Martin Compart


JOEL SURNOW, NIKITA und JACK BAUER von Martin Compart von Martin Compart
24. April 2009, 5:20 nachmittags
Einsortiert unter: Conspiracy, Drehbuch, Krimis, La Femme Nikita, Noir, Porträt, TV | Tags: , , , , , ,

Surnow gilt als tödliche Waffe innerhalb des anspruchsvollen Thriller-Genres. Tony Jonas, der Präsident von Warner Bros.TV, sagt über ihn: “Ein überragendes Talent. Er hat die Fähigkeit sowohl Action wie auch Charaktere zu schreiben und gleichzeitig eine ganze Serie als Produzent zusammen zu halten. Diese ungewöhnliche Kombination und das hohe Niveau machen ihn zu einem der Grössten im Fernsehgeschäft.”

Geboren wurde er 1954 in Detroit in eine jüdische Familie. Väterlicherseits stammte sie aus Odessa, mütterlicherseits aus Litauen. “Ich wurde mit jüdischen Werten erzogen.” Sein Vater war Handlungsreisender. Als er neun Jahre alt war zogen seine Eltern nach Los Angeles. In den 60er Jahren in Beverly Hills aufzuwachsen, machte ihm großen Spaß. Als Teenager ging Surnow mit der Tochter des Horrorregisseurs William Castle. Er studierte ein paar Semester in Berkeley bevor er 1976 zur UCLA Film School wechselte. Sofort begann er auch zu schreiben. Sein erstes Drehbuch hieß SMALL TIME, das “John Cassavetes verfilmen wollte, aber dann starb er lieber”. Ende der 70er Jahre entdeckte er das Fernsehen als Möglichkeit für sich: “Ich war nicht wirklich scharf aufs Fernsehen. In den 70ern herrschte so eine arrogante GHerablassung gegenüber diesem Medium. Die wirklich spannenden Sachen passierten im Kinofilm.” Nachdem er ein Spec-Skript für CHEERS geschrieben hatte, kamen die ersten Jobs: er schrieb einige Folgen ST.ELSWHERE, dann holte ihn Steven Bochco ins Team der kurzlebigen Baseballserie BAY CITY BLUES. Bochco war von Surnow beeindruckt genug um ihn auch für HILL STREET BLUES schreiben zu lassen. 1984 schrieb er für die kurzlebige Serie LEGMEN. Dann erreichte ihn der Ruf des großen Michael Mann als Chefdramaturg zu MIAMI VICE zu kommen. “Ich wurde in der ersten Season Head Writer und schrieb fast alle Folgen. Es gab kein Autorenteam, da Michael alle rausschmiss.” Bereits hier zeigte sich Surnows scharfsichtiger Blick auf das politische System. “Durch Michael lernte ich, wie wichtig Details sind. Er sagte, eine Serie könnte beeindruckender aussehen als ein Kinofilm.” 1985 wechselte er als Autor und Executive Producer zu THE EQUALIZER. Dann war er erstmal fertig und ausgebrannt. Eine Scheidung und die nervenaufreibende Arbeit an den beiden Hit-Serien forderten ihren Preis. Er lehnte sogar Stephen J.Cannells Angebot ab, bei WISEGUY mitzumachen. Für einige Jahre schrieb er nichts, ließ sich aber mit carte blanche für die letzte Season der Soap Opera FALCON CREST ins Business zurücklocken. “Wir machten die beste nicht angeschaute Season der Fernsehgeschichte. Wir waren verrückter als TWIN PEAKS. Nicht so stilvoll oder künstlerisch, aber echt wild.” Daraufhin folgte er Cannells erneuten Ruf und arbeitete zwei Jahre an THE COMMISH. Als nächstes folgte 1992 die kurzlebige TV-Version von BILL AND TED’S EXCELLENT ADVENTURE. Dann entwickelte die Cop-Serie 50 MINUTE MAN, die nicht produziert wurde. 1992 verließ er die Staaten und ging nach Europa. In England war er eine Season bei CONVINGTON CROSS im Team. “Die ganze Kraft, die ich durch MIAMI VICE und EQUALIZER gewonnen hatte, war verschwunden. Ich musste einen Schritt zurück gehen und mich quasi neu erfinden, neue motivieren.” Nebenher entwickelte er POINT MAN, die 1995 mit Jack Scalia als Syndication-Serie lief. Den Tiefpunkt seiner Karriere erreichte er 1993 mit dem David Hasselhoff und Thomas Gottschalk-Vehikel RING OF THE MUSKETEERS. Zu einem kleinen Kult entwickelte sich NOWHER MAN (1995), die er als Produzent überwachte. Hier nutzte er erstmals Verschwörungstheorien: Die Existenz des Fotografen Thomas Veil (Bruce Greenwood) wird offiziell ausradiert, wei er Zeuge einer geheimen Hinrichtung in einem Land der Dritten Welt wurde. Gegen alle staatlichen Kräfte versucht Veil seine Existenz zurückzubekommen. The Fugitive meets The Prisoner. Die erste Folge der Serie war UPNs zweithöchste Einschaltquote (nach STAR TREK:VOYAGER). Aber dann zogen sich die Zuschauer zurück, wohl weil die Serie keine erkennbare Struktur hatte. “Ehrlich gesagt glaube ich nicht, daß die Serie genug Substanz für 25 Folgen hatte. Wir machten ein paar Folgen a la PRISONER, dann ein paar nach THREE DAYS OF THE CONDOR usw. In den 25 Folgen machten wir vier oder fünf verschiedene Arten von Serien. Ich denke, es gibt einen Grund, weshalb mit PRISONER nach 17 Folgen aufgehört wurde. Sie hatten einfach keine Geschichten mehr um das Publikum an der Nase herumzuführen. Der Erfinder der Serie, Larry Hertzog, sah die Serie immer wie PRISONER. Er dachte, sie müsse nirgendwo enden oder hinführen. Er wollte Allegorien und meinte, sie bräuchte keine lineare Entwicklung. Am Ende war sie einfach zu begrenzt.” Surnows “Tanzkarte” kann sich sehen lassen. Es gibt kaum eine qualitativ hochwertige Crime-Serie seit den 80er Jahren, an der er nicht maßgeblich beteiligt war. 1996 konnte Surnow doch noch für WISEGUY arbeiten. Die Kult-Serie, die von 1987 bis 1990 auf CBS gelaufen war, sollte mit regelmäßigen TV-Movies auf ABC fortgesetzt werden. Surnow, der sehr stolz auf diesen Film ist, mußte zusehen, wie diese Pläne aber schnell wieder vom Tisch waren. Die Idioten von ABC hatten WISEGUY gegen eine einstündige Folge von SEINFELD und gegen den Megaerfolg E.R. plaziert. Trotz der Qualität wurde WISEGUY versenkt. Aber dann lachte ihm das Glück und er schuf sein Meisterwerk: LA FEMME NIKITA! “In gewisser Weise ist Nikita die weibliche Version von WISEGUY. In beiden Serien geht es um gequälte Menschen, die durch einen Führungsagenten in eine beklemmende, gefährliche Welt geschickt werden. Beide versuchen, ihren Frieden zu finden und gegen das System ihr eigenes Leben zurückzubekommen. Meine Helden sind keine wirklichen Helden.”

Ausgerechnet Deutschlands schlimmster Trash-Sender RTL 2 verfügte über die anspruchsvollste TV-Serie der letzten Jahre! Ein Schicksal schlimmer als der Tod. Dieser Sender macht es der nach AKTE X größten Kult-Serie der 90er Jahre natürlich nicht leicht: Immer wieder begann RTL 2 mit der Ausstrahlung, um dann mitten drin abzubrechen. Irgendwann wurde sie dann endgüätig begraben und als Hoffnung bleibt nur die Veröffentlichung auf DVD.
In den USA war die Serie die erfolgreichste Action-Show des Senders USA, der sie gegen den Willen der Fans nach der 5.Season killte. Sie ist auch ein Internet-Phänomen mit vielen Webpages. Als die Produktionsfirma Warner Brothers die Einstellung der Serie verkündete, rauschte es nur so im Internet. Eine “Unterschriftenaktion” wurde organisiert, und hunderttausend Fans aus 5o Ländern beteiligten sich daran. Im September wurde die Einstellung rückgängig gemacht und eine kurze Fortsetzung der Serie über 2001 hinaus garantierte.
Ähnlich wichtig wie bei MIAMI VICE ist die Musik in NIKITA. Blaine Johnson, der dafür verantwortlich ist, nutzte junge Bands und Musiker aus der der Independent-Szene.

Mehr Fernsehserien wurden erfolgreich für das Kino adaptiert (AUF DER FLUCHT, MISSION IMPOSSIBLE, STAR TREK usw.) als umgekehrt. Funktioniert hatte das bisher nur bei zwei Comedys: MÄNNERWIRTSCHAFT und M.A.S.H. und einer Action-Serie: HIGHLANDER. NIKITA ist die erste crime-Serie, die nicht nur gelungen einen Film und sein Remake adaptiert, sondern diese auch noch übertrifft.

Die Serie verzichtete auf Happy-ends und die üblichen Konfliktlösungen innerhalb des gewohnten 45-Minuten-Schemas üblicher TV-Serien. NIKITA ist das Zynischste, was je als Serie über die Bildschirme flimmerte. Die in Toronto gedrehte Serie brachte es auf 96 Folgen in fünf Jahren und hat das Niveau nicht nur gehalten, sondern gesteigert. Immer wieder gab es Probleme mit der Produktionsfirma Warner Brothers, der das Buget mit 1 Million Dollar pro Folge ziemlich auf den Magen schlug (lächerlich, angesichts der weltweiten Verkäufe in über 50 Länder). Keine zu hohe Summe, bedenkt man den look und die ausgefeilte Ästhetik der Serie, die 180 Mitarbeiter beschäftigte.

Zur Handlung: Durch eine falsche Mordanklage wird die junge Frau Nikita zur Mitarbeit in einem Supergeheimdienst erpresst. Ihr Leben gehört ihr nicht länger, denn sollte sie die Mitarbeit verweigern, würde der Dienst sie ins Gefängnis oder auf den elekrischen Stuhl bringen. Die Prämisse ist bekannt: Es ist ja nichts ungewöhnliches, daß aus erfolgreichen Kinofilmen Fernsehserien gemacht werden (und umgekehrt). Luc Bessons stilisierter Thriller über ein junges, asoziales Mädchen, das von einer amoralischen Geheimorganisation zur Superkillerin konditioniert wird, wurde in den USA zuvor schon als Kinostreifen mit Bridget Fonda remaked. Auch eine Hongkong-Version gibt es.

In der ersten Staffel wird ausführlich gezeigt, wie die junge Frau durch die skrupellose Organisation psychisch neu konditioniert wird. Aber noch behält sie sich einen Rest Menschlichkeit. Das zwingt sie oft zum Schauspielern gegenüber ihren Vorgestzten. Atemberaubend wie Peta Wilson das spielt. Absolut glaubwürdig agiert sie in diesen Szenen als eine Schauspielerin, die einen Charakter spielt, der schauspielert. Nikita muß verbergen, daß sie nie wirklich so skrupellos werden will, wie man es von ihr erwartet. Die TV-Kritikerin Shelly Lyons verglich die Weltsicht der Serie mit Bertold Brecht, und Peta Wilsons Darstellung der Nikita brachte ihr die ehrenvolle Bezeichnung als “Emma Peel der 90er”

Sektion Eins nennt sich die Abteilung, die Nikita zur Mitarbeit presst. Sie ist nominell eine Anti-Terror-Organisation, und nur äußerst skrupellose Menschen nützen als Agenten. Jede Gefühlsrtegung wird als Schwäche verurteilt und bekämpft. Ohne mit der Wimper zu zucken läßt dieser Geheimdienst zu, daß unschuldige Bürger getötet werden, wenn es nur höheren Interessen dient. Zum Erhalt des Systems wird skrupellos gemordet oder ein gerade noch bekämpfter Giftgashändler ans Herz gedrückt (“Solange er an beide Seiten verkauft, muß er sich keine Sorgen wegen seiner Geschäfte machen.”) und zum Verbündeten erklärt. Nikita ist der Schwachpunkt des Systems: Zwar eine ausgezeichnete Agentin, aber noch nich bar von Gefühlen und moralischen Skrupeln. Da muß sie noch viel lernen und so manche Gehirnwäsche über sich ergehen lassen. Nikitas “Ausbilder” (und späterer Lover) Michael (Roy Dupuis) ist der einzige operative Agent mit Zugang zu Geheimwissen. Seine Vorgesetzten betrachten ihn mißtrauisch, fürchten, daß er sie eines Tages ersetzt. Die Beziehungen der einzelnen Agenten untereinander sind nicht statisch, sondern – auch ungewöhnlich für eine Serie – entwickeln sich, veränderten sich von Staffel zu Staffel. Aber auch Sektion Eins ist nicht autonom, sondern einer anderen mysteriösen Vereinigung untergeordnet. In der vierten Staffel stellte sich dann auch heraus, wer der wirkliche Chef von Sektion Eins ist: eine Neurochirurgin. Vieles erinnerte ein bißchen an die 60er-Jahre-Kultserie NIMMER 6 (PRISONER), bei der man die Nutznießer der Machtstrukturen ebenfalls nie personell festmachen konnte. Die zunehmende Dominanz des Staates über das Individuum spiegelt sich auch in Killer-Filmen wieder. Alain Delon (DER EISKALTE ENGEL) oder Charles BRONSON (KALTER HAUCH) waren in den 60er und 70er Jahren Freelancer, die auf eigenen Wunsch für staatliche Organisationen killten, auch Aufträge ablehnten oder sich anarchisch gegen die Auftraggeber wandten. Sie gehorchten nur sich selbst und unterwarfen sich keiner Organisation. Damit ist es längst vorbei. Die Mafia-Filme der letzten Jahrzehnte zeigten, daß beim hohen Niveau des Organisierten Verbrechens kein Platz mehr ist für Einzelgänger. So ergeht es jetzt auch den Killern, die nicht mehr auf eigene Rechnung ihre blutigen Dienste anbieten dürfen, sondern nur noch als Rädchen im Getriebe agieren, ohne Entscheidungsfreiheit oder genaues Wissen um die “wet jobs”, wie die Mordaufträge im Geheimdienstjargon genannt werden. Das Ende aller Romantik.

Indem NIKITA unser System der “freien westlichen Demokratien” als blutrünstig, amoralisch und profitgeil darstellt, übte die Serie Kulturkritik wie man sie seit MIAMI VICE oder WISEGUY (KAMPF GEGEN DIE MAFIA) nicht mehr gesehen hatte. Aber sie war nicht moralinsauer oder auf simple Antworten bedacht. Sie stellte eher Fragen und spielte durch, was an an zivilisatorischen Alternativen heute überhaupt noch möglich ist. Und sie zeigte den aktuellen Stand der Technik, zu der ansonsten nur Experten und Militärjournalisten Zugang haben (konsequenterweise linkt eine Nikita-Homepage mit allen wichtigen Herstellern von Kriegstechnik). Geschickt arbeiteten die Autoren aktuelle Bezüge ein: Von Kinderpornoringen über Proliferation bis zur Bombadierung von Botschaften. Natürlich immer mit mehr faktischen Hintergrundswissen als all’ die elenden deutschen Produktionen, die Kindesmißbrauch auf einer falschen psychologischen Ebene behandeln und die wirtschaftlichen und politischen Dimensionen verschweigen. Die Aussagen der Serie über politische Hintergründe waren allerdings nicht die, die der Zuschauer durch Zeitungen oder Fernsehnachrichten erhält (und die er längst nicht mehr glaubt). Diese Realitätsbezüge, die nach bester Verschwörungstradition funktionieren, gaben dem Zuschauer das beklemmende Gefühl, hinter die Zeitungsmeldungen in die wahre Weltpolitik zu blicken. Andere Motive und Interessen, als die öffentlich zugegebenen, stehen inzwischen bekannt, hinter so mancher militärischen Terroraktion. Die Serie suggerierte Einblick in die geheime Welt hinter den offiziellen Verlautbarungen. Die Agenten der Seektion Eins erscheinen wie Geister, die nichts mit den normalen Menschen zu tun haben. Sie gehören einer anderen Dimension unserer Realität an. Gerechtigkeit oder Gesetzmäßigkeit haben in dieser Welt keine Bedeutung. Eine zunehmende Erfahrung, die der Zuschauer auch in der Realität macht. NIKITA spiegelt einen zivilisatorischen Verfall, in der ein mafioser Staat und seine Zombie-Helfer rücksichtslos Interessen durchsetzen – auf Kosten des Gemeinguts, wenn es sein muß. Nikitas Menschlichkeit steht unter dauerhaftem Druck durch die Institutionen, denen sie hilflos ausgeliefert ist und völlige Kontrolle über ihre Existenz verlangen. Wenn sie in einer Folge hilflos aufschreit: “Euch gehört meine Seele nicht”, muß niemand aus der Sektion darauf antworten. Natürlich wollen sie ihre Seele.

Im Grunde ist NIKITAs Subtext ganz simpel: Es geht um einen Menschen, der gegen seine Bedürfnisse dazu gezwungen wird in einem System zu funktionieren, das keine Humanität mehr zulässt. Auf die Frage, ob er glaubt, daß eine ähnliche Organisation wie Sektion Eins tatsächlich existiert, antwortete Joel Surnow: “Mit Sicherheit. Aber ihr Design ist bestimmt nicht so gut wie unseres dank des Produktionsdesigners Rocco Matteo.”

Nach dem überraschenden und unrühmlichen Ende von NIKITA gelang Surnow mit 24 ein weiterer erfolgreicher innovativer Streich: In 24 Stunden Echtzeit werden politische Intrigen erzählt. Im Mittelpunkt steht der Agent Jack Bauer(Kiefer Sutherland) mit seinem Team aus der fiktiven Counter Terrorist Unit. In der 1.Staffel verhindert er einen Anschlag auf das Leben eines schwarzen Präsidentschaftskandidaten, während gleichzeitig seine Frau und Tochter entführt sind. In der 2.Staffel muss Jack Bauer einen atomaren Anschlag auf Los Angeles verhindern. Das klingt in der Zusammenfassung recht trivial, ist es aber in der detailierten Ausführung überhaupt nicht. Surnow zeigt einmal mehr, wie korrupt und verbrecherisch Regierungsinstitutionen arbeiten. Sein “Held” Bauer schreckt nicht einmal vor Foltermethoden zurück um an Informationen zu kommen, die den atomaren Schlag verhindern könnten.

Surnow arbeitet bereits lange und intensiv mit Robert Cochran zusammen: “Ich halte ihn in einem Käfig gefangen. Spaß beiseite. Was für unsere Zusammenarbeit wichtiger als alles andere ist: Wir können uns in ein Zimmer setzen und eine Story nach der anderen runterhaun. Ich komme mit den Ideen und Robert schreibt alles nieder. So haben wir 96 Folgen von NIKITA gemacht, 44 von THE COMMISH, 22 Folgen FALCON CREST etc.” Sie trafen sich erstmals 1988 als Surnow ausführender Produzent bei FALCON CREST war. Damals bot er Cochran dessen ersten Job als Dramaturg und Autor an. “Ich hatte eines seiner Skripte gelesen, und holte ihn sofort ins Autorenteam. Als ich ihn persönlich sah, mochte ich ihn auf Anhieb. Und balds war er wegen seines Talents der Star im Team.” Cochran war früher Anwalt und kam als Autor für L.A.LAW ins Fernsehgeschäft. “Seit ich denken kann wollte ich schreiben. L.A.LAW war ein guter Einstieg. Die Serie zeigte, wie unsere Gesellschaft funktioniert, aber ich mochte sie nie wirklich.” Surnow: “Bob und ich haben einen jüdisch-christlichen Hintergrund. Bob ist christlich erzogen, ich jüdisch. Wir füttern die Serie mit unserem Wertesystem. Unser Held hat denselben Hintergrund.”

Robert Cochran: “Als er mir die Idee zu 24 erzählte, hatte er weder Charaktere noch eine Story. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte.” Surnow:”Ich stimmte ihm zu. Aber es ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf und ich sagte ihm, daß wir weiter darüber nachdenken müssten. Wir waren wirklich nicht davon überzeugt, daß es funktionieren könnte bis die letzte Folge im Kasten war.” Surnow und Cochran setzten sich drei Wochen zusammen um das Konzept auszuarbeiten. Wie bei NIKITA sind sämtliche Nebenfiguren inedividuelle und runde Charaktere. Surnow: “Als ich die Serie beschreiben musste, sagte ich: Es ist eine Thriller Soap Opera. Es geht um das Leben dieser Menschen im Kontext eines Thrillers.”

Fox bestellte erst nur 13 Folgen. Wäre sie gefloppt, hätte man das Finale vorziehen können (siehe das Showdown zwischen 12 und 13 Uhr). Surnow: “24 ist eine riskante Angelegenheit, denn die Serie ist von der Loyalität der Zuschauer abhängiger als Serien mit abgeschlossenen Episoden. Was wir von TWIN PEAKS gelernt hatten, war, daß man das Publikum nicht so lange belasten kann bis sie nur noch frustriert sind.” Deshalb auch die vierlen Nebenkonflikte und “kleine Lösungen”, bzw. das Nutzen der Soap-Elemente. “Man braucht einen Teppich kleiner Spannungsmomente. Nur dank ihnen funktioniert auch die Show. Dagegen ist die Haupthandlung sogar zweitrangig. Wichtig ist es auch, parallel zu den Action-Szenarien persönliche Geschichten für die Charaktere zu entwickeln.” Tatsächlich gelingt es Surnow (wie schon zuvor bei NIKITA), die Serie immer unter Dampf zu halten. Fox erwartete nicht viel von 24. “Ich glaube, sie waren sich am Anfang nicht mal sicher, ob sie überhaupt ausgestrahlt wird.” Aber als die Verantwortlichen die Pilot-Folge sahen, flippten allle aus – bis hin zu Rupert Murdoch.

Die erste Folge kostete vier Millionen Dollar, jede weitere 1,5 Millionen. In der zweiten Staffel standen pro Folge 2,2 Millionen Dollar zur Vefügung. Zwei Folgen werden hintereinander in 15 Drehtagen abgedreht. Kiefer Sutherland als Hauptdarsteller ist pro Staffel acht Monate am Drehort. Fünf Tage die Woche und bis zu 14 Stunden am Tag.

Eine Serie in Echtzeit verlangt ganz besondere Aufmerksamkeit: So hat ein Produktionsassistent die Aufgabe nur darauf zu achten, daß alle Uhren, die in der Serie zu sehen sind, die genaue Handlungszeit anzeigen. Zur Echtzeitdramaturgie von 24 meldete Elfriede Jelinek: “24 ist wie permanentes Vögeln, ohne je zum Orgasmus zu kommen.” Bisherige Serien in Echtzeit, etwa MURDER ONE, waren zumindest beim Publikum gescheitert. Surnow hat erkannt, daß man für ein derartiges Format eine spezielle Ästhetik entwickeln muss. “In einer Serie, die in Echtzeit spielt, gibt es eine Menge Telefonate. Und Telefonate im Fernsehen sind verdammt langweilig. Deswegen machten Regisseur Steven Hopkins und Cutter Dave Thompson den Vorschlag Split-Screen einzusetzen. Das gefiel uns so gut, daß wir jeden Akt mit einer Split-Screen begannen und beendeten.” Seit Norman Jewisons innovativen Einsatz der Splt Screen in der THOMAS CROWN AFFAIR wurde diese Technik nie wieder so effektiv genutzt. Allerdings nutzte man sie in der 2.Staffel schon weniger.

Die Drehbücher werden immer für einen Arc von sechs Folgen geschrieben. Keiner der Schauspieler weiß, ob er das Ende der Season erreichen wird. Aber alle mußten Fünfjahresverträge abschließen. Robert Cochran: ” Die Leute fragen oft, ob wir die ganze Season im Voraus planen bevor wir die Drehbücher schreiben. Unmöglich! Das wäre viel zu kompliziert. Wir teilen eine Season in Arcs von sechs oder acht Folgen, die wir durchkonzipieren. Es ist eine Hochselakt. Wir haben eine Grundidee, wohin wir wollen. Aber 24 Folgen sind eine Menge. Deshalb sind die Nebenfiguren und Nebenhandlungen so wichtig.” Nicht die genau gezeichneten Charaktere treiben die Serie voran, sondern die Story. “Wir lieben es, uns selbst zu überraschen, denn dann haben wir eine bessere Chance, dass uns das auch beim Publikum gelingt.”

Cochran: “Die Zeiten haben sich dramatisch geändert. Und dieses Gefühl hat jeder. Ich glaube, 24, ALIAS und THE AGENCY kamen ungefähr zur selben Zeit raus, wei allen klar ist, daß die Welt kleiner geworden ist und Amerika nicht länger ein sicherer Ort. Alle diese Serien waren bereits ein Jahr vor dem 11.September in der Entwicklung.” Gute Fernsehserie antizipieren die Realität.
Die Handlung der ersten Staffel beginnt Dienstags um null Uhr. Die der zweiten eineinhalb Jahre später samstags um acht Uhr morgens. Surnow wollte das längere Tageslicht im Herbst nutzen und im Winter die Nachtszenen drehen.
Einem Kritiker fiel auf: Die Guten haben in der Serie einen Apple Macintosh Computer, die Bösen einen PC. Natürlich sind in Regierung, Verwaltung oder Polizeiapparat reichlich Böse vertreten. Da ist sich Surnow treu geblieben. Ein Interviewer fragte ihn, ob er je daran gedacht hat, Unterstützung durch Geheimdienste oder andere Institutionen der Regierung zu verlangen. Darauf Surnow zynisch: “Die Regierung war tatsächlich sehr cooperativ. Wir haben sie nie um etwas gebeten, und sie hat uns nie etwas gegeben. Sie nahm lediglich die Steuern von unseren Honorarchecks, so cooperativ war die Regierung.”

Surnow ist zum zweiten Mal verheiratet und hat fünf Kinder im Alter zwischen acht und einundzwanzig Jahren



SCHWULE SADISTEN: Ernst Röhm und die SA 8.Teil von Martin Compart von Martin Compart
23. April 2009, 11:02 vormittags
Einsortiert unter: Nazi, Politik & Geschichte, SA | Tags: , , , , , , ,

FUSSNOTEN

1 Max Gallo: Die nacht der langen Messer, S.18
2 Longerich, S.18
3 Hamann, S.214
4 Machtan S.133
5 Höhne: Mordsache, S.80
6 Symposion 179 a.b.
7 Machtan, S.132
8 Shirer, S.118
9 Jones, S.135
10 Waite, S.193
11 Heiden, S.295
12 Waite, S.209
13 Bronnen: Protokoll, S.213
14 Bronnen: Protokoll, S.214
15 Bernhard Sauer: Gerhard Roßbach, S.8
16 Bronnen: Protokoll, S.219
17 S.71
18 Höhne, S.69
19 Bullock, S.135
20 Gallo, S.71
21 Igra, S.73
22 Heiden: Der Fuehrer, S.746
23 Gallo, S.51
24 Höhne: Mordsache, S.160
Longerich, S.176
Longerich, S.172
S.253
Hoegner, S.355f
Höhne: Mordsache, S.161f.
Höhne: Mordsache, S.283
Höhne: SS, S.82
32 Gallo S.69
Hans-Günter Richard: Hitler u. seine Hintermänner. Neue Fakten zur Frühgeschichte der NSDAP, München 1991, S.384
Zitate und Informationen nach Rosenbaum, S.152ff.
Zitat nach Machtan, S.213
Fest; Staatsstreich, S.54f.
Zeugenvernehmung von Graf Moulin-Eckart am 23.3.1948 am Amtsgericht Neuburg/Donau, Akte Kuchler-Prozeß; GT 01.02.
Zitat nach Machtan, S.246f.
Machtan, S.238
Hans-Günter Richardi u. Klaus Schumann: Geheimakte Gerlich/Bell, München, 1993; S.214ff.
Hoegner: Die verratene Republik, München 1958, S.255
Zitat nach Machtan, S.241
Theweleit 2, S.332f.

http://www.amazon.de/HITLER-PERVERS-RAUBAL-Sexskandale-ebook/dp/B0071PNS1A/ref=sr_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1335788508&sr=1-5



PAINT IT BLACK – intermediale Betrachtung zu einer Noir-Theorie von Martin Compart von Martin Compart
21. April 2009, 8:23 vormittags
Einsortiert unter: Bücher, Film, Noir, Noir-Theorie, Politik & Geschichte | Tags: , ,

Was man in der romanischen und angelsächsischen Welt unter noir in bildender Kunst, Literatur oder Film versteht, spiegelt alles das wieder, was uns ängstigt. Ängste, die direkt aus dem Zustand der westlichen Industriekultur resultieren und manchmal ähnlich irrational sind, wie der Glaube an die Unendlichkeit des Wirtschaftswachstums. Die moralische, philosophische und materielle Zerstörung des Individuums in der Herdengesellschaft ist das Thema des Noir-Romans oder Film-noir. Noir verbindet ein kritisches Gesellschaftsbild mit einer durchdringenden Betrachtung der düstersten Seiten der menschlichen Psyche. Soziale und psychische Deformationen sind die Themen. Der Noir-Roman ist die Gothic Novel des Maschinenzeitalters, der Schauerroman der elektronischen Revolution. Viele der besten Noir Romane decken keine Verbrechen auf, sondern “führen uns in den Irrgarten unserer eigenen Existenz hinein, zu unseren Masken in einem Zeitalter der Masken” (Jerome Charyn).

pale

Was in Frankreich und England längst als Erkenntnis gesichert ist, scheint in Deutschland noch unbekannt zu sein: die Bedeutung des Schwarzen Romans, novella negra, noir-literature, dark suspense oder black novel als medienübergreifende Strategie des Existenzialismus. Noir-Roman oder Film noir wird bei uns fast ausschließlich mit Kriminalliteratur oder Kriminalfilm gleichgesetzt. Aber nicht jeder Kriminalroman ist ein Noir-Roman und nicht jeder Noir-Roman ist ein Kriminalroman. Auch nicht wenn man zum Beispiel Dostojewskis SCHULD UND SÜHNE oder Camus’ DER FREMDE, wie das zum Beispiel Patricia Highsmith und andere Theoretiker getan haben, als Kriminalroman definiert. In Charles R.Jacksons THE LOST WEEKEND kämpft ein Trinker gegen seine eigenen Dämonen und die Dämonen des urbanen Lebens. Sein Flirt am Abgrund wird vorgeführt, bis er hinabstürzt (im Film von Billy Wilder gehörten die letzten zehn Minuten mal wieder der Zensur). Wenn je eine Noir-Welt gezeigt wurde, dann hier. Der einzige kriminelle Akt besteht in dem, was Don Birnam sich selbst antut – oder wozu ihn unkontrollierbare Kräfte getrieben haben.

Im Unterschied zum klassischen Detektivroman berühren den Leser beim Noir-Roman die Verbrechen. Im klassischen Detektivroman werden Karikaturen mit kalter Logik umgebracht, um sowohl unmoralische wie auch rationale Ziele zu verfolgen. “Seine Rolle ist nicht, die Nachtseiten der Seelen zu sondieren, sondern mit der Präzision eines Uhrwerks Marionetten in Gang zu setzen” (Paul Morand). Der Noir-Roman zwingt den Leser ins Geschehen hinein, läßt den überlegenen Beobachterstandpunkt nicht zu, sondern konfrontiert ihn mit den eigenen Ängsten. Die Ursache dafür, daß der Noir-Roman sich hauptsächlich der Strukturen verschiedener Subgenres des Kriminalromans bedient, sind die präzisen Möglichkeiten, die diese bieten: düstere Charaktere am Rande der Gesellschaft zu beschreiben, in die Schattenseiten einzutauchen, wo die Regeln des Systems zusammenbrechen oder äußerst fragil sind, wo der Überlebenskampf zu zivilisatorischen Brüchen führt. Die Konventionen der Kriminalliteratur (oder die Verstöße gegen sie) sind das scheinbares Korsett, das dem Leser ein wenig Sicherheit vorgaukelt. Der Franzose Jean-Patrick Manchette, dem für die Entwicklung des Noir-Romans eine ähnlich wichtige Stellung als Innovator zukommt wie Hammett, sagte: “Wichtig ist die Frage des Stils im Noir-Roman. Durch die behaviouristische Schreibweise werden permanent Lügen aufgedeckt.”

pb6

Der Noir-Roman kann auch als Verschwörungsroman gelesen werden. Nicht im Sinne eines Polit-Thrillers, der die Verschwörer personalisiert und benennt, sondern im Sinne Ernst Blochs. Bloch wies darauf hin, daß unsere bürgerliche Gesellschaft wie ein großer Kriminalroman funktioniert. “Da rackert sich jemand ab in seinem kleinen Geschäft, und urplötzlich bricht dieses Geschäft aus geheimnisvollen Gründen zusammen (die Preise fallen, die Zinsen steigen, die Märkte schrumpfen), ohne daß er selbst Schuld daran trüge. Da plagt sich jemand mit seinem Job, gehorcht allen aufgezwungenen Regeln, strengt sich in der Tretmühle bis zum äußersten an – und wird trotzdem gefeuert. Schlimmer noch, man wird unerwartet von einer Rezession erwischt, von einer anhaltenden Depression, sogar von einem Krieg. Wer ist für all dies verantwortlich? Nicht man selbst. Auch nicht die Nachbarn oder Bekannten. Irgendwelche geheimnisvollen Verschwörer hinter den Kulissen müssen irgend etwas damit zu tun haben. Wenn wenigstens einige dieser Geheimnisse aufgeklärt sind, fühlt man sich weniger entfremdet” (Zitat nach Ernest Mandel: Ein schöner Mord; Athenäum, 1987, S.82). Auch Bert Brecht hat sich als Theoretiker der Verschwörungstheorie versucht, indem er die Mechanismen beschrieb, die den Kriminalroman so attraktiv machen:
“Wir machen unsere Erfahrungen im Leben in katastrophaler Form. Aus Katastrophen haben wir die Art und Weise, wie unser gesellschaftliches Zusammensein funktioniert, zu erschließen. Zu den Krisen, Depressionen, Revolutionen und Kriegen müssen wir, denkend die `inside story’ erschließen. Wir fühlen schon beim Lesen der Zeitungen (aber auch der Rechnungen, Entlassungsbriefe, Gestellungsbefehle usw.), daß irgendwer irgendwas gemacht haben muß, damit die offenbare Katastrophe eintrat. Was also hat wer gemacht? Hinter den Ereignissen, die uns gemeldet werden, vermuten wir andere Geschehnisse, die uns nicht gemeldet werden. Es sind dies die eigentlichen Geschehnisse. Nur wenn wir sie wüßten, verstünden wir.
Nur die Geschichte kann uns belehren über diese eigentlichen Geschehnisse – soweit es den Akteuren nicht gelungen ist, sie vollständig geheimzuhalten. Die Geschichte wird nach der Katastrophe geschrieben.
Diese Grundsituation in der die Intellektuellen sich befinden, daß sie Objekt und nicht Subjekt der Geschichte sind, bildet das Denken aus, das sie im Kriminalroman genußvoll bestätigen können. Die Existenz hängt von unbekannten Faktoren ab.”
Gege diese verschwörungstheoretischen Hintergründe wandte sich der Marxist Mandel vehement: “Nur eine von Grund auf kranke Gesellschaft kann davon ausgehen, daß die Welt durch Manipulation beherrscht sei…” Über den gesundheitlichen Zustand unserer Welt dürften inzwischen keine Zweifel mehr bestehen.

whip

Während der klassische Detektivroman die Perspektive des Untersuchenden einnimmt, der mit kaltem Intellekt der gesellschaftlichen Ruhestörung nachspürt, zelebriert der Noir-Roman, wie es Boileau/Narcejac so schön ausgedrückt haben, “den Bankrott des Denkens”. Indem der Noir-Roman Protagonisten vorführt, die oft Täter oder Opfer sind, macht er die Wirkung gesellschaftlicher Kräfte auf das Individuum schmerzhaft erfahrbar. Von orthodoxen Marxisten wie Mandel wird der Kriminalliteratur wegen ihrer Unterlassung bestimmter Propagandastrategien deshalb auch häufig Nihilismus und Bestätigung der Ausweglosigkeit vorgeworfen. Dies trifft auch zu. Dieselben Vorwürfe muß sich auch der Existenzialismus gefallen lassen. Man könnte die Schraube des philosophischen Subtextes des Noir-Romans noch etwas weiterdrehen: in der festen Überzeugung, daß marxistische, leninistische oder maoistische Heilslehren letztlich kapitalistischen Interessen dienen, entzieht sich der Noir-Roman einer propagandistischen Stellungnahme und zeigt ausschließlich die existenzielle Wirkung eines langfristig selbstzerstörerischen Ordnungsprinzips. Der Verfall bürgerlicher Normen wird in der Kriminalliteratur beschrieben und beklagt. Über mehrere historische Epochen hinweg können wir dies parallel zum Machtzuwachs des Monopol- und Staatskapitalismus entziffern. Das ausgerechnet heute, wo monopolkapitalistische Interessen mit nie gekannter Brutalität unter den Stichworten Globalisierung und moralischer Kriegsführung durchgesetzt werden, der Noir-Roman in neuer Blüte steht, verwundert wohl keinen. Auch nicht verwunderlich ist der erneute Erfolg der bestätigenden Kriminalliteratur des klassischen Detektivromans: als ideologische Strategie versucht er gesellschaftliche Sicherheit zu suggerieren, wo diese nicht mehr besteht.

walktalk

Dostojewski war der erste Autor, der unter die Haut seiner Charaktere glitt und uns ihre Qualen, Hoffnungen, Verzweiflungen von innen sehen ließ. Nachdem er sich von Gogols Einfluß befreit hatte und mit VERBRECHEN UND STRAFE (1866) seine eigene Stimme gefunden hatte, saugte er den Leser in die fast wahnsinnige Weltsicht Raskolnikovs und schrieb damit einen der ersten Romane, die uns die Ängste, Wut und Gedanken eines Mörders vorführten (man stellt nach der Lektüre fast überrascht fest, daß der Roman in der 3.Person geschrieben worden war). Dostojewski ging es darum, die Relativierung der Moral durch ihre Loslösung aus dem Religiösen zu zeigen. Die nihilistische Maxime vom Tode Gottes schwingt in vielen späteren Noir-Romanen unbewußt oder bewußt mit. So wie DIE DÄMONEN (eigentlich: DIE TEUFEL) ein politischer Schlüsselroman für die gesellschaftlichen Entwicklungen im 20.Jahrhundert ist, zeigt VERBRECHEN UND STRAFE in scharfsichtig vorausschauender Weise das ethische Dilemma des im Materialismus verstrickten Individuums. Denn alle sittlichen Grundlagen sind – wenn sie alleine in den eigenen Kräften des Menschen begründet sind – relativ.
Wenn uns VERBRECHEN UND STRAFE in Noir-Manier erstmals das Dunkle von innen sehen ließ, betrachtete Joseph Conrad in HEART OF DARKNESS (1899) die Finsternis von außen. Marlows Reise zu Kurtz den Kongo hinauf wird von düsteren Symbolen begleitet. Aber Marlow kann sie nicht entziffern. Er weiß, es ist da und sieht die Auswirkungen auf die Menschen um ihn herum, aber er versteht nicht. Am Rande bemerkt: Die Interpretationen von Dostojewski und Conrad nahmen einiges von Freuds Arbeit vorweg. Es war der Versuch, mit Rationalität an irrationale Phänomene des Unterbewußtseins heranzukommen, ganz im Sinne der TRAUMDEUTUNG (1900).

Die zunehmende Industrialisierung, die Verstädterung und die Ausformung einer Massengesellschaft jenseits des Schutzes, den bei allen Vorbehalten feudalistische Agrargesellschaften noch gaben, führten zu einer neuen Kultur und neuen Ängsten. Die Industriegesellschaft erschien/erscheint als Moloch, der nicht mehr kontrolierbar ist (oder, wie in den Verschwörungsgeschichten des Noir-Romans, von einigen, wenigen manipuliert wird). Frankensteins Monster ist aus dem Ruder gelaufen und zerstört den Schöpfer. Es waren die Expressionisten, die in der darstellenden Kunst dieses Lebensgefühl aufgriffen und mit neuen Techniken sichtbar machten.

munch_11

Edvard Munchs DER SCHREI (1893) könnte das definitive Cover für einen Noir-Roman sein. Die Verlorenheit der oft in sexuellen Situationen eingebetteten Menschen in den Bildern von Egon Schiele zeigt ihre Geschichtslosigkeit in einer verdinglichten Welt. Oscar Kokoschka sah in seinen Portraits hinter die Masken und zerrte die Ängste in den Blickpunkt. Der Einzelne, verloren in einer Welt brutaler Ausbeutung, war auch George Grosz’ Thema. Franz Kafka trieb die expressionistische Reflektion der Gesellschaft noch weiter und machte Heuchelei und Bürokratie zum zentralen Noir-Thema, zum düsteren Mittelpunkt des PROZESS (1925). Sein K. sitzt in der Falle einer surrealen Bürokratie. Er versucht gegen etwas zu kämpfen, daß er weder sehen noch berühren kann. Am Ende wird er für ein Verbrechen hingerichtet, das er nicht mal kennt. Ausgewiesene Noir-Autoren wie Cornell Woolrich, Fredric Brown oder David Goodis stehen ganz in dieser Tradition.

scarf-pb

Die amerikanischen Pulp-Autoren, dessen berühmtestes Organ das BLACK MASK-Magazin war, griffen eine neue Sprache auf: Die Sprache der Straße, die Sprache der Verlierer, Arbeiter, Gangster und Geschäftemacher. In dieser Sprache stellten sie realistisch eine Welt dar, die brutal, unmenschlich und nicht mehr zu beherrschen war. Die frühen Detektivhelden versuchen Gerechtigkeit im Kleinen zu erkämpfen, sind aber nicht einmal der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Bereits Dashiell Hammett, der herausragendste Vertreter der hard-boiled-school, glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit im Mikrokosmos und wird zum Chronisten der Düsternis der Städte. Autoren wie Hemingway (in A FAREWELL TO ARMS, 1929), Faulkner (in SANCTUARY, 1931) oder John O’Hara (in APPOINTMENT IN SAMARRA, 1934) griffen Sprache und Weltbild auf. Hammett beschrieb die Abkehr von allen zivilisatorischen Regeln indem er seine Helden, die oft im Dienste des amoralischen Kapitals standen, zu Richter, Geschworene und Henker gleichzeitig machte. Raymond Chandler fiel in dieser Hinsicht hinter Hammett zurück, indem er romantisierte und einen staubigen Ritter die mean streets einer korrupten Zivilisation durchstreifen ließ. Als echte Noir-Helden taugten die Privatdetektive von Chandler und seinen Nachfolgern nicht. Egal, was ihnen alles zustieß, am Ende überlebten sie. Sie waren im Gegensatz zum Leser nicht der totalen Zerstörung ausgesetzt. Sie konnten sogar an einem kleinbürgerlichen Ehrenkodex festhalten und diesen innerhalb einer wahnsinnig gewordenen Welt behaupten; und sei es nur für ihr eigenes Seelenheil.

pop12801

Für die Entwicklung der Noir-Literatur war ein Autor wichtig, der eine ganz eigene Schule hervorbrachte: James Malahan Cains Roman THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE von 1934 zeigte Protagonisten, die ins Verbrechen getrieben werden, weil sie nicht von ihren menschlichen Bedürfnissen lassen. Cains Werk ist defätistisch, denn wofür seine Charaktere auch kämpfen, sie verlieren es am Ende – sei es durch eigenes Verschulden oder ein unerbittliches Schicksal. Nie erfüllen sich ihre Träume und Hoffnungen. Noch einen Schritt weiter ging Horace McCoy, der über gewöhnliche Leute in ungewöhnlichen Situation mitten in der Depression schrieb. Seine Charaktere sind von Anfang an Geschlagene, die nicht mehr den Willen haben, den Kampf gegen die Welt aufzunehmen. Herumgestoßene, die nicht zurückschlagen können. Sein berühmtestes Buch, THEY SHOOT HORSES, DONT THEY?, 1935, zeigt eine perverse Gesellschaft, symbolisiert durch eine grausame “Sportart”, die sich Tanz-Marathon nannte: Solange die Ausgestoßenen und Armen mitmachen können, auf den Beinen bleiben, erhalten sie Essen; fallen sie um, können sie verrecken, zwischen den müden Beinen anderer Gequälter.

killerinsideme1

Mit Cain auf der einen Seite und Hammett und Chandler auf der anderen, trennen sich die beiden wichtigsten Strömungen der Noir-Literatur. Hammett und Chandler als Begründer der hard-boiled-school des Privatdetektivromans teilen die existentialistische Weltsicht. Chandler filtert sie aber durch die moralische Dimension einer Erlöserfigur. Für Cain und seine Nachfolger gibt es keine Erlösung, kein Glaube daran, daß Schicksal oder gesellschaftliche Kräfte sich überwinden lassen. In ihren Büchern wird das Individuum nicht nur angeschlagen und verstümmelt, sondern vernichtet.

doorway

Nicht Hollywood sondern Deutschland war in den 20er Jahren der Mittelpunkt der Filmwelt. Die Deutschen waren die Meister des Lichts, der special effects und ungewöhnlicher Kamerastandpunkte. Die Filmemacher nutzten Techniken des experimentellen Theaters und des Expressionismus um Spannung, Horror und das Gefühl totaler Verunsicherung auf die Leinwand zu bringen. Mit dem KABINETT DES DR.CALIGARI (1919) schufen sie das sowohl düsterste wie auch expressionistisch befremdlichste Werk der Epoche. Die Welt von Kafka durch die Kamera eines Expressionisten gesehen. Gleichzeitig revolutionierte Sergei Eisenstein in Rußland die Filmkunst mit einer neuen Schnittechnik. Das expressionistische Licht des deutschen Films und Eisensteins Schnittechnik wurden die entscheidenden Elemente des späteren Film noirs, der in den 40er- und 50er Jahren in Hollywood als Schwarze Serie stilbildend wirkte. Es waren fast ausschließlich Emigranten wie Fritz Lang, Billy Wilder oder Robert Siodmak, die in den 40er Jahren die pessimistische Grundhaltung der Amerikaner auf die Kinoleinwand brachten. Literarische Vorlagen fand man in den Pulp-Magazinen und den Romanen der Noir-Autoren: Geschichten über Menschen, die in aussichtslose Fallen gerieten, gesellschaftliche Außenseiter ohne Hoffnung und die Ausgegrenzten, die nur noch Chancen im Verbrechen sahen. Ihre handlungsbetonten Geschichten eigneten sich bestens für den Film. Die Crème der Noir-Autoren folgte dem Ruf Hollywoods und verdingte sich besser oder schlechter als Drehbuchautoren: Hammett, Chandler, Cain, McCoy, David Goodis, Frank Gruber, Jonathan Latiner, Peter Ruric, Jim Thompson und viele mehr.
Fritz Lang verfilmte Graham Greenes MINISTRY OF FEAR (1944), William P.McGiverns BIG HEAT (1953) oder Geoffrey Households ROGUE MALE als MANHUNT. Billy Wilder drehte Cains DOUBLE INDEMNITY (nach einem Drehbuch von Chandler), Robert Siodmak Woolrichs PHANTOM LADY (1944) und Edward Dmytryk Don Tracys CROSSFIRE oder Chandlers FAREWELL, MY LOVELY. Daß man Noir-Filme auch in Farbe drehen kann, weiß man seit 1958, als Nicholas Ray mit PARTY GIRL den ersten “bunten” Noir-Film vorlegte. Die Liste ist lang, und seit einigen Jahren erleben wir die Wiedergeburt des Noir-Films (er war nie wirklich tot: THEY SHOOT HORSES, GET CARTER, CHINATOWN, TAXI DRIVER, BLOOD SIMPLE, usw.) im Kino; jünstes Beispiel waren die erfolgreichen Umsetzungen von James Ellroys L.A. CONFIDENTIAL oder Scott Smiths A SIMPLE PLAN.

In diesen erschreckenden, gewalttätigen frühen Filmen (die manchmal aus Zensurgründen völlig unglaubwürdig das Ende der Vorlage ins Positive wandten) wurde der Einsatz der subjektiven Kamera perfektioniert, um den Zuschauer noch intensiver in die Leinwand zu saugen. Wie in den Romanen hatte der Zuschauer keine Chance seinen eigenen Ängsten zu entkommen. Ende der 50er Jahre wurden immer weniger Noir-Filme gedreht. Aber ihre Stilmittel wurden von anderen Genres aufgesaugt. In Frankreich erlebte der Noir-Film in den 6oer Jahren eine neue Blüte, besonders in den Gangsterfilmen von Jean-Pierre Melville, der einen eigenen Noir-Kosmos schuf und den Vergleich mit den besten Angelsachsen aushält oder übertrifft. Immer wieder tauchten bis in die 80er Jahre einzelne Noir-Film (HARPER, POINT BLANC, GET CARTER, THE MECHANIC, TAXI DRIVER, LAST GOOD FRIDAY, RUE BARBARE usw.) auf, aber es war ein Science Fiction-Film, der stilbildend für Noir-Welle der 90er Jahre werden sollte: BLADE RUNNER von Ridley Scott konnte überzeugend durch Licht, Atmosphäre und Productiondesign eine zeitgemäße Noir-Welt auf die Leinwand bannen (das war auch der französischen David Goodis-Verfilmung RUE BARBARE gelungen, aber leider ohne den weltweiten Erfolg).

Ende der 40er Jahre brach der Markt der Pulps zusammen. Anstelle der billigen Magazine traten billige Taschenbücher. Der ehemalige Pulp- und Comic-Verleger Fawcett begann als erster sogenannte Paperback Originals zu drucken, also keine Hardcover-Nachdrucke auf den Markt zu werfen. Seine Distributationsfirma hatte ihn dazu gezwungen, aus Konkurrenzgründen auf den lukrativen Nachdruckmarkt zu verzichten. Er machte aus der Not eine Tugend. Fawcett zahlte besser als Hardcoververlage und beließ den Autoren die Nebenrechte. Kein Wunder, daß sich viele Autoren auf den explodierenden Taschenbuchmarkt stürzten. Erstveröffentlichungen waren z.Bsp. William Burroughs JUNKIE oder Jack Kerouacs TRISTESSA. Eine ganze Reihe von “Dimestore Dostojewskis” stürzte sich auf das Medium Taschenbuch und machte es zum entscheidenden Noir-Medium der nächsten Jahrzehnte. Autoren wie David Goodis, Jim Thompson, Wade Miller, Harry Whittington, Peter Rabe, Bruno Fisher, Day Keene und viele mehr schufen einen neuen Kanon, der klar machte, daß das Ende des 2.Weltkrieges nicht das Ende des Schreckens bedeutete. Sie schilderten, wie die zivilisatorische Zerstörung durch alle Bereiche der westlichen (amerikanischen) Gesellschaft kroch. Das Jahrzehnt ist ein Höhepunkt der Noir-Kultur. Spillanes und Chandlers Erfolge lösen einen aberwitzigen Boom von Privatdektivromanen aus. Das Subgenre erstarrt bald in seinen Klischees, trotz großartiger Autoren wie Ross Macdonald, Howard Browne, Wade Miller, Thomas B.Dewey, William Campbell Gault oder Bart Spicer. Die Cain & Woolrich-Richtung erlebt ihr Goldenes Jahrzehnt mit Jim Thompson, der den großen amerikanischen Soziopathen vorführt, David Goodis, Charles Williams, Ed Lacy, Hal Ellson, John D.MacDonald oder Benjamin Appel.

sailor

Nachdem in den späten 50er eine Reihe von TV-Serien entstanden waren, die ästhetisch und inhaltlich als noir bezeichnet werden können (PETER GUNN, JOHNNY STACCATO, ASPHALT JUNGLE, UNTOUCHABLES usw.), war bis zu den 80er Jahren zumindest in den USA nichts ähnliches mehr produziert worden. Anders in England, wo etwa mit MAN IN A SUITCASE eine der besten Noir-Serien enstanden war. Die britische Noir-Tradition konnte sich überzeugend im Fernsehen etablieren und Publikumserfolge verbuchen. Bis heute ist noir im englischen Fernsehen ein Erfolgsgarant, wie in den 90er Jahren die Serie CRACKER (FÜR ALLE FÄLLE FITZ) bewies. Und in den letzten Jahren die Joel Surnow-Serien wie LA FEMME NIKITA oder 24.

Zumindest von ihrer Weltsicht her waren zwei US-Serien MIAMI VICE und WISEGUY aus den 80er Jahren noir. Dabei gelang es Michael Mann mit MIAMI VICE eine neue, zeitgenössische Noir-Ästhetik zu schaffen, die keine Kopie des wahrscheinlich einflußreichstem Noir-Filmes der letzten zwanzig Jahre, Ridley Scotts BLADERUNNER, ist. Michael Mann war mit der Thomas Harris-Verfilmung MANHUNTER nach RED DRAGON auch für den eigenwilligsten und besten Serienkillerfilm verantwortlich und schuf mit HEAT eine Synthese aus amerikanischem Gangsterfilm und dem Werk von Jean-Pierre Melville.

Sind Serienkillerromane à la Thomas Harris’ RED DRAGON oder SILENCE OF THE LAMBS Noir-Romane? Schließt man sich der Definition von Boileau & Narcejac, die im Noir den “Bankrott des Denkens zelebriert” sehen wollen, sicher nicht. Strukturell orientiert sich dieses Subgenre zu oft am klassischen Detektivroman (mit Einflechtungen aus der police procedural): Ein überlegener Geist, der sich der Technik und der Wissenschaft zu bedienen weiß, triumphiert über das Trieb oder sonstwie gesteuerte Ungeheuer – und mag es noch so intelligent sein. Es ist die romantische Vorstellung von der Überlegenheit des aufgeklärten rationalen Geist über dionysische, nihilistische oder satanische Naturen. Andererseits gibt die Darstellung der Killer und ihre meist nur unbefriedigend erklärtes Wesen auf schwarze Flächen im “rationalen Reich” hin, die weder mit Logik noch Wissenschaft oder Technologie in den Griff zu bekommen sind. Mit ihrem manichäischen Weltbild bieten diese Serienkiller fast soetwas wie eine primitive christliche Religiösität wie sie von den Katharern oder Albigensern vertreten wurde. Eben eine zweigeteilte Welt im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse.
Allerdings ist Thomas Harris, der mit RED DRAGON, dem nach wie vor besten Serienkillerroman, das Genre definiert hat, die Ausnahme: In HANNIBAL (1999) – einem nicht gerade umwerfend geplotteten Bestseller – übt er eine bisher nicht gekannte kulturpessimistische Zivilisationskritik; Der menschliche Gehirne schlürfende Dr.Lecter erscheint in einer völlig korrupten, dem Untergang geweihten Welt als einziger kultivierter Mensch. Seine frühkindlichen Verletzungen und sein Sinn für das Schöne scheinen jede Tat zu rechtfertigen. Der Serienkiller ist hier der letzte Mensch, der die Früchte der westlichen Zivilisation zu genießen weiß. Damit steht er weit über der aus niederen Beweggründen handelnden Masse. Es ist bemerkenswert und bezeichnend, daß sich dieser letzte große Noir-Roman dieses Jahrhunderts als update des Fin-de-siècle erweist. Harris hat mit Joris-Karl Huysmans hier mehr Gemeinsamkeiten als mit Woolrich, Goodis oder gar Chandler.

Die Renaissance der Noir-Literatur und ihr aktueller Boom in den USA wird von dem Noir-Autor Jams W.Hall wie folgt begründet: Ein Großteil der Leserschaft (und der neuen Autoren) gehören der Babyboom-Generation an. Diese habe eine interessante soziale Entwicklung hinter sich, “von Radikalen zu Konservativen, oder zumindest Liberalen. Wir sind heute weniger tolerant dem radikalen Verhalten gegenüber, das unsere Jugend mitgeprägt hat. Ich glaube, das kommt durch die vielen Gewaltakte, die wir miterlebt haben, und an denen wir gelitten haben oder bis heute leiden. Zum Beispiel die Ermordung der Kennedys und Martin Luther Kings. Auf dem Höhepunkt unserer romantischen Kindheitsträume erlebten wir das neue Camelot (wie die Regentschaft John F.Kennedys in den Staaten gerne genannt wird). Eine ähnliche zyklische Entwicklung kann man in den modernen Crime Novels erkennen: Männer und Frauen werden mit überwältigenden Gewaltakten konfrontiert, die die Helden bis ins Mark erschüttern. Durch sie zerbricht ihre romantische Weltsicht. Die Aktionen des Helden sind mythische Versuche, Gerechtigkeit wieder herzustellen und die eigenen Chimären zu überwinden. Die richtigen Helden der Crime Fiction wie Travis McGee oder Spenser sind romantische Rächer, die alle Dramen ausleben und die Werte leben, an die wir in unserer Jugend geglaubt haben.” Hall spricht damit einen Aspekt der Noir-Literatur an, den etwa ein Autor wie Loren D.Estleman nicht gelten läßt. Für Estleman ist Robert B.Parkers Spenser keine Noir-Figur: “Wie bei Mike Hammer ist sein Panzer viel zu dick, und er selbst ist unverwundbar. Er macht keine existenziellen Angsterfahrungen. Noir stellt verstörende, beunruhigende, grundlegende Fragen, oft ohne darauf Antworten zu liefern. Spenser beantwortet jede Frage sofort mit seinen Fäusten (oder Hawks Kanone).”

guilty2

Noir-Themen und Noir-Sound sind bis heute ein wesentlicher Bestandteil der populären Musik. Angefangen bei den Klagegesängen in Blues und Gospel. In der amerikanischen Folkmusik (etwa bei Woody Guthrie) entwickelte sich etwas, daß man als country noir bezeichnen könnte; ein Begriff, der heute auch auf die Literatur (Daniel Woodrell) angewendet wird. Vor allem der Jazz als Großstadtmusik entwickelte musikalische Noir-Muster, die (um das unschöne Wort Klischee zu vermeiden) noch heute Signalcharakter haben. Berühmtestes Beispiel ist wahrscheinlich HARLEM NOCTURNE von Earl Hagen, einem schmälich vernachlässigten Komponisten.

In den 50er Jahren trieben sich die europäischen Existentialisten in den Noir-Clubs der Jazz-Szene herum und entwickelten eine ganz neue Noir-Ästhetik, deren Protagonist der Kritiker, Musiker und Schriftsteller Boris Vian wurde. Sujetbedingt war es besonders die Filmmusik, die einen Kanon von Noir-Phrasen stilisierte: Angefangen bei Adolph Deutschs wunderbarer Musik zum MALTESER FALKEN. Für FAHRSTUHL ZUM SCHAFFOTT schrieb Miles Davis einen oft kopierten Jazz-noir-Soundtrack. Ennio Morricones Musiken für Western und Gangsterfilme atmen ebenfalls diesen Geist. Nicht zu vergessen die elegischen Klangstrukturen von Francois de Roubaix, Bernard Gérard oder Eric de Marsan, ohne die den Melville-Filmen ein wichtiges Element fehlen würden. Aber besonders die Rock-Musik ist ohne Noir-Elemente nicht vorstellbar. Schon bei Johnny Burnette & the Rock’n Roll Trio (BLUES STAY AWAY FROM ME u.a.) und Elvis (HEARTBREAK HOTEL) geht es noir zur Sache (erst recht dann bei Johnny Cash). Selbst die fröhliche High-School-Musik bleibt wird düster in der paranoiden Welt von Del Shannon (STRANGERS IN TOWN). Doors, Velvet Underground oder Bob Dylan verstehen sich von selbst. Und James Sallis nennt nicht zufällig Bruce Springsteen, der vor und nach den Konzeptalben NEBRASKA und THE GHOST OF TOM JOAD immer wieder Noir-Topoi aufgreift und eine düstere Musik dazu schreibt. Regelrechte Noir-Gruppen kann man bis heute im Rock finden: Sisters of Mercy, Nirvana, Nick Cave & Bad Seeds, um nur einige zu nennen. Tom Waits oder Scott Walker sind ohne Noir-Elemente genauso wenig vorstellbar wie Grunge oder Rap. Man kann sehr weit gehen, wenn man will: I see a red door and I want it painted black.




NOIR FRAGEN AN MICHAEL KRAUSE von Martin Compart
13. April 2009, 6:52 vormittags
Einsortiert unter: Fragebogen, Interview, Listen, Noir, Porträt | Tags: , ,

Noir Fragebogen

Michael Krause, Schreiber und Spielleiter, das Irrlicht vor Augen, den Durchbruch im Blick.

Berufungen neben dem Schreiben?
Lesen

Film in Deinem Geburtsjahr?
Lawrence of Arabia

Was steht im Bücherschrank?
Alles mögliche: Romane, Sachbücher, Comics.

Was war Deine Noir-Initiation (welcher Film, welches Buch)?
Schon früh, mit 11 Jahren. Erst aus der Leihbücherei Der Pate von Mario Puzo, dann im TV heimlich Rattennest mit Ralph Meeker geschaut. Danach war alles klar.

Welches Noir-Klischee ist Dir das liebste?
Le Samourai – Alain Delon als eiskalter Engel.

Ein paar Film noir-Favoriten?
Le Samourai, Cercle rouge, Rattennest, Get Carter, Bring me the head of Alfredo Garcia, Thief, Point Blank, gibt viele – und DEADWOOD von David Milch.

Und abgesehen von Noirs?
Filme von Peckinpah, Kitano, Leone, Ford, Wilder, Lubitsch, Kurusawa, und und und…

Welche Film- oder Romanfigur würdest Du mit eigenen Händen umbringen?
Moby Dick

Noir-Fragen – Dein Leben als Film noir

1. Im fiktiven Film noir Deines Lebens – welche Rolle wäre es für Dich?
Thommy Udo

2. Und der Spitzname dazu?
Zäpfchen

3. Welcher lebende (oder bereits abgetretene) Schriftsteller sollte das Drehbuch dazu schreiben?
Der einzige, der deutsches Elend kapiert – Jörg Fauser.

4. Berühmtestes Zitat aus dem Streifen? (Beispiel: Scarface = The World Is Yours, White Heat = Made It Ma, Top Of The World)
Noch’n Augenblick, dann ist er dick.

5. Schwarzweiß- oder Farbfilm?
Abgefärbt.

6. Wer liefert den Soundtrack zum Film?
Jim Morrison und Mitstreiter

7. Welche Femme fatale dürfte Dich in den Untergang führen?
Vanessa del Rio

8. In welchem Fluchtwagen wärst Du unterwegs?
Notarzt

9. Und mit welcher Bewaffnung?
Einer Handvoll Yen.

10. Buch für den Knast?
The Long Good-Bye von Raymond Chandler. Da steht alles drin.

11. Und am Ende: Welche Inschrift würde auf dem Grabstein stehen?
Das Leben ist kein Schützenfest.



SCHWULE SADISTEN: ERNST RÖHM UND DIE SA, 6.Teil von Martin Compart
2. April 2009, 6:25 vormittags
Einsortiert unter: Politik & Geschichte, Porträt, SA

DER MYSTERIÖSE BELL
Im April 1931 hatte Röhm den mysteriösen Georg Bell damit beauftragt, einen SA-Nachrichtendienst aufzubauen. Dieser sollte die Aufgabe haben, Angriffe auf Röhm abzuwehren, besonders aus den Reihen der eigenen Partei, sei es durch Einschüchterungen oder Bündnisse. 1932, nachdem der Mordauftrag gegen Röhm durch Himmlers Eingreifen zurückgezogen war, trennte sich Röhm von Bell, der nun seine Kenntnisse über Hitlers Privatleben breittrat. Davon hatte er wohl bei den Besprechungen zwischen Röhm und Mayr in Berlin erfahren. Das war nicht in Röhms Sinne, der ja dieses Wissen als Druckmittel einsetzen wollte.

http://www.amazon.de/gp/product/B0071PNS1A/ref=as_li_qf_sp_asin_il_tl?ie=UTF8&tag=martcomp-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=6742&creativeASIN=B0071PNS1A

Da er wieder direkten Zugang zu Hitler hatte, ließ er ihn wissen, was er gegen ihn verwenden könnte. Er machte deutlich, dass er Hitler mitreißen würde, wenn er untergehen sollte. Außerdem verlangte er von Hitler immer wieder, bei Hindenburg seine Wünsche vorzutragen. Röhm war sich Hitler so sicher dass er übermütig in der Öffentlichkeit die so genannte „zweite Revolution“ forderte. Obwohl dieser kategorisch befohlen hatte, die Macht auf legalen Weg anzustreben. Machtan vermutet, Röhm hätte Hitler damit erpresst, dessen Homosexualität öffentlich zu machen. Ich bezweifle das, vermute eher, dass u.a. Hitlers perverse Beziehung zu seiner Nichte Geli Raubal und deren Tod die Munition war, mit der Röhm Hitler unter Druck setzte.

http://www.amazon.de/HITLER-PERVERS-RAUBAL-Sexskandale-ebook/dp/B0071PNS1A/ref=sr_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1335788508&sr=1-5

Wer war dieser merkwürdige Georg Bell? Er stammte väterlicherseits aus einer schottischen Familie. Seine Tante war die Archäologin und Agentin Gertrude Bell (1868-1926), die 1921 König Faisal I. zum Thron des Iraks verholfen hatte. Bell wurde am 21. Juli 1898 in Nürnberg geboren, wo sein vermögender Vater als erfolgreicher Kaufmann Geschäfte machte. Er war athletisch, hatte den Abenteuerdrang seiner Tante und galt als intelligent. Er lernte mehrere Fremdsprachen, spielte sehr gut Schach und war als Student der Höheren Technischen Lehranstalt von Nürnberg einer der besten Fechter der schlagenden Verbindung „Bayern“. Durch seine Abenteuerlust geriet er in mehrere zwielichtige Affären, weshalb er 1930 auch mal vor Gericht stand. Als Kommunistenhasser hatte er sich der Marinebrigade Ehrhardt angeschlossen. Der Freikorpsler und Kapp-Putschist Ehrhardt war kein Hitler-Freund und verachtete den Führer zutiefst. Als eine Art freier Agent erlebte Bell die erwünschten zwielichtigen Abenteuer und bekam gute Kontakte zu führenden Persönlichkeiten im In-und Ausland. 1930 traf er zufällig Röhm in München, der Bells Fähigkeiten nutzen wollte. In einem Brief schilderte Bell seine Tätigkeit für Röhm: „Herrn Röhm kenne ich seit den Jahren 1919 bis 1923, wo er I.a-Offizier bei der ,Reichsflagge‘ des Herrn Adolf Heiß war. Dann verlor ich jede Fühlungnahme und wurde erst im November 1930 wieder mit ihm bekannt. Röhm sprach mich auf der Straße vor der Herzog-Garage, als er mich wiedererkannte, an. Wir unterhielten uns mehrmals und tauschten dabei Erlebnisse aus… Am 20.4.1931 suchte mich Graf du Moulin im Auftrag Röhms in Krottenmühl auf, um meine Mitarbeit…zu besprechen und festzulegen. Bereits anderntags, am 21.4.31, erfolgte dann durch Röhm in dessen Wohnung Hohenzollernstr. 110/Ir in Gegenwart des Grafen Du Moulin mein Engagement durch Röhm. Dabei wurde vereinbart, dass ich jede persönliche politische Tätigkeit aufgebe und alle meine Beziehungen und Verbindungen Röhm zur Verfügung stelle und einzig und allein für ihn arbeite… Durch die (1932) einsetzenden gegnerischen Angriffe betr. Paragraph 175 gegen Röhm bedingten eine völlige Umstellung meiner Arbeit, die sich in Folgenden ausschließlich mit der Abwehr dieser Angriffe zu befassen hatte. Diese Aufgabe wurde nach Rücksprache mit Röhm in der Weise gelöst, dass 1) die Politiker der NSDAP, die sich die Zwangslage Röhms zu Nutze machen wollten, ebenfalls angegriffen wurden, 2) die eigentlichen Gegner wie Spicker, Strasser, Stennes, Mayor Mayer, Ehrhardt u.a. durch Verhandlungen zur Einstellung der Angriffe bewogen werden. Zu diesem Zweck reiste ich wiederholt nach Berlin, Magdeburg usw. und führte diese Verhandlungen, mit dem Erfolg, dass Röhms Stellung in der Partei unerschüttert blieb und die Angriffe von außen sichtlich abflauten… Im März und im April 32 bin ich für Röhm dann wiederholt noch in Berlin speziell mit dem Auftrag, unter allen Umständen Paul Schulz zu erledigen, den Röhm für den Träger der Angriffe auf ihn hielt, tätig gewesen.“40

ehrhardt20hermann20kptlt1

Kapitän Ehrhardt

Nach dem gescheiterten Mordkomplott gegen Röhm, Bell, Uhl und Graf Du Moulin beendete Röhm sein Bündnis mit Bell…
Bell war schwer gekränkt und begann sich an Röhm und der Partei zu rächen: Ab Herbst 1932 …

spreti1

von Spreti rechts außen

Auch Sturmbannführer Julius Uhl war daran interessiert, Bell mundtot zu machen, da dieser sein Vorhaben Hitler umzubringen bezeugen konnte. Nach nervenzerfetzender Flucht erwischten sie Bell. Mit fünf anderen SA-Männern überquerte Uhl im April 1933 die österreichische Grenze und erschoss Bell in seinem Fluchtquartier im Gasthaus Durcholzen in der Tiroler Gemeinde Walchsee. Aber das half Uhl nichts. Sein Mordanschlag auf Bell (und die Kenntnisse über seinen Komplott gegen Hitler) gefielen der Parteiführung nicht. Parteirichter Buch führte eine Untersuchung gegen Uhl durch, die mit dazu beitrug, dass Uhl ebenfalls am 1. Juli 1934 hingerichtet wurde.




Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.