand und Mittelmass sind ganz schön unter Beschuss geraten. Menschen, die früher überall gerade ihres geringen Formats wegen durchgerutscht sind, haben es heute schwer, selbst der Herr Bundesminister des Äusseren und “Nachfolger” Möllemanns auf dem Vizekanzlersessel.
Auf einmal wird wieder nach einer geistigen Elite und mehr Bildung gerufen. Doch was tun angesichts der Vorbilder, die man im deutschen Fernsehen und auf deutschen Websites propagiert hat?
Deutschland sucht den Superstar und Dschungelcamp, bald auch mit Rainer Langhans… Shakes-Bier statt Shakespeare.
Geht es noch eine Stufe tiefer als Katzenberger, Luder Kot, Bohlen und SAT 1-Nachmittagstalk, wo auch der so genannte Abschaum mal auf den Bildschirm darf?
Keine Sorge, es geht immer eine Stufe tiefer!
Man muss nur höllisch aufpassen, dass sich diese drei niemals mehr verbünden oder paaren:
THE BRUTAL, THE STUPID AND THE NEEDLESS…
Klingt wie der Titel eines Italo-Westerns, ist es aber nicht.
Es gab schon mal gesellschaftliche Phasen, in denen die Unholy Three zusammenfanden.
Carl Zuckmayer hat den Anschluss Österreichs 1938 live miterlebt und in seinen Erinnerungen beschrieben: Sinngemaess formulierte er, der Schlund der Hölle habe sich aufgetan angesichts der schieren Begeisterung. Solch vertierte Gesichter habe er im Leben noch nicht gesehen.
Die Brutalen.
Die Blöden.
Und die Nutzlosen.
Davon gibt es immer noch reichlich…
Rolf Giesen
24. Dezember 2010
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Es ist tatsächlich auf Deutsch erschienen: Das bisher beste Buch über Baron Ungern-Sternberg, eine der mysteriösesten Gestalten des 20.Jahrhunderts. Hervorragend übersetzt von Nora Natocza und Gerhard Falkner und exzellent lektoriert von Christian Döring (der einst aus DuMont einen ernsthaften Literaturverlag gemacht hatte und endlich den unerträglichen Michael Naumann als Herausgeber bei Eichborn ablöst)) liegt es jetzt in einer schönen Ausgabe der ANDEREN BIBLIOTHEK vor:
James Palmer
DER BLUTIGE WEISSE BARON
Eichborn 2010, 384 Seiten; 32, 00 Euro.
Baron Ungern-Sternberg, der blutige Baron oder auch der wahnsinnige Baron! Der weiße Khan und Eroberer der Mongolei. Ein Mann, der vor 90 Jahren
12 000 Kilometer östlich von Deutschland gehasst und getötet hat.
Wenn die Reitervölker Zentralasiens zur Eroberung aufbrachen, herrschte Angst und Entsetzen in Europa. Unter Dschinghis Khan und Tamerlan errichteten die Mongolen das größte Reich, dass die Welt je gesehen hatte. Aber einmal kam ein Weißer, ein Blutsäufer, der hinter Timur Lenk nur quantitativ zurück stand, und eroberte das Land der Söhne der großen Khane.
Bei uns ist er fast völlig in Vergessenheit geraten, bestenfalls eine Fußnote in Betrachtungen der Russischen Revolution und des Bürgerkriegs. Merkwürdig und geheimnisvoll und widersprüchlich: Tapfer und tollkühn in der Schlacht, unmenschlich grausam und despotisch überall dort, wo er unumstrittene Macht ausübte. Randalierender Trunkenbold und Asket. Dem russischen Adel ebenso zugetan wie den wilden nomadischen Reitervölkern. Baltendeutscher voller Stolz auf seine Vorfahren und überzeugter Eurasier. Der Baron war der erste, der im Zeichen der Swastika Judenpogrome durchführte. Ein Wahnsinniger, der mit einem Wahnsinnsplan die Sowjets stürzen wollte um in Russland wieder das Zarenreich zu errichten. Anhänger des russischen Imperiums und Handlanger der imperialen Interessen Japans.
Während des 3.Reiches genoss er eine gewisse Popularität. Das lag sicherlich auch an dem Bestseller von Ferdinand Ossendowski, TIERE, MENSCHEN, GÖTTER (lieferbar bei Fantasy Productions),
das als (umstrittener) Augenzeugenbericht über Ungerns Aktivitäten in der Mongolei gilt. Außerdem traf der verquaste Mystizismus den Zeitgeist und Himmlers Besessenheit von allem irrationalen. Die Nazis sahen in diesem eingefleischten Monarchisten einen Ordensritter und Vorläufer. Sein brutaler Antisemitismus, sein Antikommunismus und seine Verbundenheit mit dem japanischen Reich deckten sich mit ihren Haltungen. In dieser Zeit entstand das einzige deutsche Buch über Ungern-Sternberg: Bernt Krauthoffs Roman ICH BEFEHLE, der vor Spekulationen, Unwahrheiten und Nazismus nur so strotzt. Später wurde der blutige Baron vor allem von rechten Esoterikern wie Julius Evola wieder entdeckt. Populär war dieser schurkische Eroberer auch in Frankreich; dort wurden seit den 1970er Jahren einige Monographien veröffentlicht (Hugo Pratt ließ ihn in seinen Comich CORTO MALTESE IN SIBIRIEN mitspielen). In Russland ist er inzwischen eines der Idole von Neo-Monarchisten und Faschisten und Filme, TV-Serien und Bücher künden von seiner Ruchlosigkeit.
Der weltgeschichtliche Hintergrund, vor dem Ungern-Sternbergs Schicksal spielt, ist die russische Revolution, die aggressive Expansion des japanischen Kaiserreichs und das allgemeine Chaos des 1.Weltkriegs. Dahinter stand noch eine tiefgehende geschichtliche Umwälzung: der Zusammenbruch alter Systeme, wie Zarenreich und Manchu-Dynastie und der den Verlauf des 20.Jahrhunderts maßgeblich bestimmende Aufstieg neuer imperialistischer Reiche wie die Sowjetunion und Japan. Für Europäer etwas außer Sicht und wenig im Bewusstsein war dabei die geostrategisch zentrale Position der Mongolei mit ihrer riesigen Fläche und gerade mal zwei Millionen Einwohner, Begehrt wurde sie von Japan und Russland gleichermaßen. Die Sowjets trugen durch die Errichtung einer Republik und ihres ersten Satellitenstaaten den Erfolg davon. Ungern, der aus Berechnung für die japanischen Interessen eintrat, war die Bedeutung der Mongolei im Konflikt beider Imperien ebenso deutlich wie seinen Gegenspielern im Kreml.
Ungern-Sternbergs Herrschaft währte nicht lange dank zeitpolitischer Konstellationen. Aber noch heute wird in Jurten, an Lagerplätzen und in den hässlichen Plattenbauten Ulan Bators sein Name genannt. Immer mehr Mongolen sprechen von ihm voller ängstlicher Achtung als von dem weißen Kriegsgott. Mit der Rückkehr des von den Sowjets unterdrückten Lamaismus wächst auch Ungerns Popularität.
Der irische Polit-Thrillerautor hat 1989 einen tollen Roman veröffentlicht, in dem auch der wahnsinnige Baron eine entscheidende Rolle spielt: THE NINTH BUDDHA. Der Aufbau Verlag hat ihn dieses Jahr bei uns veröffentlicht. Wer einen richtig guten exotischen Abenteuer-Thriller sucht, ist mit diesem Period Piece bestens bedient:
“1921: Christopher Wylam, Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, sucht nach seinem zehnjährigen Sohn, der gekidnappt wurde. Er verfolgt die blutige Spur von England über Indien bis in ein tibetisches Kloster. Dort trifft er auf seinen Gegenspieler, den Vertreter einer feindlichen Macht.
Ein furioser Thriller, der in die faszinierende Geschichte Tibets und der Mongolei führt.”
Dilettantismus hat in Deutschland nicht nur Konjunktur, sondern auch einen Namen.
Hatte einen Namen.
Wir trauern um Christoph Schlingensief, der vor zwanzig Jahren dem wahrscheinlich größten Dilettanten der deutschen Geschichte mit dem Film Hundert Jahre Adolf Hitler ein unsterbliches Trash-Mahnmal setzte. Seitdem läuft Hitler in den Medien wieder gut. Schlingensiefs Leben währte derweil nicht mal 100, sondern nur 49 Jahre.
Müssen wir deshalb um das Ansehen des Dilettantismus in Deutschland und der Welt fürchten?
Zum Glück gibt es unsere chinesischen Freunde, in deren Heimat der Dilettantismus vermutlich wie so viele andere Kulturschätze erfunden wurde.
Da haben manche Filmemacher nicht nur kein Talent wie Schlingensief, sondern im Gegensatz zu diesem auch noch Geld wie Heu, um es unter Beweis zu stellen.
Jon Jiang aus Beijing hat seine Milliarden mit Immobiliengeschäften verdient.
Trotzdem fand er neben dem Geldscheffeln noch die Zeit, sich 4000 DVDs anzugucken und sich danach selbst zum Movie Tycoon auszurufen. Denn die ausufernde Passion endlosen Filmkonsums befähigt ihn jetzt, das bis dato teuerste Werk der chinesischen Filmgeschichte zu produzieren. Für umgerechnet 100 Millionen Dollar will er seine Favoriten Lucas, Spielberg, Peter Jackson und James Cameron ausstechen und auf die hinteren Plätze verweisen.
Dafür hat er einen schönen Stoff gefunden, der, wie er hofft, noch erfolgreicher sein wird als Gladiator, Pirates of the Caribbean und Avatar zusammen. Um ein geflügeltes Wort eines an eigener Selbstüberschätzung gescheiterten deutschen Möchtegern-SF-Regisseurs zu zitieren: “Wenn mein Film anläuft, müssen die Kinos anbauen.”
Die Rede ist von Empires of the Deep. Monica Bellucci oder Sharon Stone sollten die Hauptrolle spielen, aber irgendwie schien ihnen das Projekt nicht zu gefallen. Jetzt verkörpert Olga Kurylenko, ein ehemaliges Bond-Girl aus der Ukraine, die Königin der Seejungfrauen, die es darauf anlegen, alle Männer beim Sex umzubringen. In Nebenrollen treten auf: griechische Götter und Heroen (die angesichts des Offenbarungseids von EU-Mitglied Griechenland nach China ausgewandert sind und dort im Dutzend billiger zu haben waren: eine schöne Vorstellung), denn die Geschichte spielt im sagenhaften Hellas, dazu noch Piraten, Seeungeheuer sowie der finstere Dämon Mage. Die dazugehörigen Kostüme stammen wahrscheinlich aus dem Ausverkauf eines amerikanischen Partyverleihs. Der Regierung war das verständlicherweise nicht chinesisch genug, und darum hat Jon Jiang noch Drachenmenschen und den chinesischen Star Hu Jun (Hu Who?) als Drachenlord in die Geschichte verrührt, ganz so als koche er seine Zutaten im Wok.
Ansonsten mochte Herr Jiang aber nicht mit chinesischen Kreativen arbeiten: “I’m an international producer. I don’t want to make Chinese movies. I don’t know how movies are made in China.” Denkbar ist, dass Jiang weder weiß, wie Filme in China entstehen, noch überhaupt sonstwo. Daher braucht er jede Menge Hilfe und hat bereits eine ganze Anzahl internationaler Autoren und Regisseure verschlissen, unter ihnen fragwürdige Zeitgenossen wie Pitoff (Catwoman mit Halle Berry), Jonathan Lawrence, Michael French und Scott Miller. Irvin Kershner, der Regisseur von The Empire Strikes Back, wurde vermutlich nur seines Namens wegen als Produzent an Bord geholt. 40 Mal wurde das Drehbuch inzwischen umgeschrieben.
Nachforschungen haben ergeben, dass Jon Jiang Schlingensief nicht kannte. Sonst hätte er ihn vermutlich zu Lebzeiten unter Vertrag genommen. Vielleicht versucht er es ja jetzt bei Lars von Trier. Und wenn der nicht will, sollte sich Jiang Kim Jong Il, “a fellow film buff”, zum Vorbild nehmen, der gelegentlich mal einen Filmregisseur nach Nordkorea entführen ließ, damit er ihm einen schönen Film dreht. Vielleicht hat Kim, wenn Jiang ihn freundlich bittet, neben einigen Leichen ja noch ein paar Regisseure im Keller…
Rolf Giesen
24. August 2010
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Verstopfung oder Durchfall – das ist hier die Frage
Der Mensch, sagt der Psychotherapeut Georg Groddeck, sei ein Klosett auf zwei Beinen: “Die meisten Menschen leiden an Verstopfung und ihre Gedanken sind drei Viertel ihres Lebens auf dem Klosett.”
Allerorten wütet der Fäkalexhibitonismus. Bei manchen Leuten quillt die Scheiße förmlich aus dem Hirn: Shit im Kopf hat der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer eine seiner Kurzgeschichten überschrieben.
Kein Wunder: Immer dann, wenn Kulturen ihren Zenit erreichen und so in eine Sackgasse des Niedergangs rollen, artikulieren sie sich anal.
Angeblich leiden 70 Prozent der Deutschen unter Verdauungsstörungen. George Grosz hielt Deutschland gar für das “Hauptquartier der Verstopfung”. Aber wenn dann was im Toilettenbecken landet, wird es fein säuberlich analysiert.
Besonders in Deutschland stellte sich nach eingehender Betrachtung heraus, dass Scheiße kotverschmiert und braun ist.
So wurde aus den Braunen in Deutschland sogar einmal eine ganze Bewegung. (Wiederholungsgefahr besteht, solange man das Leben als beschissen empfindet.)
Die Braunen empfanden die Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg sprichwörtlich als ganz große Scheiße. Immer noch ratsam in diesem Zusammenhang ist der Griff zu Klaus Theweleits Männerphantasien von 1977: “Die Front ist identisch mit dem Schließmuskel, der es nicht mehr zurückhalten kann: der Krieg geht in die Hose; der bisher abgewehrte Feind bricht über den Soldaten herein und aus ihm heraus, als ‘entquellende Übermacht’. So ist der Zusammenbruch ein Vorgang am eigenen Körper, nach dem man beschmutzt dasteht. (Der Sprachgebrauch kennt diese Koppelung ebenfalls, wenn er das Nichtbestehen einer Prüfung und den Zwang zur Darmentleerung mit demselben Wort bezeichnet: Durchfall). [...] Was sich beim soldatischen Mann zuerst wieder aus dem Dreck erhebt, ist die saubere Gesinnung, das nationale Denken, sein Verantwortungsgefühl für ‘das Ganze’. Ein Mangel an dieser Gesinnung, Feigheit, scheint es überhaupt zu sein, der den ‘Durchfall’ erst möglich macht.”
Kot- und Untermenschen
Diese eklige “Woge von Kot” vermischte sich mit Blut und schwemmte herrliche Feindbilder ins Unterbewusstsein der künftigen Volksgenossen, die heute teilweise verdrängt sind:
“Nie wahrte der Untermensch Frieden, nie gab er Ruhe. Denn er brauchte das Halbdunkle, das Chaos.
Er scheute das Licht des kulturellen Fortschritts.
Er brauchte zur Selbsterhaltung den Sumpf, die Hölle, nicht aber die Sonne.” [Der Untermensch. Berlin 1935. Herausgegeben vom Reichsführer-SS]
Wie von Marx vermutet, hat sich das Kapital globalisiert und die Nationalstaaten der Pleite überantwortet. Es knirscht allerorten gewaltig. In Europa – von Griechenland, das die Deutschen mit dem Verkauf von Leopard-Panzern überschwemmt haben über Portugal, Spanien und Italien bis hin zu unseren Nachbarn weiter östlich. Amerika kann sich kaum mehr einen vernünftigen Krieg leisten und bittet die Verbündeten zur Kasse. In China, dem großen Hoffnungsträger, mag demnächst oder etwas später die Immobilienblase und was noch platzen. Und jetzt schlägt auch noch die Natur zurück, an der sich der Mensch “versündigt” hat. In Russland brennen die Wälder. Im Golf von Mexiko sprudelte monatelang das Öl. Im Himalaja schmelzen die Gletscher, was die Trinkwasserversorgung Asiens in Zukunft gefährdet. Kurz: wir stecken ganz schön in der Scheiße.
Westerwelle reicht nicht zur Feindfigur
Jetzt bräuchten wir wenigstens vernünftige Feindbilder, damit wir uns, dem globalen Kapital zuliebe, gegenseitig an die Gurgel gehen und abmurksen. Aber siehe da, die Feindbilder haben nicht mehr das furchteinflößende Format von früher. Die Haltbarkeit ist begrenzt. Saddam Hussein ist hingerichtet und steht nicht mehr zur Verfügung. Kim Jong Il ist allenfalls ein durchgedrehter Filmnarr, der schon mal einen Regisseur entführen lässt, damit er ihm einen schönen Film dreht. George W. Bush hat sich aus der Verantwortung gestohlen und die Beseitigung des von den Weißen angerichteten Scherbenhaufens einem Schwarzen überlassen. Jürgen W. Möllemann ist schon ein paar Jahre davor aus den Wolken in den Tod gesprungen. Sauerland dagegen, Duisburgs unglückseliger OB, heißt mit Vornamen zwar Adolf, verweigert aber den Freitod durch Harakiri, weil er ja kein echter Samurai ist. Guido Westerwelle übt immer noch im stillen Kämmerlein, damit er auch auf Englisch herbeten kann: You will not buy my Schneid.
Dieser Tage läuft in den Kinos ein neuer Actionfilm mit Angelina Jolie an: Salt. Es geht um die Unterwanderung Amerikas durch von den Russen umgedrehte Schläfer. Zitat aus dem Presseheft: “Es gibt zum Beispiel Verfechter der Theorie, dass zuerst die Sowjetunion und später Russland in den Achtziger- und Neunzigerjahren verdeckte Agenten als ganz normale Bürger in westliche Länder einschleusten, als Teil eines Netzwerks von Geheimagenten, die unter falschem Namen 15 oder 20 Jahre oder sogar länger ein ganz normales Leben führen. Nach ihrer Aktivierung sollten diese Schläfer dann den ‘Tag X’ orchestrieren, eine Kette von Sabotageakten und terroristischen Angriffen innerhalb der Vereinigten Staaten, die Auslöser für einen groß aufgezogenen Krieg mit Russland sein würden.”
Lee Harvey Oswald war laut Film Nummer eins.
Für ihn, sagt Salt-Regisseur Phillip Noyce, bestehe kein Zweifel, dass es Schläferagenten gibt: “Diese Praktik gehört von jeher zu den Grundlagen des Spionagegeschäfts.”
Aber wer nur ist der Drahtzieher?
Wer steckt hinter all der Scheiße?
Die gelbe Gefahr
Wenn wir schon knietief oder noch tiefer drin stecken (in der Scheiße), wollen wir wenigstens klare Feindbilder haben. Und klar waren nur die alten Feindbilder. Das waren noch Archetypen. Gelegentlich restauriert ja das deutsche Fernsehen den Schrecken von damals, so dass einem beim Abendbrot ein wohliger Schauer über den Rücken kriecht: Einer wie Hitler ist heute, dank Guido Knopp & Co., in den Medien präsenter denn je. Bisweilen werden auch Filme mit Dracula, Frankenstein, dem Wolfsmenschen, der Mumie und Dr. Mabuse wiederholt.
Wo aber steckt der große Unbekannte, der geheime Drahtzieher, der die Geschicke der Welt in seinen Krallen hält? Das Vorbild von Darth Vader und dem Imperator der Sternenkriege. Wo nur – da Asien uns abstrakt das Fürchten lehrt – bleibt die Wiederkehr der personifizierten Gelben Gefahr, die heute mehr denn je um sich greift, von geheimen Schaltzentralen aus, die in Chinarestaurants versteckt sind? Boris Karloff, Henry Brandon und Christopher Lee haben “Ihn” auf der Leinwand verkörpert.
“Denke dir jemand: groß, schlank, tigerhaft, hochschultrig, mit einer Stirn wie Shakespeare und dem Gesicht des Satans mit einem fast glattrasierten Schädel und mandelförmigen, hypnotischen Augen von der Farbe des Katzengrüns. Gib ihm alle grausame Verschlagenheit der morgenländischen Rassen, aufgehäuft mit einem gigantischen Intellekt, gib ihm die ganzen Hilfsquellen früherer und heutiger Wissenschaft – denke dir dieses entsetzliche Wesen, und du hast ein geistiges Bild Dr. Fu-Mandschus – der gelben Gefahr, verkörpert in einem Menschen!”
Attila, Dschingis Khan, Boxeraufstand, Mao Zedong und großer Sprung nach vorn – diese herrliche Gestalt verkörpert alles in einem und ist der rechte Partner zum Hassen und Fürchten. Gegen ihn ist Osama bin Laden nur ein Waisenknabe…
Rolf Giesen
10. August 2010
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Und hier, wie versprochen, die erste Kolumne von Deutschlands bedeutenden Kulturpessimisten:
Des Sandmanns großer Sprung nach vorn
Was haben Mao und der deutsche Sandmann gemeinsam?
Mao liegt aufgebahrt in seinem Mausoleum in Beijing, vor dem sich lange Schlangen stauen, obwohl er – will man eingeweihten Fachhistorikern glauben – nie gebadet hat, sondern seinen Körper nur von einem Leibkommunisten mit heißen Handtüchern abreiben ließ. Er hat sich auch nie die Zähne geputzt, sondern nur mit grünem Tee gegurgelt. Und geraucht hat er wie ein Schlot. Dabei immer scharfes Zeug aus Hunan, der heimischen Provinz, gegessen, nachdem er Schlafpillen genommt hatte. Deshalb ist er noch beim Abendessen eingeschlafen, und Leibkommunistinnen mussten seinen Mund mit Stäbchen säubern, bevor sie ihn zur Ruhe betteten.
Vor allem hat er die Jugend zur Kulturrevolution aufgerufen. Den deutschen Sandmann hätte er garantiert zwecks Umerziehung aufs Land geschickt…
Unser aller (Ost-) Sandmann ist nach der deutschen Vereinigung allerdings nicht als Stasi-Spitzel enttarnt worden und, dank reichlich Alkoholkonsum, lallend in der Gosse gelandet. Auch mussten sich seine Helfershelfer nicht vor Gericht verantworten wie die Mao-Sippe. Vielmehr ist der Sandmann zum gesamtdeutschen Superstar mutiert. Schließlich hat er, trotz seiner weit entfernten Ähnlichkeit mit Walter Ulbricht, die gelegentlich allzu renitente Kinderschar nur in den Schlaf gewiegt.
Es ist übrigens wenig bekannt, dass es Mao war, der Ulbricht gelegentlich eines Besuchs zum Bau eines antifaschistischen Schutzwalls riet, nach dem Vorbild der Großen Chinesischen Mauer.
Jetzt aber ist nicht nur Mao in einem großen chinesischen Spielfilm auf die Leinwand zurückgekehrt, der die Gründungsphase der Volksrepublik besingt. Auch der Sandmann hat, zum 50. Jubiläum, sozusagen einen großen Sprung nach vorn gemacht und seinen eigenen Kinofilm bekommen.
Deutsche Kinderfilme und chinesische Politfilme sind – und das haben sie gemeinsam – politisch korrekt: Früher durften wir uns bei deutschen Kinder- und Hausmärchen gruseln und wurden, zur Freude der Erwachsenen, in unsere kindlichen Schranken gewiesen. Im deutschen Kinderfilm aber darf man sich nicht gruseln, allenfalls ein Nickerchen im Kino machen, wenn “Das Sandmännchen – Abenteuer im Traumland” läuft, mit der Stimme von Volker Lechtenbrink, der einen langen Weg gehen musste, von Bernhard Wickis “Brücke” bis zur Stimme des Sandmanns.
Diese Kultfiguren sind heilig und sollten nur mit Ehrfurcht betrachtet werden: Chairman Mao – der Sandmann – Jesus Christus in biblischen Filmen von Cecil B. DeMille bis George Stevens.
Beim Verlassen des Kinos, in dem der “Sandmann”-Film voraufgeführt wurde, auf der Berliner Bleibtreustraße, die im Volksmund schon mal Bleistreustraße hieß, holte mich nach ausgiebigem Schlaf die Realität ein: Drei Polizisten in Zivil hatten einen jugendlichen Delinquenten auf den Gehweg geworfen und ihn mit Handschesseln gefesselt. In seiner Hosentasche fand sich simples Werkzeug zum Einbruch in ein Geschäft oder zum Knacken eines Autos. Die Untersuchungen werden wohl nicht viel ergeben haben. Längst wird der junge Mann wieder auf freiem Fuß sein. Wie der elfjährige libanesische Junge, der in Berlin Drogen verkauft. Auf der Straße wächst eine Generation heran, auf die weder der Traumsand des Sandmanns noch die Chinesische Kulturrevolution einen Einfluss haben.
Go East!
Durch Berlin fließen Spree und Havel.
In China lockt ein ganz anderer Fluss all jene, die noch nicht vor dem deutschen Fernseher eingeschlafen sind. (Aber keine Bange, das chinesische Fernsehen ist noch ermüdender…)
Die Rede ist vom Geldfluss. Im Gegensatz zu den Peanuts, die man in Berlin verdient, oder dem Hartz IV, das man bezieht (vielleicht benennt man in Zukunft ja Zuwendungen ganz anderer Art in Deutschland nach anderen Übeltätern, etwa Hitler V… wenn schon, denn schon), kann in China jeder daran partizipieren. Die vermeintlich goldenen Berge der so genannten Schwellenländer, die sich nach Amerikas Abdankung in Afghanistan und im Irak nicht mehr im Westen, sondern im Osten befinden, locken auch den aufgeweckten, noch nicht mit provinziell Märkischem Traumsand aus Merkelland benebelten Deutschen.
Allen abenteuerlustigen China-Reisenden empfehle ich die Lektüre eines großartigen Buches “Herr Wu lacht”, das Martin Brandes geschrieben hat, der seit 2001 in Beijing lebt. Darin lässt er sich über Reinigung mit Schmutzwasser, chinesische Klos (davon ein andermal) und Weinliebhaber aus:![wucover[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2010/07/wucover1.jpg?w=420)
“Wein nämlich gilt den Yuppie-Chinesen der gerade entstehenden Mittelschicht als hochschickes Getränk. Die wenigsten wissen jedoch, wie man die verflixte Flasche öffnet.
Meist hacken sie mit dem Küchenmesser auf den armen Korken ein, bis der völlig zerfetzt in der begehrten Flüssigkeit herumschwimmt. Oft wird der Korken auch komplett in die Flasche hineingedrückt, die dann meist eine Weindusche für den Drücker bereithält.”
Sehr zu empfehlen: Edition Glanz & Elend, Strandgut Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2008.
Ich jedenfalls habe mich seit geraumer Zeit entschieden, zwischen den Kulturen zu leben, zwischen Berlin und Beijing, mit einem klitzekleinen Schreibtisch, der eine bescheidene Insel im Geldfluss darstellt, ohne Vorkenntnisse der chinesischen Kultur und Sprache, wahlweise mit Kakerlaken am Frühstücksbüffet oder Putz eingedeckt, der von den Hotelwänden fällt, weil man ja doch nächstens ein neues, größeres Hotel (dann aber gleich mit 5 Sternen statt ohne Stern) baut. Nicht in Russland, in China erfährt man den wahren Sinn des Begriffs Potemkinsches Dorf. Gleich auf den bröckelnden Putz folgt nämlich die Pappe. Und auch die goldenen Berge sind vermutlich nur Illusion wie der Scheinriese aus Michael Endes bahnbrechend-chinesifiziertem Kinderbuch-Klassiker “Jim Knopf”.
Meiyou
Xiè-xiè, das heißt im Reich der nicht mehr ganz ausgewogenen Mitte soviel wie danke. Und wenn was nicht geht oder man keinen Bock hat, reicht das kleine Wörtchen Meiyou, Synonym einer Lebensphilosophie zwischen Verzicht und Gelassenheit. Wenn man bei einem Vortrag (delivery of a speech) freundlich mit Ni hao grüßt, erhält man schon den ersten lang anhaltenden Beifall. Obwohl ich nicht verstehe, was die Chinesen um mich herum sagen, weiß ich doch, was sie meinen. Das reicht. Ich kann schmunzeln und muss auch schon mal laut lachen. Hauptsache, das Essen schmeckt. Auch wenn sich KFC (Kentucky Fried Chicken, nach jüngstem Gewinneinbruch in USA) und McDonalds jetzt auch in chinesischen Groß- und “Klein”städten ausbreiten, hat die chinesische Esskultur überlebt, die bekanntlich nicht fett macht. Ich habe inzwischen nur 10 Kilo zugenommen. Das ist der Beweis. Das geht.
Wenn ich gegessen habe, dürste ich nach Tsingtao Bier. Ich habe auch das von einem Deutschen entworfene Biermuseum von Tschingtau oder Qingdao besucht. Es ist eines der besten Museen der Welt für Leute, die an wahrer Kultur interessiert sind. Dabei ist die Bierkultur in China gerade mal hundert Jahre alt, die chinesische Kultur selbst 5000 – und damit älter als Siegfried und die Nibelungen, deren Schatz bisher ebensowenig gehoben wurde wie der von Dschingis Khan, dem mongolischen Welteroberer aus der Nachbarschaft
Nach einigen Jahren der Übung finde ich mich auch im U-Bahnnetz Beijings zurecht. Denn auf den Straßen haben die Autos Vorfahrt, weil sie stärker sind als Fahrräder und Menschen. In Beijing gibt es inzwischen 4 Millionen Autos, aber nach dem Wunsch der deutschen Autobauer, die ja erklärte Umweltschützer sind, sollen es bald 8 Millionen sein. Schließlich sind es ja nicht die Abgase der Autos, die die Luft verpesten, sondern die gase der Rinder. Nicht China oder Amerika, sondern Argentinien ist daher der größte Umweltsünder.
Die Erde gehört den Chinesen!
In Deutschland kommt man, wie Konrad Wolf mal sagte, nur von einer Provinz in die nächste.
In China sagt man sich sinngemäß: Nicht kleckern – klotzen!
Es sind die ungeheuren Dimensionen, die uns alle zum Rind und Herdentier machen und restlos überzeugen. Auch das Wort Mitläufer findet hier zu seiner ursprünglichen Wortbedeutung.
Curt Siodmak, der alte, verstorbene Gruselschriftsteller ["Donovans Gehirn"], sagte mal, dass er, als er nach England und Amerika kam, die Sprache wie ein Baby neu lernen musste. Das habe sein Leben verlängert. In China verhält es sich ähnlich, sofern man nicht Chinesisch spricht und versteht. Drei Monate dort sind für den Sprachunkundigen wie gefühlte fünf.
Die Welt der Zukunft sollte daher chinesisch werden. Zu viel hat der Westen versaut und verbrannte Erde hinterlassen. Trotz Ein-Kind-Politik, von der Minderheiten ausgenommen sind (ein Innerer Mongole sagte mir, er könne Kinder haben so viel er wolle, nur die Vielweiberei sei leider nicht gebräuchlich), sind es 1,3 Milliarden. Insider munkeln, wegen ungenauer Zählweise seien es womöglich schon 1,7 Milliarden!
Urheberrechtsverletzungen
Jahrhunderte blieben die Chinesen unter sich. Jetzt gibt es das Internet, das der chinesischen Nationalkultur und Mentalität des Kopierens oder besser: Raubkopierens erstaunlich nahe kommt.
Copyright? Copy, right!!!
Sie meinen es nicht böse. Sie wollen allein dem verehrten Meister und Schöpfer des Originals ihre Reverenz erweisen. Da sie sich alles merken und auswendig lernen, sind Chinesen hervorragende Kopisten. Sehr häufig, meist beim Kopieren westlicher Produkte, geschieht dies aber ohne Sinn und Verstand, also ohne das Produkt voll zu begreifen. So leiden die Klone unter genetischen Mängeln. Kopiert wird dies und jenes, im Grunde alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Und dabei wird es auch der Wertarbeit beraubt, die in Deutschland ja mal eine Tugend war: standardisiert und normiert.
Es gibt nur diese Alternative: entweder chinesisch oder virtuell.
Virtuell, das heißt am Ende: entkörperlicht, als digitale Wesenheit. Dann schon lieber chinesisch. Denn das Essen schmeckt. Nur, bitte, in der Inneren Mongolei Vorsicht walten lassen, wo sich die Wüste Gobi täglich mehr ausdehnt und das nicht allzu ferne Beijing mit einer Staubschicht überzieht, die jede Abgaswolke durchdringt. Man muss schon aufpassen, dass man beim Essen nicht einstaubt…
Und wenn man einschläft, kommt der Sandmann und pickt einem mit einem Stäbchen die Essensreste aus dem Mund. So einen Service bekommt man daheim in Deutschland nicht…
Rolf Giesen
23. Juli 2010










