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Auch die Feinde der Science-Fiction-Faschisten überwinden bei r.evolver locker alle hochkulturellen Geschmacksgrenzen. Sie sind nämlich keine Churchills und Roosevelts, sondern bolschewistische Werwölfe von einem fernen Planeten – oder auch Disco-Zombies aus dem All, die mit Rollschuhen und Lasterstrahlen das Ewiggestrige auch übermorgen noch auslöschen wollen. Und dann gibt es noch eine ganz besondere Gegnerin, die dem braunen Pack das Genick brechen wird; eine Frau, die im knappen Lederdreß daherkommt wie eine etwas übergewichtige Version von Emma Peel; eine Agentin des britischen Geheimdiensts, die mit Stilettos so perfekt umgehen kann wie mit ihrem tödlichen silbernen Stilett.
Sie heißt Kay Blanchard und ist die Heldin von Nazi Island Mystery. Sie ist launenhaft und wirft jede Droge ein, die sie in die Finger kriegen kann – weshalb sie auch kapitelweise halluziniert wie in einem Sixties-Streifen über die Wunder und Gefahren von LSD. Sie hat eine dreckige Phantasie, locker-lüsterne Finger und immer Lust auf Sex, ob mit Männern oder Frauen, Karate-Girls oder Gestaltwandlern, Mad Scientists oder Monstern. Und sie ist unglücklich in ihren Chef verliebt, wie sich das gehört.
Kay killt gern, oft und effizient. Natürlich immer im Auftrag des Guten, obwohl sie den manchmal vergißt, weil die Welt um sie herum so irrsinnig ist. Das gilt auch für die Verschwörung, die sie in ihrem Debütroman aufdeckt: Der Plot ist so ausgeklügelt verwirrend, daß man sich als Leser schon manchmal fragt, warum sich’s die Bösen nicht endlich einmal ein bißchen einfacher machen … aber genau das macht ja guten Pulp aus.
Jedenfalls, was ich eigentlich sagen wollte: So muß ein guter Krimi heutzutage aussehen. Und so sieht auch ein Buch aus, mit dem man eine neue Reihe eröffnet. Sonst läßt man’s lieber ganz bleiben.
P. S.: In The Nazi Island Mystery kommen übrigens weder Tiger noch Terroristen vor. Aber in den Titel dieses Vorworts paßten sie viel zu gut, um ganz auf sie zu verzichten …
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Ich habe das große Vergnügen, in meinem Blog Peter Hiess´ Vorwort zu NAZI ISLAND MYSTERY in mehreren Teilen zu veröffentlichen. Wer danach nicht Lust auf erfrischenden Schmutz & Schund hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Neben erfreulichen Bemerkungen zur zeitgenössischen Kriminalliteratur erfährt der Leser im Interview im Anhang des Romans auch eine Menge zur Entwicklungsgeschichte der Okkupation des Internets durch deutschsprachige Pop-Pioniere . In unserer Ära reduzierter Erwartungen kann ein retrospektiver Blick zur Ursachenerkenntnis führen.
Terror, Trips & tote Tiger
von Peter Hiess
Haben Sie in letzter Zeit einen Krimi gelesen? Na grüß Gott …
Es muß ja nicht einmal einer von diesen skandinavischen Kriminalromanen sein, die aus unerfindlichen Gründen immer noch angesagt sind – diese unwahrscheinlich öden Berichte aus der Psyche des Nordmenschen, in der noch dazu die gesamte Umgebung des Ermittlers, ob urban oder ländlich, bis in die kleinste Einzelheit beschrieben wird. Und auch keine Donna Leon, deren behäbiger Commissario Brunetti nur mehr ein Held für alternde Grüne und Sozialdemokraten ist, die zum Sterben in die Toskana gehen.
Es genügt schon der durchschnittliche europäische Kriminalroman, der sich gern als Literatur verkleidet und unseres angeblichen Alltags annimmt, zumindest so, wie das AutorIn ihn sieht. Besagter Alltag hat aber im Regelfall leider gar nichts mit der potentiell spannenden Korruption und endlosen Perversion der Mächtigen in Brüssel zu tun, auch nicht mit echter Wirtschaftskriminalität, der Ostmafia oder der von oben verordneten Hilflosigkeit der Polizei – und schon gar nicht mit dem realen Kleinkrieg in den Städten unseres alten Kontinents, der mit Gewalt zu einem neuen umgeformt werden soll.
Nein, nein, das wäre ja alles politisch unkorrekt, käme nie in den Genuß einer staatlichen Förderung und würde vom Feuilleton bestenfalls ignoriert werden. Da befaßt man sich als hoffnungsvoller Kriminalautor doch lieber mit dem, was man aus dem Fernsehen kennt. Soll heißen: In jedem Heuschober werden Kinder geschändet und traumatisiert, in großbürgerlichen Villen mißhandelt immer irgendeiner Frauen und traumatisiert sie noch schwerer, sogar die Serienkiller haben alle ihr Psycho-Packerl zu tragen – und hinter jedem Strauch lauert irgendein alter Nazi, oder auch ein neuer, oder gar eine ultrarechte Verschwörung, die unbedingt das zwölfjährige Reich wieder zurückbringen will.
Und das, meine Damen und Herren, war schon am Anfang ein bißchen öd, wird aber in der x-ten Wiederholung mehr als langweilig.
Die Amerikaner haben es da viel leichter: sie müssen sich nicht ewig mit demselben winzigen Ausschnitt der Geschichte herumschlagen, sondern dürfen sich im Krimi mehr erlauben. Deshalb kommen aus den USA – neben Schema-F-Schnitzeljagden à la Dan Brown – auch realistische Großstadtschilderungen, packende Agententhriller, großartige Serien über einsame Ex-Militärpolizisten und exzentrische FBI-Agenten, herrlich ungute Geschichten aus dem Hinterland und ebenso schnell wie glaubwürdig geschriebene Romane über versoffene Privatdetektive, knallharte Bullen und romantische kleine Gauner.
Warum das so ist? Weil man sich in den Vereinigten Staaten nicht für seine Pulp-Vergangenheit geniert – im Gegensatz zu unsereinem, der durch allerlei „Schmutz & Schund“-Kampagnen und die abfällige massenmediale Betrachtung der „Trivialliteratur“ geschädigt ist. Die Amis sind mit Comics und absurden Fernsehserien aufgewachsen. Sie haben billige Taschenbücher verschlungen, auf deren Cover immer ein harter Hund mit Hut und Pistole sowie eine leichtbekleidete Femme fatale zu sehen sein mußten. Und wenn in ihrer Popkultur Nazis vorkamen, dann nur in der Hogan’s Heroes-Variante: böse und doch irgendwie saublöde Deutsche in schwarzen Uniformen, die dauernd „Jawoll, mein Führer!“ oder „Schneller, Shveinhundt“ sagen und bei ihren Welteroberungsplänen gern mit verrückten Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Wie im wirklichen Leben halt …
Genauso geht es auch in r.evolvers Roman The Nazi Island Mystery zu. Natürlich gibt’s darin jede Menge Nazis, das kündigt ja schon der Titel an, und die haben – zehn Minuten in der Zukunft – auch ihr Viertes Reich, aber das ist eigentlich nicht mehr als eine Dauerwerbe-Show mit blutigen „pseudohistorischen“ Spektakeln, Doppelgängern längst verstorbener Prominenter und schmierigen Typen, die sich am liebsten zu noch schmierigeren Exploitation-Pornos selbst befriedigen. Hitlerland, sozusagen; ein direkter Abkömmling unserer gegenwärtigen Entertainment-Industrie, das überzogenste Reality-TV seit Caligula. Daß diese üblen Charaktere auf ihrer streng geheimen Insel was besonders Hinterhältiges aushecken, ist klar und gehört auch in so einen Roman; daß die Leiterin des dort ansässigen Labors eindeutig nach dem Muster der legendären Ilsa (She Wolf of the SS) geschnitten ist, freut wiederum den Fan trashiger Spezialitäten.
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Um mal zu illustrieren, wie dreist und blöd die verkommene Fernsehkritik in unserem Lande inzwischen ist, möchte ich auf die ANGESICHT DES VERBRECHENS-Besprechung auf Stern.de verweisen:
Eine Sophie Albers hat sie geschrieben und jetzt, haltet Euch fest! – kommt ein Knallerzitat: „So beginnt diese große Geschichte, die in ihrer Vollständigkeit an amerikanische Kino- und Fernseherfolge wie “Der Pate”, “Die Sopranos” oder auch “The Wire” denken lässt. Aber nur kurz. Denn Graf hat originäres deutsches Fernsehen geschaffen. Nur fehlten bisher die Vorbilder zum Vergleich. Nun gibt es ein Vor und Nach “Im Angesicht des Verbrechens”. Denn an der detailverliebten Lust der Erzählung wird sich alles messen lassen müssen, was kommt.“
![sopranos[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2010/05/sopranos1.jpg?w=420&h=283)
Die Sopranos nach einem Besuch bei frechen Kritikern.
Da können sich ja RTL, SAT usw.freuen. An dem gemessen, kann jede ihrer Schrottserien punkten. Das die Dame sich nicht schämt, die SOPRANOS als Vergleich anzuführen… Da kann ich nur vermuten, dass sie über einen IQ verfügt, den ein Muli als Beleidigung empfinden würde. Jedenfalls hat sie sich mit diesen Zeilen ausreichend als Juror für Grimme- und sonstige Jurys empfohlen, die Preise für die allgemeine genetische Vulgarität der Branche verleihen. Bei all der Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern wollen wir aber nicht vergessen, dass das Ende der westlichen Zivilisation ziemlich genau auf den Tag fällt, als RTL den Sendebetrieb aufnahm.
Aber der STERN macht auch Mut und lässt Vertrauen in die TV glotzende Menschheit zurückgewinnen. Zwei „Leserbriefe“ zu Sophies verzücktes Gestammel:
knast (28.04.2010, 16:50 Uhr)
postpupertäres Nichts
Die Begeisterungsstürme, welche die Serie ausgelöst hat sind nicht nachzuvollziehen.
Wer in den 90er Jahren stehengeblieben ist, mag diese Serie revolutionär finden, wer im Heute lebt schaltet schnell ab und verschont sich.
Nichts als ein uninspirierter Aufguss von Stilelementen, die wir schon lange satt haben und einfach nur noch nerven.
Unreifes und pupertäres Nichts
saulus (28.04.2010, 14:05 Uhr)
Im Angesicht…von was?
Nun habe ich mir diesen Krimi gestern bei meinen Nachbarn auf Arte angetan und kann die Artikel auf stern.de und spiegel.de nicht nachvollziehen. Spannend, Suchtpotenzial…Vergleich mit den “Großen” des Genres? Also bitte, die Autoren müssen einen anderen Krimi gesehen haben wie ich.
Positiv: Doppelfolge, keine Werbepausen, die Musik war mal nicht so extrem nervend wie sonst.
Und sonst: Nichts was erwähnenswert wäre und schon garnichts was derartige Artikel rechtfertigen würde. Der Krimi wirkt streckenweise peinlich und billig, der Cutter (Generation MTV?) hatte offensichtlich alle Hände voll zu tun und wurde (ich hoffe) gezwungen diese extrem weichen Blenden zu setzen. Die Kamera ist nicht erwähnenswert, weil einfach schlecht!
Der Autor hat recherchiert? Wo denn? Wahrscheinlich im King George bei viel zu viel billigen Wodka. Das die Russen mit den Vietnamesen Zigarettengeschäfte machen, ist schon so alt, da kräht kein Hahn mehr nach.
Naja wenigsten habe sich “die Macher” dieses Werkes nicht so peinlich selbst gefeiert, wie sonst üblich.
Fazit: Leute so wird das nüscht!
Um nicht hoffnungslos zu enden, empfehle ich folgende TV-Krimis, die momentan auf Kabelsendern zu sehen sind und intelligente und spannende Unterhaltung garantieren:
SPOOKS (ZDF NEO und FOX)
SOPRANOS-Wiederholungen bei FOX
LIE TO ME Mittwochs auf VOX
HUSTLE (ZDF NEO)
CRACKER-Wiederholungen auf RTL CRIME
DER PREIS DES VERBRECHENS (freitags direkt nach HUSTLE auf ZDF NEO)
MIAMI VICE-Wiederholungen auf ZDF NEO und AXN
KILL POINT auf AXN
P.S.: Ich habe es versucht! Ich habe nochmals versucht die Dominik Graf-Serie von anfang an zu gucken! Es war noch schlimmer als in der fast verdrängten Erinnerung.Ich bin nach einer halben Stunde schreiend aus dem Haus gelaufen und habe erst am nächsten Tresen mit Herzrasen gestoppt. Erst vier Jamies später war ich trotz des gesehenen Grauens bereit, weiter zu leben. Dann habe ich mir Cronenbergs EASTERN PROMISES angesehen um mir zu bestätigen, dass man mit dem Thema Russenmafia tatsächlich beeindruckend und umfassend umgehemen kann. Und das auf nur 100 Minuten. Jaja, Kinofilm, ich weiß. Aber das Papier, auf dem ein Drehbuch entsteht ist da auch nicht teurer als beim Fernsehen.
![spooks_team[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2010/05/spooks_team1.jpg?w=420&h=315)
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Warum versteckt man zu Ostern keine deutschen TV-Krimi-Serien?
Weil sie keiner sucht.
Dominik Graf. Dominik Graf! Ein Namen, der mir Schauder über den Rücken jagt. Wie oft wurde ich mit Produkten von diesem immer schon überschätzten.Filmerchen als Grimme-Juror gequält (seitdem ich nicht mehr als Juror zur Verfügung stehe um das Schlimmste zu verhindern, sackt er nur so die lächerlichen Preise ein, die den provinziellen Standort des Marler Grimme-Inmstituts vorzüglich illustrieren). Aber vielleicht waren die Stunden mit Dominiks Fernsehfilmen eine kleine Abzahlung auf mein Karma-Schuldenkonto. Ich war immer froh, wenn ich ihn hinter mir hatte. Seine anhaltende Bewunderung durch hirnentkernte Kritiker (die diesen Job als Entschuldigung nutzen um den ganzen Tag vor der Glotze zu hocken statt ein Leben zu führen) haben Dominik immer dreister werden lassen. Diese halten ihn für einen bedeutenden Filmemacher, weil seine Stories noch schlimmer sind als seine Regie. Es sind Kritiker, deren natürlicher Lebensraum die televisionäre Müllkippe ist. Sein Talent beruht vor allem darauf, dass er sich für seine schlechten Angewohnheiten (irgendwas drehen), von ARD und ZDF Gebührengelder geben lässt. Die hoch gelobte Ästhetik dieses cineastischen Buben wirkt wie Ladendiebstahl in einem Gebrauchtwarenhandel.
Und nun ist er wieder da, um zu zeigen, wo der Wastl den Krimi-Most holt. Höchstes Niveau! Realismus des Verbrechens aber dramaturgisch doch viel besser aufbereitet als das die bemitleidenswerten Angelsachsen hinkriegen. Bei den Vorbereitungen war Dominik vielleicht sogar zu HBO gepilgert und hatte unter Polizeischutz die Brutstätten des Lasters besucht. Und was findet er? Den Russen als Endlosklischee, der bei Jürgen Roth nachschlagen sollte, wie die Geschäfte wirklich ablaufen. Aber das wissen wir ja seit den Nazis: Der Russe ist grausam.
Die schönste Meldung zu dieser Krüppelproduktion war die, dass die Produktionsfirma durch die zügellose Üppigkeit dieses Mehrteilers Insolvenz anmelden musste. Vielleicht die herausragendste Leistung in der Karriere des Dominik Graf. Über 10 Millionen soll diese Schlaftablette gekostet haben! Geld, das unseren Kindern fehlt!
Worauf bezieht sich der Titel eigentlich? Auf die Wahrnehmung eines Fernsehzuschauers angesichts des Verbrechens, ihm Lebenszeit zu rauben?
Ich habe nur 15 Minuten durchgehalten. Deswegen jetzt also CHRISTIAN LUKAS mit seiner kompakten Schilderung verschwendeter Gebührengelder. Christian, ein vielseitiger Roman- und Sachbuchautor, hat mehrere Bücher über TV Serien geschrieben, u.a. über DR.HOUSE, AKTE X und DESPERATE HOUSEWIFES. Dann mal los:
In Gottes Namen. Ich wollte die zehnteilige Serie von Dominik Graf heute anfangen zu schauen. Auf arte. An mehreren Abend je zwei Episoden hintereinander. Alles klang gut, das Budget war groß, die Freiheit des Regisseurs wohl einmalig. Deutschlands Sopranos, The Wire, ja der deutsche Pate wurde da im Vorfeld gesungen. Das alles habe ich von Anfang nicht geglaubt, aber gute, vielleicht sogar sehr gute Unterhaltung – die habe ich mir schon erhofft, denn es schien alles zu stimmen. Russenmafiosis, Polizisten in einem hoffnungslosen Krieg, Familienbanden, ein bisschen Action… Schau’n mer mal.
Was aber sagen die wirklich teils euphorischen Kritiken im Vorfeld über meinen Berufsstand, den Berufsstand des Kritikers aus?
Dass Berufsverbote durchaus ein Mittel sein können? Oder dass meine Kollegen alles fiese Sadisten sind, die sich gesagt haben: Ich habe diesen Müll ertragen müssen, warum soll es den anderen Leuten besser gehen? Guido Westerwelle lässt sich schließlich auch nur im Kollektiv ertragen.
Ja so eine Scheiße habe ich seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Bitte? Es sind zehn Teile und während ich diese Zeilen schreibe läuft noch die zweite Folge auf arte? Gut, ich habe nach 35 Minuten aufgegeben. Ich gebe es zu. Ich gebe zu, ich bewerte eine 500 Minuten lange Geschichte nach 35 Minuten, ohne zu wissen, in welche Richtung es weiter geht, was geschehen wird, ja eigentlich bevor die Geschichte richtig angefangen hat. Darf ich das als Kritiker? Die Antwort lautet: Ich muss! Ich werde in diesem Jahr 40 Jahre alt. Meine Uhr tickt, ich habe nicht mehr so viel Zeit. Da kann ich nicht darauf warten, dass eine Serie vielleicht mit der dritten, vierten oder fünften Episode gut, ja vielleicht großartig wird. Jeder Groschenheftautor lernt: Am Anfang muss es krachen, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erhaschen. Danach? Egal! Wenn der Leser erst einmal dabei ist, kannst du es auch mal ruhig angehen lassen, du hast ihn ja am Wickel.
Aber diese Serie?
1.) Die Figuren werden eingeführt und sind erst einmal alle doof. Ja, ich wähle dieses Kinder-Wort – doof – ganz bewusst, denn sie sind nicht Scheiße. Eine Figur, die Scheiße ist, an der kann ich mich ja zumindest reiben, mich über sie aufregen. Nein, diese Figuren sind doof. Ob sie ficken, fluchen, saufen oder in der Nase bohren: Langweilig! Es ist mir egal. Man bekommt x Figuren vorgesetzt – und alle doof, weil alle sich verhalten wie Schauspieler, die doofe Rollen spielen. Also, ich habe> manchen Therese Orlowski Film gesehen, als ich … na ja, damals eben. Und wenn man sich beim Anschauen einer arte -Produktion auf einmal denkt: Hey, die Figuren in dem und dem Porno, die hatten ja schon irgendwie eine interessante Persönlichkeit, so im Vergleich zumindest…
2.) Der Soundtrack, oder das, womit die Szenen klangtechnisch untermalt werden: Ich habe Tinnitus, Leute, ich bin auf dem linken Ohr schwerhörig. Das ist nicht schön. Aber nach diesen 35 Minuten habe ich festgestellt: Taubheit ist eine echte Alternative.
3.) Spannungsaufbau. Es gab eine richtig gute Actionszene in diesen 35 Minuten. Klasse inszeniert, echtes Spielfilmniveau, keine Jahrmarktsattraktionen á la Alarm für Cobra 193. Plötzlich und unvermittelt nahm die Handlung richtig Fahrt auf, die Figuren tanzten nicht dumm in der Gegend herum, nein, das war richtig gut. Es war auf den Punkt inszeniert und wurde genau in dem Augenblick, in dem man als Zuschauer gebannt der Handlung folgte, in der sich – aus dem Nichts kommend eine Dramaturgie anbahnte – abgebrochen. Stattdessen: Ein Schwenk auf zwei Russenmädchen, die zur Prostitution gezwungen werden. Das sollte jetzt echt tragisch sein. Hey, die armen Mädchen, kommen nach Deutschland und werden so echt fies ausgenutzt. Natürlich ist das fies und natürlich gehört jeder Kerl, der Frauen zu so etwas in der Realität zwingt an den Eiern aufgehängt. Aber dies ist nicht die Realität, es ist eine Serie. Und krass gesagt: Hier sind mir diese Mädchen zu diesem Zeitpunkt nicht nur fremd. Sie sind mit egal, weil ich sie nicht nahe gebracht bekomme.. Abgesehen davon, dass mir diese dämlichen Weiber gerade die Dramaturgie versauen. Es ist wie mit RTL-Actionserien, die Drama sein wollen, weil es Folgen gibt, in denen Kinder in Gefahr geraten. Kinder, die ich nicht kenne und mir daher – im Kontext einer Serie, zu deren Figuren ich ja eine wie auch immer geartete Beziehung aufbauen soll – kackegal sind und ich sie vielleicht sogar für naseweiße Rotzlöffel halte, die mal ein ordentliches Trauma verdient haben. Statt dessen… Irgendwie bin ich raus, die gesamte Dramatik – fürn Arsch.
4.) In den ersten 30 Minuten geht es um die Familien, die im Mittelpunkt stehen. Die einen Russenmafiosi, die anderen irgendwie jüdische Einwanderer aus dem Baltikum und auch irgendwie Mafiosi, aber eher Drittligisten. Verbunden werden sie über die Tochter aus jüdischem Hause, die mit dem Russenobermafiosi verheiratet ist. Und dann gibt es einen Bruder, der wurde vor Jahren erschossen (ich wette mal, der Russenmafiosi hatte seine Hand im Spiel, buh). 30 Minuten Familienfeiern und Marie Bäumer als Akkordeonspielerin mittendrin. Wir erfahren also: Baltische Juden und Russen feiern gerne. Auch wenn man toten Söhnen gedenkt. Nette Völker. Aber ihre Musik ist scheiße. Und irgendwie sind die Farben so blass gehalten, dass das alles nicht wirklich fröhlich wirkt. Weil das Leben eben doch nicht nur eine einzige Feier ist? Von einer guten Kameraarbeit bei einer Außenszene abgesehen wirkt das alles zu sehr nach ZDF-Fernsehspiel 1982 (lässt Graf seine Actionszenen von jemand anderen inszenieren, die sah schließlich geil aus, im Gegensatz zum Rest). Was Graf will ist klar: Er will uns die Welten der Hauptfiguren vorstellen, es geht ihm nicht um eine stringente Handlung á la MIAMI VICE oder SPOOKS. Er ist ein Autheur, einer, der sich für Figuren interessiert. Und er hat die SOPRANOS gesehen. Er weiß, dass man heute eine Serie über das Verbrechen machen kann, ohne dass es um konkrete Verbrechen geht. Und natürlich muss er sich etwas mehr Zeit für diese Leute nehmen als die Amis. Im Falle der amerikanischen Sopranos ist es so: Jeder weiß – da gibt es die italienische Mafia, Mafiosis lieben alle Frank Sinatra und haben ein Faible für Goldkettchen. Es ist Popkultur, man muss da nichts groß erklären, Graf hat es da etwas schwerer. Aber was macht er daraus? Er zeigt uns 35 Minuten doofe Figuren (siehe 1.), und stellt dann noch die untalentierteste Schauspielerin in den Mittelpunkt des Geschehens, die er finden konnte. GIBT ES IN DIESEM LAND EIGENTLICH NUR BESCHISSENE SCHAUSPIELERINNEN????? In Gottes Namen, wir haben doch gute Synchronsprecherinnen, Frauen, die wirklich dramatisch sprechen können. Was ist? Können die nur sprechen? Oder sind die alle hässlich, einbeinig oder alle über 60? Gibt es Verträge, die es Synchronsprecherinnen verbieten in Filmen auch mal vor die Kamera zu treten? Leider ist Maria Bäumer zwar nett anzuschauen, aber die Last der Hauptrolle wiegt viel zu schwer auf ihren Schultern als dass sie diese stemmen könnte – ein Problem vieler deutscher Produktionen, es scheint fast so als seinen männliche Regisseure hierzulande nicht in der Lage, Schauspielerinnen zu führen, so wirkt Maria Bäumer oft verloren in den wenig erquicklichen Bildern dieses seltsamen TV-Wasauchimmer).
5.) Das Ding ist rassistisch. Also: Wir haben jüdische Mafiosi. Oder zumindest Leute, die es mit dem Gesetz nicht so ernst nehmen. Also: Herr Graf weiß: Ich darf heute Gangster als Menschen darstellen. Tony Soprano war ja ein netter Kerl, obwohl Mafiosi. Und seine Mama war der Teufel. Eine interessante Umkehrung klassischer Muster. Also sind diese Leute nicht unsympathisch. Sie sind aber doof, wie ich noch einmal betonen möchte. Außerdem: Einer ihrer Söhne ist ja Polizist. Er ist der Bruder der Bäumer. Ups, wenn die Russen was mit dem Mord an seinem Bruder zu tun haben, Mensch, das wäre ja eine dramatische Entwicklung! .Diese Leute scheiden als Fieslinge aus. Also die Russen, die, wir erfahren ja schnell, dass der Oberböse zwei nette Kinder hat (zumindest wirken die Blagen jetzt nicht so scheiße, dass man sie Alarm für Cobra 193 als die dramatischen Kinder in Not für eine Doppelfolge ausleihen möchte). Also scheint der Russe ja, in seiner Welt, irgendwie auch ein Mann mit mehreren Gesichtern zu sein. Und nachdem es bei “House” sogar eine Folge gab, in der ein afrikanischer Dikator als durchaus widersprüchliche Figur dargestellt wurde, scheiden die als die fiesen Drecksäcke, die man einfach nur hassen muss aus. Aber der Deutsche braucht Feindbilder. Also Italiener? Nee, das ist zu sehr Klischee! Polen? Nee, alles nur Kleinkriminelle. Außerdem sind polnische Frauen, die bei Lidl an der Kasse arbeiten, auch arme Schweine… Moment: Vietnamesen.. Klar, es geht um Russenmafia, da ist der Vietkong nicht weit. Und wir wissen ja, Vietnamesen knallen sich gerne mal wegen ein paar Zigaretten ab. Ihre Sprache versteht keine Sau, und auseinanderhalten kann man die auch alle nicht. Na bitte: Hier haben wir die Bösen. Die tauchen im Rudel auf, wie Ameisen, ohne eigene Identität und ihr Boss ist ein Mann im weißen Anzug. Scheiße! Ich erkenne buddhistische Bezüge! Was für ein hochgebildeter Weltmann dieser Graf doch ist.
Und das Schlimmste: Da Herr Graf sich bei der Inszenierung dieses Zehnteilers ja angeblich aufgeführt hat wie ein drittklassiger mittelamerikanischer Diktator – inklusive Ärger mit dem Gewerbeaufsichtsamt und der Pleite der Produktionsfirma – werden nun andere Leute, vielleicht ähnlich ambitionierte Projekte angehen. Boah, also. Vielleicht doch lieber Musikantenstadl mit Florian Silbereisen…
Habe ich mich eigentlich bereits über den Schnitt geäußert, über den vollkommen uninspirierten Einsatz von (Mini-)Jumpcuts, von Wackelkamera (die aber gar nicht richtig wackelt), von der Atmosphäre eines ZDF-Fernsehspiels von 1982 (ja, doch, zumindest das habe ich). Übrigens: Die Actionszene war auch in Bezug auf die Bildmontage richtig gut… Immerhin eines hat dieser Müll bewirkt: Ich habe mich hingesetzt und statt zu arbeiten diese E-Mail geschrieben. Das schafft nicht jeder Scheiß. Soll mich das jetzt nachdenklich stimmen?
Ich glaube nein.
Und noch einmal: Es interessiert mich nicht, wie sich die Serie weiter entwickeln wird. Selbst wenn sie am Ende Akte X, Stargate, Ally McBeal, das Gesamtwerk von Martin Scorsese und Steven Spielberg sowie alle französischen Splatterfilme der Jahre 2006 bis heute alt aussehen lassen sollte (Tröste dich, Christian. Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahren habe, haben alle Teile das von Dir beschriebene Nivieau spielend gehalten.M.C.): Der erste Eindruck macht die Musik. Und nach diesem Eindruck möchte ich mich nur noch duschen und abschrubben. Mit einer Nagelbürste. Auch dort, wo man die normalerweise niemals benutzen sollte.
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Innovationslos dümpeln die Großverlage vor sich hin (schenken uns aber neben dem schlimmsten Mist, der je Papier vergewaltigt hat, auch gelegentliche Highlights von der Spitze des Eisbergs). Das ist die Chance für kleine Verlage (die aber leider auch interessante Segmente nicht besetzen oder nutzen). Jetzt gibt es einen neuen Verlag, der zu den schönsten Hoffnungen verführt: EVOLVER BOOKS. Nicht von Ungefähr nach dem ältesten deutschsprachigen Internet-Magazin für Populärkultur benannt. Hinter dem Buchverlag stehen die beiden Männer, die auch das Magazin erfolgreich gemacht haben: PETER HIESS und ROBERT DRAXLER. Inhaltlich kann also nichts schief gehen. Trotzdem gilt für die Branche der unsterbliche Satz von BUCHMARKT-Erfinder Christian von Zittwitz: Wie macht man mit Büchern ein kleines Vermögen? Indem man vorher ein großes hatte.
Wie sind die Vorstellungen von Herrn Hiess und Herrn Draxler? Da musste ich doch mal nachfragen.
Wieso noch ein Verlag? Es gibt im deutschsprachigen Raum jetzt schon mehr Verlage als Buchhandlungen. Wieso also EVOLVER BOOKS?
PETER HIESS (PH): Da kann ich nur die Antwort geben, die wahrscheinlich jeder idealistische Kleinverleger geben würde: weil’s wichtig ist. Weil wir glauben, dass wir der Welt was zu sagen haben. Weil wir lieber Bücher in der Hand halten, als immer nur auf Bildschirme zu starren und uns auf moderne Weise die Augen zu ruinieren. Und bei mir spielt natürlich auch ein zutiefst egoistischer Grund mit: Ich wollte sowas immer schon machen – und seit ich bei anderen Verlagen veröffentlicht habe, noch viel mehr. Ich will wissen, wie das geht mit dem Bücherverlegen – und ob es bei uns funktioniert.
ROBERT DRAXLER (RD): Und vielleicht wollen wir ja gerade wegen dieser Inflation an Kleinverlagen zeigen, dass es auch anders geht, dass man das Interesse der Leser und -innen trotz täglicher Papierflut sehr wohl wecken und binden kann, wenn die Stoffe und die Aufmachung stimmen. Unser größter Vorteil ist, daß wir uns trauen, wovor andere zurückschrecken, daß wir nicht lange fackeln. Das haben wir uns selbst mit dem Release unseres ersten Paperbacks – „The Nazi Island Mystery“ – bewiesen. Der Roman ist trashig, phasenweise radikal-pornographisch und vor allem politisch total unkorrekt. Machen wir uns also nichts vor: Da wird es sicher auch Verrisse setzen. Aber wir führen unseren Guerillakampf eben konsequent mit allen zu Gebote stehenden Mitteln. Und notfalls werden wir auch Geiseln nehmen …
Welche Philosophie steckt dahinter? Gibt es vielleicht ein Vorbild im angelsächsischen Raum?
PH: Also, ehrlich gesagt, bei mir ist es immer noch die alte Fanzine/Eigenverlags-Philosophie, die mich schon vor 30 Jahren dazu trieb, Sachen selbst zu veröffentlichen, zu kopieren oder billig drucken zu lassen, den Vertrieb und die Korrespondenz selbst zu machen, die Kommunikation selbst zu kontrollieren. Dazwischen war der EVOLVER, bei dem wir das alles auf elektronische Weise ausprobiert haben. Und jetzt schließt sich der Kreis eben.
Vorbilder? Hmmm … das alte RE/SEARCH vielleicht. Und unter den neuen US-Verlagen beziehungsweise Buchreihen auf jeden Fall HARD CASE CRIME – nicht, weil wir jetzt auch auf Noir und Pulp machen wollten, aber wegen der genialen Idee, der durchgehaltenen Ästhetik, vom Cover bis zum Papier, und der zu 95 Prozent großartigen Bücher. Da kann man sich schon ein Beispiel nehmen.
R.D. Dem schließe ich mich als graphisch-technischer Teil des Unternehmens gleich einmal an. Unser Logo – das E mit dem signifikanten Punkt – betrachten wir als den neuen „Jolly Roger“ auf dem ewigen Ozean aus Papier, Zeichen und Zeilen. Und so wie schon die alten Freibeuter haben auch wir nichts zu verlieren.
Was hat der Verlag mit dem Ezine EVOLVER zu tun – falls er das hat?
RD: EVOLVER BOOKS darf man im derzeitigen Stadium durchaus als Tochterunternehmen der EVOLVER-Mutter betrachten. Aber so wie Töchter nun einmal sind, nabeln sie sich irgendwann einmal ab, werden selbständig und lassen sich von der Frau Mama nichts mehr anschaffen. So ähnlich ist das auch in unserem Fall. Nach einjähriger intensiver Vorbereitungsphase agieren wir jetzt völlig frei, haben unseren eigenen Plan, unsere eigene Disposition, die sich nur hin und wieder mit jener der EVOLVER-Redaktion deckt. Wenn wir ein Buch herausbringen, zum Beispiel. Dann kriegen wir von der „Mama“ natürlich das Cover – Blut ist halt doch dicker als Wasser.
PH: Das mit dem EVOLVER ist eine heikle Frage, wenn ich mir unsere alte Mutter heute so anschaue. Gehen wir’s also diplomatisch an: Die erste Gemeinsamkeit ist der Mitgründer, nämlich jeweils ich. Die zweite Gemeinsamkeit ist der Name, der sich ja in den vergangenen dreizehneinhalb Jahren einen guten Ruf verschafft hat, wenigstens fast bis zum Schluss. Die dritte Gemeinsamkeit ist der Herr Draxler alias r.evolver, der auch schon ewig beim EVOLVER dabei war, mit dem ich vor zehn Jahren schon Buchpläne wälzte und der genau jetzt bereit war und sich viel notwendiges Wissen erarbeitet hat, als ich beschloss, beim EVOLVER auszusteigen.
Was unterscheidet euer Programm von den Programmen anderer Verlage?
PH: Nach einem Buch kann man noch nicht wirklich von Programm sprechen, nur von den paar wenigen relativ sicheren und aktuellen Vorhaben. Wir haben uns noch nicht auf eine Linie geeinigt, weil da noch viel zu viele aufregende Ideen um uns herumschwirren, als dass wir unseren Fokus schon einengen wollten. Anfangs wird EVOLVER BOOKS sich natürlich sehr an dem orientieren, was es in der EVOLVER-Geschichte gab – sowohl, was Autoren und Texte betrifft, als auch die dahinter stehende Philosophie: gut geschrieben, goschert und politisch unkorrekt. Dem Leser etwas bieten, von dem er profitiert und auf das man als Autor oder Herausgeber stolz sein kann – aber sich keinen Augenblick lang was von ihm bieten lassen. Ich fand ja schon traditionelle Leserbriefschreiber extrem lästig; was sich ein großer Teil dieser soziopathischen Kommentatoren und Forenteilnehmer aber im Internet leistet, dieses hirnlose Nörgeln, natürlich meist hinter dem Schleier der Anonymität, geht mir unglaublich auf die Nerven. Daher, ihr Gscheitlinge: Ab heute wird zurückgeschossen. Wir wollen als der Verlag bekannt werden, der mit jedem anhängt, wenn’s notwendig ist, ob real oder im Web 2.0.
Kennt man den Begriff „anhängen“ übrigens in Deutschland? Das ist so was wie „Wickel anfangen“, also: „streitert werden“. Hallo?! Versteht mich jemand?
R:D. Also, wenn Sie gestatten, werde ich das übersetzen. Was der Herr Hiess sagen will, ist: wir machen keine Gefangenen. Es gibt nicht den geringsten Kompromiss, in keiner Hinsicht, es wird auch nicht da und dort inhaltlich ein bisschen die Handbremse gezogen, um vielleicht einen bestimmten Personenkreis nicht zu kompromittieren. Genau hier liegt nämlich das Problem vieler kleiner Verlage: Statt die Chancen, die der unabhängige Status bietet, zu nützen, trauen sie sich nichts und haben genau deshalb kein scharfes Profil. Zu allem Übel sind sie auch noch irgendwo zwischen den Stühlen positioniert, weil sie versuchen, Stoffe, Sujets und Aufmachung der großen Verlage zu imitieren. Das Ergebnis ist natürlich weder aufregend noch sexy, sondern schreckt potentielle Leser schon ab, bevor sie noch die Druckerschwärze des Buches gerochen haben. Wir sagen schon von Anfang an: Wir sind klein, na und. Dafür schauen wir gut aus und haben scharfe Munition im Keller … die wir jetzt abfeuern. Und wer die Nase rümpft oder gar in Ohnmacht fällt, dem schenken wir ein Yoga-Buch aus der Wühlkiste.
Ein paar Worte zu den nächsten Büchern.
PH: Also, das definitiv nächste Buch, dessen Titel allerdings noch ein Arbeitstitel und dessen Cover noch nicht definitiv ist, ist unsere Zombie-Anthologie. Da haben wir uns ja was eingetreten – viel, viel Arbeit. Die Idee eines Literaturwettbewerbs im EVOLVER (als der noch funktioniert hat) kam uns Anfang 2009, dann haben wir die geneigte Leserschaft gebeten, Zombie-Stories einzuschicken und abgewartet. Und bald haben wir uns auch geschreckt, weil bis zum Einsendeschluss, also faktisch bis zur letzten Sekunde vor Mitternacht, sagenhafte 249 Beiträge bei uns eintrudelten. Wir hatten doch tatsächlich zehn Leute davon überzeugt, freiwillig als Juroren tätig zu werden … weil ja keiner damit gerechnet hat, dass das soviel wird. Um es kurz zu machen: Ein paar Juroren sind tatsächlich fertig geworden, ein paar andere sind nervlich fertig, zwei melden sich nicht mehr und sind vielleicht verstorben – und einer hat sich in eine Art Geisteskrankheit geflüchtet. Trotzdem wird es den Herausgebern der Anthologie, also Thomas Fröhlich und mir, in den kommenden Wochen gelingen, die Jury-Bewertungen auseinanderzudividieren, den oder die Sieger zu ermitteln und 20 bis 25 Beiträge für das Buch auszuwählen.
Was sich heuer dann noch ausgehen könnte, ist ein schmaler Ausstellungskatalog, über den wir noch nicht allzuviel verraten wollen und dürfen, der aber thematisch durchaus zu den ersten beiden Veröffentlichungen passt …
RD: Dem schließe ich mich an und dem ist auch nichts mehr hinzuzufügen …
Zombie-Romane oder Stories können doch eigentlich nur behavioristisch geschrieben sein. Oder geben sie auch Einblicke in ihr Innenleben?
RD: „Behavioristisch“ … was ist denn das für ein Wort? Himmel, muß man als Indie-Verleger jetzt auch am wissenschaftstheoretischen Parkett den Tanzschuh wetzen? Ich tät’ sagen: Unsere Zombies fressen, weil sie hungrig sind. Und wer weiß, vielleicht suchen sie ja auch – nachdem sie sich die Wampe vollgeschlagen haben – den Lokus auf, um dort ein paar grundsatzphilosophische Phrasen zu dreschen. Nachzulesen ist das alles jedenfalls im Herbst 2010. Man darf gespannt sein.
PH: Bei 249 Stories ist alles dabei. Und einige der Kurzgeschichten, von denen ich jetzt schon weiß, dass sie gute Chancen haben, betrachten definitiv das Innenleben der Zombies; aber nicht auf die blöde klischeehafte Art: “Na, hallo, was ist denn da los, ich bin plötzlich eiskalt und rieche so streng, die Finger fallen mir ab und ich will bitte lieber frisches Menschenfleisch statt Fischstäbchen?!“ Solche Einsendungen haben wir zwar auch haufenweise gekriegt, aber über die hüllen wir gnädig den Mantel des Schweigens. Trotzdem: Es sind gute und teilweise wirklich neue Ideen und Ansätze dabei – und keine Angst: Die Anthologie wird nicht zu literarisch sein, sondern ordentlich in Blut und Beuschel waten! Man weiß ja, was man dem Zombiefreund schuldig ist.
Das Problem, ich weiß es aus eigener Erfahrung, ist immer Vertrieb und Marketing. Wie geht ihr das an?
PH: Vorsichtig. Erstens haben wir kein Geld. Zweitens verlassen wir uns auf Ezzes aus dem Bekanntenkreis, weil wir noch kaum Verlagserfahrung haben. Und drittens klammern wir uns so lang an die Wir-sind-unabhängig-Ideologie, bis uns irgendwer um viel Geld kaufen will. Beim Vertrieb machen wir – und ein unsichtbarer Dritter – alles selber, weil wir keine Lust haben, uns von einem „richtigen“ Vertrieb oder Grossisten bis zu 50 Prozent abluchsen zu lassen. Und Marketing? Wer mag schon Marketing-Menschen? Wir versuchen halt alles, was geht, übers Internet und spezialisierte Fan-Gemeinden.
R.D. Und abends überfallen wir dann noch ein paar Leute im Park. Irgendwie müssen wir das alles ja finanzieren.
Ich nehme an, Ihr habt das knallhart durchkalkuliert und günstige Produktions- und Lagerkonditionen. Aber warum nicht das Ganze als Book On Demand?
PH: Hahahaha, durchkalkuliert ist gut! Wenn ich Kalkulationen sehe, rollen meine Augäpfel nach oben und ich gehe problemlos als Covermodell für die Zombie-Anthologie durch, das ist wie bei Verträgen oder Finanzamtsformularen. Wie gestern eine gute Bekannte gesagt hat: man strudelt, wie eine Ente auf dem Wasser. Man könnte auch sagen: Wir wurschteln uns durch und lernen jeden Tag dazu. Bei einem ersten Buch findet sich noch genug Platz zum Lagern. Und die Druckereipreise sind auf jeden Fall günstiger als ein Book on Demand …
RD: Dazu muss ich sagen, dass wir mit unserem Drucker unglaubliches Glück haben. Der Betrieb kommt uns in all diesen Fragen partnerschaftlich und preislich sehr entgegen und hat gemeinsam mit uns eine tolles Hybrid-Modell aus BoD und mittlerer Auflage entwickelt, mit dem es sich fein leben lässt.
Wird es auch Sekundärliteratur geben?
PH: Endlich kann ich einmal eine kurze Antwort geben: Nein, bis jetzt ist nix geplant. Aber für gute Ideen sind wir immer offen.
RD: Auch das zeichnet uns als Kleinverlag aus. Wir freuen uns über jedes Exposé, jedes Konzept und wir geben zu jeder eingereichten Idee Feedback – irgendwer hat sich irgendwo immerhin die Mühe gemacht, das auszuarbeiten. Und das honorieren wir schon allein deshalb, weil wir selber haargenau wissen, wie es ist, wenn ignorante Verlagsmenschen nicht einmal bereit sind, eine Retour-Mail zu schicken.
PH: Es gibt da zum Beispiel einen Krimiexperten, dessen Autorenporträts und Genreartikel ich sofort veröffentlichen würde, wenn mich wer fragt. Aber mich fragt ja keiner.
Wie sieht die bisherige Programmplanung aus?
PH: Zwei Zettel mit Ideen. Natürlich weiter Krimis und Phantastisches, aber auch Sammlungen der besten Kolumnen aus dem EVOLVER, aktualisierte Nachdrucke von Büchern, die ich bei anderen Verlagen veröffentlicht habe, ungewöhnliche Wanderführer, ein wichtiges Werk zur Popmusik-Geschichte. Und hoffentlich weitere Abenteuer von Kay Blanchard.
RD: Tja, für diese Abenteuer bin ich auch literarisch zuständig. Der Release von „The Nazi Island Mystery“ war der Auftakt zu einer (vorerst) auf vier Teile angelegten Serie. Und wenn ich neben Schriftsatz, Graphik, Webprogrammierung und Briefmarkenpicken noch Zeit finde, in die Tasten zu hauen, werden die Abenteuer der ungewöhnlichsten Agentin, die je für den britischen Geheimdienst gearbeitet hat, auch weitergehen. Der nächste Teil mit dem Titel „Pol Pot Polka“ soll 2011 erscheinen.
PH: Ich sehe schon, wir brauchen Lehrlinge, die uns die ganze Knochenarbeit abnehmen, sonst werden wir mieselsüchtige ältere Herren. Ich würde mir solche „filthy assistants“ wünschen, wie sie Spider Jerusalem hat.

Mir gefallen die beiden ersten Cover ausgesprochen gut. Ein paar Worte dazu?
PH: Gefallen mir auch, aber ich kann zu graphischen Themen notorisch wenig sagen – das überlasse ich dem Kollegen Draxler.
RD: Vielen Dank für die Blumen – wobei ich sagen muß, dass nur das Cover zu „The Nazi Island Mystery“ aus meiner graphischen Werkstatt kommt. Inspiriert haben mich vor allem die alten Ullstein-Krimis (die mit dem roten K) und natürlich auch die Titelbilder der Mr.-Dynamit-Bücher. Das waren wirklich grandiose Covers. Das hübsch-grausliche Titelmotiv zur Zombie-Anthologie, also der halbverweste Untote mit dem heraushängenden Auge, stammt aus der Feder des österreichischen Zeichners Jörg Vogeltanz. Über seine Inspirationsquellen weiß ich nicht so genau Bescheid, eins kann ich aber versichern: er selber schaut nicht so aus.
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ARCHÄOLOGIE I:
Wenn man an britische Kriminalliteratur denkt, meint man meistens die klassischen Detektivgeschichten. Übermächtig überschatten Sherlock Holmes, Agatha Christie oder Dorothy L.Sayers dieses Genre und verstellen den Blick auf unabhängige Strömungen, die als Subgenre mit diesen Klassikern nichts oder nicht viel zu tun haben. Trotz verschiedener “Revolutionen”im Genre , von Francis Iles Transformation der inverted story bis hin zum Psychothriller der angry young men Anfang der 50er Jahre, wird die britische Kriminalliteratur entweder mit klassischen Detektivromanen oder bestenfalls noch Spionageromanen gleichgesetzt. Diese Betrachtungsweise war immer schon verkürzt und ist heute besonders unzutreffend: Um 1990 begannen neue britische Autoren die kriminalliterarische Landschaft ihrer Heimat zu verändern. Der Schock, den Derek Raymond in den 80er Jahren der britischen Kriminalliteratur verpasst hatte, zeigte Wirkung und rüttelte das Genre aus der Lethargie – eine zweifellos kommerziell erfolgreiche Lethargie, wie die Auflagen von P.D.James, Martha Grimes, Ruth Rendell, Minette Walters, Len Deighton oder John LeCarré zeigten. Aber die neuen Autoren wollten jenseits von klassischen Detektivromanen, Psychothrillern oder Polit-Thrillern die Mean Streets Britanniens wiederentdecken. ![n72900[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2010/05/n729001.jpg?w=420)
Derek Raymond hatte mit seiner Factory-Serie an eine Tradition erinnert, die trotz gelegentlicher Einzelleistungen keine Bedeutung zu haben schien: an die höchst eigenwillige britische Noir-Tradition, die zwar einige Meisterwerke hervorgebracht hatte, aber nie so stilprägende Autoren wie die amerikanischen Vettern mit Dashiell Hammett, James M.Cain, Raymond Chandler, Mickey Spillane, Jim Thompson, David Goodis oder Ross Macdonald. Der britische Noir-Roman, wenn nicht einfach nur kommerzieller Epigone der Amerikaner, war ein im Schatten blühendes Pflänzchen, das von wenigen Autoren gepflegt wurde und von wenigen Lesern, die sich damit als wahre Afficionados erwiesen, in eine Tradition eingeordnet wurde. Selbst der große Kriminalliteraturtheoretiker Julian Symons hat in seinem verdienstvollen Standardwerk BLOODY MURDER diesen Teil der britischen Kriminalliteratur unterschlagen oder einzelne Autoren nur isoliert betrachtet. Folgerichtig waren es weniger die eigenen Traditionen, die die Fresh-Blood-Autoren Ende der 80er Jahre inspirierten. Es waren die zeitgenössischen Amerikaner wie Elmore Leonard, Carl Hiaasen, Charles Willeford, James Crumley oder James Ellroy, die den Wunsch auslösten, eine ähnliche Literatur zu produzieren.
Einsortiert unter: Crime Fiction, Dashiell Hammett, Film, Fragebogen, Jim Thompson, Krimis, Noir, Porträt | Tags: Film Noir, Gangster, Jim Thompson, Mickey Spillane, Noir, Tom Torn
Thomas Griffith Torn III. wurde am 26. August 1937 in Brooklyn, New York, als Sohn von Edwin Torn und Selma Torn geboren. Der Vater war Journalist, die Mutter versuchte sich als Malerin. Ihre Bilder befinden sich heute im Marvin Dobb Museum in Brooklyn.
Torn fing bereits im frühen Alter an zu schreiben. Seine ersten Arbeiten reichte er bei diversen Magazinen ein. Nach Ablehnung der Arbeiten versuchte er sich als Journalist.

Er ließ sich von seinem Vater finanziell unterstützen und arbeitete an seinem ersten Roman „Calling Wilde“ (dt. “Jenseitsmusik”). Er brach die Arbeiten an dem Roman immer wieder ab. Der Erfolg für ihn kam 1970 mit der Veröffentlichung von „Jenseitsmusik“. Der Roman wurde in Auszügen im „New Yorker“ vorab gedruckt.
Zu Torn: http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Torn
Berufungen neben dem Schreiben?
Trinken
Film in Deinem Geburtsjahr?
Dead End
Was steht im Bücherschrank?
Zu viel, was ich endlich in den Mülleimer befördern müsste. Übrig blieben dann noch Jim Thompson, Ed Harlan, Hammett, Chandler, Spillane, Woolrich, einige Sachen von Hemingway
Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Armitage Trails „Scarface“
Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Der ständig abgebrannte Privatdetektiv. Erinnert mich an mein Leben.
Ein paar Film noir-Favoriten?
Der kleine Cäsar, The Public Enemy, Scarface
Und abgesehen von Noirs?
Scheiße! Da gibt es nichts.
Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Ich kann Cops nicht ausstehen. Und dann noch diese verfluchten Blondinen, die den Helden ständig in die Scheiße reiten wollen. Es gibt eine Menge Bastarde, die es verdient hätten. Schätze, das würde ein verfluchtes Massaker werden.
Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir
1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Ich wäre der Bogart-Typ. Ständig abgebrannt. Eine Kippe im Maul. Einen Drink in der Hand.
2. Und der Spitzname dazu?
Ein solcher Typ hat keinen Spitznamen. Und wenn du ihm doch einen verpasst, dann hast du ein echtes Problem.
3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Dashiell Hammett
4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen?
„Hast du dich schon mal im Spiegel angesehen? Wenn ich deine Fresse mit meinem Totschläger aufbereitet habe, wirst du deutlich mehr Chancen bei den Frauen haben.“
5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Schwarzweiß!
6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Adolph Deutsch
7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Barbara Stanwyck
8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
In einem gestohlenen Polizeiwagen.
9. Und mit welcher Bewaffnung?
Thompson-Maschinengewehr
10. Buch für den Knast?
Verflucht. Was will ich da mit einem Buch? Ich nehme alles von Woolrich und Spillane mit
11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Ihr könnt mich alle mal …
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I love British gangster movies, particularly those that I´d consider classics… Possibly the best of all time, however, and based on one of the best gangster books of all time, was Get Carter [1971]. Fantastic stuff, and Michael Caine was perfect for the title role. Ted Lewis never really got the plaudits he deserved for writing that [book]. As far as I’m concerned, it’s the best British noir title of all time.
SIMON KERNICK

![dominik_graf[1]](http://martincompart.files.wordpress.com/2010/05/dominik_graf1.jpg?w=420)