Martin Compart


NEWS: Lucifer Connection
21. August 2009, 6:08
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http://www.evolver.at/stories/Martin_Compart_Lucifer_Connection_01_2009/

hat der Vorabdruck des Romans LUCIFER CONNECTION bei EVOLVER.AT begonnen. Die Illustrationen werden nachgeliefert.



DIE LUCIFER CONNECTION

Vor fast zehn Jahren hatte ich den SODOM KONTRAKT geschrieben um mir selber zu beweisen, dass ich über die lange Strecke eines Romans kommen könnte. In meiner Zeit als Herausgeber, Lektor oder Kritiker war mir nie der Gedanke gekommen, einen Roman zu schreiben, bzw. schreiben zu wollen. Es wurde eine gute und interessante Erfahrung. Als Kritiker richtete ich künftig milder. Die Qualen beim Schreiben der „langen Strecke“ ließen mich noch Jahre danach jedem mit Respekt begegnen, der einen ganzen Roman durchhalten konnte. Inzwischen hat sich das relativiert; ich erkenne seit der Romanerfahrung genauer, wer nur etwas runterschmiert ohne sich zu mühen oder wer sich gequält hat um leicht und lässig rüber zu kommen… Aber darum geht es hier eigentlich nicht. Ich hatte nicht vor, einen weiteren Roman zu schreiben (lediglich aus dem Hörspiel MONEYSHOT wollte ich einen kurzen Noir-Roman machen; er ist so gut wie fertig und eine Filmoption ist ebenfalls verkauft). Aber ich wurde von den unterschiedlichsten Leuten immer wieder angesprochen doch eine Fortsetzung zu schreiben. Dann brachte der ALEXANDER VERLAG die überarbeitete Taschenbuchausgabe heraus und ich wurde noch häufiger nach einer Fortsetzung befragt.

Der Sodom-Kontrakt

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Schließlich kam es zu einem Vertrag für einen weiteren Roman im Alexander Verlag. Ich überzog den Abgabetermin um zwei Monate, was dem Verleger Alexander Wewerka die Möglichkeit gab, von dem Vertrag zurück zu treten. Ihm gefiel das Manuskript nicht, obwohl er von Anfang an wusste, worum es geht ().

Nun habe ich also das fast fertig überarbeitete Manuskript und sitze vor dem nächsten Gill-Roman. Was machen? Zum Klinkenputzen bei Verlagen treibt mich nichts. Selbst, wenn es von einem Publikumsverlag angenommen wird, würde es etwa zwei Jahre dauern bis das Buch am Markt ist. Dazu bin ich zu ungeduldig. Aber schließlich gibt es neue Technologien, die man nutzen kann und immer schon ausprobieren wollte: das Book on Demand hatte mich schon seit den Anfängen fasziniert (ermöglicht es doch theoretisch die endlose Backlist!). Außerdem will ich endlich das Internet voll auskosten. Diese Kombination hat einen eigenen, ganz speziellen Reiz: Eine begrenzte Zeit den Roman in Fortsetzungen ins Internet stellen und dann (vielleicht nach dem ersten Teil?) das BoD anbieten. So wird also DIE LUCIFER CONNECTION als „Vorabdruck“ entweder in Evolver.At oder in diesem Blog erscheinen.

Und worum geht es?
Der Roman führt von Dortmund über Sierra Leone und London bis Wien. Es geht um Fälle von okkulten Menschenopfern, auf die ich durch einige Zeitungsausschnitte gestoßen bin (wie in SODOM werden auch in LUCIFER faktische Dokumente verarbeitet und dargestellt). Aber da ich nicht dasselbe Buch zweimal schreiben wollte, hat LUCIFER nicht die elliptische Erzählform von SODOM. Es ist eine gradlinige Ermittlung (der erste Teil ist fast ein Detektivroman), die im 2.Teil zur Quest (durch Sierra Leone) wird und im dritten zu einem Rachefeldzug. Recherchen sind wieder reichlich eingeflossen (Wewerka warf mir u.a. vor, das ich über mehrere Seiten die Geschichte der Glock-Pistole erzähle). Als Fan von Ian Fleming und Fredrick Forsyth möchte ich eben auch immer Fakten erzählen, die vielleicht nicht so leicht zugänglich sind und der intensive Recherchen vorausgehen (Reisen und Recherchen sind das Beste am Roman schreiben!). In LUCIFER habe ich mich intensiv mit westlichen Satanismus und schwarzafrikanischen Geheimgesellschaften (Poro Societies) beschäftigt, die bei den Bürgerkriegen in Sierra Leone und Liberia (beide von Charles Taylor angezettelt, der sich inzwischen in DenHaag komfortabel verantworten muss) eine Rolle spielten, die von unseren Medienkellnern kaum gewürdigt wurde.. Es ist ein ziemlich hartes Buch geworden. Und die Beschreibungen satanischer Rituale oder Taylors Riten (die in DenHaag belegt wurden), brachten mich an den Rand des Erträglichen (im Netz-Vorabdruck werde ich kürzen; genau wie bei Alexas Martyrium).

Die Protagonisten von SODOM KONTRAKT sind alle an Bord: Gill, Alexa, Karibik-Klaus und Cobra. Aber nach dem Ende von LUCIFER sind sie nicht mehr ganz dieselben und besonders Alexa hat einiges zu ertragen (was dann im dritten Roman, DIE GOMORRHA-DEPESCHE noch durchschlägt).

Martin Compart

Hier eine Szene aus dem 2.Teil von LUCIFER CONNECTION:

Über dem Getränkeregal hing ein rostiges Schild mit der Aufschrift: NO SMOKING OR WHORING IN THE OPS ROOM. Gill zündete sich eine Pall Mall an. Roelf bestellte ein Bier, Gill eine Cola. Sie setzten sich an einen wackeligen Tisch.
„Jetzt sind wir fast in der roten Zone. Noch ein paar Kilometer, dann setze ich sie ab.“
„Danke für alles.“
Roelf winkte ab. Ein Weißer betrat die Bar und Roelf und Gill musterten ihn. Er war einer dieser westlichen Geschöpfe voller Egoismus und Gier. Arrogant und angesoffen kam er hereingeschlendert, setzte sich ohne Aufforderung zu Gill und Roelf.
„Neue Buschpiraten. Ist ne ganze Weile her, dass sich Weiße hierhin verirrt haben. Die konzentrieren sich mehr auf Kono. Wegen der Diamanten. Hier gibt es nicht viel zu holen. Habe mir eure Karre mal etwas genauer angeschaut. Interessant. Hoch interessant. Warum habt ihr so viele Waffen?“
„Ich bin Pessimist“, sagte Gill unfreundlich.
„Mit ein bisschen Kohle kann man hier bestens zu recht kommen – wenn kein Krieg ist. Ein schönes Haus im Busch kostet mich jährlich 200 Dollar. Einen Matchstick – dass sind dünn gerollte Kokainzigaretten – kostet nicht mal nen Dollar. Eine Frau kriege ich für50. Eine echt starke Frau für 90. Gesund, kein Aids, große Titten und gehorsam. Die Familie kriegt die Knete und sie muss mir den Rest meines Lebens zu Diensten sein. Du kannst mit ihr machen, was du willst. Verprügeln, alles. Nur nicht in der Öffentlichkeit. Da sind sie empfindlich. Außerdem kannst du dir ja soviel Frauen zulegen, wie du willst. Sagen wir drei. Die eine besorgt es dir heute, die andere bläst dir morgen die Flöte und übermorgen knallst du die dritte von hinten, während du über Schüssel die Bundesliga guckst. Dabei freut sie sich, dass du so aufmerksam bist. Und wenn du richtig gut drauf bist, treibst du es mit allen gleichzeitig und hörst dabei Freddys Heimwehlieder. Gelegentlich nimmst du einen Schluck geschmuggelten Johnny Walker Black Label, siehst auf die Uhr und denkst daran, dass die Kollegen in Deutschland jetzt Mittagspause haben und zur Kantine schlurfen, wo sie einen Fraß in sich reinschaufeln, den hier kein Pavian beschnüffeln würde. Kapiert?“
„Interessantes Lebenskonzept“, sagte Gill.
„Ist ja noch lange nicht alles. Während du in deinem weißgekalkten Haus deinen Saft verspritzt, arbeiten Horden von großen, affenstarken Bimbos auf deinen für 10 Dollar gepachteten Feldern oder durchsieben Sumpfschlamm nach Diamanten. Warum sie das tun? Weil du der weiße Bwana bist und Travellerschecks hast. Jeder davon ist mehr wert, als sie in fünf Jahren verdienen. Wir sind hier nicht in einem Vorort von Düsseldorf. Frauen sind Leibeigene, Vieh, wilde Tiere. Die Leute hier sind ungebildete, gottlos Ignoranten, die ihrem Manitu danken, wenn sie dir für zehn Cent die Füße waschen dürfen. Du bist der Mastah, kapiert? Der Big Boss – und sie wollen das auch. Wenn du nicht auf Boss machst, sind sie nicht etwa glücklich. Nee, sie sind sauer, weil sie nichts von deiner Kohle abgreifen können. Ich rede nicht von einer höhern Lebenserwartung oder besseren Lebensbedingungen – das ist auf diesem Scheißkontinent sowieso nicht drin. Ich war schließlich lange genug beim Entwicklungsdienst.“
„Du bist schon ein ziemliches Arschloch.“ Gill kannte diesen ganzen Scheiß und konnte es nicht mehr hören. Mit ähnlichem Mist hatten ihm pädophile weiße Frührentner in Asien ein geschwollenes Ohr gequatscht.
„Weiß ich. Und der Gedanke, einen edlen Menschen wie dich vom Pfad der Tugend abzubringen, erfüllt mich geradezu mit unerträglichem Schmerz. Aber niemand zwingt sie dazu. Wenn ihre freiwillige Lebensweise deine menschlichen Vorstellungen von menschlicher Würde beleidigt, dann fahr doch nach Hause. In Deutschland geht es allen gut und alle sind gut drauf, stimmt´s? Sie hocken in elenden Mietskasernen in Wanne-Eickel und sehen sich die Fette am Mittag auf Flachbildschirmen an, die sie noch abstottern müssen – in sechzig Monatsraten zu neunundzwanzigneunundneunzig. Neben ihnen auf dem Sofa sitzt eine fette Frau, bei der man seit Jahren keinen mehr hoch kriegt und berechnet, wie das nach der Kündigung mit Hartz 4 funktionieren soll. Sie fahren nicht mehr mit dem Auto, weil eine Tankfüllung dreimal soviel kostet wie ein DVD-Player, den kleine Asiaten mit flinken Fingern aus Restmüll zusammengebastelt haben und der genau einen Tag nach dem Garantieende auseinander fliegt. Sie finden das toll, weil sie mit dieser Scheiße aufgewachsen sind. Dasselbe gilt für die Bimbos. Wäre so, als würdest du eine Katz fragen, ob sie nicht gerne Flügel hätte um herum zu fliegen. Du kannst hier keinen europäischen Vorposten errichten und Aldi-Läden aufmachen oder Mcdonalds aufmachen nur weil das die Art zu leben ist, die du kennst. Die können hier fast alle nicht lesen. Müssen sie auch nicht. Gibt zuviel zu tun für den großen, weißen Jäger. Die Leute sind zu sehr mit Diamanten waschen und Ficken beschäftigt. Mehr haben sie nicht drauf, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig abmurksen oder Glieder absägen. Hier war mal so ein Arschloch, der wollte ein Buch über mich und mein schönes Leben schreiben. Dem habe ich gesagt: Dein beschissenes Notebook hat nicht genug Speicherplatz für alle Geschichten, die hier erlebt habe.“
„Du solltest gelegentlich mal nach Deutschland fahren und dir deine Schrauben nachziehen lassen.“
Roelf hatte genervt und schweigend den Redeschwall über sich ergehen lassen, stand auf und murmelte zu Gill: „Ich geh mal ein paar Schritte und sehe mich um. Bin spätestens in zwanzig Minuten wieder hier.“
Günter brüllte nach einem weiteren Star-Bier. Als der griechische Wirt es ihm hinstellte, lallte er: „ Treib mal ein paar Frauen für mich und meinen Freund zusammen.“
„Wie viele?“
„So viele, wie in die Hölle passen. Treib sie zusammen. Ich übernehme die Transportkosten. Wenn es mit der Inflation so weit kommt, dass ich mir überlegen muss, wie viele Frauen ich mir pro Nacht leisten kann, wird es Zeit das Land zu verlassen.“
Ein Bettler hatte sich hereingeschlichen als der Wirt nicht aufmerksam war. Auf seinem Brett rollte er zu ihren Tisch und jammerte auf Krio nach ein paar Cents. „Bitte. Nur ein klein Geld. Zehn Cent.“
Günter beugte sich zu ihm. „Du glaubst wahrscheinlich, du hast es schwer, was? Okay, die Frau ist krank, die Beine sind ab, die Kinder haben nichts zu fressen. Erzähl mir mal was Neues. Wie würde es dir gefallen, in Herne zu leben? Manche dort haben nicht mal Premiere und müssen die Spiele in einem beschissenen Zusammenschnitt in der Sportschau sehen. Nix Premiere, nicht live dabei.“
„Mastah, ich versteh nicht Prääämier. Gib mir zehn Cent, bitte.“
„Genau. Du verstehst nichts. Du weißt gar nicht, wie gut du es hast.“
„Könnte es sein, dass du ein verdammter Spitzel der Wild Side Boys bist?“
„Ich und Spitzel? Du spinnst. Ich bin gelegentlich Geschäftsmann. Mann, in diesem Teil des Universums macht jeder mal Geschäfte mit jedem. Das gehört hier zur Folklore: Heute bist du mein Feind und drohst mir die Arme abzuhacken, morgen vielleicht mein Geschäftspartner. Klar, ich habe schon mal mit den Boys gedealt…“
Das Großmaul könnte ein ernstes Problem sein.Sicherlich meldete er der Gang jedes neue Gesicht in der Region, die sie als ihr Territorium ansahen. Auch für weniger als dreißig Silberlinge.
„Als Geschäftsmann muss man Prioritäten setzen. Meine erste Priorität ist die Farbe Weiß. Ich bin ein weißer Mann, du bist ein weißer Mann. Du hast genug Geld um eine kleine Armee auszurüsten. Dann hast du auch genug Geld für Humint?“
„Für was?“
Gill reichte dem Bettler einen Schein. Voller Lobeshymnen auf Gill rollte er zum Ausgang, von einem Fußtritt des Wirtes begleitet.
„Das ist ein Ausdruck, den die Geheimdienste benutzen. Humint meint Human Intelligence im Gegensatz zu Tecmint für Technic Intelligence. Also Infos durch menschliche Quellen im Gegensatz zu Infos aus technischen Quellen. Kapiert? Geheimdienstjargon. Erste Sahne.“
„Interessant. Du kennst dich aus, was?“
„Ich kenne so einiges. Kann man sagen. Ja, ich weiß, wo es lang geht. Also pass mal auf: Ich bin Humint für dich. Und dafür lässt du ´n bisschen was rüberwachsen. Alles klar?“
. ..“Und wenn ich gar keine Fragen habe? Was sollte ich von dir schon wissen wollen?“
„Wie wäre es mit Diamanten? Ist zwar nicht Kono, aber hier gibt es auch welche. Jeder ist scharf auf Steine, wenn er nach Leone geht. Kannste so aus den Löchern schaufeln. Nur mit den Händen. Ich kann dir ´n echt guten Preis machen… Vermitteln. Die Preise sind total sauber. Verkaufste in Antwerpen mit hundert Prozent Gewinn. Sowas von gutem Geschäft.“
„Danke. Die nimmt mir der Zoll sowieso weg. Außerdem verstehe ich nichts von dem Geschäft.“
„Musst du auch nicht. Dafür hast du ja mich. Ich zeige dir die Steine, du bezahlst den üblichen günstigen Preis. Halbe Preis hier, halber Preis in Antwerpen. Dir mach ich einen besonders günstigen Preis. Ich bringe sie über Monrovia raus und – voila – in einer Woche kriegste sie in Antwerpen aufs Zimmer geliefert.“
„Ich muss was mit meinem Gesicht machen. Vielleicht eine Schönheitsoperation.“
„Was? Wieso das denn? Bist doch ein schmucker Feger.“
„Offensichtlich sehe ich so blöde aus, dass du mir so ein Geschäft anbietest.“
„Quatsch. Was iss jetzt? Machen wir den Deal?“
„Eher verbringe ich den Rest meines Lebens in einem Tokio Hotel-Konzert.“
Roelf kam zurück und flüsterte Gill etwas ins Ohr. Günter starrte sie aus dummen Augen an.



zu DER SODOM KONTRAKT
9. März 2009, 7:15
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Zur Erzählstrategie:

Im SODOM KONTRAKT benutze ich eine Erzählweise, die weder dem allwissenden Erzähler entspricht, noch dem Ich-Erzähler. Stattdessen ist sie irgendwo dazwischen, gleichzeitig in der dritten Person und aus dem

Der Sodom-Kontrakt

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Blickwinkel der Haupt- und im Focus stehenden Personen. Die szenisch im Mittelpunkt stehende Figur dient als visueller auditiver und psychologischer Brennpunkt. Ihr Blickwinkel soll der Erzählweise Farbe geben und abgrenzen. Die Anwendung dieser Erzählstrategie soll dem Leser intime Einblicke in die Denkprozesse von mehr als nur der Hauptfigur ermöglichen, ohne dabei auf den allwissenden Erzähler zurückzugreifen. Die Beschränkung des Erzählers sollte dazu führen, dass der Leser die Weltsicht der Figuren auf einer tieferen Ebene nachvollziehen kann. Die unterschiedlichen Auffassungen der Figuren über die Geschehnisse sollen zusätzliche Spannung erzeugen. Damit wird der Leser aufgefordert, Haltungen und Situationen selbst zu beurteilen, Dies erscheint mir von einiger Bedeutung: Nicht die individuelle Wahrnehmung der Figuren soll für eine gewisse Spannung sorgen, sondern die Widersprüche in ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen. Mit der existenzialistischen Psychologie ausgedrückt: Jeder nimmt gleichzeitig zwei Welten wahr: den idios kosmos, der die eigene, persönliche Welt ist, und den koinos kosmos, die (mit anderen) geteilte Welt. Das Stemmen gegen den Zusammenbruch des idios kosmos sollte als unbewusst wahrzunehmendes Spannungselement die Thriller-Handlung unterstützen. Der Astigmatismus der Figuren soll den Leser dazu bringen, den eigenen koinos kosmos abzuleiten. Der Leser übernimmt die Aufgaben des allwissenden Erzählers und muss Urteile fällen, Wertvorstellungen festlegen (oder die vom individuell ausgerichteten Erzählers verwerfen/zustimmen) und die Erzählung auf seine Metaebene heben. Natürlich versuche ich dies zu steuern, indem ich die Blickwinkel auswähle. Aber der Leser muss selbst die Bedeutung produzieren, indem er eigene Schlüsse zieht um sie seinem koinos kosmos anzugleichen, da dass Konglomerat aus verschiedenen Sichtweisen nicht durch einen allwissenden Erzähler aufgelöst wird.

Einige Rezensionen zum Roman SODOM KONTRAKT

JUNGE WELT
24.09.2007 / Feuilleton / Seite 13
Der beste Kaffee
Zwei klassische Thriller von Ross Thomas und Martin Compart geben vor, was heute anliegt
Von Ambros Waibel
… Der Alexander-Verlag flankiert nun seine Werkausgabe mit Büchern aus Fausers persönlichem und ideellem Umfeld, eine realistische Traditionslinie wird sichtbar, die nach Jahren im Untergrund der Genre-Literatur mit Leuten wie Meyer und Saviano gerade wieder auftaucht. Zuletzt erschienen sind der Klassiker »Umweg zur Hölle« von Ross Thomas, im Original 1978, 1984 auf Deutsch bei Ullstein herausgekommen, und ein schnelles, schmutziges, höchst unterhaltsames Paranoia-Ding vom eben damals verantwortlichen Ullstein-Herausgeber und Fauser-Kumpel Martin Compart, »Der Sodom-Kontrakt«…. Martin Comparts konsequenter »politisch inkorrekter Anti-EU-Thiller« »Der Sodom-Kontrakt«, der in einer agitprop-mäßig noch deutlich schärferen Fassung bereits 2001 im Strange-Verlag erschienen ist, geht da einen Schritt weiter, indem er mindestens einen zurückgeht. Er will nicht den Pulp-Roman auf die Höhe der goutierten Literatur bringen, sondern er nimmt ihn als reißfeste Tüte, in die er kräftig hineinkotzt. Das kann sich wohl nur jemand erlauben, der von der anderen, der Verleger-Seite herkommt und es da bis zum deutschen »Krimi-Papst« gebracht hat. Compart weiß den Zeitungen noch etwas zu entnehmen, insbesondere denen aus Witten/Ruhr, und was er nicht weiß, reimt er sich so kräftig zusammen, daß er in aller Ruhe und mit fieser Ironie Raymond Aron zitieren kann: »Die Gesamtheit der Ursachen, welche die Gesamtheit der Wirkungen bestimmen, übersteigt die Fassungskraft des menschlichen Verstandes.«

Zuschaufeln, mit dem Auto drüber und Schluss!
Martin Compart glänzt mit einem bitterbösen Thriller
Von Jens Müller
TAGESSPIEGEL 13.1.2008

Charlie und Lee in „The Killers“. Mr. Wint und Mr. Kidd in „Diamonds Are Forever“. Jules und Vincent in „Pulp Fiction“. Killerduos mit sarkastischem Dialogwitz haben manchmal enormen Unterhaltungswert. Vorausgesetzt, man ist nicht ihr nächstes Opfer und muss nicht mit anhören, auf welche Art und Weise man selbst das Zeitliche segnen soll: „,Zuschaufeln, zweimal mit dem Wagen drüber, und das war’s.‘ ,Einfache Lösung, Herr Schmidt, einfach aber nicht simpel. Bewundernswert.‘ ,Vielen Dank, Herr Schneider.‘“

Mit den Herren Schmidt und Schneider bereichert Martin Comparts Thriller „Der Sodom-Kontrakt“ die Typologie der Killerduos um ein illustres Pärchen. Im Ruhrgebiet hinterlassen sie zwischen Witten und Dortmund eine beispiellose Blutspur: Sie zerlegen ihre Opfer mit einem Samuraischwert, erschießen sie aus dem fahrenden Auto oder knüpfen sie an einem Nylonseil auf – um nur einige Methoden zu nennen.
Ihren ersten Mord wollen sie Gill in die Schuhe schieben, einem Freund des Opfers. Was ein Fehler ist, denn dieser Gill ist ein harter Hund, ein ehemaliger Stasi-Agent, der mit seiner Glock-Pistole schlafen geht: „Man hatte es ihm während seiner Ausbildung beigebracht. Er war jedes Mal brutal durch einen Stromstoß geweckt worden, wenn er im Schlaf die Hand öffnete und die Waffe fallen ließ.“ Wow! Der Autor Compart spricht gerade dem aus Skandinavien importierten Krimistil Hohn, der in den vergangenen Jahren so reüssierte. Er psychologisiert nicht wie Henning Mankell; er reibt einem nicht seine literarische Ambition unter die Nase wie Hakan Nesser.
Compart beschwört eine ältere, sehr amerikanische, sehr schwarze Tradition: schnörkellos, rasant, brutal, schmutzig, trashig. Hier hat ein Kenner – Compart war Herausgeber der Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und Du Mont – kurzen Prozess gemacht und die ihm bekannten Genre-Versatzstücke derb gesampelt. Unnachgiebig verfolgt sein desillusionierter hardboiled detective das Killerduo und kommt dabei einer europäischen Korruptionsaffäre im Dunstkreis des Kinderschänders Dutroux auf die Spur. Weitere Akteure: Eine nymphomane Kommissarin, eine lokale Kiez-Größe („Karibik-Klaus“), ein exzentrischer Althippie mit ausgesuchtem Musikgeschmack (etwa: „Gilded Palace of Sin“ von den Flying Burrito Brothers). Und: korrupte Polizisten, korrupte Geheimdienstler, korrupte Politiker. Der böse Mann im Hintergrund ist ein deutscher EU-Kommissar, dessen bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Martin Bangemann gewiss nicht zufällig ist. Comparts Roman trägt den Zweittitel „Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller“. Hier hat jemand mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch geschrieben.
Dass er nun – überarbeitet – im Berliner Alexander Verlag neu erscheint, liegt sicher auch an Comparts Freundschaft zu einem anderen Autor. Für die Jörg-Fauser-Werkausgabe hat der Verlag zu Recht– viel Lob erfahren. Vielleicht war es mehr als alles andere das, was die beiden Männer, Compart und Fauser, verbunden hat: die Wut im Bauch. Ein paar mehr solcher literarischen Killerduos könnte das Land gut vertragen.

MÜNSTERLÄNDISCHE VOLKSZEITUNG: 9.5.07
Politisch unkorrekter harter Thriller – Philosophische Killer
Von Hans Gerhold
Privatdetektiv Gill, ehemaliger Geheimdienstmann, der untreue Pärchen überwacht, gerät in Mordverdacht und zwischen alle Fronten. Zwei Killer hängen sich an seine Fersen, schalten ihn aus und schieben ihm den Mord an seinem Freund Hans Brenner, für den er einen Geldkoffer übergeben sollte, in die Schuhe. Wie Gill aus dieser Schieflage herauskommt, was er zwischen Dortmund, Witten und Brüssel erlebt und wie sich die verbissen hartnäckige Kriminalkommissarin Alexa Bloch, Star und Leiterin der Dortmunder Mordkommission, an den Mann ohne Koffer hängt, gehört zu einem Thriller, der fern der Behägigkeit deutscher Regionalkrimis in der Tradition des Hard-Boiled-Genres wandelt, nein: spurtet.
Denn Martin Compart, langjähriger Herausgeber der einflussreichen Krimiprogramme von Ullstein, Bastei-Lübbe und DuMont, legt ein furioses Tempo vor und liefert ein Glanzstück des Genres, das es mit amerikanischen Vorbildern aufnehmen kann, sie bruchlos auf deutsch-europäische Verhältnisse überträgt. Compart hat ein Ohr für Kneipengespräche, schaut „dem Volk aufs Maul“ und bringt das Maß an drastischem Realismus und absurdem Humor ein, das ein Noir-Roman benötigt. Eine Verfolgungsjagd mit Pfiff gehört dazu, der authentische Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux, undurchsichtige Geschäfte eines Karibik-Klaus, korrupte Beamte, die ineffektive EU-Bürokratie in Brüssel, unfähige Anwälte.
Herzstück ist das Killerpaar Schmidt und Schneider, zwei Gemütsmenschen, die sich wie Philosophen beim Stammtisch unterhalten und an legendäre Vorbilder wie Ernest Hemingways Short Story „The Killers“ und deren Verfilmungen erinnern, deren Niveau Compart mit geistreich witzigen Dialogen spielend erreicht. Grandios die Anspielungen auf populäre Kultur, Songs der Doors oder Charles Bronson („Spiel mir das Lied vom Tod“), dem eine Passage gewidmet ist, die jeden Film- und Thrillerfreund entzücken wird.

Voralberger Nachrichten
Kultur
Böse Buben und starke Frauen
Der Ruhrpott ist spätestens seit Schimanski als gefährliches Pflaster verrufen.
Von BRUNO LÄSSER

(VN) Vor einer Kulisse wie jener in der „Tatort“-Serie hat Martin Compart, bekannt als „Deutschlands Krimipapst“ mit dem Roman „Der Sodom-Kontrakt“ einen knallharten und spannenden Thriller mit unverhohlen deutlichem Realitätsbezug geschrieben.
Gill, ein ehemaliger Söldner und Einzelkämpfer im Auftrag des deutschen Geheimdienstes BND, hat sich von den kriegerischen Schauplätzen in Afrika und im Nahen Osten verabschiedet und arbeitet mittlerweile vergleichsweise ruhig als Privatermittler und Sicherheitsexperte. Eines Tages erhält er den Hilferuf von Brenner, einem Bekannten aus alten Tagen, der um sein Leben fürchtet. Obwohl Gill sofort seine Kontakte zur Halbweltszene nutzt, kann er nicht verhindern, dass dieser kurze Zeit später vor seinen Augen hingerichtet wird. Schlimmer noch, Gill steht bald darauf selbst unter Mordverdacht und wird von der Polizei ebenso wie von Brenners Auftragsmördern gejagt.
Bald schon pflastern noch mehr Leichen seinen Weg und, obwohl in Wirklichkeit unschuldig, glaubt die Polizei nach wie vor an Gill als Haupttäter und will ihn, ebenso wie der um auf möglichst wenig Publizität bedachte BND, so schnell als möglich aus dem Weg räumen.

Perfekt abgeschmeckt
Gill findet heraus, dass sein verstorbener Kollege Brenner sich seine Finger im wahrsten Sinn des Wortes an einer Erpressungssache verbrannt hat. Gills Ermittlungen lassen auch deutliche Querverbindungen zum Fall des belgischen Kinderschänders Dutroux und einem unglaublichen Sumpf aus politischer Korruption bis in höchste EUKreise, moralischer Verkommenheit und skrupelloser Geschäftemacherei erkennen. Neben allerhand bösen Buben bevölkern Comparts Buch auch ein paar starke Frauen, die das Blut der Macho-Protagonisten bis zum ultimativen Showdown noch zusätzlich in Wallung bringen.
„Der Sodom-Kontrakt“ ist eine perfekt abgeschmeckte Mischung aus Spannung, Macho-Herrlichkeit und Aufdecker-Journalismus, garniert mit Sex, Hippie-Flair und fast schon wieder rührender Wissenshuberei über Popbands aus den 1960 er-Jahren.
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