Einsortiert unter: Andy McNab, Spythriller, STRIKE BACK, TV-Serien | Tags: Chris Ryan, Strike Back, Thriller, TV-Serie

Natürlich ist STRIKE BACK nicht SPOOKS. Aber es ist mit Abstand die beste und zynischste Action-Serie, die man momentan sehen kann. Sie half mir über das Ende von SPOOKS hinweg, dass ich bis heute nicht wirklich verschmerzt habe („Komm zurück, Harry, und zeige uns, wie MI5 weiterhin für die Demokratie eintritt und die Neo-Cons bekämpft!“). Aber STRIKE BACK spendete Trost. Und nun endlich gibt es die dritte Staffel – und die vierte ist in Vorproduktion. Kein Action- oder Thriller-Fan sollte sie sich entgehen lassen. Und man muss seinen Fernsehsessel mit Haltegurten ausstatten. Diese Briten wissen, wie man einen Adrenalincocktail zusammenschraubt!
Die beiden ersten Staffeln sind bei uns auf DVD erhältlich, die dritte läuft am 14.Dezember 2012 auf FOX an, so angekündigt: „Damien Scott (Sullivan Stapleton), Agent des auf hochriskante Einsätze hinter den feindlichen Linien spezialisierten „Section 20“-Teams des MI6, gerät bei einer versuchten Geiselbefreiung in Nairobi in Gefangenschaft. Michael Stonebridge (Philip Winchester), mittlerweile zum Ausbilder neuer „Section 20“-Rekruten befördert, kehrt in den aktiven Dienst zurück, um Scott und die übrigen Geiseln aus der Gewalt des somalischen Warlords Huseyin Waabri (Anthony Oseyemi) zu befreien. Vor Ort stellt sich heraus, dass der Fall größere Dimensionen hat, als zunächst angenommen, denn Waabri ist in einen Deal mit nuklearen Bombenzündern verwickelt. Die Verbreitung von Atomwaffen könnte die gesamte Region destabilisieren – doch um herauszufinden, wer im Hintergrund die Fäden zieht, müssen sich Stonebridge und Scott mit gut organisierten Söldnern und sogar mit einem Killerteam des Mossad anlegen…
In der neuen Staffel bleibt sich „Strike Back“ treu: Geprägt ist die Serie von harter Action, exotischen Orten weit weg vom optischen Einerlei üblicher Hollywood-Produktionen – gedreht wurde u.a. in Südafrika – und einer wendungsreichen Handlung, die den Zuschauer zu jedem Zeitpunkt in Atem hält. Neu mit dabei ist Rhona Mitra („Underworld – Aufstand der Lykaner“) in der Rolle der neuen „Section 20“-Chefin Rachel Dalton.“
Die erste Staffel mit Richard Armitage als John Porter, die Chris Ryans Romanvorlage weitgehend folgte, war eher eine sechsteilige Miniserie. Überaus sehenswert, aber erst mit neuem Konzept und Hauptfiguren der 2.Season lief die Serie zu Hochform auf. In PROJECT DAWN, der zweiten Staffel, ist Section 20, eine militärische Abteilung des MI 6, auf der Jagd nach dem Terroristen Latif, der Armitage auf dem Gewissen hat Unter dem Kommando von Colonel Eleanor Grant (Amanda Mealing) agieren als Hauptfiguren der Ex-SASler Stonebridge (Philip Winchester) und der ehemalige Delta Force Scott (Sullivan Stapleton). Ihre pragmatische Prämisse könnte lauten: Wir agieren so, dass die Ereignisse, gegen die wir nichts wirklich bewirken können, auch gegen uns nichts bewirken. Die Patt-Situation als Sieg im andauernden Kampf für das Überleben des Systems. Auch eine Art Euro-Rettungsschirm…
Die Handlung führte von Indien über Südafrika und dem Sudan bis zum Balkan. Und zwar so politisch unkorrekt, dass es eine Freude ist. Keine andere TV-Serie hatte wüstere Sex-Szenen jenseits der Pornographie und einen höheren Bodycount. Der „Guardian nannte sie „Naked 24“. Die meisten Sexszenen hat Stapleton und man nimmt seiner Figur Scott ab, dass die dauernde Todesnähe sie sexuell extrem aktiviert. Unter seiner happy-go-lucky-Fassade lauert die Düsternis und Verzweiflung des byronschen Helden.
Die Gewalt ist graphischer, unangenehmer und realistischer als in anderen TV-Serien. Sie ist eher verstörend als voyeuristisch. Umso erstaunlicher, dass auch der Humor nicht zu kurz kommt und im Gesamtkonzept funktioniert. Allerdings ist es meist ein böser, zynischer Humor. Ein Beispiel:
Eine ältere Dame, echter Gutmensch, nach schrecklichen Erlebnissen im Kosovo: „Ich bin doch hierher gekommen, um den Menschen zu helfen!“
Stonebridge: „Beim nächsten Mal.“
Die Action hat Kinoqualität und ist großartig inszeniert. Im Vergleich mit STRIKE BACK wirkt das deutsche TV-Action-Flaggschiff COBRA 11 wie eine Mofa gegenüber einem Boliden. Besser man schnallt sich vor dem Fernseher an. Und was den politischen Zynismus angeht, kann in Deutschland sowieso alles einpacken. In Dänemark, England, Frankreich, Italien oder den USA wagt man eben auch mutige und originelle Konzepte, in Deutschland bleibt alles nur aufgeblasener Biedermeier. Selbst gelegentliche Unglaubwürdigkeiten nimmt man STRIKE BACK nicht übel, weil die Serie in sich ein absolut geschlossener, charismatischer Kosmos ist, den deutsche Macher einfach nicht hinkriegen. Und dabei ist sie auch noch geopolitisch analytisch und aktuell. Andrew Anthony schrieb im „Guardian“: „No scene lasted more than about 25 seconds in the first two episodes and no element of plot information was left unspoken. The dialogue is close to pure exposition, with an occasional clunkily macho line thrown in as a concession to dramatic atmosphere. Show, don’t tell, say the screenwriting gurus. This was show and tell.”
Die Serie schafft es in ihren Doppelfolgen, die einer übergeordneten Arc-Strategie anhängen, die aktuelle Krisenherde den interessierten Parteien zuzuordnen. Dabei kommen die beiden schießwütigen Protagonisten dann auch noch sympathisch rüber („they are mean, brutal and deadly – and they are the good guys“). Beide haben Semtex in ihrer DNA.
Vor den Dreharbeiten in Südafrika mussten die Hauptdarsteller in ein Bootcamp und anschließend ein militärisches Training durchlaufen, das von SAS- und SBS-Männern geleitet wurde. Man merkt es ihnen an: Jede Bewegung sitzt und keiner würde sich versehentlich in den Fuß schießen. Winchester erinnert sich: “Sully and I would meet every morning at 6am. We would run to a chosen location and on the way we had to memorise street names and directions and then our trainers would say ‘that car that you just passed what was the licence plate number?’ Our trainers were ex-SAS guys who made us study everything in detail, for example, we learnt step by step how to enter a room in twos, then alone. At the same time, we had to be constantly aware of where our weapon was trained.
The physical trainers also had to ensure that not only do the actors look like soldiers before filming, but they had to remain that way throughout the shoot. In addition, Stapleton and Winchester had to lose and gain weight, respectively. Winchester had to be on a diet of 4,000 calories a day, which included taking protein shakes between meals. The actor described the diet as “a workout in itself,” having found it “exhausting” eating more food than he was used to. In total, training took approximately one month.
Beeindruckend ist, wie gut die Serie atmosphärisch die jeweiligen Handlungsorte einfängt. Ob Sudan oder Kosovo (in der 2.Season), die geopolitischen Probleme werden aufgezeigt und in die Story einbezogen. Jedes 3.Welt-Land mit eigenen Konturen der Hoffnungslosigkeit. Und das trotz der begrenzten Drehorte! Meistens Südafrika oder Ungarn. Ähnlich gut gelingt es den Autoren Empathie für jede Nebenfigur aufzubauen. Und selbst die übelsten Bösewichter sind keine Schablonen aus dem TATORT.
Ganz am Anfang stand der Roman STRIKE BACK von Chris Ryan, der zusammen mit Andy McNab, ebenfalls ehemals Special Force, den Agenten-Thriller neu belebte und die so etwas wie ein Subgenre entwickelten: den „Commando Thriller“. Beide Autoren werden nicht müde darauf hinzuweisen, wie sehr sie und ihre Kameraden von den Politikern verarscht und verheizt wurden. Echte Conspiracy-Freaks die tatsächlich glauben, die Regierungen dienen nur den wirtschaftlichen Interessen einer kleinen Schicht und nicht dem Wohle des Volkes. Sie behaupten allen Ernstes, der Irak hätte nicht über Massenvernichtungswaffen verfügt und man sei durch Lügen und Manipulationen in den Krieg gehetzt worden!
Produzent Andy Harris entdeckte Ryans Roman am Flughafen und überzeugte Elaine Pyke von British Sky Broadcasting zu einer Miniserie. 2010 kam es für die zweite Staffel zu einer Zusammenarbeit mit der HBO-Tochter Cincmax.
Der einzige amerikanische Autor der Serie war Frank Spotzitz, (vier Folgen von Season2) der sich als Schreiber für AKTE X einen Namen gemacht hat. Die meisten Folgen der dritten Season schrieb Tony Saint, der auch –wie Richard Zajdlic – bei der zweiten Season dabei war.
Ohne zuviel zu verraten: Der Erzschurke in STRIKE BACK III:VENEGEANCE gehört zu den am besten und originellsten des gesamten Thriller-Genres, die Bond-Bösewichter inklusive.
Einsortiert unter: Andy McNab, Brit Noir, Crime Fiction, Krimis, Krimis,die man gelesen haben sollte, Lee Child, Noir, Porträt, SIMON KERNICK, thriller | Tags: Brit Noir, London, Noir, Simon Kernick, Ted Lewis, Thriller
Simon Kernick gehört zu den britischen Autoren, die sich seit der Jahrtausendwende im Windschatten des Erfolges von Autoren wie Lee Child oder Andy McNab als eine Art New Breed des britischen Thrillers etablieren.
Sie sind genauso von multimedialen Pop-Kulturtraditionen geprägt, wie von den literarischen Traditionen des Genres. Sie gehören zu einer Generation, die einen Bondfilm gesehen hat, bevor sie Romane von Ian Fleming oder Eric Ambler entdeckte. Und sie schreiben in einer Zeit, in der sie mit Fernsehserien wie 24, LUTHER oder SPOOKS um das Publikum konkurrieren. Denn diese und andere Serien, deren primäres Medium die DVD ist und denen die Erstausstrahlung im TV nur als Schaufenster dient, haben Einfluss auf Literatur und Rezeption.
Kernick ist das voll bewusst – und er hat es drauf. Ihm gelingt es, das Tempo der TV-Serien auf den Roman zu übertragen: Gleich auf der ersten Seite fängt er den Leser ein, schaltet den Motor seines Romans in Blitzgeschwindigkeit hoch in den fünften Gang und rast durch die Story bis das Getriebe kracht. Den Leser beim Schlafittchen packen und auf geht’s in die Turboachterbahn. Wie etwa bei „24“ kann er durch das hohe Tempo eventuelle Plotunstimmigkeiten oder Unwahrscheinlichkeiten überfahren, Widersprüche von der Fahrbahn kicken. Und wie „24“ kommt er damit durch weil er genügend Überraschungsmomente im Köcher hat. Wer das nicht mag, sollte die Finger von ihm lassen. Ich dagegen bin froh über Autoren, die nicht mit völlig psychopathischen Forensikstudien wie Patricia Cornwell oder Charakterquark wie die völlig durchgeknallte Mo Hayder daherkommen. Ich langweile mich zu Tode bei diesen Waltons-meet-Dr.Lecter-Geschichten von Karin Slaughter oder Kathy Reich und mir wird übel bei den Reissbrett-Slashern von Cody McFadyan oder der langweiligen Sozialdemokratie eines Hanning Mankells (der Traum aller verlebten Thalia-Kundinnen).
Der 1966 in Slough geborene Kernick wuchs in Henley-on-Thames auf, eine Kleinstadt fünfzig Kilometer von London entfernt. „Ich schreibe, seitdem ich einen Stift halten kann. Es hat Jahre gedauert und einige hundert Ablehnungen, bis ich mit 35 Jahren meinen ersten Vertrag bekam. Ich glaube, ich musste einfach so lange üben und lernen, bis ich was Druckbares hin bekam.“
Mit 19 ging er vom College ab und schlug sich mit einem Job als Transportmanager durch. Nach einem Jahr ging er nach Toronto, wo er wieder aufs College ging und sich verlobte. „Es hielt kein Jahr. Danach ging ich über Australien zurück nach England. Ich hatte Heimweh. Ich ging in Brighton aufs Polytechnikum und machte anschließend die unterschiedlichsten Jobs: Im Straßenbau, als Barkeeper oder als Holzfäller für Weihnachtsbäume. Schließlich etablierte ich mich als Handelsvertreter in der Computerbranche und blieb zehn Jahre dabei.“ In seiner wilden Zeit machte er auch eine böse Erfahrung, die sich wohl in der Intensität bestimmter Szenen in seinen Büchern niedergeschlagen hat: Beim trampen mit Freunden wurde er einmal ausgeraubt. Sie mussten sich ausziehen, wurden geschlagen und kamen gerade noch mit dem Leben davon.
Inzwischen ist er verheiratet, hat zwei Töchter und lebt als erfolgreicher Schriftsteller in Oxfordshire.
„In meiner Jugend war ich ein großer Science Fiction und Fantasy-Fan. Wahrscheinlich hat mich Tolkien am stärksten beeindruckt. Gefolgt von Michael Moorcock – insbesondere die Corum- und Runestaff-Zyklen. Großartig und völlig unterbewertet wie vieles in dem Genre. Auf dem College entdeckte ich Raymond Chandler. Ich las THE BIG SLEEP in einem Rutsch. Es hat mich umgehauen und mir einiges beigebracht. Zum Beispiel, dass man nicht zuviel beschreiben muss. Weniger ist oft mehr, wenn es um Thriller geht. 95% von allem, was ich gelesen habe, war Kriminalliteratur inklusive einer ordentlichen Portion true crime.“ Er sieht sich vor allem von amerikanischen Autoren beeinflusst und bewundert Leute wie Dennis Lehane oder Harlan Coben, den er – wen wundert es – für seine überraschenden Wendungen schätzt. „Mein größter Einfluss war Lawrence Block. Ich habe alles von ihm gelesen – und er hat eine Menge geschrieben. Ich bewundere seine Vielseitigkeit. Er kann alles.“ 2004 hielt Kernick bei der Verleihung der Diamond Dagger Awards für Blocks Lebenswerk eine bewegende Laudatio auf sein Idol. Wie Block schreibt er in einem scheinbar kunstlosen Stil, der sich ganz der Geschichte unterordnet.
Begonnen hat er mit Noir-Romanen in der britischen Tradition. Sein Debut, “Tage des Zorns”/”Vergebt mir!” (The Business of Dying, 2002)
, war ein rabenschwarzer Cop-Roman über einen Bullen, der nebenher Leute umbringt, die es nach seinem Wertesystem verdient haben und ihm zusätzlich ein bißchen Geld einbringen. Er wird von seinem Auftraggeber reingelegt und tötete bei einem Hit unschuldige Zollbeamte. Von da an geht es bergab und schließlich muß er aus England fliehen. Im zweiten Roman über Dennis Milne, “Fürchtet mich” (A Good Day To Die, 2005), lebt er als Gelegenheitskiller auf den Philippinen. Als er vom Mord an seinen besten Freund und Ex-Partner erfährt, kehrt er nach London zurück, um diese Angelegenheit auf seine Weise zu regeln. Laut Aussage des Autors ist dies sein Lieblingsbuch.
Bei der Recherche zu “Tage des Zorns” lernte Kernick Beamte von der Metropolitan Police kennen. “Ich war überrascht, wie angefressen die waren. Sie fühlten sich von Politikern und ihren Chefs unter Druck gesetzt und empfanden sich als dämonisiert, nur weil sie ihre Arbeit taten.
Sie hatten nicht genügend Instrumente, um die Kriminalität einzudämmen, und wurden von der Öffentlichkeit und denjenigen kritisiert, die ihnen diese Instrumente verweigerten. Sie blieben nur wegen der Pension dabei. Ich schickte das Manuskript an einen Agenten, der es ablehnte, nachdem er zuerst Interesse gezeigt hatte. Das traf mich ziemlich hart. Ich dachte daran, was Neues zu schreiben. Aber meine Frau Sally glaubte an den Roman. Ich schrieb ein paar Szenen um und fand eine Agentin, die das Buch anbot. Als mir Transworld einen Vertrag dafür und ein weiteres Buch anbot, nahm ich sofort an, ohne noch Reaktionen anderer Verlage abzuwarten. Das war eine gute Entscheidung. Die Copper waren ebenfalls zufrieden mit dem Buch, da ich keine Verfahrensfehler gemacht hatte.”
Auch die drei anderen frühen Romane behandeln die düstere Welt des organisierten Verbrechens in Nord-London. “Mich hat die organisierte Kriminalität immer interessiert – in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Ich finde es bemerkenswert, daß man Kriminalität genauso wie ein normales Geschäft führen kann, direkt unter den Augen der Autoritäten, die kaum Interesse haben, etwas dagegen zu unternehmen.”
Kein Wunder, dass die meisten Religionen in der Wüste entstanden waren. Was gab es dort schon anderes zu tun?
Andy McNab
Einsortiert unter: Andy McNab, Bücher, Crime Fiction, Fragebogen, Heftroman, Jim Thompson, Krimis, Noir, Porträt | Tags: Film Noir, Fragebogen, George T.Basier, Jim Thompson, Noir
Er gehört zu den wenigen deutschen Thriller-Autoren, die gegen den Strom schwimmen. Und das radikal und kompromisslos. Deswegen veröffentlicht er seine Bücher als Book on Demand, denn er hat keine Lust, sich von inkompetenten Lektoren kastrieren zu lassen. Und sein Erfolg beweist, dass man nicht unbedingt einen Publikumsverlag braucht um interessierte Leser jenseits frustrierter Mittelschichtshausfrauen zu finden. Vor dem Bünnagelschen Noir-Fragebogen also näheres zur Person:
„1969 in Wedel bei Hamburg geboren. Teilweise auf den Schiffen meines Vaters (Kapitän) aufgewachsen. Mutter ist als Köchin mitgefahren. Dadurch habe ich zum Beispiel als Jugendlicher in den frühen Achtzigern den Libanon von innen gesehen.
Nach dem Zivildienst habe ich erfolgreich zwei ingenieurwissenschaftliche Studiengänge in den Sand gesetzt. Finanziert habe ich das Vergnügen mit Jobs in der Alten- und Kinderpflege. Dann hat mir ein Professor geraten, es mal mit der Mathematik zu probieren. Was auch sehr gut gepasst hat. Nebenbei war ich längere Zeit in einer linksautonomen Gruppe aktiv und bin seit über zwanzig Jahren von einer massiven Sportsucht geplagt. Vier bis sechsmal in der Woche ins Fitnesscenter, drei mal Fahrradtraining, zwei mal Joggen, am Wochenende oft eine Mischung aus Wandern und Survivaltraining, oder Klettern und Fallschirmspringen. Gelegentliche Gewaltmärsche, wie etwa in vier Tagen von Hamburg nach Hannover (unter Umgehung von Straßen natürlich) oder ähnliche selbst auferlegte Prüfungen meiner Männlichkeit waren lange Zeit unumgänglich. Gewohnt habe ich immer in Hamburg. Viele Reisen führten mich aber in die Berge und in tropische Regionen, meist mit nur wenig mehr als Taschenmesser und BW-Poncho im Gepäck. Geführt hat mich diese permanente Suche nach meiner Männlichkeit aber nur in eine mittelgradige Depression und ins Schreiben. Vor drei Jahren bin ich mit meiner langjährigen Freundin, wir kennen und schätzen uns nun schon seit fast zwanzig Jahren, und heutigen Frau in die Nordheide aufs Land gezogen und suche nun meine Männlichkeit zwischen Windeln, Einkaufskörben und Herd. Sollte ich eine beschreibende Bezeichnung für mich selbst finden müssen, dann würde ich irgendwo zwischen recyceltem Punk und gescheitertem Mathematiker suchen.“
„Das Buch ist, wie ein Leser in einer Amazon-Rezension ganz richtig vermutet, als Adaption von Frank Millers „The Hard Goodbye“ angelegt. Erreichen wollte ich eine Art Technothriller, ohne die oft scharfe Trennung zwischen Gut und Böse. Wobei das Gute in dem Subgenre ja zu allem Überfluss auch noch oft von staatlichen Stellen kommt z.B. Clancy. Dabei lag mir sowohl der technischer Realismus, als auch das Scheitern, als Gegengewicht zu Hollywood, sehr am Herzen. Bei der Gewaltdarstellung wollte ich vor allem Entsetzen und Eckel erregen. Alles andere kann meiner Meinung nach nur verharmlosen. Das Buch entstand in einem zweiwöchigen Schreibrausch fast ohne Schlaf.“
„Jägers Fall“:
Dieses Buch ist so etwas wie meine „Abrechnung“ mit dem Krimigenre im Allgemeinen. Ich denke, dichter werde ich dem „Standardkrimi“ wohl nie wieder kommen. Schon die Perspektive des üblichen Krimis, Kriminalität als Objekt polizeilicher Arbeit, empfinde ich als falsch, weil es für mich einfach nicht das Wesentliche der Kriminalität zeigt. Die Geschichte ist für mich so etwas wie eine Reise in die kranke Psyche eines Monsters. Etwa so wie ein Gespräch mit einem Fremden auf einer Party, bei dem man im Verlauf langsam merkt wie durchgeknallt der Typ neben einem ist, und wie wenig klar es ihm selber ist.
Das Buch ist ganz anders als „Der Killer und die Hure“ entstanden. Ich habe Flussdiagramme für die Handlung gezeichnet und über längere Zeit hinweg Szene für Szene konstruiert. Erreichen wollte ich dabei auch eine gewisse „Künstlichkeit“, wie in einem Musikstück, deshalb auch Jägers „Refrain“. Überhaupt lasse ich mich gerne von Musik inspirieren. Am liebsten hätte ich noch eine Gebrauchsanweisung für den Leser vorweg gestellt: „Bitte wie ein Mann lesen! Also langsam, mit etwas schleppender Stimme und viel Atempausen.“ Ich glaube anders kann Jäger gar nicht richtig wirken.Man kann „Jägers Fall“ auch als eine Art Fortsetzung von „Der Killer und die Hure“ lesen. Obwohl ich finde, dass die beiden Bücher fast zu unterschiedlich sind. Darüber hinaus hatte ich bei beiden Büchern das Ziel, Leseerwartungen zu enttäuschen. Also den Helden scheitern zu lassen und den Kommissar mit dem Serienkiller zu verschmelzen. Müsste ich mir eine gemeinsame Überschrift, über alles was ich bisher geschrieben habe und alles was noch geplant ist suchen, würde ich sicher Männerwelten wählen.
NOIR-FRAGEN:
Name?
George T. Basier (was natürlich schon gelogen ist, keine Sau heißt wirklich so)
Berufungen neben dem Schreiben?
Familie, Wandern, Filme, Lesen, möglichst oft das Leben genießen (und das kann vieles heißen, von dem Glas Rotwein bis zum Sprung aus einem fliegenden Flugzeug).
Film in Deinem Geburtsjahr?
Ein Fressen für die Geier (Ein Film, den ich immer wieder gerne sehe).
Was steht im Bücherschrank?
Gustav Hasford (Eine Ausgabe von „Höllenfeuer“ mit Charlie Sheen und Tom Berenger auf dem Cover! Das meint man wohl mit Ignoranz!), Cormac McCarthy, Andrew Vachss, Jim Thompson, James Lee Burke, Robert B. Parker, Joe R. Lansdale, James Sallis, Daniel Woodrell, Andy McNab… und viele Fachbücher zu diversen Themen (von Konfliktforschung über Reisebeschreibungen bis hin zu Mathematik)
Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Ich glaube, so etwas hatte ich nie.
Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Das Harter-Mann-Schöne-Frau-Ding.
Ein paar Film noir-Favoriten?
Sin City – ihr könnt mich schlagen, aber gibt es etwas Plakativeres, etwas, wo der Kontrastregler weiter aufgedreht wurde?
Und abgesehen von Noirs?
Brazil, Naked Lunch, Harold and Maude, Barton Fink, Buffalo 66, Secretary, Fight Club, Dark Star, Tremors, Falling Down, Alien, Heat, Blade Runner, Die Brücken am Fluss, Hinter dem Horizont…das ist fast grenzenlos, ichglaube, es gibt für jede Stimmung einen Film, der mir gefällt.
Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Ein paar meiner Figuren zum Beispiel. Alleine dafür, dass sie in meinem Kopf herum geistern.
Internet?
Was mich gerade interessiert.
Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Das Omega-Männchen, das plötzlich durchdreht und alles kurz und klein haut.
2. Und der Spitzname dazu?
Butschi.
3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Frank Miller (vielleicht in Koproduktion mit Andy McNab).
4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World
Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
„Meinst du mich? Redest du mit mir?” Natürlich in Anlehnung an Taxi Driver.
5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Postkartographie in brillanten Farben. So brillant, dass jede Hautunreinheit auf meiner fettigen Stirn sichtbar wird.
6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Rummelsnuff.
7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Die freundliche Kassiererin von Aldi, die mich fast an das Gute imMenschen glauben lässt, mich dann aber verarscht.
8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
Geplant wäre ein Lada Niva, aber wahrscheinlich würde es ein uralter Fiat 500 werden, mit etwas Pech sogar in Lila, ich kenn mich doch!
9. Und mit welcher Bewaffnung?
Alles was in die klapperige Karre rein geht: HK MP7, HK416, FN Minimi, Glock 19.
10. Buch für den Knast?
Die Nackten und die Toten, damit ich weiß, wie gut es mir geht.
11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Ich fürchte: „Er hatte Schuhgröße 42!“:
Einsortiert unter: Andy McNab, Bücher, Conspiracy, Crime Fiction, James Bond, Krimis, Krimis,die man gelesen haben sollte, LUCIFER CONNECTION, Politik & Geschichte, Rezensionen, Söldner, thriller | Tags: 007, Andy McNab, Ian Fleming, Joseph Kony
Während mir beim Shooting Star des Polit-Thrillers, Tom Cain, die elend breit getretene Liebesgeschichte ziemlich auf den Senkel ging, kann ich das für Andy McNabs letzten (deutschen) Thriller DIE ABRECHNUNG nicht sagen. Seinem Helden, dem von Schuldgefühlen getriebene Nick Stone, lacht endlich mal etwas Glück: Er ist verliebt in Silke, die deutsche Stieftochter eines Milliardärs und er lebt bei ihr in Lugano. Lugano gefällt Nick ganz gut: „An leberfleckigen Handgelenken baumelten genug Gold und Diamanten, um die Staatsschulden eines Entwicklungslands zu bezahlen und Bob Geldorf genug Kleingeld für einen Haarschnitt übrig zu lassen.“ Silke und ihr Vater wohnen natürlich in bester Lage mit Blick auf See und Bankenviertel. „Manchmal fragte ich mich, ob Stefan dieses Haus gewählt hatte, weil sein Geld dort unten im Tresorraum einer Bank lag und er die ganze Nacht am Fenster sitzen und beobachten konnte, wie sich Zinsen ansammelten.“ Natürlich ist Papa ein Riesenarschloch. Der Ex-Special Force (SAS) McNab weiß nur zu gut, für welche Kretins er 19 Jahre sein Leben riskiert hat und wie er ununterbrochen von den Regierenden verarscht wurde. Silke hat den weit verbreiteten Schuldkomplex ihres Milieus, macht aber etwas dagegen: Sie arbeitet für eine weltweit operierende Hilfsorganisation. Eines Tages verschwindet sie ohne ein Wort. Nick, den der Stiefvater sofort rausschmeißt, erfährt das Ziel ihrer Mission. Die Ituri, Provinz im Ost-Kongo! Und Nick erfährt auch, das just dieses Gebiet mit seinen Minen das Ziel einer Großoffensive von Joseph Konys Gods Resistance Army ist. Kony sollte man googeln. Er ist momentan der wahrscheinlich durchgeknallteste Menschenfresser, der in Afrika kein offizielles Amt einnimmt. Er möchte gerne mit seinen Kindersoldaten aus Uganda einen Staat machen, der nach den zehn Geboten ausgerichtet ist. „Der Typ war so durchgedreht, dass er glaubte, Fahrräder dienten nur dazu, die Behörden über seinen Aufenthalt zu informieren – wer mit einem Fahrrad erwischt wurde, bekam die Füße abgehackt. Und jetzt schien er seine Aufmerksamkeit auf den kongolesischen Bergbau zu richten.“ Nick zögert nicht lange. „Ich wusste nur, dass ich Silky aus dem Scheißland holen wollte.“
Er mobilisiert alte Söldnerkontakte, reist in den Kongo und tut, was ein Mann tun muss. Und das so authentisch, wie es nur jemand mit McNabs Background schreiben kann. Der Plot erinnerte mich etwas an den zweiten Teil meines Romans DIE LUCIFER CONNECTION. Da musste ich mal tief Luft holen. Hat es ein Andy McNab wirklich nötig, in meinen Schubladen zu wühlen? Mit seiner Ausbildung hätte er das durchaus hinkriegen können. Nee, in England ist der Roman bereits 2006 erschienen. Also werde ich vielleicht künftig mit dem Vorwurf leben müssen, von diesem Roman inspiriert worden zu sein. Was nicht stimmt, denn während des Schreibens kannte ich ihn noch nicht. Und irgendwie sind sie doch sehr unterschiedlich und McNab ist zweifelsfrei der bessere Autor.
McNabs zynische Nick Stone-Thriller sind eine Synthese aus Ian Fleming und Eric Ambler. Er ist sehr stark in der Analyse zeitgenössischer Konflikte, die er geschickt wie Forsyth als Katalysator für die Handlung einsetzt. Er schreibt wahrscheinlich die besten Action-Szenen im aktuellen Polit-Thriller; sie atmen alle die Erfahrungen des Ex-Spezialisten, der 1993 als höchstdekorierter Soldat der britischen Armee aus den Dienst schied. Mit seinen Erinnerungen an den Irak-Krieg, BRAVO, TANGO, ZERO (verfilmt mit Sean Bean) gelang ihm der Durchbruch. Es ist das meistverkaufte Kriegsbuch aller Zeiten und mit jedem neuen Thriller scheffelt er Millionen. Als aktiver Soldat war er einst Gefangener Saddam Husseins und wurde zwei Monate lang gefoltert. Er steht immer noch auf der Todesliste verschiedener Organisationen und niemand kennt sein Bild: Im Fernsehen oder bei Lesungen tritt er nur maskiert auf (oder wird im Schatten abgefilmt). Der eifrige Autor (mindestens zwei Bücher pro Jahr und unzählige Artikel) gehört in England zu den bekanntesten Personen; dort hat sich seine Autobiographie eine Million mal verkauft!
Außerdem ist er der Wegbereiter für etwas, dass man inzwischen fast als ein Subgenre bezeichnen könnte: Thriller früherer Special Force-Angehöriger wie etwa Chris Ryan oder Mike Curtis. Im deutschsprachigen Raum pflegt ihn Blanvalet seit geraumer Zeit und seine Fangemeinde wächst. DIE ABRECHNUNG mit seiner 50seitigen Schlachtszene zu Beginn ist ein guter Einstieg für neue Leser, aber um die volle Droge zu bekommen, sollte man die Stone-Thriller chronologisch von Anfang an lesen.
Andy McNab: Die Abrechnung. Blanvalet 37028, 2008. 443 Seiten, 8,95 gut angelegte Euro.



