Gespeichert unter: Bücher, Politik & Geschichte, Porträt, Rolling Stones, TV | Schlagworte: Altamont, Man In A Suitcase, Mann mit dem Koffer, Nummer 6, Prisoner, Rolling Stones
Dieser Auszug stammt aus meinem Buch 2000 LIGHTYEARS FROM HOME – Eine Zeitreise mit den Rolling Stones. Eine erste Fassung wurde 2004 im Verlag Robsie Richter veröffentlicht und ist vergriffen.
1. DIE 60er JAHRE oder BEI ADOLF HÄTTE ES DAS NICHT GEGEBEN!
Wie war das noch mit den Fifties?
Mandolinen im Mondenschein, fette Wirtschaftsbosse im Daimler, die nur kurz innehielten, um ihre eigene Tüchtigkeit zu bewundern, Halbpension in Rimini, singende Seemannsschwuchteln, Conny packte Peters vollgewichste Badehose ein, Streifenpolizisten wie bewaffnete Briefträger, alte Nazis, die den Krieg nicht wirklich verloren hatten und für die ein Käseigel der Gipfel des Hedonismus war. Amoralische Spießer krochen aus den Bombenlöchern, um das Wirtschaftswunder zu erfinden. Hoffnung gab nur die atomare Bedrohung. Blue Jeans und Lederjacken waren Werkzeuge des Teufels, und Rock’n’ Roll war seine Musik. Das Land gehörte weiterhin den Kreaturen, die die Barbarei wissenschaftlich gemacht hatten. Die Bundesrepublik war nicht die Nachfolgerin der Weimarer, sondern der Friedhof des 3.Reichs, auf dem die Zombies tanzten.
In den Staaten hatte 1956 der Reverend John Carroll von der Erzdiözese Boston früh und weitsichtig erkannt, welche Gefahren von dieser Stimmungsmusik um Radkappen zu stehlen ausgeht: „Der Rock´n´Roll entflammt und erregt die Jugend wie Dschungeltrommeln, die Krieger zum Kampf aufrufen und vorbereiten. Ein falsches Wort, ein Missverständnis, und alles geht in Flammen auf. Die zweideutigen Texte dieser Musik sind Angelegenheit der Gerichte und der Polizei.“ Viele Bibel feste Amerikaner standen ihm zur Seite. Aufrechten Amerikaner wie Disc-Jockey Dick Whittingill vom Los Angeleser Sender KSFR (Ich wurde meine Sucht nach Junk-Musik los, indem ich KSFR zuhörte.) hinter sich: „Nein, ich werde WHITE CHRISTMAS von Elvis nicht spielen. Das wäre, als überreichte Tempest Storm meinen Kindern die Weihnachtsgeschenke.“ Man wurde in der Not als Jugendlicher nicht alleine gelassen. Man bekam wertvolle Tipps. Etwa in CONTACTS, der Zeitung des Catholic Youth Center: „Vernichte die Platten, die du besitzt, wenn sie heidnische Kultur und heidnische Lebensweise repräsentieren. Überprüfe vorher, welche Platten bei einer Hausparty oder einem Schulfest gespielt werden sollen… Rufe einen DJ an oder schreibe ihm, wenn er lausige Platten vorstellt. Schalte dein Radio aus oder suche eine andere Station, wenn du anzügliche Songtexte hörst.“ Aber irgendwie kriegten sie es nicht hin, dass Elvis annulliert wurde. Stattdessen löste sich der Respekt der Jugendlichen vor den Weltkriegsveteranen in der Säure des Rock´n´Roll auf. Im selben Jahr meinte Mitch Miller: „Es gibt keine Platte, die einem Kind mehr zufügen kann, als dessen Elternhaus schon getan hat.“ Was für ein dreckiger Roter!
Dann begannen die Sixties: Der Rock’n’ Roll war nicht ganz tot, aber sauber kastriert. Legionen von Rickys, Johnnys und Frankies belagerten die Hit-Paraden und sangen saubere Lieder für saubere Teenager mit sauberen Tampons. Es war das Niemandsland zwischen Elvis und den Beatles, das Schwarze Loch der Pop-Musik (das in dieser Zeit eine Menge hervorragende Musik gemacht wurde, gehört nicht hierher). Die letzte Rebellion war gezähmt und die nächste noch nicht in Sicht, die 50er noch nicht zu Ende und die 60er noch nicht gestartet. Fröhlichkeit und Langeweile warfen bleiche Schatten. Picknicks, Autokinos, Milchbars, Dates, Kirmes, Telefonorgien. Keine Trendgurus, keine Rock-Lexika, keine Fachleute, die einem halfen, die Vergangenheit zu interpretieren, die Gegenwart zu reflektieren oder die Zukunft des Pop zu prognostizieren. Es gab nicht mal Pop-Radio. Der endlos lange cruel summer der Teenager. Politisches Vakuum. Das große Nichts…
.All der Hass auf die Welt und ihren Nachwuchs ergoss sich nun über die Rolling Stones, die noch schmutziger als ein Stripklub waren. EVENING STANDARD vom 21.3.64: „Sie haben in der Musikszene Schreckliches angerichtet; sie haben sie an die acht Jahre zurückgeworfen. Als wir unsere Popsänger gerade soweit hatten, dass sie alle sauber, ordentlich und nett aussahen, da kamen die Stones daher und sahen aus wie Beatniks. Sie haben das Image der Popsänger der sechziger Jahre ruiniert.“ Und zur ersten Australien-Tournee stellte der SYDNEY MORNING HERALD fest: „Ein unverhohlen sexueller Akt, auf den die keuschen Beatles unsere zarten Teenager nicht vorbereitet hatten.“
Die fett gewordenen Weltkriegsveteranen und Wirtschaftswunderspießer wussten genau, wie man mit solchen Burschen verfahren musste: Erst mit dem Schlauch abspritzen und dann erschießen. Liberalere Geister erwogen noch Arbeitsdienst oder ein paar Monate in einem gut geführten KZ. Sie hatten es aber auch verdammt schwer. Erst mal kam diese verdammte Anti-Babypille, die Frauen angstfreien Sex garantierte. „Die Pille verautomatisiert die Liebe und versaut die Moral.“ Unterstützt wurde diese Schweinerei noch durch die Mode. „Die Mini-Mode ist so aufreizend, dadurch kommen so viele Sexualverbrechen.“ Gut erzogene Frauen waren ebenfalls nicht begeistert und verstanden die Qualen ihrer rotgesichtigen Ehemänner: „Manche haben nur ein paar Fetzen dran, da kann man den ganzen Hintern sehen. Und da sollen die Männer nicht verrückt werden?“
Die Stones waren fast so schlimm wie Pille und Minirock („Denen verdanken wir das doch! Das ging los mit langen Haaren und Affenmusike.“).
Außerdem hörte, sah und las man, was bei den Konzerten dieser Beknackten („Die nennen das Konzert!“) so abging:
„Die spastischen Bewegungen des Bruders, Märtyrers und Gottes auf der Bühne pflanzen sich wie eine Welle durch die Bankreihen des Saales fort. Immer zwingender wird der Rhythmus, immer hektischer werden die Bewegungen im Saal. Hier und da springen die Burschen auf, reißen sich die Hemden vom Körper; ihre stumpfen Augen lassen nicht erkennen, ob sie die Umwelt noch wahrnehmen, nur der Über-Rhythmus scheint sie noch voranzutreiben. Man hat das Gefühl, als ob man den Riten irgendeines obskuren Stammes von Wilden beiwohnt, dessen Kommunikationsmittel einem unbegreiflich bleiben. Ein erwachsener Mensch kann sich regelrecht fürchten. Zu recht forderten Würdenträger der römisch-katholischen Kirche den Boykott der `beleidigenden Musik’. In den Straßen geht der Veitstanz weiter. Erst kurz vor Mitternacht sind die letzten grölenden Gruppen verstreut.“
Jugendliche brüllten auf Stones-Konzerten wie Bauerntölpel, deren Gehänge sich im Stacheldraht verfangen haben.
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In der Penne tobte indes das vereinigte Lehrerkollegium gegen Beat-Musik („Macht aggressiv, taub und verblödet.“) und Comics („Machen aggressiv, blind und verblöden.“) – Stichwort Tornisterkontrolle. Samstags dann Bücherverbrennung, wo man einen Schwung edler Wäscher-Comics gegen ein pädagogisch wertvolles Jugendbuch eintauschen konnte. Zum Beispiel H.V.Pahlen: DER PAVIANEXPRESS mit den schönen Zeilen: Wenn der Neger erstmal das Morden anfängt, hört er so schnell nicht auf. Dann konnte man zusehen, wie ein Berg voller Comics (wo bekamen die die Hefte bloß immer her? Ich kannte keinen, der seine AKIMs abgegeben hätte) in Flammen aufging. Jeder Generation ihre Bücherverbrennung. Manchmal versuchte man sogar ein Himmelfahrtskommando, auf das Skorzeny oder Sepp Dietrich stolz gewesen wären: Man robbte sich an den Scheiterhaufen, um ein paar (fehlende) Hefte zu klauen. Erwischten sie einen, wurde man mitverbrannt.
In den großen Pausen trafen sich Stones- und Beatles-Fans, um sich gegenseitig auf die Fresse zu hauen. Da trafen unversöhnliche Weltanschauungen aufeinander – mit Musik hatte das nichts zu tun. Die Stones wollten nicht die Hand von irgendjemand halten. Endgültig erledigt waren die Liverpooler spätestens, als ein Klassenkamerad von seiner Tante ein Beatles-Album zum Geburtstag geschenkt bekam. Nie hätte ein pflichtbewusster älterer Mensch einem gefährdeten Heranwachsenden eine Stones-Scheibe geschenkt. Nein, er hätte sich todesmutig dazwischen werfen müssen. Noch grausamer als die Beatles fand ich die Beach Boys und diese ganze Surf-Scheiße: Hitlers Südkalifornische Herrenrasse; Bikini-Sturmtruppen und Surf-Nazis. Blond, gesund und doof. Die grinsten noch debil, während ihnen ein Hai das Gemächt abbiss. Ja,ja, heute sehe ich vieles anders (aber manches war nun wirklich schlimm!).
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Nicht zu vergessen der schlimmste Krach, der je in Vinyl gepresst wurde: HAVE YOU SEEN YOUR MOTHER, BABY, STANDING IN THE SHADOW? Dagegen klang das Guss-Stahlwerk wie Schubert. Die Stones beballerten die weißen Redneck-Charts mit schwarzen Rhythmen. Der wahre Sound zur Teenage-Angst, dass woanders das wahre Leben stattfindet. Im Mai 1965 hatten die Stones in LA bei den Aufnahmen zu SATISFACTION erstmals Kokain genommen. Welche außerirdische Substanz mag sie zu HAVE YOU SEEN YOUR MOTHER, BABY inspiriert haben? Dieser – ihr vielleicht größter – Song macht das Gehirn kugelsicher. Den Veranstaltern der 65er Deutschlandtour schickte die Regierung von Oberbayern eine Rechnung über die Nachzahlung von 14.158 Mark Vergnügungssteuer, da es sich beim Münchner Stones-Spektakel nicht um eine musikalische Darbietung gehandelt habe, sondern um „schieren Lärm mit artistischen Beigaben“.
Meine tägliche Dosis AFTERMATH machte mich überlegen. Die Grenzen waren abgesteckt und wurden hart verteidigt. Kleiner Grenzverkehr an Weihnachten und zu Geburtstagen. Ich blieb so lange weg, wie ich wollte, trieb mich rum, mit wem ich wollte und ließ mir die Haare wachsen. Jetzt hätten sie eigentlich sterben müssen: Sie hatten einen Langhaarigen großgezogen. In hilfloser Wut tagte der Familienrat („Man kann ihn ja schlecht ins Gefängnis stecken!“). Aber sie hatten auch Angst. Wenn das eigen Fleisch und Blut lange Haare bekam, dann war schlichtweg alles möglich. Das schöne Mexiko mit seiner langen demokratischen Tradition war da einfach einen Schritt weiter: Wenn in Mazatlán ein Flugzeug landete oder zwischenlandete, wurden den Langhaarigen gleich im Flughafengebäude zu ihrem Besten die Haare geschnitten. „Lasst Bauarbeiter ruhig schaffen, kein Geld für langbehaarte Affen“.
Die Angst war berechtigt. Die ersten Aussteiger tauchten auf. Prosaisch Gammler genannt „Die tun nix, gammeln nur rum. Auf unsere Kosten.“.
„Sie müssen eingesperrt werden und gezwungen, zu arbeiten. Das ist meine Meinung.“
„Die gehören ins Arbeitshaus, beziehungsweise mit Knüppeln hier runter gejagt. Anders sind die gar nicht mehr groß zu kriegen. Bei Adolf hätte es so was nicht gegeben.“
„Richtige Schweine sind das. Die müssen sich erst mal sauber waschen.“
Die Gammler bevölkerten jetzt ganze Stadtparks, mit ungewaschenen Haaren und staubigen Gitarren. Da schlichen die Jüngeren schon mal hin und ließen sich irgendwelchen Scheiß über Trips nach Marokko oder Indien erzählen. Sie rauchten selbstgedrehte Zigaretten, die ziemlich merkwürdig rochen. Mütter von Töchtern hatten es noch schwerer, wenn diese sich bei den Gammlern rumdrückten. Die Gefahr war schließlich nicht von der Hand zu weisen, dass die Gammler sie in den Orient verkaufen könnten, um ihr faules Leben zu finanzieren. Langhaarige Haschbrüder waren ganz klar das Ergebnis eines genetischen Deffekts.
Die Musik wurde immer wilder, die Haare immer länger und die Jugendlichen immer undankbarer. Ein ordentlicher Bürger konnte sich kaum noch aus dem Haus trauen. Die Straßen waren unsicher. „Überall Langhaarige in Parka und Jeans. Aggressiv, undankbar und gefährlich. Ohne Respekt davor, dass man in Russland gekämpft hatte. Ohne Respekt vor dem Herrn Bundeskanzler.“ Sie waren schlimmer als der Russe. Beim Russen herrschte wenigstens Zucht und Ordnung. Keine Rolling Stones und keine Gammler. Vielleicht war der Russe doch nicht so schlecht. Vietnam war die Rettung! Zeigte es doch, dass anständige junge Männer dort unten den gelben Untermenschen die Birne wegschossen. Da konnte Scholl-Latour abends in der Tagesschau noch so defätistisch daherquatschen. Noch bestand Hoffnung. Nur die eine Hälfte der Jugend war wirklich schlecht. Vielleicht nicht mal die Hälfte. Die andere war ordentlich und tat, was man ihr sagte. Beim angebeteten Verbündeten – ein weiterer neidvoller Blick über den Atlantik – durfte die ordentliche Hälfte kommunistischen Schweinen eine Napalmdusche verpassen. Glückliches Amerika, du hast es besser. Wir hatten den Krieg verloren. „Leider.“ Congressman James Utt aus Austin brachte es auf den Punkt: „Die Beatles und ihre Genossen benutzen Pawlows Konditionierungstechniken, um Neurosen bei ihren Zuhörern hervorzurufen.“ Von dem Schock, dass eine Stones-Platte in der Hit-Parade vor James Last stand, hat sich die deutsche Kultur Jahrzehnte nicht erholt.
Bevor der ganze 68er-Terror losbrach, hatten sich die Stones erstmal ihren Ritterschlag zum Bürgerschreck Nr.1 geholt: Sie wurden vor Gericht gestellt und mussten ein paar Tage in den Knast, weil man sie mit Dope erwischt hatte – Jagger, Richards und Jones. Die Nummer auf Keith Richards Landsitz mit dem mythischen Marsriegel. In jeder guten Stones-Biographie ausführlich nachzulesen. Man hatte die Party erst gesprengt, als sich die anwesenden Beatles verdrückt hatten. „Weißt du, das ist der Unterschied zwischen den Beatles und den Rolling Stones: Die Stones werden verhaftet, wenn die Beatles gegangen sind“, brachte es George Harrison auf den Punkt. Im Gefängnis von Brixton schrieb Jagger 2000 LIGHT YEARS FROM HOME. Kein Trost, aber immerhin war er hinter Gittern. Das ließ die Spießer frohlocken: „Dann ist der Spuk ja bald vorbei. Gibt es in England noch die Todesstrafe? Hoffentlich kriegen sie lebenslänglich.“ Aber auch Verzweiflung: „Nicht nur diese Haare und diese scheußliche Musik, sie nehmen auch Drogen. Sie sind Vorbilder und hauen sich die Hucke voll mit Drogen! Kein Wunder, dass sie auf ihren Instrumenten nicht richtig spielen. Jetzt gehören sie aber wirklich eingesperrt. Nur zu ihrem Besten. Damit sie zur Vernunft kommen.“ Mütter weinten um ihre Kinder, die in kurzer Zeit im Straßengraben enden würden (dann doch lieber zur Müllabfuhr). Verzweifelte Spießer entrollten in Berlin auf einer riesigen Anti-Studentenunruhen-Demonstration ein Plakat mit ihrem epochalen Statement: WIR WOLLEN UNSERE RUHE HABEN! Wie war es im Knast, Keith? „Mir sagt weder die Unterbringung noch die Mode auch nur im Geringsten zu. Ich mag etwas mehr Platz und eine separate Toilette; ich hasse es, wenn man mich aufweckt. Gefängnis bringt’s einfach nicht.“
Also ging wieder die Kontrolle los. Statt nach TIBOR oder NICK wurde nach Drogen gefahndet. „Was hast du da in der Tasche? Ach, nur Silberpapier vom Kaugummi. Zeig die Pupillen!“ Die waren immer zu groß oder zu klein.
NEUE REVUE, BILD und QUICK bildeten die alte Generation zu Haschhunden und Experten für freie Liebe aus (Komische Gerüche im Kinderzimmer?).
‘67 dann der nächste Raubzug durch das Wirtschaftswunderland. Wieder begleitet von großartigem Journalismus! ACHIMER KREISBLATT: „Die neueste, fast tragisch-komische Offenbarung der Rolling Stones auf die Frage, was sie nach dem Ende des Beat-Booms zu tun gedächten: `Wir werden alle wieder Diebe’.“ BRAVO: „Den Rolling Stones kann keiner helfen. Ist ihre Zukunft im Qualm der Marihuana-Zigaretten aufgegangen?“ WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU: „Sie sehen allesamt aus wie Frankensteins kleine Brüder. Es sind keine Jungen, denen Mütter ihre Töchter anvertrauen möchten. Ungeniert tragen sie ihre Wünsche vor: Let’s spend the night together.“
Und nun setzte sich auch noch die Langspielplatte durch. Keine Singles mehr, deren Schrecken nach vier Minuten erledigt war. Jetzt musste man eine ganze halbe Stunde oder länger das Gedröhn in verschiedenen Variationen hören. Der Erfolg der LP basierte in erster Linie darauf, dass man nicht mehr dauernd neue Platten auflegen musste, wenn man bekifft in der Ecke lag.
Als dann ‘68 über alle anständigen Bürger wie eine biblische Heimsuchung hereinbrach, war die Welt endgültig verspielt. Heranwachsende ließen sich nun überhaupt nichts mehr sagen und lachten über Ratschläge, die es gut mit ihnen meinten. Sie kriegten nicht mit, dass die Studenten eigentlich auf Linie waren und nur nach ökonomisch „notwendigen“ Reformen brüllten: Dass sich Leistung auch für die Vietnamesen wieder lohnen musste. Viel gefährlicher waren die Gammler und Hippies, die Walter Benjamins Programm der Surrealisten wieder belebten: „Die Kräfte des Rauschs für die Revolution zu gewinnen“. Schlimmer noch: Die Hippies heroisierten alles, was die freie Marktwirtschaft als nutzlos dämonisierte, weil es für Konsum und Reproduktion nichts brachte und damit die Aufrechterhaltung der Sklavenökonomie gefährdete.“ Adorno! Bataille! Wenn ich das schon höre! Die wollen nur alles kaputt machen“, da waren verblödete Malocher, hirnamputierte Spießer und grinsende Wirtschaftslenker einer Meinung. „Was demnach den Menschen vom Tier unterscheidet, ist nicht sein Intellekt und die Organisation der Arbeit, sondern alleine seine Selbstbeschränkung, die Fähigkeit, sich Regeln und Verboten zu unterwerfen und ihre Verletzung fürchten zu lernen“, hatte Bataille erkannt. Scheiß auf die Regeln. Die Hippies wollten das System aus dem Universum kicken. Freche Bande. Zum Glück waren die Verbündeten dem Iwan zuvor gekommen und auf dem Mond gelandet. Dazu ein rotgesichtiger Spießer in die Fernsehkamera: „Die erste Mannestat seit dem Krieg. Großartig, daß die Amerikaner zuerst da waren bevor die Russen kamen! Das ist die schönste Freude, die man haben kann.“
…
Aber für den Stones-Fan gab es noch eine schrecklichere Bedrohung. Und die war bedeutend schlimmer. Die kam nämlich von innen. Hinterm Rücken kauften die Kumpels nicht etwa Beatles-Platten. Plötzlich war nur noch so genannte Progressive Musik angesagt. „Ich höre nur progressive Sachen. Nur!“ In lediglich mit ausrangierten Autositzen und teuren Stereoanlagen ausgestatteten Buden hörten meine Freunde jetzt mit weggeklappten Pupillen irgendwelche Scheißmusik mit endlosen Gitarrensoli, deren vorgebliche Virtuosität lallend bekundet wurde. Je länger ein Stück dauerte, umso besser war es angeblich („Schon gehört? Geht über ‘ne ganze Seite! Total irre.“). Plötzlich saßen sie oben auf dem linken Lautsprecher, wo die Becken klatschten, die hohen Töne quietschten und die Bassbox langsam in den Bauch wuchs. Völlig zugeknallt faselten sie von Bewusstseinserweiterung. Jeder Tag war zwar gleich lang, aber nicht gleich breit. Leben auf dem Land, ganz friedlich mit der Natur und so. Schluss mit dem Konsumterror des Systems (bis auf Schallplatten kaufen, natürlich). Sie geilten sich an Bands auf, deren Namen schon das Hinterletzte waren. Und sie wurden richtig intolerant, wenn ich mal ‘ne Stones-Platte auflegen wollte. Eine ARD-Dokumentation war dabei: „Es war erschütternd und deprimierend zugleich gegen elf Uhr vormittags apathisch dort liegende Jugendliche anzutreffen, die mit sich und der Welt nicht mehr fertig werden.“
UND NUN GESCHAH ALTAMONT!
Nur Sven Kockskämper und ich hielten ihnen die Stange. Wir waren einsam, als LET IT BLEED rauskam. Wir waren Wittens Midnight Rambler. Keiner von uns wäre gern bei dem Sudelfestival in Woodstock gewesen. Auch die Vorhaltungen der Kumpels wegen Altamont konnten uns nicht zum Abschwur bringen. In Altamont war wenigstens die Musik besser gewesen, meinten Sven und ich (wer UNDER MY THUMB auf dem Altamont-Bootleg hört, wird eine unglaublich grandiose Version vernehmen). Man hörte, dass Jagger sich mit Kenneth Anger herumtrieb und mit dem Satanismus flirten würde. Ziemlich unglaubwürdig, wenn man sich den Text von SYMPATHY FOR THE DEVIL anhört. Das hat nicht mit Psychopathen zu tun, die Kätzchen an Kreuze nageln oder Kinder foltern. Satanisten sind Weicheier, die den Teufel anflehen, ihr miserables Leben zu verbessern. Von sowas war Old Mick immer meilenweit entfernt.
In Altamont holten die Stones Vietnam nach Kalifornien. In dieser infernalischen Atmosphäre schien alles möglich. Das Pear Harbour der Gegenkultur. Die wildgewordenen Hell’s Angels konnten innerhalb von Sekunden den Tod bringen, und keiner war fähig, etwas dagegen zu tun, weglaufen war nicht möglich. Die Hippies waren einer Gewalt ausgeliefert, der sie nicht entkommen konnten, jedenfalls nicht ohne Gegengewalt (die bekanntlich nicht stattfand). Pure Feigheit vor zusammengekauerten Kröten auf Feuerstühlen. Vollgedröhnt mit schlechtem Acid befanden sie sich für Stunden in einer vergleichbaren Situation wie ihre Altersgenossen im südostasiatischen Dschungel. Ein von Menschenhand ausgelöster Blitz konnte einschlagen und sie hinmachen. Bestialisch wie Meredith Hunter niedergemetzelt wurde. Fast mit derselben mitleidlosen Gewalt wie in My-Lai. Manche – und nicht die Dümmsten – behaupten, FBI oder CIA hätten die Angels mit Downers gefüttert und ihnen ordentlich was in den Schnaps getan, damit sie richtig ausflippten. Jedenfalls hatte das Establishment endgültig gewonnen. Der Hippie-Traum (und einige andere Träume der Gegenkultur) wurden im Matsch von Altamont von aufgeputschten Vollidioten zertrampelt wie Meredith Hunters Körper. Das Kotzmittel Sonny Barger, der verantwortliche Prez der Hell’s Angels, der auch Wetjobs für die CIA erledigte, schrieb in seiner Scheißautobiographie: „All dieser Stuss, dass Altamont das Ende einer Ära markiert, ist doch nur intellektuelle Scheiße. Es war das Ende von gar nichts.“ Barger hält auch das Zusammensetzen eines Big Mac für einen intellektuellen Vorgang. Wiedermal hatten sich Wall Street und seine Heloten des Abschaums der Menschheit bedient, um die Non-Profit-Gesellschaft nicht wahr werden zu lassen. Mit Charles Manson setzten sie noch einen drauf: Manson war der blue-collar Alptraum-Hippie, der den bourgeoisen drop-out-Traum zerstörte. Zwei Jahre zuvor war ein Langhaariger ein Bruder – jetzt wusste man das nicht mehr genau. Eigentlich waren mir Altamont oder Woodstock völlig egal. Ich hatte es sowieso nicht mit den Hippies. Dieses ganze psychedelische Urchristentum ging mir schwer auf den Senkel. Profit machte der Friedhof von Altamont trotzdem: Die Maysles Brothers hatten den ganzen Irrsinn gefilmt – bis hin zur Ermordung Hunters. Natürlich wurde genügend rausgeschnitten, um die Mörder nicht zu leicht erkennbar zu machen. Sie hatten echte Angst, dass die Angels sie umlegen würden (deshalb wurde auch nicht der Kameramann genannt). Universal Pictures war ganz scharf auf den Streifen und bot den bis dato höchsten Vorschuss (eine satte Million Dollar) auf die Vermarktungsrechte. Aber NATÜRLICH wollte man nicht den schrecklichen Tod eines Menschen ausbeuten. Um Gottes Willen! Andererseits war man ja auch der Öffentlichkeit gegenüber verpflichtet, ihr diese grausige Dokumentation nicht vorzuenthalten. Wieder was für Leute, die tatsächlich so dämlich sind und nicht glauben wollen, dass es Snuff-Filme gibt (jaja, bei Snuff-Filmen wird vor Drehbeginn die Ermordung eines Menschen geplant; ich weiß schon). Damals als Horrortrip gestartet, taugt er heute fürs Kinderprogramm: GIMME SHELTER. Sollte wohl esoterisch klingen.
Wenn die Leute es durch Manson und Altamont nicht mitgekriegt hatten, dann nach dem Tod von Hendrix, Joplin und Morrison: Die Party war vorbei. Es war das Ende der Sixties. Überall konnte man die Toilettenspülung rauschen hören. Mick Jagger: „Natürlich wollten manche Leute Altamont zum Ende einer Ära erklären. Solche Leute sind wie Modejournalisten. Vielleicht war es das Ende ihrer Ära, das Ende der Naivität.“ Keith: „Altamont konnte nur den Stones passieren. Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Den Bee-Gees würde so was nie passieren.“
